Ab 01.10 Uhr berichtet Pro 7 vom Roten Teppich, aber erst jetzt geht’s wirklich los. Und wer keine Nachteule ist, kann entweder hier die Gewinner erfahren oder sich auf der Oscar-Seite umfassend über den Preis informieren.
Bereits vergeben sind die Spirit Awards für die besten Independent-Filme („Black Swan“ schlug sich hervorragend) und die Razzies für die schlechtesten Filme.
Wer wissen will, welche Krimiverfilmungen in den kommenden Tagen im TV laufen, muss zu den Alligatorpapieren klicken und meine TV-Krimi-Buch-Tipps studieren:
In den kommenden beiden Wochen gibt es einige John-Grisham-Verfilmungen, die üblichen Verdächtigen (Brunetti, Wallander, Lynley/Havers, Laurenti, Barnaby, Huss) und den letzten Teil der Stieg-Larsson-Verfilmungen. Sehenswert sind, immer wieder, Sam Peckinpahs Western „Sacramento“, Buddy Giovinazzos Kölner-„Tatort“ „Platt gemacht“, Wong Kar-wais „My Blueberry Nights“ (am Drehbuch war auch Lawrence Block beteiligt), Franck Mancusos Lawrence-Block-Verfilmung „Kein Mord bleibt ungesühnt“, Lars Beckers „Nachtschicht: Das tote Mädchen“, Lynda La Plantes „Der Preis des Verbrechens“-Zweiteiler „Spurlos verschwunden“, Guy Hamiltons Ian-Fleming-Verfilmung „Goldfinger“, Alfred Hitchcocks Cornell-Woolrich-Verfilmung „Das Fenster zum Hof“ und seine Robert-Bloch-Verfilmung „Psycho“, Stanley Donens Marc-Behm/Peter-Stone-Verfilmung „Charade“ (zu einer angenehmen Uhrzeit), Antoine Fuquas Stephen-Hunter-Verfilmung „Shooter“, J. Lee Thompsons John-D.-MacDonald-Verfilmung „Ein Köder für die Besite“, Als TV-Premieren sind Fred Breinersdorfers Debüt als Spielfilmregisseur „Zwischen heut und morgen“ (er drehte vorher einen zehnminütigen Kurzfilm) und Lars Beckers „Amigo – Bei Ankunft Tod“ (nach seinem Roman) sicher einen Blick wert.
Erin Grant verdient das Geld für einen Sorgerechtsprozeß in einer Striptease-Bar. Dort verliebt sich Senator Dilbeck in sie und verteidigt sie mit einer Champagnerflasche gegen einen Verehrer. Jerry fotografiert dies und erpresst Dilbeck. Kurz darauf ist er tot und Erin sieht das Sorgerecht gefährdet.
Bis auf die Hauptrolle (Demi Moore, die auch beim Striptease nicht sonderlich erregend wirkt) gelungene Verfilmung eines satirischen Hiaasen-Buches, mit einer grandios aufspielenden Schar Nebendarsteller: Ving Rhames, Burt Reynolds, Armant Assante, Paul Guilfoyle
Wenn der Film zum Lesen des Buches (und der anderen Hiaasen-Werke!) führt, dann kann der Film gar nicht genug gelobt werden
Der Trailer für „Drive Angry 3D“ verspricht einen ordentlich-durchgeknallten Actionthriller mit einem kräftigen Siebziger-Jahre-Touch. Nichts originelles, dafür heiße Autos, scharfe Bräute (gerne auch nackt) und hoffnungslos übertriebene Gewalt, frei nach dem Motto „Das Blut muss spritzen“. Kurz: richtig dummes Jungskino, bei dem die Story nur die halbherzige Entschuldigung für den Rest ist.
Und, soviel kann jetzt schon verraten werden: dieses Versprechen löst Patrick Lussiers Film ein.
Nicolas Cage spielt Milton, einen Daddy, der eine Sekte verfolgt, die seine Tochter tötete und bei Vollmond sein Enkelkind (ein kleines unschuldiges Baby) opfern will. Er räumt dabei ziemlich rabiat alles aus dem Weg was ihn an seiner Mission hindern könnte. Dass er dabei zuerst von einem Polizisten einen Brustschuss und später von einem Sektenjünger einen Schuss ins Auge erhält, bringt ihn nicht um. Denn der Verbrecher Milton ist bereits tot und, nachdem er in der Hölle den Mord an seiner Tochter beobachtete, machte er sich auf den Weg aus der Hölle auf die Erde.
Verfolgt wird er von dem Buchhalter. William Fichtner, spielt hier, wie in der TV-Serie „Prison Break“, einen eiskalten Jäger. Aber dieses Mal garniert er seine Rolle mit sardonischem Humor und es ist ersichtlich, warum Fichtner die Rolle angenommen hat.
Dagegen ist Cages Charakter nur ein langweilig-humorloser Terminator-Abklatsch, der auch von irgendeinem anderen Schauspieler hätte gespielt werden können. Selbst wenn er erschossen wird, verzieht er keine Miene.
Amber Heard als seine sehr schlagkräftige Begleiterin ist vor allem Augenfutter für die Jungs im Kinosaal.
Billy Burke sieht als Sektenguru wie ein Elvis-Presley-Imitator aus und es ist auch etwas rätselhaft, warum seine Jünger, ein bunter Haufen Rednecks, gerade einem solchen Milchbubi folgen. Doch die Sekte ist hier, wie wir es aus unzähligen B-Filmen kennen, nur der x-beliebige Aufhänger, um Cage genug Kanonenfutter zu liefern.
Die Action-Szenen sind eine fetzige Mischung aus Old-School-Action bei den Schlägereien, Schusswechseln, Kämpfen und Autoverfolgungsjagden und, immerhin muss der 3D-Effekt weidlich ausgenutzt werden, Bullet-Time-Spielereien.
Dabei, – Was durchaus erstaunlich ist, weil ein hirnloser Action-Film ja eigentlich perfekt für einen 3D-Film sein müsste. -, versaut gerade der 3D-Effekt den Film. Während ein 2D-Film für unser geschultes Auge inzwischen natürlich wirkt, wirkt hier der Film über weite Strecken wie ein Computerspiel mit schlechter Auflösung. Da ist dann nichts vom Dreck in den Bilder zu spüren. Alles wirkt, als sei es am Computer errechnet worden, als hätten die Schauspieler vor einem Blue-Screen agiert und man habe die Hintergründe hastig eingefügt. Zu oft sehen die Action-Szenen nach billigen Tricks aus. Die Autos wirken wie Miniaturmodelle. Bei ruhigen Szenen stören dann die unnatürlichen 3D-Bilder, die wie ein Scherenschnittbild aussehen und daher keinen natürlich-wirkenden Eindruck vom Raum vermitteln. Auch die Landschaftsaufnahmen, gedreht wurde in Louisiana, sehen immer wieder unnatürlich aus.
Diese Bilder reisen einen immer wieder aus der Geschichte und man fragt sich verzweifelt: „Warum nur, Herr Lussier? Warum 3D?“
„Drive Angry 3D“ ist, wenn der Film nicht in 3D wäre, eine erfreulich gelungene Reminiszenz an den 70er/80er-Jahre-Actionfilm mit einer Geistergeschichte, die in ihren besten Momenten von Krimi- und Horrorschriftsteller Joe R. Lansdale inspiriert sein könnte. Für einen aktuellen Hollywoodfilm ist auch erstaunlich viel nackte Haut (was für Amis ja immer so furchtbar schockierend ist) und direkter Gewalt, garniert mit den üblichen Einzeilern (wobei der „Buchhalter“ die besten Sätze hat), enthalten. Halt genau das, was der Trailer verspricht und auch bei uns eine Ab-18-Jahre-Freigabe rechtfertigt.
Fortsetzung erwünscht. Dann aber mit „Buchhalter“ William Fichtner in der Hauptrolle und in 2D.
Drive Angry 3D (Drive Angry 3D, USA 2011)
Regie: Patrick Lussier
Drehbuch: Todd Farmer, Patrick Lussier
mit Nicolas Cage (Milton), Amber Heard (Piper), William Fichtner (Der Buchhalter), Billy Burke (Jonah King), David Morse (Webster), Todd Farmer (Frank), Christa Campbell (Mona), Charlotte Ross (Candy), Tom Atkins (Cap), Jack McGee (Fat Lou), Katy Mixon (Norma Jean)
Ein Journalist soll auf Korsika eine Biographie über einen namenlosen, nationalistischen Ex-Kommissar schreiben. Dieser hat Angst um sein Leben, weil er vor einigen Jahren ein Attentat auf einen Beamten fingieren sollte und dieser dann starb.
Der englische Gangsterfilm „The Long Good Friday“, der in Deutschland auch als „Rififi am Karfreitag“ lief, ist ein Blick in die Vergangenheit auf ein England und ein London, das es nicht mehr gibt. Denn obwohl „The Long Good Friday“ bereits 1979 gedreht wurde, nahm er fast schon prophetisch die Thatcher-Jahre und die Bebauung der Londoner Docks vorweg.
Denn der Held des Films, Harold Shand, der unumstrittene Gangsterboss von London mit guten Kontakten zur Polizei und Politik (grandios gespielt von Bob Hoskins), plant ein großes Projekt: die Bebauung der heruntergekommenen Docklands. Das Geld dafür soll aus Amerika kommen. Von der Mafia. Deren Vertreter Charlie (Eddie Constantine) hat allerdings nichts mit dem „Paten“-Pomp zu tun. Er ist ein stinknormaler Geschäftsmann im feinen Anzug, der seine Geschäfte ohne Aufsehen zu erregen machen will.
Doch Aufsehen verursachen gerade jetzt einige Anschläge auf Harolds Imperium. Sogar auf seine Mutter wird ein Bombenattentat verübt. Während Harold und seine Frau Victoria (Helen Mirren) Charlie hinhalten, sucht Harold den Mann, der die Anschläge auf ihn verübt. Als er herausfindet, dass sein Gegner nicht irgendein anderer Gangster, sondern die IRA ist, weiß er, dass er in Lebensgefahr schwebt.
Diese IRA-Geschichte führte dann auch dazu, dass der Film nach dem Dreh erst einmal im Giftschrank verschwand. Denn ITV-Chef Lew Grade hasste den Film, den er aufgrund der Darstellung des britischen Militärs in Nordirland für unpatriotisch hielt. Er glaubte auch, dass der Film einen schlechten Einfluss auf junge Menschen haben könne. Außerdem befürchtete er Anschläge der von dem Film beleidigten IRA auf Kinos, in denen der Film gezeigt würde. Denn die Terroristen würden ja als Gangster gezeigt. Regisseur Mackenzie erfuhr später, dass ihnen „The Long Good Friday“ gefiel: „Die Jungs hatten nichts gegen den Film. Sie sahen darin nicht dumm aus und er zeigte sie als offensichtlich gute Planer.“
Für den US-Markt wurde damals eine gekürzte Version zusammengeschnitten und, weil die Produzenten befürchteten, dass die Amerikaner den Londoner Akzent von Bob Hoskins nicht verstünden, wurde Bob Hoskins einfach mal schnell synchronisiert. Das sorgte für Ärger. Regisseur Mackenzie erzählt in seinem sehr informativem Audiokommentar, dass mehrere hochkarätige Schauspieler, wie Richard Burton und Sir Alec Guiness, eine Petition unterschrieben, in der sie darauf hinwiesen, wie wichtig die Stimme für einen Schauspieler sei, und Hoskins mit einer Klage drohte. In diesem Moment ergriffen die Produzenten die Chance, den Film an die für den englischen Film der achtziger Jahre enorm wichtige Firma „Handmade Films“ zu verkaufen. Ex-Beatle und Firmenchef George Harrison kaufte den Film, für 850.000 Pfund. Dabei hatte er, so Mackenzie, 900.000 Pfund gekostet. 1980 wurde er auf dem London Film Festival gezeigt und kurz darauf startete er in den englischen Kinos. Erfolgreich.
Auch in den USA stieß er auf positive Resonanz und Barrie Keeffes Drehbuch erhielt 1983 einen Edgar. Bob Hoskins erhielt den Evening Standard British Film Award und war für den BAFTA nominiert.
Nach Deutschland kam „The Long Good Friday“ unter dem dümmlichen Titel „Rififi am Karfreitag“ (denn mit Rififi hat „The Long Good Friday“ nichts zu tun) erst am 22. Januar 1987. Davor lief, ebenfalls mit Bob Hoskins in der Hauptrolle, der märchenhaft-überhöhte Gangsterfilm „Mona Lisa“ bereits erfolgreich in den Kinos. Die Begeisterung der deutschen Kritiker für „The Long Good Friday“ hielt sich in überschaubaren Grenzen.
Das Lexikon des internationalen Films schrieb: „Nicht ganz schlüssig in der Schilderung politischer und krimineller Verstrickungen und auch auf formaler Ebene nur streckenweise überzeugend.“
Der Fischer Film Almanach verlegte den Film gleich in die 20er Jahre (was Quatsch ist) und urteilte: „Leider hat der Film mehr mit italienischen Polit-Thrillern (den schlechteren unter ihnen) als mit Richardson und Anderson zu tun. Politik ist ihm nur ein Hintergrund, der seiner Geschichte mehr Spannung verleihen soll; (…) Auf dieser Ebene ist Mackenzie freilich ein annehmbarer Film gelungen.“
Damals war die in „The Long Good Friday“ noch als leicht größenwahnsinniger Plan eines Gangster entworfene Bebauung der Docks zum Yuppie-Viertel bereits im Gang.
Einige Jahre später durfte James Bond sie in „Die Welt ist nicht genug“ (The World is not enough) als Hintergrund für eine atemberaubende Verfolgungsjagd benutzen. Bond wurde in dem 1999er-Film von Pierce Brosnan gespielt, der in „The Long Good Friday“ mit einer stummen Rolle sein Filmdebüt gab. Allerdings sind seine beiden kurzen Auftritte für den Film durchaus wichtig.
Die bekannteste und immer noch beeindruckende Szene des Films dürfte das Verhör in der Schlachterei sein. Harold hat alle Leute, die er verdächtigt, die Anschläge auf ihn verübt zu haben oder etwas darüber zu wissen, entführen gelassen und sie jetzt kopfüber an Fleischhaken aufgehängt. Die Schauspieler hingen für die Szene wirklich mehrere Stunde an den Haken.
Ebenfalls beeindruckend sind die beiden großen Ansprachen von Harold. Einmal auf der Themse vor der Tower-Bridge, einmal in einem Hotelzimmer im Savoy Hotel. Diese Mischung aus gewieftem Gangstertum, Gossenschlauheit, Thatcherismus und Größenwahn ist immer noch beängstigend und verrät viel über die damalige Inselmentalität.
Insgesamt ist „The Long Good Friday“, der in England längst als Klassiker gehandelt wird, ein packendes, noirisches Gangsterdrama, in dem John Mackenzie effizient, mit einigen Schockeffekten und mit viel schwarzem Humor seine Geschichte erzählt. Nur die damals ach so moderne, heute unhörbare Synthie-Musik von Francis Monkman, stört gewaltig.
The Long Good Friday – Rififi am Karfreitag (The Long Good Friday, GB 1979/1981)
Regie: John Mackenzie
Drehbuch: Barrie Keeffe
mit Bob Hoskins, Helen Mirren, Eddie Constantine, Pierce Brosnan (Filmdebüt)
–
DVD
Spirit Media
Bild: 16:9
Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Audiokommentar von John Mackenzie, Bio- und Filmographien von Bob Hoskins, Helen Mirren, Eddie Constantine und John Mackenzie, Bildergalerie, Originaltrailer, Feature „The Handmade Story“, Handmade-Trailergalerie,
La Mala Educación – Schlechte Erziehung (E 2004, R.: Pedro Almodóvar)
Drehbuch: Pedro Almodóvar
Nach zwanzig Jahren treffen sich zwei Klosterschüler wieder. Der eine ist jetzt ein gefeierter Regisseur. Der andere ein armer Schauspieler mit einem Drehbuch über seine Zeit im Kloster zwischen Missbrauch, Homosexualität, Lügen und Rachegedanken.
Das ist der Ausgangspunkt für einen typischen Almodóvar, der souverän zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fiktion wechselt. „Wohl das reifste Werk des spanischen Enfant terrible.“ (Margret Köhler, Blickpunkt Film 21/2004)
Mit Gael Garcia Bernal, Daniel Giménez-Cacho, Fele Martinez, Lluis Homar
Jack Nicholson läuft axtschwingend durch ein einsames Hotel – und wir können eine der besten Stephen King-Verfilmungen (auch wenn der Grandmaster mit Kubricks Version nicht zufrieden war und ihm eine Jahre später gedrehte, inzwischen vergessene TV-Fassung besser gefiel) genießen.
„Der Horrorfilm schlechthin.“ (Der Spiegel)
Mit Jack Nicholson, Shelley Duvall, Danny Lloyd, Scatman Crothers, Barry Nelson
Edgar G. Ulmer – Der Mann im Off (A/USA 2004, R.: Michael Palm)
Sehenswerte Doku über den nur noch in Cineasten-Kreisen bekannten Edgar G. Ulmer (17. 9. 1904 – 30. 9. 1972). Seine Lehrjahre verbrachte er u. a. bei F. W. Murnau, Robert Siodmak und Billy Wilder, ehe er nach Hollywood ging und, dort, nachdem er bei dem Filmmogul Carl Laemmle in Ungnade fiel, hauptsächlich Billigfilme drehte.
Sein bekanntester Film ist der Horrorfilm „Die schwarze Katze“ (The black cat, USA 1934). Im Noir-Genre drehte er „Blaubart“ (Bluebeard, USA 1944), „Umleitung“ (Detour, 1945), „Die Stimme aus dem Jenseits“ (Strange Illusion, USA 1945), „The strange woman“ (USA 1946), „Ohne Erbarmen/Skrupellos“ (Ruthless, USA 1948) und „Mord ist mein Geschäft“ (Murder is my beat, USA 1955).
Wer von Spike Lee nur seinem Thriller „Inside Man“ kennt, wird an „Buffalo Soldiers ’44 – Das Wunder von St. Anna“ verzweifeln. „Bamboolized“ (deutscher Titel „It’s showtime“) und „Summer of Sam“, taugen, wenn wir chronologisch in Lees umfangreichem Schaffen zwischen Spielfilmen, TV-Arbeiten und Dokumentarfilmen zurückgehen, eher als Modell für „Buffalo Soldiers ’44“. Aber „Bamboolized“ und „Summer of Sam“ dürfte fast niemand kennen.
Denn der Kriegsfilm „Buffalo Soldiers ’44“ ist ein typischer, sich zwischen alle Stühle setzender Spike-Lee-Film: etwas zu lang (154 Minuten!), leicht zerfahren, sich lustvoll in Nebengeschichten verlierend, immer wieder deutlich auf den amerikanischen Rassenkonflikt hinweisend und hier sogar öfters unangenehm im Religiösen badend. Aber er hat auch eine beeindruckende Liste bekannter Schauspieler, Jazzer Terence Blanchard schrieb wieder die Musik und es gibt zahlreiche gelungene Szenen in diesem 1944 in de Toskana spielendem Weltkrieg-II-Soldatendrama.
Während eines Gefechtes geraten die vier afroamerikanischen Soldaten Aubrey Stamps (Derek Luke), Bishop Cummings (Michael Ealy), Hector Negron (Laz Alonso) und Sam Train (Omar Benson Miller) hinter die feindlichen Linien. Train rettet einen italienischen Jungen, der mit einem Geist spricht, das Leben. In einem nahe gelegenem Dorf werden sie freundlich aufgenommen. Gleichzeitig kämpfen in den Wäldern die Partisanen gegen die Deutschen und gegeneinander. Die Deutschen umzingeln langsam das Dorf. Außerdem jagen sie einen Deserteur. Und die Amerikaner versuchen ihre Männer zu retten.
Doch Spike Lee ist die Dramatik der Rettungsaktion ziemlich egal. Denn die Bedrohung durch die Deutschen bleibt bis zum Ende abstrakt. Stattdessen scheint das Dorf und die in ihm lebenden Menschen sich in einer Zeitkapsel, die von dem um sie herum tobendem Krieg nichts mitbekommt, zu befinden.
Das erinnert dann teilweise an den ebenfalls in Italien spielenden Blake-Edwards-Film „What did you do in the War, Daddy?“ (Was hast du denn im Krieg gemacht, Pappi?). In dem Film inszenieren US-Soldaten und die italienischen Dorfbewohner für die außenstehenden deutschen und alliierten Soldaten eine muntere Kriegscharade, während sie es sich gut gehen lassen. Edwards beschritt eindeutig den komödiantischen Weg. Mehr Burleske, als irgendwie ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg.
Bei Spike Lee ist dagegen keine eindeutige Richtung zu erkennen. Es gibt brutale Gefechtsszenen, mehrere Massaker und kaltblütige Morde, herzige Szenen, etliche mehr oder weniger im nichts verlaufende Subplots, das Übernatürliche und das Banale und auch keine Erklärung, was für ihn das titelgebende „Wunder von St. Anna“ ist. Aber vielleicht verstand Spike Lee den Titel auch zutiefst ironisch.
Und natürlich, das dürfte aber nur die Menschen erstaunen, die „25 Stunden“ und „Inside Man“ für repräsentative Spike-Lee-Filme halten, will er auf die bislang ignorierte Rolle der Afroamerikaner in der amerikanischen Geschichte hinweisen. Denn in „Buffalo Soldiers ’44“ sind die Frontsoldaten, entgegen dem gepflegtem Hollywood-Bild, Afroamerikaner.
„A Spike Lee Joint“ steht, wieder einmal, im Abspann. Und das ist der Film auch.
Hundertprozentig.
Buffalo Solders ’44 – Das Wunder von St. Anna (Miracle at St. Anna, USA/I 2008)
Regie: Spike Lee
Drehbuch: James McBride
LV: James McBride: Miracle at St. Anna, 2003 (Das Wunder von St. Anna)
mit Derek Luke, Michael Ealy, Laz Alonso, Omar Benson Miller, Pierfrancesco Favino, Valentina Cervi, Matteo Sciabordi, John Turturro, Joseph Gordon-Levitt, John Leguizamo, D.B. Sweeney, Robert John Burke, Michael K. Williams, Alexandra Maria Lara, Jan Pohl, Walton Goggins, Christian Berkel, Waldemar Kobus, Oliver Korittke, Kai Meyer, Alexander Beyer
„Spike Lee“, herausgegeben von Gunnar Landsgesell und Andreas Ungerböck, erschien bereits 2006 in der uneingeschränkt lobenswerten „film“-Reihe von Bertz + Fischer und ist immer noch absolut lesenswert.
Invasion der Amateure – Die USA und der Wiederaufbau des Irak (USA 2007, R.: Charles Ferguson)
Drehbuch: Charles Ferguson
In seinem Regiedebüt fragt der frühere Berater der US-Regierung und diverser Hightech-Firmen Charles Ferguson, was bei der Invasion und dem Wiederaufbau im Irak schief ging. Wie der Titel schon andeutet: viel. Inkompetenz, Planungsmängel und Naivität hatten, so das wenig überraschende, aber gut untermauerte Fazit der Doku, zu der heutigen Situation im Irak geführt. Beim Sundance Filmfestival gab’s dafür 2007 den Spezialpreis der Jury; für den Oscar und den Preis der Writers Guild of America, um nur die in Deutschland bekanntesten Preise zu nennen, war „No End in Sight“ auch nominiert.
Tatort: Rendezvous mit dem Tod (D 2011, R.: Buddy Giovinazzo)
Drehbuch: Meike Hauck, Clemens M. Schönborn
Kommissarin Saalfeld ermittelt in einem Selbstmord ohne Leiche (ein akuter Fall von “zu viel Zeit”). Ihr Kollege Keppler sucht den Mörders eines in einer Badewanne ertrunkenen, gefesselten Mannes.
Zehnter Einsatz des Teams Saalfeld/Keppler, das nach einem verheißungsvollem Beginn schnell auf Ehrlicher-Niveau ankam. Aber mit Buddy Giovinazzo als Regisseur könnte es ein spannender Fall werden.
Bei pulp master ist Buddy Giovinazzos neuester Roman “Piss in den Wind” und eine Wiederveröffentlichung von “Cracktown” in Vorbereitung. Das sind wirklich gute Nachrichten für die Noir-Fans.
mit Simone Thomalla, Martin Wuttke, Franziska Walser, André Hennicke, Nadeshda Brennicke
Wiederholungen: Eins Festival, 21.45 Uhr und 00.00 Uhr
Staranwalt Vail ist im siebten Himmel: er verteidigt den jungen Messdiener, dem vorgeworfen wird, den Erzbischof von Chicago abgeschlachtet zu haben. Vail will, begleitet von kräftigem Medienrummel, die Unschuld seines Mandanten vor Gericht beweisen.
Wendungsreicher, etwas lang geratener Justiz-Thriller mit guten Leistungen der Darsteller. Vor allem Edward Norton wurde in seinem Spielfilmdebüt für etliche Preise nominiert (unter anderem ein Oscar als bester Nebendarsteller) und er erhielt auch einige, wie den Golden Globe.
Mit Richard Gere, Laura Linney, Edward Norton, Frances McDormand
„Mein letzter Film“ war ein Einpersonenstück mit Hannelore Elsner.
„Der Untergang“ war noch größeres Kino.
„Ein ganz gewöhnlicher Jude“ war ein Einpersonenstück mit Ben Becker.
„Invasion“ war als großes Hollywood-Kino mit Weltstars geplant und wurde ein Flop.
„Five Minutes of Heaven“ ist wieder ein kleiner Film. Nach dem Trailer ein Zweipersonenstück mit Liam Neeson und James Nesbitt.
Und sein nächster Film ist wieder großes Theater. Denn nach „Five Minutes of Heaven“ inszenierte Oliver Hirschbiegel die hier noch nicht gezeigte, sechsteilige TV-Serie „Borgia“. Das dürfte wieder pralles Historienkino mit großen Schauwerten sein.
Die Schauwerte in „Five Minutes of Heaven“ sind vor allem in dem Spiel der beiden Hauptdarsteller Liam Neeson und dem bei uns eher unbekanntem James Nesbitt, dessen bekanntester Auftritt immer noch der des nordirischen Politikers, Bürgerrechtlers und Demonstrationsführers Ivan Cooper in Paul Greengrass‘ semidokumentarischem Spielfilm „Bloody Sunday“ sein dürfte. In dem Film ging es um den blutigen Sonntag am 30. Januar 1972 in der nordirischen Stadt Derry. Das britische Militär schoss auf eine friedliche Demonstration. 14 Demonstranten starben. Anschließend radikalisierte sich die Situation in Nordirland.
„Five Minutes of Heaven“ beginnt im Februar 1975 in Nordirland, als ein siebzehnjähriges Mitglied der Ulster Volunteer Force (UVF) einen katholischen Handwerker erschießt. Einen Jungen, der ihn dabei beobachtet, lässt er leben. Der Zeuge ist der Bruder des Ermordeten.
Fast 35 Jahre später soll es zu einer vom Fernsehen inszenierten Begegnung zwischen dem Mörder Alistair Little (Liam Neeson) und dem damaligem Zeugen Joe Griffin (James Nesbitt) kommen. Der Sender plant eine große Versöhnungsshow. Aber Little trägt selbst schwer an seiner Tat und Griffin will vor allem seine titelgebenden „Fünf Minuten Himmel“ indem er Little tötet.
Zu dieser Begegnung kommt es aber zunächst nicht. Denn Little und Griffin erzählen in getrennten Handlungssträngen über den Mord und welche Folgen er für sie hatte.
Es geht um Schuld, Sühne und Vergebung. Dabei verweigert der Film letztendlich die offensichtlichen Antworten und demaskiert bereits in den ersten Minuten die große Versöhnungsshow im TV als banal-falsche Inszenierung. Das TV attestiert sich selbst, immerhin ist „Five Minutes of Heaven“ ein TV-Film, die Unmöglichkeit einer medialen Versöhnung. Die geht, so die Botschaft des Films, nur individuell.
Es geht natürlich auch um die Nachwirkungen des Bürgerkriegs in Nordirland und es geht auch um den Weg in den Terrorismus. Denn Little erzählt vor laufender TV-Kamera, wie er zum Mörder wurde und was getan werden kann, um andere Jugendliche von diesem Weg in den Terrorismus abzuhalten. In diesen Momenten geht es auch um den aktuellen islamistischen Terrorismus.
Gerade in diesen Monologen wirkt der Film dann wie ein Theaterstück. Das kann an seiner Herkunft liegen. „Five Minutes of Heaven“ ist eine TV-Produktion mit teilweise arg pathetischen und theaterhaften Monologen. So schütten Little und Griffin den verschiedenen TV-Leuten und Psychologen ihr Herz aus.
Aber dank der guten Besetzung und Hirschbiegels Regie entstehen immer wieder Bilder, die auch für die große Leinwand geeignet sind. Auch die ständigen Flashbacks und die Verknüpfung von Bildern und Voice-Overs verlangen einen aufmerksamen Zuschauer. In diesen Momenten zeigt sich wieder, dass in England die TV-Macher es als ihre Aufgabe ansehen, die Zuschauer auch intellektuell zu fordern und gleichzeitig auf hohem Niveau zu unterhalten. Denn „Five Minutes of Heaven“ weigert sich konsequent, einfache Antworten zu geben. Stattdessen wird man zum Denken aufgefordert.
Die DVD
Das Bonusmaterial ist mit den interessanten Interviews (in denen wir auch einiges über die wahren Hintergründe des Films und Alistair Little und Joe Griffin erfahren) und dem Making-of, das eigentlich eine B-Roll ist, sehr überschaubar. Da hätte man für den deutschen Markt schon noch einige Informationen über den Nordirlandkonflikt dazupacken können.
Five Minutes of Heaven (Five Minutes of Heaven, GB 2009)
Regie: Oliver Hirschbiegel
Drehbuch: Guy Hibbert
mit Liam Neeson, James Nesbitt, Barry McEvoy, Anamaria Marinca
–
DVD
Koch-Media
Bild: 1,85:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1, DTS 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Interviews mit Liam Neeson, James Nesbitt, Oliver Hirschbiegel, Guy Hibbert und Eoin O’Callaghan (Produzent), Trailer (deutsch, englisch)
Im Schatten der Blutrache (D 2007, R.: Jana Matthes, Andrea Schramm)
Drehbuch: Jana Matthes, Andrea Schramm
Spielfilmlange Doku über eine Blutrache in Deutschland unter zwei kurdischen Familien. Alles beginnt damit, dass die mehrfache Mutter Gülnaz ihren gewalttätigen Ehemann nach 22 Ehejahren verlässt. Sie will die Scheidung. Er will seine Ehre wiederherstellen.
„Im Schatten der Blutrache“ gibt „bedrückende Einblicke in Lebensrealitäten mitten in Deutschland (…) Über zwei Jahre haben die Autorinnen die Familie von Gülnaz in langen Einstellungen mit der Kamera begleitet und die Blutfehde unter zwei kurdischen Familien protokolliert. Entstanden ist das Porträt einer Welt, die archaische Werte reproduziert und Abweichungen gnadenlos bestraft.“ (Rainer Braun: Tödliches Ehrgefühl in Berliner Zeitung, 17. Juni 2007)
„Auf beklemmende Weise schildert er das Aufeinanderprallen zweier Kulturen.“ (Lexikon des internationalen Films)
A. C. Stephen (Deutschland/Bulgarien 2010, R.: Jordan Todorov)
Einstündige Doku über den Regisseur A. C. Stephen, der in den 60er Jahren in den USA als König der Schmuddelfilmer galt. Sein bekanntester Film ist „Orgy of the Dead“, für das ein gewisser Ed Wood das Drehbuch schrieb.
Jordan Todorov lässt Zeitzeugen von A. C. Stephen zu Wort kommen. Unter anderen berichten seine Kinder, seine Witwe, Schauspieler aus seinen Filmen und Weggefährten aus Hollywoods B-Movie-Milieu. Ihre Erzählungen lassen zusammen mit Sequenzen aus A. C. Stephens schauerlich-schönem Gesamtwerk das unterhaltsame und erhellende Bild einer ungemein schrägen Epoche der filmischen Popkultur entstehen, deren Einflüsse bis ins heutige populäre Kino nachwirken. Regisseure wie Paul Verhoeven („Showgirls“), Robert Rodríguez („Planet Terror“) und Quentin Tarantino („Death Proof“) haben ihre Liebe zum Trash öffentlich erklärt und filmisch umgesetzt, so dass zahlreiche Elemente, die ursprünglich dem Sexploitation-Genre eigen waren, heutzutage als selbstverständliche Stilmittel angesehen werden.(Arte)
Sophie Scholl – Die letzten Tage (D 2005, R.: Marc Rothemund)
Drehbuch: Fred Breinersdorfer
Das sei Schulfernsehen, sagte Breinersdorfer, als Rothemund ihm vorschlug die letzten Tage der Geschwister Scholl zu verfilmen. Dann vertiefte er sich in die Protokolle der Verhöre und schrieb das Drehbuch zu einem von Kritikern, Kollegen und Publikum hochgelobten Film. Über eine Million sahen „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ in den deutschen Kinos.
Mit Julia Jentsch, Alexander Held, Fabian Hinrichs, Jörg Hube
Kaufen für die Müllhalde – Die moderne Wegwerfgesellschaft (F 2010, R.: Cosima Dannoritzer)
75-minütige Diskussion mit anschließender 30-minütiger Diskussion (pompös „Themenabend: Die Wegwerfer“ genannt) über die moderne Wegwerfgesellschaft, in der die Industrie Produkte herstellt, bei denen die Reparatur oder Ersatzteile teurer als ein gleichwertiger Neukauf sind. Das ist zwar unökologisch, kurbelt aber das Wirtschaftswachstum an.
Drehbuch: Guillermo del Toro (nach einer Geschichte von Guillermo del Toro und Peter Briggs
LV: Mike Mignola: Hellboy
Hellboy, ein zum Guten erzogener Dämon, verkloppt im Auftrag einer geheimen FBI-Einheit Dämonen. Jetzt kämpft er gegen den untoten Mönch Rasputin und den SS-Mann Kroenen, die ihr vor sechzig Jahren unterbrochenes Werk vollenden wollen.
Guillermo del Toro könnte ein Bruder von Robert Rodriguez sein. Auch seine Filme sehen teurer aus als sie sind und auch er liebt die Popkultur.
„Hellboy“ ist eine der wenigen gelungenen Comicverfilmungen. Kein Wunder. Schließlich hat hier ein Fan einen Film für andere Fans (alle mit einem kindischen Gemüt) gemacht.
Mit Ron Perlman, John Hurt, Selma Blair, Rupert Evans
Drehbuch: Marco Ferreri, Rafael Azcona, Francis Blanche (Dialoge)
Vier in der Midlife-Crisis steckende, zum Bürgertum gehörende Männer treffen sich in einer Villa. Sie wollen dort ihren Trieben, nämlich Sex und Essen, bis zum Tod nachgehen.
3sat meint „eine groteske schwarze Komödie“. Im „Großen Filmlexikon“ von TV Spielfilm steht „zügellose schwarze Satire“. Nur das „Lexikon des internationalen Films“ ist nicht amüsiert: „Die Allegorie auf eine nur am Konsum orientierten Gesellschaft geht in der vordergründigen Inszenierung unter.“
Mit Philippe Noiret, Marcello Mastroianni, Ugo Tognazzi, Michel Piccoli, Andrea Ferréol