Diese Tat erinnert „Punisher“ Frank Castle an seine Vergangenheit: im Central Park geraten Elitesoldat Jake Niman, seine Frau und seine Tochter in einen Schusswechsel zwischen Mafiosi. Nimans Familie stirbt. Er selbst überlebt schwer verletzt mit mehreren Schusswunden und Verbrennungen dritten Grades. Noch während er im Koma liegt, beginnt Castle, dessen Familie vor Jahren bei einem ähnlichem Anschlag starb, die Täter zu suchen.
Als Niman überraschend schnell von den Verletzungen genest, macht er sich mit Castle auf die Jagd. Dabei bemerkt Castle, dass das Militär an Niman genetische Experimente durchführte, die ihn unbesiegbar machen. Denn Nimans Verletzungen heilen atemberaubend schnell und mit jeder Verletzung wird er stärker. Niman wird zu Nightmare und der Punisher, der sich normalerweise mit höchst irdischen Gegner (vulgo verbrecherischem Abschaum) herumschlagen muss, hat es dieses Mal mit einem Gegner zu tun, der eher in den „Batman“- und Superhelden-Kosmos passt.
Scott M. Gimple, der auch Bücher für die TV-Serien „Life“, „Flash Forward“ und „The Walking Dead“ und den Film „Ghost Rider: Spirit of Vengeance“ (okay, bei dem Nicolas-Cage-Desaster hatten noch einige andere Autoren ihre Finger im Spiel) schrieb, schrieb die fünfteilige Miniserie „Nightmare“, die in dem gleichnamigem Sammelband komplett vorliegt, über zwei Geistesverwandte, die sich schnell bekämpfen und dabei ein mörderisches Spektakel abbrennen, bei dem es auch einige, eher homöopathische Dosen Kritik am Militär, dem Militärisch-Industriellem-Komplex und den US-Kriegen der letzten Jahrzehnte gibt. Castle ist Vietnam-Veteran, Niman Afghanistan-Veteran – und beide wurden in dieser Zeit unbesiegbar.
Aber Castle, der bekanntlich einer sehr alttestamentarischen Moral folgt, hat immer noch ein Gewissen.
– Scott M. Gimple (Autor)/Mark Texeira (Zeichner): 100 % Marvel 72 – Punisher: Nightmare (übersetzt von Robert Syska) Panini, 2014 124 Seiten
16.99 Euro
– Originalausgabe
Punisher: Nightmare # 1 – 5
Marvel, März 2013
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Auf den Bahamas wird in einem Hotelzimmer ein radikaler US-Kritiker, sein Leibwächter und ein Journalist, der ihn gerade interviewen wollte, erschossen.
Wenige Tage später bittet die New Yorker Bezirksstaatsanwältin Nance Laurel Lincoln Rhyme um Hilfe. Der fast vollständig gelähmte Ermittler, der die Polizei immer wieder in schwierigen Fällen berät und dabei vor allem an Spuren, an kleinste forensische Beweise, glaubt, soll ihr helfen, das Attentat aufzuklären. Sie will vor allem Shreve Metzger anklagen. Dieser ist Chef der New Yorker Niederlassung der NIOS (National Intelligence and Operations Service), einer Mischung aus CIA und NSA. Er gab den Tötungsbefehl auf den US-Bürger Roberto Moreno, der als radikaler politischer Aktivist gegen die Ausbeutung der Dritten Welt durch die USA kämpfte. Für diesen Tötungsbefehl, so Laurel, überschritt Metzer seine Kompetenzen, manipulierte Beweise, machte aus einem friedlichem Aktivisten einen gemeingefährlichen Terroristen und plante die Tat in New York. Er kann deshalb in New York wegen der Verabredung zur Verübung einer Straftat angeklagt werden. Rhyme soll die nötigen Beweise besorgen, die die Anklage wasserdicht machen.
Wenige Seiten später verrät Jeffery Deaver uns in seinem neuem Roman „Todeszimmer“ auch den Namen des Killers. Es ist Jacob Swann, der jetzt beginnt, alle Zeugen und potentiellen Zeugen des Anschlages bestialisch zu ermorden. In diesem Moment – wir sind noch im ersten Zehntel des Romans – ist die weitere Geschichte von „Todeszimmer“ erschreckend eindeutig vorgezeichnet. Denn natürlich wird Metzger Rhyme und seine Partnerin Amelia Sachs ausspionieren und all die freiheitsgefährdenden Kompetenzen nutzen, die die Geheimdienste seit 9/11 haben und die seit den Snowden-Enthüllungen allgemein bekannt sind. Und der sadistische Killer Swann wird versuchen Sachs und Rhyme zu töten. Es wird auf eine große Konfrontation zwischen ihnen hinauslaufen und der Geheimdienst wird dabei viele Informationen nicht oder vollkommen falsch lesen. Auch das ist spätestens seit den mit Drohnen ausgeführten Anschlägen auf Terroristen, vermeintliche Terroristen und Pechvögel bekannt.
Für einen handelsüblichen Polit-Thriller ist dieser Kampf zwischen einem allmächtigen, skrupellosem Geheimdienst und einem Einzelnen, der gegen die übermächtige Regierung kämpt, ein guter Fahrplan.
Aber für einen Jeffery-Deaver-Roman? Immerhin ist er für seine Storytwists, vor allem am Romanende, bekannt und berüchtigt. Und seine Lincoln-Rhyme-Romane sind vor allem hochspannende Rätselkrimis. Whodunits, bei denen die Suche nach dem Mörder im Mittelpunkt steht und der Mörder sich anhand von Spuren, die er am Tatort hinterlässt, verrät.
Nun, diese Überraschungen gibt es auch und sie machen „Todeszimmer“, den zehnten Lincoln-Rhyme-Roman, zu einem echten Deaver; – und mehr zu verraten, würde doch etliche Überraschungen unnötig spoilern.
Trotzdem würde sich eine ausführliche Diskussion über das Ende und die damit mehr oder weniger verbundenen Botschaften lohnen…
– Jeffery Deaver: Todeszimmer (übersetzt von Thomas Haufschild) Blanvalet, 2014 608 Seiten
19,99 Euro
– Originalausgabe
The Kill Room
Grand Central Publishing, 2013
Die Idee ist toll: als in der Gegenwart ein europäisches Astronautenteam auf dem Mond im „Meer der Ruhe“ landet, entdecken sie am Landeplatz der Apollo 11 eine Leiche. Damit ist klar, dass vor dem allseits bekanntem ersten Betreten des Mondes 1969 durch die US-Amerikaner bereits jemand auf dem Mond war und dass dort ein Mord geschah. Aber wer ist der Tote? Warum ist er auf dem Mond? Und was geschah dort?
Aus dieser Idee kann man viel machen. Christian Eckl machte in „Der Mann im Mond ist tot“ einen erschreckend konventionellen und auch unglaubwürdigen Krimi daraus. Denn im Mittelpunkt steht Stephan Teller, Wissenschaftsjournalist bei der Wochenzeitung WOZ. Jetzt soll er eine Reportage über die historische Mondlandung schreiben. Noch bevor er mit den Recherchen beginnt, wird er entführt. Von Männern des Bundesnachrichtendienstes. Der BND-Chef bietet ihm (reichlich grundlos) Informationen über den nur wenigen Menschen bekannten Mord an und er möchte, dass Teller die Hintergründe recherchiert. Selbstverständlich ist jetzt die Neugierde von Teller geweckt und mit einer Aufpasserin macht er sich auf den Weg um den halben Globus.
Und ungefähr hier beginnen die ernsthaften Glaubwürdigkeitsprobleme der Geschichte. In den USA wird auf Teller und seine Aufpasserin am hellichten Tag und mitten in der Stadt ein Drohnenanschlag verübt. Sie werden von einigen Schlägern verfolgt. Außerdem finden sie Filmaufzeichnungen von den damaligen Ereignissen in den Ausstellungsräumen der russischen und der amerikanischen Raumfahrtbehörden. Das ist – wenn man nicht schon bei dem Drohnenanschlag dachte „Nein!“ – dann völlig unglaubwürdig. Denn wir sollen nicht nur glauben, dass die Bösewichter nicht nur die Beweise für ihre Tat nicht vernichteten, sondern dass sie sie in öffentlich zugängliche Archive legten. Gerade so, als ob sie wollten, dass der erstbeste Journalist oder Wissenschaftler sie findet.
Zwischen die aktuellen Recherchen von Teller, angereichert mit viel Rotwein, schneidet Eckl Rückblenden, in denen er viele Dinge erzählt, die Teller niemals herausfindet und die eigentlich als Grundlage für einen um die Mondlandung herum spielenden Roman hätten dienen können. Denn diese Geschichte ist glaubwürdiger als die in der Gegenwart spielende Geschichte, die auch immer an einen dieser schwer erträglichen, vollkommen unglaubwürdigen, klamottenhaften Krimis erinnert, die überhaupt nicht lustig sind und in denen die Charaktere sich möglichst dumm verhalten.
– Christian Eckl: Der Mann im Mond ist tot Mitteldeutscher Verlag, 2014 176 Seiten
9,95 Euro
Regelmäßige Leser der „Kriminalakte“ wissen, dass ich ein großer Fan von Carl Hiaasen und Daniel Woodrell bin. Aber die neuen Romane der beiden Schriftsteller sind nicht gut. Da helfen auch nicht ein, zwei, drei zugedrückte Augen und blindes Fantum.
Beginnen wir mit Carl Hiaasen. Er ist Kolumnist der „Miami Herald“, seine Romane sind grandiose, schwarzhumorige Abrechnungen mit dem Florida Style of Life voller skuriller Charaktere und absurder Situationen, von denen sich viele sogar tatsächlich ereigneten. Auch sein neuester Roman „Affentheater“ liest sich zunächst wie ein weiterer Hiaasen-Roman.
Während einer Angeltour angelt ein Touristenpärchen einen von einem Hai abgebissenen Arm (mit ausgestrecktem Mittelfinger) aus den Florida Keys. Polizist Andrew Yancy soll sich um den Fall kümmern, was im Wesentlichen heißt: er soll den Arm zur Obduktion nach Miami bringen und den dortigen Kollegen den Fall aufbürden. Das geht schief und nach seiner Rückkehr erfährt Yancy, dass er ab jetzt beim Gesundheitsamt als Restaurantprüfer arbeiten soll. Die Versetzung zur Schabenpatrouille war nötig, weil er dem vermögendem und einflussreichem Ehemann seiner Freundin vor laufenden Kameras sehr handgreiflich die Meinung sagte.
Schnell vermutet Yancy, dass Nick Stripling (so heißt der Besitzer des Armes) von seiner Frau umgebracht wurde. Yancy beginnt zu ermitteln. In seiner Freizeit. Wenn er nicht gerade den Bau seines Nachbarn, der ihm die Aussicht versperrt und höher als erlaubt ist, sabotiert.
Das klingt jetzt zwar nach einem typischen Hiaasen-Set-Up, aber schon schnell stellt sich lähmende Langeweile ein. Die Geschichte bewegt sich im Schneckentempo und sehr vorhersehbar fort. Die Gags sind rar gesät. Und die absurden Situationen, die teilweise überhaupt nichts mit dem Hauptplot zu tun haben, aber den Wahnsinn Floridas reflektieren und in anderen Hiaasen-Romanen wie Unkraut sprießen, sind kaum vorhanden. In „Affentheater“ ist eigentlich nichts zu finden, was man von einem typischen Hiaasen-Roman erwartet. Sein neuester Roman erinnert an „Letztes Vermächtnis“ (Basket Case, 2002), sein Einblick in das Journalisten- und Musikerleben, der durch konsequente Humorlosigkeit beeindruckte. Aber während bei „Letztes Vermächtnis“ der humorfreie Ton gewollt war, scheint „Affentheater“ durchaus als Comic-Crime-Novel geplant gewesen zu sein. Umso schmerzlicher fallen der für einen richtigen Hiaasen fehlende bizarre Schwarze Humor und die erinnerungswürdigen Charaktere auf.
In seinem neuen Roman „In Almas Augen“ erzählt Daniel Woodrell eine weitere Geschichte aus den Ozarks und wie in seinen vorherigen Romanen braucht er nicht viele Worte. Mehr als zweihundert Seiten hat nur sein historischer Roman „Zum Leben verdammt“ (Woe to live on/Ride with the devil, 1987). Oft erzählte er seine geradlinigen, chronologisch und schnörkellos erzählten Noirs in der ersten Person oder nah an einem Charakter.
In „In Almas Augen“ bedient er sich dagegen einer komplizierten Struktur. Als Quasi-Rahmenhandlung verbringt der Ich-Erzähler als Zwölfjähriger in den Sechzigern einen Sommer bei seiner Großmutter Alma. Während der Sommerferien erzählt sie ihm von der großen Katastrophe von 1929. Damals kam es während eines Tanzabends zu einer Explosion in der Ann Arbor Tanzhalle, bei der 42 Menschen starben. Diese Rückblende splittert Woodrell jetzt in zahllose Episoden auf, die mal vor, teilweise sogar Jahrzehnte vor der Katastrophe, mal nach, mal während der Katastrophe spielen. Manchmal ist auch unklar, wann sie spielen. Und die Erzählperspektive wechselt immer wieder. Oft ist sie auch vollkommen unklar, aber Alma, was man nach dem deutschen und dem Originaltitel vermuten könnte, ist nicht die Erzählerin. Es ist eher ein allwissender Erzähler, der nichts mit Alma und dem Erzähler der in den Sechzigern spielenden Rahmengeschichte, die beide groß eingeführt werden, zu tun hat.
Dieser Kunstgriff führt jetzt allerdings nicht zu einer multiperspektivisch erzählten Geschichte, in der sich die verschiedenen Perspektiven und Geschichten gegenseitig befruchten, sondern wirkt wie ein Griff in den Zettelkasten. Denn auch wenn einige Episoden oder Kurzgeschichten gelungen sind, ist der Gesamteindruck verheerend. Nie macht die Lektüre Spaß. Nie kommt ein Interesse an den Charakteren auf. Nie wird es interessant. Stattdessen schwankt man zwischen Ratlosigkeit und emsigem Zusammensetzen der Einzelteile. Aber ein Puzzle ist kein Roman.
Es ist zwar erfreulich, dass Carl Hiaasen und Daniel Woodrell nicht einfach noch einmal das gleiche Buch schreiben wollten, dass sie nicht das nächste „Striptease“ oder „Winters Knochen“ (beide verfilmt) abliefern und etwas neues wagen. Nur gelungen sind die Werke nicht. Auch nicht empfehlenswert oder wenigstens interessant gescheitert.
– Carl Hiaasen: Affentheater (übersetzt von Marie-Luise Bezzenberger) Manhattan, 2014 400 Seiten
17,99 Euro
– Originalausgabe
Bad Monkey
Alfred A. Knopf, 2013
– Daniel Woodrell: In Almas Augen (übersetzt von Peter Torberg) Liebeskind, 2014 192 Seiten
16,90 Euro
– Originalausgabe
The Maid’s Version
Little, Brown and Company, 2013
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In meiner Besprechung von „Grenzen“, dem vorherigen „The Walking Dead“-Sammelband (das ist die grandiose Comicserie, die vom Überleben der Menschen in einer von Zombies bevölkerten Welt erzählt), schrieb ich:
„Inzwischen, immerhin ist „The Walking Dead“ so erfolgreich, dass kein Ende absehbar ist, legt Robert Kirkman ein durchaus gemächliches Erzähltempo vor. Denn auch „Grenzen“ widmet sich immer noch dem Set-Up für den Kampf von Rick Grimes gegen Negan, über den wir immer noch ziemlich wenig wissen. Außer dass er Lucille, einen stacheldrahtumwickelten Baseballschläger als Waffe benutzt, eine Lederjacke trägt, eine große Armee an ihm treu ergebenen Überlebenden befehligt und er schlau ist.“
Am Ende von „Auf dem Kriegspfad“ kann ich eigentlich das Gleiche noch einmal schreiben. Denn über Negan wissen wir immer noch fast nichts und die Handlung bewegt sich fast schon im Schneckentempo vorwärts. Immer noch bereiten Rick Grimes und seine Männer sich auf den Kampf gegen Negan vor. Diese Vorbereitung wird von einem Scharmützel zwischen ihnen unterbrochen. Es gibt ein wenig Ärger in Alexandria, wo Rick Grimes und die von ihm geführte Gruppe Überlebender schon vor einiger Zeit bei den dortigen Bewohnern Unterschlupf fanden. Für Grimes erschien damals Alexandria als mögliche Keimzelle einer neuen Gesellschaft und für diese friedliche Gesellschaft gibt es – neben den Zombies, die aber inzwischen zum Alltag gehören – nur eine Bedrohung: den schon erwähnten Negan.
Dieser Konflikt zwischen ihnen und Negan brodelt in „Auf dem Kriegspfad“ weiter vor sich hin. Die Charaktere gewinnen durch die so gewonnene Erzählzeit allerdings nicht an Tiefe. Stattdessen drängt sich der Eindruck auf, dass Autor Robert Kirkman einfach seinen Stoff weiter bis zum erzählerischen Stillstand streckt.
Immerhin heißt es am Ende von „Auf dem Kriegspfad“ „Wir ziehen in den Krieg“, was die Hoffnung weckt, dass der Konflikt im nächsten „The Walking Dead“-Band wenigstens auf eine neue Stufe gestellt und wir gleichzeitig Neues über die Charaktere erfahren.
– Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburn: The Walking Dead: Auf dem Kriegspfad (Band 19) (übersetzt von Marc-Oliver Frisch) Cross Cult, 2014 144 Seiten
16 Euro
– Originalausgabe
The Walking Dead: March to War (Vol. 19)
Image Comics, 2013
– enthält
The Walking Dead ‚ 109 – 114
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Kristof Kryszinski ist zurück und wieder einmal arbeitet er nicht als Privatdetektiv. Aber während er früher immer wieder verschiedene Jobs, wie Hausmeister oder Nachtwächter, machte, um eine kurzfristige, finanzielle Durststrecke zu überwinden, hat er jetzt den Detektivberuf endgültig an den Nagel gehängt. Der passionierte Drogenkonsument ist Kneipier. Er betreibt die „TaxiBar“ in dem wunderschönen Bahnhofsviertel von Mülheim. Zu seinen Kunden gehören, wie der Name sagt, Taxifahrer und das typische Kneipenpublikum, das vor allem durch Trinkfestigkeit zu jeder Tages- und Nachtzeit beeindruckt.
Und wieder stolpert Kryszinski in einen Mordfall, als vor der Kneipentür Geronimo erschossen wird. Nicht der Indianerhäuptling, sondern Dragan Bjilkovic, ein Taxifahrer, der sein Geld mit Hehlerei und Waffenhandel aus dem Kofferraum seines Taxis verdiente. Kryszinskis Intimfeind Kommissar Hufschmidt und sein Kollege Menden (der eigentlich im Krankenhaus liegen sollte, aber dann doch in der TaxiBar herumlungert) ermitteln. Und Kryszinski fühlt sich für den Mord verantwortlich. Denn Geronimo sollte für ihn ein großes Paket Drogen verkaufen.
Und das ist nicht die erste, aber die größte Veränderung im Kryszinski-Kosmos. Denn anstatt Verbrechen aufzuklären, will Kryszinski dieses mal ein wirklich großes Verbrechen begehen (weitere werden folgen) und seine Ermittlerarbeit ist jetzt größtenteils Schadensbegrenzung im eigenen Interesse. Aber ein richtig böser Bube wird unser Ich-Erzähler nicht. Immerhin sucht er auch drei spurlos verschwundene Roma-Mädchen, die zuletzt in dem Mietshaus, in dem die TaxiBar, Kryszinskis, Geronimos und einige weitere Wohnungen von im Roman wichtigen Personen sind, gesehen wurden. Beim Einbrechen.
Und es gibt noch weitere, ähem, Straftaten im Umfeld der TaxiBar, die Kryszinski aus seinem gewohnten Kneipier-Trott, nämlich verständnisvoll zuhören und trinken, reißen.
Der inzwischen elfte Kryszinski-Krimi hat alles, was man auch von den vorherigen Kryszinski- und Juretzka-Romanen kennt und liebt: eine schnoddrige Sprache, Witz, absurde Ereignisse (die den Helden meist ziemlich gebeutelt zurücklassen. Immerhin hat er seinen vorherigen Job aufgegeben, weil er nicht mehr mit Menschen aneinandergeraten wollte, „für die Körperverletzung eine Art angewandter Gedankenaustausch ist“.) und einen gewohnt illusionslosen Blick auf die Wirklichkeit, ohne in Larmoyanz oder sozialdemokratische Wehleidigkeit zu verfallen.
Allerdings ist dieses Mal der Kriminalfall, verstanden als die Bemühungen von Kryszinski, den Mörder von Geronimo zu finden, absolut nebensächlich gegenüber dem Porträt der Bewohner des heruntergekommenen Mietshauses und der trink- und schlagkräftigen TaxiBar-Kundschaft.
Außerdem bedient Jörg Juretzka sich im ersten Viertel des Romans einer für ihn ungewöhnlichen Struktur: anstatt einfach chronologisch die Geschichte zu erzählen, springt er im gefühlten 2-Seiten-Rhythmus zwischen der Gegenwart (dem Mord an Geronimo, den beginnenden Ermittlungen der Polizei und Kryszinskis Vertuschungsbemühungen) und der Vergangenheit (Kryszinskis Ausflug nach Frankreich, wo er am Strand das Drogenpaket findet und mit ihm, nach etwas Trouble mit der französischen Polizei, nach Mühlheim zurückkehrt). Dieses Hin und Her erschwert unnötig den Lesefluss und das Einfinden in die Geschichte.
Und über das Ende muss auch irgendwann einmal gesprochen werden.
Aber der typische Kryszinski-Sound ist vorhanden – und das reicht reichlich für eine dicke Leseempfehlung.
– Jörg Juretzka: TaxiBar Rotbuch, 2014 224 Seiten
16,95 Euro
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Nun haben es auch Janet Evanovich und Lee Goldberg getan: gemeinsam einen Roman geschrieben, der der Auftakt für eine Serie sein soll. Was für Evanovich, die wohl doch allseits bekannte Erfinderin von Stephanie Plum, vielleicht ein großer Schritt war, ist für Lee Goldberg (der „Kriminalakte“-Lesern gut bekannt ist) eher die Fortführung seines bisherigen Schaffens. Als Drehbuchautor ist er an das Zusammenarbeiten mit anderen Kreativen gewöhnt. Viele seiner Drehbücher für Serien wie „Diagnosis: Murder“ (Diagnose: Mord), „Monk“ und „The Glades“ schrieb er mit William Rabkin. Seine Filmromane zu den Serien „Diagnosis: Murder“ (nicht übersetzt) und „Monk“ (teilweise übersetzt), die neue Fälle mit den bekannten Charakteren erzählen, bewegen sich innerhalb den aus der Serie bekannten Koordinaten. Und die von ihm lancierte Serie „Dead Man“ wendet das TV-Serienprinzip, nämlich dass ein Serienerfinder die Eckpunkte vorgibt und andere Autoren in diesem Kosmos schreiben, auf den Roman an.
Jetzt erfand er mit Janet Evanovich die FBI-Agentin Kate O’Hare, 33 Jahre, gut aussehend, Single und schokoladensüchtig. Oh, und vernarrt in Nicolas Fox, einen ebenfalls gutaussehenden, international operierenden Trickbetrüger, den sie seit Jahren verfolgt. Als sie ihn endlich schnappt, verliert ihr Polizistenleben seinen Sinn. Denn was ist schon die Jagd nach Urheberrechtsverletzern gegenüber der Jagd nach einem Kunstdieb? Vor allem wenn er so ein charmanter Kerl ist.
Als Fox die Flucht aus der Haft gelingt und sie den Fall nicht übertragen bekommt, nimmt sie Urlaub und findet ihn auf einer einsamen, seit Ewigkeiten von Mönchen bewohnten griechischen Insel. Bei ihm sind ihr Vorgesetzter Carl Jessup und Fletcher Bolton, Stellvertretender Direktor des FBI, die ihr ein Angebot machen, das durchaus unmoralisch ist, das sie aber nicht ablehnen kann: sie soll gemeinsam mit Fox die großen Verbrechern jagen, die das FBI nicht kriegt, weil die Weiße-Kragen-Kriminelle über genug Macht und Geld verfügen, um das Rechtsystem zu ihren Gunsten zu manipulieren.
Ihr erstes Ziel ist Derek Griffin, ein Investmentbanker, der ein Schneeballsystem initierte und mit fünfhundert Millionen Dollar verschand. Ein Bernard-Madoff-Typ, nur jünger und besser aussehend – und spurlos verschwunden.
Gemeinsam mit einem von Fox zusammengestelltem Team aus dem Schauspieler Boyd Capwell, der Fahrerin und Fliegerin Wilma Owens, dem Old-School-Hollywood-Effektkünstler Chet Kershaw und dem Handwerker Tom Underhill – alles Könner in ihrem Metier – machen sie sich auf die Jagd um den halben Globus.
Natürlich ist „Mit High Heels und Handschellen“ deutlich von der TV-Serie „Ihr Auftritt, Al Mundy!“ (It takes a Thief) mit Robert Wagner als Dieb Al Mundy, der statt eines Haftaufenthaltes für die US-Regierung Verbrecher jagen muss, inspiriert. Und genau wie die TV-Serie macht auch dieser Serienauftakt Spaß. Es ist flott geschriebene, sommerlich-leichte Lektüre mit viel Witz, die am Ende, wenn das Team sich auf den nächsten Auftrag freut, an „Leverage“ erinnert.
Und wie es sich für eine gute Zusammenarbeit gehört, ist unklar, wer was geschrieben hat. Für mich ist es jedenfalls, vor allem wegen der vielen Anspielungen auf das Filmgeschäft und Filme, das neue Lee-Goldberg-Buch und ich bin schon gespannt auf die nächsten Abenteuer von Kate O’Hare, Nicolas Fox und ihrem Team.
– Janet Evanovich/Lee Goldberg: Mit High Heels und Handschellen (übersetzt von Ulrike Laszlo) Goldmann, 2014 352 Seiten
8,99 Euro
– Originalausgabe
The Heist
Bantam Books, 2013
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Mit der Politik kam der kleine Ganove Filippo Zuliani erstmals im Gefängnis in Kontakt. Denn sein Zellennachbar war Carlo Fedeli, ein bekanntes Mitglied der „Roten Brigaden“, der ihm abends in der Zelle von seinen Kämpfen mit seinen Gefährten gegen den faschistoiden italienischen Staat und für eine gerechte Gesellschaft erzählte. So erhielt Filippo seine politische Bildung und als er Carlo bei der Flucht beobachtet, flieht er mit seinem Freund, der ihm nichts von der Flucht erzählte. Kurz nach der Flucht trennen sich ihre Wege. Als der ziellos durch Italien wandernde Filippo erfährt, dass Carlo in Mailand bei einem Banküberfall erschossen wurde und er als Mittäter gesucht wird, flüchtet er von Italien nach Paris. Dort wird er von Carlos im Exil lebenden Kampfgefährten aufgenommen, die allerdings wenig mit dem dreiundzwanzigjährigem, ungebildeten Straßengangster zu tun haben wollen. Immerhin vermitteln sie ihm einen Job als Nachtwächter und während der Arbeit beginnt Filippo seine Interpretation seiner Freundschaft und gemeinsamen Flucht mit Carlo aufzuschreiben.
„Ausbruch“, der neue Roman von Dominique Manotti, ist ein Krimi, der kein Krimi ist. Obwohl es um Verbrecher, Terroristen, Verschwörungen, Lug und Trug geht, unterläuft die Geschichte die Genre-Konventionen. Und in Paris verfolgt niemand Filippo, der auch kein Interesse an einer Fortsetzung seines kriminellen Lebens hat. Stattdessen gefällt ihm eine bürgerliche Karriere als Schriftsteller, die dann ganz eigene Probleme hat.
In dem Roman gibt es einen Rückblick auf die Jahre 1987 und 1988, in denen die Geschichte hauptsächlich spielt, den italienischen Terrorismus der siebziger und achtziger Jahre, und das Leben der Flüchtlingsgemeinschaft in Paris, die aus italienischen politischen Flüchtlingen bestand, die während langer, weinseliger Abende philosophierten, politisierten und sich in mehr oder weniger paranoiden Gedankengebäuden verirrten.
Es ist auch ein Porträt der literarischen Szene, in der Menschen ihre Lebensgeschichte mit mehr oder weniger erfundenen Erinnerungen kapitalisieren, und die in den Medien aufgrund ihrer Biographie abgefeiert werden. Hier kann jeder die ihm genehmen Beispiele einfügen. Filippo wird aufgrund seiner rohen, unverfälschten Sprache als literarische Sensation gefeiert. Immerhin schreibt er darüber, wie es wirklich war. Auch wenn einige Namen geändert wurden und „Roman“ auf dem Umschlag steht. Und die Geschichte eines Revolutionärs, der sich mit einem ungebildeten Kleinganoven befreundet und zum schnöden Bankräuber wird, bedient gleich mehrere Erwartungen. Dummerweise nicht nur vom Literaturbetrieb.
Kürzlich spielte David Zeltserman in „Pariah“ äußerst gelungen mit dem Authentizitätswahn des literarischen Betriebes, in dem ein stadtbekannter South-Boston-Gangster für viel Geld seine Geschichte erzählen sollte. Dummerweise hatte der Gangster noch einige Rechnungen offen.
Auch dieser Roman ist absolut empfehlenswert. Dieses Mal gibt es daher einen zweifachen Lesebefehl.
– Dominique Manotti: Ausbruch (übersetzt von Andrea Stephani) Ariadne, 2014 256 Seiten
17 Euro
– Originalausgabe
L’évasion
Éditions Gallimard, Paris, 2013
– Hinweise
Wegen der Verfilmung erschienen die Tage einige Bücher in Filmausgaben, was heute ja vor allem ein neues Buchcover bedeutet (früher gab es oft noch Bilder aus dem Film), andere wurden erstmals übersetzt. Jetzt, zwischen auslaufender Kinoauswertung und vor der DVD-Auswertung, kann man sich an ein schattiges Örtchen zurückziehen und die Bücher lesen.
Wobei der Alpenwestern „Das finstere Tal“ hier in Berlin immer noch im Kino läuft. Thomas Willmann schrieb die hochgelobte Vorlage, die sich gut verkaufte und den Stuttgarter Krimipreis erhielt.
Ende des 19. Jahrhunderts kommt kurz vor Winterbeginn ein Fremder in ein einsam gelegenes Hochtal in den Alpen. Der Maler erkauft sich mit seinen mit Gold gefüllten Taschen ein Quartier. Kurz nach dem Wintereinbruch werden zwei Männer ermordet. Sie sind nicht die letzten Toten in diesem Winter in dem Dorf – und der Fremde ist daran nicht ganz unschuldig.
Thomas Willmann: Das finstere Tal Ullstein, 2014 320 Seiten
9,99 Euro
– Erstausgabe
Liebeskind, 2010
– Hinweise
Zeitlich etwas näher, dafür geographisch weiter weg und durch den Fund von hunderten von Kinderskeletten wieder erschreckend aktuell ist „Philomena – Eine Mutter sucht ihren Sohn“. In dem Sachbuch schildert der Journalist Martin Sixsmith die Suche von Philomena Lee nach ihrem Sohn, der ihr von der Kirche weggenommen wurde.
1952 ging die damals 18-jährige Philomena in ein Kloster der Nonnen von Roscrea. Sie war schwanger, aber nicht verheiratet, was im katholischen Irland eine Todsünde war. Die Kirche kümmerte sich um diese gefallenen Mädchen und errichtete unter dem Mantel der Barmherzigkeit ein Terrorregime. Drei Jahre nach der Geburt von ihrem Sohn nehmen die Schwestern ihn ihr weg und geben ihn einer US-amerikanischen Familie. In den folgenden Jahrzehnten erfährt sie nichts über ihren Sohn.
Als sie schließlich ihrer Tochter und dem Journalisten Martin Sixsmith ihre Geschichte erzählt, macht er sich auf die Suche nach dem verschwundenen Sohn und was er entdeckt ist schockierend und vollkommen unchristlich.
Der Film ist ein berührendes, gut gespieltes und pointiert geschriebenes Drama. Das Buch, ein Bestseller in England, wurde erst jetzt, zur Kinopremiere, übersetzt.
Das Buch enthält ein aktuelles Vorwort von Judy Dench, der Hauptdarstellerin.
Martin Sixsmith: Philomena – Eine Mutter sucht ihren Sohn (übersetzt von Heike Holtsch und Michael Windgassen) Ullstein, 2014 448 Seiten
9,99 Euro
– Originalausgabe
The Lost Child of Philomena Lee
Pan Books, 2009
–
Auch „Lone Survivor“ basiert auf Tatsachen, war in den USA ein Bestseller und wurde erst zum Kinostart übersetzt. Mark Wahlberg spielt Marcus Luttrell, den Anführer eine SEAL-Einheit, die in Afghanistan einen wichtigen al-Qaida-Mann töten sollen. Der Einsatz geht schief und auf der Flucht sterben alle von Luttrells Männern; – das ist jetzt, angesichts des Titels ja keine besondere Überraschung.
Marcus Luttrell schrieb zusammen mit Thriller-Beststellerautor Patrick Robinson, der hier als Ghostwriter fungierte, in „Lone Survivor“ seine Erlebnisse auf und erzählte auch von seiner Ausbildung.
Marcus Luttrell/Patrick Robinson: Lone Survivor (übersetzt von Lotta Rüegger und Holger Wolandt) Heyne, 2014 448 Seiten
17,99 Euro
– Originalausgabe
Lone Survivor – The Eyewittnes Account of Operation Redwing and the Lost Heroes of SEAL Team 10
Little, Brown and Company, 2007
–
Schon seit Jahren aus dem Kino verschwunden sind „Shooter“ und „Im Auftrag des Drachen“.
In „Shooter“ spielt Mark Wahlberg Bob Lee Swagger, einen Vietnam-Veteran (im Buch), der von einer Geheimorganisation aufgefordert wird, einen Anschlag auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu verhindern. Zu spät begreift Swagger, dass er der Sündenbock sein soll. Er kann flüchten und beginnt die Männer zu suchen, die ihn hereinlegten.
Für die Verfilmung wurde natürlich einiges geändert. Immerhin ist Swagger im vor über zwanzig Jahren erschienem Roman ein Vietnam-Veteran und sechshundert Seiten sind doch etwas viel für einen zweistündigen Thriller.
2007, als Antoine Fuquas harter Thriller im Kino lief, erschien bei uns keine Filmausgabe von Stephen Hunters Roman, der 1996 in anscheinend gekürzter Fassung als „Im Fadenkreuz der Angst“ erschien. Sowieso wurden nur weniger seiner Thriller übersetzt und sie sind inzwischen, falls überhaupt, nur noch antiquarisch erhältlich.
Insofern ist die ungekürzte Übersetzung im Festa-Verlag höchst willkommen und mit etwas Glück folgen auch die weiteren acht Bob-Lee-Swagger-Romane. Für Dezember ist jedenfalls mit „Nachtsicht“ (Black Light, 1996) die zweite Swagger-Geschichte angekündigt.
Stephen Hunter: Shooter (übersetzt von Patrick Baumann) Festa, 2014 640 Seiten
13,95 Euro
– Originalausgabe
Point of Impact
Bantam Dell, 1993
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Die Verfilmung von Trevanians Thriller „Im Auftrag des Drachen“ mit Clint Eastwood, der auch Regie führte, läuft regelmäßig im Fernsehen. Die Vorlage, ein weltweiter Bestseller, ist antiquarisch leicht erhältlich. Immerhin erschien der Roman in zahllosen Ausgaben.
In Trevanians Debüt soll Jonathan Hemlock, ein Mitarbeiter einer geheimen CIA-Abteilung, Kunsthistoriker und Bergsteiger, während der Besteigung der Eiger-Nordwand einen feindlichen Agenten töten. Es gibt nur ein Problem: er weiß nicht, welcher seiner Mit-Bergsteiger der Feind ist.
Als ich den Thriller als Teenager als, war ich mächtig beeindruckt und wurde zum Trevanian-Fan, der erst bei seinen Nicht-Thrillern (Ein Liebesroman? Pfui. Bäh.) aufhörte.
Für Mitte Oktober ist eine Neuauflage von „Der Experte“, dem zweiten und letzten Hemlock-Thriller angekündigt.
Trevanian: Im Auftrag des Drachen (übersetzt von Werner Peterich) Heyne, 2014 400 Seiten
9,99 Euro
– Originalausgabe
The Eiger Sanction
Crown Publishers, 1972
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Zahlreiche deutsche Ausgaben.
– Hinweise
Detective Sergeant Sean Duffy von der Polizei in Carrickfergus, einem Vorort von Belfast, ist zurück. Dieses Mal soll er herausfinden, wer den unbekannten Leichnam schon vor längerer Zeit enthauptete, in einer Tiefkühltruhe zwischenlagerte und in einem Koffer versteckte, der zufällig in einem Müllcontainer gefunden wurde.
Das klingt jetzt nicht furchtbar spektakulär. Aber Adrian McKinty will in „Die Sirenen von Belfast“, nach „Der katholische Bulle“ der zweite Fall mit Sean Duffy, auch nicht einen weiteren 08/15-Thriller über die Jagd nach einem durchgeknalltem Mörder, am besten Serienmörder, abliefern. Beide Krimis spielen in den frühen Achtzigern in Nordirland. Damals herrschte dort ein veritabler Bürgerkrieg. IRA-Häftlinge hungerten. Es wurde gebombt und Anschläge auf Polizisten verübt. Das britische Militär schoß scharf zurück. Auch Duffy blickt jeden Morgen unter sein Auto. Prüft, ob es dort eine Bombe gibt.
Außerdem ist es eine Zeit, in der auch die Polizei hemmungslos Gewalt anwandte, man immer wieder etwas mitgehen ließ, eigentlich nie ein Geschenk ablehnte und sich den Dienst mit Alkohol und anderen Drogen verschönerte. Auch Duffy ist diesen Versuchungen gegenüber sehr aufgeschlossen. Es gehört aber auch zum Alltag, in dem der Wahnsinn regiert und an ordentliche Polizeiarbeit nicht wirklich zu denken ist. Denn bei seinen Ermittlungen muss er Rücksicht nehmen auf die Politik, die politische Großwetterlage, die Befindlichkeiten der Bevölkerung, die die Polizei gerne mit Steinen begrüßt oder gleich auf sie schießt, und die verschiedenen, mehr oder weniger terroristischen Gruppierungen, die damals immer mehr zu Gangsterbanden mutierten. Jedenfalls waren die Grenzen fließend, aber der unangefochtene Machtanspruch der verschiedenen Gruppen beherrschte ganze, fein säuberlich aufgeteilte Stadtviertel. Das englische Militär wurde als Besatzungsmacht wahrgenommen und die Polizei als deren Handlanger. Und über alles wurde immer wieder eine religiöse Sauce gekippt, die einen katholischen Polizisten zu einem Oxymoron machte.
Diesen Hintergrund malt Adrian McKinty, der vorher einige hochgelobte Gangsterromane schrieb, breit aus und reichert ihn mit den damaligen Schlagzeilen (Lady Diana, die Falklandinseln) und der damaligen Hitparade (wobei Duffy oft auch eine klassische LP auflegt) an. Sowieso erzählt der Ich-Erzähler Sean Duffy sein Leben sehr detailliert. Der Kriminalfall selbst wird dann in „Der katholische Bulle“ und „Die Sirenen von Belfast“ eigentlich zur Nebensache, weil geübte Krimileser schnell einen Verdacht haben, wo der Täter zu finden ist. Die Auflösung ist dann mehr vom Prinzip Zufall als von kriminalistischen Ermittlungen bestimmt und von politischen Überlegungen beeinflusst.
So glaubt Duffy in „Der katholische Bulle“ zunächst, dass die beiden Männer von einem Serienmörder ermordet wurden. Beide Opfer waren homosexuell und das war damals im tiefgläubigen Nordirland nicht gern gesehen. Auf einer Postkarte kündigt der Mörder weitere Taten an. Schon früh weist Duffy auf ein Problem hin: In Nordirland gibt es keine Serienmörder. Denn jeder, der töten will, kann einfach zur IRA gehen und dort als Freiheitskämpfer seine Triebe unter dem Deckmantel des gerechten Kampfes frönen.
In „Die Sirenen von Belfast“ findet Duffy heraus, dass der kopflose Tote US-Amerikaner ist, Kriegsveteran war und als Pensionär seinen Urlaub in Irland verbrachte; – was natürlich seltsam ist, weil niemand freiwillig ein Kriegsgebiet besucht. Die Leiche war in einem Koffer versteckt, der Martin McAlpine gehörte. Der Schäfer war einige Monate früher von der IRA erschossen worden, weil er im Ulster Defense Regiment war, einem vor Ort von der British Army rekrutiertem Feierabendregiment. Obwohl dieser Mord nichts mit seinem Fall zu tun hat, interessiert Duffy sich für die schöne, sich merkwürdig verhaltende Witwe und dem älterem Bruder der Ermordeten, Sir Harry McAlpine, dem das Land gehört und der schnell seine Beziehungen spielen lässt.
Denn, wie Duffy schnell vermutet, spielte der Mord sich nicht so ab, wie er in den Polizeiakten festgehalten ist.
Die ersten beiden Sean-Duffy-Romane sind nicht schlecht, aber auch nicht so grandios wie die in Algerien spielenden Kommissar-Llob-Romane von Yasmina Khadra, bei denen der Mordfall ebenfalls Nebensache ist. Denn was ist schon ein Mord, wenn täglich Dutzende sterben, alle korrupt oder wahnsinnig sind und man selbst vielleicht den Tag nicht überlebt? Aber während Khadras Romane, vor allem die ersten drei Llob-Romane „Morituri“, „Doppelweiß“ und „Herbst der Chimären“, extrem kurz, eigentlich nur eine Skizze, sind, malt McKinty sein Panorama breit aus, was auch dazu führt, dass der Drive aus seinen Gangsterromanen fehlt.
Jedenfalls hat Adrian Mc Kinty noch nicht genug von Sean Duffy, dessen weiteres Leben – so sieht es jedenfalls am Ende von „Die Sirenen von Belfast“ aus – nicht unbedingt bei der Polizei von Carrickfergus sein wird.
Der vierte Duffy-Roman ist bereits für nächstes Jahr angekündigt.
– Adrian McKinty: Die Sirenen von Belfast (übersetzt von Peter Torberg) Suhrkamp, 2014 392 Seiten
19,95 Euro
– Originalausgabe
I hear the Sirens in the Street
Serpent’s Tail, London, 2013
– Adrian McKinty: Der katholische Bulle (übersetzt von Peter Torberg) Suhrkam, 2013 384 Seiten
19,95 Euro
9,99 Euro (Taschenbuch, erscheint am 14. Juli 2014)
– Originalausgabe
The cold cold Ground
Serpent’s Tail, 2012
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„Schlauer werden mit der beliebtesten Fernsehserie“ ist der Untertitel und er ist erstens zutreffend und zweitens macht der Sammelband neugierig auf einige zeitgenössische Philosophen. Denn in dem von Wolfram Eilenberger herausgegebenem Sammelband „Der Tatort und die Philosophie“ werden verschiedene Philosophen und ihr Werk vorgestellt und damit man sich mit ihren abstrakten Gedanken beschäftigt, wird der „Tatort“ als Köder benutzt. Gerade weil die Reihe so langlebig ist und es inzwischen über neunhundert Folgen gibt, findet jeder Autor, meist bei einem der aktuell ermittelnden Kommissare, den ihm genehmen Anknüpfungspunkt, der auch immer etwas willkürlich bleibt.
Aber in dem Sammelband geht es auch nur peripher um den „Tatort“. Die Krimireihe und damit auch der Kriminalfilm und die Kriminalserie im allgemeinen (denn vieles, was hier gesagt wird, kann mühelos auf andere Krimis übertragen werden) sind nur der Startpunkt, um Philosophen und ihre Werke in kurzen Texten vorzustellen:
Adam Soboczynski schreibt über Theodor W. Adorno,
Wolfram Eilenberger über Emmanuel Levinas,
Florian Werner über Friedrich Nietzsche,
Ulrich Noller und Jürgen Wiebicke über Hartmut Rosa und Byung-Chul Han,
Cord Riechelmann über Gilles Deleuze,
Ariadne von Schirach über Alain Badiou,
Gert Scobel über William James,
Fritz Breithaupt über Siegfried Kracauer,
Susanne Schmetkamp über Edith Stein,
Svenja Flaßpöhler über Hannah Arendt,
Ekkehard Knörer über Odo Marquard,
Stefan Münkler über Marshall McLuhan und
Armin Nassehi über Edmund Husserl.
Viele Texte sind von promovierten Philosophen geschrieben und oft sind die kurzen Texte auch etwas zu wissenschaftlich geraten. Jedenfalls für ein Buch, das sich an die breite Masse richten und Menschen, die sonst nichts mit Philosophie am Hut haben, neugierig auf die Philosophen, ihre Gedankengebäude und das philosophische Denken machen soll. Davon abgesehen regen die Texte zum Nachdenken über die Wirklichkeit und auch darüber, was Geschichten über die Wirklichkeit aussagen, an. Warum, zum Beispiel, in neueren Krimis die Täter ihre Taten nicht mehr erklären können und was das über das Subjekt, den Menschen, aussagt. Denn früher gab es spätestens am Ende des Films eine lange Erklärung, warum der Mörder mordete. Woher das Böse kommt und warum so viele Kommissare alleinstehend sind und sich in ihre Arbeit flüchten, wird mit verschiedenen philosophischen Theorien erklärt; – wobei wir Lieutenant Columbo, der ja vor allem in den Siebzigern ermittelte, auch nur bei der Arbeit sehen und wir nichts über das Sexualleben von Hercule Poirot wissen.
Über den „Tatort“ im Speziellen bleiben die Autoren dagegen bei Allgemeinplätzen stehen, die auch auf fast jede andere Krimiserie übertragen werden kann.
Mich erinnerte das Buch jedenfalls daran, mal wieder einen philosophischen Text zu lesen.
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Wolfram Eilenberger (Hrsg.): Der Tatort und die Philosphie – Schlauer werden mit der beliebtesten Fernsehserie Tropen, 2014 224 Seiten
17,95 Euro
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Hinweise
Ich könnte jetzt sagen: k. w. T., aber das wäre arg unhöflich und es gibt schon einiges zu sagen. Immerhin ist das „Lexikon des Internationalen Films“ das letzte jährlich erscheinende Filmlexikon, das jeden Film aufnimmt, der im letzten Jahr in Deutschland im Kino, im Fernsehen oder auf DVD und Blu-ray erstmals gezeigt wurde; was bei einigen Filmen wirklich eine beachtliche Leistung ist, weil die Werke wirklich nicht gut sind und dabei meine ich nicht „Movie 43“.
Diese Kurzkritiken von über zweitausend Spiel- und Dokumentarfilmen, mit Stabangaben und, bei DVD/Blu-ray-Veröffentlichungen, dem Bonusmaterial und verschiedenen Schnittfassungen (vor allem bei Action- und Horrorfilmen), sind das Herzstück des von der Zeitschrift „Filmdienst“ und der Katholischen Filmkommission für Deutschland herausgegebenen Buches.
Außerdem werden die Gewinner wichtiger Filmfestivals und Filmpreise genannt. Es gibt einen kritisch-informativen Rückblick auf das vergangene Kinojahr. Inzwischen mit einer kleinen Liste der besucherstärksten Kinofilme und Arthouse-Filme, die ja ein kleineres Publikum als „Fuck Ju Göhte!“ und „Der Hobbit: Smaugs Einöde“ ansprechen. So erfahren wir, dass 125.000 Menschen „Blau ist eine warme Farbe“ und „The Broken Circle“ und 120.000 Menschen das epische, gut vierstündige Werk „Die andere Heimat“ ansahen, was ich wegen der Länge, der Erzählweise und dem Stil für eine überragende Besucherzahl halte. Im Brevier sind dieses Mal Beiträge gesammelt, die in den vergangenen zwanzig Jahren im „Filmdienst“ erschienen und sich mit verschiedenen Aspekten des derzeit sehr erfolgreichen Animationsfilms beschäftigen.
Außerdem gibt es ausführliche Besprechungen zu den Kinofilmen, die die Redaktion für die besten des vergangenen Jahres hält. Es sind „Zero Dark Thirty“, „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“, „Blue Jasmine“, „Die wilde Zeit“, „Only Lovers left alive“, „To the Wonder“ (der mir absolut nicht gefiel), „Django Unchained“, „Blau ist eine warme Farbe“, „Frances Ha“, „Mutter & Sohn“ und, als Spezialpreis, Ulrich Seidls Paradies-Trilogie.
Wie immer: das „Lexikon des Internationalen Films“ ist ein empfehlenswerter Schmöker, der in seiner Kompaktheit und Treffsicherheit bei den Bewertungen, auch wenn die Macher bei den TV-Spielfilmen oft etwas gnädig sind, einzigartig ist. Außerdem entdeckt man immer noch einige Filme, die man sich demnächst unbedingt ansehen will.
– Horst Peter Koll/Filmdienst (Hrsg.): Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2013 Schüren, 2014 576 Seiten
24,90 Euro
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Wer in Büchern das Kleingedruckte liest und wer Vorworte liest, dem sagt Sascha Mamczak etwas. Er ist nämlich seit über zehn Jahren der Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, die es jetzt schon über ein halbes Jahrhundert gibt; was deutlich länger ist, als die Krimireihen bei verschiedenen Verlagen. Dabei gelingt der Heyne-Science-Fiction-Reihe immer noch der Spagat zwischen Klassikern, literarischer Science-Fiction (also den Romanen, die auch die minimale Chance auf eine Besprechung im Feuilleton haben), Weltraumopern und aktuellen Trends (wie Zombies und Genre-Mischformen), zwischen bekannten Namen und Neuentdeckungen. Als Liebhaberprojekt erscheint dort seit fast dreißig Jahren das Jahrbuch „Das Science-Fiction-Jahr“. Die nächste Ausgabe ist für August angekündigt und wird, wie die vorherigen Bände, von Sascha Mamczak, Sebastian Pirling und Wolfgang Jeschke, dem legendären und langjährigen Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, herausgegeben.
Vor dem Jahrbuch machte Sascha Mamczak sich in dem schmalen Band „Die Zukunft – Eine Einführung“, der auch als Begleitband zu der Jubiläumsausgabe von fünf Neuauflagen von Science-Fiction-Klassikern, dient, Gedanken über die Zukunft. Also nicht seine persönliche Zukunft, sondern darüber was der Begriff „Zukunft“ im Gegensatz zu „Gegenwart“ und „Vergangenheit“ bedeutet. In dem Essay versucht er den Begriff zu klären und stellt dabei verschiedene wissenschaftliche und literarische Konzepte vor. Er leitet den Begriff historisch her, von Gesellschaften, die noch keine Vorstellung von Zukunft hatten, hin zu Gesellschaften, die die Zukunft gestalten wollen. Es gibt auch einen sehr kurzten Ritt durch die Geschichte der Science-Fiction-Literatur und einige Bemerkungen zur Zukunftsforschung.
Das ist vor allem in der ersten Hälfte, wenn Mamczak versucht, den Begriff zu klären, mühsam zu lesen. Denn wie soll man etwas erklären, das man nicht wirklich erklären kann? Dass in diesen Momenten der Gedanke und die Argumentation nicht besonders klar ist und dass Mamczak in schönster deutscher Tradition Bandwurmsätze schreibt (wie ich jetzt), hilft in diesen Kapiteln nicht. In der zweiten Hälfte, wenn er auch eine kleine Literaturgeschichte schreibt und chronologisch voranschreitet, wird es besser. Hier gibt es zahllose, den Fans bekannte Beispiele aus der Literatur und wie diese mit der Wirklichkeit zusammenhängen. Vor allem natürlich als Utopien, die mal eine „Brave New World“, mal „1984“ zeichneten, auch mal hoffnungsvoll utopisch waren und die alle irgendwie die Zukunft vorhersahen. Jedenfalls Teile davon. Trotzdem irrten Science-Fiction-Autoren und Zukunftsforscher sich auch oft. Wobei manche Irrtümer auch erfolgreiche Warnrufe gewesen sein können, wie der legendäre Bericht des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums.
Dank der Kürze ist „Die Zukunft – Eine Einführung“ eine schnelle und auch inspirierende Lektüre, die zum Nachdenken anregt. Es ist allerdings kein Begleitbuch zu den fünf „Bücher, die Zukunft machen“, die gleichzeitig als Jubiläumsausgaben erschienen. Mamczak erwähnt sie – außer William Gibsons „Neuromancer“ (enthalten in „Die Neuromancer-Trilogie“) – überhaupt nicht. Es ist ein Essay, das sich schreibend seinem Begriff nähert und versucht diesen schreibend zu erfassen. Das ist allerdings ein philosphischer Stil, der mir nicht sonderlich gefällt, weil er zum mäandern einladt.
Wie dieser Text.
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Sascha Mamczak: Die Zukunft – Eine Einführung Heyne, 2014 112 Seiten
8,99 Euro
– Die „Bücher, die Zukunft machen“
Zum fünfzigjährigem Bestehen der Heyne-Science-Fiction-Reihe gibt es einige Science-Fiction-Klassiker mit einem neuen Umschlag. Science-Fiction-Fans dürften die Romane schon in mindestens einer Ausgabe in ihrem Regal stehen haben. Etliche erschienen auch 2000 zum vierzigjährigem Bestehen der Reihe, damals noch mit Vorworten von bekannten Science-Fiction-Autoren, wie Stephen Baxter, Jack Womack, Kim Stanley Robinson, Ben Bova, Davd Brin und Norman Spinrad.
In der Edition „50 Jahre Science Fiction bei Heyne“ (wie der Sticker verrät) sind jetzt erschienen:
Ursula K. Le Guin: Die linke Hand der Dunkelheit
Joe Haldeman: Der ewige Krieg
William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
Iain Banks: Bedenke Phlebas
Dmitry Glukhovsky: Metro 2033/Metro 2034
Eine feine Auswahl und ein guter Einstieg in die Welt der Zukunftsliteratur.
Schon die ersten Bilder erfreuen den gestandenen Western-Fan. Denn „A Million Ways to die in the West“ beginnt – auf einer groooßen Leinwand – wie ein richtig guter, alter Cinemascope-Western: das baumlosen Monument Valley erstreckt sich vom linken bis zum rechten Bildrand, die Buchstaben sind in dieser altertümlichen Western-Schrifttype und das riesige Orchester spielt eine dieser Western-Melodien, die wir aus den John-Ford-Western kennen. Da müsste gleich John Wayne oder James Stewart durch das Bild reiten.
Aber dann kommt es doch etwas weniger klassisch. Denn Seth MacFarlane („Family Guy“, „Ted“) erzählt eine Westerkomödie, in der ein netter, belesener, kluger Schafzüchter im Mittelpunkt steht. Dass der von ihm gespielte Albert Stark auch ein Feigling ist, wird bereits in den ersten Minuten deutlich, wenn er, anstatt sich mit dem besten Schützen der Gegend auf offener Straße zu duellieren, versucht, sich aus der Situation herauszureden und sich am Ende quasi freikauft, indem er Charlie Blanche Geld für den durch seine Schafe entstandenen Schaden anbietet. Das hätte John Wayne niemals gemacht. Destry oder Ransom Stoddard, der Mann, der Liberty Valance nicht erschoss (beide gespielt von James Stewart) dagegen schon. Aber das waren auch Männer des zwanzigsten Jahrhunderts.
Kurz darauf wird Albert von seiner Freundin Louise (Amanda Seyfried) verlassen. Sie will erst einmal mit sich selbst ins Reine kommen. Denn: „Heutzutage werden die Menschen fünfundreißig und älter, da kann man sich mit dem Heiraten doch Zeit lassen.“.
Zu Tode betrügt hängt Albert mit seinem Freund Edward Phelps (Giovanni Ribisi), der mit dem Freudenmädchen Ruth (Sarah Silverman) befreundet ist, ab, als er während einer der regelmäßigen Kneipenschlägereien Anna (Charlize Theron) kennen lernt. Sie ist neu in dem Nest Old Stump. Gemeinsam verbringen sie einige schöne Tage, in denen sie Albert auch das Schießen beibringt. Denn sie ist eine begnadete Schützin und Albert hat Louises neuen Freund, den extrem schnöseligen Foy (Neil Patrick Harris), Bartträger und Inhaber der Moustacherie, zu einem Duell herausgefordert.
Außerdem ist der im ganzen Westen gefürchtete Bandit Clinch Leatherwood (Liam Neeson) auf dem Weg nach Old Stump. Zu seiner Frau Anna.
„A Million Ways to die in the West“ ist, wie schon die ersten Bilder zeigen, eine Westernkomödie von einem Regisseur, der den Western liebt, verstanden hat und die komödiantischen Aspekte des Westerns und des Lebens im Wilden Westen betont. Ein großer Teil des Humors entsteht auch durch das vollkommen unangepasste Verhalten der Charaktere.
So ist Albert Stark eigentlich ein witziger, gebildeter junger Mann, der einer Schlägerei ausweicht, weil sie dummes Macho-Gehabe ist. Heute wäre er der allseits beliebte Protagonist in einem Film. Damals, im gesetzlosen Wilden Westen und im Western, war er ein überlebensunfähiger Feigling, der bestenfalls als Sidekick, als Comic Relief, vorkommt, um den Helden in einem noch besseren Licht erstrahlen zu lassen.
Sein bester Freund Edward ist in eine Prostituierte verliebt, die zwar ihren Beruf hingebungsvoll ausübt, aber mit Edward, schließlich ist sie gläubig, erst nach ihrer Hochzeit Sex haben will. Auch Edward trennt fein säuberlich zwischen ihrer unschuldig reinen Beziehung und ihrer Arbeit.
Etliche Dialoge und Beobachtungen spielen schön mit unserem heutigem Wissen und dem damaligen Wissen. So unterhalten sie sich entspannt über die Unmöglichkeit, auf einem Photo zu lächeln (wegen der damals unglaublich langen Belichtungszeit), die frühe Sterblichkeit und die Heilkunst, die im Wilden Westen auf einem wahrhaft archaischem Niveau war. Da half auch keine Heiltinktur aus Alkohol, Kokain, Morphium, Quecksilber mit Kalk und rotem Flanell.
Das macht Laune, auch wenn es nur wenige echte Lacher, die meist mit einem plötzlichen Todesfall zusammenhängen, gibt. Insgesamt regt „A Million Ways to die in the West“, weil immer ein witziger Tonfall herrscht und die Charaktere entspannt abhängen, eher zum Schmunzeln an.
Schade ist allerdings, dass der Humor zu oft in Richtung Zote geht. Zu oft drehen sich die Witze um Sex und Fäkalien.
Mit gut zwei Stunden ist „A Million Ways to die in the West“ für eine Komödie etwas lang geraten. Immer wieder plätschert der Film, der einen strafferen Schnitt vertragen hätte, einfach so vor sich hin. Die Szenen sind oft etwas zu lang geraten, so als hätten die Macher entweder zu viel improvisiert oder als ob sie wirklich jeden Witz, der ihnen einfiel, unbedingt unterbringen wollten. Egal, ob er irgendwie die Handlung voran bringt oder nicht.
Dennoch dürfen Western-Fans sich freuen. Insgesamt ist „A Million Ways to die in the West“ eine ordentliche Western-Komödie, die sich gelungen am klassischen Western orientiert, und dann läuft der Film auch noch im Kino.
Seth MacFarlane hat auch den Roman zum Film geschrieben, der sich im Großen und Ganzen nicht vom Film unterscheidet. Aber gerade in den Details – immerhin hat hier der Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller den Roman geschrieben – unterscheidet sich der Roman beträchtlich vom Film. Szenen und Szenenteile fehlen, der Humor ist weniger fäkal-pubertär und das erste Duell ist im Roman anders als im Film.
Beim Lesen fällt auch auf, dass die Landschaftsbilder, das Deadpan-Acting und die Musik fehlen. Insofern ist der Roman eine nette und schnelle Lektüre, die aber nicht den Film ersetzen sollte.
A Million Ways to die in the West (A Million Ways to die in the West, USA 2014)
Regie: Seth MacFarlane
Drehbuch: Seth MacFarlane, Alec Sulkin, Wellesley Wild
mit Seth MacFarlane, Charlize Theron, Amanda Seyfried, Liam Neeson, Giovanni Ribisi, Neil Patrick Harris, Sarah Silverman, Christopher Hagen, Wes Studi, Matt Clark, Rex Linn, Christopher Lloyd, Ewan McGregor
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Der Roman zum Film
Gerne würde ich Glenn Greenwalds „Die globale Überwachung – Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen“ bedenkenlos jedem empfehlen. Denn selbstverständlich ist ein Buch über die globale Überwachung der US-amerikanischen NSA (National Security Agency), dem britischen GCHQ (Government Communications Headquarters) und der anderen, mit der NSA zusammenarbeiten Geheimdienste und den damit verbundenen Gefahren für unsere Gesellschaft, die freie und liberale Demokratie, wichtig und per se lesenswert. Vor allem wenn es von dem Mann geschrieben ist, der den Skandal vor einem Jahr mit seinen Reportagen im „Guardian“ öffentlich machte.
Und ich könnte auch über das bekannte Problem bei Sachbüchern, die sich mit tagesaktuellen Themen beschäftigen, nämlich dass man das meiste schon aus der Zeitung kennt, hinwegsehen. Immerhin liest nicht jeder ständig Zeitung und nicht jeder interessiert sich so brennend für das Thema des Buches, dass er wirklich jeden Artikel dazu liest.
Aber wirklich empfehlen kann ich „Die globale Überwachung“ nicht. Es zerfällt im Wesentlichen in vier große Abschnitte. Im ersten Abschnitt, den Kapiteln „Kontaktaufnahme“ und „Zehn Tage in Hongkong“ (Seite 17 bis 135), erzählt Greenwald, wie Edward Snowden mit ihm Kontakt aufnahm, wie er auf Empfehlung seiner Freundin Laura Poitras (die als Dokumentarfilmerin ebenfalls über Verletzungen der Bürgerrechte im „Kampf gegen den Terror“ arbeitet) ein Verschlüsselungsprogramm installierte, sie ein Treffen in Hongkong vereinbarten, sich wie Geheimagenten trafen, sich mit Snowden über seine Dokumente unterhielten und den „Guardian“ von einer Publikation der Unterlagen überzeugten. Das liest sich teilweise wie ein Agententhriller.
Im zweiten Abschnitt „Alles sammeln!“ (Seite 137 bis 242) erklärt Greenwald anhand zahlreicher Dokumente wie die NSA-Überwachung funktioniert. Im Wesentlichen rekapituliert Greenwald hier seine bisherigen Veröffentlichungen. Auf hundert Seiten entsteht ein Panoptikum des Schreckens. Das ist der stärkste Teil des Buches.
Im dritten Abschnitt „Die Gefahren der Massenüberwachung“ (Seite 243 bis 296) erklärt er die Gefahren einer ständigen Überwachung auf das Zusammenleben der Menschen in einer Demokratie. Er nennt Beispiele aus der Geschichte der USA. Er zitiert, eher eklektisch, einige psychologische und soziologische Studien und bezieht sich auf das Modell des Panoptikums, das von Jeremy Bentham entworfene Gefängnis, in dem die Wärter jeden Sträfling jederzeit beobachten können, ohne dass dieser es bemerkt. Er wird sich daher immer beobachtet fühlen und sein Verhalten daran ausrichten. Michel Focault erklärte das Panoptikum zu einem der Grundmechanismen des modernen Staates.
Im vierten Abschnitt „Die vierte Gewalt“ (Seite 297 bis 351) schreibt er über die Rolle der vierten Gewalt, die eigentlich die Regierung kontrollieren soll. In diesem Abschnitt schreibt er in erster Linie über seine Erfahrungen mit den US-Medien nach der Veröffentlichung seiner ersten Artikel über die NSA-Überwachung im „Guardian“.
Die letzten beiden Abschnitte enttäuschen. Der dritte Abschnitt bleibt relativ oberflächlich. Und der vierte Abschnitt rekapituliert teilweise die bekannten Skandale (die überlange Kontrolle von Greenwalds Lebensgefährten im Transitbereich des Flughafens, die Zerstörung der Festplatten im „Guardian“ unter Aufsicht des Geheimdienstes) und setzt sich mit den Erlebnissen, die Greenwald mit den US-Medien hatte, auseinander. So sehr in diesen Zeilen Greenwalds persönliche Betroffenheit spürbar ist, so erkenntnisfrei lesen sie sich für Außenstehende.
Wenn ich ehrlich bin, kann ich das flott zu lesende Buch nur den Menschen empfehlen, die das letzte Jahr auf einer einsamen Insel verbrachten oder kein Internet und keine überregionale Zeitung haben. Und den Bundestags-Abgeordneten, die immer noch behaupten, dass es keinen NSA-Skandal und keine flächendeckende Überwachung, gäbe.
Glenn Greenwald: Die globale Überwachung – Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen
(übersetzt von Gabriele Gockel, Robert Weiß, Thomas Wollermann und Maria Zybak)
Muss ich dazu viel sagen? Glenn Greenwald dürfte inzwischen doch weithin bekannt sein als der „Guardian“-Journalist, der die Unterlagen des NSA-Infrastrukturanalytikers Edward Snowden erhielt und seit einem guten Jahr Informationen über die weltweite und uferlose NSA-Überwachung veröffentlicht.
In dem jetzt erschienenem Buch „Die globale Überwachung – Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen“ schildert er seine erste Begegnung mit Edward Snowden, wie der „Guardian“ die Daten für die Veröffentlichung aufbereitete und er enthüllt weitere Details.
Die ersten Seiten, in denen Greenwald erzählt, wie Snowden ihn kontaktierte, habe ich bereits gelesen und sie machen mich neugierig auf die restlichen Seiten, in denen Greenwald anhand von 120 Dokumenten einen Einblick in die Überwachung des Internets durch die NSA gibt.
Greenwald schreibt: „Indem [Snowden] gewagt hat, die atemberaubenden Überwachungsmöglichkeiten der NSA und deren frappierendere Zielsetzungen ans Tageslicht zu bringen, hat er deutlich gemacht, dass wir uns an einem historischen Scheideweg befinden. Wird das digitale Zeitalter die Befreiung des Individuums und die politischen Freiheiten bringen, die das Internet in einzigartiger Weise realisieren kann? Oder wird es ein System omnipräsenter Überwachung und Kontrolle etablieren, das sich nicht einmal die schlimmsten Tyrannen der Vergangenheit hätten träumen lassen?“
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Kommende Woche stellt Greenwald das Buch vor: Berlin: Mittwoch, 21. Mai 2014, 18 Uhr
Deutsches Theater, Schumannstraße 13
Moderation: Christoph Amend
Eintritt: € 12 / erm. € 9
– Hamburg: Donnerstag, 22. Mai 2014, 20 Uhr
Bucerius Law School, Audimax, Jungiusstraße 6
Moderation: Jochen Wegner
Eintritt: € 12 / erm. € 9
– München: Freitag, 23. Mai 2014, 20 Uhr
Literaturhaus, Salvatorplatz
Moderation: Jochen Wegner
Eintritt: € 12 / erm. € 8
Nach diesem Wochenende ist Heribert Prantls schmales Buch „Glanz und Elend der Grundrechte“ leider nötiger denn je. Denn die Bundesregierung erklärte, dass der Whistleblower Edward Snowden nicht in Deutschland aussagen soll, weil die deutschen Staatsinteressen höher stünden als eine Aufklärung über eine millionenfache tägliche Grundrechtsverletzung deutscher Staatsbürger durch den US-amerikanischen Geheimdienst NSA. Der Verfassungsschutz erklärte, dass er dem NSA-Untersuchungsausschuss nicht alle Akten liefern werde. Es würde die Arbeit des Verfassungsschutzes beeinträchtigen – und man habe eh keine Ahnung. Naja, dass sagte der Chef des Verfassungsschutzes nicht wörtlich, aber dieses Amt hat ja nichts von den Morden des NSU und dem Abhören der NSA mitbekommen und da wäre eine Herausgabe von Akten wohl ein Zeugnis der eigenen Unfähigkeit oder der hemmungslosen Zusammenarbeit.
Während die Regierung sich gerade höchst erfolgreich im Neusprech übt und erklärt, dass sie Whistleblower für Straftäter hält (was nicht für die Menschen gilt, die für gutes Geld Steuerdaten-CDs an den deutschen Staat verkaufen) und ihr das Brief- und Postgeheimnis egal ist, weil die Regierung ja so gute Beziehungen zur USA habe, dass eine Telefonüberwachung überflüssig sei, weil man keine Geheimnisse vor den USA habe (Frau Merkel, es geht nicht um ihr Terror-Handy, sondern um die Grundrechte der Deutschen, die Sie schützen sollen!). Dass gleichzeitig die Pressefreiheit, vor allem wenn es um den Schutz von Informanten geht, und die Verschwiegenheitspflicht von Anwälten, Ärzten und Seelsorgern durch die unterschiedlos alles speichernde Datenüberwachung verletzt wird, ist für diese Regierung wohl ein lässlicher Kollateralschaden.
Ehe ich jetzt etwas Beleidigendes über eine Regierung, die auf unsere Grundrechte kackt, sage, konzentriere ich mich lieber auf Heribert Prantls Buch.
Denn in dem Essay „Glanz und Elend der Grundrechte – Zwölf Sterne für das Grundgesetz“ erklärt der Leiter der innenpolitischen Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“ in einem breiten historischen Bogen von der Formulierung des Grundgesetzes bis zur Gegenwart warum die Grundrechte so wichtig sind. Unmittelbar nach dem Ende des zweiten Weltkriegs und am Anfang des Kalten Krieges schrieben die Väter und Mütter ein aus wenigen Worten bestehendes Grundgesetz, das in den folgenden 65 Jahren seine Wirkung entfaltete. Bei der Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen. Bei der individuellen Lebensgestaltung. Bei dem Versammlungsrecht. Bei der Pressefreiheit. Und auch beim Schutz der Privatsphäre – bis es nach 9/11 aufgrund einer diffusen Bedrohung durch Terroristen zu einem massiven Abbau der Bürgerrechte kam.
Er schreibt auch über die Europäische Union als ein Friedensprojekt, das weiter ausgebaut werden soll. Während, so Prantl, das Bundesverfassungsgericht in den vergangenen Jahrzehnten beim Ausbau und Schutz der Bürgerrechte innerhalb Deutschland eine progressive Rolle spielte, blockert es in Bezug auf die EU. Da müsste der Bundestag das Grundgesetz ändern.
Eine zur Revolution auffordernde Kampfschrift ist Heribert Prantls neues Buch „Glanz und Elend der Grundrechte“ nicht. Es steht auch wenig neues drin. Es ist ein Lobgesang auf das Grundgesetz und die Europäische Union, der beides emphatisch gegen seine Kritiker verteidigt, wobei die Kapitel zum Grundgesetz und den Grundrechten eindrücklicher als die zur Europäischen Union sind. Diese Zeilen lesen sich wie ein zur anstehenden EP-Wahl am 25. Mai geschriebenes Appendix.
Prantls das Positive bei den Grundrechten betonende Streitschrift erinnert an den Wert der Grundrechte und es ist ein fulimanter Angriff auf eine Regierung, denen sie egal sind. Prantl Position ist dagegen klar: „Ich wünsche mir Grundrechte, auf die sich die Bürgerinnen und Bürger verlassen können; dazu Staatsgewalten, Gerichte, Parlamente und eine couragierte Gesellschaft, die diese Grundrechte verteidigen – gegen Entsolidarisierung, Ökonomisierungsexzesse und Datensammelwahnsinn; gegen Rassisten und Ausländerhasser; und auch gegen die Geheimdienste des NATO-Partners USA.“
– Heribert Prantl: Glanz und Elend der Grundrechte – Zwölf Sterne für das Grundgesetz Droemer, 2014 192 Seiten
18 Euro
– Hinweise Perlentaucher über Heribert Prantl Wikipedia über Heribert Prantl
Einen Innovationspokal wird Leo Sander für seinen Debütroman „Gelegenheitsverkehr“ nicht erhalten, aber das strebte er auch überhaupt nicht an.
Sanders Ich-Erzähler Kant ist gerade in einer Mietwohnung in Kurzkirchen bei Linz eingezogen. Früher war er in Wien Polizist, dann einige Monate bei einer Versicherung und jetzt, nun, räumt er seine Bude ein, als die Tochter seines Vormieters auftaucht. Die Schönheit möchte wissen, ob ihr Vater, den sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat, wirklich durch einen Unfall umkam oder ermordet wurde. Einerseits hat niemand etwas gegen den Rentner, der früher Trinker war und heute etwas Geld in einem Wettbüro verspielt und dort auch noch Schulden hat, andererseits ist ein so klarer und eindeutiger Genickbruch doch verdammt selten. Vor allem, weil alle sagen, dass Franz Richter sportlich und topfit war.
Kant beginnt, endlich nicht mehr durch das Dienstrecht behindert, zu ermitteln. Informationen erhält er auch von einem früheren Kollegen bei der Polizei und alle Frauen, denen er begegnet, sind vielleicht nicht mehr unbedingt blutjung, aber gutaussehend und willig.
Krimifans kennen das schon seit Marlowes Tagen und Leo Sander zitiert die Klischees, bis auf den zusammengeschlagenen Privatdetektiv, mit spürbarer Lust. Der Plot selbst ist nicht übermäßig verwickelt. Die Zahl der Verdächtigen überschaubar. Immerhin hat Kant den Fall nach zweihundert Seiten geklärt.
„Gelegenheitsverkehr“ ist eine flott gelesene, vergnügliche Abendunterhaltung, die gelungen den US-Hardboiled-Detektiv der Carter-Brown/Richard-S.-Prather-Schule in die östereichische Provinz versetzt.
– Leo Sander: Gelegenheitsverkehr Gmeiner Verlag, 2014 224 Seiten 9,99 Euro
Normalerweise teilt Batman bei seiner Verbrechensbekämpfung in Gotham kräftig aus. In den neuen „Batman“-Geschichten „Angst über Gotham“, von Gregg Hurwitz, und „Der Rat der Eulen/Die Stadt der Eulen“, von Scott Snyder, muss er dagegen vor allem Schläge einstecken. Und zwar so viele, dass sein treuer Diener Alfred sich ernsthafte Sorgen um seinen vermögenden Brötchengeber Bruce Wayne macht.
In „Angst über Gotham“ muss Wayne gegen den irren Psychiater Jonathan Crane kämpfen. Der als Scarecrow bekannte Bösewicht probiert an von ihm entführten Kindern sein neues Angstgas aus. Wenn er sie danach freilässt, sind sie schwer traumatisiert und haben sie keine Erinnerungen mehr an ihre Entführung.
Als Batman Scarecrow findet, kann der ihn überwältigen. Anschließend probiert er an Batman sein Angstgas aus, was dazu führt, dass Bruce Wayne sich seinen Urängsten stellen muss.
Thriller-Autor Gregg Hurwitz übernahm hier die Autorenschaft für „Batman: The Dark Knght“ und in der spannenden, sechsteiligen Geschichte erzählt er in Rückblenden auch die Ursprungsgeschichte von Scarecrow, der eine sehr unglückliche Kindheit hatte. Daneben gibt es, ausgelöst durch das Angstgas, auch Rückblenden in Waynes Leben, wobei sein Kindheitstrauma, nämlich der Tod seiner Eltern, im Mittelpunkt steht.
Durch die parallel erzählten Ursprungsgeschichten von Batman und Scarecrow zeigt Gregg Hurwitz auch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Charakteren auf und auch wie sehr Kindheitserlebnisse das spätere Leben prägen. Bei diesen beiden Männern erklärt es ihr ganzes Leben.
In diesem Sammelband ist auch die ebenfalls von Hurwitz geschriebene Kurzgeschichte „Schuld in der Luft“ (Chill in the Air, Batman: The Dark Knight # 0) enthalten. In ihr sucht Bruce Wayne – mal wieder – die Mörder seiner Eltern und den Rat der Eulen. Denn er glaubt, dass dieser sagenumwobene Rat den Mord beauftragte. Am Ende muss er enttäuscht feststellen, dass der Mord an seinen Eltern in einer Hinterhofgasse ein banaler Raubmord war und es den Rat der Eulen nicht gibt.
In Scott Snyders zweibändiger Geschichte „Der Rat der Eulen“ und „Die Stadt der Eulen“ ist dieser Rat der Eulen, eine supergeheime Geheimgesellschaft, die seit Jahrzehnten unerkannt im Hintergrund die Geschicke von Gotham lenken soll, die aber auch eine urbane Legende sein kann, Batmans Gegner.
Batman stößt auf eine Spur zu dieser Loge, als er als Bruce Wayne ein neues Stadtteil bauen möchte. Kurz nachdem er das Bauprojekt groß ankündigte, erhält er eine Todesdrohung und als er sich mit dem Bürgermeisterkandidaten Lincoln March auf der Aussichtsplattform des alten Wayne Towers trifft, wird ein Mordanschlag auf ihn verübt. Der Täter sagt kurz vor seinem Tod „Bruce Wayne, der Rat der Eulen verurteilt dich zum Tode.“ und „Waynes töte ich am liebsten.“
Wayne vertieft sich in seine Familiengeschichte und die Geschichte Gothams und er findet handfeste Spuren des Rats der Eulen.
Der zweite Band „Die Stadt der Eulen“ beginnt mit einem atemberaubenden Kampf um Waynes Anwesen Wayne Manor, der das Anwesen und die Bathöhle in einem renovierungsbedürftigem Zustand zurücklässt. Die anschließende Kämpfe gegen „Mr. Freeze“ und die „Fledermaus“, der so etwas wie der Vorsitzende des Rat der Eulen ist (sofern es diesen Rat überhaupt wirklich gibt), sind als Mann-gegen-Mann-Kämpfe weniger beeindruckend.
Ergänzt wird der Sammelband um mehrere Geschichten, die mehr oder weniger lose mit der Hauptgeschichte verbunden sind.
In jedem Fall sind die „Batman“-Geschichten von Gregg Hurwitz und „American Vampire“-Autor Scott Snyder spannende Lektüre.
Gregg Hurwitz/David Finch: Batman – The Dark Knight: Angst über Gotham (Band 2) (übersetzt von Steve Kups) Panini, 2014 164 Seiten
16,99 Euro
– Originalausgabe/enthält
Batman: The Dark Knight # 10 – 15 (August 2012 – Februar 2013)
Batman: The Dark Knight # 0 (November 2012)
– Die deutschen Ausgaben der Thriller von Gregg Hurwitz erscheinen bei Knaur.
–
Scott Snyder/Greg Capullo: Batman: Der Rat der Eulen (Band 1) (übersetzt von Steve Kups) Panini, 2013 180 Seiten
16,99 Euro
– Originalausgabe
Batman # 1 – 7 (November 2011 – Mai 2012)
–
Scott Snyder/Greg Capullo: Batman: Die Stadt der Eulen (Band 2) (übersetzt von Steve Kups) Panini, 2014 212 Seiten
16,99 Euro
– Originalausgabe/enthält
Batman # 8 – 12 (Juni 2012 – Oktober 2012)
The New 52 – Batman Annual # 1 (Juli 2012)
– Hinweise