Neu im Kino/Filmkritik: „Bad Tales – Es war einmal ein Traum“ aus dem sommerlichen Italien

Nachdem der Erzähler im Müll ein Buch findet, das sich als Tagebuch eines Mädchens mit vielen leeren Seiten herausstellt, beschließt er, die leeren Seiten zu füllen mit Einträgen, die vom Leben in einem Vorort von Rom während der drückend heißen Sommermonate erzählen.

Dabei interessieren die Zwillingsbrüder Damiano und Fabio D’Innocenzo sich in ihrem zweiten Spielfilm nach „Boys Cry“ (2018) nicht für eine herkömmliche Dramaturgie.

Stattdessen reihen sie Episoden aneinander, die nur durch das Auftauchen der immergleichen Personen lose miteinander verknüpft sind. Aber eine Geschichte, also eine Verkettung von Ereignissen, die notwendigerweise zu weiteren Ereignissen führen, gibt es nicht. Es gibt nur zufällige Ereignisse, die auch nicht immer chronologisch präsentiert werden.

So müssen zwei Kinder bei einem Abendessen den Freunden des herrischen Vaters ihre Zeugnisnoten vorlesen. Dass diese Noten durchgehend außergewöhnlich gut sind, macht die Szene noch seltsamer und peinlicher; auch weil sie für den Vater nicht gut genug sind. In einer anderen Tagebuchnotiz geht es um den Kauf einer Stereoanlage auf einem improvisiertem Flohmarkt, bei dem die hochschwangere junge, betont desinteressierte Verkäuferin den kaufwilligen Teenager reizt. Später schlitzt ein Vater in der Nacht seinen aufblasbaren und mit Wasser gefüllten Swimmingpool auf. Dazwischen lehrt ein Vater seinen Sohn auf einem Feld Auto fahren und er ist überirdisch begeistert von den Fahrkünsten seines Sohnes. In einer anderen Miniatur bereitet er sich auf ein Rendezvous vor. Viel später verrät ein Lehrer seinen Schülern Möglichkeiten sich und andere umzubringen. Ein Vater entdeckt frühmorgens nach dem Aufstehen im Wohnzimmer etwas Schreckliches. Er schleicht sich zurück ins Bett und wartet, starr vor Entsetzen, bis seine Frau aufsteht und ins Wohnzimmer geht. Währenddessen entdecken die pubertierenden Kinder in dieser Vorstadthölle den Sex mit dem anderen Geschlecht.

Das alles – wir ahnen es bei dem Titel „Bad Tales“ – endet nicht gut. Daher kann man den Reigen deprimierender Episoden nachträglcih für einige der öfter auftauchenden Figuren als das Vorspiel zu ihrem Tod sehen, weil der Tod dann doch erträglicher als ein Weiterleben in diesem Purgatorium-Italien ist.

Das hat in seinen besten Momenten, auch durch den Handlungsort und einige zum Subproletariat gehörende Figuren, ein leichtes Pasolini-Feeling. Aber letztendlich sind bei den D’Innocenzo-Brüdern die durchgehend unsympathischen Figuren zu plakativ und eindimensional gezeichnet, um ein nachhaltiges Interesse oder auch Empathie aufkommen zu lassen. Sie und ihre Probleme sind uns egal.

Das ist das Problem des Films. Nicht, dass die D’Innocenzo-Brüder oder, genauer gesagt, ihr namenloser Erzähler, der die Seiten des Tagebuchs mit mehr oder weniger erfundenen Beobachtungen füllt, einen zutiefst pessimistischen Blick auf die Menschen haben.

Damit ist „Bad Tales“ vor allem eine monotone Feel-Bad-Zustandsbeschreibung, deren Agenda sich darin erschöpft, alles gleichermaßen schlecht zu finden.

Bei der Berlinale 202 gab es dafür den Silbernen Bären für das beste Drehbuch.

Bad Tales – Es war einmal ein Traum (Favolacce, Italien/Schweiz 2020)

Regie: Damiano D’Innocenzo, Fabio D’Innocenzo

Drehbuch: Damiano D’Innocenzo, Fabio D’Innocenzo

mit Elio Germano, Barbara Chichiarelli, Lino Musella, Gabriel Montesi, Max Malatesta, Tommaso di Cola, Giulietta Rebeggiani, Justin Korovkin, Giulia Melilio, Laura Borgioli

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Bad Tales“

Metacritic über „Bad Tales“

Rotten Tomatoes über „Bad Tales“

Wikipedia über „Bad Tales“ (deutsch, englisch, italienisch)

Berlinale über „Bad Tales“

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