TV-Tipp für den 28. Juni: Schmalspurganoven

Juni 28, 2011

RBB, 22.30

Schmalspurganoven (USA 2000, R.: Woody Allen)

Drehbuch: Woody Allen

Ray will eine Bank ausrauben. Zusammen mit seinen dämlichen Kumpels graben sie von ihrem Tarngeschäft aus einen Tunnel in die Bank, während Rays Frau in dem Tarngeschäft selbstgebackene Kekse verkauft und sie sich vor Kunden nicht retten kann. Ray und seine Gang sind dagegen nicht so erfolgreich.

Mal wieder ein Krimi von Woody Allen; oder doch eine Komödie? In jedem Fall ein Woody-Allen-Film.

„Die ‚Schmalspurganoven‘ schulden der europäischen Tradition absolut nichts – der Film hat seine Vorbilder eher in den Komödien der 30er Jahre, deren Plots und Figuren genau so naiv dahergekommen sind. Was damals natürlich viel besser funktionierte.“ (Claudius Seidel, SZ, 4. Dezember 2000)

mit Woody Allen, Tracey Ullman, Hugh Grant, Tony Darrow, George Grizzard, Elaine May, Michael Rapaport

Hinweise

Wikipedia über „Schmalspurganoven“ (deutsch, englisch)

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Kriminalakte über Woody Allen

 


DVD-Kritik: Der brutale Western „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Juni 27, 2011

Als „härtester Western der Geschichte“ ging Ralph Nelsons „Das Wiegenlied vom Totschlag“ in die Filmgeschichte ein. Damals konnte und sollte das Massaker am Filmende nur als Allegorie auf das Wüten der amerikanischen Soldaten in Vietnam gesehen werden und, ebenfalls konform zum Zeitgeist, als Abrechnung mit der amerikanischen Geschichte, ihrem Umgang mit den Ureinwohnern und auch, wenn auch in geringerem Umfang, als Verklärung des Lebens der Indianer als edle, friedliebende Wilde in der freien, schönen Natur (Sehen Sie sich nur die ersten Minuten an: während Buffy Sainte-Marie „Soldier Blue“ singt, gibt es atmosphärische Landschaftsbilder und, mit dem Ende des Songs, das Bild von einer Horde verdreckter, müder und schwitzender Soldaten, die ohne Uniform Filmschurken wären).

Heute sind die Vietnam-Referenzen weniger deutlich, aber dafür können wir an Afghanistan denken.

Außerdem fällt aus heutiger Sicht die Umkehrung der traditionellen Geschlechterrollen auf. Candice Bergen („Boston Legal“ für die Jüngeren; die Älteren kennen sie ja noch von früher) spielt Cresta Lee, eine New Yorkerin, die zwei Jahre Gefangene der Cheyenne und auch die Frau des Häuptlings Gefleckter Wolf war, und jetzt wieder zu den Weißen (und ihrem neuen Mann, einem Soldaten) zurückkehren will. Bei einem Überfall auf einen Geldtransporter der US-Army überleben nur sie und Honus Gant (Peter Strauss in seinem zweiten Film und seiner ersten Hauptrolle), ein wahres Greenhorn vor dem Herrn und überheblicher Hasenfuß, der selbstverständlich alles besser weiß, aber in der Wildnis keinen halben Tag überleben würde. Lee kennt sich dagegen in der Wildnis aus und sie übernimmt ohne zu zögern die Initiative. Gant stolpert dagegen von einem Ungeschick ins nächste und er ist extrem schüchtern und verklemmt.

Der gesamte Mittelteil des Films schildert dann die beschwerliche Reise von Cresta Lee und Honus Gant durch die Wildnis zum Lager der Soldaten und wie die beiden sich auf dem Marsch durch die Wildnis näherkommen und – Überraschung! – auch ineinander verlieben.

Das erzählt der TV-Routinier Nelson in seinem bekanntestem Film energisch, ohne Durchhänger und mit einer ordentlichen Portion Humor, der manchmal etwas von einer Screwball-Comedy hat.

Diese vergnügliche Liebesgeschichte hängt aber dramaturgisch in der Luft, weil sie mit dem Massaker am Anfang wenig und dem am Ende nichts zu tun hat. In ihr geht es halt nicht um das Verhältnis von Weißen zu Indianern, sondern von Frauen zu Männern und um die Beziehung von einem Greenhorn zu einer Person, die den Wilden Westen wie ihre Westentasche kennt und das Greenhorn durch die Wildnis schleppen muss. Dass sie außerdem eine Frau ist, steigert nur – zu unserem Vergnügen – die Minderwertigkeitskomplexe des Greenhorns.

In den letzten zwanzig Minuten des Western zeigt Nelson dann seine Version des historisch verbürgten Massakers am Sand Creek, Colorado. Am 29. November 1864 schlachtete eine 700 Mann starke Einheit der US-Kavallerie über 500 Indianer, mehr als die Hälfte Frauen und Kinder, und skalpierte über 100 Männer, die sich vor dem Kampf ergeben hatten, bestialisch ab. Die Bilder von Soldaten, die Frauen vergewaltigen und erschießen, Kinder erschießen, Arme abhacken, Wehrlose köpfen, aufschlitzen, erschießen, pfählen und zum Ausbluten aufhängen, beunruhigen immer noch. Nicht weil sie so drastisch sind. Da haben moderne Horrorfilme mehr zu bieten. Es ist die in den Bildern spürbare Wut, Empörung und Hilflosigkeit über das barbarische Verhalten der Soldaten die wehrlose, friedfertige Menschen töten und die Beiläufigkeit, in der es gezeigt wird. Fast als habe ein Reporter einfach mit seiner Kamera draufgehalten und die besten Bilder ausgewählt. In diesen Minuten ist „Das Wiegenlied vom Totschlag“ gar nicht so weit von damals zeitgenössischen Horrorfilmen, wie „Die Nacht der lebenden Toten“ und „The Texas Chainsaw Massacre“, die ebenfalls Allegorien auf den Vietnam-Krieg sind, Jedes Bild fragt, warum wir die Weißen für die Guten halten sollen.

Allerdings werden die Indianer erst am Ende des Films als hilflose Unschuldslämmer gezeigt. Am Anfang, wenn sie aus heiterem Himmel den gut geschützten Geldtransport überfallen und alle Soldaten töten und skalpieren, sind sie die Bösewichter und man kann die Empörung von Gant über das Ermorden seiner Kompanie verstehen. Dass die Indianer den Transport, wie ihm Cresta Lee erklärt, nur überfallen haben, um sich Geld für Waffen zu besorgen und sie das Skalpieren vom weißen Mann gelernt haben, ist in diesem Moment nur die Behauptung einer Frau, die aus der Sicht von Gant, viel zu lange unter Indianern lebte und eine Verräterin ist. Dennoch sind die Indianer jetzt als Bösewichter eingeführt, gegen die Lee und Gant sich auf ihrem Fußmarsch durch die Wildnis verteidigen müssen.

Und ohne das Massaker am Ende, das wie angeklebt wirkt, um dem Film eine sofort erkennbare gesellschaftspolitische Relevanz zu verschaffen, wäre „Das Wiegenlied vom Totschlag“ nur ein weiterer 08/15-Western. Vergnüglich, unterhaltsam, aber nicht weiter aufregend und wahrscheinlich schon lange ebenso vergessen wie die anderen Filme von Ralph Nelson.

Insofern ist „Das Wiegenlied vom Totschlag“ sehenswert als historisches Dokument, wegen des drastischen Massakers (das, obwohl die Soldaten in Wirklichkeit viel schlimmer gewütet haben sollen, allerdings einen stark spekulativen Charakter hat und sicher haben die Macher beim Dreh auch die Kinokasse im Blick gehabt) und der schön erzählten Liebesgeschichte. Aber „Das Wiegenlied vom Totschlag“ ist kein Klassiker. Dafür klaffen die formale Gestaltung, die erzählte Geschichte, der implizit formulierte Anspruch eine Anklage gegen die US-Regierung zu sein und die Durchführung zu weit auseinander.

Das Wiegenlied vom Totschlag (Soldier Blue, USA 1970)

Regie: Ralph Nelson

Drehbuch: John Gay

LV: Theodore V. Olson: Arrow in the Sun, 1969 (nach dem Filmstart auch als „Soldier Blue“ veröffentlicht)

mit Candice Bergen, Peter Strauss, Jorge Rivero, John Anderson, Donald Pleseance, Dana Elcar

–

Blu-ray

Kinowelt

Bild: 2,35:1 (1080/24p Full HD)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch (Mono DTS-HD MA)

Untertitel: Deutsch, Dänisch, Finnisch, Italienisch, Norwegisch, Schwedisch, Spanisch

Bonusmaterial: Wendecover

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

–

Hinweise

Wikipedia über „Das Wiegenlied vom Totschlag“ (deutsch, englisch)

Cinema Retro über „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Ikonen über „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Nothing is written mag „Das Wiegenlied vom Totschlag“ überhaupt nicht

DVD Talk: Paul Mavis über „Das Wiegenlied vom Totschlag“

–

Bonus (das bekanntere Plakat/DVD-Cover)


TV-Tipp für den 27. Juni: Gran Torino

Juni 27, 2011

ZDF, 22.15

Gran Torino (USA 2008, R.: Clint Eastwood)

Drehbuch: Nick Schenk (nach einer Geschichte von Dave Johannson und Nick Schenk)

Das Leben des verbitterten, rassistischen Korea-Veteranen Walt Kowalski gerät aus den gewohnten Bahnen, als er einen Hmong-Nachbarjungen gegen eine Straßengang verteidigt (sie hatten den Fehler begangen ihren Streit auf Kowalskis Rasen austragen zu wollen). Kowalski wird zum Helden der asiatischen Gemeinschaft und die Straßengang will die erlittene Schmach vergelten.

Der bislang letzte Leinwandauftritt von Clint Eastwood. Danach drehte er noch einige weitere Filme, der nächste, „J. Edgar“, wird gerade geschnitten und das Biopic über den FBI-Chef J. Edgar Hoover soll am 16. Februar 2012 bei uns anlaufen. Denn Eastwood zaudert nicht lange, wenn ihm das Buch gefällt. Oft verfilmt er sogar die erste Fassung (in Hollywood bekannt als die Fassung, mit der die Gespräche beginnen, die aber vor dem Dreh noch mehrmals überarbeitet werden muss). Auch bei „Gran Torino“ änderte Eastwood nichts am Drehbuch.

Gedreht wird auch schnell. „Million Dollar Baby“ war vor der geplanten Drehzeit fertig (und die war mit 39 Tagen auch nicht gerade üppig) und kostete deutlich weniger, als zuerst von den Produzenten zuerst gesagt wurde (normalerweise dürfte es umgekehrt sein; Oh, und auch die zuerst genannten Kosten waren gar nicht so hoch.). Bei „Gran Torino“ waren 35 Drehtage angesetzt. Nach 33 Tagen war der Film im Kasten.

Tja, und, wie schon bei „Million Dollar Baby“ und „Erbarmungslos“ war die Kritik begeistert und wurde nicht müde, über „Gran Torino“ als Alterswerk das ein gutes Vermächtnis wäre, zu fabulieren. Dabei erzählt der Film doch einfach nur eine gute Geschichte.

Trotzdem hat „Gran Torino“ den Dagger als „best big-screen crime thriller story“, den César als bester ausländischer Film und die ganzen anderen Preise verdient.

Mit Clint Eastwood, Christopher Carley, Bee Vang, Ahney Her, Brian Haley, Geraldine Hughes, Dreama Walker, Brian Howe

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gran Torino“

Wikipedia über „Gran Torino“ (deutsch, englisch)

CTV.ca: AP-Artikel über Nick Schenk

Kriminalakte: Glückwünsche zum achtzigsten Geburtstag von Clint Eastwood

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter“

Clint Eastwood in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 26. Juni: Columbo: Der Tote in der Heizdecke

Juni 26, 2011

Super RTL, 22.15

Columbo: Der Tote in der Heizdecke (USA 1993, R.: Vincent McEveety)

Drehbuch: Peter Falk

Erfinder: Richard Levinson, William Link

Lauren (Faye Dunaway) bringt ihren fremdgehenden Liebhaber um und verschafft sich ein perfektes Alibi. Aber sie hat nicht mit Lieutenant Columbo gerechnet.

Eine ungewöhnliche Episode: Peter Falk schrieb das Drehbuch (sein einziges) und Faye Dunaway erweist sich als echte femme fatale, die Columbo so heftig umgarnt, dass der dabei anscheinend seine detektivischen Fähigkeiten verliert. Der Lohn waren drei Golden-Globe-Nominierungen und ein Emmy für Faye Dunaway.

„Der Tote in der Heizdecke“ gehört zu den besseren der späten Columbo-Fälle, die ab 1989, nach einer elfjährigen Pause, entstanden.

Super RTL zeigt an den kommenden Sonntagen weitere „Columbo“-Filme.

mit Peter Falk, Faye Dunaway, Claudia Christian, Armando Pucci, Bill Macy, John Finnegan

Hinweise

Wikipedia über „Columbo“ (deutsch, englisch)

The Museum of Broadcast Communications über “Columbo”

Fernsehlexikon über “Columbo”

“Columbo”-Fanseite

Deutsche “Columbo”-Fanseite

Noch eine deutsche “Columbo”-Fanseite

TV Time Machine: Audiointerview mit Peter Falk und Mark Dawidziak

Mein Nachruf auf Peter Falk


TV-Tipp für den 25. Juni: Erbarmungslos

Juni 25, 2011

RBB, 23.55

Erbarmungslos (USA 1992, R.: Clint Eastwood)

Drehbuch: David Webb Peoples

Wyoming, 1880: Als der ehemalige Revolverheld William Munny erfährt, dass die Huren von Big Whiskey ein Kopfgeld von 1000 Dollar auf zwei Cowboys aussetzten, die eine von ihnen verstümmelte, schnallt er wieder seinen Colt um. Denn er braucht das Geld für sich und seine beiden Kinder; – auch wenn er es mit zwei Gefährten teilen muss.

„‘Erbarmungslos’ ist offensichtlich ein feinfühlig gemachter und ausbalancierter Film, und, wenn man seine Einsichten in die menschliche Natur bedenkt, so düster, wie ein Genrefilm überhaupt nur sein kann. Aber er präsentiert sich nicht finster, was er teilweise seinen Autoren verdankt. (…) Abgesehen von ‘revisionistisch’ , war das von den Kritikern am häufigsten verwendete Wort ‘Meisterstück’.“ (Richard Schickel: Clint Eastwood – Eine Biographie)

„ein vorzüglicher Spätwestern, der wie seit Peckinpahs ‘The Wild Bunch’ nicht mehr verstört.“ (Fischer Film Almanach 1993)

„Erbarmungslos“ erhielt vier Oscars, unter anderem als bester Film. Clint Eastwood erhielt für seine Regie und sein Spiel zahlreiche Preise und Nominierungen.

Das Drehbuch war für den Edgar, Oscar, Golden Globe und WGA Award nominiert und erhielt von den Western Writers of America den Spur Award als bestes Western-Drehbuch.

Außerdem erhielt „Erbarmungslos“ den Bronze Wrangler der Western Heritage Awards.

Bei Rotten Tomatoes liegt der Frischegrad für diesen Western bei 96 Prozent.

Auf einer 2008 veröffentlichten Liste der zehn besten Western setzte das American Film Institute „Erbarmunglos“ auf den vierten Platz.

mit Clint Eastwood, Gene Hackman, Morgan Freeman, Richard Harris, Jaimz Woolvett, Saul Rubinek, Francis Fisher, Jeremy Ratchford

Hinweise

Wikipedia über „Erbarmungslos“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Unforgiven“ von David Webb Peoples (Production Draft Sript, 23. April 1984)

epd Film: Rudolf Worschech über Clint Eastwood (2010)

Meine Besprechung von Pierre-Henri Verlhacs (Herausgeber) „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (2008)

Clint Eastwood in der Kriminalakte


DVD-Kritik: David Lynch auf der „Lost Highway“

Juni 24, 2011

 

Im Rückblick war „Lost Highway“ der letzte große Film von David Lynch. Danach drehte er das für ihn absolut untypische Drama „The Straight Story“ (ein schöner Film, aber wirklich nicht das, was wir bei David Lynch erwarten), das als TV-Serie geplante, dann als Kinofilm realisierte „Mulholland Drive“ (was man beim Sehen auch bemerkte; außerdem kopierte Lynch schamlos die Struktur von „Lost Highway“), viele Kurzfilme, das als Spielfilm unansehbare „Inland Empire“ (als Kurzfilm-Compilation oder Kunstinstallation vielleicht okay, aber drei Stunden im Kino?) und, auch hier in Berlin, seltsame Auftritte.

Aber ist „Lost Highway“ vierzehn Jahre nach seiner Deutschlandpremiere, die am 10. April 1997 war, heute noch so faszinierend wie damals?

Machen wir den Test mit der neuen DVD-Ausgabe des Films, für die der Film auch geremastered wurde. Bild und Ton sind deutlich besser. Man sieht mehr Details, das Bild ist heller und die Farben sind auch natürlicher. Während man bei der alten DVD bei den Nachtaufnahmen fast nichts erkannte, sieht man bei der neuen DVD die Details sehr deutlich.

Das Bonusmaterial der neuen Ausgabe ist zwar etwas umfangreicher als bei der alten Veröffentlichung von Universum Film, aber immer noch kärglich. Damals gab es vier Interviewschnipsel mit Lynch und den Hauptdarstellern. Heute gibt es mehrere Ausschnitte aus dem Interview mit Lynch, die sich auf knappe fünf Minuten summieren. Dafür fehlen die anderen Interviews. Es gibt zehn Minuten Aufnahmen von den Dreharbeiten. Und den Trailer. Das war’s. Mehr wird nicht geboten.

Und jetzt zum Film, dessen Geschichte nicht wirklich nacherzählbar ist.

Nachdem David Lynch 1990 Barry Giffords Noir „Wild at heart“ verfilmte, schrieben sie für „Lost Highway“ gemeinsam das Drehbuch. In ihm geht es um einen eifersüchtigen Jazz-Musiker Fred Madison (Bill Pullman). Er und seine Frau Renee (Patricia Arquette) erhalten seltsame Briefe mit Videocassetten, auf denen Bilder von ihrem Haus aufgenommen wurden. Dieser unbekannte Beobachter bricht auch bei ihnen ein, filmt sie und schickt ihnen anschließend die Aufnahme. Die beiden Polizisten finden keine Spuren eines Einbruchs.

Nach dem Tod seiner Frau wird Madison zum Tode verurteilt. Immerhin existiert eine Videoaufnahme auf der man sieht, wie er sie im Schlafzimmer tötet. In der Todeszelle verwandelt er sich in einen anderen Mann. Aus Fred Madison wird Pete Dayton (Balthazar Getty). Die Polizei lässt Pete Dayton frei. Der junge Automechaniker kommt mit seinem Leben nach dieser seltsamen Erfahrung (denn auch für ihn ist unerklärlich, wie er in die Todeszelle kam) nicht mehr klar. Er verliebt sich in Alice Wakefield (Patricia Arquette), die Geliebte des Gangsters und Pornofilmproduzenten Mr. Eddy aka Dick Laurent (Robert Loggia). Aber in den ersten Minuten des Films sagte eine unbekannte Stimme Madison an der Sprechanlage seines Hauses, dass Dick Laurent tot sei. Und es gibt noch viel mehr Fragen, die sich im Lauf des Films stellen, ohne dass David Lynch und Barry Gifford sie im Film auch nur halbwegs beantworten. Denn egal welche Erklärung man sich zurechtbastelt, keine funktioniert wirklich. Wobei die Erklärung, dass Madison sich im Gefängnis in eine Fantasiewelt als junger Automechaniker flüchtet, trotz aller Fragen, noch die befriedigendste ist.

Aber Lynch und Gifford sind auch überhaupt nicht an einer stringenten, logischen Geschichte, in der am Ende alle wichtigen Fragen beantwortet sind, interessiert. In „Lost Highway“ folgen sie der Logik des Alptraums, aber ohne den absurden Humor von „Twin Peaks“ (der von David Lynch vorher inszenierten und produzierten TV-Serie). Auch ein geheimnisvoller Mann (Robert Blake in seiner bislang letzten Rolle), der dem Zwerg aus „Twin Peaks“ verdächtig gleicht, ist dabei und er bringt etwas von der irrealen „Twin Peaks“-Atmosphäre in den Film, in dem es nichts zu lachen gibt.

Denn „Lost Highway“ ist ernst, düster, fatalistisch und die Charaktere (vor allem der Protagonist Fred Madison) sind in ihren eigenen seelischen Gefängnissen gefangen. Entsprechend zäh, auch weil in etlichen Szenen nichts geschieht, ist „Lost Highway“ immer wieder. Gleichzeitig gibt es viele beeindruckende Szenen. Die erste Begegnung von Alice Wakefield, die in Mr. Eddys Auto sitzt, und Pete Dayton ansieht, während Lou Reeds „This magic moment“ erklingt. Wer da nicht an die Schwarze Serie denkt, muss noch einige Stunden in seine Filmbildung investieren. Oder Mr. Eddys Ausraster am Mulholland Drive oder die Begegnungen von Madison und dem geheimnisvollem Mann. Oder wenn Dayton während eines Einbruchs (der mit einem Mord enden soll) entdeckt, dass seine Freundin Alice Wakefield in einem Porno mitspielte und dazu die Teutonen-Rocker Rammstein „Heirate mich“ skandieren.

Sowieso ist der Soundtrack fantastisch. Denn David Lynch beauftragte damit, neben seinem Hauskomponisten Angelo Badalamenti, „Nine Inch Nails“-Mastermind Trent Reznor, der damals mit „The downward spiral“ und seinem Soundtrack für Oliver Stones „Natural Born Killers“ everybody’s darling war. Auch für „Lost Highway“ stellte er eine gelungene Mischung aus bekannten Songs von ihm und anderen Musikern (allein schon die geniale Idee, den Film mit David Bowies „I’m deranged“ und den Bildern einer nächtlichen Autobahnfahrt zu beginnen, stimmt sofort auf die kommenden beiden Stunden ein) und neuen Stücken zusammen. Ohne die Musik, die die Bilder kongenial ergänzt und kommentiert, wäre „Lost Highway“ nur halb so gut.

Diese Mischung war damals sehr beeindruckend und sorgte für etliche Diskussionen. Heute wirkt einiges arg gekünstelt. Dennoch ist „Lost Highway“ immer noch ein faszinierender zwischen Hysterie und Langeweile pendelnder Alptraum. Ziemlich „deranged“ eben.

Lost Highway (Lost Highway, USA 1997)

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch, Barry Gifford

mit Bill Pullman, Patricia Arquette, Robert Blake, Balthazar Getty, Robert Loggia, Gary Busey, Michael Massee, Lucy Butler

–

DVD

Concorde Home Entertainment

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch(DD 5.1, DTS), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making-of (in Wirklichkeit ein „Behind the Scenes“), Interview mit David Lynch, Kinotrailer

Länge: 135 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

(BluRay und DVD-Box [mit „Mulholland Drive“ und „Inland Empire“] identisch)

–

Hinweise

Homepage von Barry Gifford

Homepage von David Lynch

Deutsche David-Lynch-Seite

Wikipedia über „Lost Highway“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Lost Highway“ von David Lynch und Barry Gifford

Charlie Rose unterhält sich mit David Lynch (12. Januar 2000; – und damit vor allem über „The Straight Story“)

 


TV-Tipp für den 24. Juni: Der Manchurian Kandidat

Juni 23, 2011

Pro 7, 20.15

Der Manchurian Kandidat (USA 2004, R.: Jonathan Demme)

Drehbuch: Daniel Pyne, Dean Georgaris

LV: Richard Condon: The Manchurian Candidate, 1959 (Botschafter der Angst, Der Manchurian Kandidat)

Der weltumspannende Konzern “Manchurian Global” hat einer Golfkrieg-I-Einheit falsche Erinnerungen implantiert. So wollen sie den vielversprechenden Politiker Raymond Shaw ins Weiße Haus bringen. Doch Shaws ehemaliger Vorgesetzter Ben Marco zweifelt an seinen Erinnerungen und will die Wahrheit herausfinden.

Gut besetztes Remake des Kalter Krieg-Klassikers „Botschafter der Angst“. Etliche der Nebendarsteller sind aus anderen Zusammenhängen oder aus verschiedenen hochkarätigen TV-Serien und Filmen bekannt. Der Film selbst ist gut – obwohl für mich die Prämisse heute schlechter funktioniert als vor über vierzig Jahren, als Frank Sinatra die Rolle von Denzel Washington spielte. Davon abgesehen gibt es zahlreiche grandiose Szenen (ich sage nur Meryl Streep), eine beeindruckende Vision des zu viels an Informationen, überraschende Verknüpfungen von Szenen und eine träumerische Stimmung. Fast immer könnte es sein, dass Ben Marco aus einem Alptraum aufwacht.

Insgesamt ist der Polit-Thriller „Der Manchurian Kandidat“ ein gelungenes, eigenständiges Remake, das besonders beim porträtieren der Verflechtung zwischen Politik und Wirtschaft ein gespenstisches Bild der USA entwirft.

Mit Denzel Washington, Meryl Streep, Liev Schreiber, Jon Voight, Kimberly Elise, Jeffrey Wright, Bruno Ganz, Vera Farmiga, Robyn Hitchcock (eigentlich Musiker), Al Franken (als TV-Interviewer fast als er selbst), Paul Lazar, Roger Corman, Zeljko Ivanek, Walter Mosley (eigentlich Krimiautor), Charles Napier, Jude Ciccolella, Dean Stockwell, Ted Levine, Miguel Ferrer, Sidney Lumet

Wiederholung: Samstag, 25. Juni, 00.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über „Der Manchurian Kandidat“

Drehbuch „The Manchurian Candidate“ von Daniel Pyne und Dean Georgaris

Wikipedia über Richard Condon (deutsch, englisch)

Kirjasto über Richard Condon

Wired for Books: Don Swain redet mit Richard Condon (1982, 1986, 1990 – jeweils eine knappe halbe Stunde)


Neu im Kino/Filmkritik: die rundum geglückte Michael-Connelly-Verfilmung „Der Mandant“

Juni 23, 2011

Los Angeles ist eine große Stadt. Deshalb hat Mickey Haller (Matthew McConaughey) sich eines Tages entschlossen, seine Büroarbeit nicht mehr im Büro, sondern in einem Lincoln Town Car zu erledigen, während er sich von seinem Chauffeur (einem seiner Mandanten, der so seine Schulden abfährt) von einem Gerichtsort zum nächsten fahren lässt. Haller ist einer dieser unzähligen Strafverteidiger, die versuchen für ihre Mandanten vor Gericht das Beste herauszuholen. Dass seine Mandanten normalerweise schuldig und oft schlecht zahlende Stammkunden sind, gehört zum Geschäft. Ebenso dass er die Ermittlungsfehler der Polizei schamlos ausnutzt und versucht das Verfahren bereits vor dem ersten Verhandlungstag beizulegen. Er ist kein Großverdiener. Aber er kommt über die Runden und er hat auch zu seiner Ex-Frau immer noch ein gutes Verhältnis.

Als er den stinkreichen Schnösel Louis Roulet (Ryan Phillippe) verteidigen soll, freut er sich über das erkleckliche Honorar für den einfachen Fall. Roulet wird Vergewaltigung und versuchter Mord vorgeworfen. Haller und sein Ermittler, der Privatdetektiv Frank Levin (William H. Macy mit Hippie-Matte), finden schnell genug Indizien, die die Version der Staatsanwaltschaft erschüttern. Aber Roulet will vor Gericht gehen, damit die ganze Welt erfährt, dass er unschuldig ist.

Und Mickey Haller fragt sich, als er in alten Fällen stöbert, ob Roulet nicht doch schuldig ist (was, wie gesagt, für Haller kein großes Problem wäre), er in den vergangenen Jahren mehrere Frauen ermordete und Haller vor einigen Jahren Jesus Martinez (Michael Pena), der immer seine Unschuld beteuerte, für einen von Roulets Morden ins Gefängnis brachte.

Jetzt will Haller diesen Fehler korrigieren. Aber Roulet will ihn als Verteidiger behalten und Haller muss alles, auch seine Zulassung, riskieren.

Bereits die Titelsequenz (Ja, es gibt endlich mal wieder eine Titelsequenz!) deutet an, wohin die Reise geht: ins Hollywoodkino alter Schule, als dort Filme für Erwachsene gemacht wurden, die an einem Samstagabend niveauvoll unterhalten werden wollen. „Der Mandant“ erinnert an das heute kaum noch vorhandene Hollywood-Kino der siebziger Jahre, an Filme wie „Die drei Tage des Condor“, „Die Unbestechlichen“, „Zeuge einer Verschwörung“ und „Hundstage“. Spannende Unterhaltung, bei der man sein Hirn nicht ausschalten muss. Die Regie ist straff. Das Drehbuch hat die Vorlage geschickt für die Leinwand adaptiert, ohne der Vorlage bis auf’s Komma zu folgen. Das taten zuletzt, mit wechselndem Erfolg, aber auch begleitet von der Frage, warum man sich einen Film ansehen soll, wenn man doch bereits die Vorlage gelesen hat, „The Killer inside me“ und „True Grit“. Regie und Kamera haben ungewöhnliche Bilder von Los Angeles eingefangen. Die Schauspieler sind glaubwürdig in ihren Rollen und Matthew McConaughey ist Mickey Haller. Denn danach wird es einem, auch bei der Lektüre von Connellys grandiosen Romanen, schwerfallen, ein anderes Gesicht als das von Matthew McConaughey als leicht zwiespältigen, aber letztendlich sympathischen Strafverteidiger Mickey Haller zu sehen.

Brad Furmans spannender Old-School-Thriller ist eine eigenständige Version von Michael Connellys Roman. Und wer bis jetzt den grandiosen Justizthriller „Der Mandant“ noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt und ganz schnell ändern.

Der Mandant (The Lincoln Lawyer, USA 2011)

Regie: Brad Furman

Drehbuch: John Romano

LV: Michael Connelly: The Lincoln Lawyer, 2005 (Der Mandant)

mit Matthew McConaughey, Ryan Phillippe, Marisa Tomei, William H. Macy, Josh Lucas, John Leguizamo, Michael Pena, Bob Gunton, Frances Fisher, Bryan Cranston

Länge: 119 Minuten


Die Vorlage

Michael Connelly: Der Mandant – Der Roman zum Film

(übersetzt von Sepp Leeb)

Heyne, 2011

544 Seiten

9,99 Euro

–

Deutsche Erstausgabe

Heyne, 2007

–

Originalausgabe

The Lincoln Lawyer

Little, Brown and Company, 2005

–

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Mandant“

Michael Connelly unterhält sich mit Matthew McConaughey über den Film

Meine Besprechung der Filmausgabe von Michael Connellys „Der Mandant“

 

Homepage von Michael Connelly

Meine Besprechung von Michael Connellys „The Lincoln Lawyer“ (2005, deutscher Titel: Der Mandant)

Meine Besprechung von Michael Connellys „Vergessene Stimmen“ (The Closers, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys “L. A. Crime Report” (Crime Beat, 2004)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Kalter Tod” (The Overlook, 2007)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Echo Park” (Echo Park, 2006)

Michael Connelly in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 23. Juni: Brügge sehen…und sterben?

Juni 22, 2011

 

ARD, 22.45

Brügge sehen…und sterben? (B/GB 2008, R.: Martin McDonagh)

Drehbuch: Martin McDonagh

Die Profikiller Ray und sein väterlicher Freund Ken sollen nach einem leicht missglückten Mord an einem Priester für einige Tage in Brügge untertauchen. Schnell verwandeln sie die friedliche Stadt in eine Kampfzone. Denn: „Shoot first. Sightsee later.“

Grandiose, mit dem Edgar ausgezeichnete schwarze Komödie

Mit Colin Farrell, Brendan Gleeson, Ralph Fiennes, Clémence Poésy, Zeljko Ivanek, Ciarán Hinds

Hinweise

Britische Homepage zum Film

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Brügge sehen…und sterben?“

Filmstew: Interview mit Martin McDonagh

IndieWire: Interview mit Martin McDonagh

Collider: Interview mit Martin McDonagh und Colin Farrell

Time porträtiert Martin McDonagh

New York Times ebenso

 

 


TV-Tipp für den 22. Juni: Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada

Juni 22, 2011

BR, 23.40

Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada (USA/F 2005, R.: Tommy Lee Jones)

Drehbuch: Guillermo Arriaga

Ein junger Grenzpolizist erschießt irrtümlich den Rancharbeiter Melquiades Estrada. Sein bester Freund, der Vorarbeiter Pete Perkins, will Estradas letzten Wunsch, eine Beerdigung in seiner Heimat Mexiko, erfüllen. Weil die Polizei sich nicht für den Tod eines Illegalen interessiert und Perkins altmodische Vorstellung von Moral und Ehre hat, entführt er den Todesschützen und begibt sich mit ihm und der Leiche auf den Weg zu Estradas Heimatdorf.

Toller noirischer Neo-Western, der leider nie richtig in unseren Kinos lief. In Cannes erhielten Tommy Lee Jones und Guillermo Arriaga die Preise für beste Regie und bestes Drehbuch. Außerdem erhielt „Die drei Begräbnisse des Melquides Estrada“ den Bronze Wrangler der Western Heritage Awards als bester Kinofilm.

Der Film ist Tommy Lee Jones’ bislang einziger Kinofilm.

mit Tommy Lee Jones, Barry Pepper, Julio César Cedillo, Dwight Yoakam, January Jones, Melissa Leo, Levon Helm, Guillermo Arriaga

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“

Unionsverlag über Guillermo Arriaga


DVD-Kritik: Die werktreue Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“

Juni 21, 2011

Wie sehr hatte ich mich auf diesen Film gefreut. Michael Winterbottom, produktiver Kritikerliebling und eloquenter Springer zwischen allen Stilen und Genres, verfilmt nach einem Drehbuch von John Curran den Noir-Klassiker „The Killer inside me“ von Jim Thompson, der in USA inzwischen fast gottgleichen Status genießt. Die Besetzung mit Casey Affleck, Jessica Alba und Kate Hudson stimmt auch hoffnungsvoll. Und das sind nur die Hauptrollen. Simon Baker, Elias Koteas, Ned Beatty und Bill Pullman übernahmen wichtige Nebenrollen.

Dann auf der Berlinale 2010 waren die Kritiker nicht begeistert von dem Film. Zu gewalttätig. Zu frauenverachtend, schrieben sie. Vor allem die Szene, in der Casey Affleck Jessica Alba minutenlang verprügelt, wurde genannt.

An der Kinokasse war auch nichts zu holen. Denn der Protagonist, der psychopathische Kleinstadtpolizist Lou Ford, ist ein direkter Vorgänger von Jeff Lindsays Seriencharakter Dexter Morgan (und der erfolgreichen TV-Serie „Dexter“), aber während Dexter als Serienmörder nur andere Serienmörder tötet und letztendlich zu den Guten gehört, ist Lou Ford der Bösewicht.

Auf dem Fantasy Filmfest 2010 sah ich mir den Film an und verließ mit gemischten Gefühlen das Kino. Die Retro-Titelsequenz gefiel mir sehr gut. Die ersten Minuten auch, aber dann fand ich den Gang der Handlung etwas schleppend. Die Prügelszene fand ich nicht so schlimm (Hm, vielleicht schon zu viele brutale Filme gesehen) und den Film insgesamt auch nicht so gewalttätig und frauenverachtend, wie die Kritiker nach der Uraufführung gesagt hatten. Aber wirklich gepackt hatte der Film mich nicht. Nicht schlecht, aber nicht so gut, wie ich erwartet hatte.

Dass Winterbottoms Version besser als die erste Verfilmung des Romans, 1975 von Burt Kennedy mit Stacy Keach als Lou Ford, ist, ist keine besondere Leistung. Denn Kennedy verlegte die Geschichte in die Gegenwart und es entstand ein durchschnittlicher und schnell vergessener Krimi, der manchmal im Nachtprogramm als Lückenfüller gezeigt wird.

Ganz im Gegensatz zu Jim Thompsons Roman. Als der Roman „Der Mörder in mir“ (The Killer inside me) 1952 erschien, war die Idee, dass ein höflicher, gut erzogener, hilfsbereiter Kleinstadtpolizist ein psychopathischer Mörder ist, schockierend. Denn damals waren Polizisten die Guten. Thompson ließ 1957 mit „Gefährliche Stadt“ (Wild Town) eine zweite Geschichte mit Lou Ford folgen, die natürlich nicht mehr die Überraschung von „Der Mörder in mir“ bot.

Aber vielleicht war ich auf dem Fantasy Filmfest einfach nicht in „Killer“-Stimmung gewesen.

Auch beim zweiten Ansehen gefiel mir die Retro-Titelsequenz, passend unterlegt mit dem hübsch harmlosen Song „Fever“, gesungen von Little Willie John, und die Geschwindigkeit mit der Michael Winterbottom in den ersten Minuten die Hauptpersonen, den Kleinstadtpolizisten Lou Ford (Casey Affleck) und die Prostituierte Joyce Lakeland (Jessica Alba), den Handlungsort, das texanische Ölkaff Central City, und die Zeit, die ach so heilen, wirtschaftlich prosperierenden fünfziger Jahre, etabliert.

Aber ziemlich schnell, vor allem nachdem Lou Ford sie und Elmer Conway (Jay R. Ferguson), den Sohn des örtlichen Ölmagnaten, umgebracht hat, zerfasert die Geschichte. Lou muss plötzlich an mehreren Fronten kämpfen. Dabei ist unklar, von welcher Front die größte Gefahr ausgeht. Ist es von Joe Rothman (Elias Koteas), einem Gewerkschaftler, der einen Verdacht hat, oder von Howard Hendricks (Simon Baker), einem Polizisten, der den Doppelmord aufklären soll, oder von Chester Conway (Ned Beatty), dem Vater des Ermordeten und als Ölmagnat der heimliche Herrscher der Stadt? Nur von Lous Freundin Amy Stanton (Kate Hudson), die hoffnungslos in ihn verliebt ist und lammfromm alles duldet, geht keine Gefahr aus. Sowieso ist das Frauenbild aus heutiger Sicht hoffnungslos veraltet und, wenn es nicht in ein historisches Umfeld gekleidet wäre, frauenfeindlich bis frauenverachtend. Und steht so in der Vorlage, die die Macher nur bebildern. Denn anstatt den Geist des Buches in den Film zu übertragen, folgen sie einfach blind Thompsons Roman, ohne darauf zu achten, dass einiges, was in einem Roman und in einer Ich-Erzählung gut funktioniert, in einem Film nicht mehr funktioniert.

Dazu gehören die vielen Gegner von Lou, die in ihrer Häufung dann doch nicht mehr so bedrohlich sind und sie teilweise einfach aus der Geschichte verschwinden und dass einige von Fords Problemen sich quasi nebenbei und außerhalb der Leinwand erledigen. Hier hätte etwas weniger Respekt von Drehbuchautor Curran und Regisseur Winterbottom vor der Vorlage gut getan.

Trotzdem hat mir der Film beim zweiten Ansehen, auch wenn ich mir keine 1-zu-1-Umsetzung der Geschichte, sondern des Geistes der Vorlage gewünscht hätte, besser gefallen. Bertrand Tavernier gelang das mit seiner hundsgemeinen Jim-Thompson-Verfilmung „Der Saustall“. Michael Winterbottoms Film ist dagegen in vielen Momenten bewundernswert und gut gelungen. Ausstattung, Musik und Kamera schaffen es, die fünfziger Jahre wieder auferstehen zu lassen. Die Schauspieler sind gut. Wobei Casey Affleck als harrmloser Bösewicht, wie schon in dem allseits abgefeierten Western „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ (den ich sterbenslangweilig fand), die perfekte Besetzung ist.

Das Bonusmaterial ist eine Frechheit. Es wird nur eine halbe Stunde mit Impressionen von den Dreharbeiten angeboten. Dabei hätte es Material gegeben. Zum Beispiel den Bericht von den Dreharbeiten oder die Berlinale-Pressekonferenz.

The Killer inside me (The Killer inside me, USA 2010)

Regie: Michael Winterbottom

Drehbuch: John Curran

mit Casey Affleck, Jessica Alba, Kate Hudson, Bill Pullman, Simon Baker, Elias Koteas, Ned Beatty, Tom Bower

–

BluRay

Universum Film

Bild: 2,25:1 (1080p/24)

Ton: Deutsch, Englisch (DTS-HD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Behind the Scenes, Wendecover

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

(DVD identisch)

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Vorlage

Jim Thompson: The Killer inside me

Gold Medal, 1952

–

Deutsche Erstausgabe

Der Mörder in mir

Ullstein, 1982

(derzeit bei Diogenes erhältlich)

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Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „The Killer inside me“ (deutsch, englisch)

Berlinale: Roter Teppich und Pressekonferenz zu „The Killer inside me“

Kriminalakte über „The Killer inside me“


Mordlust über Jim Thompson

Crimetime über Jim Thompson

Wikipedia über Jim Thompson (Englisch)

Kirjasto über Jim Thompson

Popsubculture über Jim Thompson

 Kriminalakte über Jim Thompson


TV-Tipp für den 21. Juni: Folter – Made in USA

Juni 21, 2011

Arte, 20.15

Folter – Made in USA (Fr 2010, R.: Marie-Monique Robin)

Drehbuch: Marie-Monique Robin

Spielfilmlange Doku über Folter in der Ära Bush und was mit den Tätern geschah.

Wiederholung: Freitag, 24. Juni, 03.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweis

Arte zur Doku


DVD-Kritik: Gregory Peck ist „Der gefährlichste Mann der Welt“

Juni 20, 2011

Damals, 1968, als J. Lee Thompsons Jay-Richard-Kennedy-Verfilmung „Der gefährlichste Mann der Welt“, nach einem Drehbuch von „Asphalt-Dschungel“-Autor Ben Maddow, in den Kinos gezeigt wurde, war die Sache mit dem Sender im Kopf noch Science Fiction. Heute; – nun, heute lassen sich Discobesucher einen RFID-Chip in den Arm schießen, damit sie ohne Warten in die Disco gehen können und die Rechnung sofort von ihrem Konto abgebucht werden kann, und fast jeder hat ein Handy/iPhone/Smartphone dabei, das vorzüglich als Peilsender funktioniert und – hey, letztendlich sind die Geräte immer noch Telefone – man belauscht werden kann.

Lauschen konnte in „Der gefährlichste Mann der Welt“ auch Lieutenant General Shelby (Arthur Hill). Er schickt Dr. John Hathaway (Gregory Peck), ein mit dem Nobelpreis ausgezeichneter Biochemiker, nach China. Dort soll der Wissenschaftler von Professor Soong Li (Keye Luke), der für ihn ein Lehrer war, die Formel, mit der auch in unwirtlichen Gebieten Nahrung angebaut werden kann, bekommen. Zu seinem Schutz bekommt Hathaway eine Kombination aus Peilsender und Wanze implantiert. Außerdem, aber das verrät Shelby ihm nicht, ist das Implantat eine Bombe. Denn unter keinen Umständen soll Hathaway den kommunistischen Chinesen in die Hände fallen. Aber als Hathaway mit dem Mann, der ein kleines rotes Buch schrieb und der Herrscher Chinas ist (Na, haben Sie erraten wer es ist?), eine Partie Tischtennis spielt und mit ihm über die Freiheit der Forschung philosophiert, fragen sich Shelby und ein Kollege im Abhörzentrum im ländlichen England, ob sie nicht jetzt die Bombe zünden sollen.

Sie tun’s nicht und Hathaway trifft nach einer langen Reise in Soong Li, der in einem einsame gelegenem, gut bewachtem Labor forscht. Jetzt muss Hathaway nur noch an die Formel kommen (schwierig) und verschwinden (noch schwieriger).

„Der gefährlichste Mann der Welt“ ist professionell erzählter, aber mäßig spannender und sich viel zu ernst nehmender Sixties Spy Stuff mit einigen interessanten Aspekten. Denn die Geschichte wird arg gradlinig und, was bei Spannungsroutinier J. Lee Thompson überrascht, im Mittelteil sogar langatmig erzählt. Anstatt in diesen Minuten die Geschichte energisch voranzutreiben, gibt es Impressionen aus dem kommunistischen China, Tischtennis und philosophische Diskussionen mit dem großen Vorsitzenden (immerhin wird er nicht als kompletter Blödkopf porträtiert, aber selbstverständlich gewinnt der aufrechte Westler den Diskurs) und Gelehrtenblabla. Außerdem ist Hathaway erst gegen Ende, nachdem er die Formel bekommen hat und vor den Chinesen flüchten muss, in Lebensgefahr. Dann kann J. Lee Thompson, der bereits in „Ein Köder für die Bestie“ und „Die Kanonen von Navarone“ erfolgreich mit Gregory Peck zusammen arbeitete, mit glänzend inszenierter Action glänzen.

Die Idee mit der Bombe im Kopf ist heute erschreckend aktuell, der damit verbundene sehr zynische Blick auf das Spionagegewerbe (deutlich näher bei John le Carré als bei Ian Fleming), das Ende (wenn es zu einer Kooperation mit den Russen, die damals in Spionagefilmen die Standard-Bösewichter waren, kommt), die zahlreichen Außenaufnahmen (es wurde auch in Taiwan gedreht) und der Blick in ein totalitäres Land, in dem jeder jeden bespitzelt (sogar die Tochter von Soong Li spitzelt, als überzeugte Kommunistin, ihren Vater aus) und die spannend inszenierten Actionszenen bieten genug Gründe für einen Blick auf dieses solide Genrewerk.

Als Bonusmaterial gibt es die gelungen zusammengekürzte 16-mm-Fassung des Films, eine umfangreiche Bildergalerie, einige entfallene Szenen und einen informativen Audiokommentar von Filmkritiker Lee Pfeiffer und Journalist Eddie Friedfield, die bereits die Audiokommentare der Derek-Flint-Filme bestritten. Das ist für einen so alten und heute ziemlich unbekannten Film ein rundum gelungenes, umfangreiches Paket.

Einige andere Meinungen

„Britischer Propagandafilm (…) Ein nur leidlich spannender Agentenfilm ohne wirkliche Überraschungen.“ (Lexikon des internationalen Films)

„Die Produktion will die veränderte politische Großwetterlage (Pakt mit den Russen gegen die Chinesen) zur Aufrechterhaltung der ‚gelben Gefahr‘ ausnutzen, wirkt aber besonders in der groben Darstellung innerchinesischer Verhältnisse lächerliche und politisch instinktlos.“ (Horst Schäfer/Wolfgang Schwarzer: Von ‚Che‘ bis ‚Z‘ – Polit-Thriller im Kino, 1991)

„Peck spielt in diesem schwachen Spionage-Thriller, der seine zentrale Handlung aus Hitchcock ‚Der zerrissene Vorhang‘ (Torn Curtain, 1966) entliehen hat, den Nobelpreisträger, der nach China reist (…) Seine technischen Spielzeuge (…) sind Leihgaben von James Bond. Leider verzichtet Thompson auf die mögliche moralische Dimension der Handlung und gibt Bond-ähnlichen Heldentaten den Vorzug.“ (Paul Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie, 1998)

Der gefährlichste Mann der Welt (The Chairman, GB 1968)

Regie: J. Lee Thompson

Drehbuch: Ben Maddow

LV: Jay Richard Kennedy: The Chairman, 1969 (auch „The most dangerous man in the world“; weil der Film in England unter diesem Titel gezeigt wurde; bei uns hieß das Buch dann „Schach dem Vorsitzenden“)

Musik: Jerry Goldsmith

mit Gregory Peck, Conrad Yama, Anne Heywood, Arthur Hill, Alan Dobie, Eric Young, Keye Luke

–

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Englisch, Italienisch

Bonusmaterial: Originaltrailer, Audiokommentar, Alternative Szenen, Miniversion des Films inkl. geschnittener Szenen, Bildergalerie

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Wikipedia über „Der gefährlichste Mann der Welt“

Turner Classic Movies über „Der gefährlichste Mann der Welt“


TV-Tipp für den 20. Juni: Layer Cake

Juni 20, 2011

Kabel 1, 20.15

Layer Cake (GB 2004, R.: Matthew Vaughn)

Drehbuch: J.J. Connolly

LV: J.J. Connolly: Layer Cake, 2000 (Layer Cake: Willkommen im Club)

Ein Drogenhändler der besseren Art will aussteigen. Sein Boss hat vorher noch zwei Aufträge für ihn: er soll eine Junkie-Tochter aufspüren und eine riesige Menge Ecstasy aufkaufen. Das ist beides nicht so einfach.

Allgemein abgefeierter Gangsterthriller, der leider nie in die deutschen Kinos kam. Eine euphorische Stimme: „Aktionsreicher, beinharter Thriller in bester britischer Tradition. Hervorragend gespielt, fotografiert und inszeniert, bis ins kleinste Detail präzise entwickelt.“ (Lexikon des internationalen Films)

Mit Daniel Craig, Tom Hardy, Jamie Foreman, Sally Hawkins, Burn Gorman, Sienna Miller

Wiederholung: Dienstag, 21. Juni, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

BBC-Interview mit Matthew Vaughn

Wikipedia über „Layer Cake“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 19. Juni: Stranger than Paradise

Juni 19, 2011

ZDFkultur, 20.15

Stranger than Paradise (USA/D 1984, R.: Jim Jarmusch)

Drehbuch: Jim Jarmusch

Musik: John Lurie

Willie, Eva und Eddie fahren von New York nach Florida.

Das „Kleine Fernsehspiel“ des ZDF als Talentförderer. Das echte Spielfilmdebüt (sein Abschlussfilm „Permanent Vacation“ ist, trotz seiner Länger, wohl doch eher als Talentprobe zu sehen.) von Jim Jarmusch gewann unter anderem den Special Jury Price in Sundance und die Goldene Kamera in Cannes und er war der Liebling der Filmkritiker und der Jugendlichen (jedenfalls wenn ihnen Punk, No Wave und die damalige New-Yorker-Kunstszene imponierten). Danach drehte Jarmusch „Down by Law“ (mit Tom Waits, John Lurie und Roberto Benigni), „Mystery Train“, „Dead Man“ und „Ghost Dog“.

„Damals, Mitte der 80er, haben wir das Öde, Strenge, Hermetische gemocht. ‚Stranger than Paradise‘ war ein Film, der als cool galt, ein Film, an dem man sich gegenseitig erkennen konnte. Wer ihn bloß langweilig fand, hatte nichts verstanden. Wir mochten ihn, weil er von etwas erzählte, genauer: etwas der Erzählung voraussetzte, das wir kannten: einen diffusen Hunger nach Erfahrung, gepaart mit dem Misstrauen, vielleicht der Unfähigkeit, daraus Worte zu machen. Wir (das waren wohl vor allem Jungs) waren fasziniert von der Reduktion, von der Weigerung, eine Geschichte auf eine elaborierte Art zu erzählen, von der Coolness der Figuren.“ (Stefan Reinecke: Stranger than Paradise, in Rolf Aurich/Stefan Reinecke, Hrsg.: Jim Jarmusch, 2001)

Und heute?Schaun wir mal.

Jarmusch will Anfang 2012 auch in Deutschland einen Vampir-Film drehen.

mit John Lurie, Eszter Balint, Richard Edson, Cecillia Stark Danny Rosen, Rammellzee, Tom DiCillo

Wiederholung: Montag, 20. Juni, 01.45 Uhr

Hinweise

Wikipedia über Jim Jarmusch (deutsch, englisch)

The Jim Jarmusch Resource Page

Senses of Cinema über Jim Jarmusch


TV-Tipp für den 18. Juni: Gangster in Key Largo

Juni 18, 2011

RBB, 23.15

Gangster in Key Largo (USA 1948, R.: John Huston)

Drehbuch: Richard Brooks, John Huston

LV: Maxwell Anderson: Key Largo, 1939 (Theaterstück)

Ex-Major McCloud will in Key Largo nur die Eltern eines gefallenen Kriegskameraden besuchen. Dummerweise haben sich Gangster Johnny Rocco und seine Verbündeten im Hotel wohnlich eingerichtet. McCloud muss wieder zur Waffe greifen.

Im Rahmen eines Gangsterfilms wird das Unbehagen am Nachkriegs-Amerika präsentiert. Das Hotel wird zu einem Mikrokosmos von Verrat und Rache in der amerikanischen Ausprägung.

„Gangster in Key Largo“ ist der vierte und letzte Bogart/Bacall Film und das letzte Zusammentreffen von Bogart und Robinson vor der Kamera. Dieses Mal stirbt Bogart nicht vor Robinson, der hier seine letzte große Gangsterrolle hatte.

Weiter geht’s in der „langen Filmnacht: Humphrey Bogart“ um 00.50 Uhr mit der „Fahrkarte nach Marseille“ (USA 1944) und endet um 02.35 Uhr im „Konflikt“ (USA 1945). Wachbleiben oder aufnehmen lohnt sich.

Mit Humphrey Bogart, Lauren Bacall, Edward G. Robinson, Lionel Barrymore, Claire Trevor

Auch bekannt als “Hafen des Lasters” (Kinotitel), „Gangster von Key Largo“

Hinweise

Wikipedia über „Gangster in Key Largo“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Key Largo“

Old School Reviews über „Key Largo“

Follow me now über „Gangster in Key Largo“


DVD-Kritik: Von der Hand an der Wiege zum „Mother’s Day“

Juni 17, 2011

Offiziell ist „Mother’s Day“ von Darren Lynn Bousman (Saw II, III, IV) ein Remake von Charles Kaufmans Troma-Film „Muttertag“, der in Deutschland auf dem Index steht, und einen gewissen Kultstatus genießt. Aber Scott Milams Drehbuch hat mit Kaufmans Film nichts mehr zu tun.

Der neue Film erzählt, wie die drei kriminellen Koffin-Brüder, von denen einer schwer verletzt ist, in einem Vorstadthaus mehrere Geisel nehmen. Sie haben geglaubt, dass das Haus noch immer ihrer Mutter Natalie Koffin gehört. Aber es wurde bereits vor zwei Monaten von einem Großstadtpaar gekauft, das an diesem Abend im Keller Dannys Geburtstag feiern will. Die Koffin-Brüder rufen verzweifelt und hoffnungslos überfordert von der Situation, über ihre Schwester, ihre Mutter zu Hilfe. Sie ist das Gehirn der Familie und, hinter ihrer höflichen Fassade, verbirgt sich ein Monster, das gnadenlos ihre Ziele durchsetzt. Besonders nachdem sie erfährt, dass ihr Sohn Ike in den vergangenen Monaten Geld, das sie bei Überfällen erbeuteten, an diese Adresse schickte. Die neuen Besitzer, Danny und Beth Sohapi leugnen, dass sie das Geld bekommen haben. Aber eine Mutter erkennt, wenn sie belogen wird und Lügen werden, wie einige andere Sachen, im Hause Koffin nicht geduldet.

„Mother’s Day“ ist ein kleiner, effektiver Schocker mit einigen blutigen Sequenzen und einer höchst banalen Moral. Denn die Macher gehen davon aus, dass wir uns gegenseitig sofort an die Gurgel gehen, wenn wir nur mit einer Waffe bedroht werden. Dieser Zivilisationsverfall geht immer arg schnell und alle Geisel machen, auch wenn einige kurz zögern, mit. Das ist psychologisch dann doch ziemlich banal.

Entsprechend eindimensional sind die Charaktere geraten. Die Brüder sind böse. Die Geisel hilflos, egoistisch und gewaltbereit. Jedenfalls gegeneinander. Alle verhalten sich immer wieder arg bescheuert. So darf, um nur ein Beispiel zu nennen, der schwerverletzte, im Sterben liegende Bruder ständig mit seiner Pistole herumfuchteln, was immerhin zur spannenden Frage führt „Wann erschießt er wen zufällig mit seiner Waffe?“, und – hach, sind wir heute wieder pervers – eine Geisel soll mit ihm Sex haben. Als gäbe es nichts wichtigeres zu tun.

Außerdem haben die Koffin-Brüder einfach zu viele Geiseln genommen. Hier verwechseln Debütant Milam und Regisseur Bousman Masse mit Klasse. Denn keiner der acht ungefähr gleichaltrigen Erwachsenen hat individuelle Charakterzüge und uns ist daher letztendlich egal, wer überlebt oder ermordet oder gefoltert wird.

Diese Szenen hat Bousman nach der „Saw“-Schule mit einer ordentlichen Portion Splatter und Gore (irgendwie muss ja die FSK-18 gerechtfertigt werden), hysterischen Schreien und lauter Musik inszeniert. Sowieso gönnt Bousman den Zuschauern keine Atempausen und, wie ein schlechter DJ, nur einen Takt. Alles ist bei ihm immer etwas zu hektisch, zu hysterisch, zu sehr auf Schocks und zu wenig auf Psychologie und, manchmal vorhandene, Suspense bedacht.

„Mother’s Day“ wäre daher nur ein durchaus spannender, aber durchschnittlicher Thriller; – wenn da nicht die titelgebende Mutter wäre.

Sie ist ein echter Charakter und dank Rebecca De Mornay, die fast zwanzig Jahr nach der „Hand an der Wiege“ wieder den Bösewicht spielt; ein Monster, das Hannibal Lector zu einem Schulbub degradiert. Wenn sie, ausgesucht höflich und etwas zu bieder gekleidet, wie die nette Mutter von nebenan, die am Wochenende immer Kuchen für die halbe Straße backt, ihren Kindern, die hoffnungslos unter ihrer Fuchtel stehen, Befehle erteilt, wenn sie die Geisel nach dem verschwundenen Geld fragt und ihnen die Regeln erklärt, läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken. Da muss sie gar nicht mehr zu einer Waffe greifen.

Dank Rebecca De Mornay (Wo war Sie nur die letzten Jahre?) ist „Mother’s Day“ ein atemberaubender Thriller. Jedenfalls wenn sie auf der Leinwand ist. Und sie hat ziemlich viele Szenen.

Mother’s Day – Mutter ist wieder da (Mother’s Day, USA 2010)

Regie: Darren Lynn Bousman

Drehbuch: Scott Milam (nach dem Drehbuch „Mother’s Day“ von Charles Kaufman und Warren Leight)

mit Rebecca De Mornay, Jaime King, Shawn Ashmore, Briana Evigan, Patrick Flueger, Warren Kole, Deborah Ann Woll, Frank Grillo, Matt O’Leary, Jessie Rusu, Lyriq Bent, Lisa Marcos, Tony Nappo, Kandyse McClure

–

DVD

Kinowelt

Bild: 2,40:1 (anamorph)

Ton: Deutsch (Dolby Surround, Dolby Digital 5.1 DD), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer (deutsch, englisch), Wendecover

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

–

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „Mother’s Day – Mutter ist wieder da“

Homepage von Darren Lynn Bousman

Und hier der Trailer zum Original

 


TV-Tipp für den 17. Juni: Im Zwielicht

Juni 17, 2011

Das Vierte, 20.15

Im Zwielicht (USA 1997, R.: Robert Benton)

Drehbuch: Robert Benton, Richard Russo

Ex-Privatdetektiv Harry Ross jobbt für das mit ihm befreundete, sich im vergangenen Ruhm sonnendes Schauspielerpaar Jack und Catherine Ames. Während eines Botenganges für sie stolpert er über eine Leiche und die alten Instinkte werden wieder wach. Ross will seinen Freunden gegen die Erpresser helfen.

Betont altmodischer Privatdetektiv-Krimi, der sich ausdrücklich auf die Tradition bezieht (so kann er als dritter Lew-Harper-Film gesehen werden. Newman spielte Harper in „Ein Fall für Harper“ und „Unter Wasser stirbt man nicht“. Harper ist der Filmname des von Ross MacDonald erfundenen Privatdetektiv Lew Archer.), mit pointierten Dialogen und einem Haufen Altstars glänzend unterhält.

Die Musik ist von Elmer Bernstein.

„Ein reines Vergnügen.“ (W. O. P. Kistner, AZ, 6. August 1998)

„Benton zeigt angenehm gelassen, wie die Vergangenheit als Ballast wirkt, dem man nicht entrinnt, und wie ihr Fortwirken neues Unheil erzeugt.“ (Fischer Film Almanach 1999)

Das klingt doch verdammt nach Ross MacDonald.

mit Paul Newman, Susan Sarandon, Gene Hackman, Stockard Channing, James Garner, Reese Witherspoon, Giancarlo Esposito, Liev Schreiber, John Spencer, M. Emmet Walsh

Hinweise

Wikipedia über „Im Zwielicht“ (deutsch, englisch)

A. V. Club: Interview mit Robert Benton (4. März 1998)

The Hollywood Interview: Alex Simon redet mit Robert Benton (1998)

 


TV-Tipp für den 16. Juni: Jesse Stone: Totgeschwiegen

Juni 16, 2011

ZDFneo, 22-25

Jesse Stone – Totgeschwiegen (USA 2006, R.: Robert Harmon)

Drehbuch: J.T. Allen, Tom Selleck, Michael Brandman

LV: Robert B. Parker: Death in Paradise, 2001

Dritter Jesse-Stone-Film nach dem dritten Jesse-Stone-Roman. Dieses Mal muss Kleinstadtcop Jesse Stone den Mord an einer 14-jährigen aufklären. Seine Ermittlungen führen ihn in die besseren Kreise von Boston.

Ein weiterer feiner Polizeifilm.

Mit Tom Selleck, Edward Edwards, Viola Davis, John Diehl, William Devane

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Trügerisches Bild“ (Painted Ladies, 2010)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 15. Juni: Der Liebe verfallen

Juni 15, 2011

Tele 5, 20.15

Der Liebe verfallen (USA 1984, R.: Ulu Grosbard)

Drehbuch: Michael Cristofer

Ein Ingenieur und eine Designerin, beide glücklich verheiratet, treffen sich zuerst in einer Buchhandlung, dann in einem Pendlerzug nach Manhattan und – Überraschung! – sie verlieben sich ineinander. Aber sie wollen auch nicht die Gefühle ihrer Partner verletzten.

„In der Zeichnung der Figuren setzt Ulu Grosbard ganz auf szenische Evidenz und Zielstrebigkeit (…) Jede Szene, die man in diesem Genre erwarten würde, ist drin; die Musikeinsätze sind immer verlässlich. Die Dialoge sind nur notdürftig verschleiert.“ (Gerhard Midding: Der unsichtbare Amerikaner, in Sabine Horst, Hrsg.: Robert De Niro, 2002)

„Die Story ist nicht mehr als eine bittersüße Schnulze auf Hochglanzpapier.“ (Fischer Film Almanach 1986). Aber hochkarätig besetzt, hübsch gefilmt, mit der Musik von Dave Grusin („Die fabelhaften Baker Boys“) und das sind doch wahrlich genug Gründe, um sich den selten gezeigten Film (nach der OFDB ist heute sogar die TV-Premiere) anzusehen.

Ulu Grosbard inszenierte vor „Der Liebe verfallen“ die Krimis „Fesseln der Macht“, ebenfalls mit Robert De Niro, und „Stunde der Bewährung“, mit Dustin Hoffman.

Michael Cristofer schrieb später die Drehbücher für die John-Updike-Verfilmung „Die Hexen von Eastwick“, die Tom-Wolfe-Verfilmung „Fegefeuer der Eitelkeiten“ und die auch vom ihm inszenierte Cornell-Woolrich-Verfilmung „Original Sin“.

mit Robert De Niro, Meryl Streep, Harvey Keitel, Jane Kaczmarek, George Martin, Dianne Wiest, Victor Argo, Frances Conroy

Hinweise

Wikipedia über „Der Liebe verfallen“ (deutsch, englisch)