Neu im Kino/Filmkritik: Tom Cruise ist „Digger“ und Alejandro G. Iñárritu erzählt seine Geschichte

Maßlos beschreibt Alejandro G. Iñárritus neuen Film „Digger“ wohl am besten. Es ist ein Film, der von allem zu viel hat.

Der Ölmagnat Digger Rockwell (Tom Cruise) ist ein Erzkapitalist aus dem Bilderbuch. Er lebt in einem viel zu großen Palast, schläft in einem viel zu großen Bett, ist vulgär, pubertär, egoistisch, egozentrisch und, nun, das lebendig gewordene Cartoonbild eines mächtigen Kapitalisten. Das passt. Denn „Digger“ ist kein subtiles Drama, in dem die Schauspieler um feinste Nuancen kämpfen, sondern eine Farce auf den Kapitalismus, das US-amerikanische Großmachtdenken und über dumme mächtige Männer, die damit beschäftigt sind, selbstverschuldete Katastrophen zu bekämpfen, bevor sie zu noch größeren Katastrophen werden.

Das muss Digger jetzt tun. Bei Bohrungen in der Nähe des Nordpols, bei denen, auf seinen Befehl hin, jede bestehende und jede denkbare Sicherheitsvorschrift missachtet wurde, löste sich ein riesiger Eisberg. In Rekordgeschwindigkeit treibt er auf Europa zu und er wird den gesamten Kontinent begraben. Nur Digger, so versichern ihm der US-Präsident und seine Minister und Generäle, kann die Katastrophe verhindern.

„The Revenant“-Regisseur Alejandro G. Iñárritu erzählt diese Katastrophengeschichte als sich in wenigen Innenräumen abspielende grelle, aufgrund ihrer Länge zunehmend monoton werdende Farce.

Vor allem die mächtigen Männer sind als debile Idioten hemmungslos überzeichnet. Das führt dazu, dass Tom Cruise sein schauspielerisches Talent, das er hier, nach Jahrzehnten in Mainstream-Blockbuster-Filmen, wieder demonstrieren wollte, nicht ausspielen kann. Digger ist eine eindimensionale Figur, die im Rahmen des präsentiertes Stückes, noch weiter zugespitzt wird. Er ist die überdimensionale Parodie eines skrupellos die Erde ausbeutenden Kapitalisten, der über keinen menschlichen Wesenszug verfügt. Das spielt Cruise in all seinen Übertreibungen gut, aber auch eindimensionaler als die vielen in den vergangenen Jahrzehnten von ihm gespielten Helden. Sein Captain Pete „Maverick“ Mitchell in „Top Gun: Maverick“ ist gegen Digger Rockwell eine subtile Charakterstudie.

Die anderen Schauspieler, unter anderem Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller, Michael Stuhlbarg und Jesse Plemons, haben in dieser Farce, weil ihre Auftritte kürzer sind, die besseren Karten.

Die absurd aus dem Ruder laufende Geschichte, die so auch schon vor fünfzig Jahren hätte spielen können, steht in der Tradition von Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (Dr. Strangelove or: How I learned to stop worrying and love the Bomb, Großbritannien 1964, 102 Minuten, später von Kubrick auf 95 Minuten gekürzt). Dieser Klassiker ist über eine halbe Stunde kürzer als Iñárritus Komödie. Und diese Laufzeit ist ein Problem. Denn „Digger“ hat keine komplexe Geschichte. Er ist nicht subtil, sondern grotesk überzeichnet und eindeutig. Über epische hundertdreißig Minuten wird immer wieder der gleiche Punkt gemacht: Wir werden von größenwahnsinnigen Idioten beherrscht, mit denen wir freiwillig keine fünf Minuten verbringen möchten.

Ein weiteres Problem von „Digger“ ist eine Enthüllung, die ziemlich früh im Film erfolgt und die besser erst im oder kurz vor dem dritten Akt erfolgt wäre.

So läuft „Digger“ wie Diggers Aktionen aus dem Ruder. Während die Trottel aus der Wirtschaft und Politik versuchen, die Welt, die sie gerade zerstören, zu retten, lacht das Publikum über deren Demaskierung.

Digger (Digger, Großbritannien/Mexiko/USA 2026)

Regie: Alejandro G. Iñárritu

Drehbuch: Alejandro G. Iñárritu, Alexander Dinelaris, Nicolás Giacobone, Sabina Berman (nach einer Geschichte von Sabina Berman, Alejandr G. Iñárritu und Jez Butterworth)

mit Tom Cruise, Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller, Michael Stuhlbarg, Jesse Plemons, Robert John Burke, Emma D’Arcy

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Moviepilot über „Digger“

Metacritic über „Digger“

Rotten Tomatoes über „Digger“

Wikipedia über „Digger“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Biutiful“ (Biutiful, Mexiko/USA 2010)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ (Birdman, USA 2014)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „The Revenant – Der Rückkehrer (The Revenant, USA 2015)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“ (Bardo, falsa crónica de unas cuantas verdades, Mexiko 2022)

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