DVD-Kritik: „The Assault“ verschenkt seinen Stoff

November 16, 2011

Was für ein Stoff!

Am Heiligabend 1994 kapern vier Mitglieder der Groupe Islamique Armé (GIA, Bewaffnete Islamische Gruppe) in Algier den Air France Flug 8969. Nach längeren Verhandlungen und nachdem die Terroristen mehrere Geisel erschossen haben, startet das Passagierflugzeug in Richtung Paris. In Marseille muss der Airbus am 26. Dezember zum Tanken landen. Die GIGN (Groupe d’Intervention de la Gendarmerie Nationale), der französische Pendant zur GSG 9, stürmt mit dreißig Mann die Maschine und kann in einem zwanzigminütigem Feuergefecht die Geiselnahme blutig beenden. Es gab 25 Verwundete. Die Terroristen wurden erschossen.

Später wurde gesagt, dass die Terroristen die Maschine in den Eiffelturm fliegen sollte.

Was für eine enttäuschende Umsetzung.

Das beginnt mit der modischen, aber meist einfach nur nervenden Wackelkamera. So auch in „The Assault“. Denn anstatt ein Gefühl von „dabei sein“ zu vermitteln, reißt sie einen immer wieder aus der Geschichte heraus. Das geht weiter mit der absolut bescheuerten Idee, den Film in einer so farbentsättigten, viel zu dunklen Version zu zeigen, dass er wie ein Schwarz-Weiß-Film wirkt. Der Regisseur dachte sich wohl, was bei „Schindlers Liste“, „The good German“ und „Sin City“ funktionierte, funktioniert auch bei mir. Aber „Schindlers Liste“ war ein historisches Drama, aus einer Zeit, als es kaum Farbfilme und Farbfotos gab und Steven Spielberg wollte so auch an unser Bild von dieser Zeit anknüpfen. Steven Soderbergh wollte in seinen Period Piece „The good German“ die späten vierziger Jahre und die damaligen Hollywood-Filme, die erkennbar in Kulissen gedreht wurden, wieder aufleben lassen. Ich sage nur „Casablanca“ und, obwohl in Wien gedreht, „Der dritte Mann“. Und in „Sin City“ wurde ein betont kunstvoller Comic von Frank Miller sehr werkgetreu von Robert Rodriguez und Frank Miller in ein anderes Medium übertragen und, zur allgemein Überraschung, funktionierte das Experiment.

In „The Assault“ fragt man sich dagegen nur, was das soll. Auch weil die wenigen Farbtupfer, im Gegensatz zu denen in „Schindlers Liste“ und „Sin City“, absolut beliebig sind.

Dazu kommt noch ein Drehbuch, das aus dem Stoff nichts macht. Ziemlich zusammenhanglos springt Regisseur Julien Leclerq zwischen den Terroristen im Flugzeug, dem französischen Krisenstab, der Spezialeinheit beim Training für irgendwelche anderen Einsätze und den besorgten Frauen der Polizisten. Der Film plätschert bis zur Erstürmung des Flugzeugs vor sich hin. Die vielen Charaktere bleiben weitgehend austauschbar und wenn dann am Filmende das Flugzeug gestürmt wird, dürfen wir einen unglaublich schlecht geplanten Einsatz eines Spezialkommandos und eine höchst dilettantisch inszenierte Action-Szene erleiden.

Gerade im Vergleich mit dem ähnlich gelagerten deutschen Film „Mogadischu“ von Roland Suso Richter über die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ 1977 fallen die Defizite von „The Assault“, der seinen großartigen Stoff vollkommen verschenkt, noch deutlicher auf.

The Assault (L’Assaut, Frankreich 2010)

Regie: Julien Leclercq

Drehbuch: Simon Moutairou, Julien Leclercq

LV: Roland Môntins, in Zusammenarbeit mit Gilles Cauture: L’assaut, 2007

Mit Vincent Elbaz, Mélanie Bernier, Philippe Bas, Marie Guillard

DVD

Atlas Film

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Französisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

(Blu-ray identisch)

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Wikipedia über „The Assault“ und über die Entführung (englisch, französisch)

 


TV-Tipp für den 16. November: Super

November 16, 2011

ZDFkultur, 22.20

Super (D 1983, R.: Adolf Winkelmann)

Drehbuch: Jost Krüger, Gerd Weiß, Adolf Winkelmann

Extrem selten gezeigter deutscher Science-Fiction-Film: Europa liegt in Trümmern (Hey, es war die Zeit des Kalten Krieges), aber die Überwachungsbürokratie (1984!!!) funktioniert noch. Einige Menschen, unter anderem Udo Lindenberg als Betreiber eines Piratensenders und Freiheitskämpfer, wollen Richtung Neuseeland flüchten. Dafür brauchen sie Geld und die Hilfe von einigen Fluchthelfern. Sie treffen sich an einer Tankstelle mit anliegendem Motel (Neinneinnein, mit „Casablanca“ hat das wohl nichts zu tun).

Super“ ist, wie es sich für einen guten Science-Fiction-Film gehört, vor allem ein Zeitporträt.

Eine Mischung aus Politsatire, Actionthriller, Science-Fiction im Dekor des New Wave der 80er Jahre; ein Versuch, moderne Mythen und Popkultur-Versatzstücke zu publikumswirksamer Kinounterhaltung zu verbinden. Leider weist der Film erhebliche dramaturgische Mängel auf und schafft es nicht, die Fülle der Ideen, Figuren und Handlungsfäden zu einem geradlinig erzählten Melodram zu ordnen.“ (Lexikon des internationalen Films)

Aber „Der Film hat Leben durch seine Schauspieler.“ (Fischer Film Almanach 1985)

Und „’Super‘ ist besser als die großen, bunten Vorberichte in der Teeny-Presse vermuten lassen:…ein ziemlich absurdes Stück Apokalypsen-Kino.“ (Hartmut Schulze, Der Spiegel 19/1984)

Winkelmann widersteht, Ordnung zu schaffen. Er lässt das Durcheinander von Genres und Dramaturgien und Typen und Darstellungsweisen einfach als Durcheinander stehen. (…) Darüber wird der Endzeit-Film von einer Szene zur anderen komödiantisch und im nächsten Augenblick schon wieder zum Krimi. Manchmal geht es um Spannung und manchmal einfach darum, dass man Szenen ansehen muss, weil sie viel zu teuer waren, als dass Winkelmann sie einfach so hätte wegschneiden können.“ (Norbert Grob, Die Zeit, 18. Mai 1984)

mit Renan Demirkan, Udo Lindenberg, Inga Humpe, Tana Schanzara, Günter Lamprecht, Hannelore Hoger, Ulrich Wildgruber, Gottfried John

Wiederholung: Donnerstag, 17. November, 03.40 Uhr (Taggenau!)


TV-Tipp für den 15. November: Psycho

November 15, 2011

WDR, 23.15

Psycho (USA 1960, R.: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Joseph Stefano

LV: Robert Bloch: Psycho, 1959 (Psycho)

Ein immer wieder gern gesehener Schocker von Alfred Hitchcock und das beste Argument gegen Duschen.

Mit Anthony Perkins, Janet Leigh, Vera Miles, John Gavin

Hinweise

Wikipedia über „Psycho“ (deutsch, englisch)

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2“

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks „Mr. und Mrs. Smith“

Meine Besprechung von Thilo Wydras „Alfred Hitchcock“

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte


DVD-Kritik: Al Pacino und „The Son of No One“

November 14, 2011

Es hat schon seine Gründe, wenn ein Film mit Al Pacino direkt auf DVD veröffentlicht wird. Ich meine, Al Pacino! Ich sage nur „Der Pate“, „Serpico“, „Hundstage“, „Scarface“, „Carlito’s Way“, „Heat“, „City Hall“, „Donnie Brasco“ und der „Insider“. In den letzten Jahren drehte er allerdings nur noch nicht sonderlich bemerkenswerte Filme, wie „Das schnelle Geld“ und „88 Minuten“. Okay vielleicht, aber wirklich nichts, was man sich unbedingt ansehen müsste.

Auch „The Son of No One“ ist, sehr höflich formuliert, nicht besonders bemerkenswert. Denn obwohl es, mal wieder, um Polizisten in New York, um Schuld und Sühne, Kameradschaft, Verpflichtungen und Ehre geht, setzt Dito Montiel („Fighting“) mit seiner unplausiblen Geschichte, der betont langsamen und, indem er die Geschichte parallel auf zwei Zeitebenen erzählt, pseudo-verkünstelten Erzählweise den Film in den Sand.

Jonathan ‚Milk‘ White (Channing Tatum) arbeitet als Polizist im New Yorker Stadtteil Queens. Dort, in einem der abgeranzten Wohnungsblocks der Quensbridge Houses verbrachte der Polizistensohn seine Kindheit und er ermordete 1986 zwei Menschen. Detective Charles Stanford (Al Pacino) vertuschte die Verbrechen an den beiden Junkies.

Sechzehn Jahre später, als die Post-9/11-Begeisterung für die tapferen Polizisten und Feuerwehrleute abflaut, beginnt die Journalistin Loren Bridges (Juliette Binoche) anonyme Anschuldigungen über die damals vertuschten Morde in einer Tageszeitung zu publizieren. White will herausfinden, wer die Briefe schreibt – und die Polizei will, wie damals, die Taten eines Polizistensohnes und jetzigen Kollegen decken.

Die Besetzung des Films ist schon verdammt namhaft. Ray Liotta, Katie Holmes, Juliette Binoche und Komiker Tracy Morgan (überzeugend in einer dramatischen Rolle) sind ja keine Unbekannten. Channing Tatum läuft zwar noch als Teenie-Schwarm, aber für die Aussichten an der Kasse ist das nicht schlecht. Al Pacino, dessen Name in der Werbung für den Film groß herausgestellt wird und damit die etwas älteren Filmfans ansprechen soll, ist eigentlich nur ein Gaststar mit noch nicht einmal einer Handvoll Szenen in einer Rolle, die auch von jedem anderen Schauspieler genausogut gespielt worden wäre.

Doch diese Vergeudung von Talent wäre nicht so schlimm, wenn der Film wenigstens halbwegs als Cop-Thriller funktionieren würde. Aber das tut er nicht. Die Story ist absolut unlogisch und wird so holprig erzählt, dass man bereits nach zehn Minuten (auch ohne den Trailer gesehen zu haben) weiß, wie das alles endet, aber Montiel macht aus den Ereignissen von 1986 ein großes Geheimnis. Als Drama über einen jungen Mann, der versucht mit seiner Schuld (Uh, warum soll uns ein Doppelmörder sympathisch sein?) zu leben, funktioniert „The Son of No One“ auch nicht.

 

Das Bonusmaterial

 

Als Bonusmaterial gibt es ein knapp fünfminütiges „Making of“, knapp zehn Minuten „Hinter den Kulissen“ und eine gute halben Stunde sich weitgehend in uninteressanten Lobhuddeleien ergehenden, nicht untertitelten Interviews. Das ist arg überschau- und vernachlässigbar. Wie der Film.

The Son of No One (The Son of No One, USA 2011)

Regie: Dito Montiel

Drehbuch: Dito Montiel

mit Channing Tatum, Al Pacino, Tracy Morgan, Katie Holmes, Ray Liotta, Juliette Binoche, James Ransome, Jake Cherry

DVD

Studio Canal

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer, Making of, Hinter den Kulissen, Interviews mit Dito Montiel, Channing Tatum, Tracy Morgan, Katie Holmes, Ray Liotta, Juliette Binoche, James Ransone, Jake Cherry, Brian Gilbert, Produzent John Thompson und Produzentin Holly Wiersma, Wendecover

Länge: 90 Minuten

FSK: 16 Jahre

(Blu-ray identisch)

(Offizieller Erstverkaufstag ist der 17. November. Im Verleih ist der Film seit dem 25. Oktober)

Hinweise

Metacritic über „The Son of No One“

Rotten Tomatoes über „The Son of No One“

Wikipedia über „The Son of No One“

 


TV-Tipp für den 14. November: Operation: Kingdom

November 14, 2011

ZDF, 23.00

Operation: Kingdom (USA 2007, R.: Peter Berg)

Drehbuch: Matthew Michael Carnahan

In Riad verüben Terroristen einen Anschlag auf eine amerikanische Wohnanlage. Es sterben über hundert Menschen. FBI-Agent Ronald Fleury stellt ein Team von Spezialisten zusammen, um der dortigen Polizei bei der Sicherung des Tatortes zu helfen. Schnell geraten sie zwischen die Fronten.

Guter Politthriller, bei dem die Charaktere im Mittelpunkt stehen und man, angesichts der vielen Subplots, öfters den Eindruck hat, die Geschichte wäre besser als TV-Mehrteiler erzählt worden. Handfeste Action gibt es eigentlich nur am Ende.

Außerdem hat er eine tolle Titelsequenz und einen doofen deutschen (oder denglischen) Titel.

mit Jamie Foxx, Chris Cooper, Jennifer Garner, Jason Bateman, Ashraf Barhoum, Ali Suliman, Jeremy Piven, Richard Jenkins, Danny Huston

Wiederholung: Mittwoch, 16. November, 00.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Operation: Kingdom“

Wikipedia über „Operation: Kingdom“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „The Kingdom“ von Matthew Michael Carnahan

Rope of Silicon: Interview mit Matthew Michael Carnahan über „The Kingdom“ und „Lions for Lambs“ (24. September 2007)


TV-Tipp für den 13. November: Die Saat der Gewalt

November 13, 2011

SWR, 23.25

Die Saat der Gewalt (USA 1955, R.: Richard Brooks)

Drehbuch: Richard Brooks

LV: Evan Hunter: The blackboard jungle, 1954

Hochgelobtes, damals heiß diskutiertes und immer noch sehenswertes Jugenddrama über einen idealistischen Lehrer, der seine Schüler in New York vor einer Laufbahn als Verbrecher bewahren will. Bill Haleys „Rock around the clock“ wurde zum Welthit.

Das Drehbuch war für einen Oscar und den Preis der Writers Guild of America nominiert und der Regisseur für den Preis der Directors Guild of America.

Hunter ist unter seinem Pseudonym Ed McBain als Autor der 1957 begonnenen Serie über das 87. Polizeirevier viel bekannter.

Mit Glenn Ford, Sidney Poitier, Anne Francis, Louis Calhern, Paul Mazursky (Nebenrolle)

Hinweise

Wikipedia über „Die Saat der Gewalt“ (deutsch, englisch)

Homepage von Ed McBain

Meine Besprechung des von Ed McBain herausgegebenen Buches „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2006)

Meine Besprechung von Ed McBains “Die Gosse und das Grab” (The Gutter and the Grave, 2005, Erstausgabe: Curt Cannon: I’m Cannon – For Hire, 1958)

Meine Besprechung der Evan-Hunter-Verfilmung „Die jungen Wilden“ (The Young Savages, USA 1960)


DVD-Kritik: Der grandiose Noir „Goldenes Gift“

November 12, 2011

Du kannst deiner Vergangenheit nicht entkommen. Jedenfalls nicht in einem Noir und nicht, wenn du dich in die falsche Frau verliebst; was in einem Noir dem Helden natürlich immer passiert. Auch in Jacques Tourneurs Noir-Meisterwerk „Goldenes Gift“ verliebt Robert Mitchum als Jeff Bailey sich in die falsche Frau. Deshalb hat der Großstädter sich in ein Kaff zurückgezogen und betreibt eine Tankstelle. Nachdem er von Joe Stefano (Paul Valentine), Sterlings rechter Hand, entdeckt wird, muss er sich seiner Vergangenheit stellen. Denn vor Jahren (und diese Rückblende wird aus Baileys Sicht erzählt) arbeitete er als Privatdetektiv. Damals beauftragte ihn der Gangster Whit Sterling (Kirk Douglas in seiner zweiten Filmrolle) dessen Freundin Kathie Moffat (Jane Greer) zu suchen. Sie verschwand mit 40.000 Dollar. Sterling behauptet, das Geld sei ihm egal – und nachdem Bailey sie in Acapulco findet, versteht er, warum Sterling sie wiederhaben will. Bailey verliebt sich in das titelgebende „Goldene Gift“. Gemeinsam flüchten sie nach San Francisco, beginnen ein neues Leben und, als Bailey von seinem alten Detekteipartner entdeckt wird und dieser, nach einem Streit von Kathie erschossen wird, taucht Bailey in der Provinz unter und beginnt ein bürgerliches Leben, bis er wieder entdeckt wird und von Sterling erpresst wird, einige ihn belastende Dokumente zu besorgen. Kathie ist inzwischen wieder bei Sterling und schnell befindet Bailey sich in einem noir-typisch undurchschaubarem Netz von Lug, Betrug, Verrat und Gegenverrat, garniert mit einigen Toten und einer beständig kleiner werdenden Chance auf eine Rückkehr in sein bürgerliches Leben zu seiner neuen Freundin. Denn Bailey ist in Sterlings Intrige der Manchurian Kandidat und er liebt immer noch, wider besseres Wissen, sein idealisiertes Bild von Kathie.

Jacques Tourneur, dessen bekannteste Werke die Horrorfilmklassiker „Katzenmenschen“ und „Ich folgte einem Zombie“ sind, inszenierte diesen Noir, der inzwischen zu den Klassikern des Genres gehört, nach einem Roman von Geoffrey Homes, der auch das Drehbuch schrieb und geschickt mit der Noir-typischen Rückblendenstruktur und den Noir-Archetypen (die heute sattsam bekannte Klischees sind) spielt. Tourneur zeigte sich wieder einmal als Meister der Licht- und Schattenspiele und Robert Mitchum demonstriert, wieviel Schauspiel in einem Nicht-Schauspiel sein kann.

Fast vierzig Jahre später, 1984, inszenierte Taylor Hackford das Remake „Gegen jede Chance“ mit Jeff Bridges, Rachel Ward, James Woods, Richard Widmark und Jane Greer, das man wahrlich nicht gesehen haben muss. Im Gegensatz zu Tourneurs Film.

Goldenes Gift (Out of the past, USA 1947)

Regie: Jacques Tourneur

Drehbuch: Geoffrey Homes (Pseudonym von Daniel Mainwaring), James M. Cain (ungenannt), Frank Fenton (ungeannt)

LV: Geoffrey Homes: Build my gallows high, 1946 (Goldenes Gift)

Mit Robert Mitchum, Jane Greer, Kirk Douglas, Rhonda Fleming, Richard Webb, Steve Brodie, Virginia Huston, Paul Valentine, Dickie Moore

Auch bekannt als „Out of the past“

DVD

Arthaus/Studio Canal (Arthaus Retrospektive)

Bild: : 1,33:1 (4:3 Vollbild)

Ton: Deutsch, Englisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Wendecover

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über “Goldenes Gift” (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über “Out of the past”

Roger Ebert über “Out of the past”


TV-Tipp für den 12. November: Diva

November 12, 2011

Gut, das ist eher Kult für den Videorecorder

ZDFkultur, 02.30

Diva (F 1981, R.: Jean-Jacques Beineix)

Drehbuch: Jean-Jacques Beineix, Jean van Hamme

LV: Delacorta: Diva, 1979 (Diva)

Postbote Jules gerät in Teufels Küche nachdem er heimlich das Konzert einer Operndiva mitschneidet und an ein Tonband mit dem Geständnis eines Callgirls gerät. Denn einige Menschen sind bereit ihn umzubringen, um an die Bänder zu gelangen.

Beinix bildgewaltiger, zitatenreicher Debütfilm war in den USA ein Überraschungserfolg und wurde danach auch in Europa zu einem Kultfilm.

„Diva ist ein aufregendes Werk, eine Mischung aus Märchen, Romanze und Thriller: Oper, Pop und schräge Typen in einem höchst stilisierten Kriminalfilm.“ (Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)

Mit Frédéric Andrei, Wilhelmenia Wiggins Fernandez, Richard Bohringer

Hinweise

Homepage von Daniel Odier (aka Delacorta)

Wikipedia über Daniel Odier (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 11. November: Nachtschicht: Wir sind die Polizei

November 11, 2011

ZDFneo, 21.50

Nachtschicht: Wir sind die Polizei (D 2010, R.: Lars Becker)

Drehbuch: Lars Becker

In Hamburg geht’s auch in der siebten „Nachtschicht“-Folge rund: die Schicht beginnt mit einem Krokodil. Dann gibt es schlagende Männer, Männer, die in Frauenkleidern einen Juwelierladen überfallen und falsche Polizisten (Kennen wir die nicht schon von der vorherigen Folge?).

Die Folge ist für den diesjährigen Grimme-Preis nominiert.

mit Armin Rohde, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi, Roeland Wiesnekker, Peter Kremer, Cosma Shiva Hagen, Ralph Herforth, Oliver Stokowski

Wiederholung: Samstag, 12. November, 04.00 (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Nachtschicht“

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker


Neu im Kino/Filmkritik: Sean Penn ist auf der Suche: „Cheyenne – This must be the Place“

November 10, 2011

Vor zwanzig Jahren war Cheyenne der Leader der erfolgreichen Gothic-Band „Cheyenne and the Fellows“. Dann zog sich nach dem Tod von Teenagern, für den er sich verantwortlich fühlt, plötzlich zurück. Heute lebt er, finanziell sorgenfrei, mit seiner Frau Jane (Frances McDormand, die leider viel zu schnell aus dem Film verschwindet) in Dublin in einer Villa. Er sieht immer noch wie damals aus, ist damit Anwärter auf einen der vorderen Plätze in einem Robert-Smith-“The Cure“-Ähnlichkeitswettbewerb, pflegt seine leichte Depression mit sarkastischer Langeweile, gepaart mit der Weigerung erwachsen zu werden und einer zunehmenden Desorientiertheit. Zum Glück hat er Jane, die mit ruhiger Hand sein Leben organisiert und ihn überhaupt nicht ändern möchte.

So könnte das ewig weitergehen und Regisseur Paolo Sorrentino („Il Divo“) nimmt sich am Anfang von „Cheyenne – This must be the Place“ viel Zeit für das eintönige Leben von Cheyenne, grandios gespielt von Sean Penn. Schon in der ersten halben Stunde ist Sorrentino mehr am Aneinanderreihen von teils witzigen, teils tragischen, meist absurden Anekdoten interessiert.

Als Cheyenne erfährt, dass sein Vater, den er seit dreißig Jahren nicht mehr gesehen hat, im Sterben liegt, muss er sein heimisches Dublin verlassen und nach New York fahren. Mit dem Schiff. Dort erfährt er, dass sein inzwischen verstorbener jüdischer Vater im KZ von Aloise Lange gepeinigt wurde und sich für diese Schmach rächen wollte. Cheyenne beschließt, aus was für Gründen auch immer, die Suche seine Vaters fortzusetzen. Mit einem ihm von einem Broker, den er in einem Diner kennenlernte, anvertrautem Pick Up macht er sich auf den Weg durch die USA, auf einen von David Lynch inspirierten Roadtrip, der munter, wie schon in Dublin, Anekdoten aneinanderreiht.

Dazu gibt es einige bekannte Songs, viel gute Musik von David Byrne, der auch einen Auftritt als Sänger und als Schauspieler (wobei er sich selbst spielt) hat, und Will Oldham, der vor allem einige Songtexte schrieb. Es gibt selbstverständlich viele Querverweise zur Popkultur der achtziger Jahre und zu anderen Filmen, wie den Werken von Jim Jarmusch. Sorrentino selbst nennt David Lynchs Roadmovie „The Straight Story“ als Inspiration. In dem Film trat Harry Dean Stanton, der ewige Nebendarsteller, kurz auf. In Wim Wenders Roadmovie „Paris, Texas“, das ebenfalls amerikanische Mythen durch die europäische Brille verklärte, hatte er eine seiner wenigen Hauptrollen und in „Cheyenne – This must be the Place“ hat er wieder einen Kurzauftritt. Das ist in seinem Zitatenreichtum mal witzig, mal kindisch, mal tragisch, immer wieder auch prätentiös und auch herrlich lebensweise oder, immerhin will Cheyenne ja ein Kind bleiben, altklug.

Cheyenne – This must be the Place“ ist ein seltsamer, sich zwischen alle Stühle setzender Film, bei dem die einzelnen Episoden toll sind, aber gerade Cheyennes Suche von Cheyenne nie glaubhaft wirkt und das Ende arg unglaubwürdig ist.

Wahrscheinlich sollte man „Cheyenne – This must be the Place“ nicht als Spielfilm mit einer durchgehenden Story, sondern als Vision von Amerika, als Collage, als filmisches Äquivalent zu einem Konzert genießen.

Cheyenne – This must be the Place (This must be the Place, Italien/Frankreich/Irland, 2011)

Regie: Paolo Sorrentino

Drehbuch: Umberto Contarello, Paolo Sorrentino

mit Sean Penn, Frances McDormand, Judd Hirsch, Eve Hewson, Harry Dean Stanton, David Byrne, Kerry Condon, Joyce van Patten, Heinz Lieven

Länge: 118 Minuten

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Cheyenne – This must be the Place“

Wikipedia über „Cheyenne – This must be the Place“ (deutsch, englisch)

Bonusmaterial

das Video der Talking Heads

die Talking Heads spielen „This must be the Place (Naive Melody)“ in Jonathan Demmes Konzertfilm „Stop making sense“


Neu im Kino/Filmkritik (und Buchtipp): David Cronenberg hat „Eine dunkle Begierde“

November 10, 2011

Einen solchen Film hätte ich von David Cronenberg nicht erwartet. Nicht wegen des Themas, sondern wegen der Machart. Denn in seinem neuesten Film „Eine dunkle Begierde“ erzählt er eine Dreiecksliebesgeschichte und die Geschichte von einem Bewunderer und seinem Mentor als sei es eine Arte-Auftragsproduktion. Es ist die Geschichte von Sigmund Freud (Viggo Mortensen), Carl Gustav Jung (Michael Fassbender) und Sabina Spielrein (Keira Knightley) und die geht so: C. G. Jung ist ein junger Nervenarzt in einem Züricher Sanatorium, der Sigmund Freud und dessen Theorien bewundert. Bei der unter heftigen Sexualneurosen leidenden russischen Kaufmannstochter Sabina Spielrein probiert er ab 1904 Freuds Thesen aus. Er stößt dabei auf Probleme, die er in Wien mit dem von ihm bewundertem Sigmund Freud, dem er bis dahin noch nicht begegnet ist, besprechen kann. Zwischen beiden entwickelt sich schnell eine Freundschaft, in der jeder auch glaubt, dass er von dem anderen profitieren kann. Denn Freud hat sich zu diesem Zeitpunkt mit einer Schar ihn bedingungslos bewundernder Jünger umgeben, er neigt zur Selbstgefälligkeit und ein Arier wäre, um die Ideen weiter zu verbreiten, eine hochwillkommene Ergänzung in der überwiegend jüdischen psychoanalytischen Bewegung.

Jung ist dagegen ein, auch dank eigener Forschungen, durchaus kritischer Bewunderer. Er möchte die Psychoanalyse bekannter machen und tiefer erforschen. Gleichzeitig glaubt er, im Gegensatz zu Freud, nicht, dass man in der Analyse alles auf den Sexualtrieb reduzieren kann.

Und, obwohl Jung verheiratet ist, beginnt er eine Beziehung mit Spielrein, die von einer Patientin immer mehr zu einer Psychologin wird, 1911 promovierte und in Wien Mitglied von Freuds Mittwoch-Gesellschaft wurde.

Das ist alles historisch verbürgt und wird von David Cronenberg mit der Gediegenheit und erzählerischen Gemächlichkeit inszeniert, die wir aus Literaturverfilmungen, bevorzugt mit Beteiligung öffentlich-rechtlicher Sender, kennen. Da stimmt dann jedes Kostüm und die Innenausstattung erinnert an historische Aufnahmen. Die Schauspieler sind grandios (Fassbender! Mortensen!! Knightley!!!). Das Drehbuch von Christopher Hampton ist eine ökonomisch erzählte, vielschichtige Versuchsanordnung mit einem Touch Uni-Seminar und viel Raum für die Schauspieler. So beobachtet Cronenberg die erste Therapiesitzung von Spielrein (Knightley im totalen Overacting-Modus), die mit ihren inneren Dämonen kämpft, minutenlang und fast ohne Schnitte. Auch später, wenn Freud und Jung sich unterhalten, schneidet Cronenberg äußerst spartanisch. Er vermeidet alles, was von den Dialogen und den Schauspielern ablenken könnte.

Cronenberg verfilmte die Geschichte, ähnlich einer Therapiesitzung, bewusst distanziert. Denn er urteilt nicht über seine Charaktere. Er glorifiziert sie auch nicht und er lässt sie auch nicht als Vorkämpfer erscheinen; was auch dazu führt, dass wir uns heute nicht mehr vorstellen, gegen welche Konventionen sie verstießen.

Für Cronenbergs Verhältnisse ist der Ausstattungsfilm „Eine dunkle Beziehung“ ein seltsam musealer Film.

Eine dunkle Begierde (A dangereous method, Deutschland/Kanada/Großbritannien/Schweiz 2011)

Regie: David Cronenberg

Drehbuch: Christopher Hampton (nach dem Roman „A dangerous method“ und John Kerr und dem Theaterstück „The talking cure“ von Christopher Hampton)

mit Viggo Mortensen, Keira Knightley, Michael Fassbender, Vincent Cassel, Sarah Gadon, André Hennicke, Arndt Schwerin-Sohnrey, Anna Thalbach

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Eine dunkle Begierde“

Wikipedia über „Eine dunkle Begierde“ (deutsch, englisch)

Der ultimative Buchtipp

Auf dieses Buch habe ich eine gefühlte Ewigkeit gewartet. Denn es wurde schon vor Jahren angekündigt. Mit Sicherheit zu „Eastern Promises“, aber vielleicht auch schon zu „A history of violence“.

Aber jetzt ist „David Cronenberg“ als sechzehnter Band in der uneingeschränkt lobenswerten „film“-Reihe des „Bertz + Fischer“-Verlages erschienen. Marcus Stiglegger fungierte als Herausgeber und als Autoren sind die üblichen Verdächtigen dabei: Stefan Höltgen, Norbert Grob (natürlich über Cronenbergs Noir-Fantasien), Gerhard Midding (über „The Fly“), Sascha Westphal, Fritz Göttler, Frank Arnold, Oliver Nöding, Lars Penning, Ivo Ritzer, Annette Kilzer, Lars-Olaf Beier (ebenfalls über „The Fly“), Frank Schnelle, Thomas Groh, Jan Distelmeyer, Cristina Nord, Rudolf Worschech, Georg Seeßlen, Elisabeth Bronfen, Barbara Schweizerhof (über „A dangerous method“) und Dominik Graf (über „The Dead Zone“). Um nur einige der bekannteren Namen zu nennen.

Am bewährten Aufbau wurde selbstverständlich nichts geändert. Auf den ersten 140 Seiten gibt es umfassendere Analysen von David Cronenbergs Werk und bestimmter Aspekte in seinem Werk, wie sein Körperbild, seine Bilderwelten, seine Noir-Fantasien und sein Verhältnis zur Literatur (immerhin sind „The Dead Zone“, „Dead Ringers“, „Naked Lunch“, „Crash“, „Spider“ und „A dangerous method“ Literaturverfilmungen).

Auf den folgenden gut 120 Seiten wird chronologisch jeder seiner Filme besprochen. Abschließend, auf fast 50 Seiten, gibt es eine umfassende Filmo- und Bibliografie, allerdings ohne Hinweise auf DVD-Ausgaben, die gerade bei Cronenberg, weil viele seiner Filme in verschieden zensierten Fassungen, teils in in bescheidener Bildqualität veröffentlicht wurden, hilfreich gewesen wäre (aber die OFDB hilft). Garniert wird das alles mit über 220 Fotos und Bildsequenzen, die einen guten Eindruck von den Filmen vermitteln.

Da kann ich nur sagen: Kaufen (oder zu Weihnachten schenken lassen) und lesen.

Marcus Stiglegger (Hrsg.): David Cronenberg

Bertz + Fischer, 2011

320 Seiten

19,90 Euro

Hinweise

Bertz + Fischer über „David Cronenberg“ (mit Leseproben)

David Cronenberg in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 10. November: Die Bourne Verschwörung

November 10, 2011

Vox, 20.15

Die Bourne-Verschwörung (USA/D 2004, R.: Paul Greengrass)

Drehbuch: Tony Gilroy

LV: Robert Ludlum: The Bourne Supremacy, 1986 (Die Borowski-Herrschaft, Das Bourne Imperium)

Jason Bourne ist in Goa untergetaucht. Als ein Anschlag auf ihn verübt wird und er in Berlin ein Attentat verübt haben soll, beginnt Bourne den wirklichen Täter zu jagen.

Überaus erfolgreiche und auch bei der Kritik beliebte Fortsetzung von “Die Bourne-Identität”. Wieder, bis auf die Regie, mit dem bewährten Team und einigen halsbrecherischen Autoverfolungsjagden. Die Story ist ein Aufguss von „Die Bourne Identität“ (Am Anfang kämpft Bourne mit seiner Amnesie. In der Mitte erinnert er sich an seine Vergangenheit. Am Ende kämpft er gegen einen anderen Profikiller. Oh, und etliche Autos werden geschrottet.). Die vielen Berlin-Bilder sind dagegen für Berlin-Freunde ein Fest.

Gilroys Drehbuch war für den Edgar Allen Poe-Preis nominiert.

Mit Matt Damon, Franka Potente, Brian Cox, Julia Stiles, Karl Urban, Joan Allen, Michelle Monaghan

Wiederholung: Freitag, 11. November, 00.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über „Die Bourne Verschwörung“

Wikipedia über „Die Bourne Verschwörung“ (deutsch, englisch)


DVD-Kritik: Die erfrischend unschwedische Krimiserie „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“

November 9, 2011

Ein Juraprofessor und einige seiner Studenten helfen unschuldig Verurteilten. Das klingt doch sehr amerikanisch und einige US-Professoren machen auch solche Seminare, um ihren Studenten die spätere Praxis nahezubringen. Außerdem ist das amerikanische Justizsystem für seine Fehlurteile bekannt. Besonders wenn es um die Todesstrafe geht.

Aber „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ ist, trotz des englischen Titels keine Hollywood-Serie, sondern eine schwedische Serie mit Mikael Persbrandt (Gunvald Larsson in den „Kommissar Beck“-Filmen, „In einer besseren Welt“, „Gangster“ und, demnächst, „Der Hobbit“) als Markus Haglund, einem Ex-Anwalt und brillantem Hochschulprofessor, der an der Universität in Uppsala seine Uni-Anstellung vor allem benutzt, um sich hemmungslos zu betrinken und in bequemen Klamotten durch seine von der Uni gestellte Villa zu schlurfen. Das könnte ewig so weitergehen, wenn er nicht jetzt, um weiterhin Professor zu bleiben, einen Kurs machen müsste.

Zähneknirschend erklärt er sich bereit, der Studentin Fia Jönsson (Sofia Ledarp), die einer Freundin helfen möchte, zu helfen. Denn diese glaubt, dass ihr Stiefvater unschuldig als Mörder ihrer Mutter verurteilt wurde. Haglund erklärt die Recherchen zum Unikurs – und entlastet sich so von weiteren Lehrverpflichtungen. Mit zunächst zwei weiteren Studenten, Anna Sjöstedt (Helena af Sandeberg) und Belal Al-Mukhtar (Fransisco Sobrado), beginnen sie mit ihren Recherchen und stoßen auf eine Spezialeinheit der Polizei, die etwas vertuschen möchte. Am Ende der Auftaktepisode „Mauer des Schweigens“ wechselt der Polizist Roger Anderson (Leonard Terfelt) die Seiten und das hübsch ausquotierte „Verdict Revised“-Team (zwei Frauen, zwei Männer, eine Blondine, eine Dunkelhaarige, ein Migrant) ist komplett.

In den folgenden elf Episoden der ersten „Verdict Revised“-Staffel gehen sie zwar immer von der Prämisse aus, dass ihr Mandant (lose gesprochen, denn das Team erhält kein Geld für seine Arbeit und nicht jeder möchte, dass sein Fall wieder aufgerollt wird) unschuldig verurteilt wurde.

So glauben sie nicht, dass ein Migrant einen anderen auf einer belebten U-Bahnstation tötete, eine junge Frau Drogen einschmuggelte, ein Mann Fahrerflucht beging, ein Verbrecher einen Polizisten erschoss, dass Fias Vater einen Mord beging, dass ein Drogenabhängiger in seiner Wohnung jemand ermordet hat, dass eine Frau ihren Mann und dessen Geliebte in ihrem Wochenendhaus verbrannte, dass eine Prostituierte ihren Zuhälter ermordete, dass ein Exil-Iraner einen anderen Mann vor einem Schwulen-Club zusammenschlug, dass eine Mutter ihr Kind umbringen wollte und dass, in der letzten Folge der ersten Staffel „Roger unter Mordverdacht“, ihr Kommilitone Annas Vater ermorden wollte.

Schon allein aufgrund seiner Prämisse ist „Verdict Revised“ staatskritisch und in einzelnen Fällen wächst die latente Kritik am Justizsystem, das Unschuldige verurteilt, zu einer veritablen Systemkritik aus. Denn die Staatsanwälte, Polizisten und manchmal auch Richter manipulieren hemmungslos Beweise und sind nicht immer unbedingt an der Wahrheitsfindung interessiert. Sie behindern dann auch mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die Arbeit von Haglund und seinen Studenten.

Verdict Revised“ ist eine spannende Krimiserie, die sich vor ähnlichen US-Serien nicht verstecken muss (wozu auch gehört, dass Haglund als Mentor immer weniger Bildschirmzeit eingeräumt wird und die persönlichen Probleme der Studenten immer mehr Zeit einnehmen) mit einer schwachen Auftaktepisode (vor allem die Dialoge sind arg papiernen) und einem Staffelfinale, das den Fehler begeht, eine der Hauptcharaktere unter Mordanklage zu stellen. Denn selbstverständlich hat Roger nicht auf Annas Vater eingestochen und die Lösung ist, im Gegensatz zu den anderen Fällen, so offensichtlich, dass nur Menschen, die noch nie einen Krimi gesehen haben, sie nicht schon nach den ersten fünf Minuten erahnen.

Die zweite und letzte Staffel läuft im Moment montags um 23.25 Uhr auf ZDFneo und die DVD-Box erscheint am 2. Dezember.

Verdict Revised – Unschuldig verurteilt: Staffel 1 (Oskyldigt dömd, Schweden 2008)

Erfinder: Johann Zollitsch

mit Mikael Persbrandt (Markus Haglund), Sofia Ledarp (Fia Jönsson), Helena af Sandeberg (Anna Sjöstedt), Francisco Sobrado (Belal Al-Mukthar), Leonard Terfelt (Roger Andersson), Marie Richardson (Ulrika Stiegler), Anja Lundkvist (Caroline Gustavsson)

DVD

Edel:Motion

Bild: Pal 16:9 (Widescreen)

Ton: Deutsch, Schwedisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 540 Minuten (12 Folgen à 45 Minuten auf 4 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre (wobei die meisten Folgen FSK 12 sind)

Die ersten zwölf Fallbesprechungen in Markus Haglunds Universitätskurs „Unschuldig verurteilt“

Mauer des Schweigens (Antagen)

Regie:Molly Hartleb

Drehbuch: Inger Scharis, Johan Zollitsch

Der Fall Serkan (Hotat vittne)

Regie:Molly Hartleb

Drehbuch: Inger Scharis, Jan Arnald, Stefan Jaworski, Karin Gidfors

Schnee im Gepäck (Offrad Vara)

Regie:Molly Hartleb

Drehbuch: Inger Scharis, Jan Arnald, Stefan Jaworski, Kerstin Gezelius

Ich bin schuldig! (Smitaren)

Regie: Molly Hartleb

Drehbuch: Inger Scharis, Jan Arnald, Stefan Jaworski, Dennis Magnusson

Der lange Schatten (Polismordet)

Regie: Richard Holm

Drehbuch: Inger Scharis, Jan Arnald, Stefan Jaworski, Stefan Ahnhem

Lebendig verbrannt? (Skyddad Identitet)

Regie:Richard Holm

Drehbuch: Inger Scharis, Jan Arnald, Stefan Jaworski, Stefahn Ahnhem

Der Mann auf der Treppe (Oklart Motiv)

Regie:Richard Holm

Drehbuch: Inger Scharis, Johann Zollitsch, Dennis Magnusson

Zwei Leichen, zwei Zähne (Mordbrand)

Regie: Richard Holm

Drehbuch: Inger Scharis, Johann Zollitsch, Karin Gidfors

Zuhälterkrieg (Hallicken)

Regie: Molly Hartleb

Drehbuch: Inger Scharis, Jan Arnald, Stefan Jaworski, Dennis Magnusson

Schwulenjagd (Club Zafir)

Regie:Molly Hartleb

Drehbuch: Inger Scharis, Jan Arnald, Stefan Jaworski, Dennis Magnusson

Kinder lügen nicht? (Flickan pa Bron)

Regie: Molly Hartleb

Drehbuch: Inger Scharis, Jan Arnald, Stefan Jaworski, Hans Rosenfeldt

Roger unter Mordverdacht (Anklagad)

Regie: Molly Hartleb

Drehbuch: Inger Scharis, Johann Zollitsch, Karin Gidfors

Hinweise

Wikipedia über „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ (deutsch, englisch, schwedisch)

ZDFneo über „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“

FAZ: Hannes Hintermeier über „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ (18. Juli 2011)

Evolver: Marcel Feige über „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ (30. Oktober 2011)

 

 


Film des Tages: Get Carter

November 9, 2011

Ein echter Klassiker:

Get Carter (Get Carter, GB 1971)

Regie: Michael Hodges

Drehbuch: Michael Hodges

LV: Ted Lewis: Jack’s return home, 1970 (Jack rechnet ab, Jack Carters Heimkehr)

Jack Carter verdient sein Geld als Troubleshooter für ein Londoner Gangstersyndikat. Als sein Bruder umgebracht wird, kehrt Jack in seine Heimatstadt Newcastle zurück und rechnet mit dem dortigen Gangstersyndikat ab.

Klassiker des Gangsterfilms mit einem unnachahmlich coolen Michael Caine.

Mike Hodges brauchte nur 32 Wochen von der Lektüre des Romans „Jack’s Return Home“ bis zum Premierenschnitt. Hodges, der zuvor keinerlei Erfahrungen mit publikumswirksamem Star-Kino hatte, war von der Akzeptanz und dem Erfolg seines Films selbst erstaunt. Schließlich tun unsympathische Leute widerwärtige Sachen und „Get Carter“ transportiert keine positiven Werte.

Der Film ist noch heute stilbildend für britische Gangsterfilme. 2004 wählte ihn das britische Magazin „Total Film“ auf den ersten Platz einer Liste der besten britischen Filme aller Zeiten.

Zur Wiederaufführung 2000 in den deutschen Kinos ließen die Kritiker Lobeshymen ab. RU (Ralph Umard?) schrieb: „Ein packender Britploitation-Krimi aus dem Jahre 1971 mit schnörkellos vorangetriebener Handlung, assoziativen Montagen und existenzialistischem Geist. Auotrenfilmer Hodges macht Newcastle zum Schauplatz von Gewaltverbrechen, Drogensucht und Pornografie mit Minderjährigen, dabei fängt er stimmig das Zeitkolorit und die proletarische Tristesse der nordenglischen Industriestadt ein. Unbeirrbar und brutal agiert hier Michael Caine als gnadenloser Rächer.“ (tip)

Oder: „Außergewöhnlicher britischer Gangsterfilm, dessen spannungsvolle Charakterisierung der Hauptfigur zwischen äußerer Emotionslosigkeit und plötzlichen Wutausbrüchen stilbildend wirkte. In seiner Härte und Kompromisslosigkeit durchaus repräsentativ für eine bestimmte Strömung des 70er-Jahre-Kinos.“ (Lexikon des internationalen Films)

Mit Michael Caine, Britt Ekland, Ian Hendry, John Osborne

Hinweise

Wikipedia über „Get Carter“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Get Carter“ von Michael Hodges


TV-Tipp für den 9. November: Matrix

November 9, 2011

Kabel 1, 20.15

Matrix (USA 1998, R.: Andy Wachowski, Larry Wachowski)

Drehbuch: Andy Wachowski, Larry Wachowski

Hacker Neo ist der nette Nerd von nebenan, bis er erfährt, dass die Wirklichkeit nicht die Wirklichkeit ist und dass er der Erlöser ist.

Kommerziell unglaublich erfolgreicher, Hugo- und Nebula-nominierter Science-Fiction-Klassiker, in dem es erstmals gelang, die Ideen der Cyberpunk überzeugend in einen Realfilm zu transportieren. Die beiden Fortsetzungen „Matrix Reloaded“ und „Matrix Revolutions“ sind dagegen ein Fall für die filmische Mülltonne und auch bei der „Matrix“ kann man sich an einigen groben Logikfehlern und Widersprüchen stoßen. Z. B.: Warum sollten die Maschinen uns Menschen mit einer Computersimulation betäuben? Warum sollten wir Menschen aus der Computersimulation ausbrechen wollen? Vor allem, wenn die Erde ungefähr so bewohnbar wie die dunkle Seite des Mondes ist.

Danach, um 22.55 Uhr, läuft der ziemlich grottige SF-Film „Vernetzt – Johnny Mnemomic“, ebenfalls mit Keanu Reeves in der Hauptrolle und nach einer Geschichte von Cyperpunk-Autor William Gibson.

mit Keanu Reeves, Laurence Fishburne, Carrie Anne Moss, Hugo Weaving, Gloria Foster, Joe Pantoliano

Wiederholung: Donnerstag, 10. November, 00.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Matrix“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „The Matrix“ von Andy Wachowski und Larry Wachowski

Meine Besprechung des Keanu-Reeves-Film „Henry & Julie“

 


TV-Tipp für den 8. November: Ein Köder für die Bestie

November 8, 2011

WDR, 31.15

Ein Köder für die Bestie (USA 1962, R.: J. Lee Thompson)

Drehbuch: James R. Webb

LV: John D. MacDonald: The executioners, 1957 (eine gekürzte deutsche Ausgabe erschien unter „Ein Köder für die Bestie“, ungekürzt – 1992 im Heyne Verlag – unter „Kap der Angst“)

Nach seinem Knastaufenthalt beginnt Max Cady Sam Bowden und dessen Familie zu terrorisieren. Immerhin brachte dessen Aussage ihn ins Gefängnis.

Spannender Psychoschocker

Mit Gregory Peck, Robert Mitchum, Martin Balsam, Telly Savalas

Hinweise

Wikipedia über John D. MacDonald (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über John D. MacDonald

Krimi-Couch über John D. MacDonald

Umfangreiche amerikanische John D. MacDonald-Fanseite


DVD-Kritik: Über die nette, gut besetzte Krimikomödie „Henry & Julie“

November 7, 2011

Das DVD-Cover von „Henry & Julie: Der Gangster und die Diva“ mit Keanu Reeves, der eine MP in seiner Hand hält, ist reiner Etikettenschwindel. Denn außer einigen Revolvern gibt es in dieser romantischen Bankräuberkomödie mit Screwball-Touch keine Schusswaffen.

Der von Keanu Reeves gespielte Henry ist ein Allerweltsjunge, der von allen herumgestoßen wird, sein Leben weitgehend passiv erleidet und der gerade von seiner Nachtschicht als Mautkassierer an einer Autobahn in der Nähe von Buffalo, New York, zurückgekommen ist und sich mit seiner Frau über ihre Babypläne unterhält, als er von seinen Freunden ohne sein Wissen in einen Banküberfall hineingezogen und als einziger verurteilt wird.

Nach seinem Gefängnisaufenthalt beschließt er, die Bank auszurauben. Immerhin wurde er bereits dafür verurteilt. Zusammen mit seinem Knastkumpel Max (James Caan) planen sie den Einbruch in die Bank – durch einen alten Tunnel, der in einem alten Theater beginnt. In ihm wird gerade eine Aufführung von Anton Tschechows letztem Theaterstück „Der Kirschgarten“ geprobt und Henry verliebt sich in die impulsive Hauptdarstellerin Julie (Vera Farmiga). Als Max herausfindet, dass der Tunnel in der Garderobe des Hauptdarstellers beginnt, verschafft er Henry die Rolle, die auch die Beziehung von Henry und Julie spiegelt.

Henry & Julie“ ist eine angenehm altmodische Komödie, die eindeutig eine Liebeserklärung an die klassischen Screwball- und romantischen Hollywood-Gaunerkomödien, die irgendwann in den sechziger Jahren aus den Kinos verschwanden, ist und die in den letzten Jahren immer wieder von Woody Allen in seinen Krimis verklärt wurden. Entsprechen gediegen ist die Machart, die Auswahl der Schauplätze und auch die Musikauswahl erfreut das Herz des Nostalgikers. Die Schauspieler, vor allem Vera Farmiga, James Caan und Peter Stormare als Theaterregisseur, haben erkennbar ihren Spaß und liefern herrlich exzentrische Charakterstudien ab. Dagegen wirkt Keanu Reeves als Biedermann, der zum Gewalt ablehnenden Verbrecher wird, noch blasser. Insgesamt ist „Henry & Julie“ eine kurzweilige, aber auch weitgehend überraschungsfreie Unterhaltung, bei der sich für Henry und Julie das Leben und die Kunst immer mehr miteinander vermischen und das Publikum eine einmalige Tschechow-Premiere erlebt.

Henry & Julie: Der Gangster und die Diva (Henry’s Crime, USA 2010)

Regie: Malcolm Venville

Drehbuch: Sacha Gervasi, David N. White (nach einer Geschichte von Stephen Hamel und Sacha Gervasi)

mit Keanu Reeves, Vera Farmiga, James Caan, Peter Stormare, Bill Duke, Danny Hoch, Fisher Stevens

DVD

Sunfilm

Bild: 16:9 (1:2,35)

Ton: Deutsch (DD 5.1, DTS), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer (deutsch, englisch)

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

(Blu-ray identisch)

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „Henry & Julie: Der Gangster und die Diva“ (deutsch, englisch)

Collider: Interview mit Keanu Reeves über „Henry & Julie“ (20. September 2010)

Bonusmaterial

eine Version des DVD-Covers, die wohl für uns zu bieder war

man hätte natürlich auch das Originalplakat verwenden können

eine Pressekonferenz gab es auf dem Toronto International Film Festival

 

 


DVD-Kritik: die tolle Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone“

November 7, 2011

Als Ben Affleck sagte, dass er Dennis Lehanes hochgelobten Privatdetektivroman „Gone Baby Gone“ mit den Privatdetektivpaar Patrick Kenzie und Angela Gennaro verfilmen wollte, war die Skepsis groß. Gut, er hatte mit Matt Damon das Oscar-nominierte Drehbuch für „Good Will Hunting“ geschrieben, aber das war 1997. Danach spielte er in „Armageddon – Das jüngste Gericht“, „Pearl Habor“, „Der Anschlag“, „Daredevil“ und „Paycheck – Die Abrechnung“ mit, er sammelte Razzie-Nominierungen und erhielt Razzies, wie andere Rubbellose sammeln. Von einem intellektuellem Anspruch war bei diesen Filmen nichts zu spüren.

Dass er dann auch noch die Hauptrolle mit seinem jüngeren Bruder Casey Affleck besetzte, bestätigte die schlimmsten Befürchtungen. Ein Milchbubi, der bislang nur als unauffälliger Sidekick in den Ocean’s-Filmen bei denen halb Hollywood mitspielte und vernachlässigbaren Filmen wie „American Pie 2“ auftrat, sollte einen Hardboiled-Privatdetektiv spielen. Undenkbar.

Da sah man vor seinem geistigen Auge schon eine vermurkste Bestsellerverfilmung, bei der man überall erklären musste, dass das Buch viel besser sei. Dass Lehane eine tolle Geschichte geschrieben habe; eine in der es um das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern, um Verantwortung gegenüber den eigenen und fremden Kindern, über Werte und auch um die Frage, was man, wenn Recht, die eigene Moral und das offensichtlich beste für ein Kind diametral gegenüber stehen, tun soll. Ernste Themen, die Lehane in seinem Roman in einer fein komponierten Geschichte auf über fünfhundert Seiten kurzweilig erzählte und die so dicht und detailreich ist, dass man sich schon fragte, wie der Drehbuchautor die fünfhundert Seiten in zwei Filmstunden pressen wollte. Doch auch dann würde noch ein Genrefilm entstehen, der eher an Howard Hawks‘ Raymond-Chandler-Verfilmung „Tote schlafen fest“ (mit Humphrey Bogart) als an einen Blockbuster-Actionfilm erinnern würde.

Dann kam der Film in die Kinos – und die Kritiker und Krimifans waren begeistert. Denn Ben Affleck hatte einen richtig guten Privatdetektiv-Krimi mit grandiosen Schauspielern (Morgan Freeman, Ed Harris, die Oscar-nominierte Amy Ryan; um nur die bekanntesten zu nennen) und, dank des Drehs vor Ort mit lokalen Schauspielern und Laien, einem tiefen Gefühl für Boston und die Besonderheiten der Stadt gedreht. Dass die Geschichte dafür etwas entschlackt wurde, war zu verschmerzen. Es wird zwar nicht mehr die Komplexität des Romans erreicht, aber ob Patrick Kenzie am Ende die richtige Entscheidung getroffen hat, bleibt im Film genau so offen, wie im Buch. Affleck vertraute hier, genau wie Dennis Lehane (der 2010 in „Moonlight Mile“ Patrick Kenzie und Angela Gennaro wieder mit dem Fall und den Folgen konfrontierte), auf den mündigen Zuschauer.

Die beiden Privatdetektive sollen, beauftragt von der Schwiegermutter die verschwundene vierjährige Amanda McCready suchen. Die Mutter Helene taugt nur als schlechte Beispiel und alle befürchten das Schlimmste. Denn obwohl die Polizei, unterstützt von den Medien und halb Boston Amanda sucht, gibt es keine Spur.

Im Film, wie im Buch (da noch deutlicher), begeben sich Kenzie und Gennaro in das Herz der Finsternis. Denn weil es keine Lösegeldforderung gibt, befürchten sie, dass Amanda entweder in den Händen von Kinderschändern ist und vielleicht schon tot ist.

Als sie Amanda am Ende entdecken, stehen sie vor der Frage, ob sie Amanda aus den Händen der Entführer befreien und sie, entsprechend ihrem Auftrag, zur Mutter, die sich in der Vergangenheit einen Scheiß um ihre Tochter kümmerte, zurückbringen oder sie bei der sie liebenden Familie lassen sollen.

Gennaro möchte das Kind bei der Familie lassen. Kenzie entscheidet sich dagegen. Er bringt Amanda zurück, stürzt damit mehrere Familien und Polizisten ins Verderben und im letzten Bild lässt Regisseur Affleck uns mit der Frage, ob Patrick Kenzie richtig gehandelt hat, zurück. Denn Helene kümmert sich immer noch nicht um ihre Tochter.

Gone Baby Gone“ ist ein klassischer Privatdetektiv-Krimi, der fest in der Tradition verwurzelt ist, sich deutlich am New-Hollywood-Kino der siebziger Jahre orientiert und seine Geschichte als spannenden Vorwand nimmt, um moralische Fragen vielschichtig zu behandeln und den Zuschauer am Ende ohne eine einfache Antwort zurücklässt. Da ähnelt er sehr Clint Eastwoods ebenso gelungener Dennis-Lehane-Verfilmung „Mystic River“. Gleichzeitig fällt auf, wie sehr Ben Affleck auch mit vielen Außenaufnahmen, einheimischen Schauspielern und Laien, ein Bild von seiner Heimatstadt zeichnet.

Und Casey Affleck erscheint jetzt als die einzig mögliche Besetzung für Patrick Kenzie, den er als einen jugendlichen (31 Jahre!), von der Aufgabe scheinbar überforderten (normalerweise sucht er mit seiner Partnerin untergetauchte Erwachsene), bauernschlauen, furchtlosen und auch hartnäckig-starrköpfigen Mann spielt, dessen resignierte Traurigkeit schon von der ersten Minute erahnen lässt, wie schlecht die Geschichte ausgeht. Nach „Gone Baby Gone“ spielte Casey Affleck in „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ den Bösewicht und er war das Beste an diesem bedeutungsschwanger-langatmigen Western. In der zu texttreuen und daher durchwachsenen Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“ war er der Antiheld Lou Ford und gerade sein harmloses Aussehen machte Lou Ford noch bedrohlicher. Beide Male zeigte Casey Affleck was er kann und auch in der jetzt im Kino laufenden Einbrecherkomödie „Aushilfsgangster“ spielt er wieder einen Charakter, der sich, aufgrund seiner Wertvorstellungen, gegen seine Freunde stellen muss.

Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ ist, auch beim wiederholten Sehen, ein guter Film, der mit der Zeit sogar besser wird. 2007 war er, als er im Kino lief, einer meiner Lieblingsfilme – und vier Jahre später hat sich an meiner Meinung nichts geändert. Im Gegenteil.

Und wenn ich irgendwann eigene Kinder habe…

 

Das Bonusmaterial

 

Das Bonusmaterial ist auf den ersten Blick nicht besonders umfangreich, aber sehenswert. Besonders die informativen Audiokommentare zum Film und den „Geschnittenen Szenen“ (wobei sie hier wenig sagen) von Regisseur und Drehbuchautor Ben Affleck und Drehbuchautor Aaron Stockard beeindrucken durch ihre nüchterne, analytische Schärfe, die man eher bei einem Audiokommentar, der Jahre nach der Fertigstellung des Films aufgenommen wurde, vermutet hätte. Bei den „Geschnittenen Szenen“ nimmt der anders geschnittene Anfang, in dem Patrick Kenzie und Angela Gennaro bei der Arbeit und in ihrer Wohnung gezeigt werden, die Hälfte der 17 Minuten in Anspruch. Affleck hatte die Szenen dann aus Zeitgründen weggelassen.

Die beiden Featurettes sind okay, aber etwas kurz und arg hektisch geschnitten.

Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel (Gone Baby Gone, USA 2007)

Regie: Ben Affleck

Drehbuch: Ben Affleck, Aaron Stockard

LV: Dennis Lehane: Gone, Baby, Gone, 1998 (Kein Kinderspiel; später, aufgrund des Films „Gone Baby Gone“)

mit Casey Affleck, Michelle Monaghan, Morgan Freeman, Ed Harris, John Ashton, Amy Ryan

DVD

Studio Canal

Bild: 1,85:1 (anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (5.1 DD)

Untertitel: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: 6 zusätzliche Szenen und alternatives Ende; Audiokommentar von Autor und Regisseur Ben Affleck und Co-Autor Aaron Stockard; Authentizität einfangen: Die Besetzung von „Gone Baby Gone“; Heimkehr: Hinter den Kulissen mit Ben Affleck; Trailer; Wendecover

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Gone Baby Gone“ (deutsch, englisch)

Homepage von Dennis Lehane

Thrilling Detective über Patrick Kenzie und Angela Gennaro

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Dennis Lehane in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 7. November: Lone Star

November 7, 2011

 

Arte, 20.15

Lone Star (USA 1996, R.: John Sayles)

Drehbuch: John Sayles

In Texas wird in der Wüste ein Skelett mit einem Sheriffstern gefunden. Sheriff Sam Deeds (Chris Cooper) versucht den vierzig Jahre alten Mordfall zu klären und schnell fragt er sich, was sein verstorbener Vater, der ungekrönte und immer noch geachtete Herrscher der Stadt, mit dem Mord zu tun hat und ob er sein Andenken beschmutzen soll.

Sayles ist ein Meisterwerk mehrschichtigen Erzählens gelungen: mit knapp einem Dutzend wichtigen Rollen, mit überlegter Koppelung von Gegenwart und Vergangenheit, lakonisch-doppelsinnigen Dialogen, ausgefeilter Kameraarbeit, Musik, die drei Kulturen einfängt, und atemberaubenden Zeitübergängen.“ (Fischer Film Almanach 1998)

Bei dem Lob vergisst man fast, dass „Lone Star“ auch ein verdammt unterhaltsamer Krimi ist.

Das Drehbuch war für einen Oscar („Fargo“ gewann), einen Golden Globe, den BAFTA, den Independent Spirit Award und den Preis der Writers Guild of America (wieder gewann „Fargo“) nominiert.

mit Chris Cooper, Elisabeth Pena, Kris Kristofferson, Miriam Colon, Matthew McConaughey, Frances McDormand

Hinweise

Wikipedia über „Lone Star“ (deutsch, englisch)

Homepage von John Sayles

John Sayles in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 6. November: Wahl der Waffen

November 6, 2011

Arte, 20.15

Wahl der Waffen (Fr 1981, R.: Alain Corneau)

Drehbuch: Alain Corneau, Michel Grisola

Der im Ruhestand lebende Gangster Noel nimmt den jungen, heißblütigen Junggangster Mickey bei sich auf. Durch ihn wird er wieder in sein altes Leben zurückgezogen.

Aus heutiger Sicht beendete Alain Corneau mit dem leicht melancholischem Noir „Wahl der Waffen“ die Ära des klassischen französischen Gangsterfilms indem er noch einmal alle Themen bündelte, neu betrachtete und sie endgültig beantwortete. Nach „Wahl der Waffen“ war die Zeit des Nachkriegsgangsters endgültig vorbei.

Einen schöneren Abgesang hätte er nicht bekommen können.

mit Yves Montand, Gérard Depardieu, Catherine Deneuve, Michel Galabru, Gerard Lanvin, Marc Chapiteau

Wiederholung: Donnerstag, 17. November, 02.00 Uhr (Taggenau!)

 

Hinweise

Wikipedia über „Le choix des armes“

Citizen Poulpe über „Le choix des armes“

Films de France über „Le choix des armes“ (englisch)

Kriminalakte über „Wahl der Waffen“ (Sammlung einiger Kritiken)

Kriminalakte: Meine Besprechung von „Wahl der Waffen“

Kriminalakte: Mein Nachruf auf Alain Corneau