„Die Angstprediger“ – über rechte Christen in Deutschland

Die Tea Party, Evangelikale und christliche Sekten sind ein vor allem aus den USA bekanntes Phänomen, das immer wieder für ungläubiges Staunen sorgt. Wegen ihrer wortwörtlichen Bibelauslegung, ihren politischen Äußerungen und den Filmen, die sie sich ansehen. Die Filme sind oft unverdaulicher Murks, der in den USA in bestimmten Regionen viel Geld einspielt und die meistens nicht nach Deutschland kommen. Ihre politischen Äußerungen werden eher als, wenn auch gefährliche, US-amerikanische Obskurität wahrgenommen.

In Deutschland waren wir lange Zeit davon verschont. Sicher gab es schon immer Sekten und christliche Splittergruppen, aber sie kümmerten sich um ihre Gottesdienste und traten öffentlich nicht in Erscheinung.

Das änderte sich in den letzten Jahren.

In „Die Angstprediger – Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern“ legt Liane Bednarz ein Panoptikum der rechtschristlichen Szene vor. Bednarz ist Journalistin, unter anderem für den „Tagesspiegel“, die katholische Wochenzeitung „Die Tagespost“, „Christ & Welt/Die Zeit“ und die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und war Promotionsstipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung. Sie selbst versteht sich als fromm und konservativ. Mit ihrem Buch will sie einen Diskurs anstoßen: „Das vorliegende Buch versteht sich ausdrücklich nicht als Pranger, sondern soll eine Debatte anstoßen, die idealerweise nicht nur zu einer Selbstvergewisserung des Christlichen, sondern auch des Konservatismus insgesamt führt.“

Dafür beschäftigt sie sich mit den Diskussionen innerhalb des christlichen Milieus an der Wasserscheide zwischen christlich, konservativ, extrem konservativ und rechts (vulgo rechtsextrem/-radikal) anhand der öffentlichen Äußerungen von Menschen, die sich öffentlich als Christen bezeichnen und rechtspopulistisch äußern. Rückblickend und ohne genau nachgezählt zu haben, sind das fast ausschließlich Männer.

Ihre Meinungsäußerungen stehen auch exemplarisch für bestimmte Denkrichtungen. Denn diese Männer sind Meinungsführer, weil ihre Meinungen in der Öffentlichkeit diskutiert werden und rechte Christen sich positiv auf sie beziehen.

Bednarz analysiert ihre Argumentationsmuster und ihre Lieblingsthemen, wie die Frühsexualisierung, die Gendertheorie (die beide die göttliche Ordnung bedrohen), politische Korrektheit (früher hieß das ‚Anstand‘), Europäische Union, Euro und den Islam als Bedrohung. Sie beschäftigt sich mit den ideologischen und personellen Verbindungen zwischen extrem konservativen christlichen Milieus und ihren zunehmend rechtsextremen Lautsprechern Pegida und AfD. Denn diese Christen übertragen ihr religiöses Denken auf die Politik.

Die Angstprediger“ ist ein faszinierender Blick in eine Parallelgesellschaft, die die Bibel auf eine sehr spezielle Art und Weise interpretiert.

Es ist allerdings auch schwer lesbares Buch. Bednarz beginnt schnell mit einem exzessiven Name-Dropping. Sie fügt Zitate aneinander, ohne dass immer wirklich ersichtlich wird, wie wichtig das kolportierte Zitat ist. Das liegt natürlich auch an der Struktur der verschiedenen Sekten, Klein- und Kleinstgruppierungen, in denen oft unklar ist, wer Häuptling und wer Indianer ist. Es ist unklar, wer vor allem für sich selbst spricht und wer der Vertreter einer Gruppe ist. Vor allem wenn man sich mit diesem Milieu normalerweise nicht intensiv beschäftigt.

Gleichzeitig sind vor allem die Zitate schwer verständlich. Manchmal weil sie sehr verschwurbelt formuliert sind, öfter weil die geäußerte Meinung einfach abenteuerlich ist und man zweimal überlegen muss, was der Autor einem sagen will, wenn er die christliche Botschaft auf den Kopf stellt, sie mit Hass gegen den Islam und die Genderideologie, Feindschaft gegen Homosexuelle und völkischem Denken verknüpft. Zum Beispiel: „Gott hat die Menschen nach Völkern erschaffen. Die Völker sind Gedanken Gottes; niemand hat das Recht, sie bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen. Mit der Globalisierung und der zügellosen Masseneinwanderung erhebt sich der Mensch gegen die Schöpfung.“

Das ist ein Gedankenbrei, über den schwer bis überhaupt nicht diskutiert werden kann.

Deshalb ist es gut, dass Bednarz versucht, den Wust zwischen fundamentalistischem Christentum, Rechtsradikalen, mehr oder weniger gläubigen Konservativen und dem Christentum zu ordnen: „Wenn solche Gläubigen erkennen können, dass Christentum und ein neurechter Blick auf die Welt letztlich inkompatibel sind, dann lohnt es sich, bei nach rechts gedrifteten Christen und AfD-Anhängern für diese Erkenntnis zu werben.“

Die Angstprediger“ ist da ein Anfang.

Liane Bednarz: Die Angstprediger – Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern

Droemer, 2017

256 Seiten

16,99 Euro

Hinweise

Droemer über Liane Bednarz (mit Hinweis zu Lesungen)

Deutschlandfunk Kultur unterhält sich mit Liane Bednarz über ihr Buch

Wikipedia über Liane Bednarz

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