Neu im Kino (nicht), sondern aktuell nur als VoD: Tapfere Journalisten: „The Dissident“ und „Silence Radio“

Optimismus ist fast eine moralische Verpflichtung – die Alternative ist aufzugeben.“

Carmen Aristegui

Mit nur einem Tag Abstand starten bei uns die beiden sehenswerten Dokumentarfilme „The Dissident“ und „Silence Radio“. Der titelgebende Dissident ist „Washington Post“-Journalist Jamal Khashoggi. Sein Tod sorgte für weltweites Aufsehen. Carmen Aristegui, die Protagonistin in „Silence Radio“, ist vor allem in ihrem Heimatland Mexiko und in Lateinamerika bekannt. Dort wurde sie mit ihrer bei dem Sender MVS ausgestrahlten Sendung zu einer nationalen Berühmtheit. Immer wieder deckte sie, zusammen mit ihrem Team, Skandale auf, in die wichtige mexikanische Politiker verwickelt waren. Für ihre Zuhörer informierte sie über aktuelle Ereignisse und sortierte sie ein. Ihre Sendung war das erfolgreichste Programm des Senders. Trotzdem erhielt sie, nach einem Besitzerwechsel und ohne Angabe von Gründen, im März 2015 eine Kündigung. Anschließend baute sie eine eigene Radiostation auf und informiert von dort, zusammen mit anderen Journalisten, über Missstände.

Aristeguis Entlassung war für die in der Schweiz lebende Mexikanerin Juliana Fanjul die Initialzündung für „Silence Radio“: „Seit meiner Teenagerzeit hörte ich Carmen Aristegui im Radio. Sie war meine Hauptnachrichtenquelle und half mir, meine Augen für die soziale und politische Realität meines Landes zu öffnen. (…) Als ihre Stimme (…) mittels Zensur zum Schweigen gebracht wurde, überkam mich (und ihre Millionen von Zuhörern*innen) ein Gefühl der Hilflosigkeit. Ich war empört. Ich fragte mich, wenn das Carmen geschehen konnte, einer der wichtigsten und renommiertesten Journalistinnen Mexikos, wie erging es den Hunderten weniger sichtbaren Journalisten? Nachdem ich von den schlimmsten Gräueltaten gehört hatte, die in diesem Jahr im Land stattgefunden hatten, war ich zutiefst sprachlos, und Carmens plötzliche Funkstille fühlte sich wie eine doppelte Amputation an. Unsicher, was als nächstes passieren würde, begann ich an ‚Silence Radio‘ zu arbeiten, um auf irgendeine Weise meine Stimme zurückzuholen. Ich beschloss, meine Wut, meine Frustration und mein Gefühl der Hilflosigkeit durch die Herstellung eines Dokumentarfilms zu kanalisieren, der Carmens Stimme in gewisser Weise wiederherstellen könnte.“

Fanjul begleitete die mit ihrem Team investigativ arbeitende Journalistin über mehrere Jahre bei ihrer alltäglichen Arbeit und internationalen Auftritten. Es entsteht ein von großer Nähe geprägtes Porträt einer tapferen Frau, die unermüdlich kämpft. Und es gelingt Fanjul, uns ein Bild von den Zuständen in der Politik in Mexiko zu vermitteln.

Der 1958 in Medina, Saudi-Arabien, geborene Jamal Khashoggi sah sich die meiste Zeit seines Berufsleben nicht als Oppositioneller oder als Dissident. Er arbeitete sehr lange in großer Nähe zum saudi-arabischen Regime. Wenn er für westliche Medien arbeitete, sah er sich vor allem als Vermittler und Erklärer der islamischen Welt und des Nahen Ostens für den Westen. Als Kronprinz Mohammed bin Salman an die Macht kam, begrüßte Khashoggi zunächst die vom Kronprinzen initiierten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen. Gleichzeitig kritisierte er den Mangel an Partizipation und Pressefreiheit, der auch seine Arbeit zunehmend erschwerte und ihn, auch wenn er die Bezeichnung für sich ablehnte, zum Dissidenten werden ließ. Im Juni 2017, nach der Niederschlagung einer Menschenrechtsbewegung und einer Welle von Verhaftungen flüchtete Khashoggi aus seiner Heimat Saudi-Arabien in die USA, wurde Kolmnist der „Washington Post“ und immer mehr ein Kritiker der saudi-arabischen Regierung.

In seinem Film „The Dissident“ zeichnet Bryan Fogel, der für seinen Dokumentarfilm „Ikarus“ einen Oscar erhielt, Khashoggis Leben nach und rekonstruiert seinen Tod. Er wurde am 2. Oktober 2018 im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul bestialisch ermordet. Khashoggi war dort, weil er für seine Heirat mit Hatice Cengiz eine Scheidungsurkunde benötigte. Die kaltblütige und geplante Ermordung eines Journalisten in einem fremden Land sorgte für weltweites Aufsehen,

Fogel begann mit seinem Film wenige Tage nach Khashoggis Verschwinden. In dem Moment war sein Tod von Saudi-Arabien noch nicht bestätigt worden. Er begleitet Khashoggis Verlobte Hatice Cengiz bei ihrem Kampf um Gerechtigkeit für den Mann, den sie heiraten wollte. Fogel sprach auch mit Ermittlern, die ihm einen exclusiven Zugang zu ihren Ermittlungen gewährten, und dem in Kanada im Exil lebenden Studenten Omar Abdulaziz, der während des Studiums seine Regierung kritisierte und sich jetzt in für die Meinungsfreiheit in Saudi-Arabien engagiert. Vor seinem Tod arbeitete Khashoggi mit ihm in mehreren Projekten zusammen. In „The Dissident“ wird ausführlich geschildert, wie sie gegen eine staatliche Gruppe von Social-Media-Nutzern, den „Bienen“, vorgingen, die die öffentliche Meinung mit Desinformationen manipulieren.

Die Verbindung zwischen den einzelnen Teilen – Khashoggis Leben, die Ermittlungen zu seinem Tod, der Kampf seiner Verlobten um Gerechtigkeit und Abdulaziz‘ Kampf aus dem Untergrund gegen das saudi-arabischer Herrscherregime – wird nachvollziehbar hergestellt.

Beide Filme beeindrucken durch ihre Nähe zu den porträtierten Journalisten und ihrem nächsten Umfeld. Sie stehen parteiisch auf ihrer Seite und damit auf der Seite der Pressefreiheit. Und weil Carmen Aristegui immer noch als investigative Journalistin arbeitet und weil Fogel den Mord an Jamal Khashoggi akribisch rekonstruiert, funktionieren beide auch nach den Regeln des Spannungskinos, in denen tapfere Journalisten gegen korrupte, machtgierige, skrupellose Regierungen kämpfen. „Silence Radio“ in der Arthouse-Variante, „The Dissident“ in der Blockbuster-Variante. Dabei zeigen Juliana Fanjul und Bryan Fogel, wie wichtig solche Journalisten für eine informierte Öffentlichkeit und eine freie Gesellschaft sind.

In „Silence Radio“ wird Aristegui mehrmals von Passanten und Veranstaltungsbesuchern auf ihre Arbeit angesprochen und ihr gesagt, dass sie für sie eine Stimme der Wahrheit und Hoffnung sei.

Silence Radio (Radio Silence, Schweiz/Mexiko 2019)

Regie: Juliana Fanjul

Drehbuch: Juliana Fanjul

mit Carmen Aristegui

Sprachfassung: Spanisch mit deutschen Untertiteln

Länge: 78 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Alle aktuellen Bezugsmöglichkeiten findet ihr hier.

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Silence Radio“

Wikipedia über Carmen Aristegui (deutsch, englisch)

The Dissident (The Dissident, USA 200)

Regie: Bryan Fogel

Drehbuch: Bryan Fogel, Mark Monroe

mit Jamal Khashoggi (Archivaufnahmen), Hatice Cengiz, Omar Abdulaziz, John O. Brennan, Anthony J. Ferrante, Abdulhamit Gul, David Ignatius, Agnès Callamard, Irfan Fidan, Shane Harris, David Kaye, Recep Killic, Fred Ryan

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Alle aktuellen Bezugsmöglichkeiten findet ihr hier.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Dissident“

Metacritic über „The Dissident“

Rotten Tomatoes über „The Dissident“

Wikipedia über „The Dissident“ und Jamal Khashoggi (deutsch, englisch)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: