Salamanca, Spanien, großer Antiterrorgipfel: der amerikanische Präsident will auf dem Marktplatz eine Rede halten. Da wird er erschossen und eine Bombe explodiert. Sein Leibwächter Thomas Barnes hat aber etwas gesehen und er nimmt die Spur auf.
„8 Fremde, 8 Sichtweisen, 1 Wahrheit“ lautet der Werbespruch, der ziemlich genau die erzählerische Pointe des Films verrät. Denn das Ereignisse vor, während und nach dem Attentat werden aus acht verschiedenen Sichtweisen erzählt und am Ende gibt es eine atemberaubende Autoverfolgungsjagd. Das unterhält prächtig über die knapp neunzig Minuten und ist filmisch und darstellerisch auch sehr gut gelöst. Denn mit den verschiedenen Blickwinkeln ändert sich auch immer der Blick auf die Ereignisse und die beteiligten Personen.
Dass der ganze Attentatsplan, wenn man genauer darüber nachdenkt, ziemlich konstruiert ist, fällt einem erst nach dem Abspann auf.
mit Dennis Quaid, Matthew Fox, Forest Whitaker, Sigourney Weaver, William Hurt, Edgar Ramirez, Ayelet Zurer, Bruce McGill, Zoe Saldana
No Country for Old Men (USA 2007, R.: Ethan Coen, Joel Coen)
Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen
LV: Cormac McCarthy: No Country for Old Men, 2005
Lewellyn Moss findet in der texanischen Wüste die Überreste eines gescheiterten Drogendeals: Leichen, Heroin und zwei Millionen Dollar. Er schnappt sich die Kohle und steht auf der Abschussliste eines gnadenlosen Killers.
Feine McCarthy-Verfilmung der Coen-Brüder, die, neben vielen anderen Preisen, auch den Oscar als bester Film des Jahres gewann und für den Edgar nominiert war (aber das war auch mit dem Gewinner “Michael Clayton”, “Tödliche Versprechen”, “Zodiac – Die Spur des Verbrechers” und “Die Regeln der Gewalt” ein starkes Jahr für Krimifreunde).
Mit Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson, Kelly Macdonald
Rick, Baxter, Woody und Quinn freuen sich auf ein Wochenende bei ihrem alten Freund Alvo in dessen Finca auf Mallorca. Im Gegensatz zu ihnen konnte Alvo sich schon zur Ruhe setzen. Gemeinsam wollen sie in Erinnerungen schwelgen, sich in der Sonne bräunen, viel Alkohol trinken und den Strand- und Discoschönheiten in ihren knappen Bikinis hinterherblicken. Immerhin sind sie schon über Vierzig und teilweise noch verheiratet. Ein richtiger Männerurlaub eben.
Doch schon kurz nach ihrer Begrüßung stochert Alvo genussvoll in ihren alten Wunden und ätzt über die verpfuschten Leben und kleinen Geheimnisse von Rick, Baxter, Woody und Quinn. Denn wirklich gut geht es keinem der vier Freunde. Aber anscheinend ist sein Luxusleben auch nicht so toll. Denn er scheint Probleme zu haben, die er unbedingt vor ihnen verheimlichen will. Als er sie auf ein geklautes Boot von einem Gangster schleppt, sie in einen Drogendeal verwickelt und er, nach 45 Minuten, von einem Zwerg mit Tony-Blair-Maske erschossen wird, wissen Rick, Baxter, Woody und Quinn, dass sie jetzt mitten in der Scheiße stecken. Dabei glauben sie, dass die Polizei mit den Gangstern zusammenarbeitet. Sie verdächtigen dabei vor allem die schöne Polizistin, die behauptet, sie würde ihnen helfen und die verdächtig viel über Alvos Geschäfte weiß.
Aber eigentlich steht dieser eher banale Krimiplot nicht im Mittelpunkt der tiefschwarzen Komödie „Mad Dogs“. Denn dafür bleibt die Bedrohung durch die Gangster viel zu abstrakt und immer wieder ist fraglich, ob die vier Engländer überhaupt bedroht werden, oder sie einfach nur paranoid sind.
Im Zentrum des gut besetzten TV-Vierteilers steht über drei Stunden das konsequente Offenlegen von Lebenslügen. Denn die vier Protagonisten müssen, angesichts der kunstvoll auf dem Esszimmertisch verteilten Leiche von Alvo und der überbordenden Probleme, die ihnen Alvo hinterlassen hat, erkennen, dass sie alle nicht das erreichten, was sie als junge Männer erreichen wollten und dass die von ihnen jetzt wieder vielbeschworene Freundschaft so schon lange nicht mehr existiert. Falls überhaupt jemals.
Autor Chris Cole nimmt sich in den vier Episoden der ersten Staffel der BBC-Serie „Mad Dogs“ diese Lügen gnadenlos vor und Regisseur Adrian Shergold inszenierte es im Stil eines mit einem billigen Camcorder aufgenommenen, oft verwackelten, oft falsch belichteten Urlaubsdokumentation.
Als zutiefst pessimistische, surreal-schwarze Komödie über vier ziemlich unsympathisch-gewöhnliche Männer, die noch nicht einmal versuchen, sich halbwegs anständig aus der Affäre zu ziehen, bereitet „Mad Dogs“ ein durchaus quälendes Vergnügen, das an Roman Polanski erinnert (so sollte man „Mad Dogs“ mal mit „Wenn Katelbach kommt…“ [Cul-De-Sac, GB 1966] vergleichen). Denn auch in „Mad Dogs“ versuchen unsere vier Helden alles, um sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien und am Ende ihrer Bemühungen landen sie doch wieder am Ausgangspunkt.
In England wurde bereits eine zweite „Mad Dogs“-Staffel ausgestrahlt und eine US-Version von „Mad Dogs“ ist geplant.
Mad Dogs – Staffel 1 (Mad Dogs, GB 2011)
Regie: Adrian Shergold
Drehbuch: Cris Cole
mit Max Beesley (Woody), John Simm (Baxter), Marc Warren (Rick), Philip Glenister (Quinn), Ben Chaplin (Alvo), María Botto (Maria), Tim Woodward (Dominic), Tomás Pozzi (Tony), Eloise Joseph (Lottie)
–
DVD
Polyband
Bild: 16:9 (1,78:1)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Englisch
Bonusmaterial: Making of (25 Minuten), Wendecover
Länge: 180 Minuten (4 Folgen à 45 Minuten, 2 DVDs)
Drehbuch: Geoffrey Homes (Pseudonym von Daniel Mainwaring), James M. Cain (ungenannt), Frank Fenton (ungenannt)
LV: Geoffrey Homes: Build my gallows high, 1946 (Goldenes Gift)
Privatdetektiv Jeff Bailey soll für den Gangster Whit Sterling dessen mit einer Tasche Geld durchgebrannte Freundin suchen. Dummerweise verliebt Jeff sich in das titelgebende „Goldene Gift“.
Jacques Tourneur, dessen bekannteste Werke die Horrorfilmklassiker „Katzenmenschen“ und „Ich folgte einem Zombie“ sind, inszenierte diesen Noir, der inzwischen zu den Klassikern des Genres gehört, nach einem Roman von Geoffrey Homes, der auch das Drehbuch schrieb und geschickt mit der Noir-typischen Rückblendenstruktur und den Noir-Archetypen (die heute sattsam bekannte Klischees sind) spielt. Tourneur zeigte sich wieder einmal als Meister der Licht- und Schattenspiele und Robert Mitchum demonstriert, wieviel Schauspiel in einem Nicht-Schauspiel sein kann.
Mit Robert Mitchum, Jane Greer, Kirk Douglas, Rhonda Fleming, Richard Webb, Steve Brodie, Virginia Huston, Paul Valentine, Dickie Moore
Während Steven Spielberg immer noch einen Kassenknüller nach dem nächsten in die Kinos bringt und auch Martin Scorsese fast im Jahrestakt ein neues Meisterwerk nach dem nächsten heraushaut, hat Francis Ford Coppola sich in den vergangenen zwanzig Jahren als Regisseur fast vollkommen vom Filmgeschäft zurückgezogen. Die siebziger Jahre waren seine große Zeit: „Der Pate“, „Der Dialog“, „Der Pate II“ und „Apocalypse Now“. 1982 landete er mit „One from the heart“ einen so großen Flop, dass er die nächsten Jahre mit „Rumble Fish“, „The Outsider“, „Cotton Club“, „Peggy Sue hat geheiratet“, „Der steinerne Garten“, Tucker“ und „Der Pate III“ Schadensbegrenzung betrieb und versuchte, Geld für sein American-Zoetrope-Studio reinzuholen. Künstlerisch war das Jahrzehnt ziemlich durchwachsen, aber im Rückblick sind die Filme nicht so schlecht, wie sie damals von der Kritik gemacht wurden. In den Neunzigern kamen dann nur noch „Bram Stokers Dracula“, „Jack“ (Hat den jemand gesehen?), die biedere John-Grisham-Verfilmung „Der Regenmacher“ und der Science-Fiction-Film „Supernova“ (auch bekannt als der SF-Film, der eine so vermurkste Produktionsgeschichte hatte, dass das Ergebnis zwar Mist, aber erstaunlich ansehbarer Mist ist; vor allem wenn man darüber rätselt, welcher Regisseur für welchen Teil verantwortlich ist). Seitdem drehte er, weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit, „Jugend ohne Jugend“, „Tetro“ (bislang keine deutsche Veröffentlichung) und jetzt „Twixt“; – und auch „Twixt – Virginias Geheimnis“ würde ohne Coppolas Namen niemand interessieren. Denn der Film ist, optisch durchaus ansprechend inszeniert, kruder, kaum unterhaltsamer Unfug mit einigen bekannten Schauspielern. Es ist wie das verkochte Restemenü in einem Restaurant: da kann der Kellner sich noch so viel Mühe geben, es schmeckt nicht und es macht auch nicht satt. Und dass der Koch früher Mal in einem Sterne-Restaurant der Küchenchef war, mag man gar nicht glauben.
Denn die von Francis Ford Coppola geschriebene Geschichte taugt höchstens für eine ganz schlechte, halbstündige „Twilight Zone“-Episode: der Horrorromanautor Hall Baltimore (Val Kilmer im Straight-to-DVD-Modus) trifft in einer Kleinstadt auf Ortssheriff Bobby LaGrange (Bruce Dern), der ihm von einer geheimnisvollen Mordserie erzählt. Baltimore will zwar zunächst möglichst schnell weg, aber nachdem er einen Blick auf sein Bankkonto geworfen hat, sieht er die Möglichkeit, die Morde, garniert mit einigen Vampiren, als Inspiration für seinen nächsten Roman zu benutzen. Während er enorme Mengen Alkohol konsumiert, fantasiert er sich in seinen Träumen Begegnungen mit dem Geistermädchen V (Elle Fanning), vergangenen Morden und Edgar Allen Poe (Ben Chaplin), der auch mal eine Nacht in dem Kaff verbrachte, zusammen. Nur Vampire erscheinen ihm nicht im Traum.
Und während man während des Ansehens von „Twixt“ noch verzweifelt versucht, einen Sinn und interessante Verbindungen zwischen den verschiedenen Teilen zu finden, muss man am Ende feststellen, dass „Twixt“ hundertprozentig an die Roger-Corman-Schule, abzüglich Sex und Gewalt, anknüpft und damit wäre Francis Ford Coppola wieder bei seinen Anfängen gelandet, als er für Roger Corman für wenig Geld, aber dafür mit Resten aus anderen Filmen, seine ersten Gehversuche im Filmgeschäft machte.
Twixt – Virginias Geheimnis (Twixt, USA 2011)
Regie: Francis Ford Coppola
Drehbuch: Francis Ford Coppola
mit Val Kilmer, Bruce Dern, Elle Fanning, Ben Chaplin, Joanne Whalley, David Paymer, Tom Waits (Erzähler im Original)
LV: Nicholas Pileggi: Casino: Love and Honor in Las Vegas, 1995 (Casino)
Biopic über die Mafia in Las Vegas in den Siebzigern
Kurz gesagt: ein Meisterwerk und Pflichttermin für Krimifans.
„Die einander ergänzenden Elemente von ‚Casino’, die genaue, materialistische Dokumentation, das Shakespeare-Drama von Macht und Fall, der Genrefilm und die Strindbergsche Seelenpein von Mann und Frau, zwischen denen eine unsichtbare Mauer steht, laufen alle auf die Feststellung hinaus, die Robert De Niro schon am Anfang getroffen hat: dass niemand gegen die Bank gewinnen kann. Das ist nicht nur konkrete Beschreibung einer ökonomisch-kriminellen Situation und soziale Metapher auf das Wesen des Kapitalismus, sondern auch ein philosophisches Gleichnis.“ (Georg Seeßlen: Martin Scorsese)
Mit Robert De Niro, Sharon Stone, Joe Pesci, James Woods, Kevin Pollak, L. Q. Jones
Auch wenn Colin Farrell an erster Stelle genannt wird, gehört der Film „7 Psychos“ Sam Rockwell. Und dann Woody Harrelson und Christopher Walken, der fast alles, außer Tanzen, tut. Tom Waits, mit einem süßen Tier im Arm, und Harry Dean Stanton haben mehr als erinnerungswürdige Auftritte. Und die Frauen bleiben, wie schon in Martin McDonaghs vorherigem Film „Brügge sehen…und sterben?“ (In Bruges, GB 2008) Staffage. Die Story, dieses Mal, auch.
„7 Psychos“ funktioniert vor allem als schwarzhumorige Nummernrevue über Gangster und Hollywood, mit einer lässig eingezogenen Metaebene. Denn Marty Flanaran (Colin Farrell) ist ein erfolgloser, aber irisch-trinkfester, begnadeter Drehbuchautor auf der Suche nach Inspiration. Den Titel für sein neues Werk hat er schon: „7 Psychos“. Und er weiß auch, worum es gehen soll: um sieben Psychopathen. Aber ungewöhnlich. So soll ein Psychopath friedfertig sein. Vielleicht ein Buddhist. Oder ein Quäker. Oder ein Amish. Jedenfalls friedfertig. Und sein Drehbuch soll keine blutrünstige 08/15-Hollywood-Geschichte sein. Sein Freund Billy (Sam Rockwell), ein erfolgloser Schauspieler mit psychopathischen Tendenzen, hilft ihm mit Plotideen und kidnappt nebenbei mit Hans (Christopher Walken) Hunde, die er gegen Belohnung den Besitzern zurückgibt.
Zuletzt kidnappte er Bonny, das Schoßhündchen des an guten Tagen nur cholerischen Gangsters Charlie Castello (Woody Harrelson, mal wieder als fieser Fiesling. Aber er ist in Wirklichkeit sicher ein ganz netter Mensch, der kein Shih-Tzu-Haar krümmen kann.). Denn für seinen Bonny geht Charlie über Leichen.
Das ist der lockere Rahmen für einen an allen Ecken und Enden zerfasernden und zerfransenden Film, der auch in Richtung Nouvelle Vague geht, die halbe Filmgeschichte plündert und einfach alles mitnimmt, was Autor und Regisseur Martin McDonagh gefällt.
Am besten genießt man „7 Psychos“ daher als zeitgemäßes, brutal-blutrünstiges, amoralisch-moralisches, schwarzhumoriges Update von Jean-Luc-Godard-Filmen wie „Die Außenseiterbande“ und „Pierrot le fou – Elf Uhr nachts“. Da fragte auch niemand nach der Geschichte und ob sie logisch war, aber jeder genoss die einzelnen Szenen, die Stimmung, die Sprüche, die Weisheiten und die herrlich absurd-abgedrehten Situationen.
Denn davon gibt es in „7 Psychos“ noch mehr als in „Brügge sehen…und sterben?“. Aber auch, jedenfalls wenn man sich die Originalfassung ansieht, deutlich weniger „Fucks“.
7 Psychos (Seven Psychopaths, UK/USA 2012)
Regie: Martin McDonagh
Drehbuch: Martin McDonagh
mit Colin Farrell, Sam Rockwell, Christopher Walken, Woody Harrelson, Tom Waits, Abbie Cornish, Olga Kurylenko, Harry Dean Stanton, Zeljko Ivanek, Gabourey Sidibe, Linda Bright Clay
Als die Kamera zum ersten Mal die Lage der Mülldeponie in Camburnu zeigte, fragte ich mich: „Wer kommt auf die bescheuerte Idee, eine Mülldeponie mitten in einem Wohngebiet zu planen?“
Das hatten sich 1997 die Bewohner des Bergdorfs im Nordosten der Türkei, am Schwarzen Meer, auch gefragt und sie protestierten gegen die Nutzung der stillgelegten Kupfermine als Mülldeponie für die gesamte Region. Erfolglos durch alle Instanzen. Auch der jetzige Bürgermeister kämpfte dagegen, stellte sich sogar gegen seine Partei, die Regierungspartei AKP und wurde wegen Verhinderung von Staatsinteressen angeklagt.
Währenddessen wurde die Brache ab 2006 planiert und Müll reingekippt. Die Planer und Bauherren versicherten immer wieder, dass diese Deponie nicht stinken werde, dass sie das Wasser nicht belaste, dass es keine Probleme geben wird. Nichts davon stimmte und Fatih Akin, dessen Großeltern aus Camburnu kommen und der dort 2006 das Finale seines Spielfilms „Auf der anderen Seite“ drehte, legt jetzt eine Dokumentation, die den Kampf der Bewohner gegen die Mülldeponie von 2006 bis heute chronologisch nachzeichnet, vor. Es ist ein Manifest des Widerstandes und der Zivilcourage.
Denn die Anwohner warnten vor vielen der Probleme, die während des Baus und des Betriebs, der kürzlich um zwei weitere Jahre verlängert wurde, entstanden. So rieß die Isolationsschicht; eine Plastikplane, die verhindern sollte, dass das Müllwasser in das Grundwasser dringt. Sie wurde notdürftig geflickt. Die Abwasserrohre waren zu klein dimensioniert und das Müllwasser lief über. Es stank. Zur Abhilfe spritzten die Betreiber der Deponie Parfüm in die Luft. Starke Regenfälle, die dort absolut üblich sind, führten immer wieder dazu, dass die Deponie überlief. Tiere gelangen auf die nicht abgesperrte Deponie und können Krankheiten und giftige Stoffe auf die Erntefelder tragen. Denn in Camburnu wird seit Ewigkeiten Tee geerntet. Und, als Höhepunkt der Fehlplanungen, bricht am 6. Dezember 2011 die Mauer des Abwasserbeckens und das hochgiftige Abwasser verseucht die Felder.
Mit diesem Ereignis hört Akins Film, der bereits in Cannes in „Official Selection“ lief, auf.
Er hat sich für den Dokumentarfilm mit Unternehmern, Beamten, auch von der Umweltschutzbehörde, Arbeitern und höheren Angestellten der Deponie, die unisono die Gefahren und Katastrophen verharmlosten unterhalten. Er hat auch den Bürgermeister von Camburnu und vielen Einwohnern von Camburnu interviewet, die teils gegen die Deponie kämpfen, teils, vor allem die Jüngeren, resigniert ihre Heimat verlassen. So sank die Zahl der Einwohner seit der Eröffnung der Deponie von 3500 auf 1200.
Ein guter Teil des Filmmaterials kommt von Bünyamin Seyrekbasan, einem örtlichen Fotografen. Stilistisch ist „Müll im Garten Eden“ ein Dokumentarfilm mit teils verwackelten Bildern, Interviews und einigen impressionistischen Bildern. Auf der formalen Ebene ist das nicht besonders bemerkenswert. Aber als Dokument einer menschenverachtenden Politik, einer Politik, die keine Rücksicht auf die Betroffenen nimmt, und zeigt, dass der bürokratische und politische Wahnsinn überall zuschlagen kann, überzeugt „Müll im Garten Eden“.
Denn Camburnu liegt auch in Deutschland. Ich erinnerte mich während des Films, an Pläne, Müllverbrennungsanlagen für Rheinland-Pfalz vor meiner Haustür zu bauen (wir konnten es verhindern), oder an den neuen Berliner Flughafen BER, der direkt vor den Toren der Stadt gebaut wird (der andere, einige Kilometer weiter südlich liegende Standort war für die Berliner Politiker Sibirien) oder an „Stuttgart 21“.
Die Ostdeutsche Yella will aus ihrem tristen Leben fliehen. In Hannover lernt sie einen Finanzmanager kennen und wird seine Geliebte und Partnerin.
Wie gewohnt bei Christian Petzold: toller, angenehm undeutscher Film.
„Mit viel Gespür für Rhythmus und innere Beziehungen, präzisen Darstellern und einer suggestiven Raumdramaturgie inszeniert Christian Petzold den dritten Teil seiner ‚Gespenster‘-Trilogie als Mischung aus kühl-moralischem Blick auf Mechanismen des Geldmarktes und surrealem Märchen.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Nina Hoss, Devid Striesow, Hinnerk Schönemann, Burghart Klaußner, Barbara Auer, Christian Redl
Die Deutsche Lady Jazz (D 2012, R.: Marc Boettcher)
Drehbuch: Marc Boettcher
Einstündige TV-Fassung der zweistündigen Kinodoku „Sing! Inge, sing! – Der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg“ über Inge Brandenburg (1929 – 1999), die 1960 in Frankreich zur „besten Jazzsängerin Europas“ ernannt wurde und das Time Magazine hielt sie für „die neue Billie Holiday“, aber ihre Produzenten verschleuderten ihr Talent in banalen Schlagern und ließen sie anschließend in Vergessenheit geraten.
Drehbuch: Guillermo del Toro (nach einer Geschichte von Guillermo del Toro und Peter Briggs
LV: Mike Mignola: Hellboy
Hellboy, ein zum Guten erzogener Dämon, verkloppt im Auftrag einer geheimen FBI-Einheit Dämonen. Jetzt kämpft er gegen den untoten Mönch Rasputin und den SS-Mann Kroenen, die ihr vor sechzig Jahren unterbrochenes Werk vollenden wollen.
Guillermo del Toro könnte ein Bruder von Robert Rodriguez sein. Auch seine Filme sehen teurer aus als sie sind und auch er liebt die Popkultur.
„Hellboy“ ist eine der wenigen gelungenen Comicverfilmungen. Kein Wunder. Schließlich hat hier ein Fan einen Film für andere Fans (alle mit einem kindischen Gemüt) gemacht.
Mit Ron Perlman, John Hurt, Selma Blair, Rupert Evans
„Hellboy“-Erfinder Mike Mignola 2011 auf der Comic Con
Mike Mignola und Christopher Golden im Gespräch
Das erinnert mich daran
Ich sollte endlich den von Christopher Golden herausgegebenen und von Mike Mignola illustrierten Kurzgeschichtensammelband „Medusas Rache“ (Golkonda Verlag, 300 Seiten, 16,90) und Mike Mignolas „Hellboy“-Comic „Der Sturm“ (Cross Cult, 176 Seiten, 22 Euro), das Finale der Mignola-&-Fegredo-Trilogie, lesen.
In „Medusas Rache“ sind vierzehn neue „Hellboy“-Geschichten (naja, so ganz neu sind sie nicht mehr, denn der Sammelband ist von 1999, aber erst jetzt auf Deutsch erschienen) von Nancy Holder, Brian Hodge, Poppy Z. Brite, Greg Rucka, Max Allan Collins und Christopher Golden & Mike Mignola.
Stille Nacht – Mörderische Nacht (USA 2008, R.: Susan Montford)
Drehbuch: Susan Montford
LV: Edward Bryant: While she was out, 1988 (Kurzgeschichte)
Nachdem Hausfrau Della in der Shopping Mal einige Weihnachtseinkäufe erledigt hat, beobachtet sie, wie einige Jugendliche einen Wachmann erschießen. Panisch flüchtet sie in eine abgelegene Baustelle. Die Mörder verfolgen die Zeugin.
Montfords Debüt „While she was out“ (DVD-Titel) ist ein geradliniger, angenehm kurzer Thriller, der mit einigen überraschenden Twists aufwartet und nicht mit überflüssigen, psychologisierenden Subplots nervt. Denn in neunzig Minuten darf sich auf die Hauptsache konzentriert werden: den gnadenlosen Kampf einer Frau ums Überleben in einer feindlichen Umgebung.
Vorname Carmen (Frankreich/Schweiz 1983, R.: Jean-Luc Godard)
Drehbuch: Anne-Marie Miéville
Jean-Luc Godards sehr zugängliche (verglichen mit seinen anderen Spätwerken) Interpretation der Geschichte von „Carmen“. Er verlegte die Geschichte in die Gegenwart und er spielte in dem Film auch die Rolle des Regisseurs und Onkels von Carmen, der nie um einen bissigen Kommentar verlegen ist.
mit Maruschka Detmers, Jacques Bonnaffé, Myriem Roussel, Hippolite Girardot, Jean-Luc Godard
„Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin“ ist der neue Film der „Little Miss Sunshine“-Regisseure Jonathan Dayton und Valerie Faris.
„Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin“ ist eine Komödie über einen Schriftsteller, der in einer Schreibkrise einen seiner Charaktere, seine Traumfrau, zum Leben erweckt und fortan mit ihr zusammen leben muss.
Aber im Gegensatz zu „Harvey“ kann jeder Ruby Sparks sehen. Sie ist ein echter Mensch aus Fleisch und Blut. Bis auf ihren Geist. Der kommt immer von ihrem Erfinder Calvin Weir-Fields, einem schlackerhaftem Endzwanziger, der als 19-jähriger den „Fänger im Roggen“ für seine Generation schrieb, reich wurde, seitdem nichts mehr geschrieben hat und jetzt von seinem Psychiater aufgefordert wurde, einfach etwas zu schreiben. Je schlechter, desto besser.
Das klingt doch gut. Ein philosophisch angereicherte Feelgood-Film. Oder weil Drehbuchautorin Zoe Kazan auch die Rolle der Ruby Sparks übernommen hat, ihr Freund Paul Dano die von Calvin Weir-Fields und die Regisseure miteinander verheiratet sind, ein zeitgemäßes Update von Woody Allen für die Zwanzig-/Dreißigjährigen.
Aber dann zünden die Witze nicht, die Geschichte plätschert vor sich hin und die immer wieder angedeutete philosophische Dimension wirkt nur vorgetäuscht. Denn anstatt sich wirklich mit den Fragen von schriftstellerischer Kreativität, dem Verhältnis von Autoren zu ihren Charakteren, Schein und Sein, dem Wunsch nach der Traumfrau und der ernüchternden Wirklichkeit, zu beschäftigen, werden sie höchstens gestreift und manchmal mit einem halbgaren Witz, der früher sein Ende im Papierkorb des Autors gefunden hätte, garniert.
Das ist dann, auch wenn ich kein zweites „Little Miss Sunshine“ erwartete, eindeutig zu wenig um zu begeistern.
Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin (Ruby Sparks, USA 2012)
Regie: Jonathan Dayton, Valerie Faris
Drehbuch: Zoe Kazan
mit Paul Dano, Zoe Kazan, Antonio Banderas, Annette Bening, Steve Coogan, Elliott Gould, Chris Messina, Alia Shawkat
Columbo: Mord nach Rezept (USA 1968, R.: Richard Irving)
Drehbuch: Richard Levinson, William Link
LV: Richard Levinson, William Link: Prescription: Murder, 1962 (Theaterstück)
Kurz nach dem zehnten Hochzeitstag wird die Frau von Dr. Flemming von einem Einbrecher ermordet. Lt. Columbo zweifelt an der Einbrechertheorie und knöpft sich den Gatten vor.
Bevor Columbo 1971 als Teil der „NBC Mystery Movies“ in Serie ging, gab es bereits zwei TV-Auftritte des schusseligen Polizisten, die selten gezeigt werden, und daher nicht so richtig zum offiziellen Kanon gehören.
Francois Ozons neuer Film „In ihrem Haus“ ist ein Krimi ohne Mord und Totschlag. Eigentlich auch ohne Verbrechen, aber mit vielen falschen Tatsachen. Denn der Lehrer Germain (Fabrice Luchini) sieht in seinem sechzehnjährigem Schüler Claude (Ernst Umhauer) einen talentierten Schriftsteller und damit dessen Talent auch wirklich zum Funkeln kommt, gibt der verhinderte Schriftsteller Germain seinem Schüler kostenlose Privatstunden. Claude erzählt in seinen Geschichten von seinen Besuchen bei seinem Mitschüler Rapha jr. (Bastien Ughetto), dessen Vertrauen er sich als hilfsbereiter Mitschüler erschlich, weil er sich in dessen Mutter (Emmanuelle Seigner) verliebte.
Germain fordert Claude auf, die Geschichte, deren Wahrheitsgehalt im Detail sehr zweifelhaft ist, weiterzuschreiben.
Claude beginnt ihn um Gefälligkeiten, die seine Schulnoten positiv beeinflussen, zu bitten. Der Lehrer ist immer faszinierter von der Geschichte, in der er über seinen Schüler in eine fremde Familie eindringt – und irgendwann mischt er sich auch in die Geschichte ein, indem er Claude als Geist (oder Muse oder spitzzüngiger Kritiker) in dem Haus der Artoles erscheint und kluge Ratschläge verteilt.
Und Ozon zieht in dem Moment ganz lässig eine weitere Ebene in das Spiel von Lehrer und Schüler ein. Während wir uns anfangs fragten, wie viel von Claudes Geschichte erfunden ist und auch, wie sehr wir die Geschichte aus der Perspektive von Claude oder Germain, der sie seiner Frau (der immer eleganten Kristin Scott Thomas) am Esstisch vorliest, beginnt Ozon jetzt auch ganz offensiv über das Schreiben von Geschichten nachzudenken.
Das geschieht alles so leicht, dass man fast nicht wahrnimmt, wie komplex „In ihrem Haus“ ist. Dagegen nimmt man die Claude-Chabrol-Einflüsse wahr: der unbestechliche Blick des Wissenschaftlers auf die kleinstädtische Bourgeoisie, die pointierte Erzählweise, die immer, wenn es geht, einen Witz mitnimmt und natürlich die Riege guter Schauspieler, die sich lässig die Bälle zuwerfen.
Aber da, wo Chabrol beim Erzählen immer wieder schlampig wurde, entwirft Ozon ein präzises Spiel auf mehreren Ebenen, gegen das – irgendwie muss ich euch ja ins Kino bringen – „Inception“ wie ein laues Lüftchen wirkt.
Und das Verbrechen? Der Missbrauch von Vertrauen.
In ihrem Haus (Dans la maison, Frankreich 2012)
Regie: Francois Ozon
Drehbuch: Francois Ozon (freie Adaption des Stücks „Der Junge aus der letzten Reihe“ von Juan Mayorga)
mit Fabrice Luchini, Ernst Umhauer, Kristin Scott Thomas, Emmanuelle Seigner, Denis Ménochet, Bastien Ughetto, Jean-Francois Balmer, Yolande Moreau, Catherine Davenier
Das Fleisch der Orchidee (F/I/D 1974, R.: Patrice Chéreau)
Drehbuch: Jean-Claude Carrière, Patrice Chéreau
LV: James Hadley Chase: The Flesh of the Orchid, 1948 (Ein Grab voll roter Orchideen, Das Fleisch der Orchidee)
Eine Millionenerbin, die in einer Klinik in den Wahnsinn getrieben werden soll, bricht aus. Auf ihrer Flucht gerät sie unter anderem in ein Mordkomplott.
„Theater- und Opernregisseur Patrice Chéreau greift kräftig ins Reservoir kinematographischer Schreckenselemente, um seiner Verfilmung (…) die nötige Spannung zu verleihen. Dabei gelingt ihm über weite Partien tatsächlich die Schaffung eines Alptraums, beklemmend und wahrhaft mörderisch. Seine Inszenierung macht dabei allerdings einen bewusst artifiziellen Charakter. Chéreau bevorzugt bläuliche, kalte Farben und verkommene trostlose Handlungsorte.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)
mit Charlotte Rampling, Bruno Cremer, Edwige Feuillère, Simone Signoret, Hans-Christian Blech, Alida Valli
Wie gerne hätte ich Andrew Dominiks neuen Film „Killing them softly“ gnadenlos abgefeiert, aber es war wohl ein Fehler, vor dem Besuch der deutschen Fassung den Roman „Cogan’s Trade“, die Vorlage zum Film, zu Lesen.
„Cogan’s Trade“ erschien bereits 1974 und George V. Higgins, der mit seinem ersten Roman „Die Freunde von Eddie Coyle/Hübscher Abend bis jetzt“ (The Friends of Eddie Coyle, 1971) einen Kriminalromanklassiker, Unterabteilung Gangsterkrimi, schuf, weil er ein ungeschöntes Bild des Kleingangstertums zeichnete und die Dialoge sich wie Abhörprotokolle lasen. Dieses Ohr für den Slang der Verbrecher hatte er vorher als Anwalt und Staatsanwalt in Boston geschärft. Das war eine Sprechweise, die teilweise auch von US-Amerikanern kaum verstanden wurde (und es den Übersetzern nicht leicht machte). Außerdem entfaltet sich die Geschichte nicht in den Taten der Verbrecher, sondern in ihren Gesprächen darüber.
Auch Higgins‘ dritter Roman „Cogan’s Trade“ besteht fast nur aus Dialogen. Über Seiten reden die Gangster ohne Punkt und Komma. Die Gespräche kreisen oft, mit Wiederholungen, um sich selbst. Oft ist lange Zeit nicht klar, wo das Gespräch hinführen soll. Gerade das macht den Roman einerseits mühsam zu lesen (Oh man, warum geht die Story nicht im Richard-Stark-Tempo weiter?), aber auch faszinierend (Uh, das ist die Wirklichkeit.). Higgins‘ erste Romane, vor allem sein Debüt, wurde von der Kritik abgefeiert und auch heute noch zählt er zu den Innovatoren des Genres. Elmore Leonard änderte danach seinen Schreibstil und er wird nicht müde, Higgins‘ stilistischen Einfluss auf sein Werk zu betonen. Quentin Tarantinos Endlosdialoge sind ebenfalls von Higgins beeinflusst.
Und Hollywood glaubt wohl, wegen der vielen Dialoge und den spärlichen Beschreibungen, fast schon ein Drehbuch vor sich zu haben.
Aber, und das zeigt sich in Dominiks sehr werkgetreuer Verfilmung von „Cogan’s Trade“, es ist auch nicht besonders filmisch. Denn die meiste Zeit sitzen mittelalte Männer in Autos, an Tischen und in Sesseln und reden über Dinge, die sie getan haben, oder von jemand gehört haben. Als Lektüre ist das faszinierend. In einem Film würde ich aber genau diese Erzählungen lieber sehen, anstatt immer nur von ihnen zu hören.
Dabei ist die Geschichte denkbar einfach: zwei Kleingangster rauben ein illegales Kartenspiel aus. Cogan, der Troubleshooter des Syndikats, soll die beiden Gangster finden. Schnell ist er auf der richtigen Spur und er will sie, als Denkzettel, umbringen. Kompliziert wird sie nur durch ihre Erzählweise.
Auch die Schauspieler sind gut. Brad Pitt als Cogan. James Gandolfini als physisches Wrack. Richard Jenkins als Verbindungsmann des Syndikats. Ray Liotta als Leiter der Spielhalle (die er selbst bereits einmal ausraubte), Sam Shepard (leider viel zu kurz) als Vollstrecker des Mobs. Scott McNairy und Ben Mendelsohn als die die beiden Räuber. Und Vincent Curatola als der Organisator des Coups. Sie haben erkennbar ihren Spaß an den Dialogen.
Es sind Dialoge und eine Geschichte, die tief in den siebziger Jahren steckt und über weite Teile auch wie ein aus der Zeit gefallener Siebziger-Jahre-Gangsterthriller aussieht, in dem die Gangster, die bis dahin in Büchern und Filmen normalerweise über kein nennenswertes Privatleben verfügten, sich stundenlang über die ganz normalen Probleme von mittelalten Männern unterhalten: das Einkommen, die Ehefrau, die Kinder und die kleinen Zipperlein, die die Arztrechnungen in ungeahnte Höhen treiben. Der Profi-Killer Mickey (James Gandolfini) zeigt eine mögliche Zukunft für Cogan auf: als larmoyanter, ängstlicher Alkoholiker, der an seinem Beruf zerbrach. Gangster als normale Menschen mit alltäglichen Problemen und, oft, dem Habitus eines kleinen oder mittleren Angestellten. Das war damals neu. Heute haben wir „Die Sopranos“ gesehen.
Dominik, der zuletzt den Western „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ (The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford, USA 2007, den ich elend langweilig fand) drehte und dort die Charaktere ihn ihrer historischen Zeit leben ließ, verlegt in „Killing them softly“ Higgins‘ Geschichte aus den frühen siebziger Jahren in die Fast-Gegenwart. Sie spielt jetzt 2008, während der letzten Amtstage von George W. Bush, im vom Hurrikan Katrina verwüsteten New Orleans, in der Hochphase des Präsidentschaftswahlkampfes von John McCain und Barack Obama. Immer wieder weisen TV-Nachrichten mit Redeausschnitten darauf hin. Die USA werden – mit einem erhobenen, „Tatort“-würdigem Zeigefinger – als ein sich ökonomisch im freien Fall befindendes Land, in dem jeder nur noch um das eigene Überleben kämpft, porträtiert. Diese Aktualisierung, als ob Gangsterkrimis nicht auch immer Kapitalismuskritik wären, wirkt allerdings die ganze Zeit wie ein vollkommen unpassender Fremdkörper in einem Männerfilm, der überdeutlich in den siebziger Jahren (und vor dem damaligen historischen Hintergrund, der von Higgins auch deutlich gezeichnet wird) spielt.
Killing them softly (Killing them softly, USA 2012)
Regie: Andrew Dominik
Drehbuch: Andrew Dominik
LV: George V. Higgins: Cogan’s Trade, 1974 (Neuauflage als „Killing them softly“, keine deutsche Übersetzung)
mit Brad Pitt, James Gandolfini, Ray Liotta, Richard Jenkins, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, Vincent Curatola, Trevor Long, Max Casella, Sam Shepard
Im Jahr des Drachen (USA 1985, R.: Michael Cimino)
Drehbuch: Oliver Stone, Michael Cimino
LV: Robert Daley: Year of the dragon, 1981 (Im Jahr des Drachen)
Äußerst gewalttätiger, realistischer Krimi über einen Polizisten, der gegen die Drogenmafia kämpft und, als ehemaliger Vietnam-Veteran, den Vietnam-Krieg in den Straßen von New Yorks Chinatown gewinnen will. Damals gab es Proteste von chinesischen Gemeinden (wegen Rassismus) und Robert Daley (wegen Gewalt); – trotzdem einer der besten Cop-Thriller der Achtziger.
Mit Mickey Rourke, John Lone
Auch bekannt unter den eher nichtssagenden Titeln „Manhattan-Massaker“ und „Chinatown-Mafia“