LV: Victor Canning: The rainbird pattern, 1972 (später “Family plot”; „Auf der Spur“)
Mrs. Rainbird verspricht dem Medium Blanche 10.000 Dollar, wenn sie ihren vor Jahrzehnten verstossenen Neffen findet. Dieser finanziert inzwischen seinen Lebensunterhalt mit Entführungen und unterstellt Blanche und ihrem Freund George niedere Motive.
Was für ein Abgang: eine lockere Krimikomödie mit tiefschwarzem Humor.
Ernest Lehman: „Was Hitchcock wirklich an diesem Filmprojekt faszinierte, war die Idee von zwei getrennt ablaufenden unterschiedlichen Geschichten, die langsam zueinander finden und letztlich zu einer Geschichte werden. Ich ließ nicht locker, ihn darauf hinzuweisen, dass das Publikum nicht einen Film aufgrund seiner einzigartigen Struktur sehen will – es sei denn, Hitchcock plane, den Film als eine Art Dozent zu begleiten und ihn den Zuschauern zu erklären.“ – Mmh, da hat er Recht. „Family Plot“ (hübsch doppeldeutiger Titel) ist beim zweiten, dritten Sehen besser als beim Ersten. Und die Rückprojektionen sind schlecht wie immer.
Mit Karen Black, Bruce Dern, Barbara Harris, William Devane, Ed Lauter, Cathleen Nesbitt
Seit einigen Jahren hinterlässt Woody Allen seinen Fans filmische Postkarten aus Europas schönsten Gegenden. Er war in England („Match Point“, „Scoop – Der Knüller“, „Cassandras Traum“, „Ich sehe den Mann deiner Träume“), Spanien („Vicky Cristiana Barcelona“), Frankreich („Midnight in Paris“) und ist jetzt in Italien angekommen. „To Rome with Love“ heißt seine starbesetzte Postkarte aus der italienischen Hauptstadt, in der Woody Allen sich gar nicht mehr die Mühe macht, eine Geschichte zu erzählen oder die verschiedenen Geschichten in eine zeitlich logische Reihenfolge zu ordnen. Ihm genügt, dass sie so irgendwie zusammenpassen und wir unseren Spaß an diesem Spiel mit Schein und Sein haben. Während in „Midnight in Paris“ das Paris der Gegenwart und der Vergangenheit noch voneinander getrennt war, aber jeder es als gegeben hinnahm, dass wir durch die Zeit reisen können, drängelt sich in Rom Alec Baldwin, der einen Stararchitekten spielt, der als junger Mann in Rom lebte, als besserwisserischer Geist in das Leben seines jungen Bewunderers Jack (Jesse Eisenberg). Jacks brave Freundin Sally (Greta Gerwig) und deren Freundin Monica (Elle Page), die als Filmschauspielerin alle Register der weiblichen Verführungskunst zieht, reden ebenfalls mit dem Geist. Jedenfalls manchmal. Manchmal scheinen sie ihn auch nicht zu sehen, aber solche kleinen logischen Brüche kümmern Woody Allen nicht mehr.
Denn er will noch einige andere Geschichten erzählen.
Avantgarde-Opernregisseur Jerry (Woody Allen), im Un-Ruhestand, reist mit seiner Frau Phyllis (Judy Davis) nach Rom, um den Zukünftigen ihrer Tochter Hayley (Alison Pill) kennen zu lernen. Michelangelo (Flavio Parenti) ist Anwalt und ein prinzipientreuer Kommunist, was Jerry überhaupt nickt akzeptieren kann. Erst als er bemerkt, dass Michelangelos Vater Giancarlo (Tenor Fabio Armiliato in seinem Filmdebüt) unter der Dusche ein fantastischer Opernsänger ist, hat er eine neue Aufgabe.
Hier ist Woody Allen Woody Allen, seine lebenskluge Frau ist auch Psychiaterin und er kann einige nett-belanglose Witze auf Kosten des Kulturbetriebs machen.
Es gibt die Geschichte eines jungen Ehepaares, das aus der Provinz nach Rom kommt, weil die sittenstrenge Verwandtschaft ihm einen Job angeboten hat. Als Milly (Alessandra Mastronardi in einer sehr Woody-Allenhaften Rolle) sich auf der Suche nach einem Frisör verläuft und, zuerst auf einem Filmset, später in den Armen des von ihr bewunderten Filmstars landet, springt die Prostituierte Anna (Penélope Cruz) in das Bett des herrlich verklemmten Göttergatten Antonio (Alessandro Tiberi; – Yep, neben Jesse Eisenberg ist das natürlich ein weiteres männliches Alter Ego von Woody Allen). Selbstverständlich öffnen die Verwandten, wie es sich für eine Boulevard-Komödie gehört, in der falschen Sekunde die Hotelzimmertür und Antonio muss mit Anna das High-Society-Touristenprogramm mit einem Besuch im Vatikan und einer Party mit Roms einflussreichen Männern in einem prächtigen Garten, inclusive einem kleinen, von Anna erzwungenen Seitensprung ins Gebüsch, absolvieren.
Die vierte und letzte Geschichte ist die von Leopoldo Pisanello (Roberto Benigni), der als einfacher Angestellter plötzlich und ohne irgendeinen ersichtlichen Grund berühmt und von Paparazzi und schönen Frauen verfolgt wird.
Dabei ist Woody Allens Rom immer das Fantasie-Rom eines Touristen, der Rom durch die Augen des Pauschaltouristen, angereichert mit den Erinnerungen an unzählige Filme, die in den vergangenen Jahrzehnten in Rom spielten, sieht und der sich seine Ferien nicht von einem Blick auf die unschöne Realität stören lassen will.
Diesen Blick gab es vor vierzig Jahren in „Fellinis Roma“, der ebenfalls episodischen, wunderschön burlesken, autobiographischen Liebeserklärung von Regisseur Frederico Fellini an seine Heimat, die ein ähnlich überhöhtes, aber auch viel bodenständigeres Bild von Rom bot. Denn wo bei Fellini immer auch der Blick auf die Realität vorhanden war und die Szenen in jeder Beziehung üppig ausgestattet sind, regiert bei Woody Allen in seiner flüchtig hingetupften römischen Pastiche, garniert mit vielen Woody-Allen-Weisheiten, immer das skizzenhafte.
So ist „To Rome with Love“ mit gut zwei Stunden einer von Woody Allens längsten Filmen, der dennoch kurzweilig und nett unterhält. Letztendlich ist „To Rome with Love“ das filmische Äquivalent zu einem Sommersalat.
To Rome with Love (To Rome with Love, USA/Italien 2012)
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
mit Woody Allen, Alec Baldwin, Roberto Benigni, Penélope Cruz, Judy Davis, Jesse Eisenberg, Greta Gerwig, Ellen Page, Antonio Albanese, Fabio Armiliato (Filmdebüt des Tenors), Alessandra Mastronardi, Ornella Muti, Alison Pill, Flavio Parenti, Alessando Tiberi, Riccardo Scamarcio
Broken Flowers – Blumen für die Ex (USA/Frankreich 2005, R.: Jim Jarmusch)
Drehbuch: Jim Jarmusch (inspiriert von einer Idee von Bill Raden und Sara Driver)
Don Johnston (Stoneface Bill Murray) lungert nur noch in seiner Wohnung herum und träumt von seinen früheren Frauen. Eines Tages erhält er einen anonymen Brief, in dem steht, dass er einen 19-jährigen Sohn habe. Don, der bislang von seinem Vaterglück nichts wusste, macht sich auf den Weg quer durch die USA zu seinen alten Freundinnen, die er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat und von denen eine die Mutter sein muss.
Jim Jarmusch erhielt für sein lakonisches Road-Movie über verpasste Chancen den Großen Preis der Jury in Cannes, einige weitere Preise, viel Kritikerlob – und an der Kinokasse lief der Film auch gut.
Mit Bill Murray, Julie Delpy, Jeffrey Wright, Sharon Stone, Frances Conroy, Chloë Sevigny, Jessica Lange, Tilda Swinton
Beim ersten Mal war es ein Gag; sozusagen ein Fanvideo für den Achtziger-Jahre-Action-Junkie.
Beim zweiten Mal sagten sich die Macher, dass es vollkommen idiotisch wäre, ein bewährtes Rezept zu ändern. Auch wenn jetzt von einem 100-Millionen-Dollar-Budget gesprochen wird. Aber natürlich kann man alles etwas größer machen. Deshalb sind in „The Expendables 2“ nicht nur die alten Knochen Sylvester Stallone, Dolph Lundgren, Bruce Willis und Arnold Schwarzenegger (beide dieses Mal mit mehr Leinwandzeit), sondern auch Jean-Claude Van Damme und Chuck Norris, der für sein Gastspiel als „Lone Wolf“ seinen siebenjährigen Ruhestand unterbrach, dabei.
Außerdem sind, von der jüngeren Garde der Action-Stars Jason Statham, Jet Li, Randy Couture und Terry Crews wieder dabei. Als Neulinge sind Liam Hemsworth und Yu Nan im „Expendables“-Team dabei.
Die Story, nun, die war schon damals in den Achtzigern nicht so wichtig, und solange es genug Action und One-Liner gab, hat man darüber hinweggesehen. Die One-Liner gibt es auch in „The Expendables 2“. Denn die Stars nehmen sich und ihr Image lustvoll auf die Schippe. Schwarzenegger darf seine ikonischen „Terminator“-Sätze sagen, Willis etwas die harden und Chuck Norris ist der Mann, der alleine arbeitet, niemals nachladen muss (im Gegensatz zu den Expendables, denen ständig die Munition ausgeht) und einige der unglaublichsten Geschichten über ihn – Remember the Chuck-Norris-Facts! – bestätigt.
Und dann gibt es noch die grandiosen und sehr bleihaltigen Action-Szenen, die sich um eine rudimentäre Story reihen: also: Barney Ross (Stallone) und seine „Expendable“-Jungs Lee Christmas (Jason Statham), Yin Yang (Jet Li), Gunnar Jensen (Dolph Lundgren), Toll Road (Randy Couture), Hale Caesar (Terry Crews) und Billy the Kid (Liam Hemsworth) sollen im Auftrag von Mr. Church (Bruce Willis) aus einen supergesicherten Safe („Der Code ändert sich alle 120 Sekunden.“ und bei dem falschen Code macht es BUMM) eine Festplatte herausholen. Der Safe ist in einem in der albanischen Einöde abgestürztem Flugzeug. Kaum haben sie das Teil geborgen, wird es ihnen von Jean Vilain (Jean-Claude Van Damme – Ja, die Namensgebung ist sehr einfallsreich.) geklaut und Vilain macht seinem Namen alle Ehre, indem er kaltblütig vor den Augen der Expendables ihren Neuzugang, den Sniper Billy the Kid, der sowieso das Team verlassen wollte, ersticht.
Klarer Fall, dass die „Expendables“ jetzt auf Rache aus sind. Und dass Vilain mit dem auf der Festplatte enthaltenem Code den Zugang zu fünf Tonnen waffenfähigem Plutonium (oder: zu viel Wumms in den falschen Händen) hat, treibt sie noch etwas mehr an. Oh, und Vilain unterdrückt in Bulgarien einen ganzen Landstrich, indem er die Männer der Dörfer in den unterirdischen Gängen der Sowjetmilitärstation nach dem Plutonium graben lässt.
Okay, ihr habt es gemerkt: einen Pulitzer-Preis wird diese Story nicht erhalten. Aber dafür bietet sie, neben ordentlichen Portionen Sentiment, auch das Gerüst für eine atemberaubende Pre-Title-Sequenz, in der Ross‘ Söldnergruppe in Nepal zwei Geisel befreit, dabei zuerst den Ort in Schutt und Asche legt, durch den Dschungel und über einen Fluss flüchtet und immer wild um sich schießt; einen ausgedehnten Schusswechsel in einem ehemaligen Trainingsgelände der sowjetischen Armee, das vor der Schießerei wie eine US-Kleinstadt aussah (Hm, „Die rote Flut“?); eine Brückensprengung mit anschließender, abenteuerliche Bruchlandung und am Ende des Films treffen sich dann die Guten und die Bösen auf einem Flughafen, der anschließend eine umfassende Renovierung benötigt.
Das ist ziemlich sinnfreies, testerongestärktes, sehr gewalttätiges Action-Entertainment, das sich – zum Glück – nicht sonderlich ernst nimmt, die Genre-Klischees ironisch bestätigt und sich auf grob gestrickte Unterhaltung beschränkt; im Gegensatz zu den reaktionären 80er-Jahre-Actionfilmen, wie die „Missing in Action“-Filme, „Invasion USA“, der zweite und dritte „Rambo“-Film oder „Delta Force“, in denen der Held lässig Hundertschaften böser Kommunisten und andere Feinde der Freiheit tötete. In „The Expendables 2“ sind die Handlanger des Bösewichts nur noch williges Kanonenfutter.
Simon West, der mit „Con Air“ krachend die Filmszene betrat und später „Lara Croft: Tomb Raider“ über den Globus hetzte, setzt auch die Expendables kompetent und optisch sehr ansprechend in Szene. Auch auf dieser Ebene ist „The Expendables 2“ deutlich gelungener als das von Sylvester Stallone höchstselbst inszenierte Macho-Abenteuer „The Expendables“.
Achtziger-Jahre-Action-Fans werden entzückt sein. Die anderen werden sich, wie schon damals, in Grausen abwenden.
The Expendables 2 (The Expendables 2, USA 2012)
Regie: Simon West
Drehbuch: Richard Wenk, Sylvester Stalone (nach einer Geschichte von Ken Kaufman & David Agosto und Richard Wenk, nach den Figuren von David Callaham)
mit Sylvester Stallone, Jason Statham, Jet Li, Dolph Lundgren, Chuck Norris, Jean-Claude Van Damme, Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger, Terry Crews, Randy Couture, Liam Hemsworth, Scott Adkins, Amanda Ooms, Charisma Carpenter
LV: Forrest Carter: The Rebel Outlaw: Josey Wales, 1973 (Gone to Texas; The Outlaw Josey Wales; Josey Wales
Missouri, während des Bürgerkriegs: Marodierende Nordstaatler bringen die Familie von Farmer Josey Wales um. Er schwört Rache, schließt sich den Südstaatlern an, ergibt sich nicht am Ende des Bürgerkrieges, wird als Outlaw gejagt und will irgendwann nur noch seine Ruhe haben. Aber langsam hat er eine Ersatzfamilie im Schlepptau.
Ein feiner Western
mit Clint Eastwood, Chief Dan George, Sondra Locke, Bill McKinney, John Vernon, Paula Trueman, Sam Bottoms
Justified: Scharzbrenner (USA 2011, R.: Adam Arkin)
Drehbuch: Graham Yost, VJ Boyd
Erfinder: Graham Yost
LV: Elmore Leonard: Fire in the Hole, 2001 (Kurzgeschichte, auch in „When the Women come out to dance“, 2002, veröffentlicht; aber eigentlich ist es der von Elmore Leonard erfundene Charakter)
Das ging schnell: Erst vor wenigen Wochen beendete Kabel 1 die erste Staffel und sagte nichts über die Ausstrahlung der zweiten Staffel. Ehrlich gesagt war ich damals schon froh, dass sie die gesamte erste Staffel, die erstaunlich gut den trockenen Elmore-Leonard-Tonfall trifft, gezeigt hatten. Denn „Justified“ folgt nicht der 08/15-CSI-Krimiformel.
Jetzt zeigen sie die zweite Staffel sogar Dienstags zur fast besten Sendezeit, nach einer Doppelfolge „Blue Bloods“ (New-York-Polizeiserie mit Tom Selleck) und vor einer Folge der hochgelobten Los-Angeles-Polizeiserie „Southland“.
In der ersten Folge der zweiten „Justified“-Staffel jagt US Marshal Raylan Givens einen Sexualstraftäter.
Ach, und der Originaltitel „The Moonshine War“ ist natürlich der Titel von einem frühen Elmore-Leonard-Roman.
mit Timothy Olyphant (Raylan Givens), Nick Searcy (Chief Deputy Art Mullen), Joelle Carter (Ava Crowder), Jacob Pitts (Tim Gutterson), Erica Tazel (Rachel Brooks), Natalie Zea (Winona Hawkins), Walton Goggins (Boyd Crowder)
Kaum kehrt der verlorene Sohn, verfolgt von einem skrupellosen Kopfgeldjäger, zurück in die alte Heimat und versöhnt sich wieder mit seinem Vater, wird dieser in der Poststation von einigen Strauchdieben erschossen. John Mason will jetzt die Mörder seines Vaters finden. Dummerweise ist der Bruder seiner wieder entflammten Jugendliebe der Anführer der Banditen und der würde alles tun, um die hochverschuldete, von den Eltern geerbte Ranch zu retten.
Aus dieser zünftigen Ausgangslage machen Regisseur Terry Miles und die Drehbuchautoren Joseph Nasser und Evan Jacobs allerdings nur ein belangloses, von A bis Z vorhersehbares Westernabenteuer, das man sich an einem verregneten Sonntagnachmittag wegen der Hauptdarsteller ansehen kann. Donald Sutherland als Kopfgeldjäger hat einige markante Auftritte, die er allein mit seiner Präsenz trägt. „Crossing Jordan“ Jill Hennessy als schlagkräftige Ranchbesitzerin ist ein Augenschmaus, aber in „Small Town Murder Songs“ überzeugte sie auch als Schauspielerin. Christian Slater als John Mason bleibt dagegen erstaunlich blass und er ist vollkommen deplatziert; was etwas erstaunlich ist, weil er seine Karriere mit „Im Namen der Rose“ und „Robin Hood – König der Diebe“ im Mittelalter begann, sich quer durch die Genres und Jahrhunderte spielte und oft der einzige Grund war, sich den Film anzusehen. In „Dawn Rider“ ist er fast der Grund, sich den Film nicht anzusehen.
Und das wären schon die Gründe, sich diesen mit einem arg überschaubaren Budget inszenierten Western anzusehen, der nie die Weite des Wilden Westens, sondern eher die Ärmlichkeit der Poverty Row atmet.
Ach ja, „Dawn Rider“ ist ein Remake. Die Geschichte wurde erstmals 1931 als „Galloping Thru“ verfilmt. Der Western gilt als verschollen. Die letzte Verfilmung war 1938 als „Western Trails“. Aber die bekannteste Verfilmung ist von 1935. Denn da spielte John Wayne die Hauptrolle. „Dawn Rider“ hieß der für Lone Star Western in fünf Tagen gedrehte Western, in dem die Dialoge nur die Verschnaufpause für die Pferde waren und eine zünftige Schlägerei Freundschaften festigte und beendete. In Deutschland wurde der Film nie gezeigt, aber in der Reihe „Western von Gestern“ wäre er gut aufgehoben gewesen.
Das kann von der 2012er Version der Geschichte nicht gesagt werden. Denn jetzt wird deutlich mehr gesprochen und geküsst, als geschlagen, geritten und geschossen. Obwohl auch in Terry Miles‘ „Dawn Rider“ etliche Männer sterben.
Dawn Rider (Dawn Rider, USA 2012)
Regie: Terry Miles
Drehbuch: Joseph Nasser, Evan Jacobs
mit Christian Slater, Donald Sutherland, Jill Hennessy, Lochlyn Munro, Ben Cotton
Der Mann aus dem Westen (USA 1958, R.: Anthony Mann)
Drehbuch: Reginald Rose
LV: Will C. Brown: The Border Jumpers, 1955
1874: Link Jones hat die Verbrecherlaufbahn zugunsten eines bürgerlichen Lebens aufgegeben. Als er während einer eines Zugüberfalls mit zwei Mitreisenden zurückbleibt führt er sie in eine Hütte, in der sie bereits von seinen alten Freunden erwartet werden. Ihr Anführer freut sich, dass das verlorene Schaf wieder zurückgekehrt ist. Aber ist das so?
Als der Film in die Kinos kam, war er bei der Kritik und dem Publikum ein Reinfall. Die französischen Kritiker waren begeistert und heute zählt „Der Mann aus dem Westen“ zu den anerkannten Western-Klassikern.
„’Man of the West’ zählt mit ‚The Naked Spur’ und ‚The Far Country’ zu seinen besten Western und damit zu de Hauptwerken des Genres überhaupt.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
„Gary Coopers erste und einzige Begegnung mit dem Meisterregisseur Anthony Mann resultierte folgerichtig in dem ersten und einzigen wirklich großen Western seiner langen Karriere.“ (Homer Dickens: Gary Cooper und seine Filme)
„Mit Anthony Mann entdecken wir den Western als Arithmetik, wie in der ersten Mathematikstunde. Was bedeutet, dass ‚Der Mann aus dem Westen’ der intelligenteste aller Filme ist und zugleich der einfachste.“ (Jean-Luc Godard, Cahiers du Cinéma)
Reginald Rose schrieb auch die Drehbücher für „Die zwölf Geschworenen“ (nach seinem Theaterstück), „Ist das nicht mein Leben?“, „Die Wildgänse kommen“, „Die Seewölfe kommen“, „Das Kommando“ und „Wildgänse II – Sie fliegen wieder“.
Mit Gary Cooper, Julie London, Lee J. Cobb, Arthur O’Donnell, Jack Lord
Und wer den Film verpasst, kann sich die DVD besorgen. Koch Media veröffentlichte den Film „remasteres in HD“ (sieht gut aus). Außerdem gibt es eine hübsche Bildergalerie und ein Essay von Jean-Luc Godard zum Film.
Die Polizisten Crockett und Tubbs jagen einen mächtigen Drogenhändler.
Optisch überzeugendes, inhaltlich schwaches Remake der erfolgreichen von Michael Mann und Anthony Yerkovich erfundenen bahnbrechenden TV-Serie. Denn in dem Spielfilm zeigt Mann nichts, was er nicht schon besser in der Serie gezeigt hat. Der Film ist nur ein optisch (also Mode, Musik und Technik) auf den aktuellen Stand gebrachtes Best-of der ersten Staffel von „Miami Vice“.
Mit Colin Farrell, Jamie Foxx, Gong Li, Naomie Harris, Ciarán Hinds, Justin Theroux
Der fünfzehnjährige Michael muss sich in Neukölln gegen Jugendgangs behaupten. Als einzigen Ausweg gegen die alltäglichen Demütigungen sieht er den Weg in die Kriminalität.
Gut der Abstieg aus der noblen Grunewald-Villa in den schlimmsten Neuköllner Häuserblock geht etwas schnell. Ebenso die Anpassung des Grunewald-Bengels an die für ihn neuen Ghettoregeln.
Aber davon abgesehen ist „Knallhart“ ein verdammt gutes Stück Kino. Der Buck kann’s, wenn er will.
Mit David Kross, Jenny Elvers-Elbertzhagen, Erhan Emre, Oktay Özdemir, Kida Ramadan, Arnel Taci, Kai Müller, Hans Löw, Jan Henrik Stahlberg
Sugarland Express (USA 1974, R.: Steven Spielberg)
Drehbuch: Hal Barwood, Matthew Robbins (nach einer Geschichte von Steven Spielberg, Hal Barwood und Matthew Robbins)
Die junge Mutter Lou Jean befreit ihren Mann aus dem Gefängnis. Gemeinsam wollen sie ihr Baby vor einer Zwangsadoption bewahren. Auf ihrer Fahrt zu den Pflegeeltern werden sie, verfolgt von einer Polizeiarmada, zu Volkshelden.
Steven Spielbergs erster Spielfilm (denn „Duell“ war ein Fernsehfilm, der auch im Kino ausgewertet wurde) ist einer seiner schönsten Filme.
„‚The Sugarland Express‘ ist größtenteils eine ausgelassene, verrückte, kapriolenreiche Verfolgungskomödie – eine lebendige Situationskomödie nach Art der Roadrunner-Zeichentrickfilme, nur in Spielfilmlänge.“ (Variety)
Sein nächster Film war „Der weiße Hai“ und der Rest ist Geschichte.
mit Goldie Hawn, Ben Johnson, Michael Sacks, William Atherton, Gregory Walcott, Harrison Zanuck, Louise Latham
Len Wisemans Remake von Paul Verhoevens Science-Fiction-Actionthriller „Total Recall“ ist eine wirklich seltsame Angelegenheit. Denn einerseits bietet der Film unzählige Ansätze für einen Totalverriss, aber andererseits langweilte ich mich beim Ansehen auch niemals. Ich genoss das Remake wie eine Geisterbahnfahrt: ich war mir immer bewusst, dass ich in einem Wagen sitze, während die plötzlich auftauchenden Geister und die schauerlichen Geräusche mich mehr oder weniger gut erschreckten. Gut, eher weniger. Jedenfalls ist eine Geisterbahnfahrt nur eine Abfolge von Schocks, ohne einen tieferen Sinn und eine irgendwie schlüssige Geschichte.
Die Macher von „Total Recall“, die Drehbuchautoren Kurt Wimmer („Equilibrium“, „Ultraviolet“, „Salt“) und Mark Bombach („Stirb langsam 4.0“, „Unstoppable – Außer Kontrolle“) und Regisseur Len Wiseman („Underworld“, „Stirb langsam 4.0“), nahmen einfach die Geschichte des Arnold-Schwarzenegger-Films und folgen ihr, oft sogar bis in die Dialoge, weitgehend ohne Änderungen. Allerdings warfen sie die gesamte Logik des Originals weg und entsorgten dabei auch die einfachen, aber sehr effektiven und glaubwürdigen Motive und Handlungen der Charaktere, bis nur noch ein bunter, aber sinnfreier Actionreigen, teils mit ebenso sinnfreien, aber CGI-intensiven Actionszenen übrig blieb und der geneigte Science-Fiction- und Action-Filmfan eifrig die Vorbilder auf einer beeindruckend langen Liste abhaken kann. Denn die einzige wirklich originelle Idee in dem Remake ist, dass die Welt nach einer Katastrophe, bis auf zwei Zentren, unbewohnbar ist. Das eine Zentrum ist im heutigen London die United Federation of Britain, das andere in Australien, die Kolonie, die auch ganz banal „The Colony“ heißt, und etliche Bewohner der Kolonie (die wie ein vergessenes „Blade Runner“-Set aussieht) fahren täglich mit dem „Fall“, einem Fahrstuhl mit Sitzgelegenheit, in 16 Minuten (Wow, das ist schnell.) von der einen Seite der Erde die 12.700 Kilometer auf die andere Seite der Erde.
Dass dieser Fahrstuhl durch den Erdkern eine vollkommen absurde Idee ist, soll uns nicht weiter kümmern. Denn die Macher versuchen auch nie, ihre in dem Science-Fiction-Spektakel entworfene Welt schlüssig zu erklären. Denn hätten sie das auch nur eine Nanosekunde versucht, hätten sie kein Best-of der SF-Filme der letzten Jahre auf die Leinwand geklatsch.
Unser Held Douglas Quaid (Colin Farrell) lebt mit seiner Frau Lori (Kate Beckinsale) in der Kolonie. In London baut er im Akkord die Synths zusammen. Diese menschenähnlichen Polizeiroboter erinnern an das Kanonenfutter aus den „Krieg der Sterne“-Filme. Er hat auch Alpträume und irgendwann geht er zu „Rekall“, einer Firma, die anscheinend in einer hinteren Ecke des Vergnügungsviertels liegt und wie die Hollywood-Version eines chinesischem Freudenhaus mit Triadenconnection aussieht. „Rekall“ implantiert falsche Erinnerungen. Quaid hätte gerne die Erinnerungen vom gefahrvollen Leben eines Geheimagenten. Als die Ärzte ihm die Erinnerungen implantieren wollen, stellen sie fest, dass Quaid Geheimagent ist – und schon stürmt eine Armada schwerbewaffneter Soldaten in den Raum. Quaid tötet sie und kann flüchten. Zu Hause erfährt er, dass seine Frau eine Agentin ist, die ihn bewachen sollte und jetzt töten will.
Ab da ist „Total Recall“ nur noch einige einzige Jagd, unterbrochen von spartanischen Erklärungen und einer kleinen Etüde auf dem Klavier.
Und man kann sich, auch ohne das Original zu kennen (schwierig) oder es noch szenengenau im Kopf zu haben (schon eher möglich), über den unlogischen Plot nur wundern. Denn es wird niemals klar, wogegen die Rebellen rebellieren, warum der Bösewicht so böse ist und warum Lori ihren Geheimagenten-Göttergatten wie gedopt im allerbesten Terminator-Stil verfolgt. Das ist alles l’art pour l’art.
Es wird auch nie ein schlüssiges Bild der Zukunft gezeichnet. Da geht alles kunterbunt durcheinander und die Logik ist in „Total Recall“ nicht mehr der ärgste Feind des Regisseurs. Denn hier ist nichts logisch.
Die Actionszenen sind zwar zahlreich und auf den ersten Blick auch optisch beeindruckend, wenn es lange Verfolgungsjagden, natürlich immer mit exzessivem Schusswaffengebrauch, in halb fliegenden Autos (weil sie zwar fliegen, aber durch Magneten auf der Fahrbahn gehalten werden) und zwischen sich in rätselhafter Weise kreuz und quer bewegenden Fahrstühlen gibt.
Gute Schauspieler, wie Bill Nighy als Rebellenführer Matthias, werden lieblos mit einer beliebigen Szene abgefertigt. Aber warum sollte es ihm besser gehen als der Frau mit den drei Brüsten. Im Original hatte sie eigene kleine Geschichte und deshalb berührte uns ihr Tod. Im Remake entblößt sie sich am Anfang und zeigt dem an ihren Reizen desinteressierten Quaid den Weg zu „Rekall“. Das hat die Qualität eines Cameos, das die Macher schnell und lieblos hinter sich bringen, um die Zuschauer nicht von der eigentlichen Geschichte abzulenken.
Insofern ist Wisemans Remake ein grandioses Beispiel für ein gescheitertes Remake: denn anstatt die Fehler des Originals auszumerzen oder der bekannten Geschichte neue Aspekte abzugewinnen oder sie für die Gegenwart zu aktualisieren oder, basierend auf der Prämisse der literarischen Quelle eine neue Geschichte zu erzählen, begnügt sich Wiseman mit einem Malen nach Zahlen. Seinem Remake fehlt der schwarze Humor, die Inspiration, der Ideenreichtum, auch im detaillierten Zeichnen einer damals fernen Zukunft mit Bildtelefonen, implantierten GPS-Sonden und zimmergroßen Flachbildschirmen, das vielschichtige Ansprechen von philosophischen Fragen, wie dem Unterschied von Realität und Traum, und die ätzende Kapitalismuskritik des Originals.
Es gibt eigentlich nichts, was wirklich für Len Wisemans Film spricht oder ihn über das Niveau eines 08/15-Actionfilms mit den schon hunderttausendmal gesehenen Standardsituationen hebt, abgesehen natürlich von den guten Schauspielern, den hübschen Tricks und der Philip-K.-Dick-Vorlage, die ungleich witziger, absurder und logischer als diese Verfilmung ist.
Und trotzdem hat mir der Film gefallen. Beim Sehen. Denn die Erinnerung verblasst schnell.
Total Recall (Total Recall, USA 2012)
Regie: Len Wiseman
Drehbuch: Kurt Wimmer, Mark Bomback (nach einer Geschichte von Ronald Shusett & Dann O’Bannon und John Povill und Kurt Wimmer)
LV: Philip K. Dick: We can remember it for you wholesale (Kurzgeschichte, Erstveröffentlichung in „The Magazine of Fantasy & Science Fiction“, April 1966, deutscher Titel „Erinnerungen en gros“, zahlreiche Nachdrucke in beiden Sprachen in verschiedenen Sammelbänden)
mit Colin Farell, Kate Beckinsale, Jessica Biel, Bryan Cranston, John Cho, Bill Nighy, Bokeem Woodbine
Eine „geführte Meditation“ sei ihr Film „Samsara“, sagen Regisseur Ron Fricke und Produzent Mark Magidson. „Samsara“ ist das Sanskrit-Wort für das unaufhörlich drehende Rad des Lebens, den Kreislauf des Entstehens und Vergehens, der in hundert Filmminuten visualisiert wird.
Zu einer Meditation gehören, jedenfalls bei einem Kinofilm, Musik und Bilder. Die Musik ist von Ambient-Musiker Michael Stearns, „Dead Can Dance“-Sängerin Lisa Gerrard und Marcello De Francisci. Die Bilder wurden in den letzten fünf Jahren rund um den Globus aufgenommen und sie sind, auf der großen Leinwand, ziemlich atemberaubend.
Fricke und Magidson waren in 25 Ländern. Indien, Japan, Türkei, China, Myanmar, Äthiopien, Frankreich, USA und Brasilien standen auf ihre Reiseliste und dort besuchten sie auch abgelegene und entsprechend selten bis nie abgefilmte Orte.
Sie beobachteten die Natur. Sie filmten alte, neue und auch zerstörte Gebäude. Sie filmten Menschen, bevorzugt in der Masse, beim Sport und Tanz und Soldaten beim Paradieren. Sie werfen einen Blick in eine Schlachterei und in eine Massentierhaltung. Es gibt die Performance eines Künstlers, der sich mit Lehm beschmiert. Es werden Schusswaffen gezeigt, die sich auch in den Händen von Afrikanern befinden.
Sie zeigen diese Bilder mal in Zeitlupe, öfters aber im Zeitraffer.
Mit der Musik entwickelt sich dann ein eigener Rhythmus, bei dem vor allem die ästhetische Komponente zählt. Letztendlich haben das Elend in Afrika, die Akkordarbeit in Fabriken und die giftigen Dämpfe einer Schwefelmine in Indonesien nur noch eine fotogene Funktion, bei der sich, in ihrer Wirkung, die Bilder von einem Slumviertel nicht mehr von den nächtlichen Bildern einer Metropole unterscheiden.
Denn die Gegenüberstellung vom Leben der buddhistischen Mönche, die im Einklang mit der Natur leben, und dem entseelten Leben im Westen, sich blindwütig-monoton bewegenden Menschenmassen, Akkordarbeitern in Schlachtereien und vom Kapitalismus zerstörten Gegenden ist doch arg plakativ und letztendlich ohne größeren Erkenntnisgewinn.
Allerdings sind diese wortlosen, nicht-narrativen Experimentalfilme – Fricke war auch in „Koyaanisqatsi“, „Chronos“ und „Baraka“ involviert – im Kino nichts für mich. Denn ich sehe sie nicht als Kinofilme, sondern als Musikvideos oder Kunstinstallationen in einem Museum oder auch, ganz respektlos, als Bildteppich in einer Kneipe und auf dieser rein ästhetischen Ebene ist „Samsara“ durchaus gelungen.
Das Mädchen und der Kommissar (F/I 1971, R.: Claude Sautet)
Drehbuch: Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie, Claude Néron
LV: Claude Néron: Max et les ferrailleurs, 1968
Ein ehrgeiziger Polizist animiert, mit Hilfe einer Prostituierten, eine Gruppe von Kleingangstern zu einem Banküberfall. Er will sie auf frischer Tat ertappen.
Der vorzügliche französische Kriminalfilm mit Starbesetzung ist eine beklemmende Charakterstudie über einen ehrgeizigen Polizisten und die Annahme, dass der Zweck die Mittel heilige.
Mit Romy Schneider, Michel Piccoli, Bernard Fresson
Ein Frühwerk von Christoph Schlingensief (24. Oktober 1960 – 21. August 2010), das als Experimentalfilm keine wirklich nacherzählbare Geschichte hat, aber in der richtigen Stimmung sehr komisch ist. Jedenfalls geht es in „Menu Total“ um die deutsche Vergangenheit: den Nationalsozialismus und auch den jungen deutschen Film.
„Sein Film ist eine Zumutung. Ob er auch der beanspruchte Neubeginn ist, scheint schon zweifelhafter, aber der Kerl ist ja noch jung, und was immer ihm fehlen mag: Selbstbewusstsein ist es nicht.“ (Fischer Film Almanach 1987)
Damals gab es für solche Filme im Forum der Berlinale einen Platz, viele, unter anderem Wim Wenders, verließen nach wenigen Minuten ihren Platz und es gab, kurz darauf, sogar einen richtigen Kinostart.
Mit „100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“, „Das deutsche Kettensägen-Massaker“, „Terror 2000 – Intensivstation Deutschland“ und seinem Afrika-Film „United Trash“ setzte er ziemlich kompromisslos sein filmisches Werk fort.
mit Helge Schneider (auch Musik), Volker Bertzky, Dietrich Kuhlbrodt, Alfred Edel, Anne Fechter, Joe Bausch
Vor hundert Jahren wurde in der auf der Insel Bastøy liegenden Haftanstalt, wo der bedrückende Film „King of Devil’s Island“ spielt, versucht, Jugendlichen mit harter Hand zu wertvollen Mitgliedern der Gemeinschaft zu machen. Dafür wurden sie auf der kleinen Insel uniformiert, mit Nummern angesprochen und nach rigiden Regeln erzogen. Wer sich unterordnete, hatte die Chance, irgendwann die Insel zu verlassen.
Eines Tages trifft Erling (Benjamin Helstad) ein. Er passt nicht wirklich zu den anderen Sträflingen. Denn er ist anscheinend älter als die anderen Jugendlichen, die teilweise noch Kinder sind oder als Kinder auf die Insel kamen, und er arbeitete vorher schon als Seemann. Viel mehr erfahren wir nicht über ihn. Auch nicht, weshalb er, oder irgendein anderer der inhaftierten Jugendlichen, nach Bastøy geschickt wurde.
Er befreundet sich mit Olav (Trond Nilssen), versucht zu fliehen, erkennt schnell, dass das über den Fjord fast nicht möglich ist.
Sein Gegenspieler ist der von Stellan Skarsgård gespielte Anstaltsleiter. Es gelingt ihm, den gläubigen Heimleiter in wenigen Szenen als einen Mann zu zeichnen, der zwar Gutes tun will, der dafür aber die falschen Mittel einsetzt und durch seinen Führungsstil und seine Entscheidungen letztendlich eine Revolte der Jugendlichen provoziert.
In diesen Momenten erinnert er an den von Burghart Klaußner in Michael Hanekes „Das weiße Band“ gespielten Pastor. Sowieso hat Marius Holsts „King of Devil’s Island“ mehr Ähnlichkeiten mit Hanekes fast zeitgleich spielendem Film, als mit Hollywoodfilmen wie „Gesprengte Ketten“, „Papillon“ oder „Flucht von Alcatraz“, die den Kampf des Individuums gegen ein unterdrückerisches System feiern.
Marius Holst erzählt in nüchternen, ruhigen Bildern, die sich den offensichtlichen Dramatisierungen verschließen, von den Bastøy-Jugendlichen. Durch eben diese distanzierte Erzählweise, die auch die meisten Klischees des Gefängnisfilms meidet, ist man allerdings auch immer ein eher objektiver Beobachter des Geschehens. Die in den Bildern liegende Anklage gegen das damalige Bastøy-Regime kann man intellektuell gut nachvollziehen.
Emotional bleibt man allerdings eher unbeteiligt und weil die Geschichte auch keine großen Überraschungen hat, wird „King of Devil’s Island“ auch etwas zäh.
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King of Devil’s Island (Kongen av Bastøy, Norwegen 2010)
Regie: Marius Holst
Drehbuch: Dennis Magnusson, Eric Schmid (nach einer Geschichte von Mette M. Bølstad und Lars Saabye Christensen)
mit Stellan Skarsgård, Benjamin Helstad, Kristoffer Joner, Trond Nilssen, Morten Løvstad, Daniel Berg, Odin Gineson Brøderud, Magnar Botten, Magnus Langlete
Europa (Deutschland/Frankreich/Dänemark 1990, R.: Lars von Trier)
Drehbuch: Lars von Trier, Jean-Paul Meurisse
Deutschland 1945: Ein Schlafwagenschaffner verliebt sich im Zug in die Tochter des Besitzers der Eisenbahngesellschaft. Gleichzeitig bittet ihn ein US-Oberst im Zug nach „Werwölfen“, einer Gruppe von faschistischen Untergrund-Kämpfern, zu suchen.
Lars von Triers dritter Spielfilm ist, nach „Element of Crime“ und „Epidemie“, der Abschluss seiner europäischen Trilogie und er steht schon lange auf meiner Zu-Sehen-Liste.
„In thematischer Anlehnung an die Figurenkonstellation von Franz Kafkas Roman ‚Amerika‘ wirkt ‚Europa‘ trotzt einiger Manierismen wie ein faszinierend bebilderter Alptraum. (…) Wegen seiner Bildphantasie zählt Trier seit ‚Europa‘ zu den Hoffnungsträgern des europäischen Kinos“ (Fischer Film Almanach 1992)
mit Jean-Marc Barr, Barbar Sukowa, Udo Kier, Ernst-Hugo Järegard, Eddie Constantine, Dietrich Kuhlbrodt, Lars von Trier (jüdischer Zeuge), Max von Sydow (Erzähler, im Original)
Der Mann, der niemals lebte (USA 2008, R.: Ridley Scott)
Drehbuch: William Monahan
LV: David Ignatius: Body of Lies, 2007 (Der Mann, der niemals lebte)
CIA-Agent Roger Ferris fahndet im Nahen Osten nach einer islamistischen Terrorzelle. Als sie nicht weiterkommen, hecken Ferris und sein in Washington, D. C., sitzender Chef einen verwegenen Plan aus.
Okayer, schrecklich ausgewogener, realistischer Polit-Thriller, bei dem man nie den Eindruck los wird, dass hier alle unter ihren Möglichkeiten bleiben. Außerdem ist das Ende enttäuschend.
Ein geschasster CIA-Agent will seine Memoiren veröffentlichen. Sie stoßen vor allem in Agentenkreisen auf großes Interesse.
Nette Agentenkomödie, die in Deutschland nur eine Videopremiere erlebte.
„Witzige und größtenteils schwungvolle Agenten-Komödie.“ (Lexikon des internationalen Films)
Der Film war für einen Edgar nominiert, das Drehbuch für den Preis der Writers Guild of America , der Roman erhielt den Edgar als bester Krimi des Jahres und auch Brian Garfield ist mit dieser Verfilmung sehr zufrieden.
mit Walter Matthau, Glenda Jackson, Sam Waterston, Herbert Lom, Ned Beatty, David Matthau, George Baker
Auch bekannt als „Bluff Poker – Ein Schlitzohr packt aus“ (Videotitel)
P. S.: Der Trailer ist “bäh”, aber es gelingt ihm verdammt gut, den Film nicht zu verkaufen.
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BR, 22.00
Der große Coup (USA 1973, R.: Don Siegel)
Drehbuch: Dean Riesner, Howard Rodman
LV: John Reese: The Looters, 1968 (später wegen des Films “Charley Varrick”)
Zufällig klaut Charley Varrick bei einem Überfall auf eine Provinzbank eine dreiviertel Million Dollar. Dummerweise gehört das Geld der Mafia – und die versteht keinen Spaß.
Herrlich amoralischer Gangsterfilm, bei dem ein Einzelner einen scheinbar hoffnungslosen Kampf gegen eine große, skrupellose Organisation aufnimmt.
„In diesem besten von Siegels späten Filmen wird nicht nur mit dem Genre gespielt, bis ein Westernmuster in einem Mafiafilm aufscheint, sondern sein Drehbuch ist auch derart ausgefeilt, dass es seine Wahrheit erst im letzten Moment offenbart.“ (Kevin Gough-Yates, in Frank Arnold/Michael Esser [Hrsg.]: Dirty Harry – Don Siegel und seine Filme)
John Reese schrieb in erster Linie Western.
Mit Walter Matthau, Joe Don Baker, John Vernon, Felicia Farr, Don Siegel (als Tischtennisspieler)