Neu im Kino/Filmkritik: „Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel“, auf den Feind wartend

In Japan ist die Geschichte von Onoda Hiroo allgemein bekannt. Bei uns dürfte er unlängst durch Werner Herzogs Roman „Das Dämmern der Welt“ eine gewisse, eingeschränkte Bekanntheit erreicht haben. Denn Onoda ist eine archetypische Werner-Herzog-Figur.

Ende Dezember 1944 erhält der 1922 geborene Nachrichtenoffizier Onoda, zusammen mit anderen Soldaten, den Befehl auf der philippinischen Insel Lubang die Stellung gegen die angreifenden US-Truppen zu halten. Wie wir wissen, kapitulierte Japan am 15. August 1945. Das wäre auch der Moment gewesen, an dem Onoda und seine Truppe ihre Waffen hätten übergeben müssen. Aber sie halten die Meldungen dazu für Propaganda des Feindes. Sie ziehen sich in den Dschungel zurück. Mit der Zeit verlassen immer mehr Soldaten diese Einheit. Teils sterben sie, teils ergeben sie sich. Am Ende hält nur noch Onoda die Stellung. Erst 1974 konnte der junge Rucksacktouristen Suzuki Norio ihn überzeugen, dass der Krieg seit bereits fast dreißig Jahren zu Ende ist.

Arthur Harari („Dark Inclusion“) nahm sich jetzt ebenfalls die Geschichte von Onoda Hiroo vor. In seinem gut dreistündigem Film „Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel“ konzentriert er sich in langen, ruhigen Einstellungen auf Onoda und wie er im Dschungel überlebte. Onoda wird mit der Zeit zu einem wahren Naturburschen, der mit seiner Umwelt verschmilzt und sich nur von dem ernährt, was er im Dschungel vorfindet.

Mit der Zeit stellt sich allerdings auch zunehmend die Frage, weshalb Onoda an seiner Mission festhält. Er hat keinen Kontakt mehr zu seinen Befehlshabern. Die Versuche, ihn zur Kapitulation zu bewegen, hält er für Propaganda des Feindes. Er hat auch keine Begegnung mit dem Feind, der doch eigentlich in Kompaniestärke die Insel besetzen sollte. Die Begegnungen mit den Einheimischen werden im Film nur am Rand gestreift. Trotzdem glaubt Onoda, dass es in Kürze zu dem entscheidenden Angriff der US-Truppen kommen wird und dass er diesen Angriff abwehren kann. Daran hält er über Jahre und Jahrzehnte fest.

Harari deutet als Erklärungen für dieses, zugegeben, nicht wirklich erklärbare Handeln, Onodas Persönlichkeit, seine militärische Ausbildung und die japanische Kultur an. So gab es während des Zweiten Weltkriegs nur in Japan Kamikaze-Missionen, bei denen Piloten sich in das Feuer von US-Kriegsschiffen in den sicheren Tod stürzten.

Absolut kein Interesse hat Harari an Onodas problematischen Seiten. So werden die Morde, die Onoda und seine Männer auf Lubang verübten nicht thematisiert; es sieht sogar so aus, als ob die Aggression vollkommen grundlos von den Einheimischen ausgeht und sie sie aus dem Hinterhalt ermorden. Harari interessiert sich auch nicht für die mediale Aufmerksamkeit, die Onoda nach seiner Rückkehr erhielt und wie sein Handeln ideologisch interpretiert wurde. Als Onoda 2014 stirbt und seitdem ist er „eher ein Symbol, das von nationalistischen Konservativen und von der japanischen Nation bewundert wird, die ihre koloniale und kriegerische Vergangenheit nicht bereuen“ (Naoko Seriu, Dozentin für Neuere Geschichte, Tokio Universität für Auslandsstudien).

Das sind Fragen, die sich beim Betrachten des Films stellen. Die Antworten würden selbstverständlich zu einem Filmen führen, den Harari nicht drehen wollte. Er wandelt hier eher in den Pfaden von Werner Herzog; wenn er Slow Cinema machen würde. Im Mittelpunkt seines Films steht Onoda und wie er im Dschungel überlebt.

Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel“ erhielt einen César für das beste Drehbuch und war auch als bester Film nominiert.

Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel (Onoda, 10 000 nuits dans la jungle, Frankreich/Japan/Deutschland/Belgien/Italien/Kambodscha 2021)

Regie: Arthur Harari

Drehbuch: Arthur Harari, Vincent Poymiro, Bernard Cendron (in Zusammenarbeit mit)

mit Endô Yûya, Tsuda Kanji, Matsuura Yûya, Chiba Tetsuya, Katô Shinsuke, Inowaki Kai, Issey Ogata, Nakano Taïga, Suwa Nobuhiro, Yoshioka Mutsuo

Länge: 169 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel“

Moviepilot über „Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel“

AlloCiné über „Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel“

Metacritic über „Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel“

Rotten Tomatoes über „Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel“

Wikipedia über „Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel“ (englisch, französisch)

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