Neu im Kino/Filmkritik: Taschentücher raus! „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“

1957 putzt Ada Harris in London die Wohnungen mehrerer vermögender Familien. Sie ist schon etwas älter und wird von ihren Kunden als zuverlässige, sich im Hintergrund haltende Putzfrau geschätzt. Als sie bei einem ihrer Kunden ein Kleid sieht, gefällt es ihr. Sie hat keine Ahnung, dass es von Christian Dior ist und sie ist schockiert, als sie den Preis erfährt. Er ist für sie unbezahlbar hoch.

Trotzdem, oder gerade deswegen, will sie sich ein Kleid von Dior kaufen. Sie ist eine Frau aus der Arbeiterklasse, deren Mann als im Krieg verschollen gilt. Bis jetzt bestand ihr Leben nur aus Arbeit. Sie hat sich nie etwas gegönnt. Also stellt sie einen Sparplan auf. Nachdem sie mit einigen hilfreichen Händen und etwas Glück, das nötige Geld hat, fliegt sie nach Paris.

Dort gestaltet sich der Kauf als schwieriger als geplant. Sie hatte geplant, von London nach Paris zu fliegen, ein Dior-Kleid zu kaufen und sofort zurückzufliegen. Aber weil Dior alles nach Maß schneidert, muss sie warten, bis ihr Kleid fertig ist. Bis es so weit ist, begegnet sie der Direktorin des Hauses Dior, einigen Angestellten und einem Marquis. Mit ihrer herzensguten, praktischen und vernünftigen Art beginnt sie deren Leben zu verändern.

Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“ basiert auf dem mehrfach verfilmtem Roman „Ein Kleid von Dior“ von Paul Gallico. Eine Verfilmung ist von 1982 mit Inge Meysel, die damals die Mutter der Nation war. Der Film kam gut an und sie spielte in fünf weiteren Filmen Ada Harris.

Jetzt verfilmte Anthony Fabian Gallicos Buch als starbesetztes kitschiges Märchen. Lesley Manville spielt Mrs. Harris. Isabelle Huppert, Jason Isaacs und Lambert Wilson sind ebenfalls dabei. Paris und das Haus Dior werden schön in Szene gesetzt. Die Geschichte folgt den bekannten Regeln. Der Humor ist von der harmlosen Art. Allerdings ist das Feelgood-Märchen mit zwei Stunden zu lang geraten. Hier hätte eigentlich jede Szene gekürzt werden können.

Insgesamt ist „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“ einer dieser die Wirklichkeit durch ein Fantasiegebilde verklärenden Filme. Früher waren das in Deutschland die Heimatfilme, heute können wir „Das Traumschiff“ oder irgendeinen Sonntagabend-ZDF-“Herzkino“-Film nehmen. Und genau für diese „Herzkino“-Fans ist Fabians Märchen gemacht.

Damit könnte ich die Sache bewenden lassen, wenn mir im Film nicht etwas aufgefallen wäre, das hoffentlich keinen Trend markiert. Wie gesagt zeichnen diese Feelgood-Filme kein Bild der Realität und das erwartet auch niemand. Unangenehme Themen, wie Rassismus, Gewalt gegen Frauen, Ausländerhass und Armut werden konsequent ignoriert. Es geht um Wunscherfüllung und jeder, der sich so einen Film ansieht, weiß das.

Allerdings wurden in den letzten Jahren etliche, teils auf historischen Begebenheiten basierende Filmen gedreht, die ein anderes Bild der Vergangenheit zeigten. Sie zeigen, im Rahmen von beispielsweise konventionellen Liebesfilmen, dass es in der Vergangenheit unglückliche Ehen (z. B. „Am Strand“), Armut und Ausgrenzung zwischen Angehörigen unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften (evangelisch/katholisch) und Staaten, teils sogar Stadtviertel, gab (z. B. „Brooklyn“). Diese Filme erweiterten und korrigierten unseren Blick auf die Vergangenheit. Salopp gesagt, sagten sie uns, dass es beispielsweise Rassismus, Homosexualität und Abtreibungen schon immer gab. Sie vermittelten uns ein neues, reichhaltigeres und differenzierteres Bild unserer Vergangenheit.

Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“ geht einen anderen Weg. Der Film sagt uns, dass es das alles nicht gab. Er verkündet dagegen, dass wir, in diesem Fall weiße Engländer, schon immer tolerant und aufgeschlossen waren und niemanden diskriminierten. So ist Mrs. Harris‘ beste Freundin eine afrikanisch-karibische Frau. Im Pub haben sie freundschaftlichen Umgang mit einem Iren. Dort läuft Chuck Berrys „Johnny B. Goode“ (das zum Zeitpunkt der Filmgeschichte noch nicht veröffentlicht war). Ein toller Song, aber dass damals in einem Pub Rock’n’Roll lief, erscheint arg unglaubwürdig. Denn damals und auch noch viele Jahre später wurde diese Jugendmusik von den Eltern, dem typischen Pub-Publikum, gehasst und vehement abgelehnt. Falls damals in einem Pub überhaupt Musik lief, liefen dort wahrscheinlich von Doris Day, Connie Francis und Frank Sinatra gesungene Schlager. In Paris besucht Ada Harris eine Modenschau, in der zwei der vier Models PoC (People of Color) sind. Und ein Marquis lädt sie zum Abendessen ein. Während des Essens in einem noblen Restaurant gibt es eine Tanzshow, die eine Mischung aus Moulin-Rouge- und Chippendales-Show ist. Die auf den ersten Blick altjüngferliche Ada Harris ist entzückt. Durchgehend werden Dinge in den Film aufgenommen, die in den damals entstandenen Schmonzetten ignoriert wurden.

In „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“ werden sie so in den Film aufgenommen, dass der Eindruck entsteht, dass es schon immer so war. London und Paris werden als Städte gezeigt, in der es keinen Rassismus und keine Ausgrenzung, sondern nur eine große tolerante multikulturelle Gemeinschaft gibt.

Dabei waren in Großbritannien bis weit in die sechziger Jahre (und wahrscheinlich später immer noch) Schilder à la „No Irish, no blacks, no dogs“ weit verbreitet.

Mrs. Harris und ein Kleid von Dior (Mrs. Harris goes to Paris, Frankreich/Großbritannien/Ungarn 2022)

Regie: Anthony Fabian

Drehbuch: Carroll Cartwright, Anthony Fabian, Keith Thompson, Olivia Hetreed

LV: Paul Gallico: Flowers for Mrs Harris, 1957 (US-Titel: Mrs Harris goes to Paris, 1958; auch Mrs. ‚Arris Goes to Paris) (Ein Kleid von Dior)

mit Lesley Manville, Isabelle Huppert, Jason Isaacs, Lambert Wilson, Alba Baptista, Lucas Bravo, Ellen Thomas

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“

Metacritic über „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“

Rotten Tomatoes über „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“

Wikipedia über „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“ (deutsch, englisch)

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