Wenn der Titel anders wäre…

Februar 14, 2010

Der Titel „Die Lebenslüge der Juristen – Warum Recht nicht gerecht ist“ ist purer Etikettenschwindel. Denn der frühere Spiegel-Reporter Rolf Lamprecht enttarnt keine Lebenslüge der Juristen. Auch dem borniertesten Juristen muss aufgefallen sein, dass es zu einem Rechtsfall die Position der Anklage und der Verteidigung und sich widersprechende Urteile gibt und das Bonmot „Zwei Juristen, drei Meinungen“ ist schon lange nicht mehr witzig. Dass Lamprecht dennoch auf den ersten Seiten sagt, die Lebenslüge der Juristen sei, an ein Recht zu glauben, das nur eine Auslegung erlaube, kann nur mit dem Wunsch nach einer knalligen Eröffnung erklärt werden.

Danach, und das macht „Die Lebenslüge der Juristen“ durchaus lesenswert, zeichnet Lamprecht skizzenhaft die Geschichte der Bundesrepublik im Lichte von ausgewählten höchstrichterlichen Entscheidungen nach. Lamprecht berichtete von 1968 bis 1998 für den „Spiegel“ aus Karlsruhe. Entsprechend oft bespricht er in seinem Buch Urteile, mit denen er es damals zu tun hatte. Einige Urteile schrieben Rechtsgeschichte. Dazu gehören der Schutz der Wohnung, die Verwendung von persönlichen Aufzeichnungen in Verhandlungen und das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Einige Fragen, wie das Recht auf den selbstbestimmten Tod, sind seit Jahrzehnten aktuell und wurden, als der Bundestag in den vergangenen Jahren über die Patientenverfügung debattierte, wieder in der Öffentlichkeit diskutiert. Auch über das Folterverbot wurde nach 9/11 wieder diskutiert und es fanden sich etliche Fürsprecher für eine Aufweichung des Folterverbots. Lamprecht zeichnet in diesen Kapiteln die Argumentationen der verschiedenen Seiten anhand konkreter Fälle nach und steht dabei prinzipiell auf der Seite des Bürgers. Er meint, in der rechtsliberalen Tradition stehend, dass die Eingriffe des Staates möglichst gering sein sollten.

In den späteren Kapiteln wird Lamprechts Argumentation allerdings fahriger, weil er beginnt, in einem Kapitel mehrere Fälle, die nur wenig miteinander zu tun haben, miteinander zu verknüpfen.

Wer sich also etwas ausführlich mit einigen moralischen Fragen und wie diese von deutschen Juristen behandelt wurden, beschäftigen will, findet in „Die Lebenslüge der Juristen“ eine durchaus inspirierende Lektüre.

Wer das Buch allerdings wegen des Titels kauft, wird nicht viel Freude an Lamprechts Werk haben.

Rolf Lamprecht: Die Lebenslüge der Juristen – Warum Recht nicht gerecht ist

Goldmann (Spiegel Buchverlag), 2009

272 Seiten

8,95 Euro

Erstausgabe

Deutsche Verlags-Anstalt, 2008


Rezi von „Gangster, Opfer, Detektive“ online

Februar 5, 2010

Als Jochen Schmidts umfassend überarbeitetes „Gangster, Opfer, Detektive – Eine Typengeschichte des Kriminalromans“ erschien, formulierte ich ad hoc eine dicke Kaufempfehlung. Denn obwohl ich bereits damals einiges bemängelte, dachte ich, dass das über 1000-seitige Werk ein Standardwerk werden könnte.

Jetzt, nach einer eingehenden Prüfung, muss ich diese Empfehlung umfassend revidieren. Warum können Sie hier in der Berliner Literaturkritik lesen.


Buch-/Filmkritik: Stieg Larssons „Verdammnis“

Februar 4, 2010

Verdammnis“, die Verfilmung des zweiten Romans von Stieg Larsson, ist mit 129 Minuten etwas kürzer als „Verblendung“. Der Regisseur ist neu, ebenso der Drehbuchautor. Aber die Hauptdarsteller blieben gleich: Michael Nyqvist spielt wieder den an das Gute glaubenden Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist, Noomi Rapace die Hackerin Lisbeth Salander mit ihrer problematischen Vergangenheit, ihrem gestörten Verhältnis zur Umwelt und ihrem eigenen Moralkodex und Lena Endre die „Millenium“-Herausgeberin Erika Berger. Sie hat im Film eine Szene, die ganz nebenbei zeigt, was wir in Hollywood-Filmen schon lange nicht mehr sehen: zuerst hat sie beim Sex keinen BH an und anschließend geht sie nackt durch das Zimmer.

Die Actionszenen unterscheiden sich dagegen kaum von dem gewohnten Hollywood-Standard. Es gibt eine ausufernde Schlägerei in einer einsamen Hütte, Folterungen, blutige Ermordungen, einen schmerzunempfindlichen, blonden, deutschstämmigen, über zwei Meter großen Killer (der einen russischen Vater hat [Puh, sogar Hollywood hat schon lange nicht mehr so tief in die Klischeekiste gegriffen]) und eine eindeutige „Kill Bill“-Referenz. Das alles stand auch schon in der 750-seitigen Vorlage.

Die Geschichte ist, gerade weil Drehbuchautor Jonas Frykberg dem Roman sehr genau folgt, eine mit einer Anklage gegen „Männer, die Frauen hassen“ aufgebretzelter, ins epische gehender Thriller mit Polit-Touch.

Die Zeitschrift „Millenium“ plant eine große Geschichte über Mädchenhandel. Die Freier sind dabei auch renommierte Persönlichkeiten. Als der Jungjournalist Dag Svensson, seine Freundin Mia Bergmann (die über das Thema promoviert) und der Rechtsanwalt Nils Bjurman erschossen werden, vermutet der Journalist Mikael Blomkvist, dass das Motiv für die Morde die geplante Reportage ist. Die Polizei findet auf der Tatwaffe die Fingerabdrücke von Lisbeth Salander und mit ihrer Vorgeschichte ist sie die perfekte Täterin.

Dennoch glaubt Blomkvist an Salanders Unschuld.

Auf getrennten Pfaden suchen Blomkvist und Salander den Mörder, erfahren einiges über schmutzige Geheimdienstgeschäfte während des Kalten Krieges und warum Lisbeth Salander als Kind einen Mann auf offener Straße mit Benzin übergoss und anzündete.

Der Film konzentriert sich auf den Thrillerplot. Larssons Roman ist dagegen, wie „Verblendung“, furchtbar unökonomisch erzählt. Die ersten 250 Seiten sind Vorgeplänkel. Nett zu lesen, aber bis auf wenige Seiten, vollkommen unwichtig für die Geschichte.

Erst auf Seite 257 werden die Leichen von Dag Svenson und Mia Bergmann entdeckt. Fünfzig Seiten später die von Nils Bjurman und dann beginnt die Polizei Lisbeth Salander zu jagen, weil auf der Tatwaffe ihre Fingerabdrücke sind. Die Gejagte nimmt sich währenddessen eine zweihundertseitige Auszeit und taucht bis auf Seite 459 ab. Diese Seiten füllt Larsson, indem er die Ermittlungen der Polizei und deren internen Streitereien schildert. Das lässt sich zwar schnell weglesen, bringt aber den Hauptplot keinen Millimeter voran.

Jonas Frykberg strich für sein Drehbuch viel von diesem Ballast weg. Er strich das erste Drittel des Romans auf wenige Filmminuten zusammen. Er strich die Ermittlungen der Polizei auf wenige Szenen zusammen. Er übernahm aber fast jede Szene aus dem letzten Drittel des Romans. Außerdem arbeitete er an einigen Punkten die Motive der Charaktere klarer heraus und entfaltet die Verschwörung vor unseren Augen. Dafür schrieb er Szenen, die Larsson in seinem Roman wahrscheinlich weg ließ, um die Spannung zu steigern. So wird in dem Roman erst gegen Ende (und ziemlich lieblos) enthüllt, wer der Mörder ist. Im Film werden die Morde gezeigt. In dem Roman wird immer wieder von „all dem Bösen“, das zu Salanders Entmündigung führte, gesprochen. In dem Film wird daraus kein Geheimnis gemacht.

So wird allerdings auch die windige Konstruktion der Geschichte schmerzhaft offensichtlich. Das beginnt mit dem Doppelmord an dem Journalisten und seiner Freundin. Denn gerade der Doppelmord war das Blödeste, was die Verbrecher tun konnten und ihre Blödigkeit toppen sie dann noch, indem sie die Leichen in ihrer Wohnung liegen lassen. Es gibt wahrscheinlich keine bessere Methode, um die maximale Aufmerksamkeit von der Polizei und den Medien für die eigenen illegalen Geschäfte zu erhalten. Zum Glück kommt ihnen der Zufall zu Hilfe. Auf der Tatwaffe sind die Fingerabdrücke einer 1-A-Tatverdächtigen. Dummerweise ist diese Tatverdächtige mit dem Chefredakteur der Zeitung, in der die Reportage erscheinen sollte, freundschaftlich verbunden. Diese fantastische Anhäufung von Dummheit und Zufällen kulminiert am Ende auf einem einsam gelegenen Bauernhof, wenn die familiären Bande zwischen Lisbeth Salander und den Bösewichtern aufgedeckt werden.

Dennoch ist „Verdammnis“ kein schlechter Film. Als Bestsellerverfilmung muss er, um die Fans nicht zu enttäuschen, der Vorlage möglichst genau folgen. Das gelingt Autor Frykberg und Regisseur Alfredson und, dank der Konzentration auf den Thrillerplot, ist der „Film zum Roman“ sogar gelungener als die türstopperdicke Vorlage.

Verdammnis (Flickan som lekte med elden, Schweden 2009)

Regie: Daniel Alfredson

Drehbuch: Jonas Frykberg

mit Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Lena Endre, Peter Andersson, Michalis Koutsogiannakis, Annika Hallin, Yasmine Garbi, Per Oscarsson, Georgi Staykov, Paolo Roberto (als er selbst)

Vorlage

Stieg Larsson: Verdammnis

(übersetzt von Wibke Kuhn)

Heyne, 2007

Sonderausgabe zum Film (mit Bonusmaterial)

768 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Flickan Som Lekte Med Eldem

Norstedts Förlag, Stockholm, 2006

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Verdammnis“

Meine Besprechung von „Verblendung“ (Buch und Film)

Homepage von Stieg Larsson

Heyne über Stieg Larsson

Krimi-Couch über Stieg Larsson

Wikiepedia über Stieg Larsson (deutsch, englisch)


Der „Secret Service“ des „Syndikats“

Januar 29, 2010

Der Name „Syndikat“ entstand sicher aus einer Schnapslaune. Denn obwohl die Mitglieder mit Verbrechen ihr Geld verdienen, wird sie dafür – was sicher einige Leser bedauern – niemals ein Staatsanwalt anklagen. Bei diesem „Syndikat“ können deutschsprachige Autoren, die mindestens einen Krimi veröffentlicht haben, Mitglied werden. Jedes Jahr treffen sie sich zur „Criminale“, die man sich am besten wohl als einen großen lauschigen Vorlesemarathon vorstellt. 2009 in Singen.

In ihrem Jahrbuch „Secret Service“, das jetzt zum ersten Mal auch für Normalsterbliche erhältlich ist, berichten die Autoren und Veranstalter überaus positiv von der letzten „Criminale“. Es gibt einen „Gemeinschafts-Kurzkrimi von mehr als 70 Syndikat-AutorInnen“. Das Vergnügen solcher Gemeinschaftswerke beschränkt sich normalerweise auf den Kreis der Ersteller. Das gilt auch hier weitgehend.

Interessanter sind, obwohl schon aus den Alligatorpapieren bekannt, die Befragungen der Friedrich-Glauser-Preisträger Hans Werner Kettenbach, Gisa Klönne, Lucie Klassen, Judith Merchant und des Hansjörg-Martin-Preisträgers Christian Linker, die Erinnerungen von Wolfgang Burger, Antje Fries, H. P. Gansner, Susanne Goga, Inge Löhnig, Renate Müller-Piper, Andreas Pittler und Roger Strub an ihr erstes Buch und Sandra Lüpkes‘ „Was hat ER, was SIE nicht hat?“. Sie versucht herauszufinden, warum Männer mehr Krimipreise als Frauen erhalten. Dabei beschränkt sie sich auf eine quantitative Studie der bislang vergebenen Deutschen Krimipreise und Glausers, kommt zu einigen Einsichten, aber zu keinen abschließenden Erkenntnissen. Vielleicht kann die Frage, warum mehr Männer Krimipreise erhalten nicht nur quantitativ beantwortet werden. Schließlich wissen alle empirischen Sozialwissenschaftler, dass am Besten quantitative und qualitative Methoden miteinander verbunden werden. Das ist dann allerdings die Aufgabe des nächsten Jahrbuchs.

Thomas Przybilka präsentiert eine Auswahl seiner bereits in den Alligatorpapieren erschienenen Krimitipps zur Sekundärliteratur und es gibt eine Liste mit allen Mitgliedern des „Syndikats“. Damit wäre dann auch die Frage beantwortet, wie viele Mitglieder die „Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur“ hat.

Und nun kommen wir zur 100.000-Euro-Frage: Lohnt sich der Kauf des Buches?

Eher nicht. Denn die interessanten Texte können schnell in der Bibliothek gelesen werden. „Secret Service – Jahrbuch 2009“ ist halt noch zu sehr eine gebundene Vereinszeitung.

Syndikat: Secret Service – Jahrbuch 2009

Gmeiner, 2009

240 Seiten

9,90 Euro


Kurzer Hinweis auf zwei neue Taschenbücher

Januar 29, 2010

Wem die Hardcover-Ausgaben zu teuer waren, kann jetzt zuschlagen

D. B. Blettenberg: Land der guten Hoffnung

Pendragon, 10,95 Euro

Allan Guthrie: Post Mortem (Two-Way Split, 2004)

Heyne, 7,95 Euro


Surrogate, Sachbeschädigungen und einige Morde

Januar 21, 2010

Mit „Tron“ und den Romanen von William Gibson, Bruce Sterling und Neal Stephenson tauchten wir vor Jahren, als wir das Internet noch nicht kannten, in den Cyberspace ab.

Der erste „Matrix“-Film (die beiden grottigen Fortsetzungen lassen wir links liegen) drehte dann die ganze Sache etwas um – und etliche SF-Autoren monierten zu Recht die Logikschwächen dieser Konstruktion.

Robert Venditti drehte mit seinem Comicdebüt „The Surrogates“ diese Denkschraube noch etwas weiter. Denn während in den Cyberpunk-Romanen immer klar war, dass die Akteure in der realen Welt leben und der Cyberspace eine rein elektronische Welt ist, die allerdings vielfältig mit der realen Welt verknüpft ist und sie auch beeinflusst, ist das bei Venditti anders. Jedenfalls irgendwie. Denn es gibt keinen Cyberspace, aber die Menschen verlassen ihre Wohnungen nicht mehr. Sie schicken Surrogate – menschlich aussehende Roboter, die von ihnen gesteuert werden – nach draußen. Insofern ist der Cyberspace, in dem wir jede gewünschte Identität annehmen können und folgenlos Erfahrungen sammeln können, ein Teil der Wirklichkeit geworden.

Das ist auf den ersten Blick eine faszinierende Idee und Autor Robert Venditti und Zeichner Brett Weldele setzen sie auch kongenial um. Auf den zweiten Blick ist es aber auch ein ziemlicher Unfug. Denn wahrscheinlich wird es, außer in „Blade Runner“, nie Roboter geben, die von Menschen nicht mehr unterschieden werden können. Aber diese Replikanten agierten selbstständig. Die Surrogate sind dagegen ferngesteuerte Hüllen. Es wird also eine gewaltige Rechnerleistung beanspruchen, diese Roboter durch die gesamte Metropole fernzusteuern. Und es stellt sich die Frage, warum ein solch riesiger Aufwand betrieben werden sollte.

(Das heißt nicht, dass es in naher Zukunft nicht mehr spezielle ferngesteuerte Arbeitsroboter gibt, die für Menschen gefährliche oder monotone Tätigkeiten, wie dem Entschärfen von Bomben und dem Bau von Häusern und Tunnels, übernehmen.)

Dennoch gibt es in Vendittis und Weldeles 2054 spielendem Comic in Central Georgia Metropolis diese sich stellvertretend für echte Menschen durch die Stadt bewegenden Surrogate. Es gibt für uns normale Verbrechen, wie Einbruch, Diebstahl und Mord, praktisch nicht mehr. Es gibt dagegen öfters Sachbeschädigungen – an den Surrogaten. Auch jetzt müssen der ältere Polizist Harvey Greer und sein jüngerer Partner Pete Ford wieder so einen Fall von Sachbeschädigung aufklären. Während eines Gewitters sterben bei einem Liebesspiel in einer dunklen Gasse zwei Surrogate. Die erste Vermutung der Polizisten, dass sie durch einen Blitzschlag verkohlt sind, wird durch die Obduktion und Aufzeichnung der letzten Minuten der Surrogate widerlegt. Ein maskierter Mann hat sie mit einem Stromschlag gebraten. Greer und Ford beginnen diesen Mann zu suchen. Als nächstes werden die Surrogate von zwei Wächtern von Clark Technologies gebraten und eine EMP-Offensivsystem gestohlen. Greer glaubt, dass der Täter einen größeren Rachefeldzug gegen die Surrogate plant.

Nachdem bei einem Zusammentreffen mit ihm Greers Surrogat zerstört wird, muss er seine Wohnung verlassen.

Unter dem Deckmantel einer actionhaltigen Whodunit-Geschichte behandelt „The Surrogates“ auch philosophische Fragen, wie was das Menschsein ausmacht und welche Realität wir wollen: die geschönte aus der Werbung oder die ungeschönte.

Das ist kein Selbstbewusstsein, sondern die Wirklichkeit. Das hier ist es, wer ich bin, und wenn ich mich verlinke, ändert sich daran nichts.“

Wenn ich verlinkt bin, sehe ich jünger aus. Ich fühle mich jünger. Wenn das nicht die Wirklichkeit ist, dann weiß ich nicht, was.“

Weldele zeichnete die Geschichte mit klaren Strichen und meist einfarbigen Panels, die fast wie ein Storyboard für einen Film wirken.

Und in Hollywood ist „The Surrogates“ auch gelandet.

Die gleichnamige Verfilmung von Jonathan Mostow läuft heute in den Kinos an. Das Drehbuch ist von Michael Ferris und John Brancato. Auf ihr Konto gehen auch der grandiose David-Fincher-Film „The Game“, die Gurke „Catwoman“ und die beiden letzten „Terminator“-Filme. Bruce Willis übernahm die Hauptrolle. Das Konzept der Surrogaten wurde aus der Graphic Novel übernommen. Die Story, wie schon der Trailer zeigt, wurde etwas aufgepeppt. Optisch sieht der mit 88 Minuten ungewöhnlich kurze SF-Thriller jetzt wie die Bruce-Willis-Version der freien Isaac-Asimov-Verfilmung „I, Robot“ aus. Also „Stirb langsam, Roboter“.

Robert Venditti/Brett Weldele: The Surrogates

(übersetzt von Christian Langhagen)

Cross Cult, 2009

208 Seiten

26 Euro

Originalausgabe

The Surrogates

Top Shelf Productions, 2006/2009

Verfilmung

Surrogates (USA 2009)

Regie: Jonathan Mostow

Drehbuch: Michael Ferris, John Brancato

mit Bruce Willis, Radha Mitchell, Rosamund Pike, James Cromwell, Ving Rhames

Hinweise

Homepage von Robert Venditti

Homepage von Brett Weldele

UGO: Interview mit Robert Venditti (13. April 2009)

BC Refugee Blog: Interview mit Robert Venditti (12. Oktober 2009)

Comicgate: Interview mit Robert Venditti und Brett Weldele (7. November 2009)

Slam Multimedia: Interview mit Robert Venditti und Brett Weldele (2009)

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Surrogates“


Besprechung von „Ouvertüre um Mitternacht“ online

Januar 19, 2010

In der Berliner Literaturkritik feiere ich Gerald Kershs „Ouvertüre um Mitternacht“ (Prelude to a Certain Midnight, 1947) ziemlich hemmungslos ab.


Buchkritik/TV-Tipp für den 15. Januar: Gier

Januar 15, 2010

Arte, 20.15

Gier (D 2010, R.: Dieter Wedel)

Drehbuch: Dieter Wedel

Dieter Wedel hat wieder zugeschlagen. Mit dem Dreiteiler „Einmal im Leben – Geschichte eines Eigenheims“ (1972) begründete er seinen Ruf. Später folgten einige Folgen für die Wirtschaftskrimiserie „Schwarz Rot Gold“, „Der große Bellheim“ (1993), „Der Schattenmann“ (1996), „Der König von St. Pauli“ (1998), „Die Affäre Semmeling“ (2002) und jetzt der Zweiteiler „Gier“. Wieder einmal beschäftigt Wedel sich mit der Wirtschaft. Dieses Mal am Beispiel eines Finanzjongleurs, der seine Anleger hemmungslos betrügt. Aber irgendwie ist dieses Mal alles schief gegangen. Denn genau wie der Hochstapler Dieter Glanz seinen Anlegern nur leere Versprechungen gibt, verspricht Wedel seinen Zuschauern – Tja, was eigentlich? Für eine Gesellschaftssatire ist „Gier“ zu harmlos. Für eine Aufklärung über Hochstapler und ihre Methoden zu unkonkret und als spannendes Stück Unterhaltung bietet es außer einer beeindruckenden Liste bekannter Schauspieler und schöner Bilder aus Südafrika (wegen der Drehbedingungen) nichts.

Denn der dreistündige Zweiteiler hat grundsätzliche Storyprobleme. Das beginnt schon mit der Frage, wer der Protagonist und wer der Antagonist ist. Mit dem Ziel des Protagonisten soll ich als Zuschauer mich identifizieren. Der Antagonist versucht alles, damit der Protagonist sein Ziel nicht erreicht. Es gibt einen Konflikt um etwas, das beide unbedingt haben wollen. Das gilt für einen Krimi, wenn der Kommissar (Protagonist) den Mörder (Antagonist) jagt. Das gilt für einen Liebesfilm, wenn zwei Männer sich um die gleiche Frau streiten. Dabei verkörpern die beiden Männer verschiedene Lebensprinzipien: der abenteuerlustige Naturbursche gegen den braven Familienvater. Je nachdem, was der Autor aussagen will, ist der Naturbursche entweder der richtige oder der falsche Mann. Und natürlich muss dieser Konflikt eskalieren. Es muss für den Protagonisten immer schwieriger werden, sein Ziel zu erreichen (Erinnern Sie sich an die Szene in dem Liebesfilm, in der die Braut fünf Minuten vor Filmende den falschen Mann heiraten will?).

Aber davon gibt es in „Gier“ nichts.

Es gibt keinen dynamischen Konflikt zwischen Glanz und seinen Anlegern. Während des gesamten Films geschieht nichts, außer dass Schroth und die anderen Anleger sich immer wieder mit hohlen Phrasen abspeisen lassen. Spätestens nach der zweiten Wiederholung langweilt sich auch der dümmste Zuschauer dabei. Denn dieser Konflikt zwischen Glanz, der bald eine Auszahlung verspricht, der Euphorie der Anleger, der Verzögerung der Auszahlung und, oft, dem Nachschieben Geld mit der Aussicht auf größere Gewinne, ist statisch.

Außerdem sind uns die Anleger egal. Denn es ist ziemlich egal, ob ein reicher Mann eine oder zwei Millionen von seinem Spielgeld investiert und es ist egal, ob er dafür fünf, zehn, oder fünfzehn Millionen erhalten soll. Bei Schroth ist das zwar etwas anders, aber auch er lässt sich immer wieder viel zu einfach vertrösten. Er ist viel zu naiv, um als Immobilienmakler glaubhaft zu sein. Er ist uns egal, weil wir seine Motive nicht verstehen und wir als Zuschauer vielleicht Mitleid mit einem Trottel haben, aber ihm nicht die Daumen drücken. Vor allem wenn dieser Trottel nur Geld will und er, außer sein Geld abwartend in fremde Hände zu legen, nichts tut, um sein Ziel zu erreichen.

Dieser abwesende Konflikt zwischen den beiden Hauptcharakteren setzt sich bei den blassen Nebencharakteren fort. Das ist vor allem die Clique der Großanleger, die alle bei Dieter Glanz ihr Geld angelegt haben, um ihr (wahrscheinliches) Millionenvermögen um einige Millionen zu vergrößern und sich von Glanz auf Partys verwöhnen lassen.

Wer vor dem Filmstart nicht das Presseheft oder das Buch zum Film gelesen hat, wird aber über weite Strecken nicht verstehen, warum Glanz‘ Anleger sich so und nicht anders verhalten. So erfährt der Zuschauer nicht, dass Leon Grünlich (ein kaum wiederzuerkennender Uwe Ochsenkneckt als zweitklassiger Lude mit einem unglaublichen Akzent) in eine Unternehmerfamilie einheiratete, das Geld für seine Investition bei Glanz aus der Firmenkasse entwendete und mit dem ersehnten Gewinn endlich auf eigenen Füßen stehen will. Aber gerade das erklärt sein Verhalten. Mit einer halben Drehbuchseite hätte das erklärt werden können und, gerade weil Grünlich im zweiten Teil eine die Geschichte (soweit davon gesprochen werden kann) antreibende Kraft ist, hätte das sehr früh erklärt werden müssen. So ist Grünlich nur ein geldgieriges, skrupelloses Arschloch.

Bei den anderen Charakteren ist es ähnlich. Sie sind einfach nur eine tumbe, um Swimming-Pools herumtanzende Masse. Auch hier fragt man sich, warum Wedel sich nicht zwei Minuten Zeit nimmt und die Großinvestoren uns Zuschauern vorstellt. Das hätte sogar in einer vollkommen banalen Dialogszene, in der Dieter Glanz dem Junginvestor Andy Schroth die Großinvestoren vorstellt, geschehen können.

Auch später in Südafrika führt Wedel neue Charaktere auf die denkbar ungeschickteste Art ein. So trällert die Gastwirtin Barbara Ewert (Anouschka Renzi) mehrere banale Schlager, aber Wedel versäumt es, uns zu verraten, dass sie früher ein Schlagerstar war und jetzt bei Glanz ihr gesamtes Vermögen investiert. Das erfahren wir erst, als sie auf der Straße sitzt.

Vor dem Dreh hätte Wedel diese Probleme seines Drehbuchs beheben müssen. Er hätte klären müssen, wer der Protagonist ist, wer der Antagonist ist, was der Konflikt zwischen ihnen ist, wie dieser Konflikt sich entwickelt und was der Protagonist am Ende gelernt hat. Er hätte das auch für seine Nebencharaktere tun müssen und das ins Drehbuch schreiben müssen. Dann hätten die Schauspieler auch wirklich spielen können. Jetzt bleibt es beim meist beim Overacting. Und die Charaktere wären uns nicht so herzlich egal.

Dafür gäbe es vielleicht weniger redundante Landschafts- und Partybilder. Aber das wäre ein verschmerzbarer Verlust.

Jörg Mehrwald glättet in seinem Roman zum Film einige der Drehbuchprobleme, indem er etwas über die Motive der verschiedenen Charaktere verrät. Aber auch bei ihm bleiben die Charaktere vollkommen austauschbar, die Geschichte entwickelt sich sprunghaft fort und über die Methoden von Wirtschaftsverbrechern erfahren wir auch in dem Buch nichts.

Die einzige Gier, die Wedel mit seiner Geschichte erfolgreich befriedigt, ist die Gier unsere Zeit zu stehlen.

mit Ulrich Tukur, Jeanette Hain, Devid Striesow, Katharina Wackernagel, Heinz Hoenig, Cordula Trantow, Uwe Ochsenknecht, Marion Mitterhammer, Sibel Kekilli, Harald Krassnitzer, Isa Haller, Kai Wiesinger, Regina Fritsch, Sabine Orléans, Alexander Held, Mariella Ahrens, Dieter Laser, Bibiana Beglau, Anouschka Renzi

Wiederholungen

Gier – Teil 1: Mit Glanz und Gloria

ARD, Mittwoch, 20. Januar, 20.15 Uhr

ARD, Donnerstag, 21. Januar, 10.30 Uhr

Arte, Samstag, 30. Januar, 14.30 Uhr

Gier – Teil 2: Das Duell

ARD, Donnerstag, 21. Januar, 20.15 Uhr

ARD, Montag, 25. Januar, 10.30 Uhr

Arte, Samstag, 30. Januar, 16.00 Uhr

außerdem

ARD, Samstag, 16. Januar, 15.03 Uhr: höchstpersönlich – Dieter Wedel


Buch zum Film

Dieter Wedel/Jörg Mehrwald: Gier

Heyne, 2010

320 Seiten

8,95 Euro

Hinweise

ARD über „Gier“


„Control Freak“ online

Januar 15, 2010

Meine Besprechung von Christa Fausts Debüt „Control Freak“ ist online in der Berliner Literaturkritik.

Tja, „Hardcore Angel“ (Money Shot, 2008) hat mir besser gefallen.


Der Goon – der nette Schläger von nebenan

Januar 13, 2010

Wer dem Goon ein kindliches Gemüt bescheinigt, muss keine Angst vor Schlägen haben. Denn trotz seiner schlimmen Kindheit und seinem derzeitigen Leben als Verbrecher will er nur seinen Spaß haben und gibt dafür auch Zombies und Hellboy eins auf die Nuss.

Ja, richtig gelesen. In dem vierten „The Goon“-Buch „Bergeweise Trümmer“ treffen sich der Goon und Hellboy zu einer zünftigen Endlosklopperei. Denn sie sind sich, wie dieser Dialog zeigt, sehr ähnlich:

Bleib zurück! Damit verdiene ich meine Brötchen!“

Ach ja? Wenn ich über so was stolpere, versuch ich ihm den Schädel einzuschlagen…Was machst du?“

Ziemlich dasselbe.“

Und einige Seiten später meint der Goon zu Hellboy: „Hey Kumpel. Als du mir mit der Steinfaust eins verpasst hast, weißt du noch? Das war lustig.“

Da haben sich zwei Geistesverwandte getroffen und Goon-Erfinder Eric Powell überließ Hellboy-Erfinder Mike Mignola für diese Geschichte den Zeichenstift.

In „Meine mörderische Kindheit“ erfahren wir einiges aus der Kindheit von dem Goon, wie Franky sein Freund wurde und er sich zuerst als knochenbrechender Geldeintreiber Respekt verschaffte und anschließend zum Beschützer der kleinen Leute in seinem Viertel, der Lonely Street, wurde. Auch für sie kämpft er gegen Seeungeheuer und das teuflische Genie, Dr. Alloy.

In „Bergeweise Trümmer“ gibt es neben dem Zusammentreffen der beiden Superhelden Goon und Hellboy auch Kämpfe gegen Zombies, eine jenseitige Monstrosität und Vampire.

Eric Powell hat den Goon vor über zehn Jahren erfunden und lässt ihn in einer Parallelwelt, deren unschuldiges 30-Jahre-Retro-Feeling mit einer satten Portion “Amazing Stories“, Schwarzem Humor und Slapstick gewürzt wird, hemmungslos austoben. Denn bei Powell sind die nächsten Zombies, Maulsperren, explodierenden Affen, Seemonster und Riesenroboter gleich um die Ecke.

Manchmal müssen der Goon und Franky auch um ihren Platz in dem Comic kämpfen. Denn aseptische Familiengeschichten (in denen blonde Mädchen sich einen Schwachkopf aussuchen dürfen), Eric Powells Erlebnisse auf einer ComicCon und die Werbung für ein Goon-Junior-Set (enthält unter anderem ein Bleirohr und eine Flasche Gift) fordern ihren Platz. Aber nicht lange. Denn: „Kein Scheiße schmierender Einfaltspinsel verdrängt uns aus unserem Comic.“

Die Comics von Eric Powell eroberten die Herzen der amerikanischen Comicfans im Sturm. Immerhin spielen sie gelungen, respektlos und gewitzt auf dem Instrumentarium der Popkultur. Powell erhielt mehrere Eisner Awards und Hollywood kaufte die Filmrechte. Die neueste Meldung ist, dass Powell vor wenigen Monaten ein Drehbuch beendet hat, derzeit Probeaufnahmen gemacht werden, David Fincher produziert und vielleicht sogar die Regie übernimmt.

Das sind doch gute Nachrichten. Bis der Goon im Kino zuschlägt, regnet es „Bergeweise Trümmer“ auf „Meine mörderische Kindheit“.

Eric Powell: The Goon 3: Meine mörderische Kindheit

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2009

128 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

The Goon: My murderous Childhood (and other grievious yarns)

Dark Horse Comics, 2004/2009

Eric Powell: The Goon 4: Bergeweise Trümmer

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2009

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

The Goon: Heaps of Ruination

Dark Horse Comics, 2005/2009

Hinweise

Homepage von Eric Powell

Wikipedia über „The Goon“

CBR: Interview mit Eric Powell, u. a. über die geplante Verfilmung (20. November 2009)


Meine Besprechung von Gerard Donavans „Winter in Maine“ ist online

Januar 8, 2010

In der Berliner Literaturkritik ist jetzt meine Besprechung von Gerard Donovans „Winter in Maine“ online. Warum der Roman für mich eine durchwachsene Angelegenheit ist, können Sie hier nachlesen.

Gerard Donovan hat zur deutschen Ausgabe einen lesenswerten Text geschrieben.


„Sleeper 4“: Holden Carver steigt aus

Januar 5, 2010

Mit einer Nachtmission beginnt der vierte und abschließende „Sleeper“-Band von Autor Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips. In „Das lange Erwachen“ erzählen sie, wie der Undercover-Agent Holden Carver endlich wieder aus dem Leben als Verbrecher aussteigt. Er wurde von John Lynch rekrutiert, um in dem globalen Verbrechensimperium von Tao aufzusteigen und das Imperium zu vernichten. Carver brach alle Verbindungen zu seiner Vergangenheit bei dem geheimen Geheimdienst I. O. (International Operations) ab. Offiziell wurde er zu einem Überläufer. Er wurde von seinen früheren Freunden als Verräter gejagt und er stieg in Taos Imperium auf. Dabei verliebte er sich in Taos gewalttätige Freundin Miss Misery und er fragte sich immer mehr, ob er nicht inzwischen an dem Leben als Verbrecher zu viel Gefallen gefunden hatte. Denn der Unterschied zwischen I. O. und Taos Gangsterbande ist, dass die ersten im Auftrag der Regierung Verbrechen begehen.

Als Tao erfährt, dass Carver ein Undercover-Agent ist, tötet er ihn nicht, sondern macht ihn zu seinem Vertrauten. Denn, so Tao, inzwischen sei er einer von ihnen geworden. Resigniert akzeptiert Carver am Ende des zweiten „Sleeper“-Bandes „Die Schlinge zieht sich zu“ Taos Angebot. Denn Lynch, der einzige Mann, der von Carvers Mission wusste, liegt im Koma. Was Carver allerdings nicht weiß, ist, dass Lynch in diesem Moment aus dem Koma erwacht. Als Carver davon erfährt, hofft er wieder auf eine Rückkehr in sein früheres Leben. Aber das ist schwieriger als gedacht. Denn alle Ausstiegspläne schlagen fehl. Am Ende des dritten Bandes „Die Gretchenfrage“ verbündete er sich mit Miss Misery. Sie wollen gemeinsam gegen alle kämpfen und Carver hat auch schon einen Plan, wie er die beiden Meistermanipulateure Tao und Lynch gegeneinander ausspielen kann.

Auf den ersten Seiten von „Das lange Erwachen“ sollen Carver, Miss Misery und Peter Grimm (der Carver am Liebsten umbringen würde) einen Codeknacker, der in Echtzeit jeden Code entschlüsselt, aus einer geheimen I.-O.-Station entführen. Carver gelingt es, die Mission zu sabotieren. Aber auch nach dieser Mission ist er keinen Schritt näher an dem von ihm ersehnten Ausstieg aus dem Verbrecherleben.

Da taucht Cole Cash (der Hauptfigur der „Sleeper“-Vorgeschichte „Point Blank“) wieder auf. Er will wieder für I. O. arbeiten. Dort wissen sie nicht, dass er, nachdem Tao seine Gedanken manipuliert hatte, Lynch ins Koma schickte Außerdem besitzt Tao die Tatwaffe mit Cashs Fingerabdrücken. Als Cash und Tao sich treffen, wittert Carver seine Chance mit einem Ablenkungsmanöver seine Rückkehr in ein ehrliches Leben vorzubereiten.

Das lange Erwachen“ enthält die letzten sechs Hefte der zweiten Season der von Ed Brubaker erfundenen und von Sean Phillips kongenial gezeichneten Noir-Geschichte „Sleeper“. Ursprünglich war „Sleeper“, wie Ed Brubaker in seinem Nachwort schreibt, auf zwölf Hefte angelegt und er hatte bereits das Ende geplant, als er das Angebot für eine Fortsetzung erhielt. Indem er den im Koma liegenden I.-O.-Strategen John Lynch wieder zurückholte, mischte er die Karten neu und der zweite, ebenfalls auf zwölf Hefte angelegte Arc entfaltete eine neue Dynamik. Holden Carver will jetzt nicht mehr als Doppelagent an den Kopf eines weltumspannenden Verbrechensimperiums herankommen, sondern er will, voll rehabilitiert, aus dem verbrecherischen Leben aussteigen. Gerade weil Carver wieder ein ehrliches Leben führen will, setzt er eine tödliche Dynamik in Gang.

Dass die Saga von Holden Carver nicht in einem banal-zuckerigem Happy-End mündet, dürfte nur die Menschen erstaunen, die Comics immer noch für Kinderkram halten. Denn Ed Brubaker hat ein überraschendes, befriedigendes und gleichzeitig ziemlich fatalistisches Ende für die feine Noir-Serie „Sleeper“ erfunden.

Die von Hollywood geplante Verfilmung ist immer noch in Planung. Sam Raimi ist anscheinend immer noch, Tom Cruise derzeit nicht mehr dabei. Soviel aus der Hollywood-Gerüchteküche und demnächst einiges über „Incognito“, die neue Serie des Teams Brubaker/Phillips.

Ed Brubaker/Sean Phillips: Sleeper 4 – Das lange Erwachen

(übersetzt von Maria Morlock)

Cross Cult, 2009

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

Sleeper 4: The long way home

Wildstorm/DC Comics 2005

enthält

Sleeper: Season 2, Vol. 7 – 12

DC Comics 2005

Hinweise

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillipss „Sleeper 3 – Die Gretchenfrage“ (Sleeper 3: A crooked line, 2005)


Duane Swierczynskis Nebenbeschäftigungen

Dezember 30, 2009

Die Idee Text und Film miteinander zu verschmelzen ist nicht neu, aber erst jetzt, mit der zunehmenden Verbreitung von schnellen Internetverbindungen und mobilen Computern, kann sie auch auf einem hohen Niveau verwirklicht werden. Jedenfalls wenn man auf die in den USA Ende Oktober für den Apple iTunes erschienene Version von „Level 26- Dark Origins“ zugreift (andere digitale Versionen sind mir nicht bekannt). Dann kann man ohne Unterbrechung vom Roman zum Film und zurück wechseln. „Digi-Novel“ nennt ihr Erfinder Anthony E. Zuiker diese „völlig neuartige Erzählform“.

Er erfand auch die verschiedenen „CSI“-Serien und dank seiner Stellung als Produzent einer weltweit unglaublich erfolgreichen TV-Serienfamilie kann er auch für eine erfolgversprechende Umsetzung sorgen. Er hat einen exzellenten Zugang zu Studios, Schauspielern, Technikern und Autoren. Er kann das richtige Team für ein erfolgversprechendes Franchise zusammenstellen. Auch „Level 26“ ist als Franchise gedacht. Er hat bereits den Namen „Digi-Novel“ schützen gelassen, eine umfangreiche Homepage (mit einer regen Community) erstellt und die nächsten beiden „Level 26“-Bände sind für 2010 und 2011 angekündigt. Dabei bedeutet „Digi-Novel“ ganz einfach, dass es einen eigenständigen Roman gibt und an bestimmten Stellen das Lesen zum Ansehen von kurzen, die Handlung weiterführenden Filmen unterbrochen werden soll. Den Roman schrieb Duane Swierczynski. Bei uns ist er auch als Duane Louis bekannt und er ist einer der aufregenden jungen Krimiautoren, die sich erfolgreich in verschiedenen Medien tummeln.

Die Filme sind von Anthony E. Zuiker in der modernen TV-Ästhetik (irgendwo zwischen „24“ und „CSI“) gedreht. Die Besetzung ist mit Michael Ironside, Bill Duke, Glenn Morshower (Agent Aaron Pierce in „24“) und Kevin Weisman (Marshall Flinkman in „Alias“) sogar ziemlich prominent. Aber der wichtigste Charakter in den Filmen ist der Serienkiller Sqweegel, der von dem Artisten Daniel Browning Smith, dem „most flexible man alive“, gespielt wird.

Die Filme sind in der ersten Digi-Novel aber nur die nette Beigabe zu dem von Duane Swierczynski geschriebenen Roman „Level 26 – Dark Origins“, der weniger an Swierczynskis eigene Noir-Thriller, sondern an Zuikers „CSI“-Franchise, populäre Serien, wie „Criminal Minds“, und die sattsam bekannten Erzählkonventionen von Serien und TV-Filmen erinnert.

Das ist dann auch die Crux von „Level 26 – Dark Origins“. Die Story setzt sich vollkommen überraschungsfrei aus den altbekannten Bestandteilen zusammen. Es gibt einen Serienkiller, vom FBI Sqweegel genannt, der schlimmer als alle anderen Serienkiller ist. Er mordet bereits seit Jahrzehnten und er hinterlässt an den Tatorten keine Spuren. Noch nicht einmal genug Material für einen DNA-Test. Das FBI weiß nur deshalb von ihm, weil er sie in unregelmäßigen Abständen über seine Taten informiert. Bis jetzt gelang es nur einem Polizisten, ihn einmal fast zu schnappen. Aber Sqweegel entkam und brachte die Familie seines Jägers Steve Dark um. Heute lebt Dark zurückgezogen in Malibu, Kalifornien und seine Freundin erwartet ein Kind. Da schickt Sqweegel einem hohen Politiker ein Video von einem seiner Verbrechen und dieser zwingt Steve Dark dazu, die Jagd auf Sqweegel wieder aufzunehmen.

Dark (wir sind nicht überrascht) tut’s und bis zur alles entscheidenden Begegnung zwischen Sqweegel und Dark verläuft alles in den bekannten Serienkillerthrillerbahnen. Der Killer informiert die Polizei mit einem Abzählreim über seine künftigen Taten. Er hat (jetzt plötzlich) eine Mission und will dafür eine bestimmte Zahl von Morden innerhalb weniger Tage begehen. Er macht plötzlich unglaublich dämliche Fehler. Immerhin ist Sqweegel ein Level-26-Killer. Einer, der schlimmer und geschickter als alle anderen Killer ist. Ed Gein schaffte es nur auf Stufe 13, Ted Bundy auf 17 und John Wayne Gacy auf Stufe 22 der von den FBI-Jungs erstellten, titelgebenden Eingruppierung von Mördern nach ihrer Bösartigkeit. Außerdem verfügt Sqweegel über viel Geld und unglaublich gute Verbindungen. Er wählt weltweit seine Opfer nicht zufällig aus, sondern er hat lange vor der Tat von einem ihrer Geheimnisse erfahren. Das alles wird nicht näher erklärt. Es wird auch kein Versuch unternommen, zu erklären warum Sqweegel zu Sqweegel wurde; was uns immerhin die Therapiesitzung erspart. Sqweegel ist im Buch einfach nur die langweilig-banale Inkarnation des Bösen. Allerdings ohne den Charme eines Hannibal Lector.

Als Roman ist „Level 26 – Dark Origins“ daher nicht mehr als ein austauschbarer, banal-langweiliger Serienkillerthriller, der sich immer wie die Romanfassung des „TV-Thriller of the Week“ durchaus flott, wenn auch gerade am Anfang etwas holprig, wegliest und nach der Lektüre sofort vergessen ist.

Die Idee einer Digi-Novel wurde dagegen schon ziemlich gut umgesetzt. Vor allem die Filme mit dem sich unmöglich verrenkendem Sqweegel sind eindeutig für’s Auge gedacht. Duane Swierczynski unternimmt auch keinen Versuch, das zu beschreiben. Störend ist beim Lesen allerdings die Aufforderung, alle zwanzig Seiten eine Pause einzulegen und am PC die nächste „Cyberbrücke“ (Zuiker) anzusehen. Ungefähr nach der dritten Pause liest man dann den Krimi ganz traditionell in einem Rutsch durch und sieht sich danach die Filme an.

Bei den im X-Men-Kosmos spielenden „Cable“-Comics, die Duane Swierczynski für Marvel schreibt, kann er sich innerhalb einer bestehenden Welt austoben. Er hat den Nebencharakter Nathan „Cable“ Summers, ein Mutant und Söldner, ausgewählt und lässt ihn in verschiedenen Jahren in der Zukunft Abenteuer erleben. Cable soll ein für das Überleben der Mutanten wichtiges Mutantenbaby beschützen. Er taucht mit dem Baby im Zeitstrom unter. Dummerweise hat die Maschine, die Cable und dem Baby ein Verschwinden in der Zukunft gestattete einen Defekt. Sie können nur immer weiter in die Zukunft flüchten. Gejagt werden sie von dem ehemaligen X-Man Lucas Bishop. Er kam aus einer totalitären Zukunft und er glaubt, dass das Baby für eben diese Zukunft verantwortlich ist. Deshalb will er es töten.

Diese Prämisse ermöglicht es Duane Swierczynski, viele Kämpfe zwischen Cable und Bishop und viele verschiedene zukünftige Welten zu erfinden. Auch in dem zweiten „Cable“-Sammelband „Heimatfront“ kloppen die beiden Kontrahenten sich ausgiebig. Außerdem erfahren wir einige weitere Hintergründe über Cables Mission.

Diese Comic-Serie ist vor allem etwas für die Swierczynski-Komplettisten (Hey, es ist X-Men und es ist SF.) und natürlich die Fans der X-Men.

Duane-Swierczynski-Fans müssen dagegen auf den nächsten Roman von Duane Louis warten. „Schnelle Beute“ ist von Heyne für April 2010 angekündigt.

Anthony E. Zuiker/Duane Swierczynski: Level 26 – Dark Origins

(übersetzt von Axel Merz)

Lübbe, 2009

432 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Level 26 – Dark Origins

Dutton 2009

Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner)/Ariel Olivetti (Zeichner): Cable 2: Heimatfront

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Marvel Deutschland, 2009

100 Seiten

12,95 Euro

Enthält

Cable 6: Homefront (Oktober 2008, Heimatfront)

King-Size Cable Spectacular 1: The Wolf Pit (November 2008, Die Wolfshöhle)

X-Force: Ain’t no Dog (August 2008, Bin kein Hund)

Hinweise

Homepage zu „Level 26“

Secret Dead Blog von Duane Swierczynski

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Letzte Order“ (Severance Package, 2008)

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Blondes Gift“ (The Blonde, 2006)

Meine Besprechung von Duane Swierczynskis „Cable: Kriegskind – Band 1″ (Cable: War Child – 1, 2008)

Bonus

Ein Auftritt von Gummimann Daniel Browning Smith (dem Darsteller von Sqweegel)


Wolf Schneider tut’s wieder

Dezember 23, 2009

Es gibt Bücher, die sind nichts für Kritiker. Das liegt nicht am Buch, sondern an der Art des Lesens. Als Kritiker muss man ein Buch, möglichst schnell, von vorne bis hinten durchlesen. Denn die Leser wollen, möglichst gestern, wissen, ob das Buch gut ist. Ob sie dafür Geld und Zeit investieren sollen.

Also werden die 66 Lektionen von Wolf Schneider hintereinander weggelesen. Die Texte in „Gewönne doch der Konjuktiv!“ sind kurz. Sie sind amüsant und regen zum Nachdenken an. Aber mit zunehmender Seitenzahl langweilen sie auch.

Denn der Unterschied zwischen „Interpretationsdiskrepanzen“ (Seite 22) und „Migrationshintergrund“ (Seite 223) ist aus sprachkritischer Sicht minimal. Beide Male ist es schlechtes Deutsch und Wolf Schneider schreibt schon seit Jahrzehnten dagegen an. Deshalb werden alle, die seine älteren Werken, wie „Deutsch für Profis“, „Deutsch für Kenner“ und „Deutsch fürs Leben“, gelesen haben, viele der in „Gewönne doch der Konjunktiv!“ formulierten Gedanken, teils mit sehr ähnlichen Beispielen, bereits kennen.

Auch sind die in seinem neuesten Buch abgedruckten drei- bis vierseitigen Essays nicht neu. Er schrieb sie für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Diese veröffentlichte sie später als „Der vierstöckige Hausbesitzer“ (1996/1997), „Dem Kaiser sein Bart“ (1998) und „Den Briefträger biss der Hund“ (2000) und Rowohlt wählte jetzt 66 Essays für das Taschenbuch „Gewönne doch der Konjunktiv!“ aus. Aber veraltet sind sie, wie ein Blick in die Tageszeitung zeigt, immer noch nicht. Es gibt immer noch unverständliche Sätze, bürokratische und wissenschaftliche Blähsprache und zahlreiche, sinnlose Anglizismen. Es gibt einen neuen deutschen Krimipreis, den Ripper Award, und den kürzlich verliehenen Biene Award. Biene steht für „Barrierefreies Internet eröffnet neue Einsichten“ und damit dürfte Wolf Schneider einen Anlass für eine weitere treffende Sprachkritik haben.

Bei dem Kritiker stellt sich aber spätestens nach der fünfzigsten Sprachlektion das Gefühl ein, eine große Schachtel leckerer Pralinen essen zu müssen, auch wenn die letzten fünf Pralinen nicht mehr schmecken. Nicht weil, sie schlechter als die ersten sind, sondern weil er einfach satt ist.

Der normale Leser kann dagegen Wolf Schneiders neues Buch „Gewönne doch der Konjunktiv!“ lesen, wie es geplant war.

Täglich eine Sprachlektion.

Täglich einmal über Sprache nachdenken.

Und das 66 Tage.

Dann ist „Gewönne doch der Konjunktiv!“ ein feines Buch – auch wenn Sie die anderen Bücher von Wolf Schneider kennen. Denn er lädt ein, über die Sprache nachzudenken.

Wolf Schneider: Gewönne doch der Konjunktiv! – Sprachwitz in 66 Lektionen

rororo, 2009

256 Seiten

8,95 Seiten


Einige Buchtipps für Weihnachten

Dezember 18, 2009

Zuerst gibt es die Eigenwerbung:

Cordelia Borchardt/Andreas Hoh (Hrsg.): Die Uhr läuft ab

Fischer Taschenbuch Verlag, 2009

256 Seiten

7,95 Euro

Der Untertitel ist „Die besten Einsendungen für den Agatha-Christie-Krimipreis 2009“ und meine bombige Kurzgeschichte „Val Kilmer kommt“ ist drin.

Josefine Rosalski (Hrsg.): Schneeglöckchen, Mordsglöckchen

Edition Karo, 2009

176 Seiten

12 Euro

Der Untertitel ist „Berliner Weihnachtskrimis – KaroKrimiPreis 2009 – Die besten Dreizehn“ und meine fantastische Kurzgeschichte „Die Sache mit den Fabergé-Eiern“ ist drin.

Und nun zu den anderen.

Dominik Graf: Schläft ein Lied in allen Dingen

Alexander Verlag, 2009

376 Seiten

19,90 Euro

Inzwischen habe ich es gelesen und ich kann meinen ersten Eindruck bestätigen: ein sehr lesenswertes Buch. Danach sieht man die von Graf besprochenen, einige andere und auch seine Filme mit anderen Augen. Denn, wie Graf in einer Mail schrieb:

Neulich sagte oder schrieb jemand, dass ich mit meinen Artikeln meine eigene Filmographie legitimieren will…Hmmm. Kann sein. What’s wrong with that?“

Nichts, solange der Schreiber einen so guten Geschmack hat.

Ben Hecht: Von Chicago nach Hollywood – Erinnerungen an den amerikanischen Traum

Berenberg, 2009

152 Seiten

19,00 Euro

Nochmal Film, aber auch Chicago vor gut hundert Jahren. Ein begnadeter Erzähler.

Ross Thomas: Voodoo, Ltd.

Alexander Verlag, 2009

360 Seiten

14,90 Euro

Artie Wu und Quincy Durant sollen den Mord an einem Hollywood-Produzenten aufklären. Ross Thomas zeichnet ein gewohnt illusionsloses Porträt der USA. Für die Neuausgabe wurde die alte Heyne-Übersetzung überarbeitet.

Und zum Abschluss gibt es einige Empfehlungen, die nur auf einem ersten Eindruck basieren:

Ivo Ritzer: Walter Hill – Welt in Flammen

Bertz + Fischer, 2009

288 Seiten

25 Euro

Ein Filmbuch über einen der wichtigsten und innovativsten Action-Regisseure der späten siebziger und achtziger Jahre. Danach ging das Publikum lieber in den nächsten Blockbuster.

Inzwischen hat Hill bei der TV-Serie „Deadwood“ mitgemacht und den abgefeierten TV-Western „Broken Trail“ gedreht.

Erstaunlich, dass es das erste Buch über Walter Hill ist.

Harald Steinwender: Sergio Leone – Es war einmal in Europa

Bertz + Fischer, 2009

400 Seiten

25 Euro

Noch ein Filmbuch. Noch eine Dissertation. Und, wie bei Bertz üblich, fein illustriert.

Oh, und mit vierhundert engbedruckten Seiten noch umfangreicher als das Walter-Hill-Buch (das hat nur 288 engbedruckte Seiten).

Manfred Büttner/Christine Lehmann: Arsen und Zielfahndung – Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige

Ariadne, 2009

256 Seiten

16,90 Euro

Darf auch von Jungs gelesen werden, aber es lässt die eh schon fantastischen deutschen Krimis als meist sehr irreale Werke (besonders natürlich die TV-Krimis) erscheinen.

James Mollison: Escobar – Der Drogenbaron

Heyne, 2009

416 Seiten

16 Euro

Mark Bowden schrieb bereits mit „Killing Pablo“ die wichtige Biographie über Pablo Escobar, den 1993 erschossenen Drogenboss des Medellin-Kartells. In „Escobar – Der Drogenbaron“ wird Escobars Leben mit über 350 bislang unveröffentlichten Fotos aus verschiedenen Archiven dokumentiert. Eine faszinierende Spurensuche.

Robert Littell: Das Stalin-Epigramm

Arche, 2009

400 Seiten

22 Euro

Sein neuer Roman, den ich wegen „wichtigeren“ Büchern immer wieder zur Seite gelegt habe.

Colin Harrison: Im Schlund des Drachen

Droemer, 2009

448 Seiten

16,95 Euro

Nachdem Harrisons Roman in seiner Heimat abgefeiert wurde und auf ungefähr jeder wichtigen Nominierungsliste war, bin ich natürlich sehr gespannt auf diesen Thriller.

Jim Nisbet: Dunkle Geschäfte

Pulp Master, 2009

192 Seiten

12,80 Euro

Pulp Master, für den Hammett nominiert. Ich will’s an einem ruhigen Abend in einem Zug genießen.

Angelo Petrella: Nazi Paradise

Pulp Master, 2009

128 Seiten

12,80 Euro

Nochmal Pulp Master und nochmal Lektüre für einen ruhigen Abend.

Wem das alles zu textlastig ist, der kann bei Eric Powells „The Goon“ zuschlagen. Zuletzt erschienen „Meine mörderische Kindheit“ und „Bergeweise Trümmer“. Der Goon kloppt sich in einem Paralleluniversum, das eine Mischung aus „Amazing Stories“ und 30-Jahre-Gangsterfilm ist, mit Monstern, Zombies und Seemonster.

Da bleibt kein Auge trocken.


Harry Dresden besucht den Zoo

Dezember 11, 2009

Harry Dresden ist auf den ersten Blick der typische Hardboiled-Privatdetektiv, der zwar kein Geld auf der Bank, aber dafür immer eine hübsche Frau im Arm hat. Ungewöhnlich ist nur, dass er mit einem Holzstock, der eher zu einem Magier passt, durch das heutige Chicago wandert. Und das ist der von Jim Butcher vor gut zehn Jahren erfundene Charakter auch: ein Privatdetektiv, Berufsmagier und Berater der Polizei für übernatürlcihe Fälle.

Butcher schrieb in den vergangenen Jahren elf Romane (sechs davon sind inzwischen übersetzt) und mehrere kurze Geschichten mit Harry Dresden als Helden. 2007 gab es eine kurzlebige, aber in Fankreisen beliebte TV-Serie „The Dresden Files“ mit Paul Blackthorne („24“, „Lipstick Jungle“) in der Hauptrolle. Und jetzt den Comic „Willkommen im Dschungel“ mit einem Harry Dresden, der verdächtig nach Blackthorne aussieht.

Auch dass die Geschichte in vier Teilen erzählt wird, erinnert an die 4-Akt-Struktur des Fernsehen. Die zahlreichen Kämpfe mit verhexten Tieren, Monstern und Hexen und eine unfallträchtige Jagd durch die innerstädtischen Straßen von Chicago sprengen dagegen das Budget jedes TV-Serienfilms.

Und die Entstehungsgeschichte von „Willkommen im Dschungel“ war auch eine ganz andere. Jim Butcher erzählte auf der Comic-Con 2008 (Part 1, ab Minute 2.30), dass er ursprünglich nur eine 22-seitige Geschichte schreiben sollte und der Verlag dann nach immer mehr fragte. Zuerst nach einer 36-seitigen Geschichte, dann nach einem Zweiteiler und letztendlich nach einem Vierteiler in dem Harry Dresden den Mord an einem Wachmann im Zoo aufzuklären soll. Die Polizei hat keine Ahnung, aber die offizielle Erklärung lautet, dass der Gorilla es war. Dresden weiß in diesem Moment zwar noch nicht, wer der Täter ist, aber er erkennt sofort, dass es nicht der Gorilla und auch kein Mensch war.

Als er und die hübsche Will von einem unter einem Bannzauber stehendem Löwen angefallen werden, weiß Dresden, dass er es mit einem sehr mächtigen Gegner zu tun hat. Denn kaum hat er den Löwen besiegt, werden sie von einer Horde Tiger angefallen.

In diesem Moment sind wir erst am Ende des ersten Heftes.

Fans der Dresden-Romane werden in dem gelungenen und kurzweiligem Hardboiled-Fantasy-Mix „Willkommen im Dschungel“ lieben. Und einige neue Fans dürfte Harry Dresden mit diesem spannenden, vor den Ereignissen des ersten Dresden-Romans „Sturmnacht“ spielenden und von einem Dialog aus der TV-Serie inspirierten Abenteuer auch gewinnen.

Jedenfalls hat Jim Butcher, der sich in seinem Vorwort als Comic-Fan outet und sagt, die Dresden-Romane seien in seinem Kopf schon immer Zeichentrickfilme gewesen, Comicluft geschnuppert und die nächste Graphic Novel (wie es ja inzwischen heißt) der „Dresden Files“ ist in den USA für 2010 angekündigt.

Willkommen in Dschungel“ war für den ersten Hugo Award for Best Graphic Story nominiert.

Jim Butcher (Text), Ardian Syaf (Zeichnungen): The Dresden Files: Willkommen im Dschungel

(übersetzt von Oliver Hoffmann und Astrid Mosler)

Panini Comics, 2009

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

The Dresden-Files: Welcome to the jungle

Dabel Brothers, 2008

Die deutschen Ausgaben der Dresden-Romane erscheinen bei Knaur.

Hinweise

Homepage von Jim Butcher

Wikipedia über Jim Butcher (deutsch, englisch)







Ed Brubaker und Sean Phillips erzählen von einer „Obsession“

Dezember 10, 2009

Nach all den Gangstern, die uns bislang im „Criminal“-Kosmos von Autor Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips begegnet sind, ist Jacob Kurtz ein ganz gewöhnlicher Mann. Er zeichnet den bereits aus früheren „Criminal“-Bänden bekannten Comic „Frank Kafka, Privatdetektiv“. Seine einzige Verbindung zum Organisierten Verbrechen geht über seine vor Jahren verstorbene Frau. Weil sie spurlos verschwand, nahmen Detective Max Starr und der Onkel der Verstorbenen, der Gangsterboss Sebastian Hyde, an, dass Kurtz sie ermordete. Hydes Männer schlugen ihn zum Krüppel. Als herauskam, dass sie bei einen Unfall starb, verschaffte Hyde ihm die Stelle als Comiczeichner.

Jetzt lebt Kurtz zurückgezogen, zeichnet die Bildergeschichte für die Tageszeitung, schläft tagsüber und streift nachts durch die Stadt. Eines Abends trifft er in seinem Stamm-Diner auf ein streitendes Paar. Auf dem Heimweg nimmt er die attraktive Iris mit und das – wir ahnen es – hätte er besser nicht tun sollen. Denn selbstverständlich wird er in eine schlimme Geschichte verwickelt, bei der die Fälschung eines FBI-Ausweises noch sein harmlosestes Verbrechen ist.

Auch im vierten „Criminal“-Band revitalisieren Ed Brubaker und Sean Phillips eine klassische Noir-Geschichte. Dieses Mal ist es die Geschichte von dem Normalbürger, der sich in eine Gangsterbraut verliebt, selbst einige dunkle Geheimnisse hat und von einem hasserfüllten Polizisten verfolgt wird. Auf den letzten Seiten schlägt „Obsession“, auch dank plötzlicher und gelungener Wechsel der Erzählperspektive, einige überraschende Haken und lässt einen atemlos zurück.

Grandios!

Oder mit den Worten von Ken Bruen:

Der Mann [Ed Brubaker, A. d. V.] ist ein Genie.

Ich sage das ohne Vorbehalt.

Ich glaube, ich habe diesen Begriff höchstens zweimal im Leben verwendet.

Er hat ihn doppelt und dreifach verdient. (…)

‚Obsession‘ erzählt eine wunderbar tödliche Geschichte über Lügen, Mord und…ah…es wäre eine Sünde mehr zu verraten.“

Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal 4 – Obsession

(Einleitung von Ken Bruen)

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics, 2009

124 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Criminal Vol. 4: Bad Night

Marvel Comic, 2009

enthält

Criminal Vol. 2 4 – Criminal Vol. 2 7 (Juli – September 2008)

Hinweise

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillipss „Sleeper 3 – Die Gretchenfrage“ (Sleeper 3: A crooked line, 2005)


Der Heiland und der Bienzle

Dezember 3, 2009

Erst nach seiner Quasi-Biographie „Fast wie von selbst“ habe ich wieder Lust auf die neuen Bücher von Felix Huby bekommen. Denn seine letzten Bienzle-Tatorte waren ziemlich langweilig und auch seine Idee, in Berlin einen Kommissar Heiland ermitteln zu lassen, löste bei mir keinen Lesereflex aus. Huby war einfach ein Kapitel aus der Vergangenheit des deutschen Krimis.

Dabei hat Felix Huby, wie seine neuen Krimis „Null Chance“ und „Bienzle und das ewige Kind“ zeigen, immer noch etwas zu sagen und natürlich weiß er immer noch, wie er schnörkellos eine Geschichte erzählt.

In „Null Chance“ ermittelt Hubys neuer Ermittler, der in Berlin ermittelnde Bienzle-Schüler Peter Heiland, zum vierten Mal.

Dem Gymnasiast Marc Schuhmacher wurde ein Messer in die Rippen gerammt. Während er noch ohne Bewusstsein im Krankenhaus liegt, wird Osman Özal ermordet. Er wollte ein echter Gangster werden und stand, als Anführer einer Jugendgang, auch in Verdacht, Schuhmacher verletzt zu haben. Kommissar Peter Heiland und seine Kollegin Hanna Iglau ermitteln im Milieu von Jugendgangs und türkischen Familien.

So brennend das Thema in Großstädten auch ist, so zahlreich sind die Fallstricke, über die ein Schriftsteller dabei stolpern kann. Das beginnt mit der Gangsta-Sprache der Jugendlichen, geht über die verschiedenen Befindlichkeiten der angesprochenen Gruppen und endet bei dem pädagogischem Zeigefinger. Denn natürlich will ein Autor, wenn er sich mit der mangelhaften Integration und Chancenlosigkeit von Gastarbeiterkindern beschäftigt, auch etwas gesellschaftlich relevantes sagen. Das kann, wie kürzlich bei Domskys „Ehre, wem Ehre…“ oder etlichen TV-Krimis, gründlich daneben gehen.

Felix Huby umschifft diese Klippen (angesichts einiger seiner TV-Arbeiten) erstaunlich gut. Er schreibt einfühlsam über Jugendliche, die sich ihren eigenen Platz in der Gesellschaft suchen müssen und dabei zwischen verschiedenen Ansprüchen hin- und hergerissen sind. Das gilt auch für die beiden aus der Türkei eingeflogenen Brüder, die in Berlin einen Ehrenmord begehen sollen.

Sehr angenehm ist auch, dass Felix Huby nicht krampfhaft versucht, den Jugendslang zu imitieren. Seine jugendlichen Verbrecher sprechen ganz normales, verständliches Deutsch.

Störend an „Null Chance“ ist für Berliner, die nur höchst unwillig ihren Kiez verlassen, die Mobilität der Jugendlichen innerhalb des S-Bahn-Rings. Da hat der touristische Aspekt die genaue Recherche geschlagen.

Während „Null Chance“ eine neue Geschichte erzählt, ist „Bienzle und das ewige Kind“, wie öfters bei Huby, schwäbische Zweitverwertung. Denn Bienzle-Fans haben die Geschichte bereits als „Bienzle und der Tod in der Markthalle“ gesehen. In der titelgebenden Markthalle entdeckt der Nachtwächter den erstochenen Markthändler Joseph Janicek. Neben der Leiche sitzt Janiceks geistig zurückgebliebener Sohn Geza mit der Tatwaffe in der Hand. Geza behauptet, seinen Vater umgebracht zu haben. Für Kommissar Ernst Bienzle ist das allerdings zu einfach. Er hält Geza für einen wichtigen Zeugen und, nachdem er von Geza als Vater-Ersatz angenommen wird, beginnt er sich um ihn zu kümmern.

Während der „Tatort“ reichlich zäh war, ist die darauf basierende Romanversion „Bienzle und das ewige Kind“ eine flotte Lektüre, bei der die Beziehung von Bienzle zu Geza viel glaubwürdiger ist. Denn Huby verschweigt nie, dass Bienzle in Geza vor allem einen wichtigen Zeugen und potentiellen Mörder sieht. Er lässt sich mit ihm ein, weil er Informationen will.

Und diese Informationen sollen ihm helfen, unter den zahlreichen Tatverdächtigen den Mörder zu finden. Dieser ist, soweit ich mich an den „Tatort“ erinnere, nicht der Täter aus dem „Tatort“.

Null Chance“ und „Bienzle und das ewige Kind“ zeigen, dass Felix Huby immer noch ein unprätentiöser Geschichtenerzähler ist. Beide Krimis sind gute Unterhaltung für einen langen Abend; genau wie seine ersten Bienzle-Romane aus den Siebzigern.

Felix Huby: Null Chance

Scherz, 2009

304 Seiten

14,95 Euro

Felix Huby: Bienzle und das ewige Kind

Fischer Verlag, 2009

192 Seiten

8,95 Euro

Vorlage

Tatort: Bienzle und der Tod in der Markthalle (D 2006)

Regie: Arend Agthe

Drehbuch: Felix Huby

mit Dietz Werner Steck, Rüdiger Wandel, Rita Russek, Dirk Salomon, Klaus Spürkel, Walter Schultheiß, Arndt Schwering-Sohnrey, Rolf Zacher

Hinweise

Homepage von Felix Huby

Meine Besprechung von Felix Hubys „Fast wie von selbst – Ein Gespräch mit Dieter de Lazzer“ (2008)


PI Spenser will April Kyle – wieder einmal – helfen

November 27, 2009

Spenser war schon immer auch ein Sozialarbeiter. In „Early Autumn“ (Finale im Herbst) übernahm er die Erziehung von Paul Giacomin. Er entwickelte sich prächtig. Bei April Kyle war das etwas schwieriger. In „Ceremony“ (Einen Dollar für die Unschuld) sollte er sie suchen. Weil April Kyle nicht zu ihren Eltern zurückwollte, schickte er sie nach New York zu Patricia Utley. Die Edelprostituierte nahm sich des Mädchens an. In „Taming a Sea-Horse“ (Wer zähmt April Kyle?) musste er April wieder helfen und jetzt betritt sie sein Büro und bittet ihn um Hilfe.

Seit gut zwei Jahren betreibt sie in Boston ein Edelbordell. Vor kurzem tauchten zwei Männer bei ihr auf und wollten ein Viertel von ihrem Geschäft. Spenser und sein Kumpel Hawk nehmen sich die Schläger vor und erfahren von ihnen, dass sie von Ollie DeMars geschickt wurden. DeMars kann Spenser allerdings nur verraten, dass er von einem Unbekannten beauftragt wurde und er, bis er eine Gefahrenzulage von ihm erhält, nichts tun werde.

Spenser ruft einige seiner Freunde. Die sollen das Bordell beschützen, während er DeMars‘ Auftraggeber sucht.

Hundert Dollar Baby“, der 34. Fall für Privatdetektiv Spenser, unterscheidet sich natürlich kaum von den vorherigen Fällen. Es ist wie ein Abend mit einem alten Freund oder die neue Folge einer langlebigen TV-Serie. Die meisten Gags sind bekannt oder Variationen bekannter Witze, wie die Frotzeleien zwischen Spenser und Hawk. Der schwule Teddy Sapp, einer ihrer schlagkräftigen und furchtlosen Freunde, ist dagegen eine echte Bereicherung. Aber er verschwindet ziemlich schnell wieder aus der Geschichte. Spensers Freundin Susan Silverman scheint immer weniger zu Essen. Spenser verdrückt währenddessen Mahlzeiten für eine halbe Fußballmannschaft. Dabei unterhalten sie sich über Liebe, Sex, Prostitution (Wird die Frau entwürdigt? Oder der Mann? Kann es überhaupt glückliche Huren geben?) und April Kyles Psyche. Immerhin ist Susan Therapeutin und diese Gespräche gehören zu einem Spenser-Roman einfach dazu. Genau wie ihr gemeinsamer Hund Pearl.

Das Plotting ist ebenfalls gewohnt nachlässig. So ist ziemlich offensichtlich, wer Ollie DeMars umgebracht hat und wer hinter allem steckt. Dieses Mal betont Ich-Erzähler Spenser sogar öfters, dass er von allen belogen werde und bei seinen Ermittlungen einfach nicht voran komme. Das liegt allerdings weniger an dem komplizierten Plot, sondern eher an Robert B. Parkers Arbeitsstil. Denn er schreibt die Spenser-Geschichten, neben den Jesse-Stone-, Sunny-Randall- und Virgil-Cole/Everett-Hitch-Romanen, in einem atemberaubenden Tempo. Dieses Jahr veröffentlichte Parker vier neue Romane. Dabei entwickelt er den Plot während des Schreibens und er macht, so sagt er, keine Überarbeitungen. Das führt bei „Hundert Dollar Baby“, wieder einmal, zu einem ziemlich zähen Mittelteil. Auch der Mord an Ollie DeMars bringt kaum Schwung in Spensers sich über mehrere Monate erstreckenden Ermittlungen.

Aber Robert B. Parkers entspannter Schreibstil gefällt immer noch. Und mit zweihundert Seiten ist das Buch auch schnell gelesen.

Robert B. Parker: Hundert Dollar Baby

(übersetzt von Emanuel Bergmann)

Pendragon, 2009

208 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Hundred-Dollar Baby

G. P. Putnam’s Sons, 2006

(Anmerkung: Angekündigt als „Dream Girl“)

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)


Tatort-Romane – zum Dritten

November 26, 2009

Bei Max Palü, der von 1988 bis 2005 in Saarbrücken ermittelte, war die Welt von Koch und Kellner noch in Ordnung. Stefan Deininger war der Kellner. In „Aus der Traum…“ macht er sich Hoffnungen auf den Chefposten. Aber dann kommt dieser Franz Kappl aus Bayern und der soll Chef der Saarbrücker Mordkommission werden. Deininger reagiert auf diese Nachricht, die er natürlich während seiner Geburtstagsfeier erhält, wie ein kleines Kind, dem sein Lieblingsspielzeug weggenommen wird.

Dass die Beiden wenige Minuten nach ihrem ersten Aufeinandertreffen gleich einen komplizierten Mordfall haben, verstärkt ihre gegenseitige Abneigung. Denn die Tote ist Kathi Schaller. Deininger war in die junge, gutaussehende Kollegin verliebt und damit ist er für Kappl auch einer der Verdächtigen.

Und Deininger will, indem er Kathis Mörder fängt, beweisen, dass nur er den rechtmäßigen Anspruch auf Palüs Nachfolge hat. Dafür bedient er sich hemmungslos seiner guten Saarbrücker Verbindungen und lässt den Bayern so oft und so gut es geht auflaufen.

Das gestaltet sich etwas schwierig, weil Deininger blind vor Wut ist und sich so täppisch benimmt, dass er Kappl für saftige Disziplinarmaßnahmen eine Steilvorlage nach der nächsten liefert. Außerdem ist der sehr junge Kappl ein guter Ermittler, mit einigen Fortbildungen bei der New Yorker Polizei und einem großen Vertrauen in moderne Ermittlungsmethoden.

Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer erfanden die erstaunlich schwache Geschichte, die Martin Conrath zu einem Roman umarbeiten durfte. Denn in „Aus der Traum…“ entwickelt sich alles in den vertrauten Pfaden. Nachdem sich Kappl und Deininger lange genug angekläfft haben, sind sie am Ende der Geschichte die besten Freunde und seitdem natürlich auch formal gleichberechtigte Ermittler. Der Fall selbst wird von diesem Revierverhalten an den Rand gedrängt und am Ende ziemlich schnell aufgeklärt.

Conrath machte das Beste aus der vermurksten Vorlage. Die ersten Zeilen, wenn der normalerweise superpünktliche Kappl verzweifelt durch die Einbahnstraßen von Saarbrücken irrt, sind ein gelungener Einstieg. Sehr schön sind auch die vielen aus der Kappls oder Deiningers Sicht erzählte Szenen, in denen Conrath die gegenseitige Abneigung zur von den TV-Machern unbeabsichtigten Karikatur treibt. Auch die anderen Charaktere, wie das schon aus Palüs Tagen bekannte Team in der Saarbrücker Mordkommission und der tatverdächtige, vorbestrafte, begnadete und erfolglose Musiker Charlie Wax (Klischees, ich hör euch trapsen.) werden plastisch gezeichnet. Aber letztendlich hilft es nicht, wenn der zentrale Konflikt zwischen den beiden Ermittlern nicht funktioniert, der Mordfall schwach ist und ein biederer Humor („Madame Maigret“) für Lacher sorgen soll.

Fast vor meiner Haustür, in Leipzig, endet die Lesereise durch die „Tatort“-Romane. Dort ermittelt, nach dem lange überfälligem Weggang von Kommissar Bruno Ehrlicher, das Team Saalfeld/Keppler und die ersten Meldungen ließen das Schlimmste befürchten. Denn die Kommissare Eva Saalfeld und Andreas Keppler waren miteinander verheiratet und müssen jetzt zusammenarbeiten. Bei dieser Konstruktion hört man schon die Ideenmaschine der Macher, die stockbesoffen vor Begeisterung über ihre Idee sind, rattern. In ihrem ersten Fall „Todesstrafe“ wird dieser Punkt aber erstaunlich erwachsen und prosaisch abgehandelt. Sie haben sich nach der Scheidung viele Jahre nicht gesehen, sind aber immer in Kontakt geblieben und als Eva Saalfeld die designierte Leiterin der Leipziger Mordkommission wurde, wünschte sie sich Andreas Keppler als Kollegen, weil er einfach der beste Ermittler ist.

Denn während Eva Saalfeld das Mädchen von nebenan ist, mit dem man Pferde stehlen kann, ist Andreas Keppler ein kleiner Sherlock Holmes. Introvertiert, menschlich schwierig, allein lebend, aber ein genauer Beobachter, der nur für seine Arbeit lebt. Er puzzelt an seinen Fällen so lange herum, bis er die Lösung hat.

In ihrem ersten Fall „Todesstrafe“ suchen sie den Mörder von Hans Freytag. Er hatte in einer leerstehenden Fabrik eine Art Jugendzentrum aufgebaut und versuchte den Jugendlichen mit der Renovierung eines Schiffes Selbstvertrauen zu geben. Allerdings hatte ihn seine Frau angezeigt, ihre Tochter unsittlich berührt zu haben. Eine Bürgerwehr forderte den Tod von Kinderschändern wie Freytag. Keppler und Saalfeld fragen sich, ob einer der gesetzestreuen Bürger das Gesetz in die eigenen Hände genommen hat.

Bei ihren Ermittlungen stellen die Beiden schnell fest, dass es zur Tatzeit in der Fabrik wie in einem Taubenschlag zuging. Keppler hat daher einiges zu puzzeln.

Todesstrafe“ ist der gelungene Einstieg eines neuen Teams. Bei der Entwicklung wurde sich wirklich bemüht, ein stimmiges Gespann und eine spannende Geschichte zu erfinden. In seinem Filmroman liefert Oliver Wachlin dann Informationen zu den beiden Ermittlern und den etwas seltsamen Ermittlungsmethoden von Keppler. Denn er will einen Tatort vor den Kriminaltechnikern besichtigen. Dass er damit jede moderne Polizeiarbeit grandios torpediert und er teilweise sogar Spuren vernichtet (wenn er sich durch ein Fenster schwingt, durch das vorher wahrscheinlich der Täter flüchtete, er über mehrere Hinterhöfe die Spur des Täters verfolgt und in einem Müllcontainer nach Beweisen sucht) muss als ein – sehr großes – Zugeständnis an die Fiktion genommen werden, das man zähneknirschend hinnimmt, weil Keppler ein einprägsamer Charakter ist, der hoffentlich künftig Fälle lösen darf, die seinen intellektuellen Fähigkeiten entsprechen. Dass dafür dann das gleichberechtigte Ermittlerpaar (mit ihr als Vorgesetzte) hin zu einem traditionellen Sherlock-Holmes/Dr.-Watson-Gespann aufgelöst würde, wäre eine willkommene Abwechslung im „Tatort“-Einerlei von gleichberechtigten Ermittlern, ihrem ausuferndem Privatleben und eine Hinwendung zu einem Ermittler, für den spezielle Fälle geschrieben werden.

Das ist jedenfalls das in Wachlins Romanfassung liegende Versprechen. Ob es eingelöst wird, kann in den nächsten Fällen des Teams Eva Saalfeld/Andreas Keppler (die ich noch nicht gesehen habe) geprüft werden.

 

Fortsetzung folgt im Frühjahr 2010

 

Martin Conrath: Aus der Traum…

Emons, 2009

176 Seiten

8,95 Euro

Vorlage

Tatort: Aus der Traum… (D 2006)

Regie: Rolf Schübel

Drehbuch: Fred & Léonie-Claire Breinersdorfer

mit Maximilian Brückner, Gregor Weber, Alice Hoffmann, Hartmut Volle, Lale Yavas, Urs Fabian Winger, Burghart Klaußner, Lena Stolze, Andreas Schmidt

Erstausstrahlung: 15. Oktober 2006 (Folge 643)

Oliver Wachlin: Todesstrafe

Emons, 2009

176 Seiten

8,95 Euro

Vorlage

Tatort: Todesstrafe (D 2008)

Regie: Patrick Winczewski

Drehbuch: Mario Giordano, Andreas Schlüter

mit Simone Thomalla, Martin Wuttke, Julia Richter, Roman Knižka, Nadja Engel, Oliver Breite, Gitta Schweighöfer, Matthias Brenner

Erstausstrahlung: 25. Mai 2008 (Folge 700)

Hinweise

Kriminalakte: Gespräch mit Hejo Emons über die Tatort-Reihe

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Ersten (Oliver Wachlin: Blinder Glaube; Martin Schüller: Die Blume des Bösen)

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Zweiten (Martin Schüller: A gmahde Wiesn, Christoph Ernst: Strahlende Zukunft)