Das Werk ist – – – nun, auch ohne nur eine Strophe von Homers im 8. Jahrhundert v. Chr. entstandenem Epos gelesen zu haben, kennen wir die Geschichte von Odysseus. Es gibt mehrere Übersetzungen, kindgerecht gekürzte Versionen, Verfilmungen und viele Filme, die von der Odyssee inspiriert sind. Und wir wissen, was eine Odyssee ist.
Jetzt verfilmte Christopher Nolan das aus vierundzwanzig Gesängen bestehende Epos mit einem Star-Ensemble, modernster Technik und einem Budget, das es ihm ermöglichte, seine Vision so zu verfilmen, wie er es sich wünschte. Der überwältigende Erfolg seines vorherigen Films „Oppenheimer“ war, so gibt Nolan freimütig zu, hilfreich für die Finanzierung des 250 Millionen US-Dollar teuren Films.
Homer erzählt in über zwölftausend Hexameterversen die, nach dem Sieg über Troja, zehn Jahre währende Heimreise von Odysseus (Matt Damon). Auf diese Irrfahrt (nein, ich schreibe jetzt nicht das O-Wort) wird der König von Ithaka von den Göttern Zeus und Poseidon geschickt als Strafe für seine Taten. Odysseus erlebt dabei etliche Abenteuer. Er wird an ungastliche Orte verbannt und jedes Abenteuer, das er überlebt, endet für einige seiner Soldaten tödlich.
Währenddessen wartet seine Frau Penelope (Anne Hathaway) auf der von ihm beherrschten Insel Ithaka auf ihn. Seit Jahren wird der Hof von Freiern, unter anderem dem hinterlistigem Antinoos (Robert Pattinson), belagert. Diese Schmarotzer glauben nicht mehr an eine Rückkehr des nach dem Krieg gegen Troja spurlos verschollenen Odysseus. Sie halten ihn für tot. Sie wollen die Witwe Penelope heiraten und so Herrscher über Ithaka werden. Aber sie zögert und schiebt die Entscheidung, wen sie als ihren neuen Gemahl auserwählen soll hinaus. Sie glaubt nämlich, dass ihr Mann Odysseus zurückkehren wird. Als Odysseus‘ Sohn Telemachos (Tom Holland) erwachsen ist, begibt er sich auf die Suche nach seinem Vater.
Zwanzig Jahre nach seinem Aufbruch wird Odysseus an die Küste von Ithaka angespült. Er gibt sich als Bettler aus. Bevor er seine Identität enthüllt, will er herausfinden, wie die Machtverhältnisse sind und was er tun muss, um wieder über sein Reich herrschen zu können.
Christopher Nolan nimmt die bekannten Eckpunkte von Homers Geschichte und präsentiert sie in seiner Interpretation.
Sein Odysseus ist kein siegreicher Feldherr, der auf seiner Heimreise fantastische Abenteuer erlebt, sondern ein von Schuldgefühlen geplagter Mann, der durch die Geschichte stolpert. Es ist dabei mehr Getriebener und Herumgestoßener als sein Schicksal beeinflussender Handelnder. Das ist auch schon in Homers Epos so. Aber bei Nolan gibt es letztendlich keine Götter mehr. Bei Homer stritten sie über das Schicksal von Odysseus. Bei Nolan sind sie in einer dystopischen Welt nur noch Randfiguren mit unklarem Einfluss.
Wie Homer erzählt Nolan die Geschichte von Odysseus mit Zeitsprüngen, Rückblenden, wechselnden Perspektiven und mehreren parallelen Handlungssträngen. Eine Chronologie ist kaum erkennbar. Ebenso wird auf erkennbare und eindeutige Ursache-Wirkungsketten verzichtet. Stattdessen bestimmen Chaos und Zufall das Geschehen und die Abfolge der Ereignisse. In dem Film führt das dazu, dass Odysseus und auch die anderen Figuren immer wieder in Situationen hineingeworfen werden, während sie durch die Landschaft irren und sterben. Die Odyssee wird zu einem planlosem Blättern in einem Tagebuch. Wer Homers Epos kennt, kann die Zusammenhänge erkennen und kennt die Gründe für die Handlungen von Odysseus. Wer das Epos nicht (mehr) kennt, erfährt immer nur Bruchstücke und wird durch die Filmgeschichte gestoßen. Der Krieg um Troja fokussiert sich auf die List mit dem Trojanischen Pferd, das am Anfang am Strand liegt. Es wird von den Trojanern in die Stadt gezogen. In der Nacht steigen aus dem Pferd Männer, die die Trojaner niedermetzeln. Einer der Männer ist Odysseus. Ähnlich kryptisch werden die anderen Abenteuer von Odysseus, wie seine Begegnung mit dem Zyklopen, den verführerisch singenden Sirenen, der Zauberin Circe und Kalypso geschildert.
Dummerweise führt Nolans Interpretation auch dazu, dass Odysseus zu einer ziemlich uninteressanten Figur wird, weil wir die Gründe für seine konkreten Handlungen in einer Situation oft nur erahnen können. Sein Wunsch, nach dem Krieg wieder in seine Heimat zu seiner Frau, seinem Sohn und seinem Reich zurückzukehren, bleibt natürlich nachvollziehbar. Aber es ist ein abstrakter Wunsch; ein Wunsch, den wir rational, aber nicht emotional nachvollziehen können, unter anderem weil die Eheleute durchgehend voneinander getrennt sind, wir nichts über ihre Beziehung vor der durch den Krieg erzwungenen Trennung erfahren und er seinen Sohn nicht kennt. Erst am Ende erklärt er Penelope, wie er seine Odyssee, die eine Strafe für seine kriegsentscheidende List im trojanischen Krieg und dem Sieg über Troja in einem Gemetzel ist, empfindet.
Auch die anderen Figuren sind ähnlich eindimensional und uninteressant.
Die Bilder, vollständig gedreht mit IMAX-Kameras, sollen fantastisch aussehen. Viele Szenen spielen nach Einbruch der Dunkelheit, in Innenräumen und Höhlen. Es sind dunkle Räume, die höchstens mit verschiedenen Arten von Flammen ausgeleuchtet sind. Das sieht manchmal beeindruckend aus. Insgesamt empfand ich sie durchgängig als zu dunkel und unscharf.
Christopher Nolans dreistündige Homer-Interpretation ist ein düsterer Mahlstrom. Die Inszenierung beeindruckt, ohne emotional packend zu sein.
Es kann allerdings sein, dass Nolans „Odyssee“ beim zweiten Sehen besser als beim ersten Sehen funktioniert. Dann weiß man, was passieren wird, man kann sich besser auf den zersplitterten, langsamen Erzählrhythmus und das konsequente Verweigern epischer Blockbuster-Wohlfühlmomenten einlassen.

Die Odyssee (The Odyssey, USA/Großbritannien 2026)
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
LV: Homer: Odyssee
mit Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Robert Pattinson, Lupita Nyong’o, Zendaya, Charlize Theron, Samantha Morton, John Leguizamo, Jon Bernthal, Himesh Patel, Bill Irwin, Elliot Page, Benny Safdie, Corey Hawkins, Mia Goth, Will Yun Lee
Länge: 173 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Die Vorlage

Es gibt verschiedene werkgetreue Übersetzungen – und gekürzte Ausgaben. Zu den neueren Übersetzungen gehört die von Karl Ferdinand Lempp (1913 – 1986). Es handelt sich um eine Prosa-Übersetzung der Gesänge. Lempp sagte, er habe sie angefertigt, um seinen Schülern den Zugang zu erleichtern. Für die NZZ ist es „die Nacherzählung einer packenden Abenteuergeschichte für ein Publikum ohne Vorbildung“.
–
Homer: Odyssee
(übersetzt von Karl Ferdinand Lempp)
Insel Verlag, 2026
464 Seiten
18 Euro
–
Erstausgabe
Insel Verlag, 2009
–
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Die Odyssee“
Wikipedia über „Die Odyssee“ (Epos: deutsch, englisch; Nolan-Verfilmung: deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Christopher Nolans „Interstellar“ (Interstellar, USA/Großbritannien 2014)
Meine Besprechung von Christopher Nolans „Dunkirk“ (Dunkirk, USA/Frankreich/Großbritannien 2017)
Meine Besprechung von Christopher Nolans „Tenet“ (Tenet, USA 2020)
Meine Besprechung von Christopher Nolans „Oppenheimer“ (Oppenheimer, USA 2023)