Die Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen trifft „Geisterfahrer“

Wenn Polizei und Gerichte nicht für Gerechtigkeit sorgen können, beginnt die Arbeit der Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen. Inzwischen ist sie als „e. V.“ eingetragen und es werden in Berlin die für den Vereinsstatus nötigen Sitzungen und Prüfungen abgehalten. Ihre wahre Vereinstätigkeit ist allerdings im Graubereich zwischen ‚legal‘ und ‚illegal‘ angesiedelt.

In Berlin erpresst Mafiaboss Giulio Moretti italienische Restaurants, seinen billigen Wein zu überhöhten Preisen zu kaufen. Wer das Angebot ablehnt, steht am nächsten Tag vor der Brandruine seines Restaurants.

Nachdem das mit einer Pizzeria geschieht, weitere Wirte sich hinter vorgehaltener Hand über die Schutzgelderpresser beschweren, und auch Gesellschaftsmitglied Silvio Cromm, der zugleich Mitbesitzer mehrerer Restaurants ist, erpresst wird, beschließt die Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen etwas gegen die Erpresser zu tun.

Als zweiten Fall nimmt sich die Gesellschaft den VW-Vorstandsvorsitzenden vor. Der Autokonzern will den Menschen, die ein mit einer manipulierten Software ausgestattetes Dieselfahrzeug gekauft haben, keine Entschädigung zahlen.

Michael Opoczynski hat sich diese Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen ausgedacht. Bevor er Krimiautor wurde, war er zwanzig Jahre lang Leiter und Moderator der ZDF-Verbrauchersendung „WISO“ und Sachbuchautor.

Geiserfahrer“ ist nach „Schmerzensgeld“ sein zweiter Roman mit der Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen. Auf den ersten Blick ist sie eine deutsche Ausgabe des „Leverage“-Teams ist. Das war eine zwischen 2008 und 2012 produzierte US-TV-Serie über eine Gruppe von Verbrechern, die ihre Talente einsetzen, um Gerechtigkeit für ihre Klienten herzustellen. Dafür kämpfen sie gegen noch größeren Verbrecher und große Unternehmen, die ohne schlechtes Gewissen Gesetzeslücken ausnutzen und glauben, mit ihrem Geld eine Freifahrschein für Verbrechen zu haben. Die oft ziemlich groß angelegten Betrügereien des „Leverage“-Teams profitieren von den Talenten der Mitglieder, die unter anderem Trickbetrüger, Einbrecher, Computergenies und Nahkämpfer sind.

Die deutsche Ausgabe ist dagegen arg piefig geraten. Die Mitglieder sind durchgehend älter, teils sogar schon pensioniert. Auch die jüngeren Mitglieder wirken ziemlich alt. Ihre unkonventionellen Maßnahmen sind keine groß angelegten Betrugsmanöver, die sie selbst in Lebensgefahr und ins Gefängnis bringen könnten. Ihre Maßnahmen gegen die skrupellosen Verbrecher sind Streiche, wie man sie schon zu Heinz Erhardts Zeiten kannte. So lassen sie einmal eine Tankladung Billigwein in die Kanalisation fließen. Oder sie übernehmen die Steuerung bei einem selbstfahrendem Auto.

Damit bleiben sie immer sympathisch, aber auch arg harmlos im Kampf gegen ein System, das die Großen beschützt und die Kleinen im Regen stehen lässt.

Der Roman selbst profitiert von Opoczynskis Wissen als Redakteur eines Verbrauchermagazins. Die Fälle der Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen sind direkt aus den Schlagzeilen übernommen. Allerdings führt diese Aktualität und Betroffenheit in „Geisterfahrer“ immer wieder zu arg thesenhaften Dialogen und Absätzen, während die Handlung bestenfalls vor sich hin plätschert. Weil es keine direkte Konfrontation zwischen den Guten und den Bösen gibt, wird es für die Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen nie gefährlich. Das gilt vor allem für die italienische Mafia, die hier schnell weniger bedrohlich als eine Gruppe betrunkener Skatbrüder ist.

So ist „Geisterfahrer“ letztendlich eine harmlose Schnurre.

P. S.: In Berlin ist seit 2007 der Verein „Mafia? Nein, Danke!“ aktiv. Seine Mitglieder wehrten sich damals, zusammen mit der Polizei, erfolgreich gegen Schutzgelderpresser.

Michael Opoczynski: Geisterfahrer

Benevento Verlag, 2019

224 Seiten

20 Euro

Hinweise

Benevento über Michael Opoczynski

Wikipedia über Michael Opoczynski

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