Offener Brief unabhängiger deutscher Filmverleiher und die „Leipziger Erklärung“

Heute wurde ein Offener Brief unabhängiger deutscher Filmverleiher veröffentlicht, in dem sie die aktuell schwierige Verleihsituation, die von zahlreichen Verschiebungen von Startterminen und überschaubaren Zuschauerzahlen bestimmt ist, thematisieren.

Ergänzend dazu poste ich, weiter unten (noch weiter unten) die „Leipziger Erklärung“. Sie wurde vor einigen Tagen, während der 20. Filmkunstmesse Leipzig, einem Treffen von über siebenhundert Kinobetreibern, Filmverleihern und Filmschaffenden aus ganz Deutschland, veröffentlicht.

Der Offene Brief unabhängiger deutscher Filmverleiher:

Es ist eine gute Nachricht, dass den Kinos in der Corona-Krise von BKM, FFA und den Länderförderern zum jetzigen Zeitpunkt bereits mehr als 100 Millionen Euro zur Verfügung gestellt wurden. Diese Gelder sind zum Teil schnell und unbürokratisch geflossen. Ohne diese Förderungen und Billigkeitsleistungen wäre das Überleben vieler Kinos nicht möglich gewesen.

Doch die Hilfe für die Kinos wurde von den Verantwortlichen bei BKM, FFA und Länderförderern nicht zu Ende gedacht. Es fehlt bis heute die Gesamtsicht auf die Filmwirtschaft und Filmkultur und deren Repräsentanten. Der Kulturort Kino ist ein wichtiges Glied der Filmwirtschaft. Verkürzt man aber im Wesentlichen alle Bemühungen auf diesen einen Ort, werden Filmwirtschaft und Filmkultur insgesamt geschädigt. Hierdurch würde letztlich auch der Kulturort Kino, trotz aller gut gemeinten Förderung, in Mitleidenschaft gezogen. Ohne Filme kein Kino.

Bereits in der Vergangenheit lagen die wirtschaftlichen Risiken eines Filmstarts weitgehend auf den Schultern der Verleiher. Wir starten Filme mit hohem finanziellem und persönlichem Engagement. Dieses Risiko hat sich durch die pandemiebedingte Reduzierung der Sitzplätze vervielfacht. Dennoch sind wir in Vorleistung gegangen. Ohne uns hätten insbesondere die Arthousekinos, die im Fokus der Rettungsbemühungen stehen, seit der Wiedereröffnung der Kinos kein attraktives Filmangebot zu bieten.

Wir alle starten diese Filme in dem Bewusstsein, dass in diesen besonderen Zeiten nur noch ein kleiner Teil der Besucherzahlen möglich ist, die vor Corona möglich waren. Dies liegt nicht nur an den Platzbeschränkungen, sondern auch an der Zurückhaltung des Publikums. Massive Umsatzrückgänge sind die Folge, unter denen alle Verleiher, Produzenten und Kinobetreiber zu leiden haben.

Die Filmbranche ist eng verknüpft – weder startet die Wertschöpfung im Kino noch endet sie dort. Dies ist ein fundamentales Problem, auf das wir seit Beginn des Corona-Lockdowns im März immer wieder aufmerksam gemacht haben und das durch eine reine Risikopufferung althergebrachter Verleihförderung nicht gelöst wird. Die Konsequenz, die wir nun am Markt erleben, sind regelmäßige Startverschiebungen auf 2021 und danach oder gar der Verzicht auf Kinostarts zugunsten von Streaming-Angeboten.

In Deutschland wurden für die Bereiche der Kino- und der Produktionsförderung pragmatische Lösungen gefunden und neue Förderinstrumente aufgesetzt. Für den zentralen Bereich des Filmverleihs haben sich FFA und BKM jedoch entgegen unserer Expertise dazu entschieden, nur auf Fördermodelle aus der Zeit vor Corona zurückzugreifen. Eine Mittelaufstockung der alten Modelle ist aber zur Lösung der aktuellen Aufgaben ungeeignet, denn:

– Das Modell ausschließlich projektbezogener Förderung in Abhängigkeit von oftmals subjektiv geprägten Förderentscheidungen wird den Herausforderungen in der derzeitigen Situation nicht gerecht. Eine übergreifende strukturelle Unterstützung, in Anlehnung an die Förderung der Filmtheater, wäre hier zielführend.

– Die vorhandenen Förderinstrumente der BKM kommen ausschließlich deutschen Filme zugute, bei der FFA erweitert um deutsche Koproduktionen. Unsere Aufgabe besteht aber darin, die Kinos mit einem attraktiven und vielfältigen Filmprogramm zu versorgen: Kino ist ein Tor zur Welt. Mit ausschließlich deutschen Filmen lässt sich kein attraktives Programm kuratieren. Aus diesem Grund ist die Vergabe von Fördermitteln an die Kinos ja auch nicht an das ausschließliche Abspiel deutscher Filme gebunden.

Wenn Kulturstaatsministerin Monika Grütters, wie vor kurzem auf der Filmkunstmesse Leipzig, die Filme „Systemsprenger“ und „Parasite“ hervorhebt, müssen wir sie daran erinnern, dass die Herausbringung eines Films wie „Parasite“ von deutschen Verleihfördermitteln ausgeschlossen ist. Und wenn FFA-Vorstand Peter Dinges bei der gleichen Veranstaltung zum wiederholten Male die Ansicht äußert, eine erhöhte Förderquote bei der Herausbringung deutscher Filme käme auch der Herausbringung internationaler Filme zugute, muss man diese Aussage mindestens kritisch hinterfragen.

Um der eklatanten Abwärtsspirale schwindender Kinozuschauer, verschobener Filmstarts und reduzierter Verleihbudgets entgegenzuwirken, braucht es Mut und Expertise. Beides hat die bisherige Ausgestaltung des BKM-Programms „Neustart Kultur“ bisher vermissen lassen. Wir wollen nicht akzeptieren, dass die bisher begangenen Fehler erst im Nachhinein evaluiert werden, um dann die nicht mehr reparablen, strukturellen Schäden für die gesamte Kinobranche zu begutachten.

Wir unabhängigen Verleiher wollen starke Filme in die Kinos bringen, um den Stellenwert, den das Kino beim Publikum genießt, weiterhin zu ermöglichen! Wir wollen das Publikum begeistern und dazu bewegen, das Sofa zu verlassen und endlich wieder ins Kino zu gehen! Wir wollen weiterhin Produzenten verlässliche Partner sein und auch in Zukunft neue Projekte mit finanziellem und personellem Engagement ermöglichen!

Wir fordern deshalb dringend Gespräche zur Rettung der Kino- und Verleihbranche, mit dem Ziel, neue und angemessene Modelle zu entwickeln, die es der Filmwirtschaft ermöglicht, diese noch lange nicht ausgestandene Krise zu überleben. Eines dieser Modelle kann konkret die Einführung einer der französischen Referenzförderung entsprechenden Förderung sein, welche das CNC innerhalb weniger Wochen umgesetzt hat und das Anreize für Verleiher schaffte, Filme mit großem Zuschauerpotential auch unter den derzeitigen prekären Bedingungen zu starten. Der Erfolg dieser Notfall-Referenzförderung ließ sich eindrücklich beim Vergleich der aktuellen französischen und deutschen Kino-Besucherzahlen ablesen.

Die 14 Millionen Euro aus dem Paket „Neustart Kultur“, die als Unterstützung für den Verleih Produktionen von Produktionen mit deutscher Beteiligung zugesagt wurden, sind ein erster Schritt. Jedoch ist das ausschließliche Festhalten an den althergebrachten Förderinstrumenten nicht zielführend. Es braucht darüber hinaus zusätzliche Mittel sowie eine Unterstützung in Anlehnung an das erfolgreiche französische Modell. Nur so sind wir Verleiher aktuell überhaupt in der Lage dazu, das immense Risiko von Neustarts einzugehen, und es nicht den internationalen Studios gleichzutun, die viele Filme auf 2021 verschieben.

Es geht darum, schnelle und tatsächlich wirkungsvolle Hilfen bereit zu stellen, die der gesamten Wertschöpfungskette der Branche dienen. Es darf nicht sein, dass aus Mangel an Zeit oder Kenntnis zwar gut gemeinte, aber völlig unzureichende und ineffiziente Maßnahmen umgesetzt werden.

Es ist uns allen bewusst, dass es in einer Demokratie nicht immer einfach ist, schnell die richtigen Lösungen umzusetzen. Aber gerade hier zeigt sich die Stärke und die Fachkenntnis der Verantwortlichen, die bereitgestellten Mittel, auch effektiv einzusetzen und damit die Wiederbelebung der Kinos einzuleiten und die Vielfalt der Kultur zu schützen.

Die Erstunterzeichnenden dieses offenen Briefes sind:

Alamode Filmdistribution – Fabien Arséguel, Tobias Lehmann

Camino Filmverleih – Thomas Reisser, Marcus Machura

Cine Global – Daniel Ó Dochartaigh

déjà-vu film UG – Peter Stockhaus, Jutta Meier

Eksystent Filmverleih – Jakob Kijas

farbfilm verleih GmbH – Alexandre Dupont-Geisselmann, Reno Koppe

Film Kino Text – Jürgen Lütz

Filmpalette Köln oHG – Dirk Steinkühler

FILMPERLEN Filmverleih – Claudia Oettrich

FOUR GUYS Filmdistribution – D. Utz, M. Schwimmer, M. Rößler, E. Lluca

GMfilms – Michael Höfner

Grandfilm GmbH – Patrick Horn

Kinostar Filmverleih – Matthias Roesch, Michael Roesch, Kristian Kossow

Koch Media GmbH – Moritz Peters

Kurzfilm Agentur Hamburg e.V. – Alexandra Gramatke

Majestic Filmverleih GmbH – Benjamin Herrmann

MFA+ FilmDistribution e.K. – Christian Meinke

mindjazz pictures – Holger Recktenwald

Neue Visionen Filmverleih GmbH – Torsten Frehse, Sylvia Müller

Nordlichter Film – Daniel Karg

Pandora Film Medien GmbH – Björn Hoffmann

Piffl Medien GmbH – Hans-Christian Böse

Port au Prince Pictures GmbH – Jan Krüger, Jörg Trentmann

PRO-FUN MEDIA – Marc Putman

Prokino Filmverleih GmbH – Stephan Hutter

Rapid Eye Movies HE GmbH – Stephan Holl, Antoinette Köster

Real Fiction Filmverleih e.K. – Joachim Kühn

RENDEZVOUS Filmverleih und Schwarz Weiss Filmverleih – Matthias Keuthen

Salzgeber & Co. Medien GmbH – Björn Koll

Tobis Film GmbH – Theo Gringel, Peter Eiff, Timm Oberwelland

Splendid Film GmbH – Dr. Dirk Schweitzer

Weltkino Filmverleih GmbH – Dietmar Güntsche, Michael Kölmel

Wild Bunch Germany – Marc Gabizon, Christoph Liedke

W-Film – Stephan Winkler

X Verleih AG – Leila Hamid, Martin Kochendörfer

Die „Leipziger Erklärung“:

Wir, die Kinobetreiber in Deutschland, bekennen uns zum Gesundheitsschutz und zum Kampf gegen die Ausbreitung des Corona-­‐Virus. Sicherheit und Gesundheit gehen vor und als sozialer Ort sind wir uns unserer Verantwortung voll und ganz bewusst. Die Kinos haben ihre Lüftungszyklen mit maximalem Frischluftanteil erhöht, die natürliche Lüftung ausgeweitet, die Zeiten zwischen den Vorstellungen entzerrt, Plexiglaswände eingezogen, Abstandsmarkierungen angelegt und ganze Saalreihen gesperrt. Über die Kontaktverfolgung und hohe Online-­‐Ticket-­‐Quoten stellen wir zuverlässig und nachweisbar sicher, dass all unsere Gäste im Verdachtsfall kontaktier-­‐und nachvollziehbar sind. Und wir haben die Einhaltung dieser Regeln im Alltag strikt reguliert und kontrolliert. Dank klarer, logischer und nachvollziehbarer Regeln konnten wir unser Publikum nicht nur wiedergewinnen, sondern auch schnell an die Befolgung der neuen Abläufe gewöhnen. Trotz all dieser Bemühungen gilt noch immer in den meisten Bundesländern der Abstand von 1,50 Metern zwischen den Besuchern im Saal, so dass die Auslastung auf 25 bis 30 Prozent beschränkt bleibt. Dies kommt praktisch einem Berufsverbot gleich.

Gerade die kleinen Kinos und Säle sind häufig „ausverkauft“. Mit Besucherzahlen, die oftmals unter 20 liegen. Dies trifft vor allem kulturell anspruchsvolle Filme, Programme für junges Publikum und Produktionen aus der Region. Deshalb appellieren wir an die Politik, die Abstandsregeln bundesweit auf einen Sitzplatz zwischen Besuchergruppen zu reduzieren, ohne Maskenpflicht am Platz während des Films. Im Kino hat jeder einen festgelegten Sitzplatz, schaut gleichgerichtet nach vorne und spricht nicht. Angesichts der Raumhöhe und der Umsetzung von Lüftungskonzepten ist das Risiko einer Ansteckung quasi ausgeschlossen. Dies wurde auch bei Gesprächen mit Vertreterinnen der Charité deutlich: Die von uns diskutierte Lösung, zwischen Besuchergruppen einen Sitzplatz bzw. mindestens einen Meter freizulassen (in den meisten Kinos wären es bei der Bestuhlung mindestens 1,20 Meter) wird als Regelung mit Augenmaß angesehen.

Die Bundesländer Sachsen und Nordrhein-­‐Westfalen haben eine solche Regelung umgesetzt. Auch in vielen unserer Nachbarländer gelten diese Abstandsregelungen. Ebenso verliefen die Festspiele in Salzburg nach unserer Kenntnis ohne Zwischenfälle. Es ist kein einziger Fall weltweit bekannt, in dem sich jemand im Kino infiziert hätte. Mit Fortdauer der Pandemie müssen wir nachvollziehbare und faire Regelungen für alle Lebensbereiche finden. Es geht auch darum, die Eigenverantwortung der Besucher wie der Wirtschaftstreibenden wieder zu stärken. Mit der geforderten Regelung erreichen die Kinos eine Auslastung von ca. 50 Prozent und liegen damit noch immer weit unterhalb jeder Normalität. Diese Auslastung ist aber das Minimum, um den deutschen und europäischen Filmmarkt wenigstens im Ansatz wieder zu beleben. Die Filmverleiher*innen können Filme nur dann ins Kino bringen, wenn zumindest die Chance auf eine angemessene Anzahl von Besuchern besteht. Die Kinos brauchen aber die Filme, um als Kulturorte ein vielfältiges Programm anzubieten und so in der Öffentlichkeit wieder wahrgenommen zu werden. Wir appellieren an die Verantwortlichen in der Politik, mit den Abstandsregeln die Grundlage für die Wiederbelebung des Kinomarkts in Deutschland mit seinen über 1.400 mittelständischen Betrieben zu schaffen. Es muss aber auch allen Beteiligten klar sein, dass auch mit einer Auslastung um 50 Prozent noch kein wirtschaftlicher Kinobetrieb möglich ist. Deshalb brauchen wir flankierend Förderprogramme, die den Kulturort Kino nachhaltig sichern. Andernfalls wird die Filmwirtschaft insgesamt großen Schaden nehmen.

Die mittelständischen deutschen und europäischen Produzenten und Verleiher werden von Algorythmus-getriebenen Großproduktionen verdrängt und die kulturelle Vielfalt bleibt auf der Strecke. „Kino ist Kultur und Kultur ist unverzichtbar für eine lebendige Demokratie“, sagte Bundespräsident Frank Walter Steinmeier anlässlich eines Kinobesuchs im Juli. Gerade angesichts der gesellschaftlichen Verwerfungen und der Angriffe auf unsere demokratischen Werte braucht es deshalb nicht nur einen „Wumms“ für die Industrie. Wir müssen die Kultur, auch die Kino-­‐und Filmwirtschaft sichern.

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