„Steamboat Bill Jr.“ (bei uns auch bekannt als „Wasser hat Balken“ und „Wasser hat keine Balken“) ist ein Stummfilm von 1928 mit Buster Keaton in der Hauptrolle.
TV-Tipp für den 14. Juli: Nachtschicht: Vatertag
Juli 14, 2010ZDFneo, 21.00
Nachtschicht: Vatertag (D 2004, R.: Lars Becker)
Drehbuch: Lars Becker
Eine ruhige Nacht wird das nicht für Erichsen und sein Team: ein unheilbar an Krebs erkrankter Knacki will seine letzten Tage mit seinem Sohn verbringen. Deshalb entführt er ihn von seinen Adoptiveltern: einem Polizisten, der gerade gegen Erichsen ermittelt. Außerdem macht ein entlaufener Irrer das Revier unsicher.
Nach dem überwältigenden Erfolg des ersten Nachtschicht-Filmes durfte Lars Becker mit den bewährten Schauspielern ein weiteres Mal zuschlagen. Und weil auch der zweite „Nachtschicht“-Film ein voller Erfolg war, folgten seitdem einige weitere sehr gelungene Krimis.
Mit Armin Rohde, Katharina Böhm, Minh-Khai Phan-Thi, Ken Duken, Ercan Durmaz, Axel Prahl
Hinweise
DVD-Roundup: Desert Fury – Liebe gewinnt, Der schwarze Spiegel, Diamond 13, Killshot
Juli 13, 2010Heute präsentieren wir Ihnen in diesem Theater einen kleinen Rundblick mit vier Kriminalfilmen, vier Noirs und vier Literaturverfilmungen (drei Romane, eine Kurzgeschichte). Beginnen wir in den Vierzigern.
Koch Media setzt die liebevoll gestaltete „Film Noir“-Collection nach einer langen Pause mit dem unbekannten in Farbe gedrehtem Noir „Desert Fury – Liebe gewinnt“ und dem Noir-Semiklassiker „Der schwarze Spiegel“ fort.
„Desert Fury“ ist, trotz einiger interessanter Aspekte, kein vergessenes Meisterwerk, sondern ein typischer Vierziger-Jahre-Hollywood-Film, bei dem die damals noch seltene Verwendung von Farbe eine Bedeutung des Films verheißt, die er nicht hat. Denn „Desert Fury“ ist kein A-Film wie „Vom Winde verweht“ oder ein kassenträchtiges Musical.
Regisseur Lewis Allen ist ein Hollywood-Handwerker, der später sein Geld vor allem im Fernsehen verdiente. So inszenierte er einige „Perry Mason“- und „Kobra, übernehmen Sie“-Folgen und über vierzig „Bonanza“-Folgen.
Autor A. I. Bezzerides schrieb später das Drehbuch für „Rattennest“ (Kiss me deadly, USA 1955) und er erfand die Westernserie „Big Valley“.
Der zweite Drehbuchautor Robert Rossen verdiente, als „Desert Fury“ gedreht wurde, bereits seit einem guten Jahrzehnt in Hollywood sein Geld. Sein erstes Drehbuch war „Mord im Nachtclub“ (Marked Woman. USA 1937); ein Vehikel für Bette Davis und Humphrey Bogart. Kurz darauf schrieb er „Die wilden Zwanziger“ (The roaring Twenties, USA 1939). Anschließend führte er Regie (oft nach eigenen Drehbüchern) bei „Jagd nach Millionen“ (Body and Soul, USA 1947), „Der Mann, der herrschen wollte“ (All the King’s Men, USA 1949), „Sie kamen nach Corduba“ (They came to Corduba, USA 1959), „Haie der Großstadt“ (The Hustler, USA 1961) und „Lilith“ (USA 1964).
Die drei wissen also, wie eine Geschichte in neunzig Minuten erzählt wird. Über den legendären Produzenten Hal B. Wallis muss ja nichts gesagt werden. Seinen Namen hat jeder Filmfan mindestens ein halbes Dutzend Mal gelesen. Ich sage nur „Die wilden Zwanziger“, „High Sierra“, „Der Malteser-Falke“, „Casablanca“ und „Der Marshall“ (True Grit, USA 1969).
Und dann ist da noch Burt Lancaster in einer seiner ersten Rollen als honoriger Dorfpolizist Tom Hanson, der in die neunzehnjährige Paula verliebt ist. Diese hat gerade wieder ihre Schule geschmissen und trifft auf dem Weg in die Stadt den Spieler Eddie Bendix und seinen Kumpel Johnny Ryan. Sie findet den zwielichtigen Bendix attraktiv und dass ihre Mutter Fritzi Haller, die Chefin des Spielcasinos (und damit qua Beruf ebenfalls zwielichtig), Bendix von früher hasst, verstärkt natürlich Paulas Liebe zu Bendix.
Das größte Problem von „Desert Fury“ ist die widersprüchliche und unlogische Zeichnung der von der damals 25-jährigen Lizabeth Scott gespielten Hauptrolle Paula Haller. Ihr Verhalten entspricht viel zu oft nicht ihrem Alter, das irgendwo zwischen kurz nach der Pubertät und kurz vor Studienabschluss liegt. Jedenfalls fährt sie Auto, raucht und trinkt und ist immer noch finanziell von ihrer Mutter abhängig. Einerseits hat sie eine gute Beziehung zu ihr. Andererseits ist Bendix für sie gerade deshalb attraktiv, weil ihre Mutter ihn ablehnt. Und anscheinend hat sie in den vergangenen Jahren nichts von Bendix gehört. Das ist, weil die Geschichte in einer Kleinstadt spielt und die früheren Ereignisse sicher Stadtgespräch waren, unglaubwürdig.
Dieses Hin und Her zwischen ihrer Mutter, ihrem Freund und vielleicht zukünftigem Ehemann Tom Hanson und dem Spieler Eddie Bendix erinnert an das widersprüchliche Verhalten einer Pubertierenden und nicht einer knapp Zwanzigjährigen.
Auch die Schlusspointe zeichnet sich schon von der ersten Minute des aus heutiger Sicht ziemlich zähen Films, der unentschlossen zwischen „Western“ (einige Topoi wie die den Ort beherrschende Casinobesitzerin, die Landschaft und die vielen Pferde), Familiengeschichte, Drama, Coming-of-age (Paula muss erwachsen werden), garniert mit einer kleinen Krimibeigabe, pendelt, ab.
Desert Fury – Liebe gewinnt (Desert Fury, USA 1947)
Regie: Lewis Allen
Drehbuch: A. I. Bezzerides, Robert Rossen
LV: Ramona Stewart: Desert Town, 1946
mit John Hodiak, Lizabeth Scott, Burt Lancaster, Wendell Corey, Mary Astor
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DVD
Bild: 1,37:1 (4:3)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Länge: 92 Minuten
Bonus: Bildergalerie, Original-Trailer, 12-seitiges Booklet
FSK: ab 6 Jahre
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Hinweise
Turner Classic Movies über „Desert Fury“
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Ein ganz anderes Kaliber ist dagegen „Der schwarze Spiegel“.
Bewundernswert effektiv führt Robert Siodmak in den ersten Minuten von „Der schwarze Spiegel“ zu der zentralen Frage, welche der beiden Zwillingsschwestern den Mord begangen hat.
Bereits nach den ersten Zeugenaussagen kennt der Kommissar die Mörderin. Aber sie hat ein wasserdichtes Alibi. Nach zwölf Minuten entdeckt er, dass die Tatverdächtige eine Zwillingsschwester hat. Weil er mit den normalen Polizeimethoden nicht herausfinden kann, welche den Mord begangen hat, bittet er einen Psychiater um ein Gutachten. Denn, so hoffen die beiden Männer, durch eine Analyse ihres Verhaltens können sie herausfinden, welche der Schwestern den Mord begangen hat.
Für uns Zuschauer ist ziemlich schnell offensichtlich, welche Schwester den Mord begangen hat. Denn neben ihrem unterschiedlichen Verhalten, hat Siodmak auch alles getan, um die beiden von Olivia de Havilland gespielten Schwestern unterscheidbar zu machen. Sie tragen verschiedene Kleider und immer eine Brosche mit dem ersten Buchstaben ihres Vornamens oder eine Kette mit dem Vornamen. So entsteht auch in den vielen Szenen, in denen beide Schwestern gleichzeitig auftreten, keine Verwirrung. Diese sind auch mit heute noch verblüffenden Tricks gedreht.
Der, wie Siodmak, aus Deutschland geflüchtete Eugen Schüfftan, der bereits in Fritz Langs Science-Fiction-Film „Metropolis“ für atemberaubende Effekte sorgte, plante die Aufnahmen der von Olivia de Havilland gespielten Zwillingsschwestern, die oft in einem Bild zu sehen sind und ganz natürlich miteinander agieren. Dafür mischte er bereits während des Drehs Doubles, Doppelbelichtungen und Rückprojektionen.
„Der schwarze Spiegel“ ist ein spannender Noir, der sich der Whodunit-Formel bedient, das Doppelgänger-Motiv interessant anwendet und als einer der ersten Filme die Psychoanalyse benutzt, um den Täter zu überführen. Weil die böse Schwester als Mörderin überführt wird, hat „Der schwarze Spiegel“ auch ein Noir-untypisch beruhigendes Ende.
Denn „Was sonst im Film noir die beiden entgegengesetzten Charakterseiten ein und derselben Person darstellen, ist hier auf zwei Schwestern verteilt.“ (Paul Werner: Film noir und Neo-Noir) Und nachdem die eine verhaftet wird, kann die andere friedlich bis ans Ende ihrer Tage leben.
In Noir-Fankreisen hat „Der schwarze Spiegel“ einen guten Ruf. Weil „Der schwarze Spiegel“ schon seit Ewigkeiten nicht mehr im Fernsehen lief, dürfte ihn kaum noch jemand kenne. Dabei lohnt sich die Wiederentdeckung.
Der schwarze Spiegel (The dark mirror, USA 1946)
Regie: Robert Siodmak
Drehbuch: Nunnally Johnson
LV: Vladimir Pozner: The dark mirror (Kurzgeschichte, Good Hosekeeping, 1945)
mit Olivia de Havilland, Lew Ayres, Thomas Mitchell, Richard Long, Charles Evans
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DVD
Bild (SW): 1,37:1 (4:3)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Länge: 82 Minuten
Bonusmaterial: Bildergalerie, 12-seitiges Booklet
FSK: ab 16 Jahre (wahrscheinlich wurde auf eine Neuprüfung verzichtet)
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Hinweise
Wikipedia über „The dark mirror“
Turner Classic Movies über „The dark mirror“
Senses of Cinema über Robert Siodmak
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Springen wir in die Gegenwart. Jedenfalls optisch. Denn der französische Cop-Thriller „Diamond 13“ ist in jeder Beziehung vom Noir und dem französischen Kriminalfilm beeinflusst. Das Team von dem bei uns sträflich unterschätztem Noir „36 – Tödliche Rivalen“ (Fr 2004) fand sich wieder zusammen. Ex-Polizist Olivier Marchal (der auch „36 – Tödliche Rivalen“ inszenierte) schrieb das Drehbuch und übernahm die zweite Hauptrolle. Gérard Depardieu, der inzwischen Brandosche Ausmaße hat, übernahm die Hauptrolle. Valeria Golino, die in „36 – Tödliche Rivalen“ mitspielte, sprang in letzter Minute ab. Die schwangere Asia Argento übernahm die Rolle der Freundin von Depardieu, die ihn in der Polizeihierarchie überholte und ihm jetzt Befehle gibt. Gilles Béhat verdiente in den vergangenen Jahren seine Brötchen als TV-Krimiregisseur. Einer seiner ersten Spielfilme war 1983 die David-Goodis-Verfilmung „Rue Barbare“ (mit Bernard Giraudeau).
In „Diamond 13“ führt dieses Team die in „36 – Tödliche Rivalen“ angesprochenen Ideen und Themen fort. Wieder geht es um die internen Kämpfe der Polizei, die schmale Grenze zwischen Verbrecher und Polizist und Freundschaft und Vertrauen. Das sind im Polizeifilm und im französischen Kriminalfilm keine neuen Topoi, aber sie sorgen immer wieder für zwei spannende, moralische Grauzonen erkundende Stunden.
Denn die Polizisten sind mehr mit sich selbst, ihrer Unfähigkeit ihr Leben auf die Reihe zu bekommen und internen Streitigkeiten beschäftigt, als mit der Jagd nach Verbrechern. Und wenn sie Verbrecher jagen, dehnen sie die Gesetze mehr als einmal. Manchmal nehmen sie das Gesetz auch in die eigenen Hände – und manchmal hat das ungeahnte Folgen.
Depardieu spielt in „Diamond 13“ den desillusionierten Cop Mat, der schon alles gesehen hat, allein lebt und keine größeren Ziele mehr hat. Eines Tages bittet ihn sein todkranker Ex-Partner Franck um Hilfe. Er hat einen todsicheren Plan zum Ausrauben von einigen Gangstern. Mat lehnt zunächst ab, aber er wird – wie das bei todsicheren Plänen immer so ist und wenn dann noch hehre Vorstellungen von Freundschaft und Ehre mitspielen – dennoch in die Geschichte hineingezogen, die seine Fähigkeiten als harter Straßenbulle der Dirty-Harry-Schule übersteigt.
„Diamond 13“ ist ein feines, traditionsbewusstes Old-School-Werk, das die FSK-18-Freigabe nicht verdient hat. So werden Erwartungen geweckt, die „Diamond 13“ nicht einlösen will. Denn in einem Noir spielt die Action eher die dritte als die zweite Geige. An erste Stelle stehen die Charaktere, ihre Nöte, Ängste und moralische Verstrickungen. „Diamond 13“ ist da keine Ausnahme.
Dass, mal wieder der deutsche Kinostart ausfiel, ist inzwischen bei französischen Filmen, die nicht von Claude Chabrol sind, mit amourösen Verstrickungen das Arthaus-Publikum becircen oder action-krachig das Multiplex-Publikum unterhalten, die Regel. Das ist schade, aber wahrscheinlich nicht mehr zu ändern.
Das halbstündige Making-of liefert einige interessante Hintergründe zum Film und inszeniert eine kleine Diskussion ob „Diamond 13“ ein Noir oder ein Polizeifilm ist. Er ist natürlich beides.
Diamond 13 (Diamond 13, Fr 2009)
Regie: Gilles Béat (Pseudonym von Gilles Béhat)
Drehbuch: Gilles Béhat, Olivier Marchal
LV: Hugues Pagan: L’Etage des Morts
mit Gérard Depardieu, Olivier Marchal, Asia Argento, Anne Coesens, Aïssa Maïga
–
DVD
Bild: 2,35:1 (anamorph/16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel:
Länge: 98 Minuten
Bonusmaterial: Making-of
FSK: ab 18 Jahre (Keine Jugendfreigabe)
–
Hinweis
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„Killshot“ ist eine wegen der Produktionsgeschichte durchwachsene Elmore-Leonard-Verfilmung in einer lieblosen DVD-Ausgabe. Sogar auf den Filmtrailer wurde verzichtet.
Das ist die traurige Schlusspointe eines Projektes, das hoffnungsvoll begann und nach den ersten Testvorführungen zum ungeliebten Kind wurde, das lange im Archiv verschwand.
Als 2005 die ersten Meldungen über die Verfilmung von Elmore Leonards Roman „Killshot“ die Runde machten, waren die Erwartungen hoch. Regisseur John Madden ist, obwohl er in England etliche TV-Krimis inszenierte, nicht als Genreregisseur bekannt. „Shakespeare in love“, „Corellis Mandoline“ und „Der Beweis“ sind seine bekanntesten Filme und wirklich schlecht (auch wenn man sie nicht mag) sind sie nicht. Außerdem waren Steven Soderbergh und Barry Sonnenfeld vor „Out of sight“ und „Schnappt Shorty“ ja auch nicht unbedingt als Krimiregisseure bekannt.
Die Besetzung las sich ebenfalls vielversprechend: Diane Lane, Thomas Jane, Mickey Rourke, Joseph Gordon-Levitt, Rosario Dawson, Hal Holbrook, Johnny Knoxville (seine Szenen sind geschnitten) – alles bekannte Namen, von denen mindestens die Hälfte für Qualität bürgt.
Dann gab’s, nachdem im Januar 2006 der Film fertig war, Meldungen von Nachdrehs (nicht unbedingt ungewöhnlich) und umfangreichen Umschnitten (schon ungewöhnlicher) und der Film verschwand im Weinstein-Archiv. Letztes Jahr kam der Film – mit neunzig Minuten ungewöhnlich kurz – dann ziemlich unbemerkt ins Kino. In den USA gab es letztes Jahr, vor der DVD-Veröffentlichung, nur einen Pro-Forma-Kinostart.
Jetzt erschien ausgesprochen ärmliche DVD-Ausgabe. Denn es gibt keine Extras.
Naja, einige Trailer.
Aber kein Making-of, keine Featurettes, keine Interviews mit den Machern, keine geschnittenen Szenen, kein Audiokommentar. Nichts. Nada. Und auf eine „Collector’s Edition“ innerhalb der nächsten Monate würde ich keinen einzigen Cent setzen. Dabei wäre gerade hier, wie bei Orson Welles‘ „Im Zeichen des Bösen“ (Touch of Evil, USA 1958), ein „Director’s Cut“ oder der Schnitt der ersten Testvorführungen eine tolle Sache.
So müssen wir uns – wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit – mit dem Torso begnügen. Und sogar dieser ist ziemlich ansehnlich.
Die Story ist typischer Leonard: Carmen Colson und ihr Mann Wayne beobachten den Mafia-Killer und Indianer Blackbird in Michigan bei einem Verbrechen. Sie gehen zur Polizei und werden in ein Zeugenschutzprogramm gesteckt. In Missouri sollen sie ein neues Leben beginnen (In dem Buch ist der komödiantische Höhepunkt erreicht, wenn der Polizist den Colsons die Papiere zum Zeugenschutzprogramm vorliest.). Blackbird – wie wir uns denken können – findet sie.
Diese Story ist aber nicht so wichtig. So gibt es immer wieder Szenen, die die Handlung kaum bis überhaupt nicht voranbringen, aber viel über die Charaktere, ihre Sehnsüchte und ihre Beziehung zueinander verraten. Es gibt Bilder von einem ländlichen Amerika, das von den meisten Hollywood-Produktionen ignoriert wird, aber aus den New-Hollywood-Produktionen der siebziger Jahre vertraut ist.
Allerdings schwankt „Killshot“ viel zu unentschlossen zwischen Krimi und Drama. Neben dem Krimiplot und der Mafiageschichte (Blackbird arbeitet als Killer für den Toronto-Mob) gibt es auch ein eher banales Ehedrama. Carmen Colson will sich scheiden lassen. Ihr Mann hofft dagegen immer noch, sie umstimmen zu können. Dieser, letztendlich sehr zahm ausgetragene Konflikt (immerhin sind die Colsons erwachsene Menschen, die mit Mitte Vierzig über ihr weiteres Leben nachdenken), zieht sich durch den ganzen Film und steht dem Krimiplot immer wieder im Weg.
Auch dieser Plot springt manchmal und einige Subplots enden im nirgendwo. In diesen Momenten wünscht man sich den „Director’s Cut“. Bis dahin muss man mit dieser durchaus faszinierenden Fassung, die zu den besseren Leonard-Verfilmungen gehört, vorliebnehmen.
Killshot (Killshot, USA 2008)
Regie: John Madden
Drehbuch: Hossein Amini
LV: Elmore Leonard: Killshot, 1989 (Beruf: Killer; Killshot)
mit Mickey Rourke, Diane Lane, Thomas Jane, Joseph Gordon-Levitt, Hal Holbrook, Rosario Dawson
–
DVD
Bild: 1,78:1 (anamorph/16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Länge: 91 Minuten
Bonusmaterial: –
FSK: ab 16 Jahre
–
Hinweise
Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)
Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)
Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)
Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“
Meine Besprechung der Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)
TV-Tipp für den 13. Juli: Nachtschicht: Amok!
Juli 12, 2010ZDFneo, 21.00
Nachtschicht: Amok! (D 2003, R.: Lars Becker)
Drehbuch: Lars Becker
Überaus gelungener Einstand einer Gruppe Hamburger Polizisten, die die Nachtschicht haben und gleichzeitig mehrere Fälle lösen müssen. Der größte Fall ist dabei in einer Bank die Geiselnahme von Ex-Roadie Schlosser.
Becker: „Wir orientieren uns an der Popkultur.“ und der „Tip“ ist wirklich begeistert von diesem hochkarätig besetzten TV-Movie.
Mit Armin Rohde, Uwe Ochsenknecht, Katharina Böhm, Ken Duken, Cosma Shiva Hagen, Minh-Khai Phan-Thi
Wiederholung: Mittwoch, 14. Juli, 03.25 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
TV-Tipp für den 12. Juli: Die Schlange
Juli 11, 2010
ZDF, 22.15
Die Schlange (F 2006, R.: Eric Barbier)
Drehbuch: Eric Barbier, Nam Tran-minh
LV: Ted Lewis: Plender, 1971
Plender verdient sein Geld, indem er wohlhabende Männer mit kompromittierenden Fotos erpresst. Sein neuestes Opfer ist der Modefotograf Vincent Mandel, den er noch aus der gemeinsamen Schulzeit kennt.
Tolle Ted-Lewis-Verfilmung, die bei uns nur eine ziemlich unbeachtete DVD-Premiere erlebte. Die Story kann zwar nicht verhehlen, dass sie von Ted Lewis bereits in den Siebzigern geschrieben wurde und sich daher in inzwischen bekannten Bahnen bewegt. Aber das ist auch der einzige Nachteil; – hm, eigentlich auch kein richtiger Nachteil, sondern nur ein wohliges Gefühl von Vertrautheit.
“Noir-Thriller nach klassischen Vorbildern” (Lexikon des internationalen Films)
Die größte Entdeckung ist sicher Pierre Richard, der als “Der große Blonde mit schwarzen Schuh” und ähnliche klamaukige Komödien bekannt wurde und hier eine dramatische Rolle spielt.
Oh, und Frau Kurylenko, die danach bei “Hitman”, “Max Payne” und “James Bond: Quantum of Solace” durch die Kulisse stolpern durfte, spielt auch mit.
Mit Yvan Attal, Clovis Comillac, Olga Kurylenko, Pierre Richard
auch bekannt als “The Snake” (DVD-Titel)
Wiederholung: Mittwoch, 14. Juli, 00.20 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
TV-Tipp für den 11. Juli: Familiengrab
Juli 11, 2010
BR, 23.35
Familiengrab (USA 1976, R.: Alfred Hitchcock)
Drehbuch: Ernest Lehman
LV: Victor Canning: The rainbird pattern, 1972 (später “Family plot”; „Auf der Spur“)
Mrs. Rainbird verspricht dem Medium Blanche 10.000 Dollar, wenn sie ihren vor Jahrzehnten verstossenen Neffen findet. Dieser finanziert inzwischen seinen Lebensunterhalt mit Entführungen und unterstellt Blanche und ihrem Freund George niedere Motive.
Was für ein Abgang: eine lockere Krimikomödie mit tiefschwarzem Humor.
Ernest Lehman: „Was Hitchcock wirklich an diesem Filmprojekt faszinierte, war die Idee von zwei getrennt ablaufenden unterschiedlichen Geschichten, die langsam zueinander finden und letztlich zu einer Geschichte werden. Ich ließ nicht locker, ihn darauf hinzuweisen, dass das Publikum nicht einen Film aufgrund seiner einzigartigen Struktur sehen will – es sei denn, Hitchcock plane, den Film als eine Art Dozent zu begleiten und ihn den Zuschauern zu erklären.“ – Mmh, da hat er Recht. „Family Plot“ (hübsch doppeldeutiger Titel) ist beim zweiten, dritten Sehen besser als beim Ersten. Und die Rückprojektionen sind schlecht wie immer.
Mit Karen Black, Bruce Dern, Barbara Harris, William Devane, Ed Lauter, Cathleen Nesbitt
Hinweise
Kaliber .38 über Victor Canning
Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“
Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“
Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“
Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2
Box Office extra: Robert Downey Jr.
Juli 10, 2010
3sat, 19.20
Box Office extra
Heute ist Robert Downey Jr. „Inside the Actor’s Studio“. Er spricht vierzig Minuten lang über sein Leben.
Hinweise
BravoTV über „Inside the Actor’s Studio“
Wikipedia über „Inside the Actor’s Studio“ (deutsch, englisch)
TV-Tipp für den 9. Juli: Blood Simple – Director’s Cut
Juli 9, 2010
3sat, 23.10
Blood Simple – Director’s Cut (USA 1984/2000, R.: Joel Coen)
Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen
Texas: Privatdetektiv Visser findet heraus, dass Abby ihren Mann, den Barbesitzer Marty, mit einem seiner Angestellten betrügt. Marty beauftragt Visser, seine Frau und den Nebenbuhler umzubringen. Der Plan geht – selbstverständlich – gründlich schief.
Ein feiner Noir, der keine Rücksicht auf seine Charaktere nimmt.
Das Kinodebüt der Brüder Coen. Heute im vier Minuten kürzeren „Director’s Cut“. In jeder Fassung ist schon der typische Coen-Humor vorhanden.
Das Drehbuch war für einen Edgar nominiert.
mit John Gertz, Frances McDormand, Dan Hedaya, M. Emmet Walsh, Samm-Art Williams
auch bekannt als „Blood Simple – Eine mörderische Nacht“ (Kinotitel 1985), „Blood Simple – Blut für Blut“ (Videotitel)
Hinweise
Wikipedia über die Coen-Brüder (deutsch, englisch)
TV-Tipp für den 8. Juli: Felicia, mein Engel
Juli 8, 2010Egoyan, die zweite
3sat, 22.25
Felicia, mein Engel (Kan/GB 1999, R.: Atom Egoyan)
Drehbuch: Atom Egoyan
LV: William Trevor: Felicia´s journey, 1994 (Felicias Reise)
Mr. Hilditch (Bob Hoskins) hilft der 17-jährigen Felicia bei der Suche nach Johnny. Dabei verfolgt er gleichzeitig seine eigenen Pläne.
Wie immer bei Egoyan: langsam, aber konzentriert erzählt, mit grandiosen Leistungen der Schauspieler und einer exquisiten Kameraarbeit. Halt Kino für denkende Menschen.
„Mit dieser Parabel für die Zerstörung von Unschuld liefert er [Egoyan] eins der düstersten und beklemmendsten Porträts eines Serienmörders, das seit langem in Kino zu sehen war – eine außerordentliche schauspielerische Leistung von Bob Hoskins.“ (Heinrichs, Rheinische Post, 4. 2. 2000)
Mit Bob Hoskins, Arsinée Khanjian, Elaine Cassidy
Hinweise
TV-Tipp für den 7. Juli: Wahre Lügen
Juli 7, 2010
Tele 5, 22.35
Wahre Lügen (Can/GB 2005, R.: Atom Egoyan)
Drehbuch: Atom Egoyan
LV: Rupert Holmes: Where the Truth lies, 2003
1972 will eine junge, ehrgeizige Journalistin herausfinden, was 1957 in einem Hotelzimmer geschah. Damals wurde die Leiche einer Studentin in der Suite der erfolgreichen Entertainer Lanny Morris und Vince Collins gefunden. Die Todesursache wurde nie geklärt, aber die Freundschaft der beiden Entertainer zerbrach.
Eleganter Neo-Noir von Kritikerliebling Atom Egoyan.
„Die retrospektiv erzählte Mischung aus Film noir und 1950er-Jahre-Melodram ist als faszinierendes Spiel mit Chiffren und Symbolen konzipiert, das, inszenatorisch perfekt, auf höchst vergnügliche Weise den Widerspruch zwischen Schein und Sein demonstriert.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Kevin Bacon, Colin Firth, Alison Lohman, Rachel Blancard
Wiederholung: Donnerstag, 8. Juli, 02.40 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
TV-Tipp für den 6. Juli: Dick Tracy
Juli 6, 2010
SRTL, 22.10
Dick Tracy (USA 1990, R.: Warren Beatty)
Drehbuch: Jim Cash, Jack Epps Jr.
LV: Comicfigur von Chester Gould
Buch zum Film: Max Allan Collins: Dick Tracy, 1990 (Dick Tracy)
Polizist Dick Tracy (edler als Prinz Eisenherz) jagt die bösen Buben.
Aus heutiger Sicht kann “Dick Tracy” als der unschuldige Vorläufer für Filme wie “Sin City”. Denn Beatty übertrug das Artwork der Dick-Tracy-Comics nahezu bruchlos auf die Leinwand. Das fasziniert einerseits wegen der gewollten Künstlichkeit und langweilt genau deshalb; auch weil die Story Quatsch ist.
“‚Dick Tracy‘ ist sicherlich eine der kongenialsten Comic-Verfilmungen der Filmgeschichte, besitzt die richtige Mischung aus Naivität und den Glauben daran.” (Fischer Film Almanach 1991)
Mit Warren Beatty, Glenne Headly, Madonna, Al Pacino, Dustin Hoffman, Seymour Cassell, Paul Sorvino, Dick Van Dyke, Charles Durning, R. G. Armstrong, Henry Silva, James Caan, Kathy Bates, Colm Meaney, Michael J. Pollard
Hinweise
TV-Tipp für den 5. Juli: Die großen Kriminalfälle
Juli 5, 2010ARD, 21.00
Die großen Kriminalfälle: Rudolph Moshammer – der einsame Tod des Modemacher (D 2010, R.: Danuta Harrich-Zandberg, Walter Harrich)
Drehbuch: Danuta Harrich-Zandberg, Walter Harrich
Auftakt zu vier neuen Folgen der Dokureihe „Die großen Kriminalfälle“. Los geht’s mit dem Mord an dem exzentrischen Modemacher.
Wiederholung: ARD, Dienstag, 6. Juli, 03.45 Uhr (Taggenau! – Wahrscheinlich auch in der Mediathek)
TV-Tipp für den 4. Juli: The Blues Brothers
Juli 4, 2010
Arte, 20.15
The Blues Brothers (USA 1980, R.: John Landis)
Drehbuch: Dan Aykroyd, John Landis
Als die beiden Waisenkinder Jake und Elwood Blues erfahren, dass das katholische Waisenhaus, in dem sie aufwuchsen, wegen nicht gezahlter Grundsteuer verkauft werden soll, beschließen sie, das Geld zu beschaffen. Dafür müssen sie ihre alte Blues-Band wieder vereinigen. Doch nicht alle wollen sofort mitmachen, eine geheimnisvolle Frau will sie umbringen und die Polizei verfolgt sie.
Immer wieder gern gesehene Mischung aus Bluesfilm, Konzertfilm, Komödie und Action-Film. Die Blues-Brothers-Band gab es wirklich und nach dem Film verzichtete keine Blues-Band auf schwarze Anzüge, Hüte und Sonnenbrillen.
mit John Belushi, Dan Aykroyd, James Brown, Cab Calloway, Ray Charles, Aretha Franklin, Steve Cropper, Donald Dunn, Murphy Dunne, Willie Hall, Tom Malone, Lou Marini, Matt Murphy, Alan Rubin, Carrie Fisher, Henry Gibson, John Candy, Kathleen Freeman, Twiggy, Frank Oz, Charles Napier, Chaka Khan, John Landis, John Lee Hooker, Walter Horton, Pinetop Perkins, Steven Spielberg, Mr. T (Debüt als Mann an der Straße) und noch viele weitere Musiker
Wiederholung: Freitag, 9. Juli, 14.45 Uhr
Hinweise
Wikipedia über „The Blues Brothers“ (deutsch, englisch)
Blues Brothers Central (umfangreiche Fanseite)
Neue TV-Krimi-Buch-Tipps online
Juli 3, 2010Trotz Fußball und Hitze hat Alligator-Alfred (naja, Hitze sind Alligatoren ja gewohnt) meine neuen TV-Krimi-Buch-Tipps liebevoll bebildert. Für das Programm kann er ja nichts:
Wer nicht zu den Mankell- und Barnaby-Fans gehört, muss sich, trotz Sherlock Holmes und „Nachtschicht“ auf Graubrot einstellen, die Francis-Durbridge-Verfilmung „Tim Frazer“ (Wow, das fanden unsere Eltern spannend?) gucken oder sich diesen Perlen zuwenden: so läuft nach langem wieder Warren Beattys Chester-Gould-Verfilmung „Dick Tracy“, Atom Egoyans Rupert-Holmes-Verfilmung „Wahre Lügen“ und seine William Trevor-Verfilmung „Felicia, mein Engel“, Claude Pinoteaus Francis-Ryck-Verfilmung „Ich – Die Nummer eins“, Alfred Hitchcocks Victor-Canning-Verfilmung „Familiengrab“, Jean-Pierre Melvilles Pierre-Lesou-Verfilmung „Der Teufel mit der weißen Weste“ und als TV-Premiere, Eric Barbiers Ted-Lewis-Verfilmung „Die Schlange“.
TV-Tipp für den 3. Juli: Reservoir Dogs
Juli 3, 2010
Eins Festival, 23.15
Reservoir Dogs (USA 1992, R.: Quentin Tarantino)
Drehbuch: Quentin Tarantino
Buch zum Film (Drehbuch): Quentin Tarantino: Reservoir Dogs – Das Buch zum Film/Zweisprachige Ausgabe (rororo 1997)
Einige Gangster überfallen einen Juwelier. Der Überfall geht schief. Sie flüchten in eine Garage. Mr. Orange (sie kennen sich nur unter Farb-Pseudonymen) liegt schwerverletzt auf dem Boden und kämpft um sein Leben. Die anderen Gangster versuchen währenddessen die 100.000-Dollar-Frage „Wer hat uns verraten?“ zu klären.
Der Einfluss von Quentin Tarantinos Kinodebüt auf das Kino der Neunziger Jahre kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ich sage nur nicht-chronologisches Erzählen (Bis dahin galt die eiserne Regel: Keine Rückblenden!), lustvoll zelebrierte Gewalt, coole Dialoge und oft ebenso coole Monologe.
Wirklich erstaunlich bei dem Klassiker ist nur, dass er erst 2009 seine TV-Premiere hatte. Wer also in den vergangenen Jahren wirklich jede Kinoaufführung verpasste, keine der zahlreichen DVD-Ausgaben kaufte und die Erstausstrahlung versäumte, kann jetzt das Werk sehen.
Mit Harvey Keitel, Tim Roth, Michael Madsen, Chris Penn, Steve Buscemi, Lawrence Tierney, Edward Bunker, Quentin Tarantino
Wiederholung: Sonntag, 4. Juli, 02.10 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
The Quentin Tarantino Archives
Deutsche Quentin-Tarantino-Fanseite
Wikipedia über „Reservoir Dogs“
DVD-Kritik: Was ist „Der Preis des Verbrechens“?
Juli 2, 2010Kurz gesagt ist „Trial & Retribution“ (so der Originaltitel von „Der Preis des Verbrechens“) die britische Ausgabe von „Law & Order“. Aber während die Amis in vierzig Minuten die ganze Geschichte eines Verbrechens von der Tat bis zur Verurteilung des Tatverdächtigen erzählen, brauchen die Briten dafür zweihundert Minuten.
Diese füllen sie allerdings sehr gut. In den ersten beiden Folgen „Tod eines Mädchens“ und „Herr der Fliegen“ stehen dabei, wie auch in den folgenden zwanzig Folgen der langlebigen Serie, die langwierigen Ermittlungen der Polizei und die alltäglichen Abläufe eines Strafprozesses im Mittelpunkt. Dank gut geschriebener Fälle und einem Blick für Details ist diese Beobachtung des Alltags von Polizei und Justiz in keiner Sekunde langweilig.
Es werden die Ermittlungen der Polizei, die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Abteilungen, die Formalien bei Verhören (So legt D. S. Walker zwei Cassetten in den Rekorder ein, er sagt Datum, Uhrzeit, wer dabei ist und jeder Anwesende muss seinen Namen sagen. Der Verdächtige muss auch sein Geburtsdatum und seine Anschrift nennen.), die Überzeugungsarbeit bei Anklägern und später vor Gericht ausführlich gezeigt. Außerdem werden in der zweiten Hälfte jeder Folge, wenn das Gerichtsverfahren im Mittelpunkt der Handlung steht, auch die Besprechungen der Verteidiger dokumentiert.
Dieser quasi-dokumentarische Blick auf die Details der Arbeit von Polizisten, Anklägern und Verteidigern und die vom Verbrechen und den Ermittlungen Betroffenen, verknüpft mit einer, aus Sicht des an hunderttausend Plotwendungen gewohnten Thrillerkonsumenten, alltäglichen Geschichte, entfaltet einen ganz eigenen Sog.
In der ersten Folge „Tod eines Mädchens“ (wobei der deutsche Titel schon verrät, was die Kommissare und das britische Publikum erst nach einer halben Stunde erfahren) verschwindet ein fünfjähriges Mädchen. Nach einer langen Suche wird die Leiche entdeckt und, nachdem die Alibis des langhaarigen, arbeitslosen Stiefvaters Peter und des ebenfalls langhaarigen, psychisch schwer angeknacksten Michael Dunn überprüft wurden, sind die Ermittler Walker und North von Dunns Schuld überzeugt. Aber die Beweislage ist dünn und während des Prozesses stellt sich ihr Hauptbeweis als gefälscht heraus.
In der zweiten Folge „Herr der Fliegen“ steht dann ein vollkommen anderer Täter im Mittelpunkt. Denn die beiden Polizisten Walker und North glauben, dass der Geschäftsmann Damon Morton ein mehrfacher Frauenmörder ist. Aber seine jugendlichen Angestellten, die ihren Chef maßlos bewundern, gestehen die Tat.
Im Zentrum von „Der Preis des Verbrechens“ steht dabei weniger die Frage nach dem Täter, sondern nach den Auswirkungen des Verbrechens auf die Betroffenen und ihre Beziehungen zueinander. Fokussiert werden die unterschiedlichen Handlungsstränge immer wieder durch das Strafverfahren und die die Gerichtsverhandlung abschließende Verurteilung.
Erfinderin und Produzentin Lynda La Plante, von der auch die preisgekrönte Serie „Heißer Verdacht“ (Prime Suspect, mit Helen Mirren) ist, lässt sich in jeder „Der Preis des Verbrechens“-Folge jeweils zweihundert Minuten Zeit, um einen Fall aufzudröseln. In der gleichen Zeit könnte man zwei „Tatorte“ ansehen. Aber trotzdem vergeht in „Der Preis des Verbrechens“ die gefühlte Zeit schneller.
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Der Preis des Verbrechens – Volume 1 (Trial & Retribution, GB 1997/1998)
Erfinder: Lynda La Plante
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DVD
Bild: 4:3
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: –
Länge: 404 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre
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Die ersten beiden Fälle
Der Preis des Verbrechens: Tod eines Mädchens (Trial & Retribution, GB 1997)
Regie: Aisling Walsh
Drehbuch: Vaughan Kinghan (nach einer Idee von Lynda La Plante)
mit David Hayman (D. S. Michael Walker), Kate Buffery (D. I. Pat North), Rhys Ifans (Michael Dunn), Helen McCrory (Anita Harris), Lee Ross (Peter James)
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Der Preis des Verbrechens: Herr der Fliegen (Trial & Retribution II, GB 1998)
Regie: Aisling Walsh
Drehbuch: Vaughan Kingham (nach einer Idee von Lynda La Plante)
mit David Hayman (D. S. Michael Walker), Kate Buffery (D. I. Pat North), Iain Glen (Damon Morton), Lindy Henry (Marilyn Spark), Andrew Buckley (Jimmy Garrett)
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Hinweise
Wikipedia über „Trial & Retribution“
Fernsehserien über „Der Preis des Verbrechens“
ITV über „Trial & Retribution“
TV-Tipp für den 2. Juli: Die barfüßige Gräfin
Juli 2, 2010
WDR, 23.15
Die barfüßige Gräfin (USA 1954, R.: Joseph L. Mankiewicz)
Drehbuch: Joseph L. Mankiewicz
Anhand des in einer langen Rückblende erzählten rasanten Aufstiegs einer spanischen Nachtclubtänzerin zu einem Hollywoodstar, die ihr Privatleben nicht in den Griff bekommt, rechnet Mankiewicz mit der Traumfabrik ab – und mystifiziert sie gleich wieder.
„Eine Seifenoper mit internationalem Rahmen.“ (Time Magazine)
„Mankiewicz’ Dialoge funkeln wie kostbarer Burgunder.“ (Hollywood Reporter)
Sein Drehbuch war für einen Oscar und den Preis der Writers Guild of America nominiert.
mit Humphrey Bogart, Ava Gardner, Edmond O’Brien, Marius Goring
Hinweise
TV-Tipp für den 1. Juli: Polizeiruf 110: Mit anderen Augen
Juli 1, 2010WDR, 20.15
Polizeiruf 110: Mit anderen Augen (D 2006, R.: Buddy Giovinazzo)
Drehbuch: Christian Limmer
Ein Serienkiller geht in München um. Ein Profiler aus den Vereinigten Staaten soll den Kommissaren Tauber und Obermaier helfen.
„Mit anderen Augen“ ist eine ziemlich durchgeknallte Thriller-Groteske. Die bayerischen Polizeirufe gehören zu den besten deutschen TV-Krimis.
Mit Edgar Selge, Michaela May, Udo Kier, Tayfun Bademsoy
Hinweise
DVD-Kritik: Die „Tropa de Elite“ schlägt zu
Juni 30, 2010
In Brasilien war „Tropa de Elite“ wie „City of God“ ein Kassenhit. Wie „City of God“ erzählt „Tropa de Elite“ ungeschönt aus dem Leben der Slums. Aber während in „City of God“ die Geschichte aus der Perspektive eines Jugendlichen, der nach einigen Wirren zum Fotoreporter wird, erzählt, nimmt „Tropa de Elite“ die entgegengesetzte Perspektive ein. Denn die „Tropa de Elite“ ist eine quasi-militärische Spezialeinheit der Polizei, die bei ihrem Kampf gegen die Verbrecher keine Gefangenen macht. Dabei schrecken sie auch nicht, wie der Film in quälender Ausführlichkeit zeigt, vor Folter von Kindern zurück.
„Tropa de Elite“ ist, im Gegensatz zu dem Ghetto-Drama „City of God“, ein rasant geschnittener Cop-Film, der keine Gefangenen macht. Er ist bitter, böse, kompromisslos und verdammt unterhaltsam. Denn Regisseur José Padilha bedient sich der Formensprache des Hollywood-Action-Kinos und von Musik-Clips.
Außerdem distanziert er sich niemals von seinen Polizisten. Er nimmt sogar ausdrücklich die Perspektive der Polizisten ein. Denn er erzählt die Geschichte, oft mit Voice-Over, aus der Perspektive von Captain Nascimento (gespielt von dem brasilianischen Star Wagner Moura), der als Chef einer Einheit der Batalhão de Operações Policiais Especiais (BOPE) seinen Nachfolger sucht. Seine Frau ist schwanger und der Dreißigjährige möchte für sein Kind ein guter Vater sein. Dafür ist allerdings der Einsatz an vorderster Front zu gefährlich. Als mögliche Nachfolger hat er zwei junge Polizisten im Blick: einer ist ein Hitzkopf, einer ist ein Denker, der nebenher Jura studiert und den Blick vor den Drogengeschäften der Studenten verschließt.
Außerdem muss Nascimentos Einheit – der Film spielt 1997 – vor dem Papstbesuch eine Favela verbrecherfrei machen. Denn wenn der Papst an einem bestimmten Ort übernachten will, wird vorher die Umgebung von Verbrechern gesäubert. Dass die eh schon gefährliche Arbeit der BOPE-Polizisten so noch schwieriger wird, interessiert die Regierung nicht.
Dieser Einsatz, bei dem die BOPE über dreißig Drogenhändler tötete, beruht, wie der gesamte Film, auf Tatsachen, die teilweise für den Film abgemildert wurden. So starben bei der BOPE-Ausbildung, die sich an der britischen SAS-Ausbildung orientiert, Bewerber und BOPE-Polizisten ermordeten BOPE-Kollegen, die im Verdacht standen, korrupt zu sein. Denn die BOPE ist, so wird den Bewerbern während der Ausbildung immer wieder eingetrichtert, im Gegensatz zur normalen Polizei, nicht korrupt.
Schonungslos zeigen Regisseur José Padilha (der mit der Dokumentation „Bus 174“ schon die andere Seite beschrieb) und die Autoren Bráulio Mantovani (auch „City of God“), Rodrigo Pimentel (der BOPE-Captain war) und John Kaylin den Kreislauf der Gewalt. Denn einerseits braucht man diese emotionslosen Spezialisten, die wie eine Spezialeinheit des Militärs aufräumen und so die ersten Pfähle von Rechsstaatlichkeit in einer von Gangstern und korrupten Polizisten beherrschten Gesellschaft einzurammen. Andererseits fachen sie mit ihren Handlungen den Kreislauf der Gewalt weiter an. Im Interview sagt Padilha, dass die BOPE zeige, wie krank die brasilianische Gesellschaft sei.
In Brasilien war der Film schon vor der Kinopremiere ein Hit. Zwischen elf und fünfzehn Millionen Brasilianer sahen die von einer während der Produktion geleakten Version gezogenen Raubkopien. Ins Kino gingen dann wieder über 2,5 Millionen Brasilianer und der Film wurde auch ein Kassenhit, der die Jugendkultur beeinflusste. Außerdem initiierte „Tropa de Elite“ eine Diskussion über das Agieren der BOPE.
Bei uns lief der Film auf der Berlinale und erhielt den Goldenen Bären.
Im Kino lief er dann, sicher auch weil er nur in einer untertitelten Version (mit einem Voice-Over des Erzählers Nascimento) und mit sehr wenigen Kopien lief, unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Auf DVD sollte der Film, der sich weit außerhalb der beruhigenden Konventionen des linksliberalen politischen Kinos bewegt, einige interessierte Zuschauer finden, die damit Leben können, dass das Ende nachhaltig verstört.
Denn die Macher bieten keine Lösung an, sondern werfen den Zuschauern einfach das mit BOPE geschaffene Problem vor die Füße. Insofern ist, weil nach „Tropa de Elite“ niemand mehr sagen kann, er habe nichts gewusst, das nihilistische Ende eine Aufforderung zum Handeln. Wobei für uns Europäer der Film nicht die Dringlichkeit hat, die er für sein Publikum in Brasilien hat.
Das Bonusmaterial besteht aus dem Trailer, einem fünfminütigen TV-Beitrag des Kulturmagazins „ttt – titel thesen temperamente“ und einem halbstündigem, sehr informativem Interview mit José Padilha. Er erzählt von den Vorbereitungen, den Dreharbeiten, den Reaktionen und dem Verhältnis von seinem Film zur Wirklichkeit. Padilha wollte ursprünglich einen Dokumentarfilm drehen, aber die Polizisten wollten nicht vor der Kamera sprechen und sich bei ihrer Arbeit filmen lassen. Einiges, wie die Ausbildung der BOPE, ist in der Wirklichkeit sogar noch schlimmer. Das Bonusmaterial ist daher die konzentrierte Ergänzung zu einem grandiosen, Diskussionen auslösendem Film.
In Brasilien startet Mitte August die Fortsetzung des Cop-Thrillers. José Padilha schrieb und inszenierte „Tropa de Elite 2“. Wagner Moura spielt wieder mit. Selbstverständlich gibt es noch keinen deutschen Starttermin.
P. S.: Der Trailer ist Scheiße.
Tropa de Elite (Tropa de Elite, Brasilien/USA 2007)
Regie: José Padilha
Drehbuch: Bráulio Mantovani, José Padilha, Rodrigo Pimentel, John Kaylin (Adaption)
LV: André Batista/Rodrigo Pimentel/Luiz Eduardo Soares: Elite da Tropa
mit Wagner Moura, André Ramiro, Caio Junqueira, Milhem Cortaz, Fernanda Machado, Maria Ribeiro, Paulo Vilela
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DVD
Bild: 1,85:1 (anamorph / 16:9)
Ton: Deutsch, Portugiesisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Interview mit José Badilha, „ttt – titel, thesen, temperamente“-Beitrag, Trailer
Länge: 111 Minuten
FSK: ab 18 Jahre
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Hinweise
Brasilianische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Tropa de Elite“
TV-Tipp für den 30. Juni: Parole Chicago
Juni 30, 2010Eins Festival, 21.20
Parole Chicago: Die Sache mit dem Ohrring/Ein todsicherer Trick (D 1980, R.: Reinhard Schwabenitzky)
Drehbuch: Heiner Schmidt
LV: Henry Slesar: Ruby Martinson (Ruby Martinson – 14 Geschichten um die größten erfolglosen Verbrecher der Welt erzählt von einem Freunde)
Mal wieder ein Griff in das Senderarchiv. „Parole Chicago“ ist eine dreizehnteilige Gaunerserie, die wahrscheinlich eher „komisch gemeint“ als „komisch“ ist und an die ich mich absolut nicht erinnern kann.
In der im Berlin der zwanziger Jahre spielenden Serie versuchen die beiden blöden Kleinkriminellen Harry und Ede mit genialen Raubzügen ihr Geld zu verdienen und fallen dabei regelmäßig auf die Schnauze.
Macher Reinhard Schwabenitzky inszenierte auch einige Didi-Filmen (keine Empfehlung) und die beiden Münchner „Tatorten“ „Die Macht des Schicksals“ und „Gegenspieler“ (Empfehlung, weil Ulf Miehe die Bücher schrieb).
„Parole Chicago“ war einer der ersten Filmauftritte von Christoph Waltz.
Mit Gottfried Vollmer, Christoph Waltz, Monika John, Susanne Herlet, Joachim Wichmann
Wiederholungen
Samstag, 3. Juli, 17.55 Uhr (beide Folgen)
Sonntag, 4. Juli, 14.15 Uhr (beide Folgen)
Hinweise
Eins Festival über „Parole Chicago“ (wenig Text, aber acht Bilder)
Veröffentlicht von AxelB 




