TV-Tipp für den 7. Juli: Wahre Lügen

Juli 7, 2010

Tele 5, 22.35

Wahre Lügen (Can/GB 2005, R.: Atom Egoyan)

Drehbuch: Atom Egoyan

LV: Rupert Holmes: Where the Truth lies, 2003

1972 will eine junge, ehrgeizige Journalistin herausfinden, was 1957 in einem Hotelzimmer geschah. Damals wurde die Leiche einer Studentin in der Suite der erfolgreichen Entertainer Lanny Morris und Vince Collins gefunden. Die Todesursache wurde nie geklärt, aber die Freundschaft der beiden Entertainer zerbrach.

Eleganter Neo-Noir von Kritikerliebling Atom Egoyan.

Die retrospektiv erzählte Mischung aus Film noir und 1950er-Jahre-Melodram ist als faszinierendes Spiel mit Chiffren und Symbolen konzipiert, das, inszenatorisch perfekt, auf höchst vergnügliche Weise den Widerspruch zwischen Schein und Sein demonstriert.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Kevin Bacon, Colin Firth, Alison Lohman, Rachel Blancard

Wiederholung: Donnerstag, 8. Juli, 02.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Wahre Lügen“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Wahre Lügen“

Homepage von Atom Egoyan

Deutsche Atom-Egoyan-Fanseite


TV-Tipp für den 6. Juli: Dick Tracy

Juli 6, 2010

SRTL, 22.10

Dick Tracy (USA 1990, R.: Warren Beatty)

Drehbuch: Jim Cash, Jack Epps Jr.

LV: Comicfigur von Chester Gould

Buch zum Film: Max Allan Collins: Dick Tracy, 1990 (Dick Tracy)

Polizist Dick Tracy (edler als Prinz Eisenherz) jagt die bösen Buben.

Aus heutiger Sicht kann “Dick Tracy” als der unschuldige Vorläufer für Filme wie “Sin City”. Denn Beatty übertrug das Artwork der Dick-Tracy-Comics nahezu bruchlos auf die Leinwand. Das fasziniert einerseits wegen der gewollten Künstlichkeit und langweilt genau deshalb; auch weil die Story Quatsch ist.

‚Dick Tracy‘ ist sicherlich eine der kongenialsten Comic-Verfilmungen der Filmgeschichte, besitzt die richtige Mischung aus Naivität und den Glauben daran.” (Fischer Film Almanach 1991)

Mit Warren Beatty, Glenne Headly, Madonna, Al Pacino, Dustin Hoffman, Seymour Cassell, Paul Sorvino, Dick Van Dyke, Charles Durning, R. G. Armstrong, Henry Silva, James Caan, Kathy Bates, Colm Meaney, Michael J. Pollard

Hinweise

Wikipedia über „Dick Tracy“ (deutsch, englisch)

Dick Tracy Museum

Slate: Keith Phipps über „Dick Tracy“ (21. Juni 2010)


TV-Tipp für den 5. Juli: Die großen Kriminalfälle

Juli 5, 2010

ARD, 21.00

Die großen Kriminalfälle: Rudolph Moshammer – der einsame Tod des Modemacher (D 2010, R.: Danuta Harrich-Zandberg, Walter Harrich)

Drehbuch: Danuta Harrich-Zandberg, Walter Harrich

Auftakt zu vier neuen Folgen der Dokureihe „Die großen Kriminalfälle“. Los geht’s mit dem Mord an dem exzentrischen Modemacher.

Wiederholung: ARD, Dienstag, 6. Juli, 03.45 Uhr (Taggenau! – Wahrscheinlich auch in der Mediathek)


TV-Tipp für den 4. Juli: The Blues Brothers

Juli 4, 2010

Arte, 20.15

The Blues Brothers (USA 1980, R.: John Landis)

Drehbuch: Dan Aykroyd, John Landis

Als die beiden Waisenkinder Jake und Elwood Blues erfahren, dass das katholische Waisenhaus, in dem sie aufwuchsen, wegen nicht gezahlter Grundsteuer verkauft werden soll, beschließen sie, das Geld zu beschaffen. Dafür müssen sie ihre alte Blues-Band wieder vereinigen. Doch nicht alle wollen sofort mitmachen, eine geheimnisvolle Frau will sie umbringen und die Polizei verfolgt sie.

Immer wieder gern gesehene Mischung aus Bluesfilm, Konzertfilm, Komödie und Action-Film. Die Blues-Brothers-Band gab es wirklich und nach dem Film verzichtete keine Blues-Band auf schwarze Anzüge, Hüte und Sonnenbrillen.

mit John Belushi, Dan Aykroyd, James Brown, Cab Calloway, Ray Charles, Aretha Franklin, Steve Cropper, Donald Dunn, Murphy Dunne, Willie Hall, Tom Malone, Lou Marini, Matt Murphy, Alan Rubin, Carrie Fisher, Henry Gibson, John Candy, Kathleen Freeman, Twiggy, Frank Oz, Charles Napier, Chaka Khan, John Landis, John Lee Hooker, Walter Horton, Pinetop Perkins, Steven Spielberg, Mr. T (Debüt als Mann an der Straße) und noch viele weitere Musiker

Wiederholung: Freitag, 9. Juli, 14.45 Uhr

Hinweise

Wikipedia über „The Blues Brothers“ (deutsch, englisch)

Blues Brothers Central (umfangreiche Fanseite)



Neue TV-Krimi-Buch-Tipps online

Juli 3, 2010

Trotz Fußball und Hitze hat Alligator-Alfred (naja, Hitze sind Alligatoren ja gewohnt) meine neuen TV-Krimi-Buch-Tipps liebevoll bebildert. Für das Programm kann er ja nichts:

Wer nicht zu den Mankell- und Barnaby-Fans gehört, muss sich, trotz Sherlock Holmes und „Nachtschicht“ auf Graubrot einstellen, die Francis-Durbridge-Verfilmung „Tim Frazer“ (Wow, das fanden unsere Eltern spannend?) gucken oder sich diesen Perlen zuwenden: so läuft nach langem wieder Warren Beattys Chester-Gould-Verfilmung „Dick Tracy“, Atom Egoyans Rupert-Holmes-Verfilmung „Wahre Lügen“ und seine William Trevor-Verfilmung „Felicia, mein Engel“, Claude Pinoteaus Francis-Ryck-Verfilmung „Ich – Die Nummer eins“, Alfred Hitchcocks Victor-Canning-Verfilmung „Familiengrab“, Jean-Pierre Melvilles Pierre-Lesou-Verfilmung „Der Teufel mit der weißen Weste“ und als TV-Premiere, Eric Barbiers Ted-Lewis-Verfilmung „Die Schlange“.


TV-Tipp für den 3. Juli: Reservoir Dogs

Juli 3, 2010

Eins Festival, 23.15

Reservoir Dogs (USA 1992, R.: Quentin Tarantino)

Drehbuch: Quentin Tarantino

Buch zum Film (Drehbuch): Quentin Tarantino: Reservoir Dogs – Das Buch zum Film/Zweisprachige Ausgabe (rororo 1997)

Einige Gangster überfallen einen Juwelier. Der Überfall geht schief. Sie flüchten in eine Garage. Mr. Orange (sie kennen sich nur unter Farb-Pseudonymen) liegt schwerverletzt auf dem Boden und kämpft um sein Leben. Die anderen Gangster versuchen währenddessen die 100.000-Dollar-Frage „Wer hat uns verraten?“ zu klären.

Der Einfluss von Quentin Tarantinos Kinodebüt auf das Kino der Neunziger Jahre kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ich sage nur nicht-chronologisches Erzählen (Bis dahin galt die eiserne Regel: Keine Rückblenden!), lustvoll zelebrierte Gewalt, coole Dialoge und oft ebenso coole Monologe.

Wirklich erstaunlich bei dem Klassiker ist nur, dass er erst 2009 seine TV-Premiere hatte. Wer also in den vergangenen Jahren wirklich jede Kinoaufführung verpasste, keine der zahlreichen DVD-Ausgaben kaufte und die Erstausstrahlung versäumte, kann jetzt das Werk sehen.

Mit Harvey Keitel, Tim Roth, Michael Madsen, Chris Penn, Steve Buscemi, Lawrence Tierney, Edward Bunker, Quentin Tarantino

Wiederholung: Sonntag, 4. Juli, 02.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

The Quentin Tarantino Archives

Deutsche Quentin-Tarantino-Fanseite

Wikipedia über „Reservoir Dogs“

Drehbuch „Reservoir Dogs“ von Quentin Tarantino

Quentin Tarantino in der Kriminalakte


DVD-Kritik: Was ist „Der Preis des Verbrechens“?

Juli 2, 2010

Kurz gesagt ist „Trial & Retribution“ (so der Originaltitel von „Der Preis des Verbrechens“) die britische Ausgabe von „Law & Order“. Aber während die Amis in vierzig Minuten die ganze Geschichte eines Verbrechens von der Tat bis zur Verurteilung des Tatverdächtigen erzählen, brauchen die Briten dafür zweihundert Minuten.

Diese füllen sie allerdings sehr gut. In den ersten beiden Folgen „Tod eines Mädchens“ und „Herr der Fliegen“ stehen dabei, wie auch in den folgenden zwanzig Folgen der langlebigen Serie, die langwierigen Ermittlungen der Polizei und die alltäglichen Abläufe eines Strafprozesses im Mittelpunkt. Dank gut geschriebener Fälle und einem Blick für Details ist diese Beobachtung des Alltags von Polizei und Justiz in keiner Sekunde langweilig.

Es werden die Ermittlungen der Polizei, die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Abteilungen, die Formalien bei Verhören (So legt D. S. Walker zwei Cassetten in den Rekorder ein, er sagt Datum, Uhrzeit, wer dabei ist und jeder Anwesende muss seinen Namen sagen. Der Verdächtige muss auch sein Geburtsdatum und seine Anschrift nennen.), die Überzeugungsarbeit bei Anklägern und später vor Gericht ausführlich gezeigt. Außerdem werden in der zweiten Hälfte jeder Folge, wenn das Gerichtsverfahren im Mittelpunkt der Handlung steht, auch die Besprechungen der Verteidiger dokumentiert.

Dieser quasi-dokumentarische Blick auf die Details der Arbeit von Polizisten, Anklägern und Verteidigern und die vom Verbrechen und den Ermittlungen Betroffenen, verknüpft mit einer, aus Sicht des an hunderttausend Plotwendungen gewohnten Thrillerkonsumenten, alltäglichen Geschichte, entfaltet einen ganz eigenen Sog.

In der ersten Folge „Tod eines Mädchens“ (wobei der deutsche Titel schon verrät, was die Kommissare und das britische Publikum erst nach einer halben Stunde erfahren) verschwindet ein fünfjähriges Mädchen. Nach einer langen Suche wird die Leiche entdeckt und, nachdem die Alibis des langhaarigen, arbeitslosen Stiefvaters Peter und des ebenfalls langhaarigen, psychisch schwer angeknacksten Michael Dunn überprüft wurden, sind die Ermittler Walker und North von Dunns Schuld überzeugt. Aber die Beweislage ist dünn und während des Prozesses stellt sich ihr Hauptbeweis als gefälscht heraus.

In der zweiten Folge „Herr der Fliegen“ steht dann ein vollkommen anderer Täter im Mittelpunkt. Denn die beiden Polizisten Walker und North glauben, dass der Geschäftsmann Damon Morton ein mehrfacher Frauenmörder ist. Aber seine jugendlichen Angestellten, die ihren Chef maßlos bewundern, gestehen die Tat.

Im Zentrum von „Der Preis des Verbrechens“ steht dabei weniger die Frage nach dem Täter, sondern nach den Auswirkungen des Verbrechens auf die Betroffenen und ihre Beziehungen zueinander. Fokussiert werden die unterschiedlichen Handlungsstränge immer wieder durch das Strafverfahren und die die Gerichtsverhandlung abschließende Verurteilung.

Erfinderin und Produzentin Lynda La Plante, von der auch die preisgekrönte Serie „Heißer Verdacht“ (Prime Suspect, mit Helen Mirren) ist, lässt sich in jeder „Der Preis des Verbrechens“-Folge jeweils zweihundert Minuten Zeit, um einen Fall aufzudröseln. In der gleichen Zeit könnte man zwei „Tatorte“ ansehen. Aber trotzdem vergeht in „Der Preis des Verbrechens“ die gefühlte Zeit schneller.

Der Preis des Verbrechens – Volume 1 (Trial & Retribution, GB 1997/1998)

Erfinder: Lynda La Plante

DVD

Edel Germany

Bild: 4:3

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 404 Minuten (4 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die ersten beiden Fälle

Der Preis des Verbrechens: Tod eines Mädchens (Trial & Retribution, GB 1997)

Regie: Aisling Walsh

Drehbuch: Vaughan Kinghan (nach einer Idee von Lynda La Plante)

mit David Hayman (D. S. Michael Walker), Kate Buffery (D. I. Pat North), Rhys Ifans (Michael Dunn), Helen McCrory (Anita Harris), Lee Ross (Peter James)

Der Preis des Verbrechens: Herr der Fliegen (Trial & Retribution II, GB 1998)

Regie: Aisling Walsh

Drehbuch: Vaughan Kingham (nach einer Idee von Lynda La Plante)

mit David Hayman (D. S. Michael Walker), Kate Buffery (D. I. Pat North), Iain Glen (Damon Morton), Lindy Henry (Marilyn Spark), Andrew Buckley (Jimmy Garrett)

Hinweise

Homepage von Lynda La Plante

Wikipedia über „Trial & Retribution“

Fernsehserien über „Der Preis des Verbrechens“

ITV über „Trial & Retribution“



TV-Tipp für den 2. Juli: Die barfüßige Gräfin

Juli 2, 2010

WDR, 23.15

Die barfüßige Gräfin (USA 1954, R.: Joseph L. Mankiewicz)

Drehbuch: Joseph L. Mankiewicz

Anhand des in einer langen Rückblende erzählten rasanten Aufstiegs einer spanischen Nachtclubtänzerin zu einem Hollywoodstar, die ihr Privatleben nicht in den Griff bekommt, rechnet Mankiewicz mit der Traumfabrik ab – und mystifiziert sie gleich wieder.

Eine Seifenoper mit internationalem Rahmen.“ (Time Magazine)

Mankiewicz’ Dialoge funkeln wie kostbarer Burgunder.“ (Hollywood Reporter)

Sein Drehbuch war für einen Oscar und den Preis der Writers Guild of America nominiert.

mit Humphrey Bogart, Ava Gardner, Edmond O’Brien, Marius Goring

Hinweise

Wikipedia über Joseph L. Mankiewicz (deutsch, englisch)

Senses of Cinema über Joseph L. Mankiewicz


TV-Tipp für den 1. Juli: Polizeiruf 110: Mit anderen Augen

Juli 1, 2010

WDR, 20.15

Polizeiruf 110: Mit anderen Augen (D 2006, R.: Buddy Giovinazzo)

Drehbuch: Christian Limmer

Ein Serienkiller geht in München um. Ein Profiler aus den Vereinigten Staaten soll den Kommissaren Tauber und Obermaier helfen.

Mit anderen Augen“ ist eine ziemlich durchgeknallte Thriller-Groteske. Die bayerischen Polizeirufe gehören zu den besten deutschen TV-Krimis.

Mit Edgar Selge, Michaela May, Udo Kier, Tayfun Bademsoy

Hinweise

Wikipedia über Buddy Giovinazzo (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Buddy Giovinazzo


DVD-Kritik: Die „Tropa de Elite“ schlägt zu

Juni 30, 2010

In Brasilien war „Tropa de Elite“ wie „City of God“ ein Kassenhit. Wie „City of God“ erzählt „Tropa de Elite“ ungeschönt aus dem Leben der Slums. Aber während in „City of God“ die Geschichte aus der Perspektive eines Jugendlichen, der nach einigen Wirren zum Fotoreporter wird, erzählt, nimmt „Tropa de Elite“ die entgegengesetzte Perspektive ein. Denn die „Tropa de Elite“ ist eine quasi-militärische Spezialeinheit der Polizei, die bei ihrem Kampf gegen die Verbrecher keine Gefangenen macht. Dabei schrecken sie auch nicht, wie der Film in quälender Ausführlichkeit zeigt, vor Folter von Kindern zurück.

Tropa de Elite“ ist, im Gegensatz zu dem Ghetto-Drama „City of God“, ein rasant geschnittener Cop-Film, der keine Gefangenen macht. Er ist bitter, böse, kompromisslos und verdammt unterhaltsam. Denn Regisseur José Padilha bedient sich der Formensprache des Hollywood-Action-Kinos und von Musik-Clips.

Außerdem distanziert er sich niemals von seinen Polizisten. Er nimmt sogar ausdrücklich die Perspektive der Polizisten ein. Denn er erzählt die Geschichte, oft mit Voice-Over, aus der Perspektive von Captain Nascimento (gespielt von dem brasilianischen Star Wagner Moura), der als Chef einer Einheit der Batalhão de Operações Policiais Especiais (BOPE) seinen Nachfolger sucht. Seine Frau ist schwanger und der Dreißigjährige möchte für sein Kind ein guter Vater sein. Dafür ist allerdings der Einsatz an vorderster Front zu gefährlich. Als mögliche Nachfolger hat er zwei junge Polizisten im Blick: einer ist ein Hitzkopf, einer ist ein Denker, der nebenher Jura studiert und den Blick vor den Drogengeschäften der Studenten verschließt.

Außerdem muss Nascimentos Einheit – der Film spielt 1997 – vor dem Papstbesuch eine Favela verbrecherfrei machen. Denn wenn der Papst an einem bestimmten Ort übernachten will, wird vorher die Umgebung von Verbrechern gesäubert. Dass die eh schon gefährliche Arbeit der BOPE-Polizisten so noch schwieriger wird, interessiert die Regierung nicht.

Dieser Einsatz, bei dem die BOPE über dreißig Drogenhändler tötete, beruht, wie der gesamte Film, auf Tatsachen, die teilweise für den Film abgemildert wurden. So starben bei der BOPE-Ausbildung, die sich an der britischen SAS-Ausbildung orientiert, Bewerber und BOPE-Polizisten ermordeten BOPE-Kollegen, die im Verdacht standen, korrupt zu sein. Denn die BOPE ist, so wird den Bewerbern während der Ausbildung immer wieder eingetrichtert, im Gegensatz zur normalen Polizei, nicht korrupt.

Schonungslos zeigen Regisseur José Padilha (der mit der Dokumentation „Bus 174“ schon die andere Seite beschrieb) und die Autoren Bráulio Mantovani (auch „City of God“), Rodrigo Pimentel (der BOPE-Captain war) und John Kaylin den Kreislauf der Gewalt. Denn einerseits braucht man diese emotionslosen Spezialisten, die wie eine Spezialeinheit des Militärs aufräumen und so die ersten Pfähle von Rechsstaatlichkeit in einer von Gangstern und korrupten Polizisten beherrschten Gesellschaft einzurammen. Andererseits fachen sie mit ihren Handlungen den Kreislauf der Gewalt weiter an. Im Interview sagt Padilha, dass die BOPE zeige, wie krank die brasilianische Gesellschaft sei.

In Brasilien war der Film schon vor der Kinopremiere ein Hit. Zwischen elf und fünfzehn Millionen Brasilianer sahen die von einer während der Produktion geleakten Version gezogenen Raubkopien. Ins Kino gingen dann wieder über 2,5 Millionen Brasilianer und der Film wurde auch ein Kassenhit, der die Jugendkultur beeinflusste. Außerdem initiierte „Tropa de Elite“ eine Diskussion über das Agieren der BOPE.

Bei uns lief der Film auf der Berlinale und erhielt den Goldenen Bären.

Im Kino lief er dann, sicher auch weil er nur in einer untertitelten Version (mit einem Voice-Over des Erzählers Nascimento) und mit sehr wenigen Kopien lief, unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Auf DVD sollte der Film, der sich weit außerhalb der beruhigenden Konventionen des linksliberalen politischen Kinos bewegt, einige interessierte Zuschauer finden, die damit Leben können, dass das Ende nachhaltig verstört.

Denn die Macher bieten keine Lösung an, sondern werfen den Zuschauern einfach das mit BOPE geschaffene Problem vor die Füße. Insofern ist, weil nach „Tropa de Elite“ niemand mehr sagen kann, er habe nichts gewusst, das nihilistische Ende eine Aufforderung zum Handeln. Wobei für uns Europäer der Film nicht die Dringlichkeit hat, die er für sein Publikum in Brasilien hat.

Das Bonusmaterial besteht aus dem Trailer, einem fünfminütigen TV-Beitrag des Kulturmagazins „ttt – titel thesen temperamente“ und einem halbstündigem, sehr informativem Interview mit José Padilha. Er erzählt von den Vorbereitungen, den Dreharbeiten, den Reaktionen und dem Verhältnis von seinem Film zur Wirklichkeit. Padilha wollte ursprünglich einen Dokumentarfilm drehen, aber die Polizisten wollten nicht vor der Kamera sprechen und sich bei ihrer Arbeit filmen lassen. Einiges, wie die Ausbildung der BOPE, ist in der Wirklichkeit sogar noch schlimmer. Das Bonusmaterial ist daher die konzentrierte Ergänzung zu einem grandiosen, Diskussionen auslösendem Film.

In Brasilien startet Mitte August die Fortsetzung des Cop-Thrillers. José Padilha schrieb und inszenierte „Tropa de Elite 2“. Wagner Moura spielt wieder mit. Selbstverständlich gibt es noch keinen deutschen Starttermin.

P. S.: Der Trailer ist Scheiße.

Tropa de Elite (Tropa de Elite, Brasilien/USA 2007)

Regie: José Padilha

Drehbuch: Bráulio Mantovani, José Padilha, Rodrigo Pimentel, John Kaylin (Adaption)

LV: André Batista/Rodrigo Pimentel/Luiz Eduardo Soares: Elite da Tropa

mit Wagner Moura, André Ramiro, Caio Junqueira, Milhem Cortaz, Fernanda Machado, Maria Ribeiro, Paulo Vilela

DVD

Senator-Film

Bild: 1,85:1 (anamorph / 16:9)

Ton: Deutsch, Portugiesisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interview mit José Badilha, „ttt – titel, thesen, temperamente“-Beitrag, Trailer

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Brasilianische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Tropa de Elite“

Wikipedia über „Tropa de Elite“ (deutsch, englisch)

Berlinale: Pressekonferenz zu „Tropa de Elite“


TV-Tipp für den 30. Juni: Parole Chicago

Juni 30, 2010

Eins Festival, 21.20

Parole Chicago: Die Sache mit dem Ohrring/Ein todsicherer Trick (D 1980, R.: Reinhard Schwabenitzky)

Drehbuch: Heiner Schmidt

LV: Henry Slesar: Ruby Martinson (Ruby Martinson – 14 Geschichten um die größten erfolglosen Verbrecher der Welt erzählt von einem Freunde)

Mal wieder ein Griff in das Senderarchiv. „Parole Chicago“ ist eine dreizehnteilige Gaunerserie, die wahrscheinlich eher „komisch gemeint“ als „komisch“ ist und an die ich mich absolut nicht erinnern kann.

In der im Berlin der zwanziger Jahre spielenden Serie versuchen die beiden blöden Kleinkriminellen Harry und Ede mit genialen Raubzügen ihr Geld zu verdienen und fallen dabei regelmäßig auf die Schnauze.

Macher Reinhard Schwabenitzky inszenierte auch einige Didi-Filmen (keine Empfehlung) und die beiden Münchner „Tatorten“ „Die Macht des Schicksals“ und „Gegenspieler“ (Empfehlung, weil Ulf Miehe die Bücher schrieb).

Parole Chicago“ war einer der ersten Filmauftritte von Christoph Waltz.

Mit Gottfried Vollmer, Christoph Waltz, Monika John, Susanne Herlet, Joachim Wichmann

Wiederholungen

Samstag, 3. Juli, 17.55 Uhr (beide Folgen)

Sonntag, 4. Juli, 14.15 Uhr (beide Folgen)

Hinweise

Eins Festival über „Parole Chicago“ (wenig Text, aber acht Bilder)

Fernsehserien über „Parole Chicago“

Wikipedia über „Parole Chicago“


TV-Tipp für den 29. Juni: Wenn der Postmann zweimal klingelt

Juni 29, 2010

ARD, 00.35

Wenn der Postmann zweimal klingelt (USA 1981, R.: Bob Rafelson)

Drehbuch: David Mamet

LV: James M. Cain: The postman always rings twice, 1934 (Wenn der Postmann zweimal klingelt, Die Rechnung ohne den Wirt)

Frank Chambers verliebt sich in Cora, die gelangweilte Frau des Tankstellenbesitzers Nick. Gemeinsam planen sie seinen Tod.

Düsteres Drama mit Jack Nicholson und Jessica Lange. – Das schmale Buch von Cain wurde fünfmal verfilmt und mindestens drei Verfilmungen sind Klassiker: „Ossione“ (I 1942, R.: Lucino Visconti), „Die Rechnung ohne den Wirt“ (USA 1946, R.: Tay Garnett) und „Wenn der Postmann zweimal klingelt“.

Hinweis

Wikipedia über James M. Cain (deutsch, englisch)

Kirjasto über James M. Cain

Krimi-Couch über James M. Cain

Mordlust über James M. Cain

Meine Besprechung von David Mamets “Bambi vs. Godzilla – Über Wesen, Zweck und Praxis des Filmbusiness” (Bambi vs. Godzilla – On the Nature, Purpose, and Practice of the Movie Business, 2007)

David Mamet in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 28. Juni: Die Brücken am Fluß

Juni 27, 2010

SRTL, 22.10

Die Brücken am Fluß (USA 1995, R.: Clint Eastwood)

Drehbuch: Richard LaGravenese

LV: Robert James Waller: The Bridges of Madison County, 1992 (Die Brücken am Fluß)

Francesca stellt sich auf ihrer abgelegenen Farm auf vier ruhige Tage ohne ihren Mann und die Kinder ein. Da taucht ein Fotograf auf, der sie nach dem Weg zu den titelgebenden Brücken fragt. Sie zeigt ihm den Weg und verliebt sich in den geheimnisvollen Fremden.

Die Vorlage soll furchtbar kitschig sein. Der Film ist es nicht.

Ein meisterhafter Film der Gefühle ohne Duselei, mit Geist, Charme und Lebenserfahrung.“ (Fischer Film Almanach 1996)

mit Clint Eastwood, Meryl Streep, Annie Carley, Victor Slezak

Hinweise

Wikipedia über „Die Brücken am Fluß“ (deutsch, englisch)

Kriminalakte über Clint Eastwood


DVD-Kritik: Ein „Sturm“ wird kommen

Juni 26, 2010

Hans-Christian Schmid fand für seinen neuesten Film „Sturm“ einen ebenso einfachen wie genialen Dreh. Anstatt einfach nur eine weitere Geschichte tränenreiche Geschichte vom Unrecht im ehemaligen Jugoslawien und den Leiden der Opfer zu erzählen (freie Auswahl) oder das Ganze aus der Sicht eines Journalisten (wie zum Beispiel Richard Gere in Richard Shepards „The Hunting Party“) zu zeigen, stellte er eine Anklägerin und die Arbeit des Tribunals in Den Haag in den Mittelpunkt. Damit folgt er zwar oberflächlich den Konventionen eines Gerichtsthrillers, aber weil die Geschichte in einem internationalen Gerichtshof, der noch seine Rolle finden muss, der sich auf juristisches Neuland begibt und dessen Arbeit zwischen Über- und Unterforderung schwankt, liefert „Sturm“ auch den Einblick in eine fremde Welt. Denn dieser Gerichtshof soll Kriegsverbrecher verurteilen, den Opfern Recht geben, die Instanz für fehlende nationale Gerichte sein und gleichzeitig mögliche außenpolitische Verwicklungen beachten.

Gerade die Politik ist Hannah Maynard als Anklägerin egal. Sie übernimmt einen wasserdichten Fall. Sie haben einen Augenzeugen, der vor Gericht aussagen will, wie der serbische Offizier Goran Duric Bosnier umbrachte. Im Zeugenstand zerfetzt die Verteidigung seine Aussage – und, wenn Maynard nicht schnell einen glaubwürdigen Zeugen auftreibt, wird der Kriegsverbrecher freikommen. Damit könnte Maynard leben, wenn ihr Zeuge sich nicht noch in der Nacht nach der Ortsbesichtigung umbringen würde.

Sie besucht die beiden Schwestern des Zeugen, die nicht vor Gericht aussagen wollen. Eine Spur führt Maynard in ein Kurhotel in der Nähe von Kasmaj. Dort wurden im Krieg zahllose Frauen vergewaltigt. Auch die inzwischen in Deutschland lebende Schwester des Kronzeugen war dabei. Maynard kann Mira Arendt zu einer Aussage zu bewegen. Zur gleichen Zeit mahlen die Räder der Justiz und im Hintergrund wir an einem Deal gearbeitet.

Hans-Christian Schmid, der zusammen mit Bernd Lange (der auch das Drehbuch für Schmids vorherigen Film „Requiem“ schrieb), das Drehbuch schrieb, bedient natürlich die Genreerwartungen und wirft einen quasi-dokumentarischen Blick auf die Arbeit einer Institution und wie sie die Menschen formt.

Gleichzeitig wird „Sturm“ immer wichtiger, je länger die Ereignisse zurückliegen. Heute sind die Nachrichtenbilder aus dem ehemaligen Jugoslawien noch sehr gegenwärtig.

In einigen Jahren werden die Nachrichtenbilder vergessen sein. Dann wird „Sturm“ die Erinnerung wach halten. Denn die Jüngeren werden sich lieber einen Spielfilm über diesen Krieg in der Mitte von Europa als eine Dokumentation ansehen. Außerdem ist „Sturm“ eine kritische Liebeserklärung an den Internationalen Gerichtshof, der es gelingt, die Arbeit in einer internationalen Institution mit Leben zu erfüllen.

Das Making-of ist, angesichts des Themas und der Ernsthaftigkeit der Macher, erschreckend dünn. Es unterscheidet sich nämlich kaum von einem typischen Hollywood-Making-of für irgendeinen x-beliebigen Film. In dem Booklet sind lesenswerte Interviews mit den Machern und einige Informationen zum International Tribunal for the former Yugoslavia (ICTY, wie der Gerichtshof offiziell heißt). Trotzdem ist unverständlich, warum im Making-of Informationen zu Bosnien, zum Kriegsverbrecherprozess und zur Arbeit eines Internationalen Gerichtshofs fehlen. Denn während der Dreharbeiten war sicher die Gelegenheit, auch mit einigen Richtern, Anklägern, Verteidigern, Polizisten und Menschenrechtsaktivisten zu reden. Ebenso hätte man die Berlinale-Pressekonferenz in das Bonusmaterial aufnehmen können.

Sturm (Deutschland/Dänemark/Niederland 2009)

Regie: Hans-Christian Schmid

Buch: Bernd Lange, Hans-Christian Schmid

mit Kerrry Fox, Anamaria Marinca, Stephen Dillane, Rolf Lassgård, Alexander Fehling, Tarik Filipovic, Jesper Christensen

DVD

Piffl Medien/Good Movies

Bild: 1:2,35 (Cinemascope)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1/2.0)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Trailer, Booklet, Audiodeskription (Hörfilm-Fassung für Blinde)

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Sturm“

Berlinale: Pressekonferenz zu „Sturm“ (beginnt erst nach über zwölf Minuten)

Für Freiluftfanatiker zeigt das Berliner Freiluftkino Rehberge am Sonntag, den 27. Juni, um 21.45 Uhr den Film.


TV-Tipp für den 27. Juni: Die zweigeteilte Frau

Juni 26, 2010

ARD, 00.00

Die zweigeteilte Frau (F/D 2007, R.: Claude Chabrol)

Drehbuch: Claude Chabrol, Cécile Maistre

Weil das Erste vorher den „Tatort“ und „Mankells Wallander“ zeigt, könnte die TV-Premiere von diesem Chabrol-Film (wenige Tage nach seinem achtzigsten Geburtstag) sogar halbwegs pünktlich anfangen. Das ändert aber nichts daran, dass die Uhrzeit eine Frechheit ist – und man auf die Wiederholungen des „Kinohighlights“ (ARD-Selbstbeweihräucherung) in den dritten Programmen und Spartenprogrammen zu einer arbeitnehmerfreundlicheren Zeit hoffen muss.

Als die TV-Wetterfee Gabrielle von ihrem verheirateten Liebhaber, einem deutlich älteren Bestsellerautor, verstoßen wird, nimmt sie sich einen neuen Liebhaber. Dieser hat allerdings einen seelischen Knacks.

In dem ruhigen Krimidrama über eine Frau zwischen zwei verkorksten Männern führt Chabrol wieder einmal die französische Bourgeoisie vor. Sicher nicht sein bester Film und nach dem grandiosen „Geheime Staatsaffären“ eine Enttäuschung.

Mit Ludivine Sagnier, Benoît Magimel, François Berléand, Mathilda May

Hinweise

Wikipedia über Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch)

Film-Zeit über „Die zweigeteilte Frau“

Wikipedia über „Die zweigeteilte Frau“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 26. Juni: Tatort: Frankfurt-Miami

Juni 26, 2010

HR, 21.45

Tatort: Frankfurt-Miami (D 1996, R.: Klaus Biedermann)

Drehbuch: Frédéric Fajardie, Jacques Labib, Simon Michaël

Nachdem im Intercity von Frankfurt nach Paris eine Prostituierte ermordet wird, muss Kommissar Brinkmann (aka “Der Mann mit der Fliege”) zusammen mit einem französischen Kollegen den Mord aufklären. Ihre Ermittlungen führen sie in das Frankfurter Eros-Center “Miami” (was den Titel erklärt).

Der Hessen-Tatort fest in französischer Hand. Damit könnte der selten gezeigte Brinkmann-Fall einen Tick besser als seine anderen Fälle sein.

Mit Karl-Heinz von Hassel, Patrick Chesnais, Ilaria Borrelli, Anne Jacquemin, Martin Semmelrogge

Hinweise

Homepage von Frédéric Fajardie

Krimi-Couch über Frédéric Fajardie

Tatort-Fundus über Kommissar Brinkmann


DVD-Kritik: Sex sells „The Outlaw – Geächtet“

Juni 25, 2010

Bekannt ist der Film wegen der Oberweite von Jane Russell.

Produzent und Regisseur Howard Hughes brachte seine Entdeckung mit einem speziellen BH, den sie nach eigener Aussage nie trug, und einem tiefen Ausschnitt opulent ins Bild – und legte sich mit der Zensurbehörde an. Die brüllte „sittenwidrig“.

Hughes plakatierte „What are the two great reasons for Jane Russell’s rise to stardom?“

Der Streit dauerte von 1941 bis 1946. 1943 kam der Film erstmals, für wenige Tage, ins Kino. Danach verschwand er wieder wegen Problemen mit der Zensur und den damaligen puritanischen Moralvorstellungen, die mit dem Hays-Code durchgesetzt werden sollten. 1946 gab es die offizielle Wiederaufführung und „Geächtet“ wurde wegen der Hauptdarstellerin (Ja, wir Jungs sind so berechenbar.) überall ein Hit. In New York war „Geächtet“ bis zum 11. September 1947 verboten. Der deutsche Kinostart war am 16. März 1951.

Aus heutiger Sicht ist der Skandal nur noch schwer nachvollziehbar. Denn es gibt wirklich nichts zu sehen, was nicht heute auch im Nachmittagsprogramm läuft und auch im Vergleich zu anderen zeitgenössischen Filmen zeigt Hughes wenig, was es nicht auch in anderen Filmen gab (abgesehen von der Szene, in der Jane Russell zu dem fiebernden Billy the Kid ins Bett steigt, um ihn zu wärmen), aber dafür inszenierte er, nachdem er auf Wunsch der Zensoren eine halbe Minute geschnitten hatte, eine beispiellose Werbekampagne, die aus Jane Russell ein wahres Pin-up-Girl machte.

Dabei spielt sie, obwohl die Werbung für den Film sich nur um sie drehte, nur eine Nebenrolle.

Denn, soweit in „Geächtet“ von einer Geschichte gesprochen werden kann, geht es darum, dass Billy the Kid (Jack Buetel) das Pferd von Doc Holliday (Walter Huston, grandios als lebensweis-amüsierter Revolverheld) gestohlen hat. Doc möchte sein Pferd wieder zurückhaben, aber ihm ist der junge Revolverheld auch irgendwie sympathisch. Jedenfalls balgen sie sich wie zwei kleine Kinder um das Pferd. Docs alter Freund Pat Garrett (Thomas Mitchell, schmierig) verdient inzwischen seine Brötchen als Sheriff und er möchte, nachdem Doc und Billy sich verbündet haben, die beiden aus seiner Stadt haben.

Da versucht Rio McDonald (Jane Russell) in einer Scheune Billy the Kid zu ermorden. Sie prügeln sich und Billy erfährt, dass er vor einiger Zeit ihren Bruder erschoss.

Später wird Billy angeschossen. Doc flüchtet mit ihm zu seiner Freundin Rio McDonald und bittet sie, den Verletzten zu pflegen.

Tja, und da verlieben sich Billy und Rio ineinander. Aber in erster Linie balgen sich Doc und Billy bis zum Filmende um das Pferd. Davor müssen sie wieder vor dem Gesetz flüchten. Pat schnappt sie. Indianer wollen sie umbringen – und dann ist da noch die Sache mit dem Pferd.

Denn unter echten Männern zählt ein Pferd einfach mehr als eine Frau.

Das ist ziemlich frauenverachtend und nur wegen des Spiels von Walter Huston, Jack Buetel und Thomas Mitchell erträglich. Sie versuchen das beste aus ihren Szenen herauszuholen, aber auch sie scheinen die meiste Zeit nicht zu wissen, wo das ganze hinführen soll. Jane Russell ist die damalige Version von Megan Fox: ein Augenschmaus, der bestimmt nicht wegen ihrer schauspielerischen Qualitäten die Rolle erhielt. Die Regie von Howard Hughes in seinem zweiten und letztem Spielfilm, der sich anscheinend öfters vertreten ließ, ist amateurhaft. Nie kommt eine echte Western-Atmosphäre auf. Es gibt keine bemerkenswerten Bilder sondern einfach nur eine funktionale Kamera, die man eher in einem der damals zahllosen Serials (Flash Gordon, „Western von Gestern“) und B-Movie-Serien (Sherlock Holmes, Mr. Moto, Charlie Chan, Tarzan) vermutet.

Es gab zahlreiche Nachdrehs, die sicher nicht die Geschichte runder machten.

Geächtet“ ist, dank der Hauptdarsteller, ein mäßig amüsanter, immer wieder in seine Einzelteile zerfallender Western, der zwar die Heldenimages von Doc Holliday, Pat Garrett und Billy the Kid etwas demontiert ohne sich der historischen Wirklichkeit allzu sehr anzunähern. Stattdessen gibt es eine abstruse und sogar latent homosexuelle Geschichte. Denn die Beziehung zwischen Doc Holliday, Billy the Kid und Pat Garrett kann auch als Liebesgeschichte gesehen werden: dann wären Doc und Pat das alte Liebespaar und Billy der junge Nebenbuhler. Diese Lesart drängt sich, angesichts des offensichtlichen Desinteresses von Doc Holliday und Billy the Kid an den Reizen von Rio McDonald, ihrer Unwilligkeit um sie zu kämpfen und ihrem, eher vorgeschobenen, Interesse an dem Pferd, sogar auf. Aber ob das von Howard Hughes beabsichtigt war?

Der ursprüngliche Regisseur Howard Hawks wollte einen kleinen Western drehen, der in jedem Fall auch ein besserer Film geworden wäre. Als er die höher budgetierte Kriegsheldengeschichte „Sergeant York“ mit Gary Cooper (der dafür seinen ersten Oscar erhielt) drehen konnte, übergab er den Regiestuhl an den Produzenten Howard Hughes. Der tobte sich schon während des Drehs in Richtung Jane Russell aus.

Ohne den Skandal, die gut inszenierte Werbekampagne (Wer kennt nicht die sich im Heu räkelnde Jane Russell?) und den damaligen Kassenerfolg wäre „Geächtet“ heute noch nicht einmal von historischem Interesse.

Auf der DVD ist der Film in Schwarzweiß und einer nachträglich, erst vor kurzem angefertigten kolorierten Version enthalten. Das restaurierte Bild ist durchwachsen. Weitere Extras, wie ein Audiokommentar (auf der US-Fassung enthalten) oder eine Doku, die sich gerade bei diesem Film anbieten würde, fehlen.

The Outlaw – Geächtet (The Outlaw, USA 1940/1943)

Regie: Howard Hughes, Howard Hawks (ungenannt)

Drehbuch: Jules Furthman, Howard Hawks (ungenannt), Ben Hecht (ungenannt) (nach einer Geschichte von Ben Hecht)

mit Jane Russell, Jack Buetel (im Vorspann „Jack Beutel“), Walter Huston, Thomas Mitchell

DVD

HMH Home Entertainment

Bild: 4:3

Ton: Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: – (außer man zählt eine Fassung des Films dazu), Wendecover

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Geächtet“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „The Outlaw“

Internet Archive: „The Outlaw“ (kompletter Film)


TV-Tipp für den 25. Juni: Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie’s!

Juni 25, 2010

WDR, 23.15

Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie’s! (I 1971, R.: Damiano Damiani)

Drehbuch: Dino Maiuri, Massimo de Rita, Damiano Damiani

LV: Leros Pittoni: Tante sbarre

Architekt Vanzi landet in U-Haft. Er soll Fahrerflucht begangen haben. Weil er unschuldig ist, hofft er bald wieder entlassen zu werden. Aber die U-Haft zieht sich hin und die Mafia regiert auch den Knast.

Etwas spröder Polit-Thriller, bei dem der Knast nur das Sinnbild für die italienische Gesellschaft ist.

Polit-Thriller, der ein durch und durch korruptes System anprangert.“ (Lexikon des internationalen Films)

Die deutsche Premiere war am 15. Juni 1977 im ZDF.

mit Franco Nero, Riccardo Cucciolla, George Wilson, John Steiner

Auch bekannt als „Die Untersuchung ist abgeschlossen: Vergessen Sie alles“ (DDR-Titel)

Hinweise

Wikipedia über Damiano Damiani (deutsch, englisch, italienisch)


TV-Tipp für den 24. Juni: Betty

Juni 23, 2010

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Claude Chabrol!

Arte, 20.15

Betty (F 1991, R.: Claude Chabrol)

Drehbuch: Claude Chabrol

LV: Georges Simenon: Betty, 1960 (Betty)

Die vermögende Witwe Laure nimmt die Alkoholikerin Betty bei sich auf. Ein böser Fehler.

Chabrol übernimmt für seine Zustandsbeschreibung die Romanstruktur mit wenigen Ereignissen in der Gegenwart und vielen Rückblenden. Das ist oft schematisch, oft nahe an der Idee eines Filmes ohne Geschichte, und grandios gespielt.

Der Film wurde zuletzt 2005 gezeigt.

Mit Marie Trintignant, Stéphane Audran

Wiederholung: Montag, 28. Juni, 00.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch)

Arte über den Programmschwerpunkt


DVD-Kritik: „In the electric mist“ with James Lee Burke, Bertrand Tavernier und Tommy Lee Jones (als Dave Robicheaux)

Juni 23, 2010

Vor vierzehn Jahren hatte Dave Robicheaux seine ersten Kinoauftritt in der zwiespältigen Verfilmung „Mississippi Delta“. Alex Baldwin spielte den trockenen Alkoholiker und Kleinstadtpolizisten. Die Musik war gut. Die Bilder auch. Aber dem Drehbuch fehlte der letzte Schliff.

Jetzt spielt, nein, verkörpert Tommy Lee Jones den von Krimiautor James Lee Burke erfundenen Charakter, der ihm nach langen Jahren als erfolgloser Autor (erfolgreich war er nur im Sammeln von Ablehnungen) in den späten achtziger Jahren den Durchbruch verschaffte. Inzwischen ist der 1936 geborene Texaner ein Bestsellerautor, er erhielt zahlreiche Preise und er wird von Autoren, Kritikern und Lesern als einer der einflussreichen und wichtigen zeitgenössischen Krimiautoren bezeichnet. In Deutschland wurden seine Bücher bei Ullstein und Goldmann veröffentlicht. „Wurden“ weil er schon seit sechs Jahren keinen deutschen Verleger mehr hat.

Der französische Regisseur Bertrand Tavernier, dem wir schon die Jim-Thompson-Verfilmung „Der Saustall“ und den Jazz-Film „Um Mitternacht“ verdanken, wählte den sechsten Dave-Robicheaux-Roman „Im Schatten der Mangroven“ (In the Electric Mist with Confederate Dead) als Vorlage für seinen ersten amerikanischen Film. Dabei wurde die Geschichte des 1993 erschienenen Noirs in die Gegenwart verlegt.

Tommy Lee Jones spielt den in New Iberia, Louisiana, arbeitenden Detective Dave Robicheaux. Er jagt den Mörder einer neunzehnjährigen Prostituierten. Gleichzeitig wird er mit der Südstaatenvergangenheit konfrontiert: eine Filmcrew dreht einen historischen Film und der Star des Films erzählt Robicheaux, dass er in den Sümpfen die verweste Leiche eines Mannes in Ketten gesehen habe. Das löst bei dem trockenen Alkoholiker Robicheaux Erinnerungen an die eigene Vergangenheit aus – und dann trifft er immer wieder den Geist von Konföderierten-General John Bell Hood.

Schnell legt Robicheaux sich bei seinen Ermittlungen mit dem lokalen Paten und alten Kumpel Julie ‚Baby Feet‘ Balboni, der auch Geld in den Film investiert hat, an. Dabei ist nicht immer erkennbar, wie sehr Robicheaux einen persönlichen Rachefeldzug veranstaltet oder wirklich eine Spur verfolgt.

Der bei wiederholtem Sehen immer besser werdende Film ist, wie Burkes Romane, kein konventioneller Krimi. Er ist vor allem das Porträt eines von den Dämonen der Vergangenheit, der eigenen Schuld, Selbsthass und der Suche nach Erlösung getriebenen Charakters, einer korrupten Gesellschaft, in der sich anscheinend alle Charaktere seit Ewigkeiten kennen und oft eine komplexe Mischung aus Freundschaft, Feindschaft, Achtung und Verachtung pflegen, und einer tropisch-schwülen Landschaft, in der die Vergangenheit noch sehr lebendig ist. So tauchen in Burkes Romanen immer wieder Geister auf. Im Film unterhält Robicheaux sich mit Hood, als wären sie alte Freunde – und auch der Hollywood-Schauspieler hat sich mit Hood unterhalten. Die Bilder des immer noch vom 2005er Hurrikan Katrina zerstörten New Orleans verstärken den Eindruck, dass in den Südstaaten die Vergangenheit noch sehr lebendig ist und dass die Zeit stehengeblieben ist. Denn obwohl der Tote in den Sümpfen erst 1965 erschossen wurde, sieht er wie ein Kettensträfling aus einer noch früheren Zeit aus.

Die Besetzung ist eine hochkarätige Versammlung bekannter Namen, Gesichter und Schauspieler, die man immer wieder gern sieht. Neben Tommy Lee Jones spielen John Goodman, Peter Sarsgaard, Kelly Macdonald, Mary Steenburgen, Justina Machado, Ned Beatty, James Gammon, Pruitt Taylor Vince, Levon Helm und Blues-Musiker Buddy Guy mit. Guy spielt mit „Nathan & the Zydeco Cha Chas“ auf einem großen Fest von Balboni einige Songs, die den größten Teil der geschnittenen Szenen ausmachen. Im Film sind sie nur einige Sekunden im Hintergrund zu hören.

In the electric mist“ lief bereits erfolgreich auf der Berlinale und dem Fantasy Filmfest. Aber für einen Kinostart hat es nicht gereicht. In den USA erschien der Film, mit Taverniers Einverständnis, in einer anderen Schnittfassung direkt auf DVD. Für den internationalen Markt wurde dann Taverniers auch auf der Berlinale gezeigte Fassung verwandt. Auch bei uns fand sich letztendlich kein Verleiher und so erlebt ein weiterer Film, der sich nicht an ein jugendliches Multiplex-Publikum und nicht an ein distinguiertes Arthaus-Publikum richtet, seine Premiere auf DVD. Weil inzwischen der Umsatz auf dem DVD-Markt höher als im Kino ist und immer mehr Menschen sich ein kleines Heimkino leisten, wird diese ursprüngliche Zweitverwertung auch für eingefleischte Kinogänger, wie ein Blick auf die DVD-Premieren zeigt, immer interessanter.

Als Bonusmaterial gibt es 16 Minuten „Entfallene Szenen“, elf davon Musik, und ein informatives halbstündiges Making-of. Es gibt sehr entspannte Impressionen vom Dreh, etwas Lobhuddelei, vor allem für Tommy Lee Jones, die dieses Mal sogar ehrlich klingt und sehr viele Statements von Regisseur Bertrand Tavernier. Er erzählt, was ihn an der Vorlage faszinierte, wie er arbeitet und wie er die verschiedenen Arbeitsmethoden der Franzosen und der Amerikaner wahrnimmt.

In the Electric Mist – Mord in Louisiana (In the Electric Mist, USA 2009)

Regie: Bertrand Tavernier

Drehbuch: Jerzy Kromolowski, Mary Olson-Kromolowski (nach dem Roman von James Lee Burke)

mit Tommy Lee Jones, John Goodman, Peter Sarsgaard, Kelly Macdonald, Mary Steenburgen, Justina Machado, Ned Beatty, James Gammon, Pruitt Taylor Vince, Levon Helm, Buddy Guy, John Sayles

DVD

Koch Media

Bild: 1,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Geschnittene Szenen, Originaltrailer, Wendecover

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Vorlage

James Lee Burke: Im Schatten der Mangroven

(übersetzt von Oliver Huzly)

Goldmann, 1996

416 Seiten

(nur noch antiquarisch)

Originalausgabe

In the Electric Mist with Confederate Dead

Hyperion, New York 1993

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Berlinale: Pressekonferenz zu „In the Electric Mist“

Film-Zeit über „In the Electric Mist“

Homepage von James Lee Burke

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

In the Electric Mist“ in der Kriminalakte