James Lee Burke, Dave Robicheaux und der „Sturm über New Orleans“

Juni 1, 2015

Burke - Sturm über New Orleans - 2

Ein bisschen unheimlich ist die derzeitige kollektive Begeisterung für James Lee Burke schon. Da wurde, nachdem seine Bücher bei Ullstein und Goldmann erschienen waren, zwölf Jahre kein neues Buch von ihm übersetzt. Einige Burke-Fans jammerten darüber, wiesen darauf hin, wie großartig er sei, welche wichtigen Preise er gewann, was für grandiose Romane er schrieb und wünschten sich zu Weihnachten, dass endlich seine neuen Romane übersetzt würden. Denn in seiner Heimat veröffentlichte Burke ungefähr im Jahrestakt einen neuen Bestseller. In Deutschland wurde dagegen jeder Skandinavier zum Schreiben von Kriminalromane verpflichtet.

Jetzt, nachdem James Lee Burkes Hackberry-Holland-Roman „Regengötter“ im Herbst 2014 bei Heyne Hardcore veröffentlicht wurde und der Pendragon Verlag den sechzehnten David-Robicheaux-Roman „Sturm über New Orleans“ veröffentlichte, ist die Begeisterung groß. Derzeit ist „Sturm über New Orleans“ auf dem ersten Platz der KrimiZeit-Bestenliste und bis auf wenige Ausnahmen gibt es nur begeisterte Kritiken, denen ich nicht ganz folgen kann. Denn „Sturm über New Orleans“ ist nicht so gut wie sein Frühwerk.

Das liegt an einigen Burke-Manierismen, die er seit Jahren liebevoll pflegt. So mischt er munter die Ich-Perspektive (Dave Robicheaux ist der Erzähler) mit einer auktorialen Perspektive, die den größten Teil des Romans mit Episoden füllt, in denen Robicheaux nicht dabei ist und von denen er auch nie etwas erfährt. Robicheaux wird also zum Nebencharakter in seinem eigenen Roman. Mich stört diese Schlampigkeit gewaltig. Den meisten Kritikern scheint dieser Perspektivenwechsel egal zu sein.

Dann wechselt Burke einfach so das Tempus. Die ersten vierundvierzig Seiten sind im Präsens (das in Erzählungen fast nie funktioniert) geschrieben. Danach wechselt er ins Präteritum. Einen erkennbaren Grund für diesen Wechsel gibt es nicht. Es ist eher so, als habe er in der Überarbeitung vergessen, die ganze Geschichte in einer grammatikalischen Zeitform zu schreiben.

Und dann gibt es immer wieder mehr oder weniger große Zeitsprünge, die eher verwirren, weil sie wirken, als ob ihm während des Schreibens eingefallen sei, dass er zwar eine Information (z. B. ein Charakter ist tot) geliefert hat, aber noch nicht erzählt hat, wie dieser Charakter gestorben ist. Diese Szene fügt er dann ein, nachdem die Leiche gerade abtransportiert wird. Diese unmotivierten Rückblenden nerven mich ungemein, weil die Szene am falschen Ort steht. Man hätte die Szene mit Ermordung des Charakters einige Seiten früher präsentieren sollen. So entsteht das Gefühl, dass man eine Information zweimal erhält. Denn wir wissen ja bereits, dass der Charakter tot ist.

Eine Zeitlang tauchten in Burkes Romanen auch Geister auf, die einfach so in der Geschichte herumhingen, weil Burke Gespenster wohl irgendwie sympathisch fand. In „Sturm über New Orleans“ fehlen sie, obwohl der Hurrikan Katrina und die damit verbundene Zerstörung von New Orleans dazu eingeladen hätten.

Die Story selbst ist, wieder einmal, eher chaotisch als komplex und, angesichts des realen Hintergrunds und der Aussage von Burke, dass „Sturm über New Orleans“ sein wütendstes Buch sei, ist die Kriminalgeschichte erschreckend beliebig. Denn der Hurrikan ist nur ein für die eigentliche Kriminalgeschichte weitgehend austauschbares Vorspiel, das bis Seite 126 dauert. In dem Moment wird Dave Robicheaux von New Orleans wieder zurück nach New Iberia, seinem Heimatort, versetzt. So dicht die Beschreibungen der Plünderungen und des Chaos bei den Aufräumarbeiten auch sind, so sehr erinnern sie an umformulierte, von einer gerechten Empörung getragene, nicht-analytische Zeitungsberichte und so vernachlässigbar sind sie für die beiden Kriminalfälle.

In dem einen Fall steht Otis Baylor im Verdacht, einen der Vergewaltiger seiner Tochter erschossen zu haben. Der Tote war mit einigen Freunden auf einer Plünderungstour, bei der sie auch in die Villa von Sidney Kovick einbrachen und dort beträchtliche Wertgegenstände entdeckten, die der Eigentümer ohne die Hilfe der Polizei zurückhaben will.

Gleichzeitig sucht Robicheaux, in einem mitgeschleiften Nebenplot, nach dem spurlos verschwundenem, drogenabhängigem Priester Jude LeBlanc.

Langjährige Burke- und Robicheaux-Leser finden in „Sturm über New Orleans“ viele bekannte Elemente wieder, die eben weil man sie zum wiederholten Mal ohne große Variation liest, langweilt. Wie oft muss man noch die gewalt- und alkoholgeschwängerten Halbstarken-Eskapaden von Robicheauxs Freund Clete Purcel, das Auftauchen von durchgeknallten Killern und Mafiosi vor Robicheaux‘ Haustür, die Macho-Sprüche, die inzwischen nur noch anachronistisch sind, die Anschläge auf Robicheaux (so als müsste mindestens einmal pro Roman der Killer versuchen Robicheaux und seine Familie zu töten) lesen?

Das alles hat nicht mehr den Esprit und die Innovation der ersten Robicheaux-Romane, sondern ist inzwischen eine Mischung aus Stillstand und auch Rückschritt. Seine früheren Robicheaux-Romanen sind einfach besser. Und dennoch habe ich die ganzen gut sechshundert Seiten gelesen und, trotz aller Kritik, empfehle ich die Lektüre von James Lee Burke. Er ist einer der großen der US-Kriminalliteratur und mit „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987), dem ersten Robicheaux-Roman, und den folgenden Robicheaux-Romanen trug er zu einer Neuausrichtung des Polizeiromans bei.

Nächstes Jahr will Pendragon einen weiteren Roman von James Lee Burke veröffentlichen. Bereits im September erscheint bei Heyne Hardcore „Glut und Asche“ (Feat Day of Fools, 2011), ein weiterer Hackberry-Holland-Roman.

James Lee Burke: Sturm über New Orleans

(übersetzt von Georg Schmidt)

Pendragon, 2015

576 Seiten

17,99 Euro

Originalausgabe

The Tin Roof Blowdown

Simn & Schuster, 2007

Hinweise

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)


TV-Tipp für den 1. Juni: Der Tiger von Eschnapur/Das indische Grabmal

Juni 1, 2015

Arte, 20.15/21.55
Der Tiger von Eschnapur/Das indische Grabmal (Deutschland/Frankreich/Italien 1959, Regie: Fritz Lang)
Drehbuch: Fritz Lang, Werner Jörg Lüddecke
LV: Thea von Harbou: Das indische Grabmal, 1918
Ingenieur Berger soll den Palast des Maharadschas von Eschnapur modernisieren. Als er sich in eine Tempeltänzerin verliebt, ist es vorbei mit der orientalischen Gastfreundschaft.
„Soirée Fritz Lang“ nennt Arte den Abend. Andere sagen „Double Feature“. Und wieder andere sagen „Beide Teile werden gezeigt“. Und alle haben sie recht. Mit diesem Zweiteiler kehrte Fritz Lang aus den USA nach Deutschland zurück. Danach drehte er „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“, seinen letzten Film.
Naiver Abenteuerfilm, der niemals auch nur im Ansatz die Qualität von Fritz Langs besseren Filmen erreicht.
Der Kolportagefilm ist gleichzeitig das Remake eines Stummfilms von 1921, für den Fritz Lang und Thea von Harbou damals das Drehbuch schrieben. Joe May, der auch produzierte, übernahm damals die Regie.
„In den Reaktionen des heutigen Publikums, das die Filme unbelastet sieht von den Erwartungen, die sich in den Fünfzigerjahren an die Rückkehr der emigrierten Regisseure knüpften, ist nicht mehr zu unterscheiden: der Spaß am primitiven Kino, die Belustigung über schauspielerisches Untalent und die Heiterkeit, die aus dem Unausgeführten, Skizzenhafen der Inszenierung rührt.“ (Enno Patalas: Der Tiger von Eschnapur/Das indische Grabmal, in Fritz Lang, Hanser Reihe Film 1976/1987)
Danach war der deutsche Kinobesucher reif für die Karl-May-Filme.
Mit Debra Paget, Paul Hubschmid, Walther Reyer, Claus Holm, Sabine Bethmann, Inkijinoff, René Deltgen
Wiederholung: Dienstag, 2. Juni, 13.45 Uhr (Der Tiger von Eschnapur) und 15.25 Uhr (Das indische Grabmal)

Hinweise

Arte über den Film

Filmportal über „Der Tiger von Eschnapur“ und „Das indische Grabmal“

Wikipedia über „Der Tiger von Eschnapur“ und „Das indische Grabmal“ und über Fritz Lang (deutsch, englisch)

Senses of Cinema: Dan Shaw über Fritz Lang

BFI über Fritz Lang

MovieMaker: Interview von 1972 mit Fritz Lang

Manhola Dargis: Making Hollywood Films Was Brutal, Even for Fritz Lang (New York Times, 21. Januar 2011)

Meine Besprechung von Fritz Langs “Du und ich” (You and me, USA 1938)

Meine Besprechung von Fritz Langs “Auch Henker sterben” (Hangman also die, USA 1943)

Meine Besprechung von Astrid Johanna Ofner (Hrsg.): Fritz Lang – Eine Retrospektive der Viennale und des Österreichischen Filmmuseums (2012 – Sehr empfehlenswert!)

Fritz Lang in der Kriminalakte