Die Menschheit hat es mal wieder geschaft. In ihrem Spielfilmdebüt „Gorgonà“ kämpfen, so wird uns am Filmanfang gesagt, rivalisierende Banden gegeneinander und Benzin – wir sind immer noch abhängig davon – ist fast unbezahlbar. Für einen Kanister Benzin verkauft eine Familie ihre Tochter. Danach gehört sie Nikos, dem Herrscher über das Öl und dem Anführer einer Bande muskulöser Männer. Er ist todkrank. Maria soll seine Nachfolgerin werden. Die Männer lehnen das ab.
Visuell und durch den Einleitungstext – die Geschichte spielt in Griechenland in einer Dystopie, in der um die letzten Liter Benzin gekämpft wird – erinnert die Bildende Künstlerin Evi Kalogiropoulous „Gorgonà” selbstverständlich an Mad Max. Bei der Geschichte – es geht um die Nachfolge am Hofstaat – denkt man sofort an Shakespeare. Später wird es sogar etwas übersinnlich, was noch eine Box bei Shakespeare ausfüllt.
Aber das sind nur Neugierde weckende Schlagworte für eine Dystopie, die nie mehr als eine mit etwas Lesbensex garnierte Abfolge gut aussehender Stillleben ist Mit der richtigen musikalischen Untermalung können die muskulösen gemeinsam am Wasser trainierenden und tanzenden halbnackten Männer, die knapp bekleideteten, ebenso gut aussehenden, eher gelangweilt herumlungernden Frauen, die langen Motorradfahrten und die atmosphärischen Landschaftsaufnahmen gut als leicht schwülstiges Musikvideos funktionieren. Jeglicher Inhalt, jede Story verschwindet hinter der fotogenen Pose.
Der Kampf um Öl und die „Mad Max”-Welt sind letztendlich vollkommen unwichtig für einen Film, in dem es vor austauschbarer Kulisse um eine Nachfolgeregelung geht. Denn ob Nikos der Herrscher über das Öl oder über Prostituierte in einem Tanzlokal ist, ob er ein Gangster oder ein ganz normaler Firmenchef ist, ist egal. Wir sehen ihn nie bei der Arbeit. Wir sehen ihn beim Training mit seinen Männern und mit Maria. Und wenn einer seiner Fußsoldaten es wagt, ihm zu widersprechen, erschießt er ihn. So wie alle cholerischen Gangsterbosse es in schlechten Spielfilmen tun.
Dieser Verzicht auf ein genaueres Ausmalen der von Kalogiropoulou aus anderen SF-Werken recycelten Versatzstücken ist sogar eine ziemlich kluge Entscheidung. Denn die „Mad Max”-Welt ist eine aus den siebziger Jahre kommende Vision einer Welt ohne den damals benötigten Treibstoff. Nach der Ölkrise und der befürchteten Erderwärmung war die Angst vor einer nicht mehr bewohnbaren Erde global vorhanden. Es war eine reale Angst – und die Filme gaben darauf eine düstere Antwort. Dystopien, in denen sich seltsam gekleidete Männer in Wüstenlandschaften und Baugruben (beides der feuchte Traum der Buchhaltung) budgetschonend kloppten und töteten, überschwemmten die Kinos. Heute werden sie ab und an im Spätprogramm gezeigt oder poppen bei einem Streamingdienst auf. Sie sind nur noch putzige Erinnerungen an eine Vergangenheit, in der ein gut platzierter rechter Hacken alle Probleme löste.
Als Dystopien, die sich mit Problemen der Gegenwart beschäftigen, taugen sie nicht. Wir sind zwar immer noch vom Öl abhängig. Aber nicht mehr so sehr, wie vor fünfzig Jahren. Mit Windrädern, Sonnenkollektoren und Batterien gibt es die verwirklichbare Vision einer anderen Welt.
Die Aufgabe von Künstlern wäre es also, neue Bilder für die Zukunft zu entwerfen.
„Gorgonà“ wiederholt nur die alten Bilder mit einem Minimalplot und einem Maximum an Pose. Dass Frauen eine wichtigere Rolle haben, macht Kalogiropoulous SF-Film nicht zu einem feministischen Werk. Jedenfalls wenn man vom Feminismus mehr erwartet als die Ersetzung eines männlichen Bandenführers durch eine ähnlich brutal agierende Anführerin.

Gorgonà (Gorgonà, Griechenland/Frankreich 2025)
Regie: Evi Kalogiropoulou
Drehbuch: Louise Groult, Evi Kalogiropoulou
mit Melissanthi Mahut, Aurora Marion, Christos Loulis, Kostas Nikouli
Länge: 96 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Hinweise
Rotten Tomatoes über „Gorgonà“