James Bonds nicht so glorreiche Rückkehr

Juni 3, 2008

Der Pressebohei um das neue James-Bond-Buch war groß. Immerhin ging es ganz schnöde um die Wiederbelebung von James Bond als Romangestalt. Denn der letzte Bond-Roman „The man with the red tattoo“ verkaufte sich 2002 nicht gut. Also wurde die Zusammenarbeit mit Raymond Benson beendet und nach einer mehrjährigen Pause auf dem Erwachsenenbuchmarkt, ein neuer Autor gesucht. Schon die Suche war von dem aus den Filmen bekannten Spiel aus Geheimhaltung und Spekulationen begleitet worden. Dann stand fest: Sebastian Faulks schreibt den neuen Roman. Die hastige Suche im Internet ergab: kein Krimiautor, sondern ein Literat. Nach Raymond Benson und John Gardner war das etwas Neues. Allerdings war auch der erste Bond-Roman nach Ian Flemings Tod von einem Literaten geschrieben worden. Kingsley Amis hieß der in England bekannte Autor, der dafür das kaum kaschierte Pseudonym Robert Markham verwandte.

Nun also Sebastian Faulks.

Dann begann der zweite Teil des Spiels. Über die Geschichte war vorher nichts zu erfahren und auch der Klappentext von „Der Tod ist nur der Anfang“ (ein weiterer der schön nichtssagenden Bond-Titel) passt auf fast jeden Bond-Roman: Der Geheimagent ihrer Majestät kämpft gegen einen gefährlichen Unterweltboss, der das Königreich angreifen will und eine schöne Frau ist auch dabei.

Weil Ian Fleming am 28. Mai seinen hundertsten Geburtstag feierte, wurde die weltweite Veröffentlichung des Buches von Flemings Erben und dem Verlag auf diesen werbeträchtigen Tag gelegt und weltweit schrieben die Medien kostenlos über die Vorstellung des neuen Bond-Romans in London mit Schlauchboot, bewaffneten Elitesoldaten, gesichertem Koffer, Covergirl Tuuli Shipster (ein fast Bondwürdiger Name) und Autor Sebastian Faulks. Bis dahin lief das Spiel mit den Erwartungen reibungslos.

Jetzt muss Faulks Geschichte sich der kritischen Öffentlichkeit stellen und es geht nur noch um eine Frage:

Wie geglückt ist das Buch?

Die kurze Antwort ist: Solala mit einer deutlichen Tendenz zum Negativen.

Die lange ist: „Der Tod ist nur der Anfang“ spielt knapp zwei Jahre nach dem letzten von Ian Fleming geschriebenen und 1965 posthum veröffentlichten Roman „The man with the golden gun“ (007 James Bond und der Mann mit dem goldenen Colt/007 James und der goldene Colt) (Als ich das maue Buch vor Ewigkeiten las, dachte ich, ich hätte einen noch nicht bearbeiteten Entwurf in der Hand.). Diese Rückkehr in die sechziger Jahre verleiht dem Werk ein nostalgisches Flair vom blühenden Jet-Set-Leben und den zaghaft angedeuteten beginnenden gesellschaftlichen Umbrüchen. Gleichzeitig gibt diese Rückkehr in die Sechziger, nachdem die Romane von Gardner und Benson in der Gegenwart spielten, und das bewusste Anknüpfen an Fleming den Bezugsrahmen für eine Kritik vor. Mit „Der Tod ist nur der Anfang“ sollte nicht, wie bei dem letzten Bond-Film „Casino Royale“ mit einem neuen Darsteller die Serie in ein neues Jahrzehnt überführt werden. Stattdessen sollte die einst glorreiche Vergangenheit wiederbelebt werden. Und Faulks knüpfte, wie er sagt, bewusst an Flemings Stil an.

M hat James Bond einen dreimonatigen Urlaub, in dem er sich überlegen soll, ob er weiter 00-Agent sein will, verordnet. In Venedig trifft er die schöne Larissa Rossi (Anfang dreißig, kurzes schwarzes Haar, weit auseinanderliegende braune Augen, wunderschöner Mund, lange, geschmeidige, wohlgeformte und elegante Beine). Bevor Bond mit ihr im Bett landet – wobei er das auf den nächsten Tag verlegen will (was uns Bond-Fans ernsthaft an der weiteren Diensttauglichkeit des Doppelnullagenten zweifeln lässt) –, wird er von M zurückgerufen. Er beauftragt Bond, sich an die Fersen von Dr. Julius Gorner zu heften. Der unglaublich reiche Mann ist ein weltweit operierender Rauschgifthändler, der seine Ware legal und illegal verkauft. Sein besonderes Kennzeichen ist eine Affenhand; eine genetische Missbildung. Bond soll herausfinden, wie der Mann tickt und was an den Gerüchten, dass Gorner etwas Großes plane, dran sei. Meistens sei er in Paris.

James Bond fliegt dorthin und trifft in seinem Hotelzimmer wieder auf Larissa, die in Wirklichkeit Scarlett Papava heißt und Investmentbankerin ist. Sie erzählt ihm eine herzzerreißende Geschichte von ihrer Schwester Poppy, die von Gorner als Sklavin festgehalten wird. Bond beschließt das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Am nächsten Tag trifft er Gorner zu einem Tennisspiel.

Dieses Spiel, natürlich garniert mit einem steigenden Wetteinsatz, ist Bond-klassisch die erste Konfrontation zwischen dem Geheimagent ihrer Majestät und dem zu besiegenden Feind der westlichen Hemisphäre.

Das nächste Treffen ist in Persien, dem heutigen Iran, – und in diesem Moment ist der angenehme Teil von „Der Tod ist nur der Anfang“ vorbei. Bis dahin war es eine liebevolle Wiederbelebung von James Bond, garniert mit Erwähnungen von Ereignissen aus den früheren Büchern, etwas Jet-Set, Essen, Trinken, schönen Frauen, Gesprächen mit Miss Moneypenny und M, einigen Hinweisen auf die sechziger Jahre und einem als Spiel getarntem Duell zwischen James Bond und dem Bösewicht des Buches. In Persien fällt Faulks Geschichte wie ein falsch zubereitetes Soufflé zusammen zu einer x-beliebigen, ironiefreien Agentengeschichte mit länglichen Reisebeschreibungen, lahmen Actionszenen, wenig Sex, einem vergurkten Verhindern der Pläne des Bösewichts und, Tage später, seinem Tod.

Das ist für einen Bond-Roman eindeutig zu wenig; – auch wenn ich als Vorbereitung für „Der Tod ist nur der Anfang“ die alten Bond-Romane von Ian Fleming nicht gelesen habe. Und, verglichen mit anderen in den Sechzigern spielenden Agententhriller, – ich denke an die Romane von Peter O’Donnell (Modesty Blaise), Lawrence Block (Evan Tanner) und Ross Thomas -, ist „Der Tod ist nur der Anfang“ erschreckend altmodisch. Kein Funken Ironie würzt das Werk. Nichts ist von den Swinging Sixties zu spüren. Nichts vom Aufbegehren gegen die Konventionen. James Bond stampft in seinem neuesten Abenteuer nur stoisch durch vertrautes Gelände.

Sebastian Faulks (schreibt als Ian Fleming): Der Tod ist nur der Anfang

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Heyne, 2008

352 Seiten

12,95 Euro

Originaltitel

Devil may care

Penguin 007/The Penguin Group, 2008

Hinweise

Homepage von Ian Fleming (genaugenommen von seinen Erben)

Kriminalakte über Ian Fleming und die Buchpremiere

Homepage von Sebastian Faulks

Contemporary Writers über Sebastian Faulks

Sebastian Faulks zum Buch

Times Online: Interview mit Sebastian Faulks

Stern: Interview mit Sebastian Faulks


Besprechung „Endstation Kabul“ online

Mai 29, 2008

In der Berliner Literaturkritik erschien meine Besprechung von Achim Wohlgethans „Endstation Kabul – Als deutscher Soldat in Afghanistan“. Wie die Überschrift „Endstation Langeweile“ verrät, hält sich meine Begeisterung für dieses Buch in sehr überschaubaren Grenzen.


Gut, aber zu lang

Mai 23, 2008

Neben der überaus erfolgreichen Lincoln Rhyme/Amelia Sachs-Reihe will Jeffery Deaver mit Kathryn Dance eine weitere Reihe etablieren. Dance trat bereits in dem Rhyme/Sachs-Roman „Der gehetzte Uhrmacher“ (The cold moon, 2006) auf und in „Die Menschenleserin“ haben Rhyme/Sachs einen kurzen telefonischen Auftritt.

Aber im Mittelpunkt steht Kathryn Dance vom California Bureau of Investigation. Die alleinerziehende Mutter (ihr Mann starb bei einem Unfall) ist Verhörspezialistin. Aus den Reaktionen der Verhörten folgert sie, welche Aussagen stimmen und welche nicht.

Jetzt soll sie im Bezirksgericht von Salinas Daniel Pell verhören. Pell wurde vor acht Jahren verurteilt. „Charlie Mansons Sohn“, so nannte ihn die Anklage, hatte mit seinen Jüngern eine Familie ermordet. Vor kurzem tauchten Beweise auf, die ihn mit einem weiteren Mord in Verbindung bringen. Dance soll herausfinden, ob Pell auch diesen Mord begangen hat. Schnell bringt sie Pell in Rage und er bricht das Verhör ab. Im Büro des leitenden Staatsanwalts von Monterey County bemerkt Dance, dass die Beweise gefälscht waren, damit Pell aus dem Hochsicherheitsgefängnis zu einem Verhör in das schlechter gesicherte Bezirksgefängnis gebracht wurde. Als Dance die anderen Polizisten über den geplanten Ausbruch informieren will, ist es bereits zu spät. Eine Bombe explodiert und Pell kann in dem anschließenden Chaos ausbrechen. Dabei bringt er drei Menschen um und verletzt einen weiteren Polizisten schwer. Sie sind nicht die letzten Opfer auf seiner Flucht.

Doch in Kathryn Dance hat Pell einen ebenbürtigen Gegner gefunden. Bereits am ersten Tag seiner Flucht kann er ihr, zusammen mit der in ihn verliebten Fluchthelferin, mehrmals nur knapp entkommen.

Im Folgenden bietet Jeffery Deaver einige Action-Szenen, viel Suspense und etliche Szenen, in denen die Verhörspezialistin Dance mit ihren Fähigkeiten brillieren kann, indem sie mit den ehemaligen weiblichen Opfern von Pell redet. Und natürlich sind die Hintergründe für Pells Ausbruch Deaver-typisch komplizierter als sie auf den ersten Blick scheinen.

Aber gerade im direkten Vergleich mit den in „Gezinkt“ (More twisted, 2006 – Besprechung folgt) versammelten Kurzgeschichten enttäuscht „Die Menschenleserin“. Während die Kurzgeschichten ohne große Erklärungen auf eine Schlusspointe zusteuern, verbringt Deaver in „Die Menschenleserin“ viel zu viel Zeit mit überflüssigen Erklärungen. So erklärt er auf fünf Zeilen, was „Waco“ ist. Bei über fünfhundert Seiten sind fünf Zeilen zwar nicht viel, aber jeder Amerikaner kennt Waco. Jedes Verhör von Dance wird mit langen Erklärungen über die verschiedenen kinesischen Signale verlängert. Vieles davon ist einfach überflüssig, wie diese Ausführungen: „Das Verb ‚glauben’ ist für Verhörspezialisten von großer Bedeutung, denn es zählt zu den charakteristischen Formulierungen für eine Verleugnung – wie ‚ich kann mich nicht erinnern’ oder ‚vermutlich nicht’. Seine Bedeutung: Ich winde mich, sage aber nicht einfach nein. Dance schloss daraus, dass das Paar die Kinder problemlos im Griff hatte.“

Bei diesen länglichen Erklärungen, die sich wie ein Copy&Paste aus einem Lehrbuch lesen, und dem Ende in mehreren Häppchen drängt sich der Eindruck auf, dass Deaver eine bestimmte Menge von Seiten schreiben wollte. Gerade gegen Ende, wenn die Flucht von Daniel Pell endet, ist der Roman noch lange nicht zu Ende. Stattdessen serviert Deaver noch einige Plottwists, die ohne große Mühe wirkungsvoller mit dem Ende von Pells Flucht aufgedeckt worden wären.

Deshalb ist „Die Menschenleserin“ nur ein weiterer zu lang geratener Thriller, der gekürzt zu einem besseren Buch geworden wäre.

Jeffery Deaver: Die Menschenleserin

(übersetzt von Thomas Haufschild)

Blanvalet, 2008

544 Seiten

19,95 Euro

Originaltitel

The sleeping doll

Simon & Schuster, Inc., New York, 2007

Hinweise
Homepage von Jeffery Deaver

Blanvalet Homepage über Jeffery Deaver

Amazon.com: Interview mit Jeffery Deaver zu “The sleeping doll”

Meine Besprechung von “Auf ewig” (Forever, 2005)


Sprache: gut, Plot: ungenügend

Mai 22, 2008

In seinem zweiten Kriminalroman hat Matti Rönkä seinen Ich-Erzähler Viktor Kärppä endgültig die Seiten wechseln gelassen. Bereits in „Der Grenzgänger“ funktionierte Kärppä nur leidlich als Vorbild für angehende Privatdetektive. Das lag nicht an seinem schlechten Einkommen (kein literarischer Privatdetektiv zählt zu den Großverdienern), seinen Kontakten zur Polizei und zu Verbrechern (irgendwie muss er ja an seine Informationen herankommen), seiner Vergangenheit (besonders beliebt sind ehemalige Staatsdiener; inzwischen haben sich auch einige Vorbestrafte zu dem illustren Kreis der Privatdetektive gesellt), seinem Single-Dasein (Privatdetektive haben Sex, vielleicht sogar eine feste Beziehung, aber sie sind nicht verheiratet), sondern an seiner – nun ja – laxen Arbeitsauffassung. In „Der Grenzgänger“ ermittelte er ziemlich halbherzig und machte nebenbei Geschäfte mit der Organisierten Kriminalität. In Helsinki hilft ihm bei letzterem seine Herkunft als Russe und ehemaliger Elitesoldat mit den dazugehörigen Verbindungen zum Geheimdienst.

In „Bruderland“ verdient Viktor Kärppä sein Geld als Subunternehmer für verschiedene Baufirmen. Selbstverständlich beschäftigt er Schwarzarbeiter. Außerdem handelt er mal mehr, mal weniger legal mit Gütern und versorgt die finnische Skinationalmannschaft mit illegalen Aufputschmitteln. Dieser Geschäftsbereich ist wegen polizeilicher Ermittlungen derzeit nicht aktiv. Sein Detektivbüro hat er für dieses, in dem angenehm schmalen Roman breit erzählte, diversifizierte Unternehmertum aufgegeben.

Jetzt fordert ihn sein Polizeifreund Korhonen auf, herauszufinden, wer ein Superheroin, das bereits viele Jugendliche umbrachte, verkauft. Die Spur führt in die ehemalige Sowjetunion und Kärppä hat immer noch ausgezeichnete Kontakte in den Osten zum Geheimdienst und zur Russenmafia – wobei einige seiner Freunde mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion einfach die Seiten gewechselt haben.

Wer jetzt allerdings, wie in „Der Grenzgänger“, einen fetzigen Privatdetektivkrimi der Hardboiled-Schule erwartet, wird in Matti Rönkäs zweitem Roman nur halbherzig bedient. Schon in „Der Grenzgänger“ war die Entwicklung des Krimiplots nicht überragend. Aber immerhin gab es am Ende einige hübsche Überraschungen. In „Bruderland“ kann davon keine Rede mehr sein. Kärppä ermittelt in „Bruderland“ noch weniger als in „Der Grenzgänger“. Bis er im letzten Viertel des Romans „Bruderland“ eine Reise nach Russland unternimmt, ermittelt er nicht und es gibt auch keine erkennbaren Hinweise auf die Rauschgiftschmuggler. Kurz: die Geschichte bewegt sich nicht voran. Dafür erzählt Kärppä viel – und unterhaltsam – von seinen halbseidenen Geschäften und liest die Mails seiner gerade in den USA studierenden Freundin.

Doch auch als Kärppä gegen Ende nach St. Peterburg fährt, sucht er dort nicht nach den Rauschgifthändlern, sondern verdient als Geldeintreiber für die dortige Russenmafia Geld, während der Bandenchef für ihn herausfindet, wer hinter den Rauschgiftlieferungen steckt. Zurück in Helsinki gibt es dann eine überflüssige Action-Szene, ein, zwei Überraschungen und das war’s.

Wenn Matti Rönkä nicht in einem so angenehm lakonischen Tonfall erzählen würde, wäre „Bruderland“ ein Fall für die Mülltonne. Denn der zusammengehauene Krimiplot erreicht kaum die Qualität eines C-Picture.

Matti Rönkä: Bruderland

(übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara)

Grafit, 2008

224 Seiten

17,90 Euro

Originaltitel

Hyvä veli, paha veli

Gummerus Kustannus Oy, Helsinki/Finnland, 2003

Hinweis

Meine Besprechung von „Der Grenzgänger“


„Die Söhne Abraham“ online

Mai 20, 2008

Die Berliner Literaturkritik hat heute meine Besprechung von Robert Littells neuestem Roman „Die Söhne Abrahams“ (Vicious Circle, 2006) veröffentlicht. Nach „Die kalte Legende“ und „Zufallscode“ war ich von seinem neuesten Werk etwas enttäuscht.

Ein, schon etwas älteres, aber lesenswertes Interview gibt es im January Magazine. Ein Neues über „Die Söhne Abrahams“ und seinen Sohn Jonathan in der Welt.


Alte Sünden und eine alte Leidenschaft

Mai 19, 2008

„MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ und „An einem heißen Sommertag“ heißen die empfehlenswerten Frühlingsbücher von Frank Göhre. „MO“ ist ein neues Werk; „An einem heißen Sommertag“ versammelt die bereits veröffentlichten, lange nicht mehr erhältlichen Romane „Letzte Station vor Einbruch der Dunkelheit“ und „Schnelles Geld“ und zwei Kurzgeschichten; eine davon neu.

Alte Sünden…

„Schnelles Geld“ erschien erstmals 1979 und war Göhres erster Kriminalroman. Dabei ist die Krimigeschichte nur die notdürftige Klammer für die autobiographisch (?) beeinflussten Erlebnisse einiger Mittzwanziger. Hans ‚Charly’ Kunkelfuß, Mitte zwanzig, arbeitet, wie Göhre, nach einer Buchhändlerlehre als Bibliothekar. Charly (und hier enden die Parallelen) beobachtet einen Mord, macht eine Aussage bei der Polizei und trifft sich, fast als ob nichts geschehen wäre, weiter mit seinen Freunden und Freundinnen, die zumindest teilweise Kontakt zur Halb- und Unterwelt haben. Charly ist mit seiner Arbeit, seinem Chef und dem Angebot, sich an einem korrumptiven Netzwerk zu beteiligen, zunehmend unzufrieden. Mit Mitte zwanzig fühlt er sich bereits saturiert. Nach einem Streit kündigt er und geht auf das Angebot, Autos zu verschieben, ein. Allerdings wurden er und seine Freunde schon lange von der Polizei, verkörpert durch den aus den St.-Pauli-Romanen bekannten Kommissar Jan Broszinski, beobachtet. Broszinski verhaftet sie und bietet Charly einen Deal an. Wenn er gesteht, könne er mit einer geringeren Strafe davonkommen. Da begreift Charly: „Sie wussten alles und verstanden nichts. Zufällige Begegnungen wuchsen sich im Kopf eines Beamten zu einem Fall aus, Akte Hans Kunkelfuß, ein raffiniert geplanter Coup. Wie dumm Broszinski war. Wie dumm und gefährlich.“

In diesem Moment – auf den letzten Seiten – wird „Schnelles Geld“ zu einem bedrückenden Bild für die staatliche Paranoia. Bis dahin erzählt Göhre nur die eher längliche Geschichte (jedenfalls solange man, auch angestachelt durch den Klappentext, auf einen sich ordentlich entwickelnden Krimiplot wartete) eines jungen, sexuell und beruflich frustrierten, sich ziellos treibenden Mannes, der – je nach Sichtweise – in einer verlängerten Teenager-Depression oder einer vorgezogenen Midlife-Crisis steckt.

„Letzte Station vor Einbruch der Dunkelheit“ ist ein Ausflug in die deutsche Vergangenheit. In den Fünfzigern muss Kommissar Peter Gottschalks seinen ersten Mordfall aufklären. Der junge Polizist lebt noch bei seinen vermögenden Eltern.

An einem See wurde die vergewaltigte und erwürgte sechzehnjährige Monika Honczek gefunden. Sie war der Schwarm mehrerer Jugendlicher. Allerdings war zur Tatzeit auch ein ehemaliger Fremdenlegionär in der Gegend. Im Gegensatz zur Bevölkerung glaubt Gottschalk nicht, dass Josef Kälin der Mörder ist. Eher schon ein Jugendlicher. Entweder der dickliche Lutz, der die Sommerferien als Aushilfe an der Tankstelle seiner allein lebenden Tante verbringen muss, oder der vermögende Mädchenschwarm Olaf.

Mit wenigen Worten zeichnet Göhre ein Bild der Fünfziger und der damaligen kleinbürgerlichen Bigotterie, in der eine allein stehende, junge, gut aussehende Tankstellenbesitzerin misstrauisch beäugt wird und Beziehungen, vor allem wenn sie auf gemeinsamen Kriegserlebnissen und Geld beruhen, alles regeln sollen. Die Gefühle, vor allem natürlich der Geschlechtstrieb, werden mühsam im Zaun gehalten. Und die Landbevölkerung weiß von Anfang an, dass Monikas Mörder ein Auswärtiger sein muss. Um diese falsche Harmonie zu zerstören, braucht Göhre keine 120 Seiten.

Die beiden Kurzgeschichten „Verrückte Schritte“ und „Keine Chance“ runden „An einem heißen Sommertag“ ab, ohne ihm etwas Wesentliches hinzuzufügen. Während die Erstveröffentlichung „Verrückte Schritte“, die von Brozinskis Versetzung nach Soltau erzählt, missglückt ist, ist „Keine Chance“ ein direkter Prolog zu Göhres St.-Pauli-Romanen. Jan Broszinski jagt bereits den Kiezpaten Werner ‚Emma’ Stobbe und Jörg Fedder wird bald zu seinem Team dazu stoßen. Da beginnt er einem seiner bei Stobbe eingeschleusten Spitzel zu misstrauen.

Die in „An einem heißen Sommertag“ veröffentlichten Geschichten erzählen, wenn sie chronologisch in die richtige Reihenfolge gebracht werden von „Letzte Station vor Einbruch der Dunkelheit“ über „Schnelles Geld“ und „Verrückte Schritte“ hin zu „Keine Chance“ Teile aus dem Leben der Kommissare Gottschalk und Broszinski, bevor sie in „Der Schrei des Schmetterlings“ (und damit in der St.-Pauli-Reihe) den Kampf gegen den Kiezpaten Stobbe aufnahmen.

…und eine alte Leidenschaft

Mit „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ kehrt Frank Göhre wieder einmal zu seinem Idol Friedrich Glauser zurück. In den Achtzigern gab er im Schweizer Verlag Die Arche, versehen mit kundigen Vorworten, die Romane von Friedrich Glauser heraus. 1988 veröffentlichte er, ebenfalls dort, das Porträt „Zeitgenosse Glauser“. In „MO“ nähert er sich dem Schweizer Schriftsteller auf literarischem Weg und zeichnet das bedrückende Bild eines zutiefst zerrissenen Menschen. Friedrich Glauser wurde am 4. Februar 1896 geboren und starb am 8. Dezember 1938. In seinem kurzen Leben stand er zeitlebens unter der Fuchtel seines diktatorischen Vaters, hatte als Erwachsener einen Vormund, war viele Jahre immer wieder – teilweise freiwillig – in der Psychiatrie und in Kliniken, doch kein Entzug hielt nachhaltig, versuchte sich öfters selbst umzubringen, ging zur Fremdenlegion, ließ sich von verschiedenen Frauen aushalten, hatte mit den Wachtmeister-Studer-Romane den Durchbruch und war morphiumsüchtig. „Mo“ nannte er die Droge. Ab seinem 22. Lebensjahr war Glauser bei der Polizei als morphiumsüchtig registriert und wurde als „gemeingefährlicher Geisteskranker“ geführt.

Wenn diese verkrachte Existenz nicht gleichzeitig ein begnadeter Literat gewesen wäre, würde ihn heute niemand mehr kennen. Aber Glausers Werk ist auch heute noch in mehreren Werkausgaben erhältlich. Er ist der bekannteste eidgenössische Krimiautor und war der Namensgeber für den gleichnamigen Preis der deutschen Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“. Jetzt gibt es einen äußerst gelungenen Roman über „die große Figur des Schweizer Krimis“ (Paul Ott)

Frank Göhre verarbeitet sein in den vergangenen Jahrzehnten gesammeltes Wissen in „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ zu einer atemberaubenden zwischen 1917 und 1938 spielenden Montage aus verschiedenen Perspektiven und Episoden, die ein eindrückliches Bild eines zerrissenen Charakters zeichnen. Für Göhre sind die biographischen Stationen der Ausgangspunkt für eine Studie über den Menschen Glauser, der während seines gesamten kurzen Lebens ein Getriebener und Suchender war. Gleichzeitig wollte er auch immer von seinem Vater anerkannt zu werden. Doch dieser wollte einen anderen Sohn. Einen, der nicht rauschgiftsüchtig ist. Einen, der sich nicht von Frauen aushalten lässt. Einen, der sich nicht in Künstlerzirkeln herumtreibt. Diese Zerrissenheit des Menschen Glauser spiegelt Frank Göhre in der sich collagenhaft zusammensetzenden Biographie, die gerade wegen ihres scheinbar unfertigen Charakters Friedrich Glauser als Menschen begreifbar macht, kongenial.

Frank Göhre: MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser

Pendragon, 2008

240 Seiten

19,90 Euro

Frank Göhre: An einem heißen Sommertag

Pendragon, 2008

320 Seiten

9,90 Euro

Enthält

Letzte Station vor Einbruch der Dunkelheit

(Erstausgabe Reinbek, 1990)

Schnelles Geld

(Erstausgabe der überarbeiteten und ergänzten Neuausgabe Reinbek, 1992)

Verrückte Schritte

(Erstveröffentlichung)

Keine Chance

(Erstausgabe Stuttgart, 1997 – andere Quellen sagen 1987)

Verfilmung

Schnelles Geld – Der lange Schatten des Morgens (Deutschland 1981)

Regie: Raimund Koplin, Renate Stegmüller,

Drehbuch: Raimund Koplin, Renate Stegmüller

Schnitt: Thorsten Näter

Musik: Alfred Harth

mit Karl Ghirardelli, Agnes Dünneisen, Willy Thomczyk

„Im Ruhrgebiet angesiedelter Kriminalfilm, der die genreüblichen Elemente mit dem Thema der orientierungslosen Jugend und ihrer Fluchtversuche aus der Wirklichkeit verbindet. In manchen Szenen bemerkenswert dicht und pointiert erzählt, wird der Film zunehmend komplizierter und büßt an Spannung ein.“ (Lexikon des internationalen Films) über dieses vergessene Werk.

Hinweise

Homepage von Frank Göhre

Meine Besprechung von „St. Pauli Nacht“

Meine Besprechung von „Zappas letzter Hit“

Meine Besprechung von „Der letzte Freier“

Krimiblog: Interview mit Frank Göhre


Schweiger ist zurück

Mai 16, 2008

Nach D. B. Blettenberg, Fred Breinersdorfer, Frank Göhre und Roger Graf (der vor allem für die auch als Buch erschienenen Hörspielserie „Die haarsträubenden Fälle des Philip Maloney“ bekannt ist) hat Pendragon-Macher Günther Butkus einen weiteren deutschsprachigen Krimiautor ausgegraben, der in den achtziger und neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bei den großen Verlagen veröffentlichte, von Kritikern gelobt, vom Publikum gelesen wurde und mit dem Einstellen der Krimireihen von der Bildfläche verschwand. Nach fast zehn Jahren kehrt Wolfgang Schweiger mit dem durchwachsenen „Der höchste Preis“ zurück. Denn die ersten Zeilen versprechen eine Geschichte, die bereits im zweiten Kapitel zugunsten eines gängigen Rätselkrimis aufgegeben wird.

Schott setzte sich, legte „Traunsteiner Tagblatt“, Gauloises und Feuerzeug auf den Tisch vor sich und winkte der Bedienung. Während er auf seinen Cappuccino wartete, blätterte er die Zeitung durch und sah nach, was die alte Heimat so an Nachrichten zu bieten hatte. Viel Dramatisches war nicht dabei: Eine Schlägerei in Traunreut, ein Unfall auf der B 304, eine Bergrettung am Watzmann, Vereinsaktivitäten, Dorffeste und auf der Kulturseite ein Bericht von den Salzburger Festspielen. Schöne, heile Welt. Schott nahm seinen Cappuccino in Empfang, zahlte und steckte sich eine Zigarette an. Dann lehnte er sich zurück und wartete darauf, dass sich der Mann blicken ließ, den der demnächst töten würde.

Mit diesen wenigen Zeilen schafft Schweiger ein plastisches Bild des Handlungsortes und er stellt zwei wichtige Charaktere für die folgende Geschichte vor. Allerdings konzentriert Schweiger sich ab dem zweiten Kapitel auf Kommissar Gruber. Er sucht seit Jahren erfolglos nach drei spurlos verschwundenen Mädchen. Das letzte verschwand erst vor kurzem.

Da wird Finanzmakler Gerhard Hauser vor seiner Garage angeschossen und von seiner Frau entdeckt. Gruber beginnt den Schützen zu suchen und stößt schnell auf Walter Schott. Doch Schott behauptet, obwohl er ein Motiv hätte, es nicht getan zu haben. Hauser hatte Schotts minderjährige Schwester vor Jahrzehnten vergewaltigt. Die todkranke Ex-Prostituierte und Ex-Frau von Hauser, Monika Hochstätter, erzählte ihm das und er beschloss den Vergewaltiger zu töten.

Während Gruber den Täter sucht, beginnt er, wie es sich für Mittfünfziger gehört, mit seinen lange nicht mehr gesehenen Schulfreunden Schott und Hauser in Erinnerungen zu schwelgen. Denn die drei Männer kennen sich von früher.

Schweiger, der für „Soko 5113“ und „Der Fahnder“ (noch mit dem einzig wahren Fahnder-Darsteller Klaus Wennemann) Drehbücher und auch das in seinen Urteilen geschmacksichere Filmbuch „Der Polizeifilm“ schrieb, beachtet die Lektionen aus den von ihm bewunderten Romanen und Filmen. Denn vor seinem ersten Roman versuchte er sich als Drehbuchautor für „deutsche Gegenstücke zu den schwarzen Krimis der Franzosen“ (Schweiger in „Der Polizeifilm“). Deshalb gibt es in seinem neuesten Kriminalroman schnelle Szenewechsel („Der höchste Preis“ hat 49 Kapitel), prägnante Beschreibungen von Orten und viele Dialoge.

Allerdings pendelt „Der höchste Preis“ für einen rundum gelungenen Krimi zu unentschlossen zwischen den verschiedenen Genres und entscheidet sich nach dem Baukastenprinzip für einen Whodunit mit einem läppischen Rätselplot, etwas Rachegeschichte, etwas perverser Serienkillergeschichte (denn dass zwei der drei verschwundenen Mädchen tot sind, ist offensichtlich) und etwas verklärender Erinnerung an 1968 (Jimi Hendrix und die erste große Liebe).

So ist Schweigers Rückkehr in die Krimiszene nur die nette Lektüre für einen lauschigen Sommerabend und das Versprechen auf den nächsten, besseren Roman.

Wolfgang Schweiger: Der höchste Preis

Pendragon, 2008

256 Seiten

9,90 Euro

Hinweise

Homepage von Wolfgang Schweiger

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Wolfgang Schweiger

Rosenheimer Nachrichten: Interview mit Wolfgang Schweiger (26. November 2006)


Eine nicht legale Methode gegen Produkterpresser

Mai 9, 2008

Auf den ersten Seiten von Alfred Hellmanns „Vor den Hymnen“ scheint ein SEK-Team einen Mann verhaften zu wollen. Sie umstellt die Grunewald-Villa und wartet auf den Befehl zum Zugriff. Der Mann entdeckt allerdings die Polizisten und trifft Vorbereitungen für seinen Selbstmord. Da kommt sein Sohn überraschend zurück. Er sucht sein Handy, trinkt aus einer vergifteten Johannisbeersaftflasche, beginnt nach Luft zu schnappen. Sein Vater versucht ihn zu retten, läuft vor die Tür, will die Polizisten um Hilfe bitten. Die Polizisten erschießen ihn.

Anschließend verschwindet das SEK-Team spurlos.

Die beiden Kriminalpolizisten Viktor Land und Irina Heinrichs stehen ratlos vor der Leiche des achtundsechzigjährigen Firmeninhabers und Kaufhauserpressers Leonard Gantas. Es gibt kein Motiv. Es gibt keine Beweise für den Einsatz eines SEK-Teams. Aber um die Villa herum werden Hinweise auf den Einsatz eines militärisch geschulten Einsatzteams gefunden.

Kurz darauf wird Günter Ternhard in ein Krankenhaus eingeliefert. In seiner Hand explodierte in einem Lebensmittelgeschäft ein von ihm präpariertes Tetra-Pak. Bei seiner Verhaftung spricht er von einem SEK-Team. Später, im Krankenhaus, leugnet er das.

Während Land und Heinrichs noch im Dunkeln tappen, enthüllt Hellmann das Motiv für den Mord und auch den Drahtzieher. Johann Widera ist einer der Direktoren der Sontexa-Versicherung. Er ist zuständig für die Schadensregulierung bei Produkterpressungen. In den vergangenen Jahren nahmen die Kaufhauserpressungen rapide zu. Also beauftragte er einen ihm unbekannten Mann, der sich am Telefon Mike nennt, einigen der notorischen Kaufhauserpresser einen Denkzettel zu verpassen. Bei Gantas geriet die Sache außer Kontrolle. Jetzt will Widera die Sache abblasen. Aber Mike denkt nicht daran.

„Vor den Hymnen“ ist, zehn Jahre nach Alfred Hellmanns Debüt „Zeuss“, ein spannender Thriller mit einem überraschenden Schlusstwist. Bis dahin bewegt sich die in Berlin spielende Geschichte abwechslungsreich zwischen den Ermittlungen der beiden Kommissare Land und Heinrichs, dem Versicherungsdirektor Widera, der verzweifelt versucht seine Karriere zu retten, indem er das von ihm losgeschickte Kommando zum Aufhören bewegen will, und der Kaufhauserpresserin Katharina Syltenfuss, die nur an ihre nächste Tat denkt, hin und her. Syltenfuss ist, wie der auf den ersten Seiten des Romans ermordete Gantas, eine sich im Rentenalter befindende Person, die mit finanziellen Problemen zu kämpfen hat. Während Gantas an sein mittelständisches Herrenbekleidungsgeschäft und seine Angestellten denkt, denkt sie vor allem an ihren Jaguar und den, nach einer grandiosen Fehlinvestition auf dem Aktienmarkt, nur noch mühsam aufrecht erhaltenen schönen Schein.

Dass am Ende die Sympathien bei ihr und nicht bei Widera liegen, spricht für Hellmanns großes Talent mit wenigen Worten einen Charakter lebendig werden zu lassen. Er reflektiert ohne moralinsaueres Gerede und ohne die aus skandinavischen Krimis bekannte Sehnsucht zurück zur heilen Welt des Volkshauses die Ängste eines vom Abstieg bedrohten Mittelstandes und die individuellen Strategien verschiedener Charaktere für ihr eigenes Überleben. Auch wenn keine dieser Strategien – das gehört aber zum Genre – sich an die Buchstaben des Gesetzes hält und Hellmann am Ende nicht alle Bösen bestraft.

„Vor den Hymnen“ ist ein flotter Großstadtkrimi mit einer erschreckend plausiblen Prämisse. In Deutschland gibt es, je nach Schätzung, jedes Jahr zwischen fünfzig und vierhundert Produkterpressungen. Zwar raten Sicherheitsfirmen und Polizei zu einer Zusammenarbeit mit der Polizei, die meisten Erpresser führen ihre Tat nicht vollständig aus und, wenn es dann doch zur Übergabe des Lösegeldes kommt, werden sie meistens geschnappt. Aber: Warum sollte nicht eine Versicherung nach einem besonders effizienten Ausweg suchen? Und warum sollten nicht einige gut ausgebildete Elitekämpfer nach einer zusätzlichen Einnahmequelle suchen?

Alfred Hellmann: Vor den Hymnen

Emons, 2008

240 Seiten

9,90 Euro


Jack Reacher auf der Jagd

Mai 7, 2008

Jack Reacher ist zurück – und durch ein Versehen des Verlages sogar gleich mit drei Abenteuern. „Sniper“ heißt das neueste Werk von Lee Child. „Die Abschussliste“ und „Tödliche Absicht“ die beiden älteren, als Taschenbuch erschienenen, Thriller.

Der Brite Lee Child eroberte 1997 gleich mit dem ersten Jack-Reacher-Roman „Größenwahn“ im Sturm die Herzen der Leser. Seitdem schrieb er jedes Jahr ein weiteres, etwa fünfhundertseitiges Werk mit seiner modernen Version von Shane. Denn genau wie der mythologische Westernheld kommt Reacher in eine Stadt, wird unschuldig in einen riesigen Schlamassel verwickelt, sorgt skrupellos für Recht und Ordnung und verschwindet nach getaner Arbeit. Allerdings sucht Jack Reacher in „Sniper“, „Die Abschussliste“ und „Tödliche Absicht“ aus verschiedenen Gründen den Ärger.

In „Sniper“ erschießt ein Heckenschütze an einem Freitagnachmittag in einer Kleinstadt in Indiana fünf Menschen. Die Spur der Indizien führt die Polizei sofort zu dem ehemaligen Militärscharfschützen James Barr. Bei einem Verhör sagt er nur zwei Sätze: „Sie haben den Falschen.“ und „Lassen Sie Jack Reacher herkommen.“

In diesem Moment hat sich Jack Reacher bereits auf den Weg gemacht. Aber nicht, um Barr aus dem Gefängnis zu befreien, sondern um sich zu überzeugen, dass Barr dieses Mal für seine Tat büßen wird. Denn 1991 erschoss Barr in Kuwait-Stadt vier Menschen und Reacher, der damals noch Militärpolizist war, musste ihn aus übergeordneten Gründen laufen lassen. Als er sich Barrs zweiten Mehrfachmord als Heckenschütze ansieht, stellt er fest, dass die Beweise wasserdicht sind und eine Verurteilung kein Problem sein wird. In diesem Moment fragt Reacher sich, ob die Beweise nicht zu gut sind und ob Barr der wirkliche Schütze ist. Als Reacher mit seinen eigenen Ermittlungen für die Verteidigung beginnt, stößt er auf Ungereimtheiten.

Der neunte Jack-Reacher-Roman „Sniper“ zeigt Lee Child auf der Höhe seines Könnens. Aus einem einfachen, hinterhältigen Anschlag entwickelt er ein böses, von langer Hand geplantes Komplott, das letztendlich nur mit Gewalt gelöst werden kann. Und nachdem Jack Reacher die Bösen besiegt hat, verschwindet er, wie ein Geist, wieder von der Bildfläche.

Wegen eines Versehens der Druckerei wurde in einem Teil der Erstauflage der kürzlich erschienenen Taschenbuchausgabe von „Die Abschussliste“ der Text des älteren Reacher-Abenteuers „Tödliche Absicht“ abgedruckt. Der Unterschied kann einfach festgestellt werden. „Tödliche Absicht“ beginnt mit den Worten: „Sie erfuhren im Juli von ihm und blieben den gesamten August über zornig. Im September versuchten sie ihn zu ermorden. Aber das war viel zu früh.“ „Die Abschussliste“ beginnt so: „So schlimm wie ein Herzanfall, vielleicht waren das Ken Kramers letzte Gedanken – wie eine abschließende Panikexplosion in seinem Gehirn, als er zu atmen aufhörte und im Abgrund versank. Er verhielt sich auf jede nur denkbare Weise falsch, das wusste er.“

Also, liebe Sammler, der Fehldruck könnte später noch ziemlich wertvoll werden.

Doch jetzt zum Inhalt. „Die Abschussliste“ ist ein Ausflug in Jack Reachers Vergangenheit als Soldat. Silvester 1989/1990 schiebt er mitten im Nirgendwo in Fort Bird Wache. Da wird in einem billigen Motel General Ken Kramer gefunden. Er hatte offensichtlich beim Sex einen Herzanfall. Aber Kramers Aktenkoffer mit geheimen Unterlagen ist verschwunden. Er war auf dem Weg zu einer Tagung. Wenige Stunden später wird Kramers Frau in ihrem Haus von einem Einbrecher ermordet. Reacher glaubt nicht an einen Zufall. Und er glaubt, dass in Kramers Aktentasche etwas Wichtiges ist. Außerdem will er wissen, warum ein General einen riesigen Umweg fährt, um mit einer Prostituierten ins Bett zu steigen.

Bei dem Ausflug in Jack Reachers Vergangenheit wechselte Lee Child wieder einmal die Erzählperspektive von der dritten Person zur ersten Person, ohne dass sich dadurch viel ändert. Jack Reacher ist immer der reine Tatmensch. Wenn er denkt, dann tut er das entweder im Gespräch mit einer seiner Verbündeten oder außerhalb der Geschichte. Lee Childs Sprache beschränkt sich auf das funktionale Beschreiben der Handlung. Da ist kein Platz für Sentimentalitäten.

Das zeigt sich besonders deutlich, als Jack Reacher und sein Bruder Joe in „Die Abschussliste“ nach Paris fliegen und dort schockiert erfahren müssen, dass ihre Mutter unheilbar an Krebs erkrankt ist und in wenigen Tagen sterben wird. Während andere Autoren dieser Privatgeschichte viel Platz gegeben hätten, erledigt Lee Child das auf die Reacher-typische Art.

Allerdings ist ein jüngerer, in militärische Strukturen eingebundener Reacher nicht der aus den anderen Romanen bekannte, die Anonymität schätzende, unter dem staatlichen Radar lebende Jack Reacher. Daran ändern auch Joe Reachers Hinweise auf die geänderten Zeiten, seine Fragen nach den weiteren Plänen von Jack Reacher im Militär und Jack Reachers abwehrender Haltung dazu nichts. Reacher scheint sich beim Aufklären der Morde und dem Aufdecken des damit zusammenhängenden Komplottes sogar mit besonderer Lust mit seinem neuem Vorgesetzten anzulegen. Doch, im Gegensatz zu dem späteren Privatmann, kann ein Militärpolizist bei seinen Ermittlungen auch immer mit der geballten Macht seines Amtes gegen Verdächtige vorgehen.

Der schwächste Roman in diesem Dreierpack ist „Tödliche Absicht“. Die ehemalige Freundin von Jack Reachers inzwischen verstorbenem Bruder, M. E. Froelich, arbeitet beim Secret Service. Sie soll den designierten Vizepräsidenten Armstrong beschützen. Gegen ihn häuften sich in den vergangenen Monaten die Morddrohungen. Sie bittet Reacher ihr zu helfen.

Im Folgenden entwickelt sich eine längliche Attentatsgeschichte. Denn der Gegner und sein Motiv bleiben bis zum Schluss im Dunkeln. Reacher versucht den Vizepräsidenten zu beschützen und den Attentäter zu finden. Dabei fragt er sich, ob der Attentäter ein Insider ist, Helfer beim Secret Service hat, Froelich das eigentliche Opfer ist oder doch der unbescholtene Vizepräsident und ob der Attentäter eher der Typ Edward Fox in „Der Schakal“ oder John Malkovich in „In the Line of Fire“ ist. Denn wenn der Täter unerkannt fliehen will, wird er sich anders benehmen, als wenn ihm sein Überleben egal ist. Ausführlich schildert Lee Child die Ermittlungen von Reacher, wie Froelich versucht den Vizepräsidenten zu schützen und wie sie einige Anschläge verhindern.

Allerdings – und das ist die große Crux von „Tödliche Absicht“ – ist es einfach unglaubwürdig, dass die Attentäter ihr Opfer mehrfach vorwarnen und so ihre eh schon schwierige Aufgabe noch schwieriger machen.

Lee Child: Sniper

(übersetzt von Wulf Bergner)

Blanvalet, 2008

480 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

One Shot

Bantam Press, 2005

Lee Child: Die Abschussliste

(übersetzt von Wulf Bergner)

Blanvalet, 2008

480 Seiten

7,95 Euro

Deutsche Erstausgabe (Gebundene Ausgabe)

Blanvalet, 2006

Originalausgabe

The Enemy

Bantam Press, 2004

Lee Child: Tödliche Absicht

(übersetzt von Wulf Bergner)

Blanvalet, 2005

480 Seiten

8,95 Euro

Deutsche Erstausgabe (Gebundene Ausgabe)

Blanvalet, 2003

Originalausgabe

Without Fail

Bantam Press, 2002

Jack-Reacher-Reihe

1 – Größenwahn (Killing Floor, 1997)

2 – Ausgeliefert (Die Trying, 1998 )

3 – Sein wahres Gesicht (Tripwire, 1999)

4 – Zeit der Rache (The Visitor, 2000)

5 – In letzter Sekunde (Echo Burning, 2001)

6 – Tödliche Absicht (Without Fail, 2002)

7 – Der Janusmann (Persuader, 2003)

8 – Die Abschussliste (The Enemy, 2004)

9 – Sniper (One Shot, 2005)

10 – The Hard Way, 2006

11 – Bad Luck and Trouble, 2007

12 – Nothing To Lose, 2008 (erscheint im Juni)

Hinweise

Homepage von Lee Child

Blanvalet über Lee Child


In den USA hochgelobtes Debüt

April 30, 2008

Cornelia Reads “Schneeweißchen und Rosentot war, jeweils in der Sparte „Bestes Debüt“, für den Edgar, Gumshoe, Macavity, Barry, Audie (ein Hörbuchpreis), Romantic Times Book Club Critics Choice und Northern California Book Award for Fiction nominiert. Aber sie erhielt keinen der Preise und das hatte selbstverständlich einen Grund.

Madeline Dare lebt 1988 mit ihrem Mann Dean in Syracuse und schreibt für den „Syracuse Weekly“ für die bunten Seiten. Bei einem Mittagessen bei Deans Eltern zeigt ihr ihr Schwiegervater Cal die Erkennungsmarke eines Soldaten. Cal hat sie auf dem Feld gefunden, auf dem 1969 Harvey Johnston zwei Mädchen mit durchgeschnittener Kehle entdeckt hatte. Zuletzt waren sie mit zwei Soldaten auf dem Jahrmarkt gesehen worden. Cal meint, das sei doch eine Story für sie.

Madeline muss dagegen noch den Namen auf der Erkennungsmarke verarbeiten. Lapthorne Townsend. Ihr Lieblingscousin.

Natürlich glaubt sie nicht an seine Schuld und beginnt mit ziemlich amateurhaften Ermittlungen. Denn sie ist alles andere als eine investigative Journalistin. Trotzdem weisen die ersten Recherchen auf Lapthorne hin. Harvey Johnston erzählt ihr, er habe damals einen dunkelhaarigen Mann mit Bürstenschnitt am Tatort gesehen. Auf der New York State Fair trifft sie Archie Sembles. Er hatte damals Scherenschnitte von den toten Mädchen und den Soldaten gemacht. Als sie ihm gegenüber die Polizei erwähnt, gerät er in Panik, redet von einem „Struvel Peter“ und wirft sie aus seinem Wohnwagenatelier.

Erst am nächsten Tag, nach einer erfolglosen Suche nach Peter Struvel im Telefonbuch, fällt ihr ein, dass sie den Namen als Struwwelpeter kennt und damals Jack Schneider die Ermittlungen leitete. Hat er die Mädchen umgebracht?

Im Mittelpunkt von „Schneeweißchen und Rosentot“ steht nicht der Rätselkrimiplot, sondern die Erzählerin Dare, ihre Familie und ihr Leben zwischen Job, Ehe, eigener und angeheirateter Familie und ihrer unstetig-sexgierigen Freundin Ellis Clark. Davon erzählt sie in einem schnoddrig-ironischen Tonfall. Die beiden Familien, ihre steinreiche, dysfunktionale Ostküstensippe mit einer bewegten Vergangenheit und seine arme, aber nette Arbeiter- und Bauernfamilie, bieten dafür auch reichlich Stoff.

Dagegen schleppt sich der Krimiplot ohne große Überraschungen unglaublich zäh dahin. Immer wieder verzögert Madeline die Ermittlungen, weil investigative Recherchen nicht ihr Ding sind. Tagelang lässt sie diese Recherche links liegen. Sie spricht nur, falls überhaupt, höchst unwillig mit Zeugen und Verdächtigen. Und die Lösung ist von Anfang an so offensichtlich, dass ich es bis zum Schluss nicht glauben wollte.

Cornelia Read hat die vielen Nominierungen erhalten, weil ihre Erzählerin eine nette Stimme hat. Sie hat keinen Preis erhalten, weil der Krimiplot sich nach der Anfangsprämisse sehr langsam und sehr vorhersehbar entwickelt.

„Schneeweißchen und Rosentot“ ist als Mainstream- und Frauenliteratur sicher nicht ohne Verdienste, aber als Kriminalroman ist es ein ziemlicher Langweiler.

Cornelia Read: Schneeweißchen und Rosentot

(übersetzt von Sophie Zeitz)

dtv, 2008

432 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

A field of darkness

Warner Books, 2006

Hinweise

Homepage von Cornelia Read

Cornelia Read bloggt bei Naked Authors


Nix mit Suspense

April 24, 2008

Eine Sammlung von Kurzkrimis beginnt mit einem Konzept. In „Greatest Hits“ handeln alle Geschichten von Profikillern. In „Dangerous Women“ geht es um gefährliche Frauen. In „Murderers’ Row“ um Baseball. In „Murder and all that Jazz“ um Jazz. In „Mystery Street“ um eine Straße und einen Privatdetektiv als Helden. In „Schöne Leich’ in Wien“ spielen alle Geschichten in Wien. In „Tod am Bodensee“ am Bodensee. Ein solches Konzept führt bei den Autoren zu einer gesunden Mischung aus Disziplin (sie müssen eine Kriminalgeschichte zu einem bestimmten Thema oder Ort schreiben) und Freiheit (innerhalb dieses Rahmens ist alles möglich). Gleichzeitig ist das so entstehende Buch nicht einfach nur eine Sammlung von mehreren Kurzgeschichten, sondern etwas besonders.

Bei der von Christiane Geldmacher herausgegebenen Kurzgeschichtensammlung „Hell’s Bells“ wurde auf ein solches Konzept verzichtet und im Klappentext wird als Kaufargument nur noch hilflos der kleinste gemeinsame Nenner für eine Geschichte bemüht: nämlich „Spannung“. Gerade dieser Aspekt sollte für eine Kriminalgeschichte noch selbstverständlicher sein als für jede andere Geschichte.

Allerdings sind die meisten Geschichten in „Hell’s Bells“ nicht sonderlich spannend. Spannung ist die Ankündigung, dass etwas geschehen wird. Wir Leser sind in das Geschehen involviert. Wir wollen wissen, wie die Geschichte endet. Wir hoffen dabei auf ein bestimmtes Ende.

Alfred Hitchcock bemühte, wenn er erklären musste, was Spannung ist, oft die Karten spielenden Männer. Während sie seelenruhig spielen, wissen wir, dass der Verbrecher unter dem Tisch eine Bombe angebracht hat und wann sie explodiert. Im Folgenden hoffen wir, dass diese Männer entweder die Bombe entdecken oder möglichst schnell den Raum verlassen. Das ist Suspense. Auch jede Folge von „Alfred Hitchcock präsentiert“ (Alfred Hitchcock presents) demonstriert dieses Prinzip. Beispielsweise „Bang! You’re Dead“. Ein als Cowboy verkleideter Junge schiebt eine Kugel in einen Revolver. Dann zieht er durch den Vorort und schießt auf Gegenstände und Menschen. Bei jedem Schuss hoffen wir, dass die Kugel in der Trommel bleibt. Vor jedem Schuss hoffen wir, dass ein Erwachsener ihm endlich den Revolver abnimmt. Nach jedem Schuss hoffen wir, dass der Junge mit diesem Spiel aufhört.

Genau diese Spannung – immerhin wird im Klappentext auch explizit auf Patricia Highsmith und „Suspense“ hingewiesen – fehlt den in „Hell’s Bells“ versammelten Geschichten. Die meisten plätschern, oft psychologisch unglaubwürdig, bis zum Ende vor sich hin. Norbert Horst, Jürgen Albertsen und Carlo Schäfer lassen einen eher ratlos zurück. Einige, wie Henrike Heilands Theaterstück, Arthur Gordon Wolf und Sebastian Spengler, sind einfach missglückt.

In diesem Umfeld wird Dieter Paul Rudolph mit seinem etwas länglichen Schulaufsatz „All-inclusive oder Wie ich meine großen Ferien verbracht habe“ zum Höhepunkt. Doch Schulaufsätze sind nicht spannend.

Christiane Geldmacher (Hrsg.): Hell’s Bells

Poetenladen, 2008

176 Seiten

13 Euro

Enthält

Sebastian Spengler: Der Wald reicht bis ans Haus

Norbert Horst: Nah

Dieter Paul Rudolph: All-inclusive oder Wie ich meine großen Ferien verbracht habe

Henrike Heiland: Der unglückliche Herr Dr. von und zu Wittenstein

Arthur Gordon Wolf: Jack is Back

Sabine Ludwigs: Beutezug

Susanne Schubarsky: Schwarze Erinnerungen

Sabine Thomas: Angel in the Night

Carlo Schäfer: Uranus Schnitz und das Michelangelo Quadrat

Jürgen Albertsen: Ein Platz bei ihr am Grab

Michael Theurillat: Plan B

Elke Schröder: Eine runde Sache

Sabina Altermatt: Bergwärts

Michael Hüttenberger: Dorfmusik

Christiane Geldmacher: Ach, du bist das


Ausgewählte Frühjahrsmorde 2008: dtv

April 15, 2008

Ohne große Worte: die demnächst im Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv) erscheinenden Krimis:

Mai

Friedrich Ani: Wer tötet, handelt (der zweite Fall des Sehers: der blinde Kommissar Jonas Vogel bietet sich als Geisel an. Der erste Fall, „Wer lebt, stirbt“, hat mir nicht gefallen.)

T. C. Boyle: Talk Talk (Der Thriller von T. C. Boyle als Taschenbuch: Ein Betrüger hat gefälschte Schecks auf ihren Namen ausgestellt und ihre Identität geklaut. Jetzt schlägt sie zurück.)

Jonathan Harr: Der verschollene Caravaggio (The lost painting, 2005 – Zwei Studentinnen suchen das seit Jahrhunderten verschwundenes Caravaggio-Gemälde „Gefangennahme Christi“. Harr schrieb auch das erfolgreiche, mit John Travolta verfilmte Sachbuch „Zivilprozess“ und „Der verschollene Caravaggio“ erzählt ebenfalls eine wahre Geschichte.)

Gabriela Jaskulla: Die Geliebte des Trompeters (kein Krimi, sondern eine im Nachkriegsberlin spielende Liebesgeschichte zwischen einem Berliner Mädchen und einem amerikanischen Soldaten. Er heißt Chet Baker und wurde später als Jazzmusiker weltberühmt. – Die ersten Seiten haben mir nicht so gefallen, aber als Jazzfan gebe ich dem Buch eine zweite Chance. Oh, auch als Berliner.)

Cornelia Read: Schneeweißchen und Rosentot (A field of darkness, 2006 – Das Debüt war unter anderem für den Edgar, Gumshoe, Macavity und Barry nominiert. Also nicht von dem etwas nichtssagenden Titel und Cover irritieren lassen. – Besprechung demnächst.)

Ilka Remes: Das Erbe des Bösen (Pahan Perimä, 2007 – Als Biotechniker Erik Narva sich auf die Suche nach seinem verschwundenen Vater macht, findet er heraus, dass dieser als Physiker für die Nazis arbeitete. Bei seiner Suche bringt er auch das Leben seiner Familie in Gefahr. – Thriller über die Verantwortung von Wissenschaftlern für ihre Handlungen.)

Juni

John Harvey: Schlaf nicht zu lange (Darkness and Light, 2006 – Der dritte Frank-Elder-Roman: eine Freundin von Elders Exfrau ist verschwunden. – dtv wird danach die Resnick-Krimis veröffentlichen. Schön, dass Harvey endlich wieder einen deutschen Verlag gefunden hat. Und schön, dass jetzt auch hier die Leser John Harvey entdecken.)

Peter Oberdorfer: Kreuzigers Tod (Ein Debüt: eine mörderische Groteske aus einem österreichischen Bergdorf.)

Juli

Klaus Luttringer: Der Skorpion (Debüt: Tsilihin soll in Arkadien ein Verbrechen der Wehrmacht aufdecken.)

Henning Mankell: Das Auge des Leoparden (einer von Mankells Afrika-Romane)

Iain McDowall: Der perfekte Mord (das müsste „Percetly Dead“, 2003, der dritte Jacobson/Kerr-Roman sein. Dieses Mal müssen die beiden Polizisten den Mörder eines Dealers suchen. Kurz darauf bringt ein Mann in einem gediegenen Vorort seine Familie und dann sich um. – In jedem Fall spannende Krimiunterhaltung von der Insel.)

August

Umberto Eco: Der Namen der Rose (Vor über zwanzig Jahren hat mir das Buch gerade wegen der langen Diskurse über Gott, die Welt, die Ketzer und das Lachen viel besser als der Film gefallen.)

Cynthia Harrod-Eagles: Der Tote auf der Schaukel (ein neuer Fall für DI Bill Slider: auf einem Spielplatz bei einer Sozialwohnungssiedlung wird die Leiche eines muskulösen, gut gekleideten Mannes gefunden.)

September

Horst Bosetzky: Quetschkartoffeln und Karriere (der Abschluss der großen Familiensage von –ky lässt die siebziger Jahre wieder aufleben)

Kjell Eriksson: Nachtschwalbe (In einer Buchhandlung wird die Leiche eines jungen Schweden gefunden. Kommissarin Ann Lindell sucht den Mörder. Die Presse hält Einwanderer für die Täter. – Wird als „erstklassiger schwedischer Kriminalroman in bester Mankell-Tradition“ beworben.)

Paul Grote: Der Pottwein-Erbe (Zielgebiet der weinseligen Ermittlungen: Portugal. Auf den Erben eines Weingutes werden Anschläge verübt. Dieser sucht die Täter und erfährt dabei einiges über den portugiesischen Wein.)

Oktober

Leif Davidsen: Der Feind im Spiegel (Taschenbuch-Ausgabe eines Thrillers über die Jagd nach einem Dschihad-Kämpfer. Seine Jäger: ein ehemaliger serbischer Auftragskiller und ein dänischer Polizist.)

Anne George: Mörderische Aussichten (George erhielt für ihre Southern-Sisters-Serie nicht umsonst den Debüt-Agatha-Award, der Krimis im Stil von Agatha Christie auszeichnet. Dieses Mal wird die Hochzeit von Mary Alices Sohn durch einen Mord gestört. Gut, dass Patricia Anne ihr bei der Mördersuche helfen kann.)

Henning Mankell: Der Mann am Strand (Zwei Geschichten aus „Wallanders erster Fall“.)

Agustín Sánchez Vidal: Krytum (noch eine Dan-Brown-Variation. Dieses Mal ist ein geheimnisvolles Pergament der Auslöser für Mord und Totschlag.)

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Fett Kursiv sind die Titel gedruckt, auf die ich mich besonders freue.

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Und hier geht’s zu den vorherigen Teilen:

Knaur Taschenbuch, Droemer Hardcover, List Taschenbuch, Ullstein Taschenbuch

Heyne Taschenbuch

Blanvalet Hardcover, Heyne Hardcover, Manhattan, Page & Turner, Rotbuch

Blanvalet, Goldmann Taschenbuch

Alexander Verlag, Edition Nautilus, Pendragon, Unionsverlag, Pulp Master, vgs

Emons, Gmeiner, Grafit


Stubenhocker zocken Las Vegas ab

April 11, 2008

„Für mich jedoch war die Realität selten interessant genug, um an die Stelle der Fiktion zu treten.

Aber als Kevin zu erzählen begann, konnte ich fühlen, wie sich mir die Haare im Nacken aufstellten. (…) Kevins Geschichte [besaß] sämtliche Elemente eines Bestsellers und Kinothrillers – und sie war wahr. Er hatte alles selbst erlebt, jede Minute davon, und er war bereit, mich all das aufs Papier bringen zu lassen.“

Ben Mezrich in „21“

„Die schlauen Kinder zog es zur Wall Street, zum Jurastudium, oder sonst was. Noch schlauere Kinder dachten, sie könnten in Vegas weit mehr absahnen.“

Damon Zimonowski in „21“

Ben Mezrich hatte bereits einige Thriller geschrieben, als er Kevin Lewis traf und er ihm sagte, sein Leben gäbe ein gutes Buch ab. Beide hatten sich in den Neunzigern ab und zu getroffen. Doch während Mezrich sich in eine Fantasiewelt flüchtete, studierte Kevin Medizin. An einem Juniabend 1994 luden ihn seine Kumpels Jason Fisher und Andre Martinez zu einem Ausflug nach Atlantic City ein. Fisher und Martinez sind, wie alle MIT-Studenten, hochintelligent. Aber sie haben ihr Studium geschmissen und Geld wie Heu. In Atlantic City beginnen die beiden Kevin in die Welt der professionellen Kartenspieler einzuführen. Denn alle drei sind Mathegenies und Blackjack (bei uns bekannt als „Siebzehn und Vier“) ist ein Kartenspiel, bei dem, im Gegensatz zu anderen Spielen, mit dem richtigen System gewonnen werden kann.

Kevin ist fasziniert von der fremden Welt. Er wird in den geheimen Zirkel des geschassten MIT-Professors Micky Rosa, der inzwischen sein Leben dem Blackjack gewidmet hat, aufgenommen. Rosa leitet eine Gruppe von Studierenden, die unter verschiedenen falschen Identitäten in den Kasinos spielen und hohe Gewinne für eine unbekannte Gruppe von Geldgebern machen. Kevin wird der neue Star in dem Team und innerhalb weniger Monate erleichtern sie die Kasinos, vor allem in Las Vegas, um Millionen. Die Kasinos wollen sich das nicht gefallen lassen – obwohl das von Kevin und seinen Freunden angewandte Kartenzählen nicht illegal ist.

Jahre später traf Kevin Lewis (der Name ist das Pseudonym von Jeff Ma) Ben Mezrich und erzählte ihm seine Geschichte. Denn, so vermutet Mezrich, Lewis wollte endlich die Geschichte von seinem Doppelleben erzählen. Einem Doppelleben, bei dem die MIT-Studenten mit falschen Pässen, Verkleidungen und Dollarmillionen (Bargeld natürlich) wie Verbrecher agierten, ohne jemals gegen Strafgesetze zu verstoßen.

Außerdem ist die Geschichte von Kevin Lewis die klassische Geschichte vom Kampf eines Davids gegen Goliath, ein Entwicklungsdrama und ein faszinierender Einblick in die Welt professioneller Glücksspieler.

Mezrich schrieb diese Geschichte in einem flott zu lesenden Buch nieder, das sich etliche Freiheiten bei Namen, Orten und Ereignissen nimmt. Die Originalausgabe enthält deshalb den Hinweis, den wir im Abspann von jedem Biopic lesen und somit ist „21“, wie auch Drake Bennett im „Boston Globe“ schreibt, ein von wahren Ereignissen inspirierter Roman.

Dennoch stürmte „Bringing down the house“ als Sachbuch die New-York-Times-Bestsellerliste und wurde jetzt, natürlich noch freier, als „21“ verfilmt. In den USA führt das hochkarätig besetzte Spielerdrama derzeit die Kinocharts an.

Drei Jahre nach „21“ erzählte Mezrich in „Breaking Vegas: The Sequel to Bringing Down the House“ die Geschichte eines anderen MIT-Studenten, der die Kasinos mit einem besseren Kartenzählsystem um noch mehr Geld erleichterte. Dieses Sequel soll näher an der Wirklichkeit sein.

„Merken Sie sich, dass Kartenzählen nichts mit Glücksspiel zu tun hat. (…) In meinen fünf Jahren des Blackjack-Spielens hatte unser Team kein einziges Jahr mit Verlust gearbeitet. Tatsache ist, dass wir kein einziges Jahr hatten, in dem wir für unsere Investoren weniger als 30 Prozent Rendite erwirtschafteten.

Finden Sie mal einen Börsenmakler, der das von sich behaupten kann!“

Kevin Lewis in „21“

Ben Mezrich: 21

(übersetzt von Danine-Isabelle Garbs, Markus Montz, Jörg Lüdemann)

Heyne, 2008

352 Seiten

7,95 Euro

Originaltitel

Bringing down the house – The Inside Story of Six M.I.T. Students Who Took Vegas for Millions

Arrow Books, 2002

Neuauflage unter dem Filmtitel “21”

Hinweise

Homepage von Ben Mezrich

Jeff Ma’s World of Gambling

Drake Bennett: House of Cards (The Boston Globe, 6. April 2008; eine lesenswerte Reportage über “Bringing down the house” und die von Mezrich vorgenommenen Fiktionalisierungen)

Kriminalakte über die Verfilmung „21“ (mit filmspezifischen Links)


Da wäre mehr drin gewesen

April 9, 2008

Paul Lascaux hat unter seinem richtigen Namen Paul Ott den umfassenden Überblick „Mord im Alpenglühen“ über den Schweizer Kriminalroman geschrieben. Mit „Salztränen“ legt er einen in einem Schweizer Alpental spielenden Privatdetektivkrimi vor, der gerade als Kriminalroman enttäuscht. Dabei beginnt die Geschichte vielversprechend: Im Emmental stirbt bei einem Autounfall der Käseeinkäufer einer Großhandelsfirma. Die Versicherung beauftragt Privatdetektiv Heinrich Müller die näheren Umstände des Todes zu untersuchen. Müller mietet sich in dem Dorfgasthof ein und beginnt sich unter den Einheimischen umzuhören, die halt so sind, wie Einheimische in Schweizer Kriminalromanen immer sind. Etwas verstockt, etwas hinterwäldlerisch und doch ganz nett, wenn sie nicht gerade einen auswärtigen Schnüffler verkloppen. Müller tut sich mit der Ethnologiestudentin Lucy Himmel zusammen. Sie jobbt in dem Gasthof, verfügt über das gutaussehende Aussehen jeder Detektivassistentin, schreibt an einer wissenschaftlichen Arbeit über die Bewohner des Emmentals und kann ihm daher viel über die Bewohner des Tales verraten.

Es gibt dann einige Verwicklungen, Detektiv, Leser und Autor verlieren den Überblick über die vielen Straftaten damals und heute, einen weiteren Toten, und die kurze Geschichte nähert sich bedrohlich schnell einem ziemlich enttäuschenden Ende.

Sagen wir’s mal so: „Salztränen“ ist eine nette Lektüre für Zwischendurch. Es gibt einige wohlbekannte Klischees, die Lascaux – bei seinem Wissen über die Kriminalliteratur – sicher bewusst zitiert, einige Informationen über das Herstellen von Käse und einige, ins räsonierende gehende, Betrachtungen über die Schweizer Seele. Insgesamt ist „Salztränen“ das literarische Äquivalent zum „Bullen von Tölz“.

Paul Lascaux: Salztränen

Gmeiner, 2008

240 Seiten

9,90 Euro

Hinweise

Homepage von Paul Lascaux (Pseudonym von Paul Ott)

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Paul Lascaux

Alligatorpapiere: Befragung von Paul Lascaux


Ausgewählte Frühjahrsmorde 2008: Knaur, Droemer, List und Ullstein

April 2, 2008

Was bieten Droemer Hardcover, Knaur Taschenbuch, List Taschenbuch und Ullstein Taschenbuch dem hungrigen Krimifan in den kommenden Monaten? Das:

 

Knaur Taschenbuch

April

Ariana Franklin: Die Totenleserin (Eine Pathologin ermittelt im Mittelalter in Cambridge)

Thomas Thiemeyer: Magma (ein Wissenschaftsthriller mit etwas Mystik)

 

Mai

Beverly Barton: Killing time (erhielt 2006 den Romance Writers of America Award)

Stefanie Baumm: Unsterblich wie der Tod (oder ein Serienmörder mordet sich durch die norddeutsche Population junger Mädchen)

Walt Becker: Missing Link (Heftige Kloppereien um einen archäologischen Fund, der das Geheimnis um die Entstehung der Menschheit verraten kann.)

Luc Deflo: Totenspur (Zweiter Krimi des belgischen Bestsellerautors)

Elizabeth Eyre: Das Geständnis des Dogen (Historischer Krimi: im 15. Jahrhundert wird in Venedig ein reicher Edelmann ermordet und der Sohn des Dogen gesteht die Tat. Aber ist er auch der Mörder?)

Bernd Harder: Der Bond-Appeal (und noch ein Buch über James Bond. Aktueller Anlass ist der hundertste Geburtstag von Ian Fleming am 28. Mai.)

Patrícia Melo: Schwarzer Walzer (Psychothriller: ein krankhaft eifersüchtiger Dirigent verliebt sich in eine junge Violinistin.)

Craig Smith: Das Jesusporträt (Mysterythriller)

 

Juni

Michael Marschall: Engel des Todes (oder Die Jagd nach dem „zweiten Schöpfer“ geht weiter)

Iain Pears: Das Porträt (Ein berühmter Maler und ein scharfzüngiger Kunstkritiker haben ein dunkles Geheimnis.)

Markus Stromiedel: Zwillingsspiel (Stromiedel schrieb einige gute Krimidrehbücher. Sein Debütroman klingt allerdings sehr nach der Vorlage für den „TV-Film der Woche“, gekreuzt mit den depressiven, skandinavischen Bestsellern. In diesem Fall bin ich trotzdem gespannt.)

Außerdem: „Tödliches Vergnügen“ (9 Krimis mit neuem Umschlag für jeweils 6 Euro):

Michael Böckler: Vino Criminale

Simon Brett: Mord im Museum

Peter James: Ein guter Sohn

P. D. James: Im Saal der Mörder

Sabine Kornbichler: Nur ein Gerücht

Alexandra Kui: Tod an der Schleuse

Val McDermid: Ein Ort für die Ewigkeit

Zane Radcliffe: Todesgruß

Julia Spencer-Fleming: Die rote Spur des Zorns

 

Juli

Friedrich Ani: Süden und das Geheimnis der Königin

Friedrich Ani: Süden und der Luftgitarrist (pünktlich zur geplanten Ausstrahlung der Süden-Krimis als ZDF-Samstagkrimi werden zwei der Süden-Krimis wieder aufgelegt)

Kate Atkinson: Liebesdienste (Privatdetektiv Jackson Brodie sucht den Mörder einer während des Edinburgher Theaterfestivals ermordeten Frau.)

Beverly Connor: Das Gesetz der Knochen (Dritter Fall der Pathologin Diane Fallon, die dieses Mal eine Leiche in einer teilweise unerforschten Höhle entdeckt.)

John Katzenbach: Das Opfer (Für sie ist es ein One-Night-Stand. Für ihn die große Liebe. Er beginnt sie und ihre Familie zu verfolgen.)

Michael Prescott: Mörderisches Spiel (Tess McCallum und Abby Sinclair, zwei aus früheren Prescott-Romanen bekannte Charaktere, jagen einen Mörder, der Frauen entführt und in der Kanalisation von Los Angeles angekettet ertrinken lässt.)

Joel Ross: Der Überläufer (Während des zweiten Weltkriegs spielender Spionagethriller)

Martyn Waites. Der Gnadenthron (der Auftakt der Joe-Donovan-Serie war für den Gold Dagger nominiert)

 

August

Glenn Chandler: Die Todeskarte (in England ist Chandler als Erfinder und Autor der langlebigen, nie in Deutschland ausgestrahlten Taggard-Polizeiserie bekannt. Dies ist sein erster von bislang zwei Krimis mit DI Steve Madden.)

Jonathan Hayes: Martyrium (Tja: ein Pathologe, ein Serienkiller, gekreuzigte Frauen, ein religiöser Spleen, die Freundin des Pathologen als nächstes Opfer des Killers. Das klingt alles nach Standard-Thriller. Oh, halt, der Held hat – das gab’s vor zehn Jahren noch nicht – ein 9/11-Trauma.)

Reginald Hill: Ins Leben zurückgerufen (DSI Andrew Dalziel auf Mörderjagd.)

Brenda Joyce: Fallen der Liebe (ein 1902 in New York spielender Ladythriller)

Kate Morgenroth: Töte mich zuerst (Neuauflage: ein Terrorist bringt in einem Sanatorium die Patienten vor laufender Kamera um. Eine Patientin wird seine Komplizin.)

Mary Stanley: Vermisst (Dublin in den 70er Jahren: ein Mädchen verschwindet. Ihre jüngere Schwester sucht sie.)

 

September

Pamela Clare: Kalt wie der Tod (ein Ladythriller)

Donn Cortez: Closer (Cortez schrieb auch einige „CSI Miami“-Romane. In „Closer“ bringt der Held Mörder um. Eines Tages stößt er auf eine Serienmörder-Community im Internet und den Mörder seiner Familie.)

Nicole Drawer: Das Messer in der Hand (Polizeipsychologin Johanna Jensen glaubt nicht, dass die blutüberströmte Frau mit dem Messer in der Hand ihren Mann umgebracht hat.)

Susan Hill: Des Abends eisige Stille (Ein Junge verschwindet in dem beschaulichen Lafferton. DCI Simon Serrailler sucht ihn.)

Lisa Jackson: Shiver – Meine Rache wird euch treffen (jetzt im Taschenbuch)

David Lawrence: Tödliches Dunkel (Detective Stella Mooney jagt einen Frauenmörder, der auf den Leichen geheimnisvolle Botschaften hinterlässt.)

Matthew Pearl: Die Stunde des Raben (oder Wie war das noch mal mit dem Tod von Edgar Allan Poe?)

David Skibbins: Der Tod ist eine Frau („Ein charmantes Schlitzohr, ein verzwickter Fall und ein ungewöhnliches Geheimnis“ dichtet der Verlag.)

 

Oktober

Christian von Ditfurth: Das Luxemburg-Komplott (Historischer Thriller über einen Mordanschlag auf Rosa Luxemburg.)

Sebastian Fitzek: Der Seelenbrecher (In seinem vierten Thriller treibt ein Psychopath unerkannt in einer von der Außenwelt abgeschnittenen Luxuspsychiatrie sein Unwesen.)

Colin Harrison: Afterburn – Tödliche Verstrickung (Ein Millionär verknallt sich in eine junge Schönheit, die gerade der Mafia fünf Millionen Dollar stibitzt hat. Selbstverständlich will die Mafia ihr Geld zurückhaben.)

Shaun Hutson: Scharfe Klauen („Spannend wie ein Thriller, blutig wie ein Steak“ textet der Verlag über diesen Horrorthriller, in dem ein geheimnisvoller Mörder am liebsten Literaturkritiker und Verlagsmitarbeiter zerfetzt. Der knallharte Inspector Birch zieht seinen Trenchcoat an. Könnte ein unterhaltsamer Schmöker sein.)

Chris Kuzneski: Arcanum – Im Zeichen des Kreuzes (finden Kuzneskis Helden die Spuren von Dan Brown. Allerdings scheint die Angelegenheit, immerhin geht es um das größte Geheimnis des Christentums, hier etwas weniger jugendfrei zu sein.)

Julia Spencer-Fleming: Das dunkle Netz der Rache (Vierter Krimi mit Pastorin Clare Fergusson und Sheriff Russ Van Alstyne. Dieses Mal wird die Erbin eines Großgrundbesitzers entführt.)

Marcos M. Villatoro: Mania (FBI-Agentin Romilia Chacón jagt die Mörder eines Kollegen. Die Spur führt zu einem südamerikanischen Drogenkartell.)

 

 

Droemer – Hardcover

12. April

Simone Buchholz: Revolverherz (Staatsanwältin Chastity Riley jagt den Mörder der St.-Pauli-Tänzerinnen. – Irgendwie klingt die ganze Beschreibung nach einem dieser superhippen, superwitzigen Bücher, die absolut nicht mein Geschmack sind.)

14. Juni

Douglas Preston: Credo – Das letzte Geheimnis (Blasphemy, 2008 – In einem abgelegenen Labor erforschen Wissenschaftler eine neue Energiequelle. Da behauptet eine Stimme, sie sei der Schöpfer des Universums. Ihre Forderung: die Naturwissenschaften als einzige Religion anerkennen. – Puh.)

8. August

Kate Atkinson: Lebenslügen (When will there be good news, 2008 – Privatdetektiv Jackson Brodie versucht einen lange zurückliegenden Mord aufzuklären.)

 

 

List Taschenbücher

April

William Brodrick: Die Gärten der Toten (Pater Anselm will den Mord an einer früheren Strafverteidiger-Kollegin aufklären. Seine Ermittlungen führen ihn zu einem alten Prostitutionsfall.)

Ake Edwardson: Das vertauschte Gesicht/In alle Ewigkeit (Zwei Erik-Winter-Krimis für zehn Euro)

Mai

Leif Davidsen: Der Augenblick der Wahrheit (Fotograf Peter Lime verliert bei einem Anschlag seine Familie. Blind vor Hass beginnt er die Täter zu jagen. – Neuauflage)

Juni

Ronnith Neuman: Tod auf Korfu (Ein Polizist versucht auf Korfu eine Mordserie aufzuklären. Seine Ermittlungen führen ihn zu einer lange zurückliegenden deutsch-griechischen Tragödie.)

Barbar Pope: Im hellen Licht des Todes (Aix-en-Provence, 1885: Ein Richter fragt sich, ob Paul Cézanne eine Frau ermordet hat.)

Juli

Mila Lippke: Der Puppensammler (Mörderjagd im Berlin der Jahrhundertwende)

Dominique Sylvain: Letzte Show (Das Stardouble von Britney Spears stürzt aus dem 34. Stock. Eine Ex-Kommissarin und eine Stripperin beginnen mit der Mördersuche. – Das könnte mir gefallen.)

August

Marcello Fois: Sardische Vendetta (die Gesichte des sardischen Banditen Samuele Stocchino erhielt den Premio Grinzane Cavour)

September

Marianne Macdonald: Tod zwischen den Zeilen (Buchhändlerin Dido Hoare freut sich über ein billig erstandenes Pergament. Da wird der Verkäufer ermordet und Dido fragt sich, ob das Pergament der Grund für den Mord war.)

Jo Nesbo: Rotkehlchen (Neuausgabe zum Sonderpreis)

Michael Theurillat: Eistod (der zweite Fall für Kommissar Eschenbach jetzt als Taschenbuch)

 

 

Ullstein – Taschenbuch

April

Lori Andrews: Bis auf die Knochen (Haben ein lange zurückliegendes Massaker und der Mord eines Händlers etwas miteinander zu tun? Molekularbiologin Blake fliegt nach Saigon.)

Peter Brendt: Deep Hunters (ein U-Boot-Thriller)

John Connolly: Die weiße Straße (Privatdetektiv Charlie Parker will die Unschuld eines Afroamerikaners, der für den Mord an der Tochter eines Millionärs in der Todeszelle sitzt, beweisen.)

Oliver Pötzsch: Die Tochter des Henkers (sucht kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg einen Mörder)

 

Mai

Bernard Cornwell: Schnee in der Karibik (Ein Skipper gerät in einen Drogenkrieg.)

Esteban Martin/Andreu Carranza: Die dritte Pforte (Ein in Spanien spielender Mystery-Thriller über eine angeblich auserwählte junge Frau, verschlüsselte Hinweise in alten Bauwerken und einer satanischen Sekte.)

Matthew Reilly: Auf Crashkurs („Es scheppert herrlich“, meint BamS [nicht Bumms] über diesen Action-Thriller über lebensgefährliche Hovercar-Rennen in der nahen Zukunft.)

Inger Wolf: Spätsommermord (2007 als bestes dänisches Krimidebüt ausgezeichnet)

 

Juni

Marc Van Allen: Arcanum (Der Ordo Invisibilium will die totale Kontrolle über die Menschheit erlangen. Aber einige Menschen wehren sich.)

Rita Mae Brown: Die Sandburg (eine Sommergeschichte, kein Krimi)

Julie Garwood: Mord nach Liste (Die als therapeutische Übung aufgeschriebene Todesliste einer Hotelerbin gerät in die Hände eines Killers, der sie abarbeitet.)

 

Juli

Blake Crouch: Bruderherz (Neuauflage: Ein Krimiautor wird in ein mörderisches Spiel verwickelt)

Christian Moerk: Eminenza (Ein Wissenschaftler findet einen Weg, den Hunger in der Welt zu beenden. Damit gerät er in das Visier einer alten venezianischen Loge.)

Peter Robinson: Eine respektable Leiche (der zweite Inspector-Banks-Krimi)

 

August

Carol Higgins Clark: Nacht in Las Vegas (Siebter Einsatz für Privatdetektivn Regan Reilly: Sie soll herausfinden, wer die Dreharbeiten für eine Show sabotiert.)

John S. Marr/John Baldwin: Die elfte Plage (Ein Psychopath erfreut die Amerikaner mit an die zehn biblischen Plagen angelehnten Viruserkrankungen. Ein Virologe jagt ihn.)

Franck Thilliez: Im Zeichen des Blutes (Und wieder wird ein Serienmörder gejagt)

 

September

Rita Mae Brown/Sneaky Pie Brown: Die kluge Katze baut vor (Miau. Ein Fall für Mrs. Murphy.)

Iris Johansen: Gnadenlose Jagd (Jemand will die Talente einer ehemaligen CIA-Agentin für seine Zwecke nutzen. Er entführt ihre Tochter.)

Inge Löhning: Der Sünde Sold (In einem bayerischen Dorf wütet ein sadistischer Mörder. Kommissar Konstantin Dühnfort jagt ihn.)

Aline Templeton: Wenn es ans Sterben geht (Wer ermordete drei ehrenamtliche Helfer? Die Polizeichefin von Galloway ermittelt.)

 

Fett Kursiv sind die Titel gedruckt, auf die ich mich besonders freue. Neuausgaben und Taschenbuchausgaben natürlich ausgenommen.

 

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Ein Geschenk für „24“-Fans

März 26, 2008

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„24: Staffel 1 – 6 – Wettlauf gegen die Zeit“ von Michael Goldman richtet sich vor allem an Fans der bahnbrechenden TV-Serie mit Kiefer Sutherland als Jack Bauer. In jeder der bislang sechs Staffeln hat er 24 Stunden Zeit eine terroristische Bedrohung abzuwenden.

Das Innovative der von Joel Surnow und Robert Cochran erfundenen Serie bezieht sich auf zwei wichtige Elemente. Jede Folge dauert im US-amerikanischen Fernsehen mit Werbung genau eine Stunde. Jede Staffel hat 24 Folgen. Damit geschehen die Ereignisse in der Serie (mit gewissen Zugeständnissen) in Echtzeit. Besonders in der ersten Staffel verwandten die Macher viel Zeit darauf, die Fahrtzeiten möglichst genau zu berechnen – und Gespräche wurden deshalb bevorzugt über Handys geführt. Später wurde mit dieser Prämisse laxer umgegangen. Aber sie bleibt immer noch eine Herausforderung für das Schreiben der einzelnen Geschichten.

Während sich die Macher mit dieser Prämisse im Gegensatz zu anderen Serien sehr enge Fesseln anlegten, befreiten sie sich auf einer anderen Ebene von den traditionellen Fesseln. Denn in „24“ ist kein Charakter vor Schicksalsschlägen und dem Tod gefeit. So wissen die Zuschauer niemals, ob nicht ein sympathischer Charakter doch ein Bösewicht ist, und ob er die Folge überlebt. Im Gegenteil: die Macher scheinen nach dem Prinzip ‚Weil sie glauben, wir können das nicht tun, tun wir es’ vorzugehen.

So versucht Jack Bauer (die einzige Ausnahme von diesem Prinzip) in der ersten Staffel alles, um seine Familie zu retten. In den letzten Minuten des ersten Tages bringt Bauers Ex-Geliebte, Arbeitskollegin und Landesverräterin Nina Myers Bauers Frau Teri kaltblütig um. In den folgenden Staffeln – und Goldmans Buch zeigt dies eindrucksvoll – pflastern Leichen den Weg von Jack Bauer. In einer späteren Staffel brachten die „24“-Macher in den ersten Minuten der Auftaktfolge fast alle aus den vorherigen Tagen beliebten Charaktere um. Deshalb lesen sich die Charakterskizzen der CTU- und Regierungsmitglieder wie eine Ansammlung von Nachrufen, die viele der großen „24“-Momente wieder aufleben lassen: Tony Almeidas Liebe zu Michelle Dessler mit all ihren Höhen und Tiefen, seine fast tödliche Schussverletzung am dritten Tag, seine Geiselnahme am vierten Tag und Michelle Desslers Tod am fünften Tag; David Palmers Aufstieg zum Präsidenten der USA und sein anschließender Rückzug nach einer Wahlperiode; und sein wesentlich glückloserer Nachfolger Charles Logan, der noch während seiner Präsidentschaft als Verbrecher angeklagt wurde.

Auf mehrere Seiten werden in Goldmans Buch die CTU-Zentrale in Los Angeles, die CTU-Ausrüstung, die verschiedenen Aufenthaltsorte der Präsidenten und ihre Autos und Flugzeuge vorgestellt.

Fast die Hälfte des großzügig gelayouteten Buches wird für die kurze Vorstellung der bisherigen Staffeln verwendet. Jeder Tag wird auf jeweils zehn Seiten abgehandelt. Die zahlreichen Bilder aus der Serie wecken dabei Erinnerungen an die einzelnen Episoden.

Michael Goldmans reichhaltig illustriertes Werk ist mit den kurzen, prägnanten Texten eine wahre Fundgrube für „24“-Fans. Bis Pro Sieben im Frühsommer endlich den sechsten „24“-Tag zeigt, können „24“-Fans mit diesem Buch in Erinnerungen schwelgen und ihr möglichstes tun, nicht die Texte über den sechsten Tag zu lesen.  Wer dagegen die Serie noch nicht kennt, dürfte mit „24: Staffel 1 – 6 – Wettlauf gegen die Zeit“ ein großes Problem haben: das Buch enthält zahlreiche Spoiler – und ein großer Teil des Vergnügens beim ersten Sehen von „24“ ist, dass man nicht erahnt, was in den nächsten Minuten, geschweige denn Stunden, geschieht. Oder hätte irgendjemand geahnt, wie der erste Tag endet?

 

 

Michael Goldman: 24: Staffel 1 – 6 – Wettlauf gegen die Zeit

(übersetzt von Sebastian Pirling)

Panini Books, 2008

144 Seiten

29,95 Euro

 

Originalausgabe

24 – The ultimative guide

DK Publishing, 2007

 

Hinweise

DK Publishing über “24 – The ultimative guide” (mit einem Blick in das Buch)

Fox über „24“

Fox TV über „24“ (deutsche Seite, ziemlich umfangreich) 

„24“-Wiki (englisch) 

Fernsehserien über „24“

Deutsche „24“-Fanpage


Ed Brubaker mit „Criminal“ in Parkers Welt

März 19, 2008

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„Feigling“ ist ein Comic, der nicht in die Hände von Kindern gehört. Brubaker erzählt in dem fulminanten Auftakt seiner neuen Serie „Criminal“, für die er 2007 mit dem renommierten Eisner-Award ausgezeichnet wurde, eine blutige Geschichte aus der düsteren Hardboiled-Welt der Profigangster.

Bereits der Prolog mit seinem meisterhaften Zusammenspiel von Leos illusionslosem Monolog und den dazugehörigen Bildern überzeugt. Während Leo vom Wert der Regeln erzählt, die ihm als Gangster ein Leben außerhalb des Gefängnisses ermöglichen, erzählen die Bilder von einem blutig misslingenden Überfall und der geglückten Flucht Leos.

Danach zieht Leo sich zurück. Denn während die anderen ihn wegen seinem vorsichtigen Agieren und sorgfältigen Planen der verschiedensten Varianten eines Coups und der Flucht, für einen Feigling halten, ist Leo nur vorsichtig. Lieber verschiebt er einen Überfall oder führt ihn, wenn ihm die Sache zu heiß erscheint, nicht durch, als dass er sich in einen Schusswechsel mit der Polizei verwickeln lässt. Oder mit den Worten des korrupten Cops Seymour: „Leo ist ein Feigling. Er geht dem Ärger nicht aus dem Weg, er rennt. Und so gut, wie er darin ist, Sicherheitslücken zu erkennen und Dinger zu planen, so gut ist er auch im verpissen.“

Fünf Jahre später fristet Leo ein Leben als kleiner Taschendieb. Da wird er von dem korrupten Polizisten Seymour zu einem neuen Raub erpresst. Er soll, zusammen mit anderen korrupten Cops, Diamanten im Wert von fünf Millionen Dollar aus einem Polizeitransporter stehlen. Leo macht, auch aufgrund von alten Verpflichtungen, mit. Er tüftelt einen sicheren Plan aus. Doch schon während des Überfalls versuchen die Polizisten ihn umzubringen.

Leo, der wie immer noch einen weiteren Fluchtplan gemacht hat, kann mit der Beute fliehen. Doch der Gangsterboss Roy-L.T., die korrupten Cops um Seymour und die gesamte Polizei sind ihm auf den Fersen. Denn in dem Laster waren keine Diamanten, sondern Roys Rauschgift.

Um selbst zu überleben und die Menschen zu beschützen, die ihm wichtig sind, muss Leo gegen „die Regeln, die einem Freiheit garantieren“ verstoßen.

Und wohin ein Verstoß gegen die Regeln führt, hat bereits der Prolog drastisch verdeutlicht. Gefängnis oder Tod im polizeilichen Kugelhagel. Leo, der Gewalt verabscheut, will weder das eine noch das andere. Aber nur mit einer Pistole in der Hand hat er eine Chance zu überleben.

Das von Ed Brubaker in „Criminal“ entworfene Universum erinnert Genrefans zuerst an die kalte Welt des von Donald E. Westlake unter dem Pseudonym Richard Stark erfundenen Profigangsters Parker. Denn alles, was über Leo gesagt wird, kann auch über Parker gesagt werden. Bis auf zwei Punkte: Parker hat absolut keine freundschaftlichen Gefühle und Parker wendet Gewalt an, wenn er so seine Ziele besser erreichen kann. Der Rest – die vollkommen korrupte Welt, der Codex der Berufsverbrecher, die fatalen Fehler der Amateure, die Dummheit vieler Verbrecher, die alltägliche Gewalt – ist aus Parkers Welt bekannt.

Auf dieser Folie entwirft Ed Brubaker eine Geschichte, die einerseits die Genrekonventionen befolgt, andererseits bereits mit kleinen Änderungen für willkommene Überraschungen sorgt. Denn Leo ist viel menschlicher als Parker. Er

pflegt seinen an Demenz erkrankten Vaterersatz. Er hilft einer Freundin. Er hat sogar ziemlich gute Kontakte zu einer Polizistin, mit der er gemeinsam die Schule besuchte. Und weil er ihnen helfen will, bricht er seine Regeln.

 

„Feigling“ ist nach der „Sleeper“-Serie eine weitere Zusammenarbeit von Ed Brubaker und Sean Phillips. Brubaker gewann 2007 den Eisner und Harvey Award als bester Autor. In den vergangenen Jahren schrieb er für DC/Vertigo das Sandman-Spezial „Prez“ und die „Gotham City“-Serie aus dem Batman-Kosmos. Bei Marvel übernahm er die Serien „Captain America“ und „Daredevil“.

Der britische Zeichner Sean Phillips begann seine Karriere bei dem Magazin „2000AD“ und der Serie „Judge Dredd“. In den USA zeichnete er für DC/Vertigo „Hellblazer“, für DC/WildStorm „Sleeper“ und für Marvel „Marvel Zombies“.

Der zweite Criminal-Band „Lawless“ ist in den USA bereits veröffentlicht. In Deutschland kündigt Panini Comics für Juli „Das Schaf im Wolfspelz“, den ersten Band der „Sleeper“-Serie von Ed Brubaker und Sean Phillips, an.

 

 

Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal 1 – Feigling

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Books, 2008

128 Seiten

14,95 Euro

 

Originaltitel

Criminal 1: Coward

Marvel Comics, 2007

 

Hinweise

A Criminal Blog (von Ed Brubaker und Sean Phillips) 

Homepage von Ed Brubaker

Homepage von Sean Phillips 

Blog von Sean Phillips 

Bill Hader interviewt Ed Brubaker (mit Ausschnitten aus den Criminal-Comics)

Comic Book Resources: Interview mit Ed Brubaker

Newsarema: Interview mit Ed Brubaker 

Mein Artikel über Richard Starks Parker-Romane


Ausgewählte Frühjahrsmorde 2008: Hardcovers und Hard Case Crime

März 7, 2008

Im vierten Teil der kleinen Vorschau auf demnächst erscheinende Kriminalromane werfen wir einen Blick auf die Hardcover-Programme (für die älteren Semester: Bücher im festen Einband) der großen Verlage und loben Rotbuch für seine neue Reihe

 

Blanvalet Hardcover

Mai

Caro Ramsay: Ich habe gesündigt (Absolution – Debüt: in Glasgow jagt DCI Alan McAlpine den Kruzifikiller)

 

Heyne Hardcover

März

Dean Koontz: Seelenlos (Forever Odd – Odd Thomas sucht einen entführten, kranken Freund. In einem ausgebrannten Indianercasino trifft er auf die Verkörperung des Bösen: eine Schamanin. Mystery-Thriller)

Stieg Larsson: Vergebung (Luftslottet som sprängdes – gewohnt seitenstarkter Abschluss der Trilogie um deas Ermittlerduo Blomkvist/Salander)

Mai

Sebastian Faulks (schreibt als Ian Fleming): Der Tod ist nur der Anfang (Devil May Care – Zeitgleich erscheint der neue James-Bond-Roman. Das wird einen großen Pressebohei geben, der durch den 100. Geburtstag von Ian Fleming am 28. Mai noch beflügelt wird. Abgeschlossen wird das Jahr mit dem neuen Bond-Film)

Patrick Robinson: Codename Viper (Ghost Force – Politthriller mit Admiral Morgan als Helden um den Kampf um die letzten Rohstoffreserven)

 

Manhattan

März

Stuart Archer Cohen: Der siebzehnte Engel (The Stone Angels – ein Polizist und eine Menschenrechtsexpertin suchen in Buenos Aires den Mörder eines Schriftstellers. – Zweiter Roman von Cohen; sein Debüt „Unsichtbare Welt“ erschien 2000)

Janet Evanovich: Kalt erwischt (Twelve Sharp – der neue Stephanie-Plum-Krimi)

 

Page & Turner

Februar

Lisa Unger: Der Fluch der Wahrheit (Die Abenteuer von Ridley Jones gehen weiter. Nachdem sie in „Das Gift der Lüge“ erfuhr, dass ihre Eltern nicht ihre Eltern sind, entdeckt sie jetzt auf alten Familienfotos einen seltsamen Mann. Sie will wissen, wer das ist. – Ohne mich. Denn das erste Ridley-Jones-Abenteuer gefiel mir überhaupt nicht.)

Juni

John Twelve Hawks: Dark River – Das Duell der Traveler (Fortsetzung von „Traveler“)

 

Rotbuch

März

Rob Alef: Das magische Jahr („Ein Schlüsselkrimi zu den 68ern“ meint der Verlag)

Lawrence Block: Abzocker

Ken Bruen/Jason Starr: Flop

Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse (Hard Case Crime auf Deutsch. Sogar mit den Originalcovers. Da jubelt mein Noir-gestähltes Herz. Außerdem sind diese drei Krimis einfach spannend. Im „Krimijahrbuch 2006“ habe ich die Reihe bereits abgefeiert.)

April

Jürgen Ebertowski: Hungerkralle (Karl Meunier, der ehemalige Hotel-Adlon-Hausdetektiv, ermittelt im Nachkriegsberlin)

 

 

Fett Kursiv sind die Titel gedruckt, auf die ich mich besonders freue.

 

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Blanvalet, Goldmann Taschenbuch

Alexander Verlag, Edition Nautilus, Pendragon, Unionsverlag, Pulp Master, vgs

Emons, Gmeiner, Grafit


Gute Idee, schlechte Ausführung

März 5, 2008

 patterson-im-affekt.jpg

1977 erhielt James Patterson für sein Debüt „The Thomas Berryman Number“ (Die Toten aber wissen gar nichts) einen Edgar. Seinen Durchbruch hatte er in den Neunzigern mit der auch verfilmten Alex-Cross-Reihe. Inzwischen gehört er zu den Autoren, die fast jeden Monat ein Buch veröffentlichen. Viele Bücher schreibt er zusammen mit anderen Autoren. In den USA stehen, im Gegensatz zu Deutschland, beide Namen auf dem Cover und sein Name steht ständig in den Bestsellerlisten. Er gehört, für England wurden kürzlich die Zahlen veröffentlicht, aber in den USA und Deutschland dürfte es ähnlich aussehen, zu den meistverkauften und ausgeliehenen Autoren.

Deshalb wollte ich jetzt herausfinden, warum James Patterson so populär ist und, direkt damit verbunden, warum sein Name das Markenzeichen für eine bestimmte Art von Spannungsromanen ist. Das Einzelwerk „Im Affekt“ (The Quickie, 2007) schien mir ein guter Startpunkt zu sein. Denn die Grundidee klingt vielversprechend.

NYPD-Detective Lauren Stillwell beobachtet während der Mittagspause ihren Mann Paul mit einer fremden Frau ein Hotel betreten. Als sie ihn abends nach seiner Mittagspause befragt, belügt er sie. Sie beschließt ihren Mann mit dem gutaussehenden Kollegen Scott Thayer zu betrügen. Nach dem Sex in seiner Wohnung beobachtet sie, wie Scott auf offener Straße zusammengeschlagen wird. Von ihrem Ehemann.

Kurz darauf steht sie vor Scott Thayers Leiche. Sie soll, schließlich ist sie die beste Ermittlerin im Dezernat, die Ermittlungen leiten.  Um ihren Mann zu beschützen, riskiert sie ihre Karriere. Sie legt falsche Spuren, manipuliert Beweise und lässt Beweise verschwinden. Das gelingt ihr so gut, dass sie ungefähr in der Buchmitte ihrem Chef einen allgemein akzeptierten und toten Polizistenmörder präsentieren kann.

Doch so einfach lässt sich ein Mord nicht aus der Welt schaffen. Die Gangsterfreunde des falschen Polizistenmörders wollen Gerechtigkeit und sie muss unangenehme Tatsachen über Scott Thayer und ihren Ehemann Paul erfahren. Denn beide sind nicht so edel, wie sie geglaubt hat.

„Im Affekt“ könnte ein Noir mit starken Thrillerelementen sein. Aber James Patterson und Michael Ledwidge verlieren sich vor allem in der zweiten Hälfte in zahllose, kaum miteinander zusammenhängende Episoden, die immer zufälliger wirken und die Charaktere immer wieder entgegen ihrer Persönlichkeit handeln lassen. Außerdem ist „Im Affekt“ kein harter Thriller, sondern ein geschwätziger Romantic-Thriller, mit einer Ich-Erzählerin, die vor allem als durchaus patent-liebenswerte Frau an sich und ihrem Leben zweifelt. Sie agiert oft nicht wie ein guter Detective der New Yorker Polizei, sondern wie eine Hausfrau. So versucht sie nichts über die Affäre ihres Mannes (den sie immer noch wie am ersten Tag liebt) herauszufinden, sondern stürzt sich gleich in eine Affäre mit einem Kollegen. Nachdem sie beobachtet hat, wie ihr Mann ihren One-Night-Stand umbrachte, beginnt sie sofort Spuren zu vernichten und bringt so ihre Karriere in Gefahr. Dabei versucht sie überhaupt nicht herauszufinden, wie ihr Mann etwas von ihrer Affäre erfahren hat. Die erfahrene Polizistin und ehemalige Jurastudentin denkt auch nicht daran, dass mit einem guten Anwalt die schlimmsten Folgen für ihren Mann abgewendet werden könnten. Undsoweiter. Undsofort.

Das klingt jetzt genau nach dem langweilig-unlogischen Desaster, das keinem echten Krimifan gefallen kann.

Aber einige Punkte können den Erfolg von „Im Affekt“ und, damit verbunden, den der anderen Werken von James Patterson erklären. Die Prämisse ist stark. Man will wissen, ob Lauren Stillwell ihre Karriere und ihre Ehe retten kann. Man verspricht sich eine aufregende Lektüre.

Die Kapitel sind kurz. Meistens zwei bis drei, selten mehr, Seiten. Oft wird eine Szene, wie die erste Besichtigung des Tatortes, in mehrere Kapitel unterteilt. Diese kurzen Kapitel, die vielen Absätze und Dialoge suggerieren ein hohes Erzähltempo. Beim Lesen werden die Seiten – die Originalausgabe ist noch großzügiger als die deutsche Ausgabe gelayoutet – in einem atemberaubenden Tempo umgeblättert.

Vor allem in der zweiten Hälfte treiben Patterson und Ledwidge die Geschichte in kurzen Episoden, die vorherige Gewissheiten immer wieder in Frage stellen, voran. Diese dramaturgisch gut aufgebauten Episoden sind nicht besonders lang. Sie können immer wieder zwischendurch, zum Beispiel in der U-Bahn, auf der Toilette, während des Kochens, gelesen werden. So nach der Methode: Pizza in den Backofen geschoben, zwei Kapitel gelesen, Pizza fertig. Dass dabei die Ich-Erzählerin immer wieder widersprüchlich handelt, kann zwischen der Hin- und Heimfahrt in der U-Bahn vergessen werden.

Letztendlich ist „Im Affekt“ eskapistisches Thriller-Fastfood, das vertraute Handlungsmuster teilweise geschickt und mainstreamkompatibel ausfüllt. Es gibt den anspruchslosen Lesern etwas Spannung, etwas Gefühl, etwas Sex und lenkt von den alltäglichen Problemen ab.

 

Anmerkung: Das Titelbild hat nichts mit dem der Geschichte zu tun. „Im Affekt“ spielt in New York.

 

James Patterson/Michael Ledwidge: Im Affekt

(übersetzt von Helmut Splinter)

Goldmann, 2008

336 Seiten

8,95 Euro

 

Original
The Quickie

Little, Brown and Company, New York, 2007

 

Hinweise

Homepage von James Patterson

The Rap Sheet über James Patterson

Fantastic Fiction über James Patterson 

James Patterson auf der Krimi-Couch


Familienprobleme für Handyman Jack

Februar 27, 2008

wilson-das-hollenwrack.jpg

Das neunte Handyman-Jack-Roman „Das Höllenwrack“ von F. Paul Wilson ist ein eher untypisches Abenteuer für den Mann, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, nicht auf dem staatlichen Radar zu erscheinen. Das ist in Zeiten des Antiterrorkampfes natürlich schwieriger denn je. Aber bis jetzt ist es ihm gelungen.

Doch nachdem sein Vater und zahlreiche weitere Passagiere auf dem La-Guardia-Flughafen von Terroristen mit vergifteten Patronen erschossen werden, hat Jack ein Problem. Weil er keinen Pass auf seinen Namen hat, kann er die Leiche seines Vaters nicht aus dem Leichenschauhaus abholen. Er muss seinen größeren Bruder Tom, den er aus tiefstem Herzen hasst, darum bitten. Tom ist inzwischen Richter in Philadelphia und, wie Jack schnell feststellt, Trinker und Verbrecher. Gegen Tom wird ermittelt und er hätte den Bundesstaat überhaupt nicht verlassen dürfen.

Tom erfährt schnell, dass Jack in der Illegalität lebt, gute Kontakte zu Verbrechern hat und in bestimmten Kreisen hoch angesehen ist. Außerdem hatte ihm sein Vater gesagt, wenn er wirkliche Probleme habe, solle er sich an Jack wenden. Er könne dann helfen. Und Tom, der unter keinen Umständen ins Gefängnis gehen will, hat Probleme die mit Geld und einem neuen Pass aus der Welt geschafft werden können.

Mit einer kleinen Erpressung und einem Appell an die familiären Gefühle überzeugt er Jack, ihn auf die Bermudas zu begleiten. Er will sein dort gebunkertes Vermögen abholen. Aber die Steuerfahndung war schneller. Jetzt hat er nur noch eine Hoffnung: die Lilitonga von Gefreda. Dieser Schatz soll vor über vierhundert Jahren vor den Bermudas untergegangen sein. Anhand der Schatzkarte finden sie die Lilitonga von Gefreda und erwecken sie in New York zum Leben.

Jetzt haben die beiden verfeindeten Brüder ein wirkliches Problem. Denn die katholische Kirche versenkte damals das Schiff, damit niemand mit dem teuflischen Ding, das Menschen vom Erdboden verschwinden lassen kann und alles Leben in ihrer näheren Umgebung vernichtet, in Berührung gerät.

„Das Höllenwrack“ ist eine unterhaltsame Abenteuergeschichte. Ein richtiger Schmöker eben, bei dem in der ersten Hälfte viel passiert und in der zweiten Hälfte das Ende – besonders wenn man weiß, dass F. Paul Wilson weitere Handyman-Jack-Romane geschrieben hat – doch sehr absehbar ist. Aber in „Das Höllenwrack“ geht es ihm weniger um thrillertypische Spannung und überraschende Plottwists, sondern um moralische Fragen.

F. Paul Wilson fragt sich, wie sehr Väter als Vorbild dienen können. Wie wirkt sich die Erziehung auf verschiedene Menschen aus? Dabei hat er mit Jack und Tom zwei gegensätzliche Charaktere entworfen, die beide von dem gleichen Mann erzogen wurden und dann ganz verschiedene Lebenswege einschlugen. Hier der nach außen hin respektierte Richter, der in dreifacher Scheidung lebt, korrupt, drogensüchtig, verantwortungslos und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Dort die nach außen hin gescheiterte Existenz ohne einen Beruf, die unter dem Radar des Staates als Berufsverbrecher lebt, aber dafür eine ihn liebende, schwangere Freundin, Freunde und moralische Standards hat. Er ist, wie ein Bluessänger singt:

“He went and fixed that problem, and now I sleep so good at night (…)

Yeah, Jack might be an angel, or he could be the devil too

Only thing I know is, you don’t want him mad at you.”

Diese beiden unterschiedlichen Charaktere prallen in „Das Höllenwrack“ immer wieder aufeinander. Dabei bestimmt der böse Bruder Tom weite Teile das Geschehens. Denn er muss sich in dieser Geschichte mit seinem eigenen verpfuschten Leben auseinandersetzen und sich fragen, welche zweite Chance er gerne hätte.

Auch Serienheld Jack steht vor schwierigen Fragen. Die wichtigste ist, wie sehr er seine Handlungen von dem Gefühl der Rache leiten lassen will. Denn natürlich sucht Jack die Mörder seines Vaters. Und dann ist da noch die Lilitonga von Gefreda, die seine Freundin Gia und ihre Tochter Vicky bedroht, während Tom am Liebsten nichts mit den von ihm in Gang gesetzten Ereignissen zu tun hätte.

 

 

 

F. Paul Wilson: Das Höllenwrack

(übersetzt von Michael Kubiak)

Blanvalet, 2007

512 Seiten

8,95 Euro

 

Originalausgabe

Infernal (A Repairman Jack novel 09)

Forge, New York 2005

 

Hinweise 

Homepage von F. Paul Wilson

Evolver: Martin Compart über F. Paul Wilson

Phantastik-Couch über F. Paul Wilson

Krimi-Couch über F. Paul Wilson