Über Abigail Deans Romandebüt „Girl A“

Ein moderner Klassiker.“ (Jeffery Deaver), „Der wichtigste Thriller seit ‚Gone Girl‘.“ (Elle) undsoweiterundsofort wird auf dem Buchcover gelobhudelt und, auch wenn diese Lobhuddeleien nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun haben, setzten sie dennoch eine Stimmung und schaffen eine Erwartung: nämlich, dass „Girl A“, der Debütroman von Abigail Dean, spannend ist, er mehr Noir als herkömmlicher Frauenthriller ist, und wir es, wie in „Gone Girl“, wahrscheinlich mit einer unzuverlässigen Erzählerin zu tun haben.

Ein schneller Blick auf verschiedene Leserkritiken („spannend“, „Spannend!“) und auf englischsprachige Buchbesprechungen bestätigen den Eindruck: ein spannendes, wichtiges, verstörendes Buch, das, auch dank einer begleitenden Werbekampagne, in England schnell zum Bestseller wurde. Die Filmrechte sind bereits verkauft. Eine TV-Serie ist geplant.

Die Story klingt auch vielversprechend: Alexandra ‚Lex‘ Gracie wurde von ihrer im Gefängnis verstorbenen Mutter als Erbverwalterin eingesetzt. Die Erbschaft besteht aus etwas Krimskrams, 20.000 Pfund und dem Elternhaus. Das einsam an der Moor Woods Road in Hollowfield gelegene Haus kennt die Öffentlichkeit als Horrorhaus. Dort wurden Lex und ihre sechs Geschwister von ihren Eltern gefangen gehalten. Sie durften das Haus nicht verlassen. Sie hungerten. Sie wurden von ihnen gefesselt und geschlagen. Ihr Vater war auf einem christlich-fundamentalistischem Trip. Sie konnten entkommen, kamen zu verschiedenen Pflegeeltern und in psychologische Betreuung. Sie gingen mit den Erlebnissen verschieden um. Einige sprachen in der Öffentlichkeit über ihre Erlebnisse und schrieben darüber. Sowieso berichteten die Zeitungen ausführlich über die Ereignisse in dem Horrorhaus.

Durch ihre Aufgabe als Erbverwalterin ist Lex gezwungen, sich (wieder) ihrer Vergangenheit und ihrer Identität als Girl A, dem Mädchen, das aus dem Haus entkommen und ihre Geschwister retten konnte, stellen.

Getriggert von dieser Prämisse, dem Klappentext und der Werbung erwarte ich jetzt natürlich einen Thriller, in dem munter gemordet wird und einige gut gehütete Familiengeheimnisse enthüllt werden. Durch den „Gone Girl“-Hinweis könnte die Ich-Erzählerin Lex Gracie eine unzuverlässige Erzählerin sein (in einem gewissen Rahmen ist sie das auch) und sie könnte kein unschuldiges Opfers, sondern eine Täterin, vielleicht sogar die treibende Kraft hinter all den Ereignissen, gewesen sein. Oder, was natürlich auch eine Möglichkeit wäre, alles spielt sich im Kopf einer komplett wahnsinnigen Erzählerin ab.

Das ist „Girl A“ nicht. Es ist, entgegen der Werbung, kein Thriller, sondern eine sich langsam entwickelnde Charakterstudie, die eher willkürlich zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her springt. Die vor sich hin mäandernde Geschichte ist niemals spannend. Es gibt keine Geheimnisse. Es gibt, was noch schlimmer ist, keine Konflikte. Lex geht zu ihren Geschwistern, redet mit ihnen über den Plan, ihr altes Elternhaus zu einer Begegnungsstätte zu machen und sie stimmen sofort zu. Lex‘ Erinnerungen bergen keine neuen Erkenntnisse. Sie beschreiben nur, wie ihr Vater zunehmend einem religiösem Wahn verfällt. Dabei bleibt er, wie alle anderen Figuren des Romans, eine Chiffre ohne eine erkennbare Persönlichkeit.

Und so plätschert „Girl A“ über vierhundert Seiten vor sich hin. Gegen Ende gibt es eine aus dem Hut gezauberte ‚Überraschung‘, die in keinster Weise überzeugt.

Abigail Deans Debüt ist ein Buch für Menschen, die ein umständlich geschriebenes, zu lang geratenes Not-Coming-of-Age-Buch lesen wollen.

Ich würde dagegen viel lieber das nächste „Gone Girl“ lesen.

Abigail Dean: Girl A

(übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)

HarperCollins, 2021

416 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Girl A

Harper Collins Publishers, London, 2021

Hinweise

Bookmarks über „Girl A“

Homepage von Abigail Dean

Wikipedia über Abigail Dean und „Girl A“

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