
Der Bundespresseball ist eine der großen Veranstaltungen, auf denen sich Politik und Journalismus in Berlin treffen und ein festes Programm durchziehen.
Dieses Mal wird die eingeübte Routine unterbrochen von dem Tod des Bundeskanzlers Oskar Vergis und des Finanzministers Claas von der Linden. Beide werden während der Veranstaltung im Hotel Adlon mit dem exotischen Gift Batrachotoxin vergiftet.
Kriminaloberkommissar André Heidergott und seine Vorgesetzte Emily Schippmann beginnen als Teil der großen Ermittlungsgruppe mit der Suche nach dem Täter. Ein politisches Motiv ist naheliegend. Sie und ihre Kollegen müssen die echten von den vielen falschen Verdächtigen trennen und Tonnen an Videomaterial auf der Suche nach einer Spur sichten. Schnell entdecken sie auf einem Video den Kellner, der den beiden Opfern die Gläser auf den Tisch stellte. Im Gegensatz zu den anderen Kellnern standen auf seinem Tablett nur zwei Champagnergläser. Damit ist klar, dass es sich um einen gezielten Anschlag auf die beiden Politiker handelte. Noch verdächtiger wird der Kellner, weil er wenige Minuten nach der Tat in die Türkei flüchtet. Fast genauso schnell ist Heidergott überzeugt, dass dieser Kellner nicht die Tat geplant hat.
Alle anderen Ermittlungen verlaufen im Nichts. Nach mehreren Tagen haben sie immer noch keine heiße Spur. Aber einige der von ihnen Befragten deuten an, dass die Tat vielleicht von einem anderen Politiker oder einer im politischen Betrieb tätigen Person veranlasst wurde. Das ist für Wolfgang Ainetter, der von 2018 bis 2021 Sprecher im Bundesverkehrsministerium war, die Gelegenheit, ein wenig aus dem Innenleben der Bundespolitik und der verschiedenen Bundesministerien zu plaudern.
Der Fall selbst spielt während der Ampelregierung – oder präziser während einer Ampelregierung, die an die zerstrittene Ampelregierung erinnert. Die Minister im Buch heißen Norbert Bobeck (Wirtschaftminister), Alma Brock (Außenministerin) und Lucy Faenger (Innenministerin). Auch das weitere im Roman erwähnte politische Spitzenpersonal ist anhand ihrer Namen, Positionen und ihres Verhaltens ähnlich leicht erkennbar.
Als den Ermittlern in einem Video auffällt, dass das eine Glas nicht für den Finanzminister, sondern für Maresa Röhn, die mächtige „Wumms24“-Herausgeberin (so etwas wie „Bild“), bestimmt war, haben Heidergott und Schippmann endlich einen erfolgversprechenden Ermittlungsansatz.
„Ein Kanzleramtskrimi“ ist der zutreffende Zusatz von Wolfgang Ainetters zweitem Roman mit dem aus Wien stammendem Kommissar André Heidergott. Heidergott ist der immer wieder sympathisch abschweifende Ich-Erzähler der Geschichte.
Denn „Einigkeit und Recht und Rache“ ist letztendlich ein Regiokrimi. Viele Figuren sind nur leicht fiktionalisierte Versionen von aus der Realität bekannten Personen. Straßen, Verkehrsverbindungen, Örtlichkeiten und Lokale (sie werden am Buchende in einem „Diäten-Register“ aufgelistet) werden penibel genannt und immer ist Zeit für eine Mahlzeit. Das Privatleben der Ermittler gestaltet sich familiär. Der gar nicht so schlechte Fall wird eher nebenbei gelöst. Ainetter, der lange als Journalist arbeitete, unter anderem bei der „Bild“, erzählt die Geschichte des die Republik erschütternden Doppelmordes flott, unaufgeregt und mit einer angenehmen Erzählstimme.
Und weil die letztendlich harmlose Geschichte quasi vor meiner Haustür spielt, bin ich überaus positiv gestimmt. Das ist ein weiteres Kennzeichen eines Regiokrimis: Menschen, die in der Region leben, in der der Regiokrimi spielt, mögen die Geschichte, weil sie die Gegend wieder erkennen.
Das hat – und will – nichts mit den aufklärerischen Polit-Thrillern von Autoren wie Horst Eckert und Andreas Pflüger zu tun haben.
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Wolfgang Ainetter: Einigkeit und Recht und Rache – Ein Kanzleramtskrimi
Haymon Krimi, 2026
352 Seiten
14,95 Euro
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Hinweise
Homepage von Wolfgang Ainetter