Neu im Kino/Filmkritik: „Das Wunder im Meer von Sargasso“ und ein toter Schlagerfuzzi

Nach einer Verhaftung in Athen will die Polizistin Elisabeth ein Protokoll nicht unterschreiben. Anschließend wird sie nach Messolonghi versetzt, was das griechische Äquivalent zu „am Arsch der Welt“ ist. Zehn Jahre später ist sie immer noch in Messolonghi die Leiterin der Polizeistation. Verbrechen gibt es dort kaum. Ihr Alkoholkonsum ist kriminell hoch und sie bemüht sich, alle ihre Untergebenen möglichst vor der Mittagspause zu beleidigen. Sie ist ein Chef, den man wie ein Gewitter erträgt.

Während Regisseur Syllas Tzoumerkas („Homeland“, „A Blast“) Elisabeth in ihrem Leben als alleinerziehende Mutter und Hardboiled-Polizistin verfolgt, führt er mit Rita eine zweite Hauptperson ein, die ebenfalls in dieser für ihre Aalzucht bekannten Kleinstadt an der Westküste Griechenlands lebt. Rita arbeitet in der örtlichen Fischfabrik, möchte ebenfalls Messolonghi verlassen und wird immer wieder von ihrem Bruder Manolis schikaniert, geschlagen und gefoltert. Manolis ist ein in der Region beliebter Schlagersänger und Drogenhändler.

Eines Morgens wird Manolis, nach einer seiner exzessiven Partys, erhängt am Strand gefunden.

In dem Moment ist der Film ungefähr zur Hälfte um. Anschließend handelt Tzoumerkas die aus unzähligen Rätselkrimis allseits bekannten Ermittlungsschritte ab. Trotzdem ist die Frage, wer der Mörder von Manolis ist, reichlich nebensächlich. Auch weil Elisabeth, wenn sie sich bei ihren Ermittlungen durch die dunklen Geheimnisse der Stadt wühlt, wenig Interesse an irgendeiner Art von Gerechtigkeit hat. Sie tut es nur, weil irgendwo tief in ihrem Innern noch ein Rest Pflichtgefühl ist und sie irgendetwas zwischen Komasaufen und schlechtem Sex tun muss.

Tzoumerkas konzentriert sich in seinem Noir auf zwei Frauen, die unbedingt möglichst schnell aus Messolonghi weg wollen. Für sie ist diese Gegend eine Vorhölle, die den Kampf gegen den Verfall schon lange aufgegeben hat. Alles ist heruntergekommen. Die Hitze lähmt die Menschen. Eine positive Identifikationsfigur gibt es nicht.

Dafür gibt es oft quälend lange, ungeschnittene Szenen, Bilder aus Träumen und aus Messolonghi, die perfekt für ein Anti-Tourismusprospekt gemacht sind, biblische Motive und Allegorien. Vor allem die Geschichte der Aale, die von Messolonghi durch den Atlantik zum Sargassosee schwimmen und dort laichen, ist eine überdeutliche Handlungsanweisung für Elisabeth und Rita.

Als Feelbad-Movie und Charakterstudie ist der intensiv gespielte Arthaus-Noir „Das Wunder im Meer von Sargasso“ durchaus interessant.

Das Wunder im Meer von Sargasso (To Thávma tis Thálassas ton Sargassón, Griechenland/Deutschland/Niederlande/Schweden 2019)

Regie: Syllas Tzoumerkas

Drehbuch: Youla Boudali, Syllas Tzoumerkas

mit Angeliki Papoulia, Youla Boudali, Christos Passalis, Argyris Xafis, Thanasis Dovris, Laertis Malkotsis, Maria Filini

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Das Wunder im Meer von Sargasso“

Moviepilot über „Das Wunder im Meer von Sargasso“

Rotten Tomatoes über „Das Wunder im Meer von Sargasso“

Wikipedia über „Das Wunder im Meer von Sargasso“

Berlinale über „Das Wunder im Meer von Sargasso“

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