Martha C. Nussbaum betrachtet das „Königreich der Angst“

Martha C. Nussbaum ist Professorin für Rechtswissenschaft und Ethik an der Universität von Chicago. Zu ihren Werken zählen „The Fragility of Goodness“ (1986), „Sex and Social Justice“ (1998, teilweise übersetzt in „Konstruktion der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge“). „Hiding from Humanity: Disgust, Shame, and the Law“ (2004), „From Disgust to Humanity: Sexual Orientation and Constitutional Law“ (2010), „Creating Capabilities. The Human Development Approach“ (2011, Fähigkeiten schaffen: Neue Wege zur Verbesserung menschlicher Lebensqualität) und „Political Emotions: Why Love matters for Justice“ (2013, Politische Emotionen: Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist). In den vergangenen Jahren erhielt die Philosophin zahlreiche Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden.

Sie sieht sich als Aristotelikerin und ist überzeugt, dass die Ethik die Ebene der Emotionen in ihr Denken einbeziehen muss. Dabei verwendet sie den von ihr zusammen mit Amartya Sen entwickelten Fähigkeitenansatz (Capability Approach). Der Ansatz nennt die ‚Fähigkeiten‘, über die jeder Bürger einer Gesellschaft verfügen können muss, um diese Gesellschaft dann als minimal gerecht zu bezeichnen. Es geht ihr dabei um ‚Fähigkeiten‘ und nicht unbedingt um deren Ausübung. ‚Fähigkeiten‘ sind unter anderem ‚Emotionen‘ („In der Lage sein, Beziehungen zu Dingen und Personen außerhalb unserer selbst zu haben, diejenigen zu lieben, die uns lieben und sich um sie zu sorgen, ihre Abwesenheit zu betrauern…keine Beeinträchtigung der eigenen emotionalen Entwicklung durch Furcht und Angst erleiden zu müssen.“) und ‚Praktische Vernunft‘ („In der Lage sein, sich eine Vorstellung vom Guten zu machen und die Planung des eingen Lebens kritisch zu hinterfragen.“).

Sie sieht ihre Theorie als einen guten Ausgangspunkt für Verfassungsgrundsätze, die dann nicht nur für die USA, sondern für alle Gesellschaften gelten sollten. Entsprechend abstrakt sind sie. Und das ist auch ein Problem von ihrem neuesten Buch „Königreich der Angst – Gedanken zur aktuellen politischen Krise“.

Der Anlass für ihr Buch war die Wahl von Donald J. Trump zum Präsidenten der USA. Sie fragte sich, wie es zu seiner Wahl kommen konnte. Oder anders gesagt: wie Emotionen Demokratien destabilisieren können. Als das Buch 2018 in den USA erschien, war es eine direkte Intervention.

Jetzt, nach Trumps Abwahl, könnte es die Aktualität der Tageszeitung von letzter Woche besitzen. Allerdings versuchen Philosophen immer, ihre Gedanken in einen größeren Zusammenhang zu stellen und Trumps Wahl war das Ergebnis einer langen Entwicklung, die natürlich jetzt nicht zu Ende ist. Durch die Wahl von Joe Biden zum US-Präsidenten hat das Buch sogar eine zusätzliche Dimension gewonnen.

Ihre Kernthese ist, „dass Angst ein Gefühl ist, das die Demokratie mehr als jedes andere bedroht. Die Angst ist eine in evolutionärer Hinsicht primitive Emotion, und sie spielt bereits in der frühen Entwicklung des Einzelnen eine Rolle. Sie behält ihre mächtige archaische Struktur bis in das Erwachsenenalter hinein bei und wird noch mächtiger, wenn sie durch das wachsende Bewusstsein unserer Sterblichkeit verstärkt wird. Angst ist kein Gefühl, das wir unterdrücken sollten, da sie uns zu vielen sinnvollen Entscheidungen führen kann. Sie ist jedoch durch politische Rhetorik sehr leicht manipulierba und neigt dau, Verhältnisse, in denen es um Vertrauen und Gegenseitigkeit geht – und diese machen den Kern demokratischer Selbstverwaltung aus – zu destabilisieren. Ich behaupte, dass Angst zu einem Königreich passt, in dem ein absoluter Herrscher sie wach halten muss. Für die Demokratie stellt sie jedoch eine große Gefahr dar.

Außerdem durchdringt und verdirbt die Angst auch andere Gefühle wie Zorn, Ekel und Neid und macht sie zu einem politischen Gift.“

Als Gründe für den Wahlerfolg von Donald Trump sieht sie starke Gefühle. Vor allem Angst, Zorn, Ekel und Neid waren wichtig. Und sie macht Vorschläge, was zur Überwindung dieser zerstörerischen Gefühle getan werden kann.

Nach dem überwältigendem Wahlsieg von Joe Biden stellen sich zwei weitere Fragen: Kann Bidens Wahlsieg mit Nussbaums Politikvorschlägen erklärt werden? Und wie sollen sich die Wahlgewinner, die Demokraten, gegenüber den Republikanern und den Wählern der Republikaner verhalten? Vor allem nachdem Trump und die Republikaner eine beispiellose Lügenkampagne über die Wahl begannen, der im Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 seinen vorläufigen Höhepunkt hatte, und die jetzt eine reine Obstruktionspolitik verfolgen.

Diese Frage führt zum Kern von Nussbaums Buch und zu einem großen Problem ihrer „Gedanken zur politischen Krise“. Sie führt die Handlungen von Trump, seinen Unterstützern und Wählern nicht auf politische Ziele, sondern auf Gefühle zurück. Angst, Zorn, Ekel und Neid sind nach ihrer Ansicht die Emotionen, die die aktuelle politische Krise erklären können. In ihrer übersteigerten Form sind diese Emotionen sehr destruktiv. Sie sind allerdings nicht angeboren, sondern anerzogen in den ersten Monaten unseres Lebens.

Damit ist ein Teil der Lösung eine Therapie bei einem Psychiater.

In der Politik also der parlamentarischen Politik, in der es nach Wahlen Mehrheiten gibt und diese ihre Politikvorstellungen durchsezten können, ist das anders. Da geht es immer um Macht, Verfahren und Lösungen. Hier den politischen Gegner zu einer Therapiesitzung einzuladen, ist dann einigermaßen abstrus. Die logische Frage wäre dann nicht „Was wollen Sie mit ihrem Vorschlag erreichen?“ sondern „Welche Gefühle wurden in ihrer Kindheit verletzt?“ oder „Warum hassen Sie Frauen?“.

Diese Fragen, die in einem Parlament oder Öffentlichkeit vollkommen unangemessen wären, führen zu einem weiteren Problem vom „Königreich der Angst“. Nussbaums Analyse geschieht auf einem so hohen Abstraktionslevel, dass jeder hineinintrepetieren kann, was er mag. Unmittelbare, auch nur halbwegs konktrete Handlungsempfehlungen folgen nicht aus ihrer Analyse. Schließlich sind Emotionen subjektive Empfidungen.

Diese Emotionen sind niemals ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ in irgendeinem objektiven Sinn. Und damit bleibt als Antwort auf das „Königreich der Angst“ in Nussbaums Welt nur ein „Königreich der Liebe (und des Verständnisses und der freundlich-hilfsbereit ausgestreckten Hand)“. Bei eine Kneipenschlägerei, in der sich die republikanische Seite in einem Wahngebilde eingerichtet hat, und das ist die US-amerikanische Politik im Moment, hilft der Ratschlag kaum weiter. Auch wenn die Demokraten im Moment die Hand zur Kooperation ausgestreckt haben, den Menschen helfende Politkkonzepte präsentieren, durchsetzen und sich ansonsten nicht von dem Lärm der Republikaner irritieren lassen.

Martha C. Nussbaum: Königreich der Angst – Gedanken zur aktuellen politischen Krise

(übersetzt von Manfred Weltecke)

btb, 2020

304 Seiten

14 Euro

Deutsche Erstausgabe

Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2019

Originalausgabe

Monarchy of Fear. A Philosopher looks at our political Crisis

Simon & Schuster, New York, 2018

Hinweise

Perlentaucher über „Königreich der Angst“

Wikipedia über Martha C. Nussbaum (deutsch, englisch)

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