Serviert Adrian McKinty dem katholischen Bullen Sean Duffy 1990 in Nordirland „Cold Water“?

Sean Duffys letzter Fall?“ steht auf dem Cover und der geneigte Krimifan fragt sich sofort, leicht panisch, ob Duffy am Ende der Geschichte tot ist oder ob Duffy-Erfinder Adrian McKinty keine weiteren Duffy-Romane mehr schreiben will. Dabei hat McKinty auf seinem Blog bereits verraten, dass er schon zwei weitere Duffy-Romane geschrieben hat, die im Original 2020 erscheinen sollen. Ob dann der neunte Duffy-Roman wirklich der letzte Duffy-Roman wird, werden wir in den nächsten Jahren erfahren.

Bis dahin ist der siebte Duffy-Roman „Cold Water“ vor allem der neueste Roman mit dem katholischen Bullen, der jetzt in Belfast noch einen Fall lösen will, ehe er mit seiner Familie nach Schottland umzieht. Die nächsten Jahre wird er als Polizist mit deutlich reduzierter Arbeitszeit und Verbindungsmann für einen anstrengenden Spitzel verbringen. Er muss dann jeden Monat nur sieben Arbeitstage in Belfast verbringen. Nach dreieinhalb Jahren als Teilzeitpolizist hat er dann zwanzig Jahre als Polizist gearbeitet und Anspruch auf eine volle Pension. Das ist sein Plan.

Am 30. Dezember 1989 verschwindet das fünfzehnjährige Travellermädchen Kat McAtamney und weil die Kesselflicker gesellschaftlich geächtet sind, hält sich der Ermittlungseifer der Beamten in sehr überschaubaren Grenzen. Als Sean Duffy Anfang Januar 1990 aus einem Israelurlaub zurückkehrt, stürzt er sich auf diesen Fall. Es soll sein letzter Fall als Vollzeitpolizist sein. Er findet heraus, dass die Minderjährige als Prostituierte arbeitete, wobei sie für die älteren Männer wohl eher eine Begleiterin war, mit der sie Kulturveranstaltungen besuchten und sich über Literatur unterhielten. Denn für ein Tinkermädchen war sie außerordentlich belesen und kulturell interessiert.

Duffys Hauptverdächtigen sind Johnny Dunbar, ein Mann mit langem Strafregister aus den sechziger und siebziger Jahren, der jetzt Politiker mit terroristischer Vergangenheit werden möchte, Terry Jones, ein höherrangiger, allein lebender Beamter mit jahrelanger Auslandserfahrung, und Charles McCawley, ein Universitätsdozent der mit der Tochter des Statthalters der Queen verheiratet ist.

Jeder von ihnen hätte ein Motiv. Jeder von ihnen behauptet, dass er sie nicht tötete und dummerweise hat jeder von ihnen für die Tatnacht ein Alibi, das durchaus glaubwürdig ist, aber nicht überprüft werden kann. Charles McCawley bereitete sich auf einen Vortrag vor. Johnny Dunbar sah mit seiner Frau im Fernsehen „Gesprengte Ketten“ (Wer hat den Film nicht gesehen?) und Terry Jones übersetzte an dem Abend einige Gedichte von Catull.

Hätte ich Adrian McKintys „Cold Water“ vor John Steeles „Ravenhill“ gelesen, wäre ich wahrscheinlich niemals auf die Idee gekommen, sie als fast zeitgleich spielende Bücher über den Nordirland-Konflikt besprechen zu wollen.

Denn über weite Strecken könnte „Cold Water“ fast zu jeder Zeit und an jedem Ort spielen. Weil Kats Auto im Fluss gefunden wird, ihre Leiche bis in den Atlantik abgetrieben sein könnte und es nach dem Mord regnete, können all die modernen Methoden der Spurensuche, die wir dank CSI kennen, nicht angewandt werden. Es ist auch weitgehend egal, ob die Geschichte in Nordirland oder in einem anderen Land spielt. Jüngere Freundinnen und Minderheiten, bei denen der Ermittlungseifer der Polizei gegen Null tendiert, gibt es überall. Und dann ist Duffy hier mit einem typischen Rätselkrimiplot konfrontiert: eine Tote, mindestens drei Verdächtige und die Frage „Wer ist der Mörder?“.

Außerdem ist Sean Duffy 1990 nicht mehr der jugendliche Heißsporn, der er vor zehn Jahren war, als er sich im ersten Duffy-Roman „Der katholische Bulle“ in den Fall stürzte und jeder seiner Romanfälle auch und vor allem eine Chronik des Nordirlandkonflikts war.

In „Cold Water“ ist Duffy zwar erst neununddreißig Jahre, aber er bewegt sich wie ein deutlich älterer Ermittler durch den Fall. Außerdem ist er häuslich geworden. Er hat geheiratet und eine einige Monate alten Tochter.

Cold Water“ ist, wie die andern Duffy-Romane, ein spannender, gut geplotteter und erzählter Kriminalroman. Gegen Ende wird auch der Nordirlandkonflikt wichtiger. Aber niemals so wichtig, wie ich es für meine Doppelbesprechung von „Ravenhill“ und „Cold Water“ gerne gehabt hätte.

Adrian McKinty: Cold Water

(übersetzt von Peter Torberg)

Suhrkamp Nova, 2019

384 Seiten

15,95 Euro

Originalausgabe

The Detective up late

Blackstone Publishing, Ashland, OR, 2019

Hinweise

Blog von Adrian McKinty

Wikipedia über Adrian McKinty (deutsch, englisch)

Suhrkamp über Adrian McKinty

Krimi-Couch über Adrian McKinty

Meine Besprechung von Adrian McKintys „Ein letzter Job“ (Falling Glass, 2011)

Meine Besprechung von Adrian McKintys „Der katholische Bulle“ (The cold cold Ground, 2012)

Meine Besprechung von Adrian McKintys „Die Sirenen von Belfast“ (I hear the Sirens sing in the Street, 2013)

Meine Besprechung von Adrian McKintys „Die verlorenen Schwestern“ (In the Morning I’ll be gone, 2014)

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