Böse Frauen (?): In Jodorowsky/Ladrönns „Die Söhne von El Topo: Abel“ trifft Lilith

März 30, 2020

Eine richtig böse Frau ist Lilith in Alejandro Jodorowskys „Die Söhne von El Topo: Abel“ nicht. Sie ist zwar ziemlich böse, herrisch und geldgierig, aber vor allem ist sie eine meist spärlich bis unbekleidete vollbusige Männerphantasie. Und damit passt sie perfekt in die mit christlichen Motiven vollgestopfte Welt einer in einer vulgären Italo-Western-Fantasiewelt spielenden Geschichte, die die Geschichte von „El Topo“ weitererzählt.

In den frühen Siebzigern hatte Alejandro Jodorowsky mit seinem psychedelischen Western „El Topo“ einen weltweiten Erfolg. Vor allem in den sogenannten Mitternachtskinos erfreute er sich großer Beliebtheit. Jodorowsky lieferte einfach die perfekten Bilder zum Trip. Schon damals wollte er eine Fortsetzung von seinem Kultfilm drehen. Im Lauf der Jahre zerschlugen sich alle Pläne. Auch die von ihm lange geplante Comicversion von „Die Söhne von El Topo“ kam erst 2016 zustande, als er José Ladrönn traf.

Im ersten „Die Söne von El Topo“-Comic „Kain“ konzentrierte er sich auf den titelgebende Kain, der als Kind von seinem Vater zurückgelassen wurde und sich als Erwachsener dafür rächen wollte.

Im zweiten Band erzählt Jodorowsky eine überraschend stringente Reisegeschichte, in der die beiden Brüder Kain und Abel zur Heiligen Insel reisen wollen. Abel will dort, am Grab seines Vaters, seine Mutter, eine Heilige, beerdigen. Kain, der böse Bruder, will dagegen die Goldenen Menhire. Und Lilith soll ihm dabei helfen.

Wenn sie die gefahrvolle Reise überleben.

Fortsetzung erbeten.

Alejandro Jodorowsky/José Ladrönn: Die Söhne von El Topo: Abel (Band 2)

(übersetzt von Monja Reichert)

Panini, 2020

72 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Glénat Editions, 2019

Hinweise

Homepage von José Ladrönn

Wikipedia über Alejandro Jodorowsky (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alejandro Jodorowskys „Die Söhne von El Topo: Kain (Band 1)“ (2017)

Meine Besprechung von Alejandro Jodorowskys „Endless Poetry“ (Poesía sin fin, Frankreich/Chile 2016)


TV-Tipp für den 15. Februar: Jodorowsky’s Dune

Februar 14, 2019

Arte, 21.45

Jodorowsky’s Dune (Jodorowsky’s Dune, Frankreich/USA 2013)

Regie: Frank Pavich

Drehbuch: Frank Pavich

Bevor David Lynch Frank Herberts SF-Saga „Der Wüstenplanet“ (Dune, 1965) verfilmte, sollte Alejandro Jodorowsky das Buch verfilmen. Die Verfilmung zerschlug sich. Die Pläne wurden legendär. Die Doku zeigt, warum Jodorowskys „Dune“ einer der großen nie gedrehten Filme ist. Jedenfalls wenn man sich die Ideen, Pläne und Visionen ansieht und anhört.

Aktuell ist Denis Villeneuve mit einer Verfilmung von „Dune“ beauftragt. Die Dreharbeiten sollen im Frühling beginnen und die Liste der Stars, die mitspielen, wird immer länger. Aktuell sind Timothée Chalamet (als Paul Atreides), Rebecca Ferguson, Josh Brolin, Charlotte Rampling, Javier Bardem, Dave Bautista, Stellan Skarsgård und, zuletzt, Josh Brolin dabei. Mit Zendaya und Oscar Isaac wird verhandelt. Einen Starttermin gibt es noch nicht.

Mit Alejandro Jodorowsky, Amanda Lear, Brontis Jodorowsky, Chris Foss, Christian Vander, Devin Faraci, Drew McWeeny, Gary Kurtz, H. R. Giger, Jean-Paul Gibon, Jean-Pierre Vignau, Michel Seydoux, Nicolas Winding Refn, Richard Stanley

Hinweise

Arte über die Doku (in der Mediathek bis zum 16. März)

Rotten Tomatoes über „Jodorowsky’s Dune“

Wikipedia über „Jodorowsky’s Dune“


Neu im Kino/Filmkritik: „Endless Poetry“ von und mit Alejandro Jodorowsky als alter und junger Mann

Juli 19, 2018

Das ist eine in jeder Beziehung erfreuliche Überraschung. Denn Alejandro Jodorowskys neuer Film „Endless Poetry“ feierte bereits 2016 in Cannes seine Premiere. Danach tourte er über die Festivals, wie das Filmfest München. Über eine deutsche Veröffentlichung war nichts zu hören. Dabei ist Jodorowsky kein Unbekannter. Sein weltweiter Durchbruch und größter Erfolg war 1970 der abgedrehte Western „El Topo“. 1973 folgte „Montana Sacra – Der heilige Berg“. Ein Fantasy-Film, der vor allem ein einziger psychedelischer Trip ist. Von einer auch nur irgendwie nachvollziehbaren Geschichte sprach da schon lange niemand mehr. Aber durch die vorherige Einnahme bewusstseinserweiternder Drogen war der Film damals im Kino sicher ein großer und dann auch sehr nachvollziehbarer Spaß. Weitere Filmprojekte folgten in großem Abstand . Andere zerschlugen sich. Legendär sind seine Vorarbeiten für eine Verfilmung von Frank Herberts „Der Wüstenplanet“. David Lynch verfilmte den Film dann als brave Auftragsarbeit. Alejandro Jodorowsky wurde derweil zum Comickünstler.

2013 präsentierte er in Cannes „The Dance of Reality“ (La Danza de la Realidad). Der Film ist der Auftakt zu einer autobiographischen Trilogie. In Deutschland wurde der Film nicht verliehen und auch nicht anderweitig veröffentlicht.

Endless Poetry“ ist der zweite Film der Trilogie, in der Jodorowsky sein Leben Revue passieren lässt. Mit aus dem ersten Film bekannten Schauspielern und vielen Familienmitgliedern vor und hinter der Kamera.

In „Endless Poetry“ entdeckt der am 17. Februar 1929 in Tocopilla, Chile, geborene Alejandro Jodorowsky schon als Kind seine Liebe zur Poesie. Er will sogar Dichter werden. Sein Vater, ein cholerischer und gewalttätiger Kaufmann lehnt das entschieden ab. Poesie sei etwas für Schwuchteln. Sein Sohn soll einmal das Familiengeschäft übernehmen. Aber Alejandro will einen anderen Weg gehen. Beginnend mit einigen Episoden aus Alejandros Kindheit und Jugend erzählt Alejandro Jodorowsky von seinem Eintauchen in die vibrierende Kunstszene von Santiago de Chile in den vierziger und fünfziger Jahren.

Endless Poetry“ ist ein farbiger, fantasievoller Bilderbogen voll surrealer Episoden, die als Erinnerungen immer subjektiv sind. Jodorowsky kümmert sich überhaupt nicht um die Frage, wie sehr diese und viele andere Episoden sich wirklich so zugetragen haben oder zugetragen haben könnten. Es geht um poetische Wahrheit. Und die ist hier immer vorhanden. Wenn der Faschismus sein autoritäres und kunstfeindliches Haupt erhebt, wenn Alejandros Mutter immer singt und er sich in die äußerst trinkfeste und schlagkräftige Dichterin Stella Díaz Varín verliebt, dann ist das näher bei Federico Fellini als bei einem handelsüblich-biederen Biopic. Jodorowsky erzählt hier Episoden aus den Jahren, in denen er als junger Mann die Welt der Kunst und die mit ihr verbundenen Freiheiten entdeckt. Es sind Jahre in denen, ohne an den nächsten Tag zu denken, alles möglich ist und alles ausprobiert wird: vom Sex über künstlerische Interventionen bei Veranstaltungen bis hin zum geraden Marsch durch die Stadt.

Und wenn der junge Alejandro an seinem Weg als Poet zweifelt, dann tritt der alte Alejandro Jodorowsky auf und gibt ihm kluge Ratschläge: „Das Leben hat keine Bedeutung, du musst es leben! Lebe! Lebe! Lebe!“

Der gesamte überaus zugängliche und lebensbejahende Film spielt im Kosmos verschiedener damals avantgardistischer Kunstbewegungen, die dann auch alle auf den Film und die einzelnen Episoden angewandt werden. Es ist ein herzerwärmender Surrealismus, dessen farbenprächtige Bilder auf die große Leinwand gehören.

Endless Poetry“ ist das Werk eines souveränen Künstlers, der als alter Mann altersweise auf sein Leben zurückblickt und der, das sieht man in jedem Bild des Films, im Herzen jung geblieben ist. Er ist immer noch voller Neugierde, Entdeckerfreude und überbordender Improvisationslust, die Budgetbeschränkungen als Herausforderungen ansieht und richtig altmodisches Kino macht, das problemlos auf am Computer erzeugte Bilder verzichten kann. Dafür werden Kulissen verschoben oder über die Straße geschoben.

1953, und damit endet „Endless Poetry“, verlässt Alejandro das immer autoritärer werdende Chile. Er geht nach Paris und der abschließende Teil von Jodorowskys Erinnerungs-Trilogie dürfte dann dort spielen.

Bis dahin ist „Endless Poetry“ der zugänglichste Einstieg in Jodorowskys surrealen Kosmos und auch einer der schönsten Filme des Sommers.

Endless Poetry (Poesía sin fin, Frankreich/Chile 2016)

Regie: Alejandro Jodorowsky

Drehbuch: Alejandro Jodorowsky

mit Adan Jodorowsky, Pamela Flores, Brontis Jodorowsky, Leandro Taub, Alejandro Jodorowsky, Jeremias Herskovits, Julia Avedaño, Bastián Bodenhöfer, Carolyn Carson, Adonis (ein echter Familienfilm)

Länge: 128 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Endless Poetry“

Metacritic über „Endless Poetry“

Rotten Tomatoes über „Endless Poetry“

Wikipedia über „Endless Poetry“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alejandro Jodorowskys „Die Söhne von El Topo: Kain (Band 1)“ (2017)


„Die Söhne von El Topo: Kain“ macht den Anfang

März 1, 2017

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In den siebziger Jahren war der surreale Western „El Topo“ ein Kultfilm, ein waschechter Mitternachtskinofilm, der als psychedelischer Trip glänzend funktioniert. In die deutschen Kinos kam der Film erst 1975. Die später erfolgte Indizierung wurde im Januar 2012 aufgehoben. Regisseur Alejandro Jodorowsky wurde mit dem Film zu einem Star, der Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“ inszenieren sollte. Daraus wurde nichts, aber in Cineastenkreisen werden die verschiedenen Skizzen und Entwürfe wie der heilige Gral herumgereicht.

Er wollte auch „El Topo“ fortsetzen. Aber alle Verfilmungspläne zerschlugen sich. Jetzt hat Jodorowsky mit Zeichner José Ladrönn eine Comicversion seines Drehbuchs erstellt. „Kain“, der erste Band der mehrbändigen Geschichte „Die Söhne von El Topo“ beginnt ziemlich langsam und endet mit zwei Fragen: Wie viele Seiten benötigt Jodorowsky, um seine Geschichte zu erzählen? Wird er genug Zeit haben, um sie in dieser Form zu erzählen?

Denn in „Kain“ werden wir nur in die Welt nach dem Tod von El Topo eingeführt und lernen seine beiden Söhne Kain und Abel kennen.

El Topo war ein gefürchteter Revolverheld, der zu einem Heiligen wurde und sich am Ende des Films umbrachte. Er hatte zwei Söhne.

Kain, der ältere der beiden Söhne (das wäre Miguel im Film), wurde von El Topo verflucht, damit er seinen jüngeren Halbbruder Abel nicht umbringen kann. Seitdem reitet der Verbrecher Kain als marodierender ‚Unsichtbarer‘ durch die Wüste.

Sein Bruder Abel reist mit einer Puppenschau durch die Gegend. Als seine Mutter stirbt, hat sie einen letzten Wunsch. Sie möchte neben El Topo „im selben Grab aus Honig und Steinen“ beerdigt werden. Es liegt auf einer Insel, die nur seelisch reine Menschen betreten können. Weil der Weg durch das Land gefährlich ist, schickt Abel den Adler Angela mit einer Botschaft für seinen Bruder los.

Der vielversprechende erste Band von „Die Söhne von El Topo“ liest sich gut und er ist auch – noch – konventioneller als „El Topo“.

Alejandro Jodorowsky/José Ladrönn: Die Söhne von El Topo: Kain (Band 1)

(übersetzt von Monja Reichert)

Panini, 2017

64 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

Glénat, 2016

Hinweise

Homepage von José Ladrönn

Wikipedia über Alejandro Jodorowsky (deutsch, englisch)


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