Alan Moore macht das „Century“ und „Crossed + Einhundert“


Schon seit Jahren ist Alan Moore vor allem für „Die Liga der aussergewöhnlichen Gentlemen“ und teils umfangreiche Einzelwerke, wie „Watchmen“, bekannt. Aber auch er schrieb zahlreiche Geschichten für verschiedene Comicserien. Trotzdem ist „Crossed + Einhundert“ keine einfach Rückkehr zur Schreiberei in bisher existierenden Serien mit Charakteren, die von einem anderen Autor erfunden wurden.
Garth Ennis hat zwar „Crossed“ erfunden, aber schon schnell ließ er andere Autoren in der von ihm erfundenen Welt Geschichten erzählen. „Crossed“ spielt in einer postapokalyptischen Welt, in der Menschen zu sex- und mordgierigen Bestien (also nicht-jugendfreie Zombies), Gefirmte genannt, werden. Nach Ennis schrieben David Lapham, Jamie Delano, Simon Spurrier und David Hine in dieser Welt spielende Geschichten.
„Crossed + Einhundert“ von Alan Moore und Zeichner Gabriel Andrade spielt auch in der „Crossed“-Welt, aber ein Jahrhundert nach Ennis‘ Geschichte und da sind alle „Crossed“-Charaktere schon unfriedlich oder friedlich gestorben.
Moore erzählt die Geschichte von Future Taylor, eine Archivarin die mit anderen Überlebenden in Ruinen nach Büchern sucht. Die Gefirmten haben sich inzwischen fast vollständig vernichtet und die Ruinenstädte sind von Pflanzen überwuchert. Eine richtige Zivilisation ist nirgends erkennbar.
Bei einer ihrer Expeditionen geraten Taylor und ihre Gefährten in Lebensgefahr. Denn es gibt immer noch Gefirmte und sie haben einen Plan.
Warum diese Geschichte einhundert Jahre nach den anderen „Crossed“-Geschichten spielt, bleibt unklar. Denn die dystopische Welt veränderte sich nicht. Immer noch kämpfen die Menschen nur um ihr nacktes Überleben in einer Mittelalter-Welt. Dabei wäre es doch interessant gewesen, zu erzählen, wie die Menschen nach einer großen Katastrophe wieder eine Gesellschaft aufbauen oder, immerhin sind seit der Katastrophe hundert Jahre vergangen, aufgebaut haben.
Die einzige erkennbare Entwicklung findet sich in der Sprache, die zu einer nervigen Pidgin-Sprache verkommen ist. Ein Beispiel: „Müssen irgendwo sein. Ist eine Art Schrein, die Kerzen flammen noch. Ein Haufen Zucker, wie’s blickt, und das verrahmte Nicht-Fotobild.“
Und jetzt stellen Sie sich einen Text vor, der nur so geschrieben ist.

Schon etwas älter ist „Century“, eine Sammlung von drei miteinander zusammenhängenden Abenteuer der „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“, die 1910, 1969 und 2009 spielen und im Original zwischen 2009 und 2012 erschienen.
Die Abenteuer der Liga der außergewöhnlichen Gentlemen spielen in einem Paralleluniversum, in dem für uns aus der Literatur bekannte Charaktere wirklich leben und auch ihre Abenteuer mehr oder weniger wahr sind.
In „Century“ kämpft die Murray-Gruppe, die aus Mina Murray (auch bekannt als Mina Harker aber nach der Begegnung mit Graf Dracula nahm sie wieder ihren Mädchennamen an), dem unsterblichen, sein Geschlecht immer wieder wechselnden Orlando, Geistersucher Thomas Carnacki, Gentleman-Dieb A. J. Raffles und, ab und an, dem Abenteuerer Allan Quatermain besteht, gegen eine sich anbahnende Katastrophe. Bereits 1910 erwarten sie die von dem Satanisten Oliver Haddo initiierte Geburt eines Mondkindes, das die Welt zerstören soll. Aber die wirklichen Dimensionen erfahren sie erst 1969 und 2009.
Das macht Spaß, vor allem „1910: Denn wovon lebt der Mensch?“ und „1969: Paint it Black“ baden förmlich in literarischen und popkulturellen Anspielungen und im Zeitkolorits des viktorianischen, okkultbegeisterten Englands und dem drogengeschwängerten London der Hippiezeit. Die dritte Geschichte „2009: So mag er fallen“ gefällt mir jetzt, nach der zweiten Lektüre, zwar besser, aber ihr fehlen die überbordenden popkulturellen Anspielungen; wobei ich vielleicht nach einer ausgedehnten Harry-Potter-Lektüre viel mehr Anspielungen erkennen würde.
Moore - Crossed + Einhundert - 2Moore - Die Liga der aussergewöhnlichen Gentlemen Century - Softcover - 2
Alan Moore/Gabriel Andrade: Crossed + Einhundert (Band 1)
(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)
Panini, 2015
164 Seiten
19,99 Euro

Originalausgabe
Crossed plus one hundred # 1 – 6
Avatar, 2015

Alan Moore/Kevin O’Neill: Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen – Band 3: Century
(übersetzt von Gerlinde Althoff)
Panini, 2014
244 Seiten
29,99 Euro

Originalausgabe
The League of extraordinary Gentlemen, Volume III: Century # 1: 1910, #2: 1969, #3: 2009
Top Shelf Prductions/Knockabout Comics, 2009/2011/2012

Hinweise

Comic Book Database über Alan Moore

Alan-Moore-Fanseite (etwas veraltet)

Wikipedia über Alan Moore (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons’ „Watchmen” (Watchmen, 1986/1987)

Meine Besprechung von Alan Moore/Eddie Campbells “From Hell” (From Hell, 1999)

Meine Besprechung von Alan Moore (Manuskript, Original-Drehbuch)/Malcolm McLaren (Original-Drehbuch)/Antony Johnston (Comic-Skript)/Facundo Percio (Zeichnungen) „Fashion Beast: Gefeuert (Band 1)“ (Fashion Beast # 1 – 5, 2012/2013)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: 2009“ (The League of Extraordinary Gentlemen #3: 2009, 2011)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Das schwarze Dossier“ (The League of Extraordinary Gentlemen: Black Dossier, 2007)

Meine Besprechung von Alan Moore/Jacen Burrows‘ „Neonomicon“ (The Courtyard, 2003; Neonomicon #1 – 4, 2010/2011)

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