Irgendwo in Russland in der Provinz: Gleb ist ein erfolgreicher Firmeninhaber, verheiratet und Vater. Sie leben in einem noblen, sehr westlich eingerichtetem Haus im Wald an einem See. Auf den ersten Blick ist alles perfekt. Aber nach Russlands Überfall auf die benachbarte Ukraine flüchten etliche Mitarbeiter in den Westen. Jeder seiner Arbeitstage beginnt mit der Meldung, wer nicht zur Arbeit erschienen ist. Zusätzlich bittet ihn die Regierung, vierzehn seiner Mitarbeiter für die ‚Spezialoperation‘ abzustellen. Gleb fragt sich, wen von seinen Angestellten er in den ziemlich sicheren Tod schicken soll.
Auch im Privaten häufen sich die Probleme. Seine Frau Galina betrügt ihn. Das kann und will er nicht akzeptieren.
Ruhig, sehr ruhig, immerhin hat „Minotaurus“ eine stolze Länge von 142 Minuten, erzählt Andrey Zvyagintsev von Glebs Leben und wie es immer mehr aus dem Ruder läuft. Er gehört eindeutig zur oberen Schicht. Er hat den Habitus eines Mitglieds der Bourgeoisie. In diesen Momenten wirkt Zvyagintsevs Film, als habe er Claude Chabrols bitterböse und präzise Analyse der französischen Gesellschaft, vor allem der französischen Gesellschaft der sechziger und siebziger Jahre, als er einige seiner besten und einflussreichsten Kriminaldramen drehte, auf die russische Gesellschaft übertragen. Das funktioniert erstaunlich gut. Zvyagintsev hat nicht nur Chabrols Gesellschaftsporträt, sondern einen seiner besten Filmen, nämlich „Die untreue Frau“ (La femme infidèle, Frankreich 1969), in die Gegenwart und in die russische Provinz verlegt.
Wenn man das während des Films begreift oder schon vorher weiß, dann kennt man natürlich die Geschichte und fragt sich, warum Zvyagintsev 45 Minuten mehr braucht als Chabrol, um diese Geschichte von Eifersucht, Mord und Liebe zu erzählen. Die anfängliche Spannung verfliegt, weil man den sich langsam entfaltenden, chronologisch und unterkühlt erzählten Plot, seine Wendungen und auch die Schlusspointe kennt. Ob Zvyagintsev Chabrols Schlusspointe genau so wiederholt oder, immerhin entstand Chabrols Film vor über fünfzig Jahren und spielte in einer anderen Gesellschaft, variiert, ist in dem Moment schon zweitrangig.
Insgesamt ist Zvyagintsevs Krimidrama über eine fremdgehende Frau und ihren eifersüchtigen Ehemann einfach zu lang. Daran ändert Zvyagintsevs Anklage gegen das System Putin und die präzisen, oft packenden, aber immer auch langen Miniaturen aus dem Leben in einer Provinzstadt, und etliche wegen ihrer Inszenierung atemberaubenden Szenen nichts.

Minotaurus (Minotaur, Frankreich/Lettland/Deutschland 2026)
Regie: Andrey Zvyagintsev
Drehbuch: Simon Lyashenko, Andrey Zvyagintsev (nach dem Drehbuch „Die untreue Frau“ von Claude Chabrol)
mit Dmitriy Mazurov, Iris Lebedeva, Boris Kudrin, Yuriy Zavalnyouk, Varvara Shmykova, Vladimir Friedman
Länge: 142 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Rotten Tomatoes über „Minotaurus“