In Cannes erhielt Bi Gans Science-Fiction-Film „Resurrection“ den Spezialpreis der Jury. Er erzählt von einer Zukunft, in der Menschen ewig Leben. Dafür haben sie aufgehört zu Träumen. Ein Namenloser macht sich mit dem Ziel, Träume vor dem Vergessen zu bewahren, auf eine Reise durch Raum und Zeit und fantastische Welten.
Für Bi Gan ist das eine Gelegenheit, viele dieser Träume zu zeigen. Sie ahmen dabei verschiedene Filmstile und Genres nach.
Es beginnt, wunderschön verspielt, mit dem Stummfilm, dem Expressionismus und dem magischen Realismus. Realität, also Filmrealität, Fantasie und Traum sind, höchst verspielt, untrennbar miteinander verbunden. Weiter geht es mit einem Noir-Traum, einer Samurai-Geschichte, einer Coming-of-Age-Vater-Tochter-Geschichte, einem Vampir- und Jugenddrama. Immer wieder verknüpft Bi Gan dabei verschiedene Stile und Genres. Immer wieder erinnern die Träume an frühere Filme und bekannte Figuren und Figurenkonstellationen.
Dieses Spiel mit den Genres ist mal mehr, mal weniger befriedigend. Vor allem das anfängliche Spiel aus der Welt und Zeit des Stummfilms gefällt.
Diese Verspieltheit und der Ideenreichtum des Anfangs wird in den späteren Träumen nicht mehr erreicht. Sicher, einige Träume haben beeindruckende Filmsequenzen und variieren gekonnt und geschickt die bekannten Erzählmuster dieser Geschichte. So ist ein Noir-Agententhriller mit einem Alain-Delon-Der-eiskalte-Engel-Lookalike immer sehenswert.
Aber es wird zunehmend müßig zu versuchen, einen großen, die Geschichten verbindenden Bogen herauszufinden. Regisseur Bi Gan will das auch nicht. Er will auch nicht eine bestimmte Interpretation vorgeben. Das ist sicher eine Stärke des Films – jeder Zuschauer kann seinen eigenen Film, der sich vollkommen von dem Film des Nachbarn unterscheidet, daraus machen – und eine Schwäche. Wer sich davon nicht angesprochen fühlt, glaubt, er befinde sich in einem schlecht gestaltetem Kaufhaus, begleitet von dem Manager, der einem beständig ins Ohr brüllt, alles sei einzigartig grandios.
Über 160 Minuten ergibt sich so nur eine Abfolge von Kurzfilmen, die nicht miteinander zusammenhängen. Entsprechend ermüdend und frustrierend ist das Ergebnis als Spielfilm, der die Geschichte einer Person und eines Problems, das sie lösen will, mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende erzählt. „Resurrection“ würde genausogut mit weniger oder mehr oder anderen Träumen funktionieren. Er würde vielleicht sogar besser als Serie funktionieren, in der der Protagonist in Träumen etwas herausfinden muss oder herausfindet. Je nach dem Interesse des Publikums kann die Serie dann kürzer oder länger ausfallen. Genausogut würde sie als YouTube-Serie funktionieren, zu der jeder seinen von einem anderen Filmgenre beeinflussten Traum hochladen kann.
Als 159-minütiger Spielfilm funktioniert das nicht.

Resurrection (Kuang ye shi dai, China/Frankreich/USA 2025)
Regie: Bi Gan
Drehbuch: Bi Gan, Zhai Xiaohui
mit Shu Qi, Jackson Yee, Mark Chao, Li Gengxi, Huang Jue, Chen Yonngzhong
Länge: 159 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
–
Hinweise
Moviepilot über „Resurrection“
Metacritic über „Resurrection“