
Erinnert sich noch jemand an die Serie? Muss mensch sich an sie erinnern?

Erinnert sich noch jemand an die Serie? Muss mensch sich an sie erinnern?
Wer in Büchern das Kleingedruckte liest und wer Vorworte liest, dem sagt Sascha Mamczak etwas. Er ist nämlich seit über zehn Jahren der Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, die es jetzt schon über ein halbes Jahrhundert gibt; was deutlich länger ist, als die Krimireihen bei verschiedenen Verlagen. Dabei gelingt der Heyne-Science-Fiction-Reihe immer noch der Spagat zwischen Klassikern, literarischer Science-Fiction (also den Romanen, die auch die minimale Chance auf eine Besprechung im Feuilleton haben), Weltraumopern und aktuellen Trends (wie Zombies und Genre-Mischformen), zwischen bekannten Namen und Neuentdeckungen. Als Liebhaberprojekt erscheint dort seit fast dreißig Jahren das Jahrbuch „Das Science-Fiction-Jahr“. Die nächste Ausgabe ist für August angekündigt und wird, wie die vorherigen Bände, von Sascha Mamczak, Sebastian Pirling und Wolfgang Jeschke, dem legendären und langjährigen Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, herausgegeben.
Vor dem Jahrbuch machte Sascha Mamczak sich in dem schmalen Band „Die Zukunft – Eine Einführung“, der auch als Begleitband zu der Jubiläumsausgabe von fünf Neuauflagen von Science-Fiction-Klassikern, dient, Gedanken über die Zukunft. Also nicht seine persönliche Zukunft, sondern darüber was der Begriff „Zukunft“ im Gegensatz zu „Gegenwart“ und „Vergangenheit“ bedeutet. In dem Essay versucht er den Begriff zu klären und stellt dabei verschiedene wissenschaftliche und literarische Konzepte vor. Er leitet den Begriff historisch her, von Gesellschaften, die noch keine Vorstellung von Zukunft hatten, hin zu Gesellschaften, die die Zukunft gestalten wollen. Es gibt auch einen sehr kurzten Ritt durch die Geschichte der Science-Fiction-Literatur und einige Bemerkungen zur Zukunftsforschung.
Das ist vor allem in der ersten Hälfte, wenn Mamczak versucht, den Begriff zu klären, mühsam zu lesen. Denn wie soll man etwas erklären, das man nicht wirklich erklären kann? Dass in diesen Momenten der Gedanke und die Argumentation nicht besonders klar ist und dass Mamczak in schönster deutscher Tradition Bandwurmsätze schreibt (wie ich jetzt), hilft in diesen Kapiteln nicht. In der zweiten Hälfte, wenn er auch eine kleine Literaturgeschichte schreibt und chronologisch voranschreitet, wird es besser. Hier gibt es zahllose, den Fans bekannte Beispiele aus der Literatur und wie diese mit der Wirklichkeit zusammenhängen. Vor allem natürlich als Utopien, die mal eine „Brave New World“, mal „1984“ zeichneten, auch mal hoffnungsvoll utopisch waren und die alle irgendwie die Zukunft vorhersahen. Jedenfalls Teile davon. Trotzdem irrten Science-Fiction-Autoren und Zukunftsforscher sich auch oft. Wobei manche Irrtümer auch erfolgreiche Warnrufe gewesen sein können, wie der legendäre Bericht des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums.
Dank der Kürze ist „Die Zukunft – Eine Einführung“ eine schnelle und auch inspirierende Lektüre, die zum Nachdenken anregt. Es ist allerdings kein Begleitbuch zu den fünf „Bücher, die Zukunft machen“, die gleichzeitig als Jubiläumsausgaben erschienen. Mamczak erwähnt sie – außer William Gibsons „Neuromancer“ (enthalten in „Die Neuromancer-Trilogie“) – überhaupt nicht. Es ist ein Essay, das sich schreibend seinem Begriff nähert und versucht diesen schreibend zu erfassen. Das ist allerdings ein philosphischer Stil, der mir nicht sonderlich gefällt, weil er zum mäandern einladt.
Wie dieser Text.
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Sascha Mamczak: Die Zukunft – Eine Einführung
Heyne, 2014
112 Seiten
8,99 Euro
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Die „Bücher, die Zukunft machen“
Zum fünfzigjährigem Bestehen der Heyne-Science-Fiction-Reihe gibt es einige Science-Fiction-Klassiker mit einem neuen Umschlag. Science-Fiction-Fans dürften die Romane schon in mindestens einer Ausgabe in ihrem Regal stehen haben. Etliche erschienen auch 2000 zum vierzigjährigem Bestehen der Reihe, damals noch mit Vorworten von bekannten Science-Fiction-Autoren, wie Stephen Baxter, Jack Womack, Kim Stanley Robinson, Ben Bova, Davd Brin und Norman Spinrad.
In der Edition „50 Jahre Science Fiction bei Heyne“ (wie der Sticker verrät) sind jetzt erschienen:


Ursula K. Le Guin: Die linke Hand der Dunkelheit
Joe Haldeman: Der ewige Krieg


William Gibson: Die Neuromancer-Trilogie
Iain Banks: Bedenke Phlebas

Dmitry Glukhovsky: Metro 2033/Metro 2034
Eine feine Auswahl und ein guter Einstieg in die Welt der Zukunftsliteratur.
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Hinweise
„Die Zukunft“ bloggt bei Heyne
Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2008″
Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2009“
Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2010“
Eine Essaysammlung ist normalerweise Resteverwertung. Etwas, das ein Romanautor tut, wenn sein nächster Roman auf sich warten lässt, er aber wahrscheinlich vertragliche Verpflichtungen hat oder schnell etwas Geld haben möchte. Halt etwas für die Komplettisten unter seinen Fans. Einige Feuilletonisten schreiben einige wohlfeine Worte darüber und damit ist die Sache, wie bei den vorweihnachtlichen Best-of-Alben, vergessen.
Das trifft sicher auch auf William Gibsons schön gelayoutete Essaysammlung „Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack“ zu, dachte ich und ich wollte die Texte in kleinen Portionen lesen, immer mit der Möglichkeit im Hinterkopf, dass das Buch auf dem „Bücher, die ich gerade lese“-Stapel, neben einigen Kurzgeschichtensammlungen, einstaubt. Aber ich hatte die Texte ratzfatz, fast in einer Sitzung weggelesen und, auch wenn nicht alle Texte gleich gelungen sind, geben sie einen guten Einblick in Gibsons Schaffen, seine Inspirationen und was er vom Cyberspace hält. Denn in seinen ersten Romanen „Neuromancer“ (Newromancer, 1984), „Biochips“ (Count Zero, 1986) und „Mona Lisa Overdrive“ (Mona Lisa Overdrive, 1988) beschrieb er in den achtziger Jahren, als fast niemand einen Computer in seiner Wohnung stehen hatte und das Internet ein esoterisches Expertending ohne jeden Praxisbezug war, eben dieses Internet und die Verschmelzung von normaler Welt und Cyberspace in furiosen Cyberpunk-Romanen, in denen die Beschreibung der Welt zwingender und faszinierender als die eigentliche Geschichte war. Denn ein großer Plotter war William Gibson nie, aber gerade bei seinen Science-Fiction-Romanen störte das nicht.
Wobei William Gibson wahrscheinlich jetzt laut protestieren würde. Denn in mehreren Essays, wie seiner „Rede für die Bookexpo in New York“ (2010) führt er aus, dass er niemals über zukünftige Welten, sondern immer nur über die Gegenwart geschrieben habe. Außerdem lägen Science-Fiction-Autoren mit ihren Vorhersagen auch ziemlich oft daneben. Trotzdem wirken etliche Texte erstaunlich prophetisch für die heutige Realität. Damals waren einige Anwendungen, Suchmaschinen (Erinnert ihr euch noch an AltaVista?) und Ebay gerade im Entstehen und Singapur und Japan, wo er mehrmals war, porträtiert er als Vorbilder für künftige technikverliebte Gesellschaften.
Und dann gibt es noch sein 1996 in der New York Times publiziertes Essay „Das Netz ist Zeitverschwendung“ (The Net is a waste of Time), in dem die wohl schon legendäre Überschrift konsequent als Ablehnung des Internets missverstanden wurde, weil man den Text nicht gelesen hat. Denn: „Während neue Technologien ständig die Lücken im globalen Kommunikationsnetz schließen, bleiben uns immer weniger Entschuldigungen für…Müßiggang.
Und genau das ist es, was das World Wide Web, dieses Testbild für das künftige globale Leitmedium, uns zu bieten hat. In seiner unbeholfenen, larvenähnlichen, seltsam unschuldigen Form gibt es uns heute die Möglichkeit, Zeit zu verschwenden, ziellos umherzustreifen und uns Tagträumen über die zahllosen andern Leben hinzugeben, die andere Menschen vor den zahllosen Monitoren in diesem postgeografischen Metaland, das wir immer öfter Heimat nennen. Vermutlich wird es sich schon bald in etwas weniger Zufälliges verwandeln – etwas, das deutlich weniger Spaß macht. Es wäre nicht das erste Mal. Derweil jedoch lässt sich im Netz in seiner herrlich ungeordneten Global-Ham-Televison-Postcard-Universes-Phase wunderbar die Zeit vertrödeln. Und für Außenstehende sieht es vielleicht sogar so aus, als würden wir arbeiten.“
Ach ja: Bereits seit 1985 schreibt William Gibson seine Romane auf einem PC. Aber das Gerücht, dass er immer noch in einem dunklen Kellerzimmer seine Romane auf einer alten Schreibmaschine schreibt, ist einfach zu gut, um nicht in gefühlt jeden zweiten Text über Gibson eingeflochten zu werden. Wahrscheinlich auch von mir.
Während ihr euch jetzt „Misstrauen Sie dem unverwechselbarem Geschmack“ besorgen solltet, William Gibson in seiner Künstlerklause weiter an seinem neuen Roman schreibt, werde ich im Netz etwas Zeit verschwenden, während alle anderen glauben, dass ich arbeite.
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William Gibson: Misstrauen Sie dem unverwechselbaren Geschmack – Gedanken über die Zukunft als Gegenwart
(übersetzt von Sara und Hannes Riffel)
Tropen, 2013
256 Seiten
21,95 Euro
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Originalausgabe
Distrust that particular flavor
Putnam Adult, New York 2012
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Hinweise
Deutsche Homepage von William Gibson
Rolling Stone interviewt William Gibson (2007)
De:Bug Magazin redet mit William Gibson (2008 )
Intor redet auch mit William Gibson (2008 )
The Boston Globe macht „Q&A“ mit William Gibson (2007)
Powells telefoniert mit William Gibson (2007)
DShed: Lesung und Diskussion mit William Gibsonüber “Systemneustart” (6. Oktober 2010, 69 Minuten)
Meine Besprechung von William Gibsons „Systemneustart“ (zero history, 2010) (mit einigen Videoclips)
William Gibson in der Kriminalakte