Jason Starr erzählt „Wolverine: Der Beschützer“

Februar 26, 2014

Starr - Wolverine MAX Der Beschützer

Seit einigen Jahren schreibt Noir-Autor Jason Starr, dessen Romane bei Diogenes erscheinen und dessen umwerfend komische Zusammenarbeit mit Ken Bruen bei Rotbuch erschien, auch Comics. Unter anderem eine inzwischen auf fünfzehn Hefte angewachsene „Wolverine MAX“-Serie.

Mit „Der Beschützer“ liegt jetzt der zweite Sammelband dieser „Wolverine MAX“-Serie vor, der die weitgehend voneinander unabhängigen Geschichten „Der Beschützer“ und „Die lange Straße“ enthält.

In „Der Beschützer“ ist Logan, nachdem er in Japan alles verlor, in Los Angeles angekommen. Sein Gedächtnis hat er zwar immer noch nicht gefunden, aber dafür einen Hund, den er „Hund“ nennt. Gegenüber einer Strandschönheit erklärt er den Namen seines vierbeinigen Begleiters lakonisch mit: „Ich mag’s gern einfach.“

Einfach, aber etwas seltsam, ist dann auch ihr Auftrag. Er soll sie durch die Stadt fahren. Sie nennt sich Candance ‚Candy‘ Cassidy, was eine Lüge ist, und sie hat Ärger mit einem Pornofilmproduzenten. Logan fährt seine Krallen aus und mischt sich als Wolverine höchst blutig ein.

In „Die lange Straße“ ist er dann, nachdem er in seinem Schrottauto einen Zettel fand, der ihm in Las Vegas eine Antwort auf seine Fragen versprach, auf den Weg in die Glücksspielstadt. Auf dem Weg trifft er einen Mann, der ihn von früher kennt.

In dem bekannten „Wolverine“-Serienkorsett ist kein Platz für den typischen Jason-Starr-Protagonisten. Immerhin ist Wolverine ein ständig stinkiger, unsterblicher Mann mit einem überaus gutem Sensorium für Gefahren. Der normale Jason-Starr-Protagonist ist ein an seinen Ambitionen scheiternder Mann, der sich oft mit schlecht bezahlten Jobs, die unter seinem intellektuellem Niveau liegen, durchschlägt. Das ist dann doch zu Noir für eine „Wolverine“-Geschichte. Und das furiose, schwarzhumorige Rondell des Scheiterns, das Starr, zusammen mit Ken Bruen, in den drei Max-und-Angela-Geschichten abbrannte, passt auch nicht in den „Wolverine“-Kosmos.

Dennoch sind diese beiden „Wolverine“-Geschichten ziemlich düster geraten. Immerhin stolpert hier ein Mann ohne Gedächtnis durch eine Welt, die er nicht wirklich begreift. Einmal als Bodyguard, der getötet werden soll. Einmal als Reisender, der Menschen begegnet, die etwas von ihm wollen. Und anscheinend wissen alle mehr über ihn, als er über sich selbst. Auch das ist ziemlich noir – und nicht ohne eine gehörige Portion absurden Humor.

Dennoch ist „Der Beschützer“ eher etwas für die „Wolverine“- als für die Jason-Starr-Fans.

Oh, und wie ein Blick auf seine Homepage verrät: einige Verfilmungen sind auf einem sehr guten Weg. Ich bin gespannt.

Jason Starr (Autor)/Felix Ruiz (Zeichner)/Roland Boschi (Zeichner): Wolverine MAX: Der Beschützer (Maximum 56)

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini, 2014

116 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Wolverine MAX – Volume 2

Marvel, 2013

enthält

The Protector (Wolverine MAX 6 – 8)

Long Road (Wolverine MAX 9 – 10)

Hinweise

Homepage von Jason Starr (sogar mit einigen Worten an seine deutschen Leser)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Flop“ (Bust, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Crack“ (Slide, 2007)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Attica“ (The MAX, 2008)

Meine Besprechung von Jason Starrs „Brooklyn Brothers“ (Lights Out, 2006)

Meine Besprechung von Jason Starrs „Stalking“ (The Follower, 2007)

Meine Besprechung von Jason Starrs „Panik“ (Panic Attack, 2009)

Jason Starr in der Kriminalakte


Wieder erhältlich: James Sallis: Nachtfalter

Februar 24, 2014

 

Sallis - Nachtfalter - DuMont 2014 - 2

Erst seit der grandiosen Verfilmung von „Driver“ (Drive, 2005) ist James Sallis auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Unter Krimifans hatte er davor schon einen guten Namen, allerdings auch einen überschaubaren Fankreis. Denn James Sallis schreibt kein Bestsellerfutter und auch keine gewöhnlichen Kriminalromane, in denen tapfere Ermittler böse Mörder jagen. Er benutzt das Genre um, wie in eine dehnbare Vase, seine Inhalte einzufüllen. Er will die Genreregeln dehnen, ohne sie zu brechen.

Dieses literarische Programm verfolgt er schon seit seinem ersten Roman „Stiller Zorn“/“Die langbeinige Fliege“ (The long legged fly, 1992), der auch der Auftakt seiner sechsbändigen, in New Orleans spielenden Lew-Griffin-Serie ist. Sein zweiter Griffin-Roman „Nachtfalter“, der jetzt wieder veröffentlicht wurde, war für den Shamus als bester Privatdetektivroman nominiert. Lawrence Block gewann ihn mit seinem Matthew-Scudder-Roman „Der Teufel weiß alles“ (The Devil knows you’re Dead; – Ahem, noch ein Lesebefehl!).

In „Nachtfalter“ sucht der Ex-Privatdetektiv und Schriftsteller Lew Griffin nach dem Tod seiner Freundin LaVerne deren spurlos verschwundene Tochter Alouette in den Straßen von New Orleans – und, wie immer bei Sallis, steht bei ihm nicht der Fall im Mittelpunkt. Aber während das bei anderen Autoren ein Knock-Out-Kriterium ist, ist es bei Sallis der Grund, den Roman zu lesen.

Wer also einen Roman lesen will, der wirklich das Etikett „Literarischer Kriminalroman“ verdient hat, sollte unbedingt zugreifen.

Und vielleicht werden jetzt auch die weiteren Griffin-Romane übersetzt.

James Sallis: Nachtfalter

(übersetzt von Georg Schmidt)

DuMont, 2014

256 Seiten

8,99 Euro

Deutsche Erstausgabe 2000 als Band 20 der „DuMont Noir“-Reihe.

Originalausgabe

Moth

Carrol & Graf, New York, 1993

Hinweise

Homepage von James Sallis

Eindrücke vom Berlin-Besuch von James Sallis

Meine ‘Besprechung’ von James Sallis’ „Deine Augen hat der Tod“ (Death will have your eyes, 1997)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Driver“ (Drive, 2005)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Dunkle Schuld“ (Cypress Groove, 2003)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Dunkle Vergangenheit“ (Cripple Creek, 2006)

Meine Besprechung von James Sallis’ “Dunkles Verhängnis” (Salt River, 2007)

Meine Besprechung von James Sallis’ “Der Killer stirbt” (The Killer is dying, 2011)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Driver 2“ (Driven, 2012)

Meine Besprechung der James-Sallis-Verfilmung “Drive” (Drive, USA 2011)

Meine Besprechung von James Sallis‘ „Stiller Zorn“ (The long legged fly, 1992)

James Sallis in der Kriminalakte (natürlich mit vielen weiterführenden Links und Videos)

Thrilling Detective über Lew Griffin


Der Edgar-Gewinner „In der Nacht“ von Dennis Lehane

Februar 22, 2014

Ein neuer Roman von Dennis Lehane ist immer gut für einige spannende Lesestunden. Das gilt auch für „In der Nacht“, seinen in den Zwanzigern und Dreißigern spielenden Gangsterroman, der – verdient – 2013 den Edgar als bester Kriminalroman des Jahres erhielt.

So – das war der Teil für alle, die wirklich jeden SPOILER vermeiden wollen, aber wissen wollen, ob es ein gutes Buch ist.

Ja, es ist ein gutes Buch.

Und ab jetzt werde ich, weil ich nicht vollkommen gekünstelt herumschwurbeln will (was dann auch wieder Spoiler durch die Hintertür wären), einiges von der Geschichte und Teile des Endes spoilern. Aber das Wissen um das Ende hat uns echten Gangsterkrimifans noch nie vom Genuss des Werkes – ich sage nur „Scarface“ – abgehalten.

Als Dennis Lehane 1994 mit seinem ersten Kenzie/Gennaro-Privatdetektivroman „Streng vertraulich“ (A Drink before the War) die Szene betrat, wurde er gleich zum Liebling der Krimifans. In Deutschland dauerte es fünf Jahre, bis seine Romane übersetzt wurden und man nahm dann keine Rücksicht auf die Reihenfolge, in der die durchaus miteinander zusammenhängenden Romane in den USA veröffentlicht wurden.

Nach fünf Kenzie/Gennaro-Geschichten konzentrierte Lehane sich ab 2001, bis auf „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010), auf Einzelwerke, in denen er verschiedene Subgenres ausprobierte. Sehr erfolgreich. Am Bekanntesten sind, auch wegen der erfolgreichen Verfilmungen „Mystic River“ und „Shutter Island“ (wobei mir hier das Buch viel besser gefällt). Außerdem wurde der Kenzie/Gennaro-Roman „Gone, Baby, Gone“ verfilmt. Ebenfalls eine äußerst gelungene Verfilmung.

Wenn sein neuester Roman „In der Nacht“ verfilmt wird, dann wohl nur als Film mit Überlänge oder, was besser wäre, als Mini-TV-Serie. Denn Lehane erzählt auf gut sechshundert kurzweiligen Seiten die Geschichte von Joe Coughlin von 1926 bis 1935. Er gehört zur Familie Coughlin, die wir aus „Im Aufruhr jener Tage“ (The given Day, 2008) kennen. Der Roman spielte unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg in Boston und Joes älterer Bruder Danny stand im Mittelpunkt. Inzwischen ist Danny nicht mehr Polizist und hat Boston verlassen.

1926 ist der neunzehnjährige Joe Coughlin Laufbursche und kleiner Gangster in Boston. Nach einem Überfall beginnt er eine Beziehung mit Emma Gould, der Freundin des Gangsterbosses Albert White. Als ein Banküberfall grandios schiefgeht, wird er zu einer zweijährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Im Nachgang des Überfalls starb auch Emma bei einem Autounfall.

Im Gefängnis nimmt ihn der mit White verfeindete Gangsterboss Maso Pescatore unter seine Fittiche. Er schickt Coughlin, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wird, nach Ybor, Florida. Dort steigt Coughlin zum lokalen Gangsterboss auf, indem er den Schmuggel von Alkohol professionalisiert, enge Kontakte zu den dortigen ethnischen Minderheiten hat, sich in die Kubanerin Graciella verliebt, immer wieder, auch skrupellos, aber meistens langfristig planend, seine Interessen durchsetzt, und mit ihr in Kuba ein neues Heim aufbaut.

Lehane folgt dabei, mit eher kleinen, aber interessanten Variationen und etlichen breit geschilderten Episoden, wie den Überfall auf das Waffenlager eines Kriegsschiffes und natürlich etlichen Konflikten mit anderen Gangstern, dem Ku-Klux-Klan und der lokalen Oberschicht, den vertrauten Pfaden des klassischen Gangsterromans vom Aufstieg und Niedergang eines Gangster.

Die wichtigste Variation ist der Protagonist. Joe Coughlin ist ein aus einem guten Haus kommender, gebildeter junger Mann. Sein Vater ist der Stellvertretende Polizeichef von Boston. Damit ist er das Gegenteil des klassischen Gangsters, der ein großmäuliger Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen ist, ein oft nicht besonders gebildeter Einwanderer ist, der letztendlich an sich selbst scheitert. Al Capone war das Vorbild für diesen Typ. Little Caesar und Scarface die literarischen und filmischen Verarbeitungen dieses Typs. Der Ire Coughlin schlägt da mehr nach den jüdischen Gangstern, wie Meyer Lansky, die das Gangstertum als eine Phase betrachteten, um an Geld zu kommen. Ihre popkulturelle Faszination und Strahlkraft ist deutlich geringer.

Die zweite Variation ist, dass in „In der Nacht“ die Phase des Niedergangs fehlt. Joe Coughlin kann sein Imperium konsolidieren. Er liegt am Ende nicht im Schmutz. Bei ihm blinkt kein „The World is yours“ im Hintergrund.

Und dennoch, wenn man sich Coughlin und seine Beziehungen zu seinen Frauen ansieht, ist das Ende düsterer als das der klassischen Gangsterkrimis.

Lehane - In der Nacht - 2

Dennis Lehane: In der Nacht

(übersetzt von Sky Nonhoff)

Diogenes, 2013

592 Seiten

22,90 Euro

Originalausgabe

Live by Night

William Morrow, New York, 2012

Dennis Lehane besucht Deutschland

Mittwoch, 19. März, Köln Lit.Cologne

Donnerstag 20. März, Zürich, Kaufleuten

Freitag, 21. März, Berlin, Max und Moritz

Samstag, 22. März, München, Literaturhaus

Hinweise

Perlentaucher über Dennis Lehanes „In der Nacht“

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung der Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Christian De Metters Comicversion von Dennis Lehanes “Shutter Island” (Shutter Island, 2008 [Comic])

Dennis Lehane in der Kriminalakte


Alter Scheiß? George V. Higgins: Die Freunde von Eddie Coyle

Februar 19, 2014

Higgins - Die Freunde von Eddie Coyle - 2

Es gibt einige legendäre Buchanfänge.

Jackie Brown at twenty-six, with no expression on his face, said that he could get some guns. ‚I can get your pieces probably, six pieces. Tomorrow night. In a week or so, maybe ten days, another dozen. I got a guy coming in with at least ten of them but I already talk to another guy about four of them and he’s, you know, expecting them. He’s got something to do. So, six tomorrow night. Another dozen in a week.’“ gehört dazu. Es ist der Anfang von von „The Friends of Eddie Coyle“ von George V. Higgins, einem Klassiker des Gangsterkriminalromans, der nach seinem Erscheinen 1971 in den USA für frischen Wind im Genre sorgte. Übersetzt ins Deutsche erschien der Roman erstmals zwei Jahre später als „Hübscher Abend bis jetzt“. Jetzt, in der neuen und angenehm flüssig zu lesenden Übersetzung von Dirk van Gunsteren liest sich der Anfang von „Die Freunde von Eddie Coyle“ so:

Jackie Brown war sechsundzwanzig und verzog keine Miene, als er sagte, er könne ein paar Waffen besorgen. ‚Wahrscheinlich kann ich die Dinger morgen Abend liefern. Wahrscheinlich sechs. Morgen Abend. In einer Woche oder zehn Tagen noch mal ein Dutzend. Mein Lieferant bringt mindestens zehn Stück mit, aber vier davon hab ich schon einem anderen Kunden versprochen, und der verlässt sich darauf. Hat was zu erledigen. Also sechs morgen Abend und noch mal ein Dutzend in einer Woche.’“

Gegenüber von Jackie Brown sitzt Eddie Coyle, ein 44-jähriger, verheirateter Gewohnheitsverbrecher mit drei Kindern, der einerseits sein nächstes Ding plant, andererseits eine Verurteilung befürchtet. Denn er wurde mit einem Laster geklauter Ware erwischt und erwartet dafür, angesichts seiner bisherigen Verurteilungen, einen weiteren Gefängnisaufenthalt, den er gerne vermeiden möchte – und da bietet ihm Jackie Brown gerade einen Weg an. Wenn er Detective Dave Foley, für den er ab und an als Spitzel arbeitet, verrät, für wen die anderen Waffen, die Jackie Brown verkaufen will, sind, könnte der ein gutes Wort für ihn einlegen. Soweit der Plan.

Legendär ist der Anfang von „Die Freunde von Eddie Coyle“ nicht, weil George V. Higgins in seinem Romandebüt im ersten Absatz in die Welt und die den Roman bestimmenden Konflikte einführt, sondern weil seine Dialoge – und der Roman besteht fast nur aus Dialogen – wie Abhörprotokolle klangen. Entsprechend schwer ist es, die alltäglichen Gespräche der Gangster und wenigen Polizisten zu übersetzen. Es soll natürlich klingen, Slang soll vorkommen, aber so, dass er nicht zwei Jahre später nur noch gekünstelt und veraltet wirken. Eben das, was heute die Übersetzungen und Synchronisationen von älteren Gangsterfilmen oft so unerträglich macht. Harte Gangster, die „Zuckerpüppchen“ und „flotte Biene“ sagen, sind einfach lächerlich. Diese Fehler vermeidet Dirk van Gunsteren, der bereits „Ich töte lieber sanft“ von Higgins übersetzte.

Higgins, der Staatsanwalt und Anwalt war, porträtierte in „Die Freunde von Eddie Coyle“ die Gangsterwelt als ein redseliges Volk, das sich hemmungslos verrät und die Polizei muss einfach nur abwarten. Denn einer redet immer. Manchmal auch zwei oder drei. Dabei versuchen sie sich, wenn sie in Gesprächen vor mehr oder weniger stark vor sich hin monologisieren, sich vor allem vor sich selbst zu rechtfertigen und so auch die Welt zu erklären. Denn: wie rechtfertigt man einen Verrat?

Gleichzeitig zeichnet Higgins in „Die Freunde von Eddie Coyle“ ein düsteres Bild der USA während des Vietnam-Krieges und vor dem Watergate-Skandal. Bei ihm gibt es keine Ehre unter Verbrechern. Alle sind korrupt. Alle sind nur auf ihren Vorteil bedacht und auch die Polizei hat überhaupt kein ernsthaftes Interesse an der Bekämpfung des Verbrechens. Anstatt selbst zu ermitteln, warten sie ab, wie ihnen Verbrecher und Revolutionäre – wir reden von 1971 – ins Netz gehen.

Diese nihilistische Welt von Eddie Coyle, die erschreckend banalen Intrigen und die Dialoge sind auch heute noch überzeugend. Das von George V. Higgins benutzte Stilmittel, die Geschichte vor allem in realistisch klingenden Dialogen zu erzählen, hat sich in den vergangenen Jahren wegen der vielen Nachahmer abgenutzt.

Aber ein guter Gangsterkrimi ist der Roman immer noch und natürlich muss jeder, der sich auch nur halbwegs ernsthaft mit der Geschichte des Kriminalromans auseinandersetzt, das Buch gelesen haben.

Oder könnt Ihr euch einen Jazzfan vorstellen, der „A love Supreme“ von John Coltrane nicht kennt?

George V. Higgins: Die Freunde von Eddie Coyle

(übersetzt von Dirk van Gunsteren)

Kunstmann, 2014

192 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

The Friends of Eddie Coyle

Alfred A. Knopf, 1971

Verfilmung

(ein toller Film, der endlich mal wieder im TV laufen oder auf DVD veröffentlicht werden sollte)

Die Freunde von Eddie Coyle (The Friends of Eddie Coyle, USA 1973)

Regie: Peter Yates

Drehbuch: Paul Monash

mit Robert Mitchum, Peter Boyle, Richard Jordan, Steven Keats, Alex Rocco, Joe Santos, Mitch Ryan

Hinweise

Fantastic Fiction über George V. Higgins

Krimi-Couch über George V. Higgins

Wikipedia über George V. Higgins (deutsch, englisch)

New York Times über George V. Higgins

Mulholland Books: Brian Greene über George V. Higgins

Elmore Leonard über George V. Higgins

Weekly Lizard: Justin Peacock über George V. Higgins und das Must-Read-Book “The Friends of Eddie Coyle”

National Post: Robert Fulford über George V. Higgins

Meine Besprechung von Andrew Dominiks „Killing them softly“ (Killing the softly, USA 2012)

Meine Besprechung von George V. Higgins‘ „Ich töte lieber sanft“ (Cogan’s Trade, Killing them softly, 1974)


Robert B. Parker bietet ein „Miese Geschäfte“ und „Resolution“ an

Februar 17, 2014

Parker - Resolution - 2Parker - Miese Geschäfte - 2

Wie üblich beginnt auch „Miese Geschäfte“, der für uns neue Spenser-Roman (in den USA erschien er bereits 2004), ohne eine Vorrede. Marlene Rowley beauftragt Spenser, Beweise für die Untreue ihres Mannes zu finden. Der Privatdetektiv nimmt den Fall an – und kurz darauf ist das Ziel seiner Beobachtungen tot. Trent Rowley wurde, nach dem Feierabend, in seinem Büro erschossen. Der Täter konnte entkommen. Spenser, der während der Tatzeit vor dem Firmensitz des Energiekonzerns Kinergy auf Rowley wartete, will jetzt natürlich den Täter finden.

Außerdem möchte er herausfinden, warum Rowleys Arbeitskollege Bernie Eisen einen Privatdetektiv für die Beobachtung seiner Frau Ellen engagierte. Sie ist die Geliebte von Rowley. Gleichzeitig engagierte Rowley einen Detektiv, der seine Frau Marlene beschatten soll. Wirklich neugierig wird Spenser, als er herausfindet, dass die beiden Männer die Aufträge niemals vergaben. Und was hat ein windiger Sex-Berater und Radiomoderator, bei dem alle in den Fall involvierten Personen mehr oder weniger in Therapie waren, damit zu tun?

Es gibt viele Fragen in „Miese Geschäfte“ und Robert B. Parker entwickelt ziemlich wenig Ehrgeiz, daraus eine stringente Geschichte zu stricken. Er lässt Spenser, seine Freundin Susan Silverman und seinen Freund Hawk durch einen labyrinthischen bis chaotischen Plot, bei dem es um Partnertausch und Finanzmanipulationen geht, schlendern.

Bei mir stellte sich jedenfalls nie das bekannt-wohlige Robert-B.-Parker-Lesegefühl ein. Das kann auch an der Übersetzung liegen. Denn „Miese Geschäfte“ wurde nicht von seinem Stammübersetzer Emanuel Bergmann, sondern von Marcel Keller übersetzt und bei dem von Bergmann übersetzten Western „Resolution“ stellt sich das wohlige Parker-Lesegefühl schon auf der ersten Seite ein.

In „Resolution“ nimmt Everett Hitch in dem Kaff Resolution (zwei Holzhütten, vier Saloons, kein Sheriff) einen Job als Aufpasser in dem Lokal von Amos Wolfson an. Schnell wird er zu dem inoffiziellen Stadtsheriff und er gerät zwischen die Fronten. Denn Wolfson bekämpft sich mit O’Malley, dem Besitzer einer Mine, und den lose organisierten Viehzüchtern. Der Konflikt verschärft sich, als er das Land der Rancher als Bezahlung für ausstehende Schulden will. Dabei gewährte er ihnen den Kredit mit der Absicht an ihr Land zu kommen. Sie wollen sich gegen diese Enteignung wehren.

Und O’Malley engagiert einige Revolvermänner, die es mit Hitch aufnehmen können.

Da ist es gut, dass Virgil Cole inzwischen ebenfalls in Resolution aufgetaucht ist. Allerdings ist er, nachdem er einen Liebhaber seiner Freundin erschoss, von Selbstzweifel geplagt. Bislang tötete er nämlich immer im Auftrag des Gesetzes und deshalb unterschied er sich – so seine lauwarme Rechtfertigung – von gewöhnlichen Revolvermännern.

Trotz Coles Selbstzweifel mutiert er in „Resolution“ zur Western-Ausgabe von Hawk. Genau wie Spensers unbesiegbarer Freund ist er der schnellste Schütze in der Gegend und er hält loyal zu seinem Freund. Deshalb nimmt er auch den ihm angebotenen Job nicht an. Und wenn Cole Hawk ist, ist Hitch Spenser.

Der Roman selbst, der öfters die Ereignisse in „Appaloosa“, dem ersten Abenteuer von Everett Hitch und Virgil Cole, anspricht, ist wieder ein kurzweiliges Western-Best-of, erzählt in Robert B. Parkers angenehm ruhigen Stil, gewürzt mit Humor, moralischen Erörterungen und einigen Einzeilern.

Robert B. Parker: Miese Geschäfte

(übersetzt von Marcel Keller)

Pendragon, Bielefeld 2013

240 Seiten

10,99 Euro

Originalausgabe

Bad Business

G. P. Putnam’s Sons, 2004

Robert B. Parker: Resolution

(übersetzt von Emanuel Bergmann)

Europa Verlag, Zürich 2013

224 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Resolution

G. P. Putnam’s Sons, 2008

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Trügerisches Bild“ (Painted Ladies, 2010)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Bitteres Ende” (The Professional, 2009)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Wildnis“ (Wilderness, 1979)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Appaloosa“ (2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Appaloosa“ (Appaloosa, 2005) (Übersetzung)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Das dunkle Paradies” (Night Passage, 1997)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte


Don Winslow übt im Blockbuster-Modus „Vergeltung“

Februar 12, 2014

 

Dass ein Autor ab und an etwas Neues ausprobiert, ist okay. Auch wenn er dabei scheitert. Dabei ist „Vergeltung“, der neue Roman von Don Winslow, nicht vollkommen gescheitert. Er ist nur ein von der ersten bis zur letzten Seite vorhersehbarer Söldner-Thriller, der dem Genre absolut keine neue Facetten abgewinnt. Er liest sich wie die Vorlage für einen weiteren Film im „The Expendables“-Fahrwasser und weil – so mein Gedächtnis; einen Beleg habe ich jetzt nicht gefunden – Don Winslow in den vergangenen Jahren, vor allem im Zusammenhang mit der enttäuschenden „Savages“-Verfilmung, viel Kontakt mit Hollywood hatte, liest sich „Vergeltung“ wie eine Geschichte, die Winslow für ein Studio entwickelte und jetzt, vor der Verfilmung, zu ein Buch umarbeitete. Denn hier sitzen, im Gegensatz zu den anderen Romanen von Don Winslow, die Plot-Points vorbildlich nach der eingeübten und bei Filmen sinnvollen Drei-Akt-Struktur von dem Ende des ersten Akts (auf Seite 103 mit „David Collins zieht wieder in den Krieg.“) bis zum auf Seite 402 beginnendem Finale („Tag der Abrechnung.“), das mit gut neunzig Seiten auch ungefähr die entsprechende Filmlänge hat.

Davor erleben wir, wie Dave Collins, Ex-Delta-Force-Soldat und jetzt Sicherheitschef am John-F.-Kennedy-Airport, kurz vor Weihnachten bei einem Anschlag auf ein Flugzeug seine Frau und seinen Sohn verliert. Die Regierung sagt, dass es sich nicht um einen Anschlag, sondern um einen Unfall handelte.

Als Collins die Beweise für den Anschlag auf einem Silbertablett präsentiert bekommt, entschließt er sich, die Mörder seiner Familie zu finden und zu töten. Er engagiert eine Gruppe Söldner und auf geht die Hatz nach dem bösen Terroristen Abdullah Aziz um die halbe Welt, garniert mit zwei großen Action-Set-Pieces (das erste in der Mitte des Buches), in denen Collins und seine Jungs zeigen können, was sie drauf haben.

Spannungssteigernd plant Aziz einen noch viel größeren Anschlag.

Vergeltung“ ist ein 08/15-Söldner-Actioner mit entsprechend eindimensionalen Charakteren in einer entsprechend vorhersehbaren Geschichte, bei der es vor allem auf den großen Wumms ankommt. Diffizile Charakterzeichnungen gehören nicht dazu. Der Bösewicht Aziz ist einfach nur ein durchgeknallter Islamist; was natürlich zur Botschaft des Werkes passt. Die Söldner sind noch echte Kerle, die Schweiß für ein Deo halten. Beamte warmduschende Weicheier und Frauen Nebensache.

Der Roman lässt sich, vor allem wenn man auf diese Sorte von Geschichten steht und den ideologischen Ballast ignoriert, durchaus flott weglesen, aber das typische Don-Winslow-Lesegefühl stellt sich nie ein.

P. S.: Das Cover vermittelt, wenn wir die Werbezeile „Einer der besten Krimiautoren der Welt mit seinem bislang härtesten Thriller“ weglassen, einen präzisen Eindruck vom Inhalt.

Winslow - Vergeltung

Don Winslow: Vergeltung

(übersetzt von Conny Lösch)

Suhrkamp, 2014

496 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Vengeance

2013

(noch nicht erschienen)

Hinweise

Hollywood & Fine: Interview mit Don Winslow (11. Juli 2012)

Homepage von Don Winslow

Deutsche Homepage von Don Winslow

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)

Meine Besprechung von Don Winslows „Savages – Zeit des Zorns“ (Savages, 2010)

Meine Besprechung von Don Winslows „Kings of Cool“ (The Kings of Cool, 2012)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Don Winslow in der Kriminalakte


Martin Cruz Smith, Arkadi Renko und „Tatjana“

Februar 12, 2014

Dass eine Leiche verschwindet, ist in Moskau nichts Ungewöhnliches. Dass es sich dieses Mal um die Leiche der Enthüllungsjournalistin Tatjana Petrowna handelt, die aus dem sechsten Stock stürzte, ist auch nicht besonders ungewöhnlich. So etwas passiert halt schon einmal in einer chaotischen Millionenstadt in den zahlreichen Leichenschauhäusern. Außerdem ist der Fall sowieso schon abgeschlossen. Es war Suizid. Und sowieso wollte niemand die Leiche für eine Beerdigung haben.

Aber Arkadi Renko, der unbestechliche Polizist, der seinen ersten Auftritt 1981 in „Gorki Park“ hatte und seitdem immer wieder in Konflikt mit seinen Vorgesetzten und den Machthabern geriet, ist neugierig. Auch weil in der gleichen Woche ein milliardenschwerer Verbrecher erschossen wurde. Er schnüffeln etwas herum, entdeckt mehrere Spuren nach Kaliningrad, dem Heimathafen der Baltischen Flotte, und Verbindungen zwischen der Journalistin und dem Verbrecher.

Mit „Tatjana“, dem achten Arkadi-Renko-Roman, setzt Martin Cruz Smith seine Chronologie des Wandels in der Sowjetunion fort, die sich wie ein Blick in die aktuellen Schlagzeilen liest: ein dysfunktionaler Staat, der von Oligarchen und zu Demokraten gewandelten Apparatschiks beherrscht wird, bittere Armut von vielen und obszöner Reichtum von wenigen Menschen, mit dem Leben bedrohte Journalisten, schmutzige Geschäfte zwischen Staat, Verbrechern und Militärs und eine Missachtung von Menschenleben.

Hinter diesem eindrücklichem Porträt einer korrupten Gesellschaft, in der das Recht des Stärkeren und die Macht der Korrupten herrscht, verschwindet die Krimihandlung. Denn wer auch nur einige Polit-Thriller gelesen hat, wird in „Tatjana“ das Komplott ziemlich schnell durchschauen. Aber auch in den vorherigen Renko-Romanen war die Krimihandlung nicht gerade der wirklich starke Teil der Geschichte, die man nicht mit der russischen Wirklichkeit verwechseln sollte. Auch wenn es schwer fällt. Denn „Tatjana“ ist kein Tatsachenbericht, aber so nah an der Wirklichkeit, dass man das gerne vergisst.

Ein lesenswerter Thriller, in dem wir auch Renkos aus den vorherigen Romanen bekannten Freunden wieder begegnen, ist es sowieso.

Smith - Tatjana - 2

Martin Cruz Smith: Tatjana

(übersetzt von Susanne Aeckerle)

C. Bertelsmann, 2013

320 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Tatjana

Simon and Schuster, New York, 2013

Hinweise

Homepage von Martin Cruz Smith

Meine Besprechung von Martin Cruz Smiths „Stalins Geist“ (Stalin’s Ghost, 2007)

Meine Besprechung von Martin Cruz Smiths „Die goldene Meile“ (Three Stations, 2010)

Meine Besprechung von Martin Cruz Smiths „Gorki Park“ (Gorky Park, 1981)

Und hier ein schöner Ausschnitt aus einem aktuellen Gespräch zwischen Martin Cruz Smith und Michael Connelly

Das ganze Gespräch

Das erinnert mich daran, dass der neue Connelly, wieder mit Harry Bosch, bei mir rumliegt und er auch – ungelesen – ein absoluter Lesetipp ist

Connelly - Der Widersacher - 2

Michael Connelly: Der Widersacher

(übersetzt von Sepp Leeb)

Knaur, 2014

464 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

The Drop

Little, Brown and Company, 2011


„Roter Herbst“ – Eine Reise in die Vergangenheit

Februar 5, 2014

 

Mader - Roter Herbst - 2

Wenn ich ein Buch in der Hand habe, das eine „Begegnung mit den Schatten, die die BRD in den 70er Jahren heimgesucht haben“ verspricht, dessen Prolog im Herbst 1977 spielt und das „Roter Herbst“ heißt, dann erwarte ich einen Polit-Thriller, der sich mit der RAF, dem Linksterrorismus und dem Agieren des Staates im Deutschen Herbst beschäftigt und entweder 1977 oder kurz davor spielt. Jedenfalls sollte die Erklärung der in der Gegenwart spielenden Ereignisse (hier: Frühjahr 2011) mit der Vergangenheit verknüpft sein. Gerne auch mit einem ordentlichem Schuss paranoider Verschwörungstheorie.

Nun, „Roter Herbst“ von Raimund A. Mader ist das nicht. In seinem dritten Roman mit Kommissar Adolf Bichlmaier, dienstuntauglich seit über einem Jahr, schickt er ihn von Regensburg nach Norddeutschland. Bichlmaiers Reise endet in der kleinen Stadt M. (yep, sehr geheimnisvoll). In der dortigen Kaserne war er 1971 als Soldat stationiert.

Als er durch das Moor wandelt, trifft er auf Martin Berger, einen ungefähr vierzigjährigen Mann mit Down-Syndrom, der wenige Meter weiter eine Leiche entdeckte, die – wie es sich heutzutage für einen Krimi gehört – dekorativ einige Meter über dem Erdboden in dem Stamm eines Baums befestigt ist und dessen Hände entfernt wurden. Bichlmaier kommt das Gesicht des verstümmelten Mannes bekannt vor und er beginnt mit der einheimischen Kommissarin Amanda Wouters zu ermitteln. Sie hat, wie öfters gesagt wird, eine beeindruckende Oberweite und dürfte damit als Fünfzigjährige Pamela Anderson ohne Schönheits-OPs durchgehen.

Aber anstatt die beiden Kommissare zielgerichtet ermitteln zu lassen, erfahren wir viel, vor allem viel überflüssiges über die verschiedenen Charaktere und ihr Leben, es gibt eine durchgehend melancholische Grundstimmung in der alle irgendwie ihrer Vergangenheit hinterhertrauern und Bichlmaier ist überzeugt, dass der heutige Mord an dem unbekannten Mann irgendwie mit seiner Bundeswehrzeit vor vierzig Jahren zusammenhängt.

Roter Herbst“ ist letztendlich eine ziemlich enttäuschende Angelegenheit. Denn anstatt den Krimiplot und die Verschwörungstheorie energisch voranzutreiben, wird dies eher pflichtschuldig mitgeschleift. Wirklich wichtig wird die banale Verschwörungstheorie auch erst am Ende und da wirkt sie wie hastig angeklebt. Denn eigentlich steht eine verkorkste Familiengeschichte, die allerdings auch meistens im Ungefähren bleibt, im Mittelpunkt des Romans.

Vor dem Finale, natürlich mit Schießerei und einem Toten, gibt es viel erzählerischen Leerlauf. So wird die Identität des Toten erst kurz vor Schluss enthüllt. Davor stochert die Polizei im Nebel und – grundlos – in der Vergangenheit herum. Die Charaktere bleiben erstaunlich blass. Sie blicken ständig melancholisch auf ihr Leben, das episch vor uns ausgebreitet wird, zurück. Dabei gibt es für sie keine Konflikte, aber viele Erinnerungen an ihre Jugend. Vieles wird auch nur angedeutet. So als habe man die Ereignisse vor und nach der Tat, aber nicht die Tat selbst, beobachtet. Einiges wird dann später aufgeklärt. Vieles nicht. Nein, spannend ist das nicht. Und interessant als Studie über Erinnerungen, Entscheidungen, die ein Leben beeinflussen, und Vergangenheitsbewältigung ist es auch nicht.

Raimund A. Mader: Roter Herbst

Gmeiner, 2013

320 Seiten

11,99 Euro

Hinweis

Homepage von Raimund A. Mader

 

 


Ein Blick auf einige neuere Werke von Alan Moore

Januar 22, 2014

 

Moore - Fashion Beast 1Moore - Die Liga der aussergewöhnlichen Gentlemen 2009

Moore - Die Liga der aussergewöhnlichen Gentlemen Das schwarze DossierMoore - Neonomicon

Für seine Jünger ist Alan Moore, der mit „Watchmen“, „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ und „From Hell“ ja einige veritable Klassiker schrieb, ein Heiliger.

Für eher profane Geister ist er ein guter Comic-Autor mit einem durchwachsenem Oeuvre, wie auch ein Blick auf seine zuletzt in Deutschland erschienenen Werke zeigt.

Fashion Beast“ ist seine neueste Kreation; – wobei das nicht so genau stimmt. Denn der Ursprung der Geschichte ist ein Filmtreatment von Alan Moore und Malcolm McLaren aus den Achtzigern, das jetzt von Antony Johnston zu einem Comic verarbeitet wurde.

In der in einer dystopischen Welt spielenden Geschichte träumt der Transvestit Doll, während die meisten Menschen um ihre nackte Existenz kämpfen, von einem Leben auf dem Laufsteg. Als sie ihre Arbeit als Garderobiere in einem Nobel-Disco verliert, spricht sie bei dem legendären Modeschöpfer Celestine vor – und wird, wider Erwarten, als Modell genommen.

Wahrscheinlich weil „Fashion Beast“ bereits 1985 geschrieben wurde, wirkt die Geschichte anachronistisch. Das zeigt sich vor allem daran, wie die Modewelt gezeichnet wird und dass das damalige Zeitgefühl, in dem man sich täglich vor der Apokalypse in Form eines Dritten Weltkriegs, den Grenzen des Wachstums, Umweltkatastrophen und damit dem Ende des westlichen Lebensmodells fürchtete und dem Ende mit einer nihilistischen Punk-Attitüde begegnete. Immerhin war der Modemacher Malcolm McLaren auch Manager der „Sex Pistols“.

Dazu gesellen sich storytechnische Probleme. Denn „Gefeuert“ erzählt die erste Hälfte der Geschichte von Doll. Allerdings erfolgte bislang nur ein Set-Up, bei dem weitgehend unklar ist, in welche Richtung die Geschichte sich bewegen soll.

2009“ erzählt eine weitere, ziemlich kurze Geschichte aus der Welt der „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“. Sie ist der abschließende Teil der Jahrhundert-Trilogie (aka Century-Trilogie), spielt 2009, wechselt ziemlich flüssig zwischen den verschiedenen Welten und verliert irgendwo dazwischen eine nachvollziehbare Geschichte. Immerhin erklärt ein Alan-Moore-Lookalike die Mission: „Dieses Reich hat sich darauf verlassen, dass du für uns den Propheten Antichrist findest, sodass wir die Apokalypse verhindern können.“

Wahrscheinlich aufgrund der Kürze fühlt sich die Geschichte wie eine Skizze an, die sich, auch aufgrund ihrer nur angerissenen Hintergrundgeschichten über die Hauptcharaktere, vor allem an Menschen richtet, die mit dem „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“-Kosmos vertraut sind.

Deutlich besser ist, ebenfalls mit der „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“, „Das schwarze Dossier“, das auch einen Blick in die Geschichte der Liga wirft, weil Wilhelmina ‚Mina‘ Murray und Allan Quatermain 1958 das titelgebende „Schwarze Dossier“ in einem England, das etwas anders ist, als das England, das wir aus den Geschichtsbüchern kennen, stehlen und es auf ihrer Flucht lesen. Das Dossier ist eine Sammlung von verschiedenen Dokumenten, die etwas mit der Geschichte der Liga zu tun haben, wie „Die Abstammung der Götter“ von Okkultfachmann Oliver Haddo, einer Faksimilie-Ausgabe des Trump-Heftes „Das Leben von Orlando“ (eine bebilderte Biographie), „Feenlands Schicksalsfügung“ von William Shakespeare, „Die neuen Abenteuer der Fanny Hill“ von John Cleland, ein Prospekt von London, wie es 1901 zur Zeit der ersten Murray-Gruppe aussah, „Die irrsinnig weite Ewigkeit“ von Sal Paradyse, eine „Zusammenfassung des des Direktors“ von M und einige Postkarten.

Das ist einerseits witzig zu lesen, wenn Autor Alan Moore und Zeichner Kevin O’Neill mit jedem Dokument radikal den Stil wechseln, sich Zeichengeschichten mit Texten abwechseln. Allerdings ist es auch ungefähr so spannend, wie die Lektüre einer Akte oder, positiv gesagt, einer Zeitschrift.

Dazwischen gibt es eine Verfolgungsjagd mit einem leichten „Die 39 Stufen“-Touch: Bulldog Drummond, Emma Night (aka Emma Peel) und eine James-Bond-Pastiche verfolgen Murray und Quatermain quer durch die englische Landschaft.

Das gelungenste Werk im neuen Output von Alan Moore ist „Neonomicon“. In dem Sammelband sind die sehr locker miteinander verbundenen Geschichten „The Courtyard“ (2003) und „Neonomicon“ (2010/2011) enthalten, die auf Lovecrafts Cthulhu-Mythos basieren und einige ungeahnte Hintergründe über die Entstehung der Cthulhu-Geschichten enthüllen.

In der ersten Geschichte „The Courtyard“ untersucht FBI-Agent Aldo Sax eine Serie von Ritualmorden und stößt auf eine vom Cthulhu-Mythos inspirierte Subkultur.

In der vierteiligen Geschichte „Neonomicon“ sitzt Sax in einem Hochsicherheitstrakt. Die FBI-Agenten Gordon Lamper und Merril Brears untersuchen eine ähnliche Mordserie in Connecticut. Sie vermuten, dass ein seit Jahrzehnten agierender Kult dahinter steckt. Undercover versuchen sie ihn zu infiltrieren, was keine so gute Idee ist.

Alan Moore (Manuskript, Original-Drehbuch)/Malcolm McLaren (Original-Drehbuch)/Antony Johnston (Comic-Skript)/Facundo Percio (Zeichnungen): Fashion Beast: Gefeuert (Band 1)

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2013

132 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Fashion Beast # 1 – 5

August 2012 – Januar 2013

Alan Moore/Kevin O’Neill: Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: 2009

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2013

84 Seiten

12,95 Euro

Originalausgabe

The League of Extraordinary Gentlemen #3: 2009

2011

Alan Moore/Kevin O’Neill: Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Das schwarze Dossier

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2013

212 Seiten

29,99 Euro

Originalausgabe

The League of Extraordinary Gentlemen: Black Dossier

2007

Alan Moore/Jacen Burrows: Neonomicon

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2011

160 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe/enthält

The Courtyard (Januar/Februar 2003)

Neonomicon #1 – 4 (Juli 2010/August 2010/Oktober 2010/Februar 2011)

Hinweise

Comic Book Database über Alan Moore

Alan-Moore-Fanseite (etwas veraltet)

Wikipedia über Alan Moore (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons’ „Watchmen“ (Watchmen, 1986/1987)

Meine Besprechung von Alan Moore/Eddie Campbells „From Hell“ (From Hell, 1999)

 

 


Das Syndikat und sein „Secret Sercive – Jahrbuch 2014“

Januar 20, 2014

Syndikat - Secret Service Jahrbuch 2014

Das neue Jahrbuch „Secret Service“ der deutschsprachigen Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“ ist erschienen und, wie in den vergangenen Jahren ist es ein echtes Mixed Bag. Es gibt Thomas Przybilkas Bibliographie von wichtiger Sekundärliteratur, Befragungen der Glauser-Preisträger, Kurzgeschichten, Hintergrundinformationen und Berichte. Was ja auf den ersten Blick nicht schlecht aussieht, aber entscheidend ist die Ausführung.

Also, die Befragungen der Glauser-Preisträger sind wie immer interessant. Dieses Mal wird bei einigen Preisträgern – nachdem ich es bei früheren Ausgaben monierte – sogar erwähnt, für welche Werke sie vom „Syndikat“ ausgezeichnet wurden. Inzwischen habe ich den Verdacht, dass das „Syndikat“ den Preis vergibt, aber die Werke für so unwichtig oder schlecht hält, dass es keine weitere Werbung dafür machen will. Jedenfalls gibt es hier in der Kriminalakte, wie in den vergangenen Jahren, wieder einmal die Liste der Preisträger und ihrer ausgezeichneten Werke:

Bester Roman: Kriegsgebiete, von Roland Spranger

Bestes Debüt: Tödliche Fortsetzung, von Marc-Oliver Bischoff

Bester Kurzkrimi: Hackfleisch, von Regina Schleheck (in „Mordsgerichte“)

Hansjörg-Martin-Preis (Kinder- und Jugendkrimipreis): Elefanten sieht man nicht, von Susan Kreller

Ehrenpreis (für besondere Verdienste um die deutschsprachige Kriminalliteratur): Gunter Gerlach

Ebenfalls sehr interessant ist eine kleine Autorenbefragung, an der sich Jürgen Kehrer, Michael Kibbler, Gisa Klönne, Paul Lascaux, Iny Lorentz, Nele Neuhaus, Ingrid Noll, Thomas Raab, Eva Rossmann und Klaus-Peter Wolf beteiligten. Sie durften aus einem Fragenkatalog vier Fragen auswählen und beantworten.

Witzig sind dieses Mal die Kurzgeschichten geraten, die nur wenige Zeilen, meist eine Drittel Seite, lang sind und durchgehend gelungen sind. Tödliche Krimiwitze eben.

Ziemlich uninteressant sind dagegen die Texte, die sich mit „Information“ und „Weiterbildung“ (Vorwort der Herausgeberin) beschäftigten.

Wie schon im letzten Jahr schreibt ein Rechtsmediziner über „Rechtsmedizin – Geschichte und Zukunft“. Gibt es bei der Polizei nicht auch andere Arbeitsbereiche? Spurensuche? Profiling? Cybercrime? Bestimmte Arbeitsbereiche der Polizei, zum Beispiel: wie läuft eine Mordermittlung ab? Was darf ein Polizist?

In „Recherche Reloaded. Das Internet als Arbeitshilfe für Krimiautorinnen und Krimiautoren“ erklärt Viktor Iro den Aufbau eines Textes, den nur „Syndikat“-Mitglieder bekommen.

Ebenso enttäuschend ist „Gut gemacht, Daniel“, in dem ein Interview mit Daniel Holbe, der die Romanserien des überraschend verstorbenen Andreas Franz weiterschreibt, angekündigt wird. Von dem Interview schafften es ungefähr zwei Sätze in den fünfseitigen Text.

In „Die Liga der außergewöhnlichen Ermittlerfiguren“ werden eine Reihe ungewöhnlicher Ermittlerfiguren aufgelistet, was ungefähr den Reiz eines Lexikonartikels verströmt. Denn ohne Wertung stehen Laien, Antihelden und ein Magier-Detektiv nebeneinander und erst in der Bibliographie, die es zum Glück gibt, erfährt man, wann und wo deren Abenteuer veröffentlicht wurden. Wobei einige schon lange nicht mehr erhältlich sind. Naja, so einen Artikel kann ich auch schreiben, wenn ich mich einige Minuten vor mein Bücherregal stelle.

Und wenn ich dann die Bücher herausziehe, kann ich den Artikel über Romananfänge schreiben. Denn Jürgen Ehlers listet einfach, ohne Wertung, Romananfänge auf. Am Ende der sechzehn Seiten bleibt die Erkenntnis, dass man eine Geschichte verschieden beginnen kann. Wer hätte das erwartet?

Besser wäre es gewesen, wenn er erklärt hätte, welche Romananfänge besser, welche schlechter sind und warum das so ist.

Mein Fazit ist, wie in den letzten Jahren: In der Bibliothek besorgen.

Syndikat (Herausgeber): Secret Service – Jahrbuch 2014

Gmeiner 2014

288 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Homepage vom Syndikat

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2009“

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2011“

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2012“

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2013“


Verfilmte Bücher: „Erbarmen“ ist „Erbarmen“

Januar 15, 2014

Adler-Olsen - Erbarmen - Movie-Tie-In

Die am 23. Januar startende Verfilmung von Jussi Adler-Olsens „Erbarmen“ veranlasste mich jetzt dazu, endlich den Bestseller zu lesen. Dass ich meine Probleme mit skandinavischen Kriminalromanen habe und mir viele, wie Stieg Larsson und Lars Kepler, nicht gefallen, dürfte hinlänglich bekannt sein. Deshalb stehen Skandinavier mit ihren Wälzern nicht unbedingt ganz oben auf meiner Leseliste.

Trotzdem. Ich könnte mich ja irren und einige Skandinavier (Sjöwall/Wahlöö, Matti Rönkä, Jon Ewo [Warum hat der Unionsverlag nicht mehr den dritten Torpedo-Roman übersetzt?]) haben mir ja gefallen.

In „Erbarmen“, dem ersten Fall von Carl Mørck wird, nachdem ein Einsatz grandios schiefging, ein Polizist starb und der andere vom Kopf abwärts gelähmt ist (Remember Lincoln Rhyme?), Mørck zum Leiter des neugegründeten Dezernat Q ernannt, was eine direkte Beförderung auf das Abstellgleis ist. Denn das Dezernat Q soll alte Fälle wieder aufrollen. Aber die vom Parlament bewilligte gute Ausstattung geht, dank der liebevollen Planung von Mørcks Chef, vollständig in die normale Kriminalpolizei, während Mørck einen Platz im Keller (ganz am Ende des Ganges und dann noch einige Meter weiter) erhält. Erst nach Protesten bekommt er einen Mitarbeiter für Putz- und Hilfsarbeiten. Dieser, Hafez el-Assad, ein syrischer Immigrant mit unklarer Vergangenheit, erweist sich bald als große Hilfe, die auch oft die treibende und vernünftigere Kraft bei den Ermittlungen ist.

Als ersten Fall wählen sie das bis jetzt ungeklärte Verschwinden der Abgeordneten Merete Lynggaard aus. Sie verschwand vor einigen Jahren spurlos von einer Fähre. Offiziell wurde der Fall als Suizid abgeschlossen. Ihr geistig behinderter Bruder Uffe kam in eine noble Psychiatrie. Mørck und Assad entdecken schnell Ungereimtheiten.

In diesem Moment wissen wir, dass Merete in einem luftdicht abgeschlossenem Raum von mehreren Personen gefangen gehalten wird und, weil ein Ereignis aus Meretes Kindheit, ein Autounfall mit mehreren Toten, öfter angesprochen wird, können wir uns denken, dass es einen Zusammenhang zwischen ihrer Geiselnahme und dem Unfall gibt; – was ja kein Problem für eine ordentliche Thriller-Spannung wäre.

Aber furchtbar spannend ist „Erbarmen“ nicht. Dafür ist er viel zu unlogisch. Denn Mørck führt seine Ermittlungen ausgesprochen unprofessionell. So beginnt er die ersten Gespräche mit Zeugen, ohne die Akten gelesen zu haben. Eigentlich stolpert er die gesamte Zeit durch seine Ermittlungen. Er stochert überall herum, in der Hoffnung, dass er irgendetwas findet.

Der Bösewicht hat zwar ein gutes Motiv. Denn Rache geht immer. Aber er sperrt sein Opfer nur jahrelang ein und fragt sie ab und an, warum er sie eingesperrt habe. Bei einer falschen Antwort wird der Luftdruck in der Kammer erhöht. Das ist eine besonders unglückliche „Oldboy“-Variante (und war schon da vor allem ein Konstrukt). Denn woher soll Merete wissen, warum sie eingesperrt wird? Warum unternimmt der Geiselnehmer nichts, sondern pflegt sie jahrelang? Eine auch nur halbwegs befriedigende Antwort darauf gibt Jussi Adler-Olsen nicht.

Die Verfilmung ist ein typischer skandinavischer Thriller mit etlichen Szenen, die offenkundig die Saat für Ereignisse legen, die in den weiteren Mørck-Verfilmungen wichtig werden. Sie ist gelungener als der Roman. Vor allem weil sie deutlich weniger Lebenszeit stiehlt und die Ermittlungen logischer sind.

Inzwischen verfilmt das gleiche Team „Schändung“, den zweiten Carl-Mørck-Roman.

Adler-Olsen - Erbarmen

Jussi Adler-Olsen: Erbarmen

(übersetzt von Hannes Thiess)

dtv premium 2009

420 Seiten

14,90 Euro (dtv premium)

9,95 Euro (Taschenbuch)

Zum Filmstart erschien ein Movie-Tie-In.

Originalausgabe

Kvinden i buret

Politikens Forlagshus A/S, Kopenhagen, 2008

Verfilmung

Erbarmen - Plakat - 4

Erbarmen (Kvinden i buret, Dänemark/Deutschland/Schweden 2013)

Regie: Mikkel Nørgaard

Drehbuch: Nikolaj Arcel

mit Nikolaj Lie Kaas, Fares Fares, Sonja Richter

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Kinostart: 23. Januar 2014

Hinweise

Dänische Homepage von Jussi Adler-Olsen

Deutsche Homepage von Jussi Adler-Olsen

Krimi-Couch über Jussi Adler-Olsen

Wikipedia über Jussi Adler-Olsen

Homepage zum Film


Orson Scott Cards „Ender’s Game“: der Comic und der Roman

Januar 6, 2014

Inzwischen liegt der zweite und abschließende Band der Comicversion von Orson Scott Cards mit dem Hugo- und Nebula-Preis ausgezeichnetem Science-Fiction-Klassiker „Ender’s Game“ vor, die Verfilmung ist auch schon angelaufen – und ich kann jetzt, immerhin ist der Roman bei uns wesentlich unbekannter als in den USA, unbefangener das Ende der Geschichte von Ender Wiggin diskutieren, ohne dass über Spoiler rumgemault wird.

Wir erinnern uns: Nach einer Invasion der Krabbler (aka Formics), die verhindert werden konnte, rüstet die Menschheit seit Jahrzehnten gegen einen neuen Angriff der Krabbler auf. In einer Kampfschule werden Kinder zu Soldaten ausgebildet. Der beste Soldat ist der am Anfang der Geschichte sechsjährige Ender Wiggin, der durch sein strategisches Talent beeindruckt und in wenigen Jahren zum Anführer der Menschheit gegen die außerirdischen Invasoren werden soll.

Im ersten Teil des Comics „Ender’s Game – Das große Spiel“ wurde der Anfang von Enders Ausbildung gezeigt und auch angesprochen, dass sein Training manipuliert wird, um seine Fähigkeiten voll zu entfalten. Am Ende wurde ihm gesagt, dass er sich für die nächste Stufe seiner Ausbildung, die Kommandantenschule, qualifiziert habe.

Im zweiten Teil wird die weitere Ausbildung des nun neunjährigen Jungen gezeigt. Gegen Ende (genaugenommen am Ende des vierten von fünf Heften) übernimmt der legendäre Mazer Rackham, der im vorherigen Krieg die Krabbler besiegte, seine weitere Ausbildung und im titelgebenden „großen Spiel“, das der Abschluss von Enders Ausbildung sein wird, besiegt er als Kommandant eine riesige Flotte von Angreifern.

Danach erfährt er, dass dieses und die vorherigen Spiele keine Spiele waren, sondern er der Befehlshaber über die gesamte Truppen der Menschheit war und er in seinem letzten Spiel die gesamte Rasse der Krabbler vernichtete.

Im Comic, der sich auf die verschiedenen Übungskämpfe von Ender konzentriert, spielt dieses Dilemma, dass er eine ganze Spezies vernichtete, keine Rolle.

Im Film wird es deutlicher angesprochen. Denn Ender kann nur, wie mehrmals betont wird, seinen Gegner vernichten, wenn er ihn vollkommen versteht – und dann auch liebt. Weil die Krabbler mit ihm über ein Computerspiel bereits – ohne dass er es wusste – Kontakt aufgenommen haben, findet er aber noch das befruchtete Ei einer Krabblerkönigin, mit dem er, wenn er einen neuen Planeten für es findet, seine Schuld etwas ausgleichen kann.

Im Buch, das der Auftakt zu weiteren Geschichten mit Ender ist, wird es noch deutlicher.

Denn Orson Scott Card zeigt in seinem Debütroman „Enders Spiel“ und der Jahre später entstandenen Parallelgeschichte „Enders Schatten“, in dem er Enders Ausbildung und die große Schlacht aus der Sicht von Bean, einem außergewöhnlich intelligentem Untergebenen von Ender, erzählt, viel deutlicher die menschenverachtende Ausbildung von Ender, die nur möglich wird, weil das Militär die Macht übernehmen konnte und die Angst vor einem unbekannten Feind herrscht. „Enders Spiel“ ist hier nur verständlich vor der Folie des Kalten Krieges, der als nie direkt angesprochener Subtext den gesamten Roman durchzieht. In dem 1999 entstandenem „Enders Schatten“ fehlt dieser Subtext, was zu interessanten Verschiebungen führt. Immerhin wurde damals in der internationalen Politik von einer immer stärkeren Verflechtung der Staaten, der zunehmenden Rolle von friedensstiftenden internationalen Kooperationen (im Fachjargon „Regime“) und sogar einem Ende von Kriegen gesprochen.

In beiden Romanen durchzieht die Darstellung der Manipulation der gesamten Ausbildung der Soldaten durch ihre Vorgesetzten die gesamte Geschichte. Es ist immer deutlich, dass die Auszubildenden nur Bauern in einem Spiel sind, was durch die Idee, dass hier Kinder für die Zwecke des Militärs benutzt werden, noch menschenverachtender wird.

In einem Subplot, der im Film und im Comic fehlt, spricht Orson Scott Card die Politik und die Rolle der Medien an. Denn in „Enders Spiel“ beginnen die beiden etwas älteren Geschwister von Ender eine Karriere als politische Kommentatoren – und er beschreibt in diesem Erzählstrang erstaunlich präzise, wie das heutige Internet funktioniert. Die beiden Geschwister schreiben ihre Kommentare unter zwei Tarnidentitäten (die eine ist kriegstreibend, die andere friedliebend) zuerst in politischen Diskussionsforen und, nachdem sie genügend Follower haben, auch in den Leitmedien. Dabei ahnt niemand, dass sogar die politische Elite auf Kinder hört.

Aber der größte Clou von „Enders Spiel“ ist das Ende. Denn nachdem Orson Scott Card vorher die Ausbildung in der Kampfschule so genau beschrieb, dass sogar das US-Militär den Roman auf seine Leseliste für Offiziersanwärter gesetzt hat, gibt es jetzt eine Wendung. Nach dem vorherigem Angriff, bei dem die Krabbler vernichtend geschlagen wurden, haben sie sich auf ihre Welt zurückgezogen und alle Invasionspläne fallen gelassen. Ender hat also einen Gegner besiegt, der überhaupt nicht mehr kämpfen wollte.

Gleichzeitig erkennen wir, dass die gesamte Kriegsparanoia nur funktionierte, weil die Militärs (und die Politik) niemals auf Verständigung, sondern immer nur mit Angst und Aggression operierte. In dem Moment wird der Roman, der sich vorher teilweise wie eine konservative Kampfschrift las (und Orson Scott Card ist vor solchen Anwandlungen nicht gefeit), zu einem Aufruf zur Verständigung. Zum Dialog.

Card - Ender s Game - 2

Orson Scott Card (Projektleitung)/Christopher Yost (Skript)/Pasqual Ferry (Zeichnungen): Ender’s Game – Das große Spiel (Band 2)

(übersetzt von Bluna Williams)

Panini, 2013

132 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Ender’s Game: Command School 1 – 5

Marvel 2010

Die Vorlage

Card - Enders Spiel - 2Card - Enders Schatten - 2

Orson Scott Card: Enders Spiel

(übersetzt von Karl-Ulrich Burgdorf)

Heyne, 2012

464 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Ender’s Game

Tor, 1985

(1991 erschien eine vom Autor leicht überarbeitete Ausgabe)

Frühere deutsche Ausgaben als „Das große Spiel“ und, als Doppelband mit dem zweiten Ender-Roman, als „Ender“.

Orson Scott Card: Enders Schatten

(übersetzt von Regina Winter)

Heyne, 2013

592 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Ender’s Shadow

Tor, 1999

Die Verfilmung

Ender s Game - Plakat

Ender’s Game – Das große Spiel (Ender’s Game, USA 2013)

Regie: Gavin Hood

Drehbuch: Gavin Hood

LV: Orson Scott Card: Ender’s Game

mit Asa Butterfield, Harrison Ford, Ben Kingsley, Abigail Breslin, Hailee Steinfeld, Moises Arias, Viola Davis, Nonso Anozie, Aramis Knight, Jessica Harthcock

Länge: 114 Minuten

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Moviepilot über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Metacritic über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Rotten Tomatoes über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Wikipedia über „Ender’s Game – Das große Spiel“ (deutsch, englisch)

Homepage von Orson Scott Card

Phantastik-Couch über Orson Scott Card

Wikipedia über Orson Scott Card (deutsch, englisch)

Epilog: Interview mit Orson Scott Card (2004)

Meine Besprechung von Orson Scott Card (Projektleitung)/Christopher Yost (Skript)/Pasqual Ferrys (Zeichnungen) „Ender’s Game – Das große Spiel (Band 1)“ (Ender’s Game: Battle School 1 – 5, 2009)

Meine Besprechung von Gavin Hoods „Ender’s Game – Das große Spiel“ (Ender’s Game, USA 2013)


Richard Castle lässt Derrick Storm in die „Storm Front – Sturmfront“ ziehen

Januar 3, 2014

Nachdem Bestsellerautor Richard Castle in den vergangenen Jahren sich auf seine Serie mit der NYPD-Polizistin Nicki Heat als Heldin (inspiriert von der NYPD-Polizistin Kate Beckett, die er bei der Arbeit beobachtete und mit der er inzwischen zusammen lebt), konzentrierte, kehrte er mit „Storm Front – Sturmfront“ zu seinem vorherigen Seriencharakter Derrick Storm zurück. Storm ist ein Privatdetektiv, der auch und vor allem als Geheimagent für eine supergeheime CIA-Unterabteilung arbeitet und er ist salopp gesagt eine gelungene Mischung aus James Bond und McGyver.

Deshalb muss er auch den Tod von mehreren hochrangigen Bankern, die auf verschiedenen Kontinenten bestialisch ermordet wurden, untersuchen. Sie wurden von Gregor Volkov ermordet, einem Folterknecht, den Storm vor Jahren – so hat er geglaubt – tötete. Volkov will von seinen Opfern ihren Code für den Computer MonEx 4000 haben, mit dem man unglaublich große Verkäufe an der Börse tätigen kann, haben.

Wie Storm mit der gutaussehenden chinesischen Agentin Ling Xi Bang herausfindet, besagt eine Theorie, dass man mit sechs rund um den Globus verteilten Großverkäufern den Wert der US-Währung ins Bodenlose fallen lassen kann.

Aber wer sind die letzten beiden Opfer von Volkov und wer ist Volkovs größenwahnsinniger Auftraggeber, der die Welt in ein ökonomisches Chaos stürzen will?

Storm Front – Sturmfront“ ist ein flotter Agententhriller, bei dem fast die gesamte zweite Hälfte ein einziges atemberaubendes Action-Finale ist, mit allem, was das Herz des Action-Fans begehrt. Gleichzeitig werden die vorher gelegten Spuren, Informationen und Charaktere (kleiner Hinweis: kein Charakter ist unwichtig) fein zusammengefügt. Da zeigt sich die gute alte Autorenschule, dass ein Gewehr, das am Anfang unter dem Bett versteckt wird, später wichtig wird. Und es gibt einige köstliche Szenen, zum Beispiel wenn Derrick Storm in New York an einem Tatort Nicki Heat und Jameson Rook trifft und Rook nach einem Blick auf Storm meint: „Er sieht zu gut aus für einen Verdächtigen.“.

Das ist gut gemachte, effiziente Flughafenlektüre oder Sommerlektüre, die einen auch im Winter zuverlässig eine Stunden aus der tristen Wirklichkeit entführt, ohne dass man sich im nachhinein dafür schämen muss. „Storm Front“ steht halt in der Stephen-J.Cannell-Schule, in der Entertainment mit ernsten Grundierungen und einer ordentlichen Portion Humor an erster Stelle steht; siehe unter anderem „Detektiv Rockford – Anruf genügt“, „Trio mit vier Fäusten“, „The A-Team“ und „Kampf gegen die Mafia“. Naja, der zu früh verstorbene Cannell war ja auch ein Pokerpartner von Richard Castle.

Und als Nachfolger von James Bond schlägt Derrick Storm sich ausgezeichnet, wie ein Blick auf die Bond-Checkliste zeigt: größenwahnsinniger Schurke (vorhanden), schöne Frauen (vorhanden), Opfertod (vorhanden), Jet-Set-Leben (vorhanden), Gadgets (vorhanden), Action (vorhanden).

Vielleicht sollten die Ian-Fleming-Nachlassverwalter mal Richard Castle fragen, ob er einige James-Bond-Romane schreiben will.

Castle - Storm Front

Richard Castle: Storm Front – Sturmfront

(übersetzt von Sabine Elbers)

Cross Cult, 2013

384 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

Storm Front

Hyperion, 2013

Hinweise

Homepage von Richard Castle

Wikipedia über Richad Castle

ABC-Seite über „Castle“

Kabel-1-Seite über “Castle”

Wikipedia über „Castle“ (deutsch, englisch)

The Futon Critic interviewt Andrew W. Marlowe (21. November 2009)

„Castle“-Fanseite

Richard Castle in der Kriminalakte (eins, zwei, drei , vier und beim Paley Fest)

Meine Besprechung von Richard Castles „Heat Wave – Hitzewelle“ (Heat Wave, 2009)


Wyatt ist zurück im „Dirty Old Town“

Januar 2, 2014

Disher - Dirty Old Town

Wyatt, der eiskalte Profi-Gangster ist zurück und in den gut fünfzehn Jahren seiner literarischen Abwesenheit veränderte er sich überhaupt nicht. Gleich auf den ersten Seiten von „Dirty Old Town“ begeht er einen Überfall, der schiefgeht. Er flüchtet indem er in der Menge untertaucht, dabei seine .32er entsorgt, seine Kleider wechselt und ein Auto klaut. Danach plant er den nächsten Coup.

Der Hehler Eddie Oberin nennt ihm einen Juwelier, der mit gestohlenen Waren aus Europa Geld verdient und jetzt wieder eine größere Lieferung bekommt. Oberin will dabei sein. Ebenso seine Ex-Frau Lydia Stark, von der der Tipp stammt.

Wyatt ist skeptisch. Denn als Profi arbeitet er lieber allein. Aber er braucht das Geld und ist einverstanden. Allerdings weiß er nicht, dass der aus Europa kommende Kurier Alain Le Page ein veritabler und skrupelloser Gegner ist, er keinen Schmuck, sondern Wertpapiere (die sehr wertvoll sind) schmuggelt und Oberin eine ziemlich durchgeknallte Freundin hat.

Oh, und dann ist da noch Tyler, der Neffe von Ma Gadd (einer Blumenhändlerin und Waffenverkäuferin), der Wyatt bewundert und eine Karriere als Verbrecher anstrebt.

Natürlich ist Wyatt die australische Ausgabe von Richard Starks Parker und Garry Disher will das auch überhaupt nicht verleugnen. Im Gegenteil. Wenn er auf den ersten Seiten von „Dirty Old Town“ Wyatt und sein Berufsethos vorstellt, könnte dort genausogut „Parker“ stehen. Und das ist gut so. Denn es gibt inzwischen einfach zu wenige geradlinige Gangsterkrimis.

„Dirty Old Town“ erhielt, verdient, den Ned-Kelly-Preis als bester Kriminalroman des Jahres.

Garry Disher: Dirty Old Town

(übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller)

Pulp Master, 2013

336 Seiten

13,80 Euro

Originalausgabe

Wyatt

2010

(Disher wollte den Roman, so meine Erinnerung, ursprünglich „Dirty Old Town“ nennen)

Wyatts frühere, sehr empfehlenswerte Raubzüge

1. Gier (Kickback, 1991)

2. Dreck (Paydirt, 1993)

3. Hinterhalt (Deathdeal, 1993)

4. Willkür (Crosskill, 1994)

5. Port Vila Blues/Vergeltung (Port Vila Blues, 1995)

6. Niederschlag (The Fallout, 1997)

7. Dirty Old Town (Dirty Old Town, Wyatt, 2010)

Hinweise

Homepage von Garry Disher

Wikipedia über Garry Disher (deutsch, englisch)

Garry Disher in der Kriminalakte


Wieder aufgelegt, oft sogar neu übersetzt und mit Ergänzungen

Dezember 31, 2013

Die Tage sind einige Klassiker wiederaufgelegt worden, mit neuem Umschlag, teils mit Nachworten, teils neu übersetzt; wobei Neuübersetzung es nicht so genau trifft, weil auch das Original in einer überarbeiteten oder neuen (d. h. ursprünglichen) Fassung erschien.

Smith - Gorki Park - 2

Anlässlich der Veröffentlichung von Martin Cruz Smiths neuem Arkadi-Renko-Roman „Tatjana“ veröffentlichte der C.Bertelsmann-Verlag auch seinen ersten Arkadi-Renko-Roman „Gorki Park“, mit einem neuen, vierseitigem Nachwort von Tobias Gohlis wieder. In „Gorki Park“ will Chefinspektor Arkadi Renko herausfinden, wer drei Menschen im titelgebenden Gorki Park ermordete.

Der Roman, der damals ein Bestseller war, ist inzwischen ein Krimi-Klassiker, der einen Blick zurück in die Hochzeit des Kalten Krieges wirft.

Für alle, die ihn immer noch nicht gelesen haben: Lesebefehl.

Martin Cruz Smith Gorki Park

(mit einem Nachwort von Tobias Gohlis)

(übersetzt von Wulf Bergner)

C. Bertelsmann, 2013

416 Seiten

14,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Scherz Verlag, 1982

Originalausgabe

Gorky Park

Random House, 1981

Hinweise

Wikipedia über die Verfilmung “Gorky Park” (deutsch, englisch)

Homepage von Martin Cruz Smith

Meine Besprechung von Martin Cruz Smiths „Stalins Geist“ (Stalin’s Ghost, 2007

Meine Besprechung von Martin Cruz Smiths „Die goldene Meile“ (Three Stations, 2010)

Burgess - Clockwork Orange - Die Urfassung - 2

Gleich noch ein Klassiker: „Uhrwerk Orange“ von Anthony Burgess, das jetzt als „Clockwork Orange“ bei Klett-Cotta erschien.

Allerdings handelt es sich hier nicht um eine Neuauflage, sondern Ulrich Blumenbach übersetzte die Urfassung der Geschichte von Alex, dessen gesellschaftsschädlichen Triebe und gewalttätiges Verhalten ihm mit einer speziellen Therapie ausgetrieben werden sollen.

Ergänzend zum Roman gibt es umfangreiches Bonusmaterial, teils von Anthony Burgess, teils von Andrew Biswell und Ulrich Blumenbach.

Auch hier wieder: Lesebefehl.

Die Verfilmung von Stanley Kubrick kann man sich danach ansehen.

Anthony Burgess: Clockwork Orange – Die Urfassung

(übersetzt von Ulrich Blumenbach)

Klett-Cotta, 2013

352 Seiten

21,95 Euro

Originalausgabe

A Clockwork Orange – The Restored Edition

William Heinemann, 2012

Hinweise

Homepage der Anthony Burgess Foundation

Wikipedia über Anthony Burgess (deutsch, englisch)

Blatty - Der Exorzist - 2

Klassiker Nummer 3: „Der Exorzist“. Denn bevor die junge Regan (Linda Blair) im Film unchristliche Flüche ausstieß, Gegenstände bewegte, ihren Kopf verdrehte und spuckte und ein Pater einen Exorzismus durchführte, schrieb William Peter Blatty den 1971 erschienenen Bestseller „Der Exorzist“.

2011, zum vierzigjährigem Jubiläum des Romans, erschien eine von ihm überarbeitete Version des Romans, die anscheinend weitgehend in einem sprachlichen Feinschliff und einem neuen Charakter in einer neuen, alptraumhaften Szene besteht. Für Blatty ist diese Fassung die endgültige Fassung des Romans – und sie erschien jetzt auch auf Deutsch.

William Peter Blatty: Der Exorzist

(übersetzt von Barbara Först)

Bastei-Lübbe, 2013

432 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

The Exorzist

Harper Collins, 2011

Hinweise

„The Exorzist“-Fanseite

Kirjasto über William Peter Blatty

Wikipedia über William Peter Blatty (deutsch, englisch)

Thomas - Die Backup-Männer - 2Thomas - Dämmerung in Mac's Place - 2

Klassiker Nummer 4 und 5, beide, im Gegensatz zu den vorherigen Romanen, nicht verfilmt: Die letzten beiden Mc-Corkle-und-Padillo-Romane „Die Backup-Männer“ und „Dämmerung in Mac’s Place“ von Ross Thomas, die ich in einer großen Mc-Corkle-und-Padillo-Jubelarie abfeiern wollte. Wie üblich in der Ross-Thomas-Gesamtausgabe des Alexander-Verlages sind die Übersetzungen durchgesehen und bei „Die Backup-Männer“ sogar deutlich erweitert worden.

In „Die Backup-Männer“, das kurz nach den ersten beiden Mc-Corkle-und-Padillo-Geschichten „Kälter als der Kalte Krieg“ und „Gelbe Schatten“ erschien, sollen sie in den USA einen zukünftigen König eines erdölreichen Landes beschützen – und schon stapeln sich die Leichen in einem Krieg mit unklaren Fronten. Aber Mc Corkle und Padillo sind nie um einen lakonischen Spruch verlegen. Das ganze liest sich wie ein guter Siebziger-Jahre-Thriller.

Zwanzig Jahre später steht „Mac’s Place“ noch immer in Washington und wieder geraten die beiden Freunde in eine undurchsichtige Geheimdienstgeschichte. Denn CIA-Söldner Steadfast Haynes schrieb vor seinem Tod seine Memoiren „Zum Söldner berufen“ und weil er in unzählige schmutzige Aktionen involviert war, wollen viele verschiedene Parteien den brisanten Text aus teilweise durchaus verständlichen egoistischen Interessen haben.

Das wäre dann ein doppelter Lesebefehl.

Ross Thomas: Die Backup-Männer

(übersetzt von Wilm W. Elwenspoek, Heinz F. Kliem und Jochen Stremmel)

Alexander Verlag, 2012

248 Seien

14,90 Euro

Originalausgabe

The Backup Men

1971

Deutsche gekürzte Erstausgabe

Was ich nicht weiß, macht mich nicht kalt

Ullstein, 1972

Ross Thomas: Dämmerung in Mac’s Place

(übersetzt von Bernd Holzrichter)

Alexander Verlag, 2013

392 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Twilight at Mac’s Place

1990

Deutsche Erstausgabe

Letzte Runde in Mac’s Place

Ullstein, 1992

Hinweise

Wikipedia über Ross Thomas (deutsch, englisch)

Alligatorpapiere: Gerd Schäfer über Ross Thomas (Reprint “Merkur”, November 2007)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Gottes vergessene Stadt” (The Fourth Durango, 1989)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Umweg zur Hölle“ (Chinaman’s Chance, 1978)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Kälter als der Kalte Krieg“ (Der Einweg-Mensch, The Cold War Swap, 1966)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Teufels Küche“ (Missionary Stew, 1983)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Am Rand der Welt“ (Out on the Rim, 1986)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Voodoo, Ltd.“ (Voodoo, Ltd., 1992)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ “Der Yellow-Dog-Kontrakt” (Yellow Dog Contract, 1976)

Meine Besprechung von Ross Thomas‘ „Gelbe Schatten“ (Cast a Yellow Shadow, 1967)

Meine Besprechung von Ross Thomas‘ „Der achte Zwerg“ (The Eight Dwarf, 1979)

Kleine Ross-Thomas-Covergalerie in der Kriminalakte


Angelesen und aufgeblättert

Dezember 31, 2013

Das Jahresende ist eine genauso gute Gelegenheit, wie jeder andere Tag, den Schreibtisch aufzuräumen und die ganzen Bücher, die ich in den vergangenen Monaten aus verschiedenen Gründen nicht abfeiern konnte, oder immer noch nicht vollständig gelesen habe (und ich abschätzen kann, dass ich sie die nächsten Tage nicht fertig lesen werde), wenigstens kurz zu besprechen. Immerhin ist mein bisheriger Eindruck von den angelesenen Werken gut.

Droste - Sprichst du noch oder kommuniziert du schon - 2

Apropos „angelesen“. Das ist natürlich, wie Wiglaf Droste in seiner Kolumne „Angedacht“ sagt, die Faulheit etwas selbst zu beenden. Viel lieber überlässt man die Arbeit jemand anderem. In einem Betrieb natürlich den Untergebenen.

Inzwischen habe ich seine neueste Textsammlung „Sprichst du noch oder kommunizierst du schon?“ fast zu Ende gelesen und – natürlich – sind es herrlich pointierte Sprachglossen und treffende Alltagsbeobachtungen.

Sehr empfehlenswert, wobei man die meist zwei- bis dreiseitigen Texte, wohldosiert lesen sollte. Jeden Abend einen. Oder zwei. Oder drei. Ach, einer geht noch.

Wiglaf Droste: Sprichst du schon oder kommunizierst du schon?

Goldmann, 2013

224 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Verlag Klaus Bittermann, 2012

Hinweise

Tourmanagement von Wiglaf Droste

Homepage von „Häuptling Eigener Herd“

Homepage von MDR Figaro

Wikipedia über Wiglaf Droste

Meine Besprechung von Wiglaf Drostes „Im Sparadies der Friseure“(2009/2010)

Jacques - Das kleine Buch der Mafia-Weisheiten - 2

In kleinen Dosen sollte man auch „Das kleine Buch der Mafia-Weisheiten“ von Wesley Jacques lesen. In ihm sind, hübsch thematisch gebündelt, Weisheiten von echten und falschen Mafiosi (also den bekannt-beliebten Filmgangstern), weitgehend eben den üblichen Verdächtigen, enthalten.

Einige Kostproben:

Der Lauteste in einem Raum ist immer auch der Schwächste. (Frank Lucas)

Trag keine Waffe bei dir. Es ist schön, sie in der Nähe zu haben, aber trage sie nicht bei dir. Du könntest verhaftet werden. (John Gotti)

Du kannst kein Geld machen mit einer Waffe in der Hand. (Lucky Luciano – Bonano: A Godfather’s Story, 1999)

Kapitalismus ist die legitime Gaunerei der herrschenden Klasse. (Al Capone, von dem es auch weitere Gedanken zu dem Thema gibt)

Woher wollen Sie wissen, dass Sie kein Schmiergeld mögen, wenn Sie nie welches angenommen haben? Hier. (Fat Tony – Die Simpsons, 1997)

Eine falsche Entscheidung ist besser als keine Entscheidung. (Tony Soprano – Die Sopranos, 1999)

Mehr..

Wesley Jacques: Das kleine Buch der Mafia-Weisheiten

(übersetzt von Wolfdietrich Müller)

Lübbe, 2013

192 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

The little black Book of Mafia Wisdom

Skyhorse Publishing, 2012

Das Science Fiction Jahr 2013 - 2

Gewohnt umfangreich und informativ fällt „Das Science-Fiction-Jahr 2013“ aus: es gibt längere Nachrufe auf Boris Strugatzki, Harry Harrison und Jack Vance, mehrere Texte über das Verhältnis von Science-Fiction zur Realität, zur Wissenschaft und warum Science -Fiction so selten die Zukunft vorhersagen kann und vertiefende Texte über James Triptree jr., Ridley Scott, Frank Herberts „Der Wüstenplanet“ und die Versuche, es zu verfilmen, ein Interview mit Daniel Suarez, Cory Doctorow schreibt über „Digitale Übermütter“ und beschäftigen sich, topaktuell, mit Datensicherheit und dem Verhältnis von Computerbesitzern und -nutzern zueinander.

Es gibt, wie immer, Buch-, Comic-, Hörspiel-, Film- und Game-Kritiken, eine ausführliche Markübersicht, etliche Preisträgerlisten und mehrere kurze Nachrufe.

Gerade die Nachrufe und Autorenporträts haben die unangenehme Nebenwirkung, dass ich ins nächtsgelegene Antiquariat stürmen will. Denn die deutschen Übersetzungen der meisten Werke von Vance, Harrison („Solyent Green“ ist gerade wieder erschienen), und Triptree jr. (obwohl es da eine neue, noch nicht vollständig erschienene Werkausgabe gibt) sind nur noch dort erhältlich. In den USA sieht die Situation besser aus, aber nicht jeder kann und will die Werke im Original lesen.

Kleines Sonderlob: Am Ende der Texte gibt es erstmals kleine Autorenbiographien.

Kleiner Hinweis: Für den Frühling ist „Das Science-Fiction-Jahr 2014“ bereits angekündigt.

Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science-Fiction-Jahr 2013

Heyne, 2013

992 Seiten

36,99 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2008″

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2009“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2010“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2011“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak, Sebastian Pirling, Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2012“

von Seldeneck - 111 Orte in Berlin die man gesehen haben muss - Band 2Kohl - 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazi-Zeit

Den Antiquariatsbesuch kann ich natürlich mit einem kleinen Stadtbummel verbinden und mir einige mir noch unbekannte Ecken von Berlin ansehen, die ich in „111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss – Band 2“ und „111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazi-Zeit“ entdeckte.

Während Lucia Jay von Seldencek, Carolin Huder und Verena Eidel bei „111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss – Band 2“ nach dem ersten Band und „111 Orte in Berlin, die Geschichte erzählen“ langsam überlegen müssen, welche Plätze sie noch empfehlen, hatte Paul Kohl, mit Fotografien von Nadia Boegli, für „111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazi-Zeit“ das gegenteilige Problem: welche der vielen Nazi-Orte sollte er nicht hineinnehmen?

Aufgebaut sind die beiden Reiseführer gleich und damit auch wie die anderen Emons-Reiseführer: pro Doppelseite wird ein Ort vorgestellt. Links mit Worten. Rechts mit einem Bild, manchmal auch zwei: ein historisches und ein aktuelles, auf dem wir oft sehen, dass die Orte sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr änderten. Gebäude wurden umgebaut, zerstört, neu gebaut, Brachen verwilderten oder wurden bebaut.

Für mich als Neu-Berliner: feine Lektüre. Die gebürtigen Berliner brauchen das Buch nicht, weil sie nie ihren Kiez verlassen.

Lucia Jay von Seldeneck/Carolin Huder/Verena Eidel: 111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss – Band 2

Emons, 2013

240 Seiten

14,95 Euro

Paul Kohl: 111 Orte in Berlin auf den Spuren der Nazi-Zeit

Emons, 2013

240 Seiten

14,95 Euro

Seesslen - Filmwissen Thriller - 2

Georg Seeßlen schreibt weiter an der Neuveröffentlichung seiner „Grundlagen des populären Films“. Erstmals erschienen die Filmbücher, die sich kundig und chronologisch mit verschiedenen Filmgenres beschäftigen, in den Siebzigern bei rororo. Seitdem gab es erweiterte Neuauflagen, zuletzt in den Neunzigern.

Damals in den Siebzigern waren die Bücher, die sich kundig mit den Filmgenres beschäftigten, für die Filmfans eine rettende Oase. Heute ist es, nach einer Blüte, wieder ähnlich. Denn Bücher, die sich kundig und analytisch mit dem Film beschäftigen, werden eigentlich nur noch von Kleinverlagen verlegt. Bei den großen Verlagen gibt es ab und an eine Starbiographie.

Als vierten Band der „Grundlagen des populären Films“-Neuveröffentlichung erschien jetzt „Filmwissen: Thriller“ und, im Vergleich zur vorherigen Ausgabe von 1995, hat sich der Umfang ungefähr verdoppelt. Das neue Kapitel „1995 – 2013: Globalisierte Stätten der Angst“ umfasst die Seiten 275 bis 508, in der er sich, weitgehend chronologisch und thematisch leicht sortiert, mit dem Thriller-Geschehen der letzten gut zwanzig Jahre beschäftigt.

Der Vorteil der von Georg Seeßlen gewählten Struktur ist, dass sie – nach dem thematischen Eingangskapitel über die mythologischen Grundlagen des Kinos der Angst – leicht erweitert werden kann. Der Nachteil ist, dass sich die chronologische Abhandlung der einzelnen Filme schnell lexikalisch liest und ein Lexikon lädt nun einmal mehr zum herumblättern als zum chronologischen Durchlesen an. Davon abgesehen: beeindruckend, welche Filmmenge der gute Mann sich ansieht.

Georg Seeßlen: Filmwissen: Thriller

Schüren, 2013

536 Seiten

24,90 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (2009)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „George A. Romero und seine Filme“ (2010)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Detektive (Grundlagen des populären Films)“ (2010)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Western (Grundlagen des populären Films)“ (2010)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Filmwissen: Abenteuer (Grundlagen des populären Films)“ (2011)

Keazor HRSG - Hitchcock und die Künste - 2

Der König des Thrillers war Alfred Hitchcock. In „Hitchcock und die Künste“ sind die während der gleichnamigen Ringvorlesung in Saarbrücken 2011/2012 gehaltenen Vorträge und ein weiterer Text, reichhaltig illustriert, erschienen.

Es geht um Hitchcocks Literaturverfilmungen, das Londoner Theater der zwanziger und dreißiger Jahre, die Architektur in seinen Filmen, die Musik und den Zusammenhang zwischen Essen, Sexualität und Tod in seinen Filmen und aktuelle Auseinandersetzungen von Künstlern mit seinem Werk.

Das ist natürlich etwas speziell und eher für die Hitchcock-Fans, die sich in bestimmte Aspekte von seinem Werk vertiefen wollen. Wie mich, der die fünfte Hitchcock-Biographie nicht so reizvoll findet.

Henry Keazor (Hrsg.): Hitchcock und die Künste

Schüren, 2013

224 Seiten

19,90 Euro

Hinweise

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thily Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Flintrop-Stiglegger HRSG - Dario Argento - 2

Irgendwo zwischen Thriller und Horror steht Dario Argento, der „Profondo Rosso“, „Susperia“, „Tenebrae“ und „Opera – Terror in der Oper“ inszenierte, dessen Werke in Deutschland allerdings kaum im Kino liefen und insgesamt, bis auf sein Debüt „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ (einer Pseudo-Bryan-Edgar-Wallace-Verfilmung, die öfters im TV läuft), eine beeindruckende Zensurgeschichte hinter sich haben. Einen ersten Eindruck von dieser Geschichte bieten die Fassungsinformationen in Argentos Filmographie am Ende des von Michael Flintrop und Marcus Stiglegger herausgegebenen Buches „Dario Argento – Anatomie der Angst“. Es ist die erste ausführliche Auseinandersetzung mit dem Werk des Giallo- und Gothic-Horror-Regisseurs, der immer wieder ein Händchen für beeindruckende und einprägsame Bilder hatte.

In dem Buch wird, von verschiedenen Autoren (unter anderem Ivo Ritzer, Dominik Graf, Thomas Groh und Oliver Nöding) jeder Argento-Film besprochen. Es gibt vertiefende Artikel zu bestimmten Aspekten von Argentos Werk, wie Argentos Werk im Spiegel des Grand Guignol, die Musik, seine Räume, Genre und Gender, einen Vergleich zwischen Dario Argentos und Brian De Palmas Werk und natürlich sein Werk im Spiegel der deutschen Justiz.

Michael Flintrop/Marcus Stiglegger (Hrsg.): Dario Argento – Anatomie der Angst

Bertz + Fischer, 2013 (Deep Focus 16)

304 Seiten

25 Euro

Hinweise

Wikipedia über Dario Argento (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Marcus Stigleggers “David Cronenberg” (2011)

Brunow - Scenario 7

Von dem jährlichen Drehbuchalmanach „Scenario“ gibt es inzwischen die siebte Ausgabe und bislang wurde am bewährten Aufbau nichts geändert. Für die nächste Ausgabe verspricht Herausgeber Jochen Brunow einige Neuerungen.

In dem aktuellen Band gibt es, wie immer, ein ausführliches Interview mit einem Drehbuchautor (dieses Jahr Stefan Kolditz [„Dresden – Das Inferno“, Unsere Mütter, unsere Väter“], in „Scenario 5“ war es Dominik-Graf-Autor Rolf Basedow [„Hotte im Paradies“, „Im Angesicht des Verbrechens“]), Essays, Blicke in die Geschichte des Films unter besonderer Berücksichtigung des Drehbuchs (dieses Jahr unter anderem über Tonino Guerra), einige Rezensionen und das Drehbuch des Jahres: „Freistatt – Drehbuch für ein historisches Drama“, von Nicole Armbruster und Marc Brummond.

Insgesamt eine feine Lektüre, auch wenn der Fokus auf deutschsprachigen Autoren liegt und oft Neulinge über ihre ersten Werke berichten; – was nicht uninteressant ist, aber ich würde auch gerne die Gedanken von langjährigen Autoren über ihre Arbeit und vielleicht einigen Einblicken in das Leben eines Serien-TV-Autors irgendwo zwischen „Soko“, „Traumschiff“ und „Tatort“ und einem Blick auf die ökonomischen Bedingungen des Schreibens und Produzierens von Filmen und vielleicht auch einmal ein Artikel, über die Qualitäten des deutschen Fernsehens freuen. Immerhin feiert Jochen Brunow die HBO-Serie „Treme“ ab, die bislang bei uns nicht auf DVD veröffentlicht oder im TV ausgestrahlt wurde.

Jochen Brunow (Herausgeber): Scenario 7 – Film- und Drehbuchalmanach

Bertz + Fischer, 2013

336 Seiten

24 Euro

Hinweise

Homepage von Jochen Brunow

Meine Besprechung von Jochen Brunows „Scenario 3 – Film und Drehbuchalmanach“

Meine Besprechung von Jochen Brunows „Scenario 4 – Film und Drehbuchalmanach“


Klauen wir „Die große Odaliske“

Dezember 30, 2013

 

Vives - Die grosse Odaliske

Carole und Alex sind zwei Schönheiten, die ihr Geld mit Kunstdiebstählen verdienen und dabei in einer Mischung aus Planung, Kaltschnäuzigkeit und Improvisation vorgehen, die Lara Croft gefallen könnte. Wobei Alex schon einmal während des Diebstahls abgelenkt ist, weil sie sich gerade per SMS und Handy mit ihrem Freund unterhält.

Ihr neuester Auftrag ist der Diebstahl von Ingres Meisterwerk „Die große Odaliske“ aus dem Louvre. Als Verstärkung holen sie sich die Motorradakrobatin Sam ins Team. Die Waffen besorgen sie von dem Diplomatensohn Clarence, der sie in der Gepäck seines Vaters ins Land schmuggelt.

Die große Odaliske“ von Bastien Vivès und Ruppert & Mulot liest sich wie die Vorlage für eine Krimikomödie mit viel Action. Dank der Kürze und der wenigen Dialoge und oft angenehm skizzenhaft wirkenden Panels ist es ein flotter Krimi mit Retro-Feeling.

Allerdings ist die Geschichte auch ziemlich brutal, wenn die zuerst zwei, später drei Frauen bei ihren Einbrüchen ziemlich bedenkenlos eine Spur der Verwüstung, von Betäubten und Toten hinterlassen. Auch das Louvre, das sie bei ihren Planungen heil lassen wollten, dürfte nach ihrem Diebstahl, inclusive exzessivem Polizeieinsatz, ziemlich renovierungsbedürftig sein. Und ihre Pläne sind, nun, ziemlich gewagt. Einem Parker oder einem Wyatt wäre ein solcher Schlamassel, der halt entsteht, wenn man seine Pläne mit heißer Nadel strickt, nicht passiert.

Die Story bewegt sich teilweise sprunghaft voran und bricht ziemlich abrupt ab. Auch der Ausflug nach Mexiko, um Clarence aus den Händen der Drogenbosse zu retten, ist eigentlich verzichtbar, wartet aber mit einer kleinen „The Losers“-Reminiszenz auf.

Letztendlich steht „Die große Odaliske“ in der Tradition der eskapistischen französischen Krimikomödien à la „Le magnifique“, „Der Unverbesserliche“ oder „Der Puppenspieler“, die früher im Kino liefen, gerne mit Jean-Paul Belmondo, der mit einem breiten Grinsen alle Bedenken, vor allem die nach einer glaubwürdigen Geschichte, wegwischte. Moralische Bedenken waren sowieso nie ein Thema.

Bastien Vivès/Ruppert & Mulot: Die große Odaliske

(übersetzt von Mireille Onon)

Reprodukt, 2013

124 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

La grande Odalisque

Dupuis 2012

Hinweis

Homepage von Bastien Vivès

Homepage von Ruppert & Mulot

 

 


„Stitched“ geht mit „Das schwarze Fass“ in die zweite Runde

Dezember 30, 2013

Wolfer-Furukawa - Stitched Band 2

Der erste „Stitched“-Sammelband „Die lebenden Toten“, geschrieben und gezeichnet von Mike Wolfer nach einer Geschichte von Garth Ennis, der die Geschichte ursprünglich verfilmen wollte, war eine in sich abgeschlossene Geschichte über einige Soldaten, die in den afghanischen Bergen gegen die „Stitched“, eine Spezies Untoter, und Sklavenhändler kämpften.

Am Ende, nach einer blutigen Schlacht, waren die Stitched tot. Aber wie wir inzwischen aus zahllosen Büchern, Comics und Filmen wissen, ist auch der Tod nicht mehr endgültig. Jedenfalls wenn die Kasse stimmt und so wurde aus der abgeschlossenen „Stitched“-Geschichte „Die lebenden Toten“ der Auftakt für eine Serie. Mit „Das schwarze Fass“ liegen jetzt die ersten sechs Hefte der Serie, geschrieben von Mike Wolfer und gezeichnet von Fernando Furukawa, vor. Sie sind eine Mischung aus weiteren Geschichten aus dem „Stitched“-Universum und der Auftakt für eine größere Geschichte, die sich nur rudimentär, eigentlich nur als Cliffhanger am Ende des Buches, abzeichnet.

Denn natürlich wurden am Ende von „Stitched: Die lebenden Toten“ nicht alles Untoten getötet. Rashid Salib konnte mit sechs Stitched und dem titelgebendem Fass entkommen. In den ersten beiden Heften versucht eine Spezialeinheit auf einem Frachtschiff Rashid Salib zu überwältigen. Die Aktion geht schief und in den restlichen Heften lesen wir, wie Rashid Salib auf Sri Lanka in einem abgelegenem Landstrich versucht, dem reichen Sammler Philip Strathmore seine Beute zu verkaufen. Das Verkaufsgespräch gerät etwas außer Kontrolle…

Das schwarze Fass“ ist spannende, actionreiche Horrorunterhaltung, die durchaus Spaß macht und auch gut ohne Kenntnis der ersten „Stitched“-Geschichte funktioniert.

Mike Wolfer/Fernando Furukawa: Stitched: Das schwarze Fass (Band 2)

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini Comics, 2013

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Stitched # 8 – 13

Avatar Press, 2013

Hinweise

Homepage zu „Stitched“

Homepage von Mike Wolfer

Meine Besprechung von Garth Ennis und Mike Wolfers „Stitched: Die lebenden Toten“ (Band 1) (Stitched # 1 – 7, 2011/2012)


John le Carré verkündet eine „Empfindliche Wahrheit“

Dezember 18, 2013

le Carre - Empfindliche Wahrheit - 2

In der aktuellen KrimiZeit-Bestenliste, einer Empfehlungsliste von Kritikern, ist John le Carrés neuer Spionageroman „Empfindliche Wahrheit“ auf Platz drei. Ganz schlecht kann der Roman also nicht sein, aber wie schon bei den vorherigen Romanen von John le Carré fragte ich mich beim Lesen der teils überschwänglichen Besprechungen, ob nicht der Ruf le Carrés als Großmeister des Spionagethrillers den Blick auf das aktuelle Werk vernebelt. Denn so ehrenwert le Carrés Anliegen in dem Roman ist, so lausig ist er leider auch in großen Teilen. Das beginnt mit der seltsamen Entscheidung von le Carré, immer wieder, teilweise innerhalb einer Szene, vom Präsens zum Präteritum zu wechseln und einen dadurch immer wieder aus dem Lesefluss herauszureißen.

Außerdem wechselt er, vor allem am Anfang, immer wieder zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit, ohne dass dadurch ein erzählerischer Mehrwert entsteht. So erzählt le Carré im ersten Kapitel von einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf Gibraltar ganz traditionell im Präterium. Dazwischen schneidet er ständig Szenen, die früher stattfanden und wechselt in ihnen grundlos ins Präsens. Dass das alles ziemlich schlecht geschrieben ist, hilft auch nicht. Zum Beispiel auf Seite 12: „’Und wie geht’s Ihrer armen lieben Gattin?‘, fragt die hart an der Pensionsgrenze dahinschrammende Eisprinzessin aus der Personalabteilung (oder Human Resources, wie das neuerdings aus unerfindlichen Gründen heißt), nachdem sie ihn ohne ein Wort der Erklärung am Freitagabend, während alle braven Bürger heimwärts eilen, in ihre Gemächer zitiert hat.“

Oder auf Seite 27: „Ungläubig blieb er am Fenster stehen. Es ist der fette bärtige Grieche nebenan, der unter der Dusche singt. Es ist dieses sexbesessene Pärchen von oben drüber, er grunzend, sie winselnd. Ich leide an Halluzinationen.“

Die Geschichte selbst entfaltet sich sehr langsam und sehr umständlich. So könnte die erste Hälfte des Romans, in der le Carré uns mit belanglosen biographischen Informationen über die beiden Hauptcharaktere langweilt, locker auf wenige Seiten gekürzt werden. In ihr erfahren wir etwas über eine seltsame Aktion auf Gibraltar, bei der Paul Anderson (so der Tarnname des Diplomaten Christopher ‚Kit‘ Probyn) als Beobachter dabei ist und bei der in einer Gemeinschaftsaktion Soldaten und Söldner einen gewissenlosen Waffenhändler verhaften sollen und vielleicht etwas schief geht. Jedenfalls heißt es am Ende der Aktion, dass die Aktion erfolgreich war und es keine Verletzten gab, aber ersten haben wir den Klappentext gelesen und zweitens hätte le Carré nicht gut sechzig Seiten für eine perfekt verlaufene Aktion geopfert.

Im zweiten Kapitel lesen wir, wie Toby Bell als Diplomat um die halbe Welt reist, im Dienst aufsteigt, seinen Chef bei einer geheimen Besprechung belauscht und dass diese Besprechung (die vor der Gibraltar-Aktion stattfand) wahrscheinlich etwas mit der Gibraltar-Aktion zu tun hat.

Danach springt le Carré, wir sind inzwischen auf Seite 163 angelangt, drei Jahre nach vorne. Kit ist inzwischen pensioniert. Nach einer Fastnachtsveranstaltung, die wir in epischer Länge lesen dürfen, trifft er zufällig einen der damals beteiligten Soldaten und so langsam kommen die Dinge in Schwung. Denn, wiederum viele Seiten später, wir haben inzwischen Seite 224 erreicht, treffen sich Probyn und Bell und sie wollen herausfinden, was damals geschah. Das erfahren wir zwanzig Seite später – und eigentlich hätten wir das schon viel früher erfahren müssen. Denn bislang inszenierte le Carré nur viel Lärm um Nichts und auf den restlichen Seiten, wenn die Geschichte ihrem Ende entgegen taumelt, wird es nicht viel besser.

Le Carré spricht in „Empfindliche Wahrheit“ wichtige Themen an, die den langjährigen John-le-Carré-Lesern, teils mit anderen Schwerpunkten, in den vergangenen Jahren zu oft in einem schrill moralisierendem Ton, durchaus vertraut sind: die zunehmende Verknüpfung von staatlichem Handeln und privaten Firmen, der Privatisierung von Kriegen, dem Kampf gegen den Terror nach 9/11, den damit verbundenen moralischen Bedenken und, wenn auch nur am Ende und ungefähr so tiefgehend wie eine Kurzmeldung, dem Umgang mit Whistleblowern und der zunehmenden Überwachung. Daraus hätte man, nah an der Realität, eine mitreisende Geschichte erfinden können. Siehe „24“ oder „Green Zone“ oder „Der Ghostwriter“ oder „Inside Wikileaks“. Aber le Carré begräbt in „Empfindliche Wahrheit“ alle Themen unter einer Geschichte, die sich nie wie eine Geschichte, sondern wie ein Griff in den Zettelkasten liest, mit entsprechend blassen Charakteren, deren Motivation nie glaubhaft ist. Denn warum sollten zwei Diplomaten, die bislang nie an ihrem Arbeitgeber zweifelten, plötzlich Fragen stellen und ihre gesicherte Pension aufs Spiel setzen? Und warum verhalten sie sich so naiv? Haben sie nicht ihren le Carré gelesen?

John le Carré: Empfindliche Wahrheit

(übersetzt von Sabine Roth)

Ullstein, 2013

400 Seiten

24,99 Euro

Originalausgabe

A delicate Truth

Viking, London, 2013

Hinweise

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

John le Carré in der Kriminalakte


Friedrich Ani, Tabor Süden, „M“ und die Detektei Liebergesell

Dezember 11, 2013

 

Ani - M - 2

Inzwischen arbeitet Tabor Süden, der lange Jahre im Vermisstendezernat der Polizei arbeitete, bei der Detektei Liebergesell und er sucht immer noch vermisste Personen. Dieses Mal den Taxifahrer Siegfried Denning, von dem seine Freundin Mia Bischof kein Bild hat, fast nichts weiß und die daher den Ermittlern kaum helfen kann.

Noch rätselhafter wird der Auftrag, nachdem Süden herausfindet, dass sie – obwohl sie das ihm gegenüber behauptete – bei der Polizei keine Vermisstenanzeige aufgab und die Polizei ein seltsames Interesse an dem Taxifahrer hat. Süden vermutet, dass Denning ein verdeckter Ermittler ist und dass er in rechtsradikalen Kreisen ermittelte. Nur was Bischof, die geachtete „Tagesanzeiger“-Lokalredakteurin und die sich, obwohl kinderlos, in der Nachbarschaft in einer Krabbelgruppe und als ehrenamtliche Schwimmtrainerin engagiert, mit den Rechtsradikalen zu tun hat, bleibt rätselhaft. Jedenfalls bis Süden gegen Ende des Romans, in ihre Wohnung einbricht.

Davor wird Süden von seinen ehemaligen Kollegen emsig behindert und eine Spur führt ihn zum Starnberger See in das Hotel von Bischofs Vater, in dem sich früher einmal rechte Organisationen trafen. Aber das war vor langer Zeit.

Außerdem verüben Unbekannte Anschläge auf die Mitarbeiter der Detektei – und wir erfahren jetzt auch endlich mehr über Edith Liebergesell, Leonhard Kreutzer und Patricia Ross, die Kollegen von Tabor Süden.

Darunter leidet in „M“ allerdings – wobei bei Ani der Krimiplot traditioneller Machart nie im Mittelpunkt steht – der Kriminalfall. Denn die rechtsradikalen Verstrickungen von Mia Bischof, Siegfried Denning, dem Landeskriminalamt und, als Randfigur, des Verfassungsschutzes, ergänzt um etwas NSU-Folklore, werden auf einer klischeehaften Ebene ziemlich schnell deutlich, ohne tiefer zu gehen. Die Nazis bleiben letztendlich einfach nur böse Bösewichter, die ein funktionierendes Untergrundnetzwerk aufgebaut haben. Dabei wäre gerade eine Analyse der Verbindungen zwischen rechtsradikalen Denken und dem Denken der kleinen Leute, den typischen Ani-Charakteren, spannend gewesen.

Also die Frage des alltäglichen Faschismus und des Extremismus der Mitte.

Auch die Verknüpfung von Edith Liebergesells Trauer über den Verlust ihres vor zehn Jahren verstorbenen Sohnes mit dem Fall ist, in der Auflösung (die sehr plötzlich kommt und weit hergeholt ist) nicht befriedigend.

M“ ist getragen von einer gerechten Empörung um die Umtriebe von Rechtsradikalen, dem Wunsch nach mehreren Romanen, in denen Südens neue Kollegen austauschbare Arbeitskollegen ohne psychologische Vertiefungen waren, diesen Kollegen ein Gesicht zu verleihen. Aber darunter leidet die Erkundung des liebgewonnenen Ani-Eckkneipen-Milieus.

Ach ja: warum der Roman „M“ heißt und damit sofort an Fritz Langs Klassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ erinnert, weiß ich auch nach der Lektüre nicht.

Friedrich Ani: M – Ein Tabor-Süden-Roman

Droemer, 2013

368 Seiten

19,99 Euro

Hinweise

Hinweise

Homepage von Friedrich Ani

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden“ (2011, mit Interview)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und die Schlüsselkinder” (2011)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und das heimliche Leben” (2012)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden und die Stimme der Angst“ (2013, neuer Titel von „Verzeihen“)

Friedrich Ani in der Kriminalakte