In der Berliner Literaturkritik feiere ich Gerald Kershs „Ouvertüre um Mitternacht“ (Prelude to a Certain Midnight, 1947) ziemlich hemmungslos ab.
Buchkritik/TV-Tipp für den 15. Januar: Gier
Januar 15, 2010
Arte, 20.15
Gier (D 2010, R.: Dieter Wedel)
Drehbuch: Dieter Wedel
Dieter Wedel hat wieder zugeschlagen. Mit dem Dreiteiler „Einmal im Leben – Geschichte eines Eigenheims“ (1972) begründete er seinen Ruf. Später folgten einige Folgen für die Wirtschaftskrimiserie „Schwarz Rot Gold“, „Der große Bellheim“ (1993), „Der Schattenmann“ (1996), „Der König von St. Pauli“ (1998), „Die Affäre Semmeling“ (2002) und jetzt der Zweiteiler „Gier“. Wieder einmal beschäftigt Wedel sich mit der Wirtschaft. Dieses Mal am Beispiel eines Finanzjongleurs, der seine Anleger hemmungslos betrügt. Aber irgendwie ist dieses Mal alles schief gegangen. Denn genau wie der Hochstapler Dieter Glanz seinen Anlegern nur leere Versprechungen gibt, verspricht Wedel seinen Zuschauern – Tja, was eigentlich? Für eine Gesellschaftssatire ist „Gier“ zu harmlos. Für eine Aufklärung über Hochstapler und ihre Methoden zu unkonkret und als spannendes Stück Unterhaltung bietet es außer einer beeindruckenden Liste bekannter Schauspieler und schöner Bilder aus Südafrika (wegen der Drehbedingungen) nichts.
Denn der dreistündige Zweiteiler hat grundsätzliche Storyprobleme. Das beginnt schon mit der Frage, wer der Protagonist und wer der Antagonist ist. Mit dem Ziel des Protagonisten soll ich als Zuschauer mich identifizieren. Der Antagonist versucht alles, damit der Protagonist sein Ziel nicht erreicht. Es gibt einen Konflikt um etwas, das beide unbedingt haben wollen. Das gilt für einen Krimi, wenn der Kommissar (Protagonist) den Mörder (Antagonist) jagt. Das gilt für einen Liebesfilm, wenn zwei Männer sich um die gleiche Frau streiten. Dabei verkörpern die beiden Männer verschiedene Lebensprinzipien: der abenteuerlustige Naturbursche gegen den braven Familienvater. Je nachdem, was der Autor aussagen will, ist der Naturbursche entweder der richtige oder der falsche Mann. Und natürlich muss dieser Konflikt eskalieren. Es muss für den Protagonisten immer schwieriger werden, sein Ziel zu erreichen (Erinnern Sie sich an die Szene in dem Liebesfilm, in der die Braut fünf Minuten vor Filmende den falschen Mann heiraten will?).
Aber davon gibt es in „Gier“ nichts.
Es gibt keinen dynamischen Konflikt zwischen Glanz und seinen Anlegern. Während des gesamten Films geschieht nichts, außer dass Schroth und die anderen Anleger sich immer wieder mit hohlen Phrasen abspeisen lassen. Spätestens nach der zweiten Wiederholung langweilt sich auch der dümmste Zuschauer dabei. Denn dieser Konflikt zwischen Glanz, der bald eine Auszahlung verspricht, der Euphorie der Anleger, der Verzögerung der Auszahlung und, oft, dem Nachschieben Geld mit der Aussicht auf größere Gewinne, ist statisch.
Außerdem sind uns die Anleger egal. Denn es ist ziemlich egal, ob ein reicher Mann eine oder zwei Millionen von seinem Spielgeld investiert und es ist egal, ob er dafür fünf, zehn, oder fünfzehn Millionen erhalten soll. Bei Schroth ist das zwar etwas anders, aber auch er lässt sich immer wieder viel zu einfach vertrösten. Er ist viel zu naiv, um als Immobilienmakler glaubhaft zu sein. Er ist uns egal, weil wir seine Motive nicht verstehen und wir als Zuschauer vielleicht Mitleid mit einem Trottel haben, aber ihm nicht die Daumen drücken. Vor allem wenn dieser Trottel nur Geld will und er, außer sein Geld abwartend in fremde Hände zu legen, nichts tut, um sein Ziel zu erreichen.
Dieser abwesende Konflikt zwischen den beiden Hauptcharakteren setzt sich bei den blassen Nebencharakteren fort. Das ist vor allem die Clique der Großanleger, die alle bei Dieter Glanz ihr Geld angelegt haben, um ihr (wahrscheinliches) Millionenvermögen um einige Millionen zu vergrößern und sich von Glanz auf Partys verwöhnen lassen.
Wer vor dem Filmstart nicht das Presseheft oder das Buch zum Film gelesen hat, wird aber über weite Strecken nicht verstehen, warum Glanz‘ Anleger sich so und nicht anders verhalten. So erfährt der Zuschauer nicht, dass Leon Grünlich (ein kaum wiederzuerkennender Uwe Ochsenkneckt als zweitklassiger Lude mit einem unglaublichen Akzent) in eine Unternehmerfamilie einheiratete, das Geld für seine Investition bei Glanz aus der Firmenkasse entwendete und mit dem ersehnten Gewinn endlich auf eigenen Füßen stehen will. Aber gerade das erklärt sein Verhalten. Mit einer halben Drehbuchseite hätte das erklärt werden können und, gerade weil Grünlich im zweiten Teil eine die Geschichte (soweit davon gesprochen werden kann) antreibende Kraft ist, hätte das sehr früh erklärt werden müssen. So ist Grünlich nur ein geldgieriges, skrupelloses Arschloch.
Bei den anderen Charakteren ist es ähnlich. Sie sind einfach nur eine tumbe, um Swimming-Pools herumtanzende Masse. Auch hier fragt man sich, warum Wedel sich nicht zwei Minuten Zeit nimmt und die Großinvestoren uns Zuschauern vorstellt. Das hätte sogar in einer vollkommen banalen Dialogszene, in der Dieter Glanz dem Junginvestor Andy Schroth die Großinvestoren vorstellt, geschehen können.
Auch später in Südafrika führt Wedel neue Charaktere auf die denkbar ungeschickteste Art ein. So trällert die Gastwirtin Barbara Ewert (Anouschka Renzi) mehrere banale Schlager, aber Wedel versäumt es, uns zu verraten, dass sie früher ein Schlagerstar war und jetzt bei Glanz ihr gesamtes Vermögen investiert. Das erfahren wir erst, als sie auf der Straße sitzt.
Vor dem Dreh hätte Wedel diese Probleme seines Drehbuchs beheben müssen. Er hätte klären müssen, wer der Protagonist ist, wer der Antagonist ist, was der Konflikt zwischen ihnen ist, wie dieser Konflikt sich entwickelt und was der Protagonist am Ende gelernt hat. Er hätte das auch für seine Nebencharaktere tun müssen und das ins Drehbuch schreiben müssen. Dann hätten die Schauspieler auch wirklich spielen können. Jetzt bleibt es beim meist beim Overacting. Und die Charaktere wären uns nicht so herzlich egal.
Dafür gäbe es vielleicht weniger redundante Landschafts- und Partybilder. Aber das wäre ein verschmerzbarer Verlust.
Jörg Mehrwald glättet in seinem Roman zum Film einige der Drehbuchprobleme, indem er etwas über die Motive der verschiedenen Charaktere verrät. Aber auch bei ihm bleiben die Charaktere vollkommen austauschbar, die Geschichte entwickelt sich sprunghaft fort und über die Methoden von Wirtschaftsverbrechern erfahren wir auch in dem Buch nichts.
Die einzige Gier, die Wedel mit seiner Geschichte erfolgreich befriedigt, ist die Gier unsere Zeit zu stehlen.
mit Ulrich Tukur, Jeanette Hain, Devid Striesow, Katharina Wackernagel, Heinz Hoenig, Cordula Trantow, Uwe Ochsenknecht, Marion Mitterhammer, Sibel Kekilli, Harald Krassnitzer, Isa Haller, Kai Wiesinger, Regina Fritsch, Sabine Orléans, Alexander Held, Mariella Ahrens, Dieter Laser, Bibiana Beglau, Anouschka Renzi
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Wiederholungen
Gier – Teil 1: Mit Glanz und Gloria
ARD, Mittwoch, 20. Januar, 20.15 Uhr
ARD, Donnerstag, 21. Januar, 10.30 Uhr
Arte, Samstag, 30. Januar, 14.30 Uhr
Gier – Teil 2: Das Duell
ARD, Donnerstag, 21. Januar, 20.15 Uhr
ARD, Montag, 25. Januar, 10.30 Uhr
Arte, Samstag, 30. Januar, 16.00 Uhr
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außerdem
ARD, Samstag, 16. Januar, 15.03 Uhr: höchstpersönlich – Dieter Wedel
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Buch zum Film
Dieter Wedel/Jörg Mehrwald: Gier
Heyne, 2010
320 Seiten
8,95 Euro
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Hinweise
„Control Freak“ online
Januar 15, 2010Meine Besprechung von Christa Fausts Debüt „Control Freak“ ist online in der Berliner Literaturkritik.
Tja, „Hardcore Angel“ (Money Shot, 2008) hat mir besser gefallen.
Der Goon – der nette Schläger von nebenan
Januar 13, 2010Wer dem Goon ein kindliches Gemüt bescheinigt, muss keine Angst vor Schlägen haben. Denn trotz seiner schlimmen Kindheit und seinem derzeitigen Leben als Verbrecher will er nur seinen Spaß haben und gibt dafür auch Zombies und Hellboy eins auf die Nuss.
Ja, richtig gelesen. In dem vierten „The Goon“-Buch „Bergeweise Trümmer“ treffen sich der Goon und Hellboy zu einer zünftigen Endlosklopperei. Denn sie sind sich, wie dieser Dialog zeigt, sehr ähnlich:
„Bleib zurück! Damit verdiene ich meine Brötchen!“
„Ach ja? Wenn ich über so was stolpere, versuch ich ihm den Schädel einzuschlagen…Was machst du?“
„Ziemlich dasselbe.“
Und einige Seiten später meint der Goon zu Hellboy: „Hey Kumpel. Als du mir mit der Steinfaust eins verpasst hast, weißt du noch? Das war lustig.“
Da haben sich zwei Geistesverwandte getroffen und Goon-Erfinder Eric Powell überließ Hellboy-Erfinder Mike Mignola für diese Geschichte den Zeichenstift.
In „Meine mörderische Kindheit“ erfahren wir einiges aus der Kindheit von dem Goon, wie Franky sein Freund wurde und er sich zuerst als knochenbrechender Geldeintreiber Respekt verschaffte und anschließend zum Beschützer der kleinen Leute in seinem Viertel, der Lonely Street, wurde. Auch für sie kämpft er gegen Seeungeheuer und das teuflische Genie, Dr. Alloy.
In „Bergeweise Trümmer“ gibt es neben dem Zusammentreffen der beiden Superhelden Goon und Hellboy auch Kämpfe gegen Zombies, eine jenseitige Monstrosität und Vampire.
Eric Powell hat den Goon vor über zehn Jahren erfunden und lässt ihn in einer Parallelwelt, deren unschuldiges 30-Jahre-Retro-Feeling mit einer satten Portion “Amazing Stories“, Schwarzem Humor und Slapstick gewürzt wird, hemmungslos austoben. Denn bei Powell sind die nächsten Zombies, Maulsperren, explodierenden Affen, Seemonster und Riesenroboter gleich um die Ecke.
Manchmal müssen der Goon und Franky auch um ihren Platz in dem Comic kämpfen. Denn aseptische Familiengeschichten (in denen blonde Mädchen sich einen Schwachkopf aussuchen dürfen), Eric Powells Erlebnisse auf einer ComicCon und die Werbung für ein Goon-Junior-Set (enthält unter anderem ein Bleirohr und eine Flasche Gift) fordern ihren Platz. Aber nicht lange. Denn: „Kein Scheiße schmierender Einfaltspinsel verdrängt uns aus unserem Comic.“
Die Comics von Eric Powell eroberten die Herzen der amerikanischen Comicfans im Sturm. Immerhin spielen sie gelungen, respektlos und gewitzt auf dem Instrumentarium der Popkultur. Powell erhielt mehrere Eisner Awards und Hollywood kaufte die Filmrechte. Die neueste Meldung ist, dass Powell vor wenigen Monaten ein Drehbuch beendet hat, derzeit Probeaufnahmen gemacht werden, David Fincher produziert und vielleicht sogar die Regie übernimmt.
Das sind doch gute Nachrichten. Bis der Goon im Kino zuschlägt, regnet es „Bergeweise Trümmer“ auf „Meine mörderische Kindheit“.
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Eric Powell: The Goon 3: Meine mörderische Kindheit
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2009
128 Seiten
19,80 Euro
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Originalausgabe
The Goon: My murderous Childhood (and other grievious yarns)
Dark Horse Comics, 2004/2009
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Eric Powell: The Goon 4: Bergeweise Trümmer
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2009
144 Seiten
19,80 Euro
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Originalausgabe
The Goon: Heaps of Ruination
Dark Horse Comics, 2005/2009
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Hinweise
CBR: Interview mit Eric Powell, u. a. über die geplante Verfilmung (20. November 2009)
Meine Besprechung von Gerard Donavans „Winter in Maine“ ist online
Januar 8, 2010In der Berliner Literaturkritik ist jetzt meine Besprechung von Gerard Donovans „Winter in Maine“ online. Warum der Roman für mich eine durchwachsene Angelegenheit ist, können Sie hier nachlesen.
Gerard Donovan hat zur deutschen Ausgabe einen lesenswerten Text geschrieben.
„Sleeper 4“: Holden Carver steigt aus
Januar 5, 2010Mit einer Nachtmission beginnt der vierte und abschließende „Sleeper“-Band von Autor Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips. In „Das lange Erwachen“ erzählen sie, wie der Undercover-Agent Holden Carver endlich wieder aus dem Leben als Verbrecher aussteigt. Er wurde von John Lynch rekrutiert, um in dem globalen Verbrechensimperium von Tao aufzusteigen und das Imperium zu vernichten. Carver brach alle Verbindungen zu seiner Vergangenheit bei dem geheimen Geheimdienst I. O. (International Operations) ab. Offiziell wurde er zu einem Überläufer. Er wurde von seinen früheren Freunden als Verräter gejagt und er stieg in Taos Imperium auf. Dabei verliebte er sich in Taos gewalttätige Freundin Miss Misery und er fragte sich immer mehr, ob er nicht inzwischen an dem Leben als Verbrecher zu viel Gefallen gefunden hatte. Denn der Unterschied zwischen I. O. und Taos Gangsterbande ist, dass die ersten im Auftrag der Regierung Verbrechen begehen.
Als Tao erfährt, dass Carver ein Undercover-Agent ist, tötet er ihn nicht, sondern macht ihn zu seinem Vertrauten. Denn, so Tao, inzwischen sei er einer von ihnen geworden. Resigniert akzeptiert Carver am Ende des zweiten „Sleeper“-Bandes „Die Schlinge zieht sich zu“ Taos Angebot. Denn Lynch, der einzige Mann, der von Carvers Mission wusste, liegt im Koma. Was Carver allerdings nicht weiß, ist, dass Lynch in diesem Moment aus dem Koma erwacht. Als Carver davon erfährt, hofft er wieder auf eine Rückkehr in sein früheres Leben. Aber das ist schwieriger als gedacht. Denn alle Ausstiegspläne schlagen fehl. Am Ende des dritten Bandes „Die Gretchenfrage“ verbündete er sich mit Miss Misery. Sie wollen gemeinsam gegen alle kämpfen und Carver hat auch schon einen Plan, wie er die beiden Meistermanipulateure Tao und Lynch gegeneinander ausspielen kann.
Auf den ersten Seiten von „Das lange Erwachen“ sollen Carver, Miss Misery und Peter Grimm (der Carver am Liebsten umbringen würde) einen Codeknacker, der in Echtzeit jeden Code entschlüsselt, aus einer geheimen I.-O.-Station entführen. Carver gelingt es, die Mission zu sabotieren. Aber auch nach dieser Mission ist er keinen Schritt näher an dem von ihm ersehnten Ausstieg aus dem Verbrecherleben.
Da taucht Cole Cash (der Hauptfigur der „Sleeper“-Vorgeschichte „Point Blank“) wieder auf. Er will wieder für I. O. arbeiten. Dort wissen sie nicht, dass er, nachdem Tao seine Gedanken manipuliert hatte, Lynch ins Koma schickte Außerdem besitzt Tao die Tatwaffe mit Cashs Fingerabdrücken. Als Cash und Tao sich treffen, wittert Carver seine Chance mit einem Ablenkungsmanöver seine Rückkehr in ein ehrliches Leben vorzubereiten.
„Das lange Erwachen“ enthält die letzten sechs Hefte der zweiten Season der von Ed Brubaker erfundenen und von Sean Phillips kongenial gezeichneten Noir-Geschichte „Sleeper“. Ursprünglich war „Sleeper“, wie Ed Brubaker in seinem Nachwort schreibt, auf zwölf Hefte angelegt und er hatte bereits das Ende geplant, als er das Angebot für eine Fortsetzung erhielt. Indem er den im Koma liegenden I.-O.-Strategen John Lynch wieder zurückholte, mischte er die Karten neu und der zweite, ebenfalls auf zwölf Hefte angelegte Arc entfaltete eine neue Dynamik. Holden Carver will jetzt nicht mehr als Doppelagent an den Kopf eines weltumspannenden Verbrechensimperiums herankommen, sondern er will, voll rehabilitiert, aus dem verbrecherischen Leben aussteigen. Gerade weil Carver wieder ein ehrliches Leben führen will, setzt er eine tödliche Dynamik in Gang.
Dass die Saga von Holden Carver nicht in einem banal-zuckerigem Happy-End mündet, dürfte nur die Menschen erstaunen, die Comics immer noch für Kinderkram halten. Denn Ed Brubaker hat ein überraschendes, befriedigendes und gleichzeitig ziemlich fatalistisches Ende für die feine Noir-Serie „Sleeper“ erfunden.
Die von Hollywood geplante Verfilmung ist immer noch in Planung. Sam Raimi ist anscheinend immer noch, Tom Cruise derzeit nicht mehr dabei. Soviel aus der Hollywood-Gerüchteküche und demnächst einiges über „Incognito“, die neue Serie des Teams Brubaker/Phillips.
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Ed Brubaker/Sean Phillips: Sleeper 4 – Das lange Erwachen
(übersetzt von Maria Morlock)
Cross Cult, 2009
144 Seiten
19,80 Euro
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Originalausgabe
Sleeper 4: The long way home
Wildstorm/DC Comics 2005
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enthält
Sleeper: Season 2, Vol. 7 – 12
DC Comics 2005
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Hinweise
Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)
Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)
Duane Swierczynskis Nebenbeschäftigungen
Dezember 30, 2009Die Idee Text und Film miteinander zu verschmelzen ist nicht neu, aber erst jetzt, mit der zunehmenden Verbreitung von schnellen Internetverbindungen und mobilen Computern, kann sie auch auf einem hohen Niveau verwirklicht werden. Jedenfalls wenn man auf die in den USA Ende Oktober für den Apple iTunes erschienene Version von „Level 26- Dark Origins“ zugreift (andere digitale Versionen sind mir nicht bekannt). Dann kann man ohne Unterbrechung vom Roman zum Film und zurück wechseln. „Digi-Novel“ nennt ihr Erfinder Anthony E. Zuiker diese „völlig neuartige Erzählform“.
Er erfand auch die verschiedenen „CSI“-Serien und dank seiner Stellung als Produzent einer weltweit unglaublich erfolgreichen TV-Serienfamilie kann er auch für eine erfolgversprechende Umsetzung sorgen. Er hat einen exzellenten Zugang zu Studios, Schauspielern, Technikern und Autoren. Er kann das richtige Team für ein erfolgversprechendes Franchise zusammenstellen. Auch „Level 26“ ist als Franchise gedacht. Er hat bereits den Namen „Digi-Novel“ schützen gelassen, eine umfangreiche Homepage (mit einer regen Community) erstellt und die nächsten beiden „Level 26“-Bände sind für 2010 und 2011 angekündigt. Dabei bedeutet „Digi-Novel“ ganz einfach, dass es einen eigenständigen Roman gibt und an bestimmten Stellen das Lesen zum Ansehen von kurzen, die Handlung weiterführenden Filmen unterbrochen werden soll. Den Roman schrieb Duane Swierczynski. Bei uns ist er auch als Duane Louis bekannt und er ist einer der aufregenden jungen Krimiautoren, die sich erfolgreich in verschiedenen Medien tummeln.
Die Filme sind von Anthony E. Zuiker in der modernen TV-Ästhetik (irgendwo zwischen „24“ und „CSI“) gedreht. Die Besetzung ist mit Michael Ironside, Bill Duke, Glenn Morshower (Agent Aaron Pierce in „24“) und Kevin Weisman (Marshall Flinkman in „Alias“) sogar ziemlich prominent. Aber der wichtigste Charakter in den Filmen ist der Serienkiller Sqweegel, der von dem Artisten Daniel Browning Smith, dem „most flexible man alive“, gespielt wird.
Die Filme sind in der ersten Digi-Novel aber nur die nette Beigabe zu dem von Duane Swierczynski geschriebenen Roman „Level 26 – Dark Origins“, der weniger an Swierczynskis eigene Noir-Thriller, sondern an Zuikers „CSI“-Franchise, populäre Serien, wie „Criminal Minds“, und die sattsam bekannten Erzählkonventionen von Serien und TV-Filmen erinnert.
Das ist dann auch die Crux von „Level 26 – Dark Origins“. Die Story setzt sich vollkommen überraschungsfrei aus den altbekannten Bestandteilen zusammen. Es gibt einen Serienkiller, vom FBI Sqweegel genannt, der schlimmer als alle anderen Serienkiller ist. Er mordet bereits seit Jahrzehnten und er hinterlässt an den Tatorten keine Spuren. Noch nicht einmal genug Material für einen DNA-Test. Das FBI weiß nur deshalb von ihm, weil er sie in unregelmäßigen Abständen über seine Taten informiert. Bis jetzt gelang es nur einem Polizisten, ihn einmal fast zu schnappen. Aber Sqweegel entkam und brachte die Familie seines Jägers Steve Dark um. Heute lebt Dark zurückgezogen in Malibu, Kalifornien und seine Freundin erwartet ein Kind. Da schickt Sqweegel einem hohen Politiker ein Video von einem seiner Verbrechen und dieser zwingt Steve Dark dazu, die Jagd auf Sqweegel wieder aufzunehmen.
Dark (wir sind nicht überrascht) tut’s und bis zur alles entscheidenden Begegnung zwischen Sqweegel und Dark verläuft alles in den bekannten Serienkillerthrillerbahnen. Der Killer informiert die Polizei mit einem Abzählreim über seine künftigen Taten. Er hat (jetzt plötzlich) eine Mission und will dafür eine bestimmte Zahl von Morden innerhalb weniger Tage begehen. Er macht plötzlich unglaublich dämliche Fehler. Immerhin ist Sqweegel ein Level-26-Killer. Einer, der schlimmer und geschickter als alle anderen Killer ist. Ed Gein schaffte es nur auf Stufe 13, Ted Bundy auf 17 und John Wayne Gacy auf Stufe 22 der von den FBI-Jungs erstellten, titelgebenden Eingruppierung von Mördern nach ihrer Bösartigkeit. Außerdem verfügt Sqweegel über viel Geld und unglaublich gute Verbindungen. Er wählt weltweit seine Opfer nicht zufällig aus, sondern er hat lange vor der Tat von einem ihrer Geheimnisse erfahren. Das alles wird nicht näher erklärt. Es wird auch kein Versuch unternommen, zu erklären warum Sqweegel zu Sqweegel wurde; was uns immerhin die Therapiesitzung erspart. Sqweegel ist im Buch einfach nur die langweilig-banale Inkarnation des Bösen. Allerdings ohne den Charme eines Hannibal Lector.
Als Roman ist „Level 26 – Dark Origins“ daher nicht mehr als ein austauschbarer, banal-langweiliger Serienkillerthriller, der sich immer wie die Romanfassung des „TV-Thriller of the Week“ durchaus flott, wenn auch gerade am Anfang etwas holprig, wegliest und nach der Lektüre sofort vergessen ist.
Die Idee einer Digi-Novel wurde dagegen schon ziemlich gut umgesetzt. Vor allem die Filme mit dem sich unmöglich verrenkendem Sqweegel sind eindeutig für’s Auge gedacht. Duane Swierczynski unternimmt auch keinen Versuch, das zu beschreiben. Störend ist beim Lesen allerdings die Aufforderung, alle zwanzig Seiten eine Pause einzulegen und am PC die nächste „Cyberbrücke“ (Zuiker) anzusehen. Ungefähr nach der dritten Pause liest man dann den Krimi ganz traditionell in einem Rutsch durch und sieht sich danach die Filme an.
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Bei den im X-Men-Kosmos spielenden „Cable“-Comics, die Duane Swierczynski für Marvel schreibt, kann er sich innerhalb einer bestehenden Welt austoben. Er hat den Nebencharakter Nathan „Cable“ Summers, ein Mutant und Söldner, ausgewählt und lässt ihn in verschiedenen Jahren in der Zukunft Abenteuer erleben. Cable soll ein für das Überleben der Mutanten wichtiges Mutantenbaby beschützen. Er taucht mit dem Baby im Zeitstrom unter. Dummerweise hat die Maschine, die Cable und dem Baby ein Verschwinden in der Zukunft gestattete einen Defekt. Sie können nur immer weiter in die Zukunft flüchten. Gejagt werden sie von dem ehemaligen X-Man Lucas Bishop. Er kam aus einer totalitären Zukunft und er glaubt, dass das Baby für eben diese Zukunft verantwortlich ist. Deshalb will er es töten.
Diese Prämisse ermöglicht es Duane Swierczynski, viele Kämpfe zwischen Cable und Bishop und viele verschiedene zukünftige Welten zu erfinden. Auch in dem zweiten „Cable“-Sammelband „Heimatfront“ kloppen die beiden Kontrahenten sich ausgiebig. Außerdem erfahren wir einige weitere Hintergründe über Cables Mission.
Diese Comic-Serie ist vor allem etwas für die Swierczynski-Komplettisten (Hey, es ist X-Men und es ist SF.) und natürlich die Fans der X-Men.
Duane-Swierczynski-Fans müssen dagegen auf den nächsten Roman von Duane Louis warten. „Schnelle Beute“ ist von Heyne für April 2010 angekündigt.
Anthony E. Zuiker/Duane Swierczynski: Level 26 – Dark Origins
(übersetzt von Axel Merz)
Lübbe, 2009
432 Seiten
14,99 Euro
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Originalausgabe
Level 26 – Dark Origins
Dutton 2009
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Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner)/Ariel Olivetti (Zeichner): Cable 2: Heimatfront
(übersetzt von Michael Strittmatter)
Marvel Deutschland, 2009
100 Seiten
12,95 Euro
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Enthält
Cable 6: Homefront (Oktober 2008, Heimatfront)
King-Size Cable Spectacular 1: The Wolf Pit (November 2008, Die Wolfshöhle)
X-Force: Ain’t no Dog (August 2008, Bin kein Hund)
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Hinweise
Secret Dead Blog von Duane Swierczynski
Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Letzte Order“ (Severance Package, 2008)
Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Blondes Gift“ (The Blonde, 2006)
Meine Besprechung von Duane Swierczynskis „Cable: Kriegskind – Band 1″ (Cable: War Child – 1, 2008)
Bonus
Ein Auftritt von Gummimann Daniel Browning Smith (dem Darsteller von Sqweegel)
Wolf Schneider tut’s wieder
Dezember 23, 2009Es gibt Bücher, die sind nichts für Kritiker. Das liegt nicht am Buch, sondern an der Art des Lesens. Als Kritiker muss man ein Buch, möglichst schnell, von vorne bis hinten durchlesen. Denn die Leser wollen, möglichst gestern, wissen, ob das Buch gut ist. Ob sie dafür Geld und Zeit investieren sollen.
Also werden die 66 Lektionen von Wolf Schneider hintereinander weggelesen. Die Texte in „Gewönne doch der Konjuktiv!“ sind kurz. Sie sind amüsant und regen zum Nachdenken an. Aber mit zunehmender Seitenzahl langweilen sie auch.
Denn der Unterschied zwischen „Interpretationsdiskrepanzen“ (Seite 22) und „Migrationshintergrund“ (Seite 223) ist aus sprachkritischer Sicht minimal. Beide Male ist es schlechtes Deutsch und Wolf Schneider schreibt schon seit Jahrzehnten dagegen an. Deshalb werden alle, die seine älteren Werken, wie „Deutsch für Profis“, „Deutsch für Kenner“ und „Deutsch fürs Leben“, gelesen haben, viele der in „Gewönne doch der Konjunktiv!“ formulierten Gedanken, teils mit sehr ähnlichen Beispielen, bereits kennen.
Auch sind die in seinem neuesten Buch abgedruckten drei- bis vierseitigen Essays nicht neu. Er schrieb sie für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Diese veröffentlichte sie später als „Der vierstöckige Hausbesitzer“ (1996/1997), „Dem Kaiser sein Bart“ (1998) und „Den Briefträger biss der Hund“ (2000) und Rowohlt wählte jetzt 66 Essays für das Taschenbuch „Gewönne doch der Konjunktiv!“ aus. Aber veraltet sind sie, wie ein Blick in die Tageszeitung zeigt, immer noch nicht. Es gibt immer noch unverständliche Sätze, bürokratische und wissenschaftliche Blähsprache und zahlreiche, sinnlose Anglizismen. Es gibt einen neuen deutschen Krimipreis, den Ripper Award, und den kürzlich verliehenen Biene Award. Biene steht für „Barrierefreies Internet eröffnet neue Einsichten“ und damit dürfte Wolf Schneider einen Anlass für eine weitere treffende Sprachkritik haben.
Bei dem Kritiker stellt sich aber spätestens nach der fünfzigsten Sprachlektion das Gefühl ein, eine große Schachtel leckerer Pralinen essen zu müssen, auch wenn die letzten fünf Pralinen nicht mehr schmecken. Nicht weil, sie schlechter als die ersten sind, sondern weil er einfach satt ist.
Der normale Leser kann dagegen Wolf Schneiders neues Buch „Gewönne doch der Konjunktiv!“ lesen, wie es geplant war.
Täglich eine Sprachlektion.
Täglich einmal über Sprache nachdenken.
Und das 66 Tage.
Dann ist „Gewönne doch der Konjunktiv!“ ein feines Buch – auch wenn Sie die anderen Bücher von Wolf Schneider kennen. Denn er lädt ein, über die Sprache nachzudenken.
Wolf Schneider: Gewönne doch der Konjunktiv! – Sprachwitz in 66 Lektionen
rororo, 2009
256 Seiten
8,95 Seiten
Einige Buchtipps für Weihnachten
Dezember 18, 2009Zuerst gibt es die Eigenwerbung:
Cordelia Borchardt/Andreas Hoh (Hrsg.): Die Uhr läuft ab
Fischer Taschenbuch Verlag, 2009
256 Seiten
7,95 Euro
Der Untertitel ist „Die besten Einsendungen für den Agatha-Christie-Krimipreis 2009“ und meine bombige Kurzgeschichte „Val Kilmer kommt“ ist drin.
Josefine Rosalski (Hrsg.): Schneeglöckchen, Mordsglöckchen
Edition Karo, 2009
176 Seiten
12 Euro
Der Untertitel ist „Berliner Weihnachtskrimis – KaroKrimiPreis 2009 – Die besten Dreizehn“ und meine fantastische Kurzgeschichte „Die Sache mit den Fabergé-Eiern“ ist drin.
Und nun zu den anderen.
Dominik Graf: Schläft ein Lied in allen Dingen
Inzwischen habe ich es gelesen und ich kann meinen ersten Eindruck bestätigen: ein sehr lesenswertes Buch. Danach sieht man die von Graf besprochenen, einige andere und auch seine Filme mit anderen Augen. Denn, wie Graf in einer Mail schrieb:
„Neulich sagte oder schrieb jemand, dass ich mit meinen Artikeln meine eigene Filmographie legitimieren will…Hmmm. Kann sein. What’s wrong with that?“
Nichts, solange der Schreiber einen so guten Geschmack hat.
Ben Hecht: Von Chicago nach Hollywood – Erinnerungen an den amerikanischen Traum
Nochmal Film, aber auch Chicago vor gut hundert Jahren. Ein begnadeter Erzähler.
Ross Thomas: Voodoo, Ltd.
Alexander Verlag, 2009
360 Seiten
14,90 Euro
Artie Wu und Quincy Durant sollen den Mord an einem Hollywood-Produzenten aufklären. Ross Thomas zeichnet ein gewohnt illusionsloses Porträt der USA. Für die Neuausgabe wurde die alte Heyne-Übersetzung überarbeitet.
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Und zum Abschluss gibt es einige Empfehlungen, die nur auf einem ersten Eindruck basieren:
Ivo Ritzer: Walter Hill – Welt in Flammen
Bertz + Fischer, 2009
288 Seiten
25 Euro
Ein Filmbuch über einen der wichtigsten und innovativsten Action-Regisseure der späten siebziger und achtziger Jahre. Danach ging das Publikum lieber in den nächsten Blockbuster.
Inzwischen hat Hill bei der TV-Serie „Deadwood“ mitgemacht und den abgefeierten TV-Western „Broken Trail“ gedreht.
Erstaunlich, dass es das erste Buch über Walter Hill ist.
Harald Steinwender: Sergio Leone – Es war einmal in Europa
Bertz + Fischer, 2009
400 Seiten
25 Euro
Noch ein Filmbuch. Noch eine Dissertation. Und, wie bei Bertz üblich, fein illustriert.
Oh, und mit vierhundert engbedruckten Seiten noch umfangreicher als das Walter-Hill-Buch (das hat nur 288 engbedruckte Seiten).
Manfred Büttner/Christine Lehmann: Arsen und Zielfahndung – Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige
Ariadne, 2009
256 Seiten
16,90 Euro
Darf auch von Jungs gelesen werden, aber es lässt die eh schon fantastischen deutschen Krimis als meist sehr irreale Werke (besonders natürlich die TV-Krimis) erscheinen.
James Mollison: Escobar – Der Drogenbaron
Heyne, 2009
416 Seiten
16 Euro
Mark Bowden schrieb bereits mit „Killing Pablo“ die wichtige Biographie über Pablo Escobar, den 1993 erschossenen Drogenboss des Medellin-Kartells. In „Escobar – Der Drogenbaron“ wird Escobars Leben mit über 350 bislang unveröffentlichten Fotos aus verschiedenen Archiven dokumentiert. Eine faszinierende Spurensuche.
Robert Littell: Das Stalin-Epigramm
Arche, 2009
400 Seiten
22 Euro
Sein neuer Roman, den ich wegen „wichtigeren“ Büchern immer wieder zur Seite gelegt habe.
Colin Harrison: Im Schlund des Drachen
Droemer, 2009
448 Seiten
16,95 Euro
Nachdem Harrisons Roman in seiner Heimat abgefeiert wurde und auf ungefähr jeder wichtigen Nominierungsliste war, bin ich natürlich sehr gespannt auf diesen Thriller.
Jim Nisbet: Dunkle Geschäfte
Pulp Master, 2009
192 Seiten
12,80 Euro
Pulp Master, für den Hammett nominiert. Ich will’s an einem ruhigen Abend in einem Zug genießen.
Angelo Petrella: Nazi Paradise
Pulp Master, 2009
128 Seiten
12,80 Euro
Nochmal Pulp Master und nochmal Lektüre für einen ruhigen Abend.
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Wem das alles zu textlastig ist, der kann bei Eric Powells „The Goon“ zuschlagen. Zuletzt erschienen „Meine mörderische Kindheit“ und „Bergeweise Trümmer“. Der Goon kloppt sich in einem Paralleluniversum, das eine Mischung aus „Amazing Stories“ und 30-Jahre-Gangsterfilm ist, mit Monstern, Zombies und Seemonster.
Da bleibt kein Auge trocken.
Harry Dresden besucht den Zoo
Dezember 11, 2009Harry Dresden ist auf den ersten Blick der typische Hardboiled-Privatdetektiv, der zwar kein Geld auf der Bank, aber dafür immer eine hübsche Frau im Arm hat. Ungewöhnlich ist nur, dass er mit einem Holzstock, der eher zu einem Magier passt, durch das heutige Chicago wandert. Und das ist der von Jim Butcher vor gut zehn Jahren erfundene Charakter auch: ein Privatdetektiv, Berufsmagier und Berater der Polizei für übernatürlcihe Fälle.
Butcher schrieb in den vergangenen Jahren elf Romane (sechs davon sind inzwischen übersetzt) und mehrere kurze Geschichten mit Harry Dresden als Helden. 2007 gab es eine kurzlebige, aber in Fankreisen beliebte TV-Serie „The Dresden Files“ mit Paul Blackthorne („24“, „Lipstick Jungle“) in der Hauptrolle. Und jetzt den Comic „Willkommen im Dschungel“ mit einem Harry Dresden, der verdächtig nach Blackthorne aussieht.
Auch dass die Geschichte in vier Teilen erzählt wird, erinnert an die 4-Akt-Struktur des Fernsehen. Die zahlreichen Kämpfe mit verhexten Tieren, Monstern und Hexen und eine unfallträchtige Jagd durch die innerstädtischen Straßen von Chicago sprengen dagegen das Budget jedes TV-Serienfilms.
Und die Entstehungsgeschichte von „Willkommen im Dschungel“ war auch eine ganz andere. Jim Butcher erzählte auf der Comic-Con 2008 (Part 1, ab Minute 2.30), dass er ursprünglich nur eine 22-seitige Geschichte schreiben sollte und der Verlag dann nach immer mehr fragte. Zuerst nach einer 36-seitigen Geschichte, dann nach einem Zweiteiler und letztendlich nach einem Vierteiler in dem Harry Dresden den Mord an einem Wachmann im Zoo aufzuklären soll. Die Polizei hat keine Ahnung, aber die offizielle Erklärung lautet, dass der Gorilla es war. Dresden weiß in diesem Moment zwar noch nicht, wer der Täter ist, aber er erkennt sofort, dass es nicht der Gorilla und auch kein Mensch war.
Als er und die hübsche Will von einem unter einem Bannzauber stehendem Löwen angefallen werden, weiß Dresden, dass er es mit einem sehr mächtigen Gegner zu tun hat. Denn kaum hat er den Löwen besiegt, werden sie von einer Horde Tiger angefallen.
In diesem Moment sind wir erst am Ende des ersten Heftes.
Fans der Dresden-Romane werden in dem gelungenen und kurzweiligem Hardboiled-Fantasy-Mix „Willkommen im Dschungel“ lieben. Und einige neue Fans dürfte Harry Dresden mit diesem spannenden, vor den Ereignissen des ersten Dresden-Romans „Sturmnacht“ spielenden und von einem Dialog aus der TV-Serie inspirierten Abenteuer auch gewinnen.
Jedenfalls hat Jim Butcher, der sich in seinem Vorwort als Comic-Fan outet und sagt, die Dresden-Romane seien in seinem Kopf schon immer Zeichentrickfilme gewesen, Comicluft geschnuppert und die nächste Graphic Novel (wie es ja inzwischen heißt) der „Dresden Files“ ist in den USA für 2010 angekündigt.
„Willkommen in Dschungel“ war für den ersten Hugo Award for Best Graphic Story nominiert.
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Jim Butcher (Text), Ardian Syaf (Zeichnungen): The Dresden Files: Willkommen im Dschungel
(übersetzt von Oliver Hoffmann und Astrid Mosler)
Panini Comics, 2009
148 Seiten
16,95 Euro
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Originalausgabe
The Dresden-Files: Welcome to the jungle
Dabel Brothers, 2008
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Die deutschen Ausgaben der Dresden-Romane erscheinen bei Knaur.
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Hinweise
Wikipedia über Jim Butcher (deutsch, englisch)
Ed Brubaker und Sean Phillips erzählen von einer „Obsession“
Dezember 10, 2009Nach all den Gangstern, die uns bislang im „Criminal“-Kosmos von Autor Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips begegnet sind, ist Jacob Kurtz ein ganz gewöhnlicher Mann. Er zeichnet den bereits aus früheren „Criminal“-Bänden bekannten Comic „Frank Kafka, Privatdetektiv“. Seine einzige Verbindung zum Organisierten Verbrechen geht über seine vor Jahren verstorbene Frau. Weil sie spurlos verschwand, nahmen Detective Max Starr und der Onkel der Verstorbenen, der Gangsterboss Sebastian Hyde, an, dass Kurtz sie ermordete. Hydes Männer schlugen ihn zum Krüppel. Als herauskam, dass sie bei einen Unfall starb, verschaffte Hyde ihm die Stelle als Comiczeichner.
Jetzt lebt Kurtz zurückgezogen, zeichnet die Bildergeschichte für die Tageszeitung, schläft tagsüber und streift nachts durch die Stadt. Eines Abends trifft er in seinem Stamm-Diner auf ein streitendes Paar. Auf dem Heimweg nimmt er die attraktive Iris mit und das – wir ahnen es – hätte er besser nicht tun sollen. Denn selbstverständlich wird er in eine schlimme Geschichte verwickelt, bei der die Fälschung eines FBI-Ausweises noch sein harmlosestes Verbrechen ist.
Auch im vierten „Criminal“-Band revitalisieren Ed Brubaker und Sean Phillips eine klassische Noir-Geschichte. Dieses Mal ist es die Geschichte von dem Normalbürger, der sich in eine Gangsterbraut verliebt, selbst einige dunkle Geheimnisse hat und von einem hasserfüllten Polizisten verfolgt wird. Auf den letzten Seiten schlägt „Obsession“, auch dank plötzlicher und gelungener Wechsel der Erzählperspektive, einige überraschende Haken und lässt einen atemlos zurück.
Grandios!
Oder mit den Worten von Ken Bruen:
„Der Mann [Ed Brubaker, A. d. V.] ist ein Genie.
Ich sage das ohne Vorbehalt.
Ich glaube, ich habe diesen Begriff höchstens zweimal im Leben verwendet.
Er hat ihn doppelt und dreifach verdient. (…)
‚Obsession‘ erzählt eine wunderbar tödliche Geschichte über Lügen, Mord und…ah…es wäre eine Sünde mehr zu verraten.“
Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal 4 – Obsession
(Einleitung von Ken Bruen)
(übersetzt von Claudia Fliege)
Panini Comics, 2009
124 Seiten
16,95 Euro
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Originalausgabe
Criminal Vol. 4: Bad Night
Marvel Comic, 2009
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enthält
Criminal Vol. 2 4 – Criminal Vol. 2 7 (Juli – September 2008)
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Hinweise
Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)
Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)
Der Heiland und der Bienzle
Dezember 3, 2009Erst nach seiner Quasi-Biographie „Fast wie von selbst“ habe ich wieder Lust auf die neuen Bücher von Felix Huby bekommen. Denn seine letzten Bienzle-Tatorte waren ziemlich langweilig und auch seine Idee, in Berlin einen Kommissar Heiland ermitteln zu lassen, löste bei mir keinen Lesereflex aus. Huby war einfach ein Kapitel aus der Vergangenheit des deutschen Krimis.
Dabei hat Felix Huby, wie seine neuen Krimis „Null Chance“ und „Bienzle und das ewige Kind“ zeigen, immer noch etwas zu sagen und natürlich weiß er immer noch, wie er schnörkellos eine Geschichte erzählt.
In „Null Chance“ ermittelt Hubys neuer Ermittler, der in Berlin ermittelnde Bienzle-Schüler Peter Heiland, zum vierten Mal.
Dem Gymnasiast Marc Schuhmacher wurde ein Messer in die Rippen gerammt. Während er noch ohne Bewusstsein im Krankenhaus liegt, wird Osman Özal ermordet. Er wollte ein echter Gangster werden und stand, als Anführer einer Jugendgang, auch in Verdacht, Schuhmacher verletzt zu haben. Kommissar Peter Heiland und seine Kollegin Hanna Iglau ermitteln im Milieu von Jugendgangs und türkischen Familien.
So brennend das Thema in Großstädten auch ist, so zahlreich sind die Fallstricke, über die ein Schriftsteller dabei stolpern kann. Das beginnt mit der Gangsta-Sprache der Jugendlichen, geht über die verschiedenen Befindlichkeiten der angesprochenen Gruppen und endet bei dem pädagogischem Zeigefinger. Denn natürlich will ein Autor, wenn er sich mit der mangelhaften Integration und Chancenlosigkeit von Gastarbeiterkindern beschäftigt, auch etwas gesellschaftlich relevantes sagen. Das kann, wie kürzlich bei Domskys „Ehre, wem Ehre…“ oder etlichen TV-Krimis, gründlich daneben gehen.
Felix Huby umschifft diese Klippen (angesichts einiger seiner TV-Arbeiten) erstaunlich gut. Er schreibt einfühlsam über Jugendliche, die sich ihren eigenen Platz in der Gesellschaft suchen müssen und dabei zwischen verschiedenen Ansprüchen hin- und hergerissen sind. Das gilt auch für die beiden aus der Türkei eingeflogenen Brüder, die in Berlin einen Ehrenmord begehen sollen.
Sehr angenehm ist auch, dass Felix Huby nicht krampfhaft versucht, den Jugendslang zu imitieren. Seine jugendlichen Verbrecher sprechen ganz normales, verständliches Deutsch.
Störend an „Null Chance“ ist für Berliner, die nur höchst unwillig ihren Kiez verlassen, die Mobilität der Jugendlichen innerhalb des S-Bahn-Rings. Da hat der touristische Aspekt die genaue Recherche geschlagen.
Während „Null Chance“ eine neue Geschichte erzählt, ist „Bienzle und das ewige Kind“, wie öfters bei Huby, schwäbische Zweitverwertung. Denn Bienzle-Fans haben die Geschichte bereits als „Bienzle und der Tod in der Markthalle“ gesehen. In der titelgebenden Markthalle entdeckt der Nachtwächter den erstochenen Markthändler Joseph Janicek. Neben der Leiche sitzt Janiceks geistig zurückgebliebener Sohn Geza mit der Tatwaffe in der Hand. Geza behauptet, seinen Vater umgebracht zu haben. Für Kommissar Ernst Bienzle ist das allerdings zu einfach. Er hält Geza für einen wichtigen Zeugen und, nachdem er von Geza als Vater-Ersatz angenommen wird, beginnt er sich um ihn zu kümmern.
Während der „Tatort“ reichlich zäh war, ist die darauf basierende Romanversion „Bienzle und das ewige Kind“ eine flotte Lektüre, bei der die Beziehung von Bienzle zu Geza viel glaubwürdiger ist. Denn Huby verschweigt nie, dass Bienzle in Geza vor allem einen wichtigen Zeugen und potentiellen Mörder sieht. Er lässt sich mit ihm ein, weil er Informationen will.
Und diese Informationen sollen ihm helfen, unter den zahlreichen Tatverdächtigen den Mörder zu finden. Dieser ist, soweit ich mich an den „Tatort“ erinnere, nicht der Täter aus dem „Tatort“.
„Null Chance“ und „Bienzle und das ewige Kind“ zeigen, dass Felix Huby immer noch ein unprätentiöser Geschichtenerzähler ist. Beide Krimis sind gute Unterhaltung für einen langen Abend; genau wie seine ersten Bienzle-Romane aus den Siebzigern.
Felix Huby: Null Chance
Scherz, 2009
304 Seiten
14,95 Euro
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Felix Huby: Bienzle und das ewige Kind
Fischer Verlag, 2009
192 Seiten
8,95 Euro
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Vorlage
Tatort: Bienzle und der Tod in der Markthalle (D 2006)
Regie: Arend Agthe
Drehbuch: Felix Huby
mit Dietz Werner Steck, Rüdiger Wandel, Rita Russek, Dirk Salomon, Klaus Spürkel, Walter Schultheiß, Arndt Schwering-Sohnrey, Rolf Zacher
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Hinweise
Meine Besprechung von Felix Hubys „Fast wie von selbst – Ein Gespräch mit Dieter de Lazzer“ (2008)
PI Spenser will April Kyle – wieder einmal – helfen
November 27, 2009Spenser war schon immer auch ein Sozialarbeiter. In „Early Autumn“ (Finale im Herbst) übernahm er die Erziehung von Paul Giacomin. Er entwickelte sich prächtig. Bei April Kyle war das etwas schwieriger. In „Ceremony“ (Einen Dollar für die Unschuld) sollte er sie suchen. Weil April Kyle nicht zu ihren Eltern zurückwollte, schickte er sie nach New York zu Patricia Utley. Die Edelprostituierte nahm sich des Mädchens an. In „Taming a Sea-Horse“ (Wer zähmt April Kyle?) musste er April wieder helfen und jetzt betritt sie sein Büro und bittet ihn um Hilfe.
Seit gut zwei Jahren betreibt sie in Boston ein Edelbordell. Vor kurzem tauchten zwei Männer bei ihr auf und wollten ein Viertel von ihrem Geschäft. Spenser und sein Kumpel Hawk nehmen sich die Schläger vor und erfahren von ihnen, dass sie von Ollie DeMars geschickt wurden. DeMars kann Spenser allerdings nur verraten, dass er von einem Unbekannten beauftragt wurde und er, bis er eine Gefahrenzulage von ihm erhält, nichts tun werde.
Spenser ruft einige seiner Freunde. Die sollen das Bordell beschützen, während er DeMars‘ Auftraggeber sucht.
„Hundert Dollar Baby“, der 34. Fall für Privatdetektiv Spenser, unterscheidet sich natürlich kaum von den vorherigen Fällen. Es ist wie ein Abend mit einem alten Freund oder die neue Folge einer langlebigen TV-Serie. Die meisten Gags sind bekannt oder Variationen bekannter Witze, wie die Frotzeleien zwischen Spenser und Hawk. Der schwule Teddy Sapp, einer ihrer schlagkräftigen und furchtlosen Freunde, ist dagegen eine echte Bereicherung. Aber er verschwindet ziemlich schnell wieder aus der Geschichte. Spensers Freundin Susan Silverman scheint immer weniger zu Essen. Spenser verdrückt währenddessen Mahlzeiten für eine halbe Fußballmannschaft. Dabei unterhalten sie sich über Liebe, Sex, Prostitution (Wird die Frau entwürdigt? Oder der Mann? Kann es überhaupt glückliche Huren geben?) und April Kyles Psyche. Immerhin ist Susan Therapeutin und diese Gespräche gehören zu einem Spenser-Roman einfach dazu. Genau wie ihr gemeinsamer Hund Pearl.
Das Plotting ist ebenfalls gewohnt nachlässig. So ist ziemlich offensichtlich, wer Ollie DeMars umgebracht hat und wer hinter allem steckt. Dieses Mal betont Ich-Erzähler Spenser sogar öfters, dass er von allen belogen werde und bei seinen Ermittlungen einfach nicht voran komme. Das liegt allerdings weniger an dem komplizierten Plot, sondern eher an Robert B. Parkers Arbeitsstil. Denn er schreibt die Spenser-Geschichten, neben den Jesse-Stone-, Sunny-Randall- und Virgil-Cole/Everett-Hitch-Romanen, in einem atemberaubenden Tempo. Dieses Jahr veröffentlichte Parker vier neue Romane. Dabei entwickelt er den Plot während des Schreibens und er macht, so sagt er, keine Überarbeitungen. Das führt bei „Hundert Dollar Baby“, wieder einmal, zu einem ziemlich zähen Mittelteil. Auch der Mord an Ollie DeMars bringt kaum Schwung in Spensers sich über mehrere Monate erstreckenden Ermittlungen.
Aber Robert B. Parkers entspannter Schreibstil gefällt immer noch. Und mit zweihundert Seiten ist das Buch auch schnell gelesen.
Robert B. Parker: Hundert Dollar Baby
(übersetzt von Emanuel Bergmann)
Pendragon, 2009
208 Seiten
9,90 Euro
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Originalausgabe
Hundred-Dollar Baby
G. P. Putnam’s Sons, 2006
(Anmerkung: Angekündigt als „Dream Girl“)
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Hinweise
Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker
Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)
Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)
Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)
Tatort-Romane – zum Dritten
November 26, 2009Bei Max Palü, der von 1988 bis 2005 in Saarbrücken ermittelte, war die Welt von Koch und Kellner noch in Ordnung. Stefan Deininger war der Kellner. In „Aus der Traum…“ macht er sich Hoffnungen auf den Chefposten. Aber dann kommt dieser Franz Kappl aus Bayern und der soll Chef der Saarbrücker Mordkommission werden. Deininger reagiert auf diese Nachricht, die er natürlich während seiner Geburtstagsfeier erhält, wie ein kleines Kind, dem sein Lieblingsspielzeug weggenommen wird.
Dass die Beiden wenige Minuten nach ihrem ersten Aufeinandertreffen gleich einen komplizierten Mordfall haben, verstärkt ihre gegenseitige Abneigung. Denn die Tote ist Kathi Schaller. Deininger war in die junge, gutaussehende Kollegin verliebt und damit ist er für Kappl auch einer der Verdächtigen.
Und Deininger will, indem er Kathis Mörder fängt, beweisen, dass nur er den rechtmäßigen Anspruch auf Palüs Nachfolge hat. Dafür bedient er sich hemmungslos seiner guten Saarbrücker Verbindungen und lässt den Bayern so oft und so gut es geht auflaufen.
Das gestaltet sich etwas schwierig, weil Deininger blind vor Wut ist und sich so täppisch benimmt, dass er Kappl für saftige Disziplinarmaßnahmen eine Steilvorlage nach der nächsten liefert. Außerdem ist der sehr junge Kappl ein guter Ermittler, mit einigen Fortbildungen bei der New Yorker Polizei und einem großen Vertrauen in moderne Ermittlungsmethoden.
Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer erfanden die erstaunlich schwache Geschichte, die Martin Conrath zu einem Roman umarbeiten durfte. Denn in „Aus der Traum…“ entwickelt sich alles in den vertrauten Pfaden. Nachdem sich Kappl und Deininger lange genug angekläfft haben, sind sie am Ende der Geschichte die besten Freunde und seitdem natürlich auch formal gleichberechtigte Ermittler. Der Fall selbst wird von diesem Revierverhalten an den Rand gedrängt und am Ende ziemlich schnell aufgeklärt.
Conrath machte das Beste aus der vermurksten Vorlage. Die ersten Zeilen, wenn der normalerweise superpünktliche Kappl verzweifelt durch die Einbahnstraßen von Saarbrücken irrt, sind ein gelungener Einstieg. Sehr schön sind auch die vielen aus der Kappls oder Deiningers Sicht erzählte Szenen, in denen Conrath die gegenseitige Abneigung zur von den TV-Machern unbeabsichtigten Karikatur treibt. Auch die anderen Charaktere, wie das schon aus Palüs Tagen bekannte Team in der Saarbrücker Mordkommission und der tatverdächtige, vorbestrafte, begnadete und erfolglose Musiker Charlie Wax (Klischees, ich hör euch trapsen.) werden plastisch gezeichnet. Aber letztendlich hilft es nicht, wenn der zentrale Konflikt zwischen den beiden Ermittlern nicht funktioniert, der Mordfall schwach ist und ein biederer Humor („Madame Maigret“) für Lacher sorgen soll.
Fast vor meiner Haustür, in Leipzig, endet die Lesereise durch die „Tatort“-Romane. Dort ermittelt, nach dem lange überfälligem Weggang von Kommissar Bruno Ehrlicher, das Team Saalfeld/Keppler und die ersten Meldungen ließen das Schlimmste befürchten. Denn die Kommissare Eva Saalfeld und Andreas Keppler waren miteinander verheiratet und müssen jetzt zusammenarbeiten. Bei dieser Konstruktion hört man schon die Ideenmaschine der Macher, die stockbesoffen vor Begeisterung über ihre Idee sind, rattern. In ihrem ersten Fall „Todesstrafe“ wird dieser Punkt aber erstaunlich erwachsen und prosaisch abgehandelt. Sie haben sich nach der Scheidung viele Jahre nicht gesehen, sind aber immer in Kontakt geblieben und als Eva Saalfeld die designierte Leiterin der Leipziger Mordkommission wurde, wünschte sie sich Andreas Keppler als Kollegen, weil er einfach der beste Ermittler ist.
Denn während Eva Saalfeld das Mädchen von nebenan ist, mit dem man Pferde stehlen kann, ist Andreas Keppler ein kleiner Sherlock Holmes. Introvertiert, menschlich schwierig, allein lebend, aber ein genauer Beobachter, der nur für seine Arbeit lebt. Er puzzelt an seinen Fällen so lange herum, bis er die Lösung hat.
In ihrem ersten Fall „Todesstrafe“ suchen sie den Mörder von Hans Freytag. Er hatte in einer leerstehenden Fabrik eine Art Jugendzentrum aufgebaut und versuchte den Jugendlichen mit der Renovierung eines Schiffes Selbstvertrauen zu geben. Allerdings hatte ihn seine Frau angezeigt, ihre Tochter unsittlich berührt zu haben. Eine Bürgerwehr forderte den Tod von Kinderschändern wie Freytag. Keppler und Saalfeld fragen sich, ob einer der gesetzestreuen Bürger das Gesetz in die eigenen Hände genommen hat.
Bei ihren Ermittlungen stellen die Beiden schnell fest, dass es zur Tatzeit in der Fabrik wie in einem Taubenschlag zuging. Keppler hat daher einiges zu puzzeln.
„Todesstrafe“ ist der gelungene Einstieg eines neuen Teams. Bei der Entwicklung wurde sich wirklich bemüht, ein stimmiges Gespann und eine spannende Geschichte zu erfinden. In seinem Filmroman liefert Oliver Wachlin dann Informationen zu den beiden Ermittlern und den etwas seltsamen Ermittlungsmethoden von Keppler. Denn er will einen Tatort vor den Kriminaltechnikern besichtigen. Dass er damit jede moderne Polizeiarbeit grandios torpediert und er teilweise sogar Spuren vernichtet (wenn er sich durch ein Fenster schwingt, durch das vorher wahrscheinlich der Täter flüchtete, er über mehrere Hinterhöfe die Spur des Täters verfolgt und in einem Müllcontainer nach Beweisen sucht) muss als ein – sehr großes – Zugeständnis an die Fiktion genommen werden, das man zähneknirschend hinnimmt, weil Keppler ein einprägsamer Charakter ist, der hoffentlich künftig Fälle lösen darf, die seinen intellektuellen Fähigkeiten entsprechen. Dass dafür dann das gleichberechtigte Ermittlerpaar (mit ihr als Vorgesetzte) hin zu einem traditionellen Sherlock-Holmes/Dr.-Watson-Gespann aufgelöst würde, wäre eine willkommene Abwechslung im „Tatort“-Einerlei von gleichberechtigten Ermittlern, ihrem ausuferndem Privatleben und eine Hinwendung zu einem Ermittler, für den spezielle Fälle geschrieben werden.
Das ist jedenfalls das in Wachlins Romanfassung liegende Versprechen. Ob es eingelöst wird, kann in den nächsten Fällen des Teams Eva Saalfeld/Andreas Keppler (die ich noch nicht gesehen habe) geprüft werden.
Fortsetzung folgt im Frühjahr 2010
Martin Conrath: Aus der Traum…
Emons, 2009
176 Seiten
8,95 Euro
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Vorlage
Tatort: Aus der Traum… (D 2006)
Regie: Rolf Schübel
Drehbuch: Fred & Léonie-Claire Breinersdorfer
mit Maximilian Brückner, Gregor Weber, Alice Hoffmann, Hartmut Volle, Lale Yavas, Urs Fabian Winger, Burghart Klaußner, Lena Stolze, Andreas Schmidt
Erstausstrahlung: 15. Oktober 2006 (Folge 643)
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Oliver Wachlin: Todesstrafe
Emons, 2009
176 Seiten
8,95 Euro
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Vorlage
Tatort: Todesstrafe (D 2008)
Regie: Patrick Winczewski
Drehbuch: Mario Giordano, Andreas Schlüter
mit Simone Thomalla, Martin Wuttke, Julia Richter, Roman Knižka, Nadja Engel, Oliver Breite, Gitta Schweighöfer, Matthias Brenner
Erstausstrahlung: 25. Mai 2008 (Folge 700)
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Hinweise
Tatort-Romane – zum Zweiten
November 24, 2009Neben den Kölner „Tatorten“ wird normalerweise dem Münchner „Tatort“ ein konstant hohes Niveau attestiert. Doch während die Kölnern einen Hang zum penetranten Moralisieren haben, behandeln die Münchner auch schwierige Themen mit einem guten Gespür für die Münchner Eigenheiten und ohne den hocherhobenen moralischen Zeigefinger. Daran haben, für das aktuelle Team, renommierten Regisseure, wie Dominik Graf, Josef Rödl und Hanns Christian Müller, und, schon seit Jahrzehnten ,die Drehbuchautoren, die öfters auch erfolgreiche Krimiautoren sind, beigetragen. Herbert Rosendorfer, Michael Molsner, Peter Hemmer, Herbert Riehl-Heyse, Ulf Miehe, Robert Hültner und auch Friedrich Ani schrieben Drehbücher für die Münchner Kommissare.
Der Letztgenannte schrieb auch das Drehbuch für den Whodunit „A gmahde Wiesn“ in dem die Kommissare Franz Leitmayr und Ivo Batic, kurz vor dem Beginn des Oktoberfestes, den Mord an Stadtrat Hubert Serner aufklären müssen. Serner war ein Casanova und hatte bei der Vergabe der sehr einträglichen Lizenzen für die Wiesn das letzte Wort. Weil, neben Sex, Geld immer ein gutes Mordmotiv ist, sehen die beiden Kommissare sich die Wiesn-Wirte und ihre erfolglosen Konkurrenten an.
Das Tätersuchspiel ist nur der rote Faden für eine Liebeserklärung an Münchens größtes Volksfest und eine feine Soziographie des Millionengeschäftes Oktoberfest.
Denn Ani will in erster Linie ein Milieu erkunden. Dabei kann er dieses Mal, im Gegensatz seinen ebenfalls sehr gelungenen Münchner „Tatorten“ „Das Glockenbachgeheimnis“ und „Und dahinter liegt New York“, auch für die touristischen Seiten seiner Heimatstadt werben. Im Film führt das zu einigen länglichen Monologen, in denen die städtischen Lizenzvergeber, Wirte und Schausteller das nötige Hintergrundwissen über die ökonomischen Aspekte des Oktoberfestes vermitteln. Im Roman fallen diese Monologe nicht mehr ins Gewicht. Und die Sympathie für die kleinen Leute schimmert in Martin Schüllers Romanfassung vielleicht sogar etwas stärker als im Film durch. „A gmahde Wiesn“ ist, wie von den Münchner gewohnt, ein guter Krimi.
Der Bremer „Tatort“ wagte, sicher auch weil viel weniger Folgen gedreht werden, in den vergangenen Jahren immer wieder Experimente. Es gab sterbenslangweilige Whodunits, gelungene Milieustudien, ergreifende Fallstudien, in denen Kommissarin Inga Lürsen nur noch eine Nebenrolle hatte, eine tolle Aufarbeitung von „1968“, eine überflüssige von „9/11“ und packende Thriller.
„Strahlende Zukunft“ ist sogar – eine Seltenheit im deutschen TV – ein Politthriller, der die Verflechtungen von Politik und Wirtschaft ziemlich genau durchleuchtet und auf ein einfaches Happy-End verzichtet.
Denn Kommissarin Inga Lürsen kämpft an zwei Fronten. Einerseits versucht sie Daniel Vegener, der mit ihrer Dienstwaffe flüchtete, von einer Dummheit abzuhalten. Er möchte beweisen, dass seine Mutter Sandra Vegener nicht verrückt war, als sie auf dem Marktplatz Richter Weller überfuhr und sich anschließend umbrachte. Sie war in der Psychiatrie eingewiesen worden, nachdem sie, zunehmend fanatisch, nach dem Leukämietod ihrer Tochter gegen die Sendemasten der Telefongesellschaft 2wave protestierte und behauptete, dass sie mit Strahlen in den Wahnsinn getrieben werden solle. Lürsen die ihr damals nicht geholfen hatte, möchte jetzt beweisen, dass die Anschuldigungen von Sandra Vegener stimmen. Aber 2wave hat weltweite Verbindungen und ist auch an einem polizeilich-militärischem Forschungsprojekt, das von Bremer Senat gefördert wird, beteiligt.
Während Lürsen den amoklaufenden Jungen sucht, versucht die Telefongesellschaft 2wave alles, um ihre Geschäfte zu sichern. Ein Menschenleben ist dabei nur eine Variable in ihrer Kostenrechnung.
Die Story hat, wenn der junge Vegener, der Killer der Firma und Kommissarin Lürsen die gleiche Beute verfolgen, eine in deutschen Krimis viel zu seltene Thriller-Spannung.
Allerdings erscheint die Reaktion von Lürsen auf den Tod von Vegener etwas übertrieben. Sie fühlt sich schuldig ihr vorher nicht geholfen zu haben und will jetzt unbedingt beweisen, dass die Selbstmörderin nicht verrückt war. Gleichzeitig, was allerdings inzwischen ein in den „Tatorten“ so gewohnter Mechanismus ist, dass es wahrscheinlich eine senderübergreifende Richtlinie dafür gibt, ist Lürsen ganz plötzlich, während der gesamten Folge, hochempört über die Gefahren von Handystrahlen und flippt vollkommen aus, als sie von den Forschungen für den Einsatz von nicht-tödlichen Waffen erfährt. Denn Lürsen glaubt, dass an Vegener eine sich offiziell noch in der Testphase befindende Waffe ausprobiert wurde, die mit Strahlen Menschen kampfunfähig machen kann.
Da wäre, wie so oft, etwas weniger folgenlose Empörung glaubwürdiger gewesen. Denn natürlich wirft Lürsen ihr Handy nicht weg und sie wird auch nicht zur Kämpferin gegen Handystrahlen.
Auch auf den Streit zwischen ihr und Stedefreund hätte ruhig verzichtet werden können. Denn dass die Kommissare während der Ermittlungen in wichtigen Fragen eine vollkommen gegensätzliche Meinung haben, und diese mit der lautstark-effekthascherischen Energie von Politikern in einer Talkshow austragen, ist inzwischen ein weiterer fester Bestandteil von jedem „Tatort“-Team, der so gehäuft einfach nur noch nervt. Früher, am Besten in den immer noch aktuellen Trimmel-“Tatorten“, wurde das viel besser gehandhabt.
Davon abgesehen ist „Strahlende Zukunft“ einer der gelungenen Bremer-“Tatorte“ und Christoph Ernsts Romanfassung eine flott gelesene Lektüre.
Fortsetzung folgt
Martin Schüller: A gmahde Wiesn
Emons, 2009
160 Seiten
8,95 Euro
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Vorlage
Tatort: A gmahde Wiesn (D 2007)
Regie: Martin Enlen
Drehbuch: Friedrich Ani
mit Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec, Michael Fitz, Monika Baumgartner, Franziska Schlattner, Georg Maier, Fred Stillkrauth, Joram Voelklein, Bettina Redlich, Michael Tregor, Philipp Sonntag, Christian Hoening, Anita Matija, Sabine Bach
Erstausstrahlung: 23. September 2007 (Folge 674)
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Christoph Ernst: Strahlende Zukunft
Emons, 2009
160 Seiten
8,95 Euro
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Vorlage
Tatort: Strahlende Zukunft (D 2007)
Regie: Mark Schlichter
Drehbuch: Christian Jeltsch
mit Sabine Postel, Oliver Mommsen, Winfried Hammelmann, Ulrich Noethen, Inka Friedrich, Constantin von Jascheroff, Peter Davor, Ann-Kathrin Kramer, Alexander Radszun
Erstausstrahlung: 26. August 2007 (Folge 671)
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Hinweise
Tatort-Romane – zum Ersten
November 23, 2009Der „Tatort“ ist seit Jahrzehnten ein fester Anlaufpunkt für den Sonntagabend. Seit einigen Jahren ist er sogar „Kult“, aber bis jetzt gab es nur einige spärliche Versuche, die Erfolgsmarke „Tatort“ in andere Medien zu übertragen. Seit letztem Jahr gibt es den mäßig erfolgreichen Radio-Tatort. Demnächst werden einige willkürlich ausgewählte „Tatorte“ auf DVD veröffentlicht und kürzlich sind sechs „Tatort“-Romane erschienen. Es sind Romanfassungen von bereits ausgestrahlten „Tatorten“ mit vier altbekannten und zwei neuen Teams. Und, soviel kann schon verraten werden: sie sind alle, eine gewisse „Tatort“-Affinität vorausgesetzt, lesenswert.
Beginnen wir vor meiner Haustür. In Berlin ermitteln die Kommissare Till Ritter (Typ: Großstadtcowboy) und Felix Stark (kein Typ, nur ein alleinerziehender Vater). Als sie begannen, war die senderinterne Parole, den Berlin-Tatort von seinem wirklich ganz schlechten Image zu befreien. Das ist auch gelungen. Denn auch ohne die rosarote lokalpatriotische Brille können die Berliner „Tatorte“ goutiert werden. Aber besser ist noch lange nicht gut. Das zeigt auch die von Oliver Wachlin geschriebene Romanfassung von „Blinder Glaube“. Es geht um medizinische Experimente, Förderung von Gründern und um den Hightech-Standort Berlin. Das sind spannende Themen für einen Wirtschafts- und Wissenschaftsthriller, die hier zu in einer hoffnungslos konfusen Geschichte verbraten werden. Die Kommissare Ritter und Stark müssen den Mord an der Chefärztin einer Uni-Augenklinik aufklären. Sie war eine wichtige Mitarbeiterin eines Projektes, das mittels eines Chips Blinde wieder sehen lassen soll. Bei ihren Ermittlungen stellen die Kommissare schnell fest, dass die Projektleiter, die Chefs der damit verbundenen Firma und die Fördergeldgeber im Ministerium alle miteinander verbandelt sind. Mal verwandschaftlich, mal freundschaftlich, mal sexuell, mal seit Studientagen. In jedem Fall schanzen sie sich munter hochdotierte Aufträge zu und nehmen es mit der Wahrheit in den Unterlagen nicht so genau. Als ob das Auseinanderklamüsieren der verschiedenen Beziehungen nicht schon kompliziert genug wäre, dürfen beide Kommissare sich mal wieder verlieben. Felix Stark in eine blinde Patientin. Till Ritter – Überraschung! – in eine Verdächtige.
Das haben wir schon gefühlte Tausendmal gesehen und weil zu viele, austauschbare Charaktere durch die Geschichte stolpern, entsteht schnell das Gefühl, in einem Edgar-Wallace-Film zu sein. Das ist beim Ansehen (zum Beispiel wenn Ritter seine Tango-Stunden nimmt) noch halbwegs vergnüglich, aber in Romanform doch eher langweilig. „Blinder Glaube“ ist der schwächste „Tatort“-Roman.
Überhaupt nicht langweilig ist dagegen „Die Blume des Bösen“. Denn dieser Fall für die Kölner Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk funktioniert in erster Linie als Thriller. Ein Unbekannter ermordet einen lange zurückliegenden One-Night-Stand von Kommissar Ballauf und hinterlässt am Tatort eine rote Lilie. Schnell wird den Ermittlern klar, dass der Mörder sich an Ballauf rächen will. Aber welcher von den zahlreichen Verbrechern, die Ballauf in den vergangenen Jahren verhaftete, ist es? Und woher weiß er soviel über ihn?
Zusätzliche Brisanz gewinnt die Mörderjagd für den Single Ballauf, weil gerade jetzt seine Lieblingscousine Beatrice ins Krankenhaus muss und er sich bereit erklärt hat, auf ihre kleine Tochter aufzupassen.
Die Jagd nach dem Mörder bestimmt den Rhythmus von „Die Blume des Bösen“. Der mordet natürlich munter weiter und terrorisiert Ballauf zunehmend mit seinen Psycho-Spielen. Im Roman von Martin Schüller werden die Thriller-Momente noch stärker als im Film betont. Dafür wird die im Film sehr nervige und viel zu umfangreich gezeigte Geschichte von Ballaufs Zahnschmerzen heruntergespielt. Denn es ist nicht witzig und macht den Helden auch nicht sympathisch, wenn er sich tagelang mit mörderischen Zahnschmerzen durch die Geschichte jammert, anstatt sich einfach behandeln zu lassen.
Fortsetzung folgt
Oliver Wachlin: Blinder Glaube
Emons, 2009
160 Seiten
8,95 Euro
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Vorlage
Tatort: Blinder Glaube (D 2008)
Regie: Jürgen Bretzinger
Drehbuch: Andreas Pflüger
mit Boris Aljinovic, Dominic Raacke, Anne Kanis, Justus von Dohnányi, Jörg Gudzuhn, Gesine Cukrowski, Ernst-Georg Schwill, Veit Stübner
Erstausstrahlung: 31. August 2008 (Folge 703)
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Martin Schüller: Die Blume des Böse
Emons, 2009
160 Seiten
8,95 Euro
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Vorlage
Tatort: Die Blume des Bösen (D 2007)
Regie: Thomas Stiller
Drehbuch: Thomas Stiller
mit Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Tessa Mittelstaedt, Joe Bausch, Nadeshda Brennicke, Jürgen Schornagel, Luzie Kurth
Erstausstrahlung: 1. Januar 2007 (Folge 651)
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Hinweis
Das Buch, das nicht erscheinen sollte
November 17, 2009Achtung, Kritik enthält Spoiler! Deshalb:
„Ehre, wem Ehre…“ von W. W. Domsky ist ein banal-ärgerlicher Krimi, der vollkommen unbemerkt erschienen wäre, wenn es da nicht ein buchbegleitendes Ereignis gegeben hätte, das – ohne Kenntnis des Werkes – zu einer erregten Debatte über die Kunst- und Meinungsfreiheit führte.
Weil sich in einem halben Jahr niemand mehr daran erinnert, muss auch das hier erklärt werden.
Der Skandal
Der Droste-Verlag will den Krimi wegen islamfeindlicher Passagen nicht veröffentlichen. Er habe ihn vor der Veröffentlichung von einer Islam-Expertin prüfen gelassen. Diese hätte einige Passagen als problematisch markiert und, nachdem eine Rücksprache mit der Autorin fruchtlos verlief, entschied er sich, das im Katalog bereits angekündigte Werk nicht zu veröffentlichen.
Die Autorin Gabriele Brinkmann, die „Ehre, wem Ehre…“ als W. W. Domsky veröffentlichen wollte, geht Anfang Oktober an die Öffentlichkeit. Sie wolle sich nicht vorschreiben lassen, was sie zu schreiben habe und außerdem beträfen die kritisierten Passagen Dialoge.
Es gibt eine Debatte, ob die Angst des Verlegers vor Anschlägen berechtigt sei. Immerhin gab es in den vergangenen Jahren große Proteste gegen Mohammed-Karikaturen und einen Ehrenmord-„Tatort“. Etliche Komiker haben sich zu dem Thema freiwillig eine Maulsperre verordnet. In Berlin wurde eine “Idomeneo“-Aufführung in der Deutschen Oper wegen diffuser Warnungen der Polizei vom Spielplan abgesetzt (das Stück wurde später ohne Proteste aufgeführt).
Andererseits wurde die Freiheit der Kunst und die Meinungsfreiheit angeführt. Denn selbstverständlich darf in einer liberaldemokratischen Demokratie keine Gruppe einer anderen vorschreiben, was sie zu sagen hat. Ausnahmen bestätigen diese Regel. Es wurde gesagt, dass ein Romancharakter sich islamfeindlich äußere und dass so etwas als die Rede einer erfundenen Figur nicht zensiert werden könne.
Währenddessen griff – der Dramaturgie von Skandalen gehorchend – ein anderer Verlag zu und veröffentlichte den Roman pünktlich zur Frankfurter Buchmesse. Selbstverständlich publizierte der Leda-Verlag das Manuskript ohne Änderungen.
Meine Meinung zu Skandalen
Sie sind oft die Aufregung nicht wert.
Oft ist das einzig Interessante an dem Skandalwerk der Skandal.
Oft wird an dem Werk etwas skandalisiert, das vor allem zeigt, dass die Empörten das Werk nicht genauer betrachtet und verstanden haben.
Das Werk
Auch bei „Ehre, wem Ehre…“ ist der Skandal das Interessantestes an dem Krimi, der in der Debatte nur die Funktion eines MacGuffins für die altbekannten Reflexe hatte. Denn als spannender und aufklärerischer Krimi ist „Ehre, wem Ehre…“ gründlich misslungen. Die Ermittlerin ist unsympathisch, das Plotting ist überraschungsfrei und das Thema Ehrenmord wird eindimensional behandelt.
Die Heldin des Romans ist Kommissarin Thea Zinck. Sie ist eine rechthaberische, rassistische Alkoholikerin, die, wenn sie nicht schon besoffen zur Arbeit erscheint, sich umstandslos mit der im Schreibtisch gelagerten Schnapspulle versorgt. Trotzdem darf sie weiter arbeiten. Denn betrunken zur Arbeit zu erscheinen, ist im Öffentlichen Dienst anscheinend kein Entlassungsgrund.
Als an einem Samstagmorgen im Ruhrpott auf offener Straße mehrere Türken erschossen werden, kennt die besoffen am Tatort erscheinende Kommissarin sofort das Motiv und damit auch die Täter. Das Massaker war ein Ehrenmord und die Familie der toten Türkin hat’s getan. Beweise hat sie selbstverständlich keine. Ihr Chef favorisiert dagegen als Mordmotiv einen Bandenkrieg. Aber nach einigen Schnäpsen bei einem mit ihr befreundeten Unterweltboss ist die für sie sowieso unhaltbare These von einem Bandenkrieg endgültig aus der Welt geschafft. Im folgenden bemüht Zinck sich, möglichst jeden Türken, den sie trifft, zu beleidigen.
Das gelingt ihr auch ausgezeichnet.
Überhaupt nicht gelingt es dagegen der Autorin W. W. Domsky die Gründe für das unsoziale und beleidigende Verhalten ihrer Kommissarin zu erklären. Es wird niemals deutlich, woher Kommissarin Zincks Hass auf alles Türkische und Islamische kommt und warum sie Alkoholikerin wurde. Damit wird auch jede Form von Anteilnahme und Sympathie für sie ausgeschlossen. Denn wer möchte schon einer Rassistin zujubeln? Wer bewundert schon eine Alkoholikerin? Und wer möchte gerne seine Zeit mit einer Rechthaberin verbringen?
Als mögliche Gegenpole zu der unsympathischen Hauptfigur funktionieren ihre Kollegen nicht. Ihr Partner Kai Stettner ist ein heulsuseliger Naivling, der wohl den archetypischen Gutmenschen verkörpern soll. Ihre Kollegen sind zwar keine Alkoholiker, aber erwachsene Menschen sind sie auch nicht. Denn sie tragen ihre Konflikte auf einem Niveau aus, für das sich sogar Kindergartenkinder schämen würden.
Dass bei Domsky kein Türke einen grammatikalisch korrekten deutschen Satz sagen kann, verstärkt den Eindruck, dass sie alle rückständige Trottel sind, die immer noch in einer archaischen Welt leben.
Dieser die gesamte Geschichte durchziehende Rassismus könnte noch gerade so goutiert werden, wenn das Ende wenigstens, wie bei einem klassischen Hollywood-Gangsterfilm, einen anderen Akzent setzen würde. Aber nein. Zuerst behält die Rassistin recht. Es war ein Ehrenmord. Und dann wird auf der letzten Seite, für alle, die bis dahin die Botschaft der Autorin noch nicht begriffen haben, noch einmal in diese Kerbe gehauen. Denn der gerade aus der Türkei ankommende Bruder ersticht auf dem Flughafen vor den Augen der Polizei seine ältere Schwester.
Immerhin hat in diesem Moment einer von Domskys Charakteren etwas gelernt. Ihr letzter Satz ist: „Kai Stettner zog seine Waffe und schoss.“
„Ehre, wem Ehre…“ ist ein eindimensionales Islam- und Türkenbashing, das mit großem Getöse offene Scheunentore einrennt. Denn natürlich kann, wie ein Besuch in der nächsten Buchhandlung zeigt, kritisch über den Islam, die Türkei, die mangelhafte Integration von Gastarbeitern und Ehrenmorde geschrieben werden. Auch die türkische Gemeinschaft (jedenfalls hier in Berlin; aber im Ruhrpott dürfte es nicht anders sein) spricht diese Probleme an und es wird gemeinsam nach Lösungen gesucht..
W. W. Domsky: Ehre, wem Ehre…
Leda, 2009
256 Seiten
9,90 Euro
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Hinweise
Homepage von Edda Minck (dem anderen Pseudonym von Gabriele Brinkmann)
taz: Interview mit Verleger Felix Droste (8. Oktober 2009)
Spiegel Online: Angst vor Islamisten (3. Oktober 2009 – der Artikel, mit dem alles begann)
Erster Eindruck: Dominik Graf: Schläft ein Lied in allen Dingen
November 12, 2009
Unbestritten ist Dominik Graf einer von Deutschlands besten Regisseuren. Außerdem ist er einer der ganz wenigen deutschen Regisseure, der über seine Filme und die von Kollegen schreibt. Er outet sich dann immer wieder als hoffnungsloser Filmfan, der seine Passion zum Beruf gemacht hat, und in einer guten Tradition steht. Hans-Christoph Blumenberg, Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Volker Schlöndorff, Jean-Pierre Melville, Francois Truffaut, Claude Chabrol und Martin Scorsese, um nur einige zu nennen, haben offen über ihre Einflüsse gesprochen und so die Liste der Filme, die ich sehen will, verlängert. Einige sind über das Schreiben zur Regie gekommen.
Bei Dominik Graf war es umgekehrt. Er inszenierte einige Kinofilme, wie „Treffer“, „Die Katze“ und „Die Sieger“. Gleichzeitig arbeitete er für’s Fernsehen. Vor allem für die legendäre Vorabendserie „Der Fahnder“. Nachdem sein etwas zu lang geratener, unterschätzter Polizeifilm „Die Sieger“ an der Kasse floppte, arbeitete er fast nur noch für das Fernsehen und drehte etliche Filme, die den meisten heimischen Kinoproduktionen meilenweit überlegen sind. Denn Dominik Graf hat nicht nur eine eigene Handschrift, sondern er will explizit Filme für ein denkendes Publikum machen. Deshalb bedient er sich gerne des Genrekinos. In ihm kann er innerhalb bestimmter Regeln eine maximale Freiheit erreichen. Zuletzt gelang ihm das mit „Kommissar Süden und der Luftgitarrist“. Parallel dazu veröffentlichte er zahlreiche Texte über von ihm geliebte Filme und bewunderte Regisseure. Sie rechtfertigen sein eigenes Schaffen und offenbaren seine Einflüsse.
Filmjournalist Michael Althen hat jetzt für den schön gestalteten Sammelband „Schläft ein Lied in allen Dingen“ 56 Texte von Dominik Graf ausgewählt. Die meisten Essays erschienen in der FAZ oder der SZ, zehn an anderen Orten und zwei sind bislang unveröffentlicht. Sortiert sind die Texte nach Ländern (Deutschland, Amerika, England, Frankreich, Italien, Osteuropa). Außerdem gibt es fünf Porträts.
Graf erinnert in ihnen an die Arten des Filmemachens, die heute weitgehend untergegangen sind. Es ist das alte Hollywood-Genrekino und das Hollywood-Kino der Siebziger Jahre, auf das sich inzwischen wieder vermehrt Regisseure von Polit- und Polizei-Thrillern beziehen. Er macht immer wieder auf das mal mehr, mal weniger vergessene Kino jenseits des Mainstreams aufmerksam. Es sind auch vergessene Filme von bekannten Regisseuren, wie George Roy Hills „Die Libelle“, dabei. Damals ein Flop und heute vergessen. Aber nach Grafs Liebeserklärung will man sich den Film wieder ansehen.
Und das ist auch bei den anderen Filmen, wie „Die dritte Genration“, „Das Privatleben des Sherlock Holmes,“, „The Dead Zone“, „New Rose Hotel“, „Ein mörderischer Sommer“ und „Allein gegen die Mafia“, so.
Außerdem gibt es einen 14-seitigen Anhang, in dem Graf etliche DVDs empfiehlt und kurz kommentiert.
Damit ist „Schläft ein Lied in allen Dingen“ eine Einladung zum Entdecken und Wiedersehen von Filmen. Ein feines Buch für lange Abende.
Anmerkung 1: Jetzt fehlt nur noch ein Buch, das die verschiedenen Texte von Dominik Graf über seine Filme und Interviews mit ihm versammelt.
Dann kann ich mein altes Projekt, ein Filmbuch über Dominik Graf, in der Schublade verschwinden lassen.
Anmerkung 2: Die DVD-Produzenten sollten endlich mal etwas Geld in die Hand nehmen und die Filme von Dominik Graf in einer wenigstens halbwegs anständigen Version auf den Markt bringen. Ein Audiokommentar oder ein Gespräch mit Graf als Bonusmaterial wären schon mal ein Anfang.
Denn bis jetzt sind die meisten seiner Filme in absolut lieblosen Ausgaben, oft mit einem gruseligen Cover und ohne Bonusmaterial, erschienen.
Dominik Graf: Schläft ein Lied in allen Dingen – Texte zum Film
(Herausgegeben von Michael Althen)
Alexander Verlag, 2009
376 Seiten
19,90 Euro
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Buchpräsentation
Mittwoch, 18. November
Buecherbogen am Savignyplatz (Stadtbahnbogen 593, Berlin, S-Bahnhof Savignyplatz)
19.00 Uhr
Eintritt frei
Eine Veranstaltung im Rahmen der 18. Berlin-Brandenburgischen Buchwochen
Peace in Berlin
November 6, 2009
Auf den ersten Blick unterscheidet sich „Tokio im Jahr Null“ nicht von den vorherigen vier Romanen von David Peace. Wie in den inzwischen für das englische Fernsehen verfilmten Krimis „1974“, „1977“, „1980“ und „1983“ wird die Geschichte in kurzen Absätzen und Dialogen erzählt. Es gibt viele Wiederholungen, die teilweise wegen des geänderten Schriftbildes, sofort auffallen und so dem Werk einen zum Vorlesen einladenden Rhythmus verleihen.
Außerdem wird wieder ein Serienkiller gejagt. War es im Red Riding Quartett der auch in der Realität mordende Yorkshire Ripper, ist es in „Tokio im Jahr Null“ der ebenfalls wahre Fall des Serienkillers Yoshio Kodaira.
David Peace hält sich in seinem neuesten Werk zwar an die Fakten, aber im Mittelpunkt steht nicht Kodaira, sondern der vom Krieg traumatisierte Inspektor Minami. Als er in einem Park zwei weibliche Leichen findet, erinnert er sich an einen früheren Fall. Während der Ermittlungen muss er immer weiter in die Vergangenheit zurückgehen und gegen behördeninterne Schikanen kämpfen. Eine wichtige Akte fehlt. Er soll den Fall schließen. Seine Untergebenen beschweren sich über seine Führungsqualitäten und er wird zu Ermittlungen in die Provinz geschickt. Sowieso gehorchen die Ermittlungen nicht dem Diktat der Beweise, sondern politischen Erwägungen. Gleichzeitig soll eine zweite Säuberungswelle unzuverlässige und störende Polizisten entfernen. Minami glaubt, dass auch er zu den Opfern dieser Säuberung gehören soll.
Außerdem leistet er für einem Gangster Spitzeldienste und er bekommt, als Entlohnung für seinen Verrat, Drogen.
Das klingt jetzt nach der nächsten 08/15-Noir-Version von „Bad Lieutenant“. Daran ändert auch der unverbrauchte Handlungsort nichts. Und dass, wie der Ich-Erzähler Minami mehrmals betont, niemand der ist, der er zu sein scheint, ist für Krimifans auch nicht gerade neu. So weit, so konventionell.
Das Besondere an „Tokio im Jahr Null“ ist, wie immer bei Peace, die Sprache. Denn er schildert den geistigen Verfall von Minami in kurzen Sätzen. Dabei unterscheidet er nicht mehr zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen. Alles ist für ihn gleich wichtig. Alles wird in dürren, sich auf die Fakten konzentrierenden Worten geschildert. Gleichzeitig werden bestimmte Worte und Sätze immer wieder wiederholt. Es stellt sich eine bleierne Schwere ein, die den sich langsam ausbreitenden Wahnsinn von Minami kongenial spiegelt.
Das ist brillant durchkomponiert, aber auch über weite Strecken monoton zu lesen. „Tokio im Jahr Null“ ist eine formal bestechende, aber nie wirklich packende humorlos-klinische Studie. Denn letztendlich berührt einem Minamis Schicksal nicht.
Heute Abend stellt David Peace in Berlin seinen Roman vor.
David Peace: Tokio im Jahr Null
(übersetzt von Peter Torberg)
Liebeskind, 2009
416 Seiten
22 Euro
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Originalausgabe
Tokyo Year Zero
Faber & Faber, London 2007
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Lesung
Freitag, den 6. November 2009, 20.00 Uhr
Theaterschauspieler Werner Eng liest die deutschen Passagen; Ekkehard Knörer moderiert
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Hinweise
Druckfrisch: David Peace redet über „Tokio im Jahr Null“ (Die Kamera ist gewohnt nervig.)
Meine Besprechung von David Peaces „1974“ (Nineteen Seventy-Four, 1999)
Meine Besprechung von David Peaces „1977“ (Nineteen Seventy-Seven, 2000)
Meine Besprechung von David Peaces „1980“ (Nineteen Eighty, 2001)
Meine Besprechung von David Peaces „1983“ (Nineteen Eighty-Three, 2002)
Die Sorgen der Eltern
November 5, 2009
Der König des Vorstadtthrillers ist mit seinem wahrscheinlich ungewöhnlichsten Roman zurück. Denn als Thriller funktioniert „Sie sehen dich“ im Gegensatz zu seinen vorherigen Werken nur leidlich. Es gibt zwar Geheimnisse, Verbrechen und auch einige Morde, aber gerade die Morde interessieren Coben am allerwenigsten.
Es geht, wie schon in dem letzten Myron-Bolitar-Roman „Ein verhängnisvolles Versprechen“, um einen verschwundenen Teenager. Für den Bolitar-Roman griff Coben auf ein wahres Ereignis aus seinem Leben zurück. Und, wenn man weiß, dass Coben selbst Vater ist, ist offensichtlich, dass „Sie sehen dich“ ein Panoptikum der elterlicher Ängste ist. Einerseits wollen sie ihre Kinder beschützen, andererseits geht das nicht, weil diese sich mit zunehmendem Alter der Aufsicht der Eltern entziehen.
Außerdem geht es um all die kleinen Geheimnisse, die es unter der heilen Oberfläche der Suburbs gibt und deren Chronist Harlan Coben seit einem guten Jahrzehnt ist.
In „Sie sehen dich“ installieren die Eltern Mike und Tia Baye auf dem PC ihres Sohnes Adam eine Spionagesoftware. Als sie so herausfinden, dass er und seine Freunde sich auf einer Party betrinken wollen, versuchen sie das zu verhindern. Aber Adam bükst aus und sein Vater beginnt ihn zu suchen. Denn vor der Party gab es noch weitere ihn beunruhigende Nachrichten auf dem PC, die mit dem Tod von Adams Schulkameraden Spencer Hill zusammenhängt.
Zur gleichen Zeit will die Mutter von Spencer Hill herausfinden, wer ihren Sohn in den Tod getrieben hat. Denn sie kann nicht glauben, dass er sich selbst umbrachte und ein zufällig auf einer Internet-Trauer-Seite gefundenes Bild beweist, dass er am Abend seines Todes nicht allein war.
Und Mike Baye, der als Arzt arbeitet, fragt sich, wie er damit umgehen soll, dass das todkranke Kind seiner attraktiven Nachbarin die Frucht eines Seitensprunges ist, von dem der Vater (dem Verbindungen zur Mafia nachgesagt werden) nichts weiß.
Dass zur gleichen Zeit ein Serienkiller Frauen umbringt, ist dagegen zunächst nur ein Problem der Polizei und der bereits aus den vorherigen Romanen von Harlan Coben bekannten Ermittlerin Loren Muse.
Erst gegen Ende verknüpft Harlan Coben die einzelnen Handlungsfäden. Das ist auch der große Minuspunkt von „Sie sehen dich“. Denn die typische Coben-Spannung, die einen dazu bringen soll, das Buch in einem Rutsch durchzulesen, stellt sich nicht ein. Zu übertrieben scheint die Sorge von Mike Baye um seinen Sohn. Denn Adam will nur ein typisches drogenverseuchtes Teenagerwochenende durchziehen und sich von seinem Vater daran nicht hindern lassen. Aber Mike läuft, als sein Sohn reißaus nimmt (und, so müssen wir anfangs vermuten, einfach das geplante Wochenende durchziehen will), wie von einer Tarantel gestochen los. Bis deutlich wird, in welchen Problemen Adam steckt, vergeht einige Lesezeit, die Coben damit verbringt, viele verschiedene Handlungsstränge, die anfangs nicht oder nur sehr lose miteinander verknüpft sind, zu beginnen und einen Psychopathen, der mit seiner Freundin Frauen tötet, in die Vorstadt einfallen zu lassen. Weil dieser es nur auf Frauen abgesehen hat, geht von auch keine Gefahr für Adam aus.
Dieses für Harlan Coben langsame Erzähltempo und sein augenfälliges Desinteresse an Thrill brechen dem Buch nicht das Genick. Denn in „Sie sehen dich“ entwirft Harlan Coben ein präzises Soziogramm der auf den ersten Blick brav-biederen Vorstadt-Mittelschicht, ihrer Geheimnisse und ihrer Ängste. Sie versuchen etwas zu kontrollieren, was so nicht geht. Deshalb gehört auch die Geschichte von einem beliebten Lehrer, der in einem unbedachten Augenblick eine Schülerin beleidigt, und so eine Lawine lostritt, in diese Welt.
In „Sie sehen dich“ geht es in vielen verschiedenen Variationen um die Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern. Es geht um Erziehung. Es geht um die Frage, wie sehr Eltern ihre Kinder beschützen und wie viel Freiheit sie ihnen geben sollen. Es geht um die alltäglichen Sorgen eines Vaters, der feststellen muss, dass seine Kinder erwachsen werden.
Harlan Coben: Sie sehen dich
(übersetzt von Gunnar Kwisinski)
Goldmann, 2009
448 Seiten
8,95 Euro
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Originalausgabe
Hold tight
Dutton, 2008
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Hinweise
Mein Gespräch mit Harlan Coben über Myron Bolitar und seine Arbeit
Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein böser Traum“ (Just one look, 2004)
Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein Friede den Toten“ (The Innocent, 2005)
Meine Besprechung von Harlan Coben „Der Insider“ (Fade away, 1996)
Meine Besprechung von Harlan Cobens „Das Grab im Wald“ (The Woods, 2007)

Veröffentlicht von AxelB 























