Neu im Kino (mit begleitender Drei-Städte-Kinotour)/Filmkritik: „Für Sama“, meine im Bürgerkrieg in Aleppo geborene Tochter

Den Oscar als bester Dokumentarfilm erhielt „Für Sama“ nicht. Der ging an den publikumsfreundlicheren Film „American Factory“, Während in „American Factory“ erzählt wird, wie ein chinesischer Milliardär in Ohio eine Fabrik eröffnet und amerikanische und chinesische Arbeitskultur aufeinanderprallen, erzählt Waad al-Kateab was vor und nach der Geburt ihrer Tochter geschah. Sama kam am 1. Januar 2016 in Aleppo zur Welt – und Aleppo war damals ungefähr der letzte Ort, an dem man ein Kind groß ziehen mochte.

Die inzwischen mit ihren beiden Töchtern und ihrem Mann in London lebende, bei Channel 4 arbeitende Waad al-Kateab dokumentiert in ihrem mit zahlreichen Preisen ausgezeichnetem und mit Kritikerlob überhäuftem Film „Für Sama“ ihr damaliges Leben in einer belagerten Stadt. Technisch ist das nicht unbedingt High-End und nicht immer hundertprozentig professionell aufgenommen. Aber das erwartet auch niemand ernsthaft.

Dafür haben die über fünf Jahre entstandenen Bilder vom täglichen Überlebenskampf in einer belagerten Stadt, die ständig bombardiert wird, während die Überlebenden versuchen, ihren Alltag zu organisieren, eine unmittelbare Kraft und auch Schrecken. Es ist ein Leben im Ausnahmezustand, mit dem sie sich arrangieren und versuchen, ein normales Leben zu führen. Dazu gehört, dass Kinder in Bombenkratern planschen, sich am Schnee erfreuen und in einem ausgebrannten Wrack eines Busses ‚Bus fahren‘ spielen. Die Erwachsenen versuchen, Hochzeiten zu feiern und Wohnungen so einzurichten, dass sie zugleich wohnlich sind und einen Schutz gegen Bomben bieten.

Ihren Mann Hamza lernt Waad während ihres Studiums kennen. Sie kommt 2009 aus der Provinz nach Aleppo, um dort Marketing zu studieren. Als 2011 der Bürgerkrieg beginnt, wird die 21-jährige schnell zu einem Teil der studentischen Protestbewegung. Wie viele andere Syrer dokumentiert sie ihren Alltag, ihre Aktionen und die Reaktionen der Regierung darauf. Zuerst mit ihrer Handykamera. Später mit einer richtigen Kamera und dann auch für Channel 4 News als Bürgerjournalistin. Ihre Aufnahmen sind Botschaften an die Nachwelt und an die restliche Welt. Hamza ist angehender Arzt und Teil der Widerstandsbewegung gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad.

Von Juli 2012 bis Dezember 2016 wurde Aleppo über vier Jahre von der syrischen und später auch russischen Armee bombardiert. In dieser Zeit heiratet Waad Hamza und sie wird schwanger. Während der Bombardierungen baut Hamza mit anderen Protestlern ein Krankenhaus auf, das schnell das einzige Krankenhaus in Aleppo ist. Unter in jeder Beziehung grauenerregenden Bedingungen helfen er und zahlreiche weitere Helfer Verletzten. Waad zeigt das immer wieder in schmerzhaft langen Sequenzen, wenn das Blut der Verletzten sich wie in einem Splatter-Film über die Gänge verteilt oder Hamza minutenlang versucht, einem Baby ein erstes Lebenszeichen zu entlocken. Mitten in diesem Kriegsgebiet versuchen Waad und Hamza, soweit das unter diesen Bedingungen überhaupt möglich ist, Sama eine normale Kindheit zu geben. Bis auch sie es nicht mehr in Aleppo aushalten.

Waad al-Kateabs aus hunderten Stunden Aufnahmen entstandener Film besticht durch seine ungefilterten Bilder, in denen immer die Menschen im Mittelpunkt stehen. Sie zeigt die Auswirkungen der Taten von Soldaten auf Zivilisten. „Für Sama“ ist ein beeindruckender, wichtiger und deprimierend zeitloser Film entstanden, dessen Bilder einen noch lange verfolgen.

Für Sama (For Sama, Großbritannien 2019)

Regie: Waad al-Kateab, Edward Watts

Drehbuch: Waad al-Kateab

mit Waad al-Kateab, Hamza al-Khateab, Sama al-Khateab

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Zum Kinostart stellt Waad al-Kateab ihren Film vor:

in Hamburg am Dienstag, den 3. März, um 20.00 Uhr im Abaton,

in Berlin am Mittwoch, den 4. März, um 20.00 Uhr im Delphi Filmpalast und

in München am Donnerstag, den 5. März, um 20.00 Uhr in den City Kinos.

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Für Sama“

Metacritic über „Für Sama“

Rotten Tomatoes über „Für Sama“

Wikipedia über „Für Sama“ (deutsch, englisch

Frontline Club: Q&A mit Waad al-Kateab, Ben de Pear und Nevine Mabro (beide Executive Producer) über den Film

Q&A beim Sheffield Doc/Fest mit Edward Watts und der Familie al-Kateab

Channel 4: Waad und Hamza al-Kateab sprechen über den Film und ihre Erlebnisse

One Response to Neu im Kino (mit begleitender Drei-Städte-Kinotour)/Filmkritik: „Für Sama“, meine im Bürgerkrieg in Aleppo geborene Tochter

  1. […] Für Sama (für alle, die gerade panisch Listen mit Erste-Welt-Problemen, wie dem befürchteten Mangel an Klopapier, erstellen) […]

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