LV: Derek Raymond (Robin Cook): He died with his eyes open, 1984 (Er starb mit offenen Augen)
Hat die schöne Barbara den Pianisten umgebracht? Inspektor Staniland versetzt sich immer mehr in die Persönlichkeit des Toten und verliebt sich in Barbara.
Nicht so düster wie das Buch (der erste Band der Factory-Serie), in Teilen sogar langatmig, aber solide aufgebaut, mit zahlreichen Anleihen beim „Film Noir“ und zwei wundervollen Hauptdarstellern: Michel Serrault und Charlotte Rampling
Der letzte deutsche Film, der die Probleme von Jugendlichen halbwegs ernsthaft thematisierte, war Detlev Bucks „Knallhart“. Allerdings überzeugte „Knallhart“ weniger als Jugenddrama, sondern vor allem als Gangster-Ghetto-Drama, das durchaus gelungen amerikanische Vorbilder nach Berlin versetzte. Über das Leben von Jugendlichen erfuhr man dagegen, außer einer Bestätigung der eigenen Vorurteile, nichts.
Dabei waren wir schon einmal weiter.
In den siebziger Jahren drehte Hark Bohm mit seiner Filmfamilie einige Filme für junge Zuschauer, die explizit ihre Sorgen und Sehnsüchte ansprachen und die auch mit den Jugendlichen gemeinsam entwickelt wurden. „Tschetan, der Indianerjunge“, „Nordsee ist Mordsee“, „Moritz, lieber Moritz“ und, nach einigen anderen Filmen, „Yasemin“ hießen sie und, obwohl sie damals für Diskussionen sorgten und auch an der Kinokasse erfolgreich waren, sind sie heute weitgehend vergessen. Denn sie liefen schon seit Ewigkeiten nicht mehr im Fernsehen, im Kino sowieso nicht und es gibt auch bislang keine DVD-Veröffentlichungen (Naja, genaugenommen wurde „Nordsee ist Mordsee“ 2009 in der Spiegel-Edition „Deutscher Film“ veröffentlicht und in der aus fünfzig Filmen bestehenden, limitierten, entsprechend teuren und ausverkauften „Filmverlag der Autoren“-Werkschau wurden „Tschetan, der Indianerjunge“ und „Nordsee ist Mordsee“ veröffentlicht.).
In „Nordsee ist Mordsee“ erzählt Hark Bohm die Geschichte des vierzehnjährigen Uwe Schiedrowsky (Uwe Enkelmann, heute bekannter als Uwe Bohm) und des gleichaltrigen Dschingis Ulanow (Dschingis Bowakow). Sie leben in einem Sozialen Wohnungsbau auf der Elbinsel Hamburg-Wilhelmsburg, damals von den Bewohnern auch Niggertown genannt und ein Paradies für Sozialarbeiter und Stadtplaner.
Uwe wird von seinem Vater Walter Schiedrowsky (Marquard Bohm, der Bruder von Hark Bohm), einem Barkassenschiffer, der ein richtiger Seemann werden wollte und der seinen Frust über seinen Job im Alkohol ersäuft, regelmäßig geschlagen. Dafür ist Uwe mit seinem Platzhirschgehabe, das er sich von seinem Vater abgeschaut hat, bei den Gleichaltrigen der unumstrittene Anführer.
Dschingis ist das genaue Gegenteil von Uwe und wird von Uwes Clique als Ausländer gehänselt. In einer abgelegenen Bucht baut er ein Schiff, das, als es von Uwe entdeckt wird, gleich von Uwe und seinen Freunden zerstört wird.
Es kommt zu einem Kampf zwischen Dschingis und Uwe. Dschingis gewinnt und er zwingt Uwe, das Schiff zu reparieren. Danach ist Uwe als Anführer abgesägt. Er versucht mit einem Autodiebstahl wieder deren Respekt zurück zu erobern. Selbstverständlich wird er von der Polizei erwischt und kassiert von seinem Vater erst einmal eine ordentliche Tracht Prügel.
In diesem Moment kann er sich nur an Dschingis wenden, der ihm anbietet, bei ihm zu übernachten. Aber Dschingis‘ Mutter, die in der deutschen Gesellschaft nicht auffallen möchte, lehnt die Bitte von ihrem Sohn ab.
Dschingis und Uwe, die sich jetzt endgültig von den Erwachsenen abgelehnt fühlen, beschließen gemeinsam mit dem von ihnen gebautem Schiff die Elbe hinunter zu fahren. Doch schon nach wenigen Metern, im Hamburger Hafen, zwischen all den großen Schiffen, merken sie, dass sie mit ihrem Kahn nicht weit kommen werden. Sie klauen ein kleines Segelboot und machen sich auf dem Weg zur Nordsee.
Als „Nordsee ist Mordsee“ 1976 in die Kinos kam war der Film ein Hit.
Gleichzeitig gab es mächtigen Ärger wegen der Freigabe. Denn die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) gab dem Film zuerst eine „ab 16 Jahre“-Freigabe und begründete dies mit den möglichen negativen Auswirkungen auf unter Sechzehnjährige und warnte vor Nachahmungseffekten. Hark Bohm klagte dagegen, weil er wollte, dass die Jugendlichen, für die er den Film gemacht hatte, sich den Film ansehen können. Ihm schwebte eine „ab 6 Jahre“-Freigabe vor. Diese Streit wurde von zahlreichen Zeitungsartikeln und einer entsprechend breiten Debatte über die Freigabepolitik, die Aufgabe der FSK und die Wirkung von Filmen („Wenn ein Film so einfach wirken würde, dann hätte ‚Es herrscht Ruhe im Land‘ in der Bundesrepublik eine Revolution auslösen müssen.“ [Hark Bohm]) begleitet. Letztendlich ging es um die auch heute noch bei der Freigabe von Filmen aktuellen Fragen, inwiefern mit den Freigaben auch erzieherische Aussagen verknüpft sind oder sollten und wie sehr die Freigabe eines Filmes teilweise sogar erwachsene Zuschauer vor möglichen negativen Auswirkungen beschützen soll.
Letztendlich wurde „Nordsee ist Mordsee“ am 13. Mai 1976 im Rechtsausschuss (der höchsten Berufungsinstanz der FSK) „ab 12 Jahre“ freigegeben. Diese Freigabe hat der Film heute immer noch und deshalb kann „Nordsee ist Mordsee“ im Fernsehen, ohne Ausnahmegenehmigung, nicht vor 20.00 Uhr gezeigt werden.
Dabei ist „Nordsee ist Mordsee“ trotz kleiner Schwächen in der Geschichte und dem Schauspiel (Hey, es sind Jugendliche und einige Laienschauspieler) immer noch ein überzeugender Film, der die Jugendlichen, ihre Sorgen und Nöte und die Zwänge in denen sie und ihre Eltern leben, ernst nimmt. Denn Hark Bohm lebte vor den Dreharbeiten zur Recherche drei Monate in Hamburg-Wilhelmsburg und erarbeitete das Drehbuch mit seinen Darstellern. So floss in die von Uwe Enkelmann und Dschingis Bowakow gespielten Charaktere viel von ihrer eigenen Geschichte ein und genau diese in jeder Sekunde spürbare dokumentarische Qualität gibt „Nordsee ist Mordsee“ seine Kraft.
„Nordsee ist Mordsee“ lohnt wirklich eine Wiederentdeckung.
Nordsee ist Mordsee (D 1976)
Regie: Hark Bohm
Drehbuch: Hark Bohm
mit Uwe Enkelmann, Dschingis Bowakow, Marquard Bohm, Herma Koehn, Katja Bowakow, Günter Lohmann, Corinna Schmidt, Ingrid Boje, Gerhard Stöhr, Rolf Becker
Cocktail für eine Leiche (USA 1948, R.: Alfred Hitchcock)
Drehbuch: Arthur Laurents, Hume Cronyn
LV: Patrick Hamilton: The Rope, Rope’s End, 1929 (Theaterstück)
Zwei Studenten bringen, um ihre Überlegenheit zu demonstrieren, einen Mitstudenten um und feiern eine Party – mit dem Toten in einer für alle sichtbaren Truhe.
Hamiltons Stück basiert locker auf dem Fall Leopold/Loeb, bei dem 1924 zwei Studenten grundlos einen Mitstudenten umbrachten. Hitchcock faszinierte neben der moralischen Frage bei „Cocktail für eine Leiche“ ein technischer Aspekt: er drehte den Film in Echtzeit (von 19.30 Uhr bis 21.15 Uhr; beim Essen wird etwas geschummelt) ohne einen sichtbaren Schnitt. Das gelang Hitchcock, indem er immer am Ende einer Filmspule auf einen Gegenstand (wie die Truhe oder ein Jackett) fuhr und bei der nächsten Spule genau dort fortfuhr. In den dazwischen liegenden zehn Minuten gibt es nie einen Schnitt. Die Schauspieler mussten ihre Texte genau kennen, die Kamera bewegte sich durch den Raum und Gegenstände wurden hin und her bewegt. Und im Hintergrund verdunkelte sich die Skyline.
Damals wurde das Experiment verrissen und auch Hitchcock sagte später, die Idee sei idiotisch und gegen alle seine Prinzipien. Heute genießen wir den Film einfach als verdammt gute Verfilmung eines Theaterstücks mit guten Schauspielern, die gute Dialoge sprechen dürfen.
Mit James Stewart, John Dall, Farley Granger, Sir Cedric Hardwicke
Drehbuch: René Wheeler, Jules Dassin, Auguste le Breton
LV: Auguste le Breton: Du rififi chez les hommes, 1953
Kaum draußen aus dem Gefängnis plant Toni zusammen mit seinen Freunden Jo und Mario den Einbruch in ein Juweliergeschäft. Der Einbruch gelingt. Dann kommt ihnen eine rivalisierende Bande auf die Spur.
Mit „Rififi“ begründete Dassin das Caper-Movie: ein Film, bei dem die Planung und Durchführung eines Einbruches mit Mittelpunkt steht. „Dassins Film wirkt ein wenig wie die Synthese aus seinen eigenen realistischen Kriminalfilmen aus Hollywood, das er der antikommunistischten Hexenjagden McCarthys wegen hatte verlassen müssen, und den französischen Filmen aus der Tradition des Poetischen Realismus. Dabei potenziert sich der Pessimismus so sehr wie die Stilisierung: In einer halbstündigen Sequenz, in der der technische Vorgang des Einbruchs gezeigt wird, gibt es weder Dialoge noch Musikuntermalung. Die technische Präzision, die fast ein wenig feierlich zelebriert wird und in der die Männer ganz offensichtlich ihre persönliche Erfüllung finden, mehr als in der Freude über die Beute, steht dabei im Gegensatz zu ihrem fast ein wenig melancholischen Wesen.“ (Georg Seeßlen)
Mit Jean Servais, Carl Möhner, Robert Manuel, Robert Hossein, Perlo Vita (Pseudonym von Dassin)
In diesem Film hat jede Hauptfigur etwas, was die anderen brauchen – nicht unbedingt die richtigen Antworten, aber einen Ausgangspunkt, von dem aus man sein Leben fortsetzen kann. Sie alle müssen sich einfach nur nach Kräften bemühen, so lange sie sich noch im Diesseits befinden.
Clint Eastwood
Ein bestimmtes Niveau wird Clint Eastwood nie unterschreiten. Auch in seinem neuesten Film „Hereafter – Das Leben danach“ gibt es viele gelungene Momente. Aber insgesamt enttäuscht der überlange Film über das Ende des Lebens. Er erzählt nach einem Drehbuch von Peter Morgan (Frost/Nixon, The Dammed United, The Queen) parallel drei Geschichten.
Die einer französischen Journalistin (Cécile de France), die in Indonesien einen Tsunami überlebt, dabei eine Nahtoderfahrung hat und zurück in Frankreich das Erlebnis nicht vergessen kann und beginnt weiter über Nahtoderfahrungen zu forschen.
Die eines englischen Jungen (die Zwillinge Frankie und George McLaren), der seinen Zwillingsbruder in London bei einem Autounfall verliert und den Verlust nicht überwinden kann. Außerdem wird seine drogenabhängige Mutter in eine Therapieeinrichtung und er in eine sehr liebevolle Pflegefamilie gesteckt.
Und in San Francisco lebt ein Hafenarbeiter(Matt Damon). Der verdiente früher als Medium, der Gespräche mit Verstorbenen vermittelte, viel Geld. Aber die Arbeit strengte ihn zu sehr an. Deshalb versucht er jetzt seine Gabe, die er als Fluch empfindet, zu ignorieren und ein normales Leben zu leben. Während eines Kochkurs entwickelt sich eine Beziehung zu einer Teilnehmerin. Nachdem sie von seiner Gabe erfährt und ihn zu einer Sitzung auffordert, zerbricht die Beziehung. Er wird entlassen und, nachdem ihm sein Bruder stolz das neu eingerichtete Büro zeigt, in dem er wieder als Medium arbeiten kann, haut er ab. Er will sich selbst finden.
Am Filmende werden dann die drei Geschichten sehr gewollt auf der Londoner Buchmesse, garniert mit einem kurzen Auftritt von Derek Jacobi als Charles-Dickens-Vorleser, zusammengefügt.
Bis dahin plätschern die drei Geschichten, die sich alle irgendwie mit der Frage des Todes, dem Leben nach dem Tod und dem Umgang der Hinterbliebenen mit dem Tod beschäftigen, reichlich ziellos vor sich hin. Sicher, es gibt gute Szenen. Die Schauspieler sind gut. Die Kamera, wie schon bei Eastwoods vorherigen Filmen, Tom Stern, ist ebenfalls gut. Ebenso die von Clint Eastwood geschriebene Musik. Die Ausstattung ist stimmig.
Aber das Drehbuch von Peter Morgan wirkt wie ein willkürlicher Zusammenschnitt von drei Episoden einer lahmen Mystery-Serie mit dem Titel „Der Tod und ich“.
Gerade weil Clint Eastwood sich in den vergangenen Jahren in einer Reihe grandioser Filme immer wieder und wesentlich inspirierter mit dem Tod in all seinen Schattierungen und Variationen beschäftigte, ist der halbgare Mystery-Film „Hereafter – Das Leben danach“ so enttäuschend und, wenn man nicht wüsste, dass der Film von Clint Eastwood ist, würde man ihn wahrscheinlich noch weniger mögen.
Der nächste Clint-Eastwood-Film, ein Biopic über den FBI-Chef J. Edgar Hoover, nach einem Drehbuch von „Milk“-Autor Dustin Lance Black und mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle, befindet sich in den letzten Zügen der Vorproduktion und das dürfte ein wesentlich besserer Film werden.
Herafter – Das Leben danach (Hereafter, USA 2010)
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Peter Morgan
mit Matt Damon, Cécile de France, Frankie McLaren, George McLaren, Jay Mohr, Bryce Dallas Howard, Marthe Keller, Thierry Neuvic, Derek Jacobi
Mit vielen Bildern (Dank an Alfred!) sind bei den Alligatorpapieren meine TV-Krimi-Buch-Tipps (eine kommentierte Auflistung der demnächst im TV laufenden Krimi-Verfilmungen) online:
In den kommenden beiden Wochen gibt es eine satte Portion Alfred Hitchcock: „Cocktail für eine Leiche“, „Die Vögel“ und „Vertigo“. Ansonsten ist Clint Eastwoods Andrew-Klavan-Verfilmung „Ein wahres Verbrechen“ ein guter Einstieg in die kommenden beiden Krimiwochen. Ebenfalls sehenswert sind Jules Dassins Auguste-le-Breton-Verfilmung „Rififi“, Stuart Rosenbergs Donn-Pearce-Verfilmung „Der Unbeugsame“, Bertrand Taverniers Georges-Simenon-Verfilmung „Der Uhrmacher von St. Paul“, William Friedkins Gerald-Petievich-Verfilmung „Leben und Sterben in L. A.“, Jacques Derays Derek-Raymond-Verfilmung „Mörderischer Engel“, Alan Parkers William-Hjortsberg-Verfilmung „Angel Heart“, Lee Tamahoris Pete-Dexter-Verfilmung „Nach eigenen Regeln, Martin Scorseses Martin-Pileggi-Verfilmung „Casino“ und, als TV-Premiere, Ridley Scotts David-Ignatius-Verfilmung „Der Mann, der niemals lebte“.
Stieg-Larssons-Fans dürfen sich auf die gegenüber den Kinoversionen deutlich verlängerten TV-Versionen von „Verblendung“ (zweiter Teil) und „Verdammnis“ (erster Teil) freuen.
weil am 28. Januar der Film auf DVD und BluRay (mit viel Bonusmaterial) erscheint, und
weil das von Koch-Media zur Verfügung gestellte Interview interessant ist,
poste ich es.
In „Moon“ erzählt Duncan Jones die Geschichte von Sam Bell (Sam Rockwell), der als einziger auf einer Mondstation arbeitet. Kurz vor dem Ende seines Dreijahresvertrages häufen sich die seltsamen Ereignisse und plötzlich steht er seinem Doppelgänger gegenüber. Ist er jetzt endgültig verrückt geworden oder gibt es eine rationale Erklärung für den doppelten Bell?
Was fasziniert Sie an dieser Geschichte?
Der Mond bietet sich so offensichtlich als Schauplatz für eine Science-Fiction-Story an, aber er wird meistens ignoriert. Es ist erst vierzig Jahre her, dass wir zum ersten Mal auf den Mond flogen. Ich bekomme eine Gänsehaut bei dem Gedanken, dass der Mond vielleicht bald die Quelle sein könnte, aus der wir unseren Planeten für die nächsten hundert Jahre mit Energie versorgen. Aber unabhängig davon hat doch sowieso jeder eine persönliche Verbindung zum Mond: Jede Nacht gucken wir hoch zu ihm, jede Nacht haben wir da Science Fiction, direkt vor unseren Augen.
Wie kamen Sam Rockwell und Kevin Spacey zu diesem Film?
Nachdem ich die Rolle speziell für Sam Rockwell schrieb, musste es entweder eine große Herausforderung für ihn sein, den Part zu spielen, oder zumindest Spaß versprechen. Außerdem brauchte die Geschichte auch einen Reiz für das Mainstream-Publikum. Deshalb hatte ich schließlich die Idee, dass Sam mehrere Rollen gleichzeitig spielen sollte. Das würde alle unsere Richtlinien abdecken: Sam hätte seine Herausforderung als Schauspieler, die Besetzung bliebe minimal, und wir könnten uns auf einen bestimmten Typ von visuellen Effekten konzentrieren.
Ich spielte mit dem Ansatz, einen einsamen Mann auf einer Mondbasis zu platzieren, und zu diesem Grundgedanken passte auch das Klonen, die Vervielfachung von Sam. Ich wurde ganz aufgeregt, als ich darüber nachdachte, ob man sich wohl mögen würde, wenn man sich auf einmal selbst gegenüber stände. Ich glaube, das ist die brutalste, ehrlichste und menschlichste Frage, die es gibt – und das macht sie perfekt für einen Science-Fiction-Film. Kevin Spacey kannte bereits das Script, aber er wollte einen Rohschnitt des Films sehen, bevor er eine Entscheidung traf. Obwohl der Ton nur ersatzweise und die Effekte noch gar nicht drin waren, hat es ihn umgehauen. Kevin Spacey war begeistert von dem, was Rockwell da bot. Er hat sofort den Vertrag unterschrieben.“
Wie war das Besondere bei der Produktion von MOON?
Es war eine ziemlich verzwickte Aufgabe, MOON zusammenzubasteln. Wir wollten eine minimale Besetzung und die völlige Kontrolle über unseren Drehort. Und wir wollten den letzten Tropfen Leinwandpräsenz aus unseren Spezialeffekten herauspressen.
Der Film war technisch und logistisch sehr kompliziert. Wir hatten 33 harte, sehr von der Technik abhängige Drehtage in den Shepperton Studios. Wir arbeiteten in genau der Umgebung, in der Ridley Scott vor etwa 30 Jahren Alien gedreht hatte.
Ich bin im goldenen Zeitalter der Science-Fiction-Filme aufgewachsen. Wenn also ‚Gerty‘ [der Stationscomputer in MOON] oder ‚Sarang‘ [die Mondstation] ein Design haben, das eine bestimmte Retro-Ästhetik besitzt, dann ist das nicht zufällig so. Es ist die Inspiration der Filme, die wir geliebt haben, als ich aufgewachsen bin: Alien, Silent Running, Outland, und 2001: A Space Odyssey. Es ist eine Hommage an diese Filme und ihre Zeit.
Gibt es eine Szene, die Ihnen besonders vom Shooting in Erinnerung geblieben ist?
Es gibt einen Grund, warum man ‚Indie-Film‘ und ‚Science-Fiction-Film‘ so selten im selben Satz hört. Science Fiction ist das Genre, das am meisten Tricks und Ausstattung braucht, und das kann man mit einem ‚Indie‘-Budget natürlich nie finanzieren. Wir wollten mit dem Film eine Geschichte erzählen, die einerseits sehr persönlich ist, andererseits einen universellen Anspruch erfüllt. Eine bestimmte Szene war so kompliziert, dass wir sie einige Tage aussetzen mussten, um darüber nachzudenken. Aber es hat sich gelohnt – es ist einer der Momente des Films geworden, bei dem der Zuschauer sich anschließend fragt, wie wir das gemacht haben…
Was war die größte Herausforderung an diesem Film?
Einen waschechten Science-Fiction-Film zu drehen, mit einer spannenden Story, einem außergewöhnlichen Schauspieler, einem Sack voll bester Spezialeffekte – und wir haben das in 33 Tagen mit einem niedrigen Budget geschafft.
Was sollen die Zuschauer aus diesem Film mitnehmen?
Ich bin ein Nerd, ein Sci-Fi-Freak – aber ich bin auch hoffnungslos romantisch und ich liebe Filme.
Ich wünsche mir, dass die Science Fiction Fans dieser Welt sich bei dem Versuch überschlagen, all die Zitate und kleinen Hommagen zu entdecken, mit denen wir an vergangene Science-Fiction-Filme erinnern wollen.
Und am allermeisten wünsche ich mir, dass die Menschen, die diesen Film lieben, sagen: „Das war richtig gut. Ich bin gespannt, was diese Jungs als Nächstes vorhaben…“
Moon (Moon, GB 2009)
Regie: Duncan Jones
Drehbuch: Nathan Parker (nach einer Idee von Duncan Jones)
mit Sam Rockwell, Kevin Spacey, Dominique McElligott, Kaya Scodelario, Benedict Wong, Matt Berry, Malcolm Stewart
–
Als Bonusmaterial ist angekündigt:
Single Disc Editions
• Originaltrailer
• Audiokommentar mit Regisseur Duncan Jones, Kameramann Gary Shaw sowie den Designern Gavin Rothery und Tony Noble
• Audiokommentar von Regisseur Duncan Jones und Produzent Stuart Fenegan
2-Disc Special Editions (zusätzlich)
• Kurzfilm „Whistle“ von Regisseur Duncan Jones (ca. 29 Minuten)
• Making of Moon (ca. 16 Minuten)
• Visuelle Effekte (ca. 11 Minuten)
• Interview auf dem Sundance Film Festival (ca. 11 Minuten)
• Science Center Interview mit Regisseur Duncan Jones (ca. 21 Minuten)
Nachtschicht: Wir sind die Polizei (D 2010, R.: Lars Becker)
Drehbuch: Lars Becker
In Hamburg geht’s auch in der siebten „Nachtschicht“-Folge rund: die Schicht beginnt mit einem Krokodil. Dann gibt es schlagende Männer, Männer, die in Frauenkleidern einen Juwelierladen überfallen und falsche Polizisten (Kennen wir die nicht schon von der vorherigen Folge?).
Die Folge ist für den diesjährigen Grimme-Preis nominiert.
mit Armin Rohde, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi, Roeland Wiesnekker, Peter Kremer, Cosma Shiva Hagen, Ralph Herforth, Oliver Stokowski
Es wäre Unfug, Fritz Langs hoch budgetiertes Drama „Du und ich“ auf eine Stufe mit seinen Stummfilmmeisterwerken „Der müde Tod“, „Dr. Mabuse, der Spieler“, „Die Nibelungen“, „Metropolis“, „Spione“, „Frau im Mond“, seinem Tonfilmdebüt „M“, seinem letzten deutschen Film vor seiner Flucht, „Das Testament des Dr. Mabuse“ zu stellen. Aber schlechter als seine zahlreichen, immer noch bekannt-beliebten Hollywood-Noirs, wie „Gefährliche Begegnung“, „Gardenia – Eine Frau will vergessen“ und „Heißes Eisen“ (bei denen ihm das geringe Budget deutliche Schranken setzte) ist „Du und ich“ nicht.
Denn „Du und ich“ (ein seltsam austauschbarer und nichtssagender Titel) ist viel besser als seine Bekanntheit, genauer Unbekanntheit, vermuten lässt. In den USA war der am 1. Juni 1938 uraufgeführte Film ein Kassenflop. In Deutschland erlebte er, wie viele von Langs Hollywood-Filmen, erst am 16. Januar 1978 im WDR seine Premiere und auch bei der wurde anscheinend auf eine deutsche Synchronisation verzichtet. Jedenfalls findet sich auf der jetzt in der „Film Noir Collection“ veröffentlichten Fassung keine deutsche Tonspur.
Geplant war von Fritz Lang ein Brechtsches Lehrstück über den Kapitalismus, Verbrechen und Resozialisierung. Dafür spricht auch, dass Kurt Weill die Musik schrieb. Jedenfalls einen Teil, bis er ein besseres Angebot erhielt und Hollywood gegen den Broadway eintauschte. Dennoch gefiel ihm der Rohschnitt des Films: „Es ist ein sehr schöner, teilweise aufregend schöner Film, aber zu lang, (d. h. zu lang und zu Lang), oft sehr schleppend und sehr deutsch, aber im Niveau unvergleichlich besser als alles was sie hier machen.“
Der fertige Film ist allerdings nicht „zu lang“ und auch nicht „zu Lang“. Denn schon der Auftakt, ein Kurt-Weill-Lied über den Kapitalismus, das von Bildern aus dem Kaufhaus und der Warenwelt illustriert und ironisch kommentiert wird, stimmt furios auf die folgenden neunzig Minuten ein. In den ersten Filmminuten werden einige Verkäufer ohne Umschweife als Verbrecher vorgestellt. Dann erklärt der Kaufhausbesitzer Jerome Morris (Harry Carey) seiner Frau, dass er vielen Verbrechern eine zweite Chance gebe und bis jetzt sei noch keiner rückfällig geworden.
Einer von diesen auf Bewährung entlassenen Verbrechern ist Joe Dennis (George Raft). Gerade bei ihm sah der Knastdirektor keine Chance auf eine Rehabilitation. Aber jetzt scheint ihm der Ausstieg aus dem Verbrecherleben zu gelingen. Joe ist in die Verkäuferin Helen Roberts (Sylvia Sidney) verliebt. Weil Joe noch auf Bewährung draußen ist, darf er unter anderem nicht heiraten. Er will, nachdem er seine Bewährungsstrafe erfolgreich hinter sich gebracht hat, nach Kalifornien umziehen und dort ein vollkommen neues Leben als ehrlicher Mann beginnen. Aber Helen fragt ihn nach einem gemeinsam verbrachtem, wundervollem Abend bei dem er das Ende seiner Bewährungsstrafe feierte, ob er sie heiraten will. Joe, der sein Glück kaum fassen kann, ist einverstanden. Er zieht bei ihr ein, wird von Helens Vermietern akzeptiert, erhält seine frühere Arbeit wieder und alles könnte perfekt sein.
Aber da erfährt er zufällig und nicht von Helen, dass sie ebenfalls auf Bewährung draußen ist. Für ihn zerbricht der Traum von einem ehrlichen Leben. Er trifft sich wieder mit seinen alten Kumpels (eine weitere, der zahlreichen erinnerungswürdigen Szenen des Films) und gemeinsam planen die Verbrecher, von denen etliche auch im Kaufhaus arbeiten, einen Einbruch in das Kaufhaus.
Und wenn Helen dann den während des Einbruchs erwischten Einbrechern in der Kinderabteilung den Kapitalismus erklärt gibt es eine kleine Lernstunde in angewandter Ökonomie. Denn sie rechnet den Jungs vor, wie hoch die Beute ist, was daran der Hehler verdient, welche Ausgaben sie haben und was ihnen am Ende bleibt. Es ist erschreckend wenig und untermauert eindrucksvoll die These, dass Verbrechen sich nicht lohne, lange bevor Steven D. Levitt und Stephen J. Dubner mit „Freakonomics“ einen Bestseller landete, in dem sie erklärten, warum Drogenhändler bei ihrer Müttern wohnen.
Damals bemängelten Kritiker, dass Fritz Lang sich nicht für ein Genre entscheide. Gerade dieser elegante Wechsel zwischen den verschiedenen Genres und natürlich die meisterhafte Beherrschung des filmischen Handwerks und einer stringent entwickelten, pointiert erzählten Geschichte verleihen dem über siebzig Jahre altem Film eine auch heute noch ungeahnte Kraft. Auch dass der Film nicht stupide seine Botschaft hinausbrüllt, sondern die verschiedenen Positionen nebeneinander präsentiert und sie immer wieder ironisch bricht, trägt zur Frische des Lehrstücks ohne Botschaft bei.
Die DVD
„Du und ich“ erschien als sechster Film in der „Film Noir Collection“ von Koch Media. Über die Einsortierung von „Du und ich“ als Noir könnte diskutiert werden (ich würde ihn unter Drama und nicht unter Noir einsortieren), aber nicht über die gewohnt liebevolle Ausstattung. Der Film wurde digital restauriert und entsprechend gut ist das Bild. Auch über den Ton des über siebzig Jahre alten Films kann nicht gemeckert werden Es gibt eine umfangreiche Bildergalerie, den Kinotrailer und ein zwölfseitiges Booklet mit einem informativem Text von Thomas Willmann über den Film.
Du und ich (You and Me, USA 1938)
Regie: Fritz Lang
Drehbuch: Virginia Van Upp (nach einer Geschichte von Norman Krasna)
mit Sylvia Sidney, George Raft, Robert Cummings, Barton MacLane, Roscoe Karns, Harry Carey
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DVD
Koch Media (Film Noir Collection 6)
Bild: 1,37:1 (4:3)
Ton: Englich (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Bildergalerie, Original Trailer, Booklet
LV: John D. MacDonald: The executioners, 1957 (eine gekürzte deutsche Ausgabe erschien unter „Ein Köder für die Bestie“, ungekürzt – 1992 im Heyne Verlag – unter „Kap der Angst“)
Cady will sich nach 14 Jahren Haft an seinem Pflichtverteidiger Bowden rächen. Dieser unterschlug damals entlastende Beweise.
Das Remake von „Ein Köder für die Bestie“ ist als Scorsese-Film enttäuschend, als – auch brutales – Psycho-Duell zwischen Nick Nolte und Robert de Niro hochspannend. Und wenn Robert de Niro Juliette Lewis im Märchenwald verführt, gefriert einem das Blut.
Mit Nick Nolte, Robert de Niro, Jessica Lange, Juliette Lewis, Joe Don Baker, Martin Balsam, Gregory Peck, Robert Mitchum
Big Fish – Der Zauber, der ein Leben zur Legende macht (USA 2003, R.: Tim Burton)
Drehbuch: John August
Literaturvorlage: Daniel Wallace: Big Fish – A Novel of Mythic Proportions, 1998 (Big Fish)
Vertreter Edward Bloom ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Sein Sohn Will, der hinter den Geschichten nie den wahren Edward Bloom sah, brach deshalb vor Jahren entnervt den Kontakt zu ihm ab. Jetzt sitzt er an Edwards Sterbebett und versucht zum letzten Mal die Beziehung zu seinem Vater zu kitten. Aber dieser erzählt nur wieder einmal die altbekannten Geschichten aus seinem Leben und erfindet einige neue dazu.
Das Buch, eine lockere Sammlung von Episoden, ist bestenfalls solala. Aber der Film, der sich in vielen Teilen von dem Buch entfernt, die Episoden aus dem Buch und zahlreiche neue zu einer Biographie zusammenfügt und dabei das Thema des Buches deutlicher herausarbeitet, ist eine zwischen trister Realität und farbenfreudiger Fantasie wechselnde Liebeserklärung an das Erzählen von Geschichten, die am Ende doch nicht so erfunden sind, wie der Sohn immer annahm.
Mit Ewan McGregor, Albert Finney, Billy Crudup, Jessica Lange, Helena Bonham Carter, Loudon Wainwright III, Steve Buscemi, Danny DeVito, Daniel Wallace (Econ Professor)
Nachdem der erste „Satire Gipfel“ mit Dieter Nuhr eine rundum enttäuschende und komplett vergeigte Angelegenheit war (wobei Comedy-Fans das vielleicht etwas anders sehen) gibt es heute wieder den legitimen „Scheibenwischer“-Nachfolger „Neues aus der Anstalt“: 45 Minuten Satire und politisches Kabarett vom Feinsten. Dafür bürgen die Gastgeber Urban Priol und Erwin Pelzig und ihre Gäste Johann König, Andreas Rebers (das komplett deplatzierte Highlight im Nuhrschen „Satire Gipfel“, der vielleicht in „Satire Tal“ umbenannt werden sollte) und Sigi Zimmerschmied.
Drehbuch: Mark Heyman, Andres Heinz, John McLaughlin
Eine junge Ballerina, die immer perfekt sein will, erhält die Chance ihres Lebens: sie soll den Weißen und den Schwarzen Schwan in dem Tschaikowski-Ballett „Schwanensee“ spielen. Für die Rolle des Schwarzen Schwans muss sie auch ihre eigene dunkle Seite erforschen und kann dabei immer weniger zwischen Fantasie und Wirklichkeit unterscheiden.
Toller psychologischer Ballett-Horrorthriller, bei dem Spiegel und Spiegelungen in jeder Beziehungen und Szene wichtig sind. Der Einfluss von Roman Polanski ist unübersehbar. Besonders natürlich von seinen beiden Psycho-Horrorfilmen „Ekel“ (mit Catherine Deneuve) und, weniger deutlich, „Der Mieter“ (mit Roman Polanski).
Nachdem „The Wrestler“ ein Achtungserfolg beim Mainstream-Publikum (oder dem breiten Arthouse-Publikum war), könnte Independent-Liebling Darren Aronofsky mit „Black Swan“ jetzt der große Durchbruch gelingen. In den USA sind die Einspielergebnisse bislang sehr erfreulich, das Publikum ist begeistert und der Preisregen für „Black Swan“ scheint, nach dem Golden Globe für Natalie Portman, gerade zu beginnen.
Nach seinem Wereswan-Movie „Black Swan“ ist Aronofsky jedenfalls gut gerüstet für seinen nächsten Film „Wolverine“.
mit Natalie Portman, Vincent Cassel, Mila Kunis, Barbara Hershey, Winona Ryder
72 Stunden – The next three days (The next three days, USA 2010)
Regie: Paul Haggis
Drehbuch: Paul Haggis (nach dem Drehbuch von Fred Cavayé und Guillaume Lemans für den Spielfilm „Pour Elle“)
Ein Lehrer will seine unschuldig als Mörderin im Knast sitzende Frau befreien.
Paul Haggis („L. A. Crash“, aber auch „Ein Mountie in Chicago“ und „Walker, Texas Ranger“) braucht 133 Minuten für seine Geschichte. Das Original, der französische Thriller „Pour elle“ (Ohne Schuld) von Fred Cavayé mit Vincent Lindon und Diane Kruger braucht nur 96 Minuten.
Trotzdem ist „72 Stunden“, dank Russell Crowe als verliebter und treusorgender Ehemann und Papa, ein unterhaltsamer Thriller für Zwischendurch. Das ist nicht immer logisch und bis dann endlich die Befreiung (vulgo Action nach der schier endlosen Planung und Vorbereitung) vergeht viel zu viel Zeit, die einen zwar mit herzigen Bildern aus dem Familienleben des Lehrers erfreut, aber auch ein auffälliges Desinteresse an dem Mordfall zeigt. Und die Wandlung von dem leicht tapsigem Lehrer zu dem eiskaltem Planer, der bedenkenlos gegen Gesetze verstößt, geht auch überraschend schnell.
Mit Russell Crowe, Elizabeth Banks, Olivia Wilde, Brian Dennehy, Liam Neeson (nur eine Szene)
„Marnie“ ist – nach mehreren Klassikern – ein schwacher Hitchcock, der von der damaligen Kritik ziemlich verrissen wurde. Sean Connery bewies allerdings schon zu Bond-Zeiten seine Lust auf ungewöhnliche Rollen: der Geheimagent ihrer Majestät als Weichei.
„Marnie ist Hitchcocks Phantasie über das kleine Kind in der Frau und über den Züchtigungswahn der Männer. Auch ein Experiment damit, wie sehr das Freudsche Sozialisierungsmodell taugt für den Rahmen eines Suspense-Thrillers, in dem es anscheinend nur um die Auflösung kindlicher Traumata geht (die zu Verwirrung bei Rot/Weiß-Wahrnehmungen, zu Alpträumen bei nächtlichen Klopfgeräuschen, zu Angstzuständen bei Gewittern führen). Im Grunde aber handelt der Film von den Stadien eines permanenten Schocks auf der einen Seite, die in ständige Transfers in andere Identitäten münden, und von der systematischen Manipulation einer Abhängigen, mal mit Gewalt, mal mit sadistischer Verzögerung zelebriert.“ (Norbert Grob in Lars-Olav Beier/Georg Seeßlen [Hrsg.]: Alfred Hitchcock, 1999)
Mit Sean Connery, Tippi Hedren, Diane Baker, Martin Gabel, Bruce Dern
LV: Stieg Larsson: Män son hatar kvinnor, 2005 (Verblendung)
Journalist Mikael Blomkvist soll im Auftrag des Industriellen Henrik Vanger herausfinden, was im September 1966 mit seiner Lieblingsnichte Harriet geschah. Das beziehungsgestörte Computergenie Lisbeth Salander hilft ihm beim Stochern in der Geschichte der Familie Vanger.
Um eine halbe Stunde längere TV-Version der Verfilmung des ersten Wälzers von Stieg Larsson. Im Kino hat mir der Whodunit gut gefallen.
Der zweite Teil läuft am kommenden Sonntag. „Verdammnis“ und „Vergebung“ werden an den darauffolgenden Sonntagen, ebenfalls in der verlängerten TV-Version, gezeigt. Und natürlich wird das ganze auch auf DVD veröffentlicht. Am 10. Februar.
Anschließend, um 23.30 Uhr, läuft die 45-minütige Doku „Die Stieg-Larsson-Story: Was hinter der Milleniums-Trilogie steckt“.
mit Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Lena Endre, Peter Haber, Sven-Bertil Taube, Peter Andersson, Ingvar Hirdwall, Marika Lagercrantz, Björn Granath
Der Schrei der Eule (D/F/GB/Kan 2009, R.: Jamie Thraves)
Drehbuch: Jamie Thraves
LV: Patricia Highsmith: The Cry of the Owl, 1962 (Der Schrei der Eule)
Robert beobachtet nachts heimlich die schöne Jenny. Sie verliebt sich in ihn und verlässt ihren Verlobten Greg. Als Greg nach einer Schlägerei spurlos verschwindet, wird Robert des Mordes verdächtigt.
Bereits Claude Chabrol und Tom Toelle verfilmten 1987 den Krimi. Während beide Verfilmungen sich sehr ähneln und, wenn man die Prämisse akzeptiert, gelungen sind, kann das anscheinend von Jamie Thraves Film nicht behauptet werden.
mit Paddy Considine, Julia Stiles
–
ARD, 02.15
Der Mörder (I/F 1962, R.: Claude Autant-Lara)
Drehbuch: Jean Aurenche, Pierre Bost
LV: Patricia Highsmith: The Blunderer, 1954 (Der Stümper)
Zwei tote Ehefrauen. Zwei sich gegenseitig des Mordes beschuldigende Ehemänner.
Fast unbekannte Highsmith-Verfilmung. Wahrscheinlich nicht grundlos.
Mit Maurice Ronet, Marina Vlady, Robert Hossein, Gert Fröbe
Nur die Sonne war Zeuge (F/I 1960, R.: René Clément)
Drehbuch: René Clément, Paul Gégauff
LV: Patricia Highsmith: The talented Mr. Ripley, 1955 (Nur die Sonne war Zeuge, Der talentierte Mr. Ripley)
Tom Ripley soll im Auftrag von Philippes Vater den Sohn nach Amerika zurückbringen. Aber Tom und Philippe verstehen sich gut und Tom gefällt das müßige Millionärsleben. Warum also nicht einfach Philippe Greenleaf umbringen und dessen Stelle einnehmen?
Grandiose Verfilmung des ersten Ripley-Romanes; obwohl der Film moralisch korrekter endet.
Neben dem ausgefeilten Drehbuch trug besonders Henri Decaes superbe Farbfotografie zum Erfolg des Films bei. Erstmals schuf Farbe jene beklemmende Atmosphäre, die bis dahin nur aus den Schwarzweiß-Filmen der Schwarzen Serie bekannt war.
Patricia Highsmith schrieb danach vier weitere Bücher mit Tom Ripley, dem ersten sympathischen Psychopathen der Kriminalgeschichte.
In seinem neuesten Film erzählt „Training Day“-Regisseur Antoine Fuqua vom Leben einiger Polizisten in Brooklyn. Aber während Fuqua in „Training Day“ im Genregewand (ein alter Polizist soll einen Neuling einarbeiten) ganz klassisch die Geschichte eines Mannes und einer Verführung erzählte, ist „Gesetz der Straße“ mit seinen drei, parallel erzählten Geschichten wesentlich fragmentierter. Die Charaktere begegnen sich höchstens zufällig. Gleichzeitig verknüpft Fuqua die Geschichten durch Schnitte, szenenüberlappende Dialoge und die Musik so sehr, dass es kaum auffällt, wie wenige Szenen die hochkarätigen Schauspieler miteinander haben.
Außerdem wird in „Gesetz der Straße“ nicht die Geschichte einer Verführung erzählt. Denn die drei Hauptcharaktere sind bereits auf der dunklen Seite angekommen.
Eddie (Richard Gere) ist ein abgebrannter Streifenpolizist, der nur noch auf seine baldige Pensionierung wartet. Er hält sich aus allem heraus und ist daher auch überhaupt nicht begeistert, als er auf seine letzten Tage noch einen jungen Polizisten einarbeiten soll. Erst nach seiner Pensionierung (die in ihrer Glanzlosigkeit schockierend ist und, so Fuqua in seinem interessantem Audiokommentar, der Realität entspricht) sieht er ein verschwundenes Mädchen, das jetzt anscheinend von ihrem Zuhälter zur Prostitution gezwungen wird, und er verfolgt die beiden.
Tango (Don Cheadle) ist ein Undercover-Cop, der aussteigen will. Er wird von seinen Vorgesetzten (Will Patton, Ellen Barkin [grandios als kaltschnäuziges Luder]) gezwungen als letzten Auftrag Beweise gegen seinen Freund, den Drogenhändler Caz (Wesley Snipes), zu finden.
Sal (Ethan Hawke) gehört zu einem Spezialkommando. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne und das dritte Kind ist unterwegs. Er möchte, dass sie aus ihrem zu kleinen und mit Chemikalien verseuchtem Haus in ein besseres Haus umziehen können. Weil dafür sein Lohn als Polizist nicht ausreicht, beschließt er, es sich von den Drogenhändlern, die er jagen soll, zu holen.
Eddie, Tango und Sal (dessen Katholizismus und die damit verbundenen Schuldgefühle in jeder Szene spürbar sind) haben alle Fehler begangen. Sie sind Sünder vor dem Herrn. Sie versuchen alle wieder zur guten Seite zurückzukehren. Und, selbst ohne ein katholische Schuld-Sühne-Verständnis, müssen sie für ihre Sünden bezahlen. Unklar ist nur der Preis. Immerhin kennen wir spätestens seit Martin Scorseses „Hexenkessel“ den Spruch „Du zahlst deine Sünden nicht in der Kirche…du zahlst auf der Straße“ (gerne auch in der knapperen Form „Für deine Sünden zahlst du auf der Straße.“).
Es gibt vieles, was bei „Gesetz der Straße“ beeindruckt: die Schauspieler, die Drehorte (es wurde vor Ort in Brooklyn mit Anwohnern gedreht), der Schnitt und damit die elegante Verknüpfung der drei arg vorhersehbaren Geschichten. Aber so richtig packend ist „Gesetz der Straße“ nie. Denn der getragene Erzählrhythmus, die wenigen Schnitte und langsamen Kamerafahrten verstärken die Distanz zum aus dem Klischeebaukasten des Copfilms zusammengesetzten Geschichten.
Und die Desillusionierung der Charaktere ist zu groß. Während früher die Polizisten die Verbrecher ohne Rücksicht auf Verluste jagten, den Aufstand versuchten und den Kampf gegen das System aufnahmen, auch wenn sie tief in ihrem Innersten ahnten, dass er vergeblich sein würde, haben in „Gesetz der Straße“ alle schon lange resigniert.
In „Gesetz der Straße“ ist nichts mehr zu spüren von der fiebrige Energie von „Training Day“. Und damit ist „Gesetz der Straße“ wahrscheinlich genauso wie „Training Day“ und, wenn wir in die Geschichte des Copfilms gehen, „Prince of the City“, „Serpico“ und „French Connection“ eine Bestandsaufnahme der Gesellschaft.
Die DVD
Das umfangreiche Bonusmaterial besteht aus einem informativem Making-of, vier ebenso informativen Featurettes und einem hörenswertem Audiokommentar von Antoine Fuqua, der sich vor allem darauf konzentriert, zu erklären, was er mit bestimmten Szenen erreichen wollte. Bei den „Geschnittenen Szenen“ handelt es sich vor allem um Szenenverlängerungen und andere Versionen des Filmendes. Insofern täuscht die große Laufzeit etwas.
Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest (Brooklyn’s Finest, USA 2009)
Regie: Antoine Fuqua
Drehbuch: Michael C. Martin
mit Richard Gere, Don Cheadle, Ethan Hawke, Wesley Snipes, Vincent D’Onofrio, Will Patton, Lili Taylor, Ellen Barkin, Brían F. O’Byrne, Michael K. Williams, Lili Taylor
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DVD
Kinowelt
Bild: 2,35:1 (anamorph)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Geschnittene Szenen, Featurettes (Konflikt und Chaos: Das Leben eines New Yorker Cops, Ein Blick fürs Detail, Vom Bahn-Angestellten zum Hollywood-Autor, Die Jungs im realen Viertel), Fotogalerie, Trailer (deutsch, englisch), Audiokommentar von Antoine Fuqua, Presseheft (deutsch)
Länge: 127 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Am 17. März 2011 erscheint der Film bei Kinowelt in der „SteelBook Collection“ von „Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest“.