„Dammbruch“: Robert Brack schickt zwei Safeknacker und eine Mörderin in eine Sturmflut

Es ist windig und es regnet. In Hamburg ist beides nicht ungewöhnlich. Dass dieser Wind und Regen die Vorboten der historischen Sturmflut von 1962 sind, weiß damals niemand. Es ist die Sturmflut, die Helmut Schmidt, den damaligen Innensenator von Hamburg, durch sein Krisenmanagement bundesweit bekannt machte. In Robert Bracks neuem Roman „Dammburch“, der während dieser Sturmflut am 16. Februar 1962 spielt, taucht Helmut Schmidt nicht auf. Auch das Militär und sonstige staatliche Stellen, bis auf zwei Streifenpolizisten, tauchen nicht auf. In „Dammbruch“ ist die Flut nur ein Storyelement, das die Pläne von Lou Rinke, Piet Kummerfelt und Betty durcheinanderbringt.

Lou Rinke ist ein Berufsverbrecher, der mit Piet Kummerfelt, seinem jungen, unerfahrenem Gehilfen, im Spreehafen aus einem Tresor illegal mit einem Schiff nach Deutschland gebrachtes Gold rauben will.

Betty arbeitet als 24/7-Pflegerin für Herrn Heinrich, einen kriegsversehrten, herrischen Rentner. Als er sie genug genervt hat und sie weiß, wo er sein Geld versteckt hat, bringt sie ihn um.

Nach ihren Verbrechen treffen Lou, Piet und Betty sich auf ihrer Flucht. Das unaufhaltsam steigende Wasser und die brechenden Deiche lassen ihre Fluchtwege im kalten Nordseewasser verschwinden.

Gemeinsam versuchen sie die Nacht zu überleben und ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Da sie schnell ahnen, dass jeder von ihnen ein erklautes Vermögen bei sich hat und weil auch einige Polizisten in der Nähe sind, ist es nur eine Frage der Zeit bis das gegenseitige Misstrauen zu weiteren Verbrechen führt.

Mit seinem neuen Krimi begibt Robert Brack sich wieder in die Geschichte seiner Heimatstadt Hamburg. Während er in anderen Romanen unbekannte Ereignisse, wie die die Auflösung der „Weiblichen Kriminalpolizei“, oder bekannte Ereignisse, wie den Altonaer Blutsonntag, in den Mittelpunkt rückte und er beim Schreiben auf historische Quellen zurückgriff, die er in den Text einfließen ließ, ist die Sturmflut von 1962 hier nur ein austauschbares Wetterphänomen, das die Fluchtpläne von Lou, Piet und Betty beeinflusst.

Das ist etwas schade, aber verzeihlich. Denn Brack will dieses Mal vor allem eine altmodische Gangstergeschichte erzählen. Lou ist ein Safeknacker. Sein Plan ist denkbar simpel: Werkzeug besorgen, aufpassen, dass kein Polizist oder Wachmann in der Nähe ist, einbrechen, Safe aufschweißen, Inhalt umfüllen und abhauen.

Betty ist dagegen ein ganz anderes Kaliber.

Allerdings vergeht einige Lesezeit, bis es wirklich spannend wird. Dann, parallel zum steigenden Wasserspiegel, entfaltet „Dammbruch“ wahre Pageturner-Qualitäten. Bis dahin schildert Robert Brack erstaunlich behäbig die Vorbereitungen der beiden Safeknacker für ihren Bruch und Bettys Alltag mit ihrem Arbeitgeber.

Das macht „Dammbruch“ zu einem schwächeren Werk des vielseitigen und in jedem Jahrzehnt zuverlässigen Robert Brack.

Robert Brack: Dammbruch – Ein Sturmflut-Thriller

Ellert & Richter Verlag, 2020

240 Seiten

12 Euro

Hinweise

Homepage von Robert Brack

Meine Besprechung von Robert Bracks „Schneewittchens Sarg“ (2007)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Und das Meer gab seine Toten wieder” (2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Psychofieber” (1993, Neuausgabe 2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Blutsonntag“ (2010)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Unter dem Schatten des Todes“ (2012)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Die drei Leben des Feng Yun-Fat“ (2015)

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