Neu im Kino/Filmkritik: Über Charlotte Wells Debüt „Aftersun“

Mit ihrem Vater Calum (Paul Mescal) verbringt die elfjährige Sophie (Frankie Corio, Debüt) einige Tage in der Türkei in einem abgeranzten Ferienresort. Entsprechend billig ist der All-inclusive-Urlaub im Ausland unter anderen Engländern.

Charlotte Wells beobachtet in ihrem Debütfilm „Aftersun“ dieses Vater-Tochter-Gespann geduldig und ohne große Erklärungen mit Bildern, die an zufällig und amateuerhaft aufgenommene Urlaubsbilder erinnern. Immer wieder ist offensichtlich, dass ein richtiger Kameramann die Kamera anders positioniert hätte als die Urlaubsfotografen, die sich keine Gedanken über den Bildaufbau machen. Jetzt sitzen die Figuren mit dem Rücken zur Kamera oder sie sind an den Bildrändern platziert. Diese bewusst falschen Aufnahmen verleihen den Bildern eine große Glaubwürdigkeit und Nähe zu den Protagonisten.

Die Minimalgeschichte selbst entwickelt sich ohne Erklärungen. Nur langsam können wir uns zusammenreimen, dass Calum nicht mehr mit Sophies Mutter zusammen ist und er jetzt nur einige Tage mit seiner Tochter verbringen darf, ehe sie wieder zu ihrer Mutter zurückkehrt. Er ist selbst noch jung und sucht noch nach seiner neuen Rolle gegenüber Sophie. Er möchte im besten Licht erscheinen und den Urlaub für Sophie sie angenehm wie möglich machen. Er präsentiert sich vor allem als väterlicher Freund, der auch der ältere Bruder sein könnte.

Sophie lümmelt im Pool herum und fährt in einem Vergnügungspark in einem Arcade-Spiel Motorrad. Auf dem zweiten Motorrad gesellt sich mehrmals stumm ein türkischer Junge zu ihr. Diese Szenen, ein organisierter Ausflug und der Kauf eines Teppichs sind die wenigen Begegnung des Vater-/Tochter-Gespanns mit den Einheimischen. Die restliche Zeit verbringen sie in der Ferienanlage zwischen Hotelzimmer, Pool und Veranstaltungssaal. Dort beteiligen sie sich an einer Karaoke-Veranstaltung. Die meiste Zeit dösen sie vor sich hin. Wie der Film, der eben diese Ereignislosigkeit protokolliert.

Weil Calum und Sophie sich erfolgreich von ihrer besten Seite präsentieren und sie erfolgreich versuchen, einen harmonischen Urlaub miteinander zu verbringen, gibt es im Film keinen Konflikt, der nach einer irgendwie gearteten Auflösung sucht. Die wenigen Momente, in denen etwas Dramatisches angedeutet wird, lösen sich schnell in Wohlgefallen auf.

Aftersun“ ist eine Abfolge von Schnappschüssen, die nur für die in ihnen abgebildeten Personen bedeutungsvoll sind. Oder für Menschen, die etwas ähnliches erleben oder erlebt haben und ihre eigenen Gefühle und Unsicherheiten bruchlos in den Film übertragen können.

Aktuell ist das hochgelobte Drama für etliche Preise nominiert. Einige Preise erhielt es bereits. In Cannes erhielt „Aftersun“ nach seiner Premiere den French Touch Jury Prize und bei den diesjährigen British Independent Film Award erhielt er sieben Preise, unter anderem in den Kategorien „Bester britischer Independent-Film“, Bestes Regiedebüt“, „Beste Regie“ und „Bestes Drehbuch“.

Aftersun (Aftersun, Großbritannien/USA 2022)

Regie: Charlotte Wells

Drehbuch: Charlotte Wells

mit Paul Mescal, Frankie Corio, Celia Rowlson-Hall

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Aftersun“

Metacritic über „Aftersun“

Rotten Tomatoes über „Aftersun“

Wikipedia über „Aftersun“ (deutsch, englisch)

One Response to Neu im Kino/Filmkritik: Über Charlotte Wells Debüt „Aftersun“

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