Alter Scheiß? Susan Hill: Die Frau in Schwarz

Vor zehn Jahren war James Watkins‘ Verfilmung von Susan Hills Roman „Die Frau in Schwarz“ an der Kinokasse überraschend erfolgreich. Daniel Radcliffe, der damals vor allem und nur als Harry Potter bekannt war, spielt Arthur Kipps. Der Junganwalt wird von seinem Chef nach Crythin Gifford geschickt. Er soll den Nachlass von Mrs. Alice Drablow sichten. Die alte Jungfer lebte allein im Eel Marsh House und war wohl etwas seltsam. Auf den ersten Blick handelt sich um einen einfachen Auftrag, der ihn von November-nebligem Londen in ein einsam gelegenes Dorf im Norden des Landes führt.

Das Eel Marsh House liegt noch einsamer auf einer kleinen Insel, die nur während der Ebbe erreichbar ist. Dort sieht er die titelgebende Frau in Schwarz. Und wie er aus den Andeutungen der Einheimischen erahnen kann, ist das kein gutes Zeichen.

Aber als aufgeklärter Stadtbewohner glaubt Kipps nicht an Geister.

Der Film, ein angenehm altmodischer, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts spielender Geisterhorrorfilm, gefiel mir. Trotzdem habe ich aus mir unbekannten Gründen nie die hochgelobte Vorlage gelesen. Bis jetzt.

Die Frau in Schwarz“ dürfte Susan Hills bekannteste Gothic Novel sein. Sie schrieb auch Jugendbücher und mehrere Kriminalromane mit Detective Chief Inspector Simon Serrailer. Sie erhielt den Somerset Maugham Award, Whitbread Novel Award und den John Llewellyn Rhys Prize. Und sie ist Commander of the British Empire.

Im Original erschien „Die Frau in Schwarz“ 1983. 1989 wurde der Roman für das englische Fernsehen verfilmt. Stephen Mallatratt schrieb eine Theaterversion, die seit 1989 quasi ohne Pause im Londoner West End gespielt wird. Genaugenommen gibt es nur ein Theaterstück mit mehr Aufführungem im West End: nämlich Agatha Christies „Die Mausefalle“. Außerdem gibt es zwei BBC-Hörspielversionen der Geschichte der Frau in Schwarz.

Erst 1993 erschien bei Knaur die deutsche Erstausgabe des Romans. Seitdem veröffentlichte der Verlag ihn mehrmals mit verschiedenen Covers. Jetzt ist er, als gebundene Ausgabe, bei Oktopus/Kampa erschienen.

Der Roman ist eine nette Geistergeschichte, die sich erfolgreich darum bemüht, möglichst altmodisch zu sein. Susan Hill schrieb den ziemlich kurzen Roman vor vierzig Jahren. Er liest sich aber eher so, als sei er schon vor hundert Jahren geschrieben worden. Allzu gruselig ist er auch nicht. An einigen Stellen sorgt er, bis die wenig überraschenden Motive des fürchterlichen Geistes enthüllt werden, immerhin für etwas Gänsehaut.

Das gesagt, vergeht viel Lesezeit bis Kipps, der als alter Mann die Geschichte seiner Erlebnisse in Crythin Gifford und im Eel Marsh House aufschreibt, in dem Dorf ankommt und erstmals das Haus der Verstorbenen betritt. Auch danach nimmt er sich immer wieder die Zeit für die Geschichte nicht voranbringende Schlenker.

Ihr merkt schon: so richtig hat mich der schnell gelesene, zäh und umständlich erzählte Roman nicht begeistert. James Watkins‘ Verfilmung hat mir dagegen gut gefallen.

Susan Hill: Die Frau in Schwarz

(übersetzt von Lore Straßl)

Oktopus/Kampa Verlag, 2022

240 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

The Woman in Black

Hamish Hamilton, London, 1983

Deutsche Erstausgabe

Knaur, 1993

Hinweise

Homepage von Susan Hill

Wikipedia über Susan Hill (deutsch, englisch)

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