Neu im Kino/Filmkritik: „Pitbull – Exodus“, Bomben und Morden auf polnisch

November 21, 2021

Seinen neuen Film hat Patryk Vega in zwei Fassungen inszeniert und, um jetzt etwas Verwirrung reinzubringen, ihnen unterschiedliche Titel gegeben. Die in polnisch aufgenommene Fassung heißt „Pitbull“, die englische Fasung „Exodus“. Einmal sprechen die Schauspieler polnisch, einmal englisch.

Ich habe die englische Fassung gesehen, aber weil mir der polnische Titel „Pitbull“ besser gefällt, bleibe ich beim polnischen Titel. Denn die Hauptfigur hat etwas von einem Pitbull. Schon als Kind spielte er gerne mit Sprengstoff. Später professionalisierte er sich als Sprengstoffexperte und er wurde, zuerst als jugendlicher Zuhälter, dann als Mitglied der Pershing-Gruppe, zu einem Verbrecher, der für unzählige Bombenattentate verantwortlich ist.

Diesen Aufstieg vom Kind, das in einem Haus aufwächst wird, im dem seine Mutter einen Puff betrieb, über einen kleinen Zuhälter (der von seinen Huren entjungfert wird) zu einem der Größen des polnischen organisierten Verbrechens erzählt ‚Nase‘ selbst; mit steinerner Mine und einem abgehacktem Primitiv-Englisch à la Sylvester ‚Rambo‘ Stallone (mit einem Hauch Arnold ‚Terminator‘ Schwarzenegger). Vega schildert Nases Erwachsenwerden so übertrieben, dass es sich wie eine Parodie auf die normalen Gangster-Aufstiegsgeschichten ansieht und -hört.

Nach ungefähr einem Drittel kommt ein plötzlicher Bruch. Plötzlich steht eine Bande jugendlicher Einbrecher im Mittelpunkt. Sie sind die polnische Version des „Bling Ring“, nur etwas intelligenter. Immerhin studieren sie Informatik an der Universität. Ein Zusammenhang zwischen ihren Einbrüchen und Nases Verbrechen ist nicht erkennbar. Erst als sie bei Nase einbrechen und auch seine geliebte Jacke mitgehen lassen, gibt es einen Zusammenhang, der dann zum letzten und schwächsten Teil des Thrillers führt. Denn jetzt kämpfen Nase, der ihn seit Ewigkeiten verfolgende Polizist Gebel, die jugendlichen Einbrecher und weitere Verbrechergruppen gegeneinander. Dieser Teil besteht aus einer verwirrenden Zahl von sich bekämpfenden Gruppen und aus dem Hut gezauberten Überraschungen.

Somit wirkt „Pittbull“ wie eine Zusammenstellung von drei, kontinuierlich schlechter werdenden Kurzfilmen. Vega erzählt das, wie in seinen vorherigen Filmen, wenig subtil und mit viel Gewalt.

Das unterscheidet sich nicht von ähnlich gelagerten US-amerikanischen B-Pictures, in denen Polizisten und Verbrecher nur an ihrer Dienstmarke erkennbar sind und sie alle, um ihr Ziel zu erreichen, skrupellos eine Spur der Verwüstung und Berge von Leichen hinterlassen.

Aber die Besetzung mit hier unbekannten polnischen Schauspielern, die absolut nicht irgendeinem Hollywood-Schönheitsideal entsprechen, und der filmisch unverbrauchte Handlungsort, sind dann für Genrejunkies mit reduzierten Erwartungen doch einen Blick wert.

Pitbull – Exodus (Pitbull, Polen 2021)

Regie: Patryk Vega

Drehbuch: Patryk Vega

mit Andrzej Grabowski, Przemysław Bluszcz, Jan Błachowicz, Tomasz Dedek, Sebastian Dela, Jan Hrynkiewicz

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Pitbull – Exodus“

Meine Besprechung von Patryk Vegas „Bad Boy“ (Bad Boy, Polen 2020)

Meine Besprechung von Patryk Vegas „Small World (Small World, Polen 2021)

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Bad Boy“: Hooligans, Fußball und Verbrechen in Polen

März 7, 2020

Pawel und Piotr sind Brüder, die schon lange getrennte Wege gehen. Pawel ist fanatischer Fan des Fußballclubs Unia und Hooligan. Die Hooliganbande, bei der er Mitglied ist, ist knietief in kriminelle Aktivitäten verstrickt. Piotr ist Polizist. Jetzt soll er Beweise gegen diese Hooligangruppe sammeln. Dafür soll er in einem Undercover-Einsatz die Beziehung zu seinem Bruder auffrischen.

Fans von Gangsterfilmen kennen die Geschichte vom Undercover-Cop, der in sein altes Milieu zurückkehrt um einen Verbrecherboss zu überführen. Auch die zweite Geschichte, die Patryk Vega erzählt, ist für Fans von Gangsterfilmen eine vertraute Geschichte. Es geht um den mit Gewalt und Leichen gepflasterten Aufstieg von Pawel. Zuerst in der Hooliganbande vom Fußsoldaten zum Anführer. Später, mit der Hilfe der Anwältin Ola, die ebenfalls undercover arbeitet und ihm als Piotrs Freundin vorgestellt wird, steigt er weiter auf. Als Drogenhändler und als Vorsitzender seines Fußballvereins.

Vega erzählt beide Geschichten mit viel Gewalt und interessanten Wendungen, die bis zum Ende immer wieder überraschen. Inwiefern er in dieser von wahren Ereignissen inspirierten Geschichte die wahren Verhältnisse in Polen, der dortigen Hooliganszene und der Verflechtung von Hooligans, Verbrechern und Kapital überzeichnet, ist mir unklar. In jedem Fall sind polnische Hooligans als sehr gewaltbereit und sehr rechts bekannt. Verbindungen zum Organisierten Verbrechen liegen nahe. Aber ob es ihnen auch gelingt, als Hooliganbande durch das geschickte Ausnutzen von Vereinsregeln einen ganzen Verein zu übernehmen, weiß ich nicht.

Dass Pawel und seine ständig gewaltbereiten Hooligenfreunde nicht zu Identifikationsfiguren taugen, ist klar. Aber auch alle anderen Figuren in Vegas Gangsterfilm „Bad Boy“ sind denkbar unsympathisch und befreit von mitmenschlichen Gefühlen. Für sie zählt nur Gewalt und das skrupellos durchgesetzte Recht des Stärkeren. Einzig Piotrs Vorgesetzter Adam ist in dieser Welt halbwegs sympathisch. Immerhin sorgt er sich um Piotr und er will, die Regeln befolgend, etwas gegen das Organisierte Verbrechen unternehmen. Allerdings stiftet er Piotr an, seinen Bruder Pawel auszuspionieren und so Beweise für eine Gefängnisstrafe zu sammeln. Dadurch initiiert er alle weiteren Ereignisse.

Bad Boy“ zeichnet ein sehr düsteres Bild der polnischen Gesellschaft. Und auch im Rahmen der Genrekonventionen fällt „Bad Boy“ sehr düster aus.

Patryk Vega inszenierte vorher „Pitbull“, „Women of Mafia“ und, anscheinend ist das sein einziger in Deutschland öffentlich präsentierter Film, „Hans Kloss – Spion zwischen den Fronten“. Sein nächster Film „Small World“ befindet sich gerade in der Postproduktion. Es geht um die Entführung von Kindern, die zu Sexsklaven werden, und einem Polizisten, der dagegen kämpft.Ein deutscher Kinostart ist nicht ausgeschlossen.

Bad Boy (Bad Boy, Polen 2020)

Regie: Patryk Vega

Drehbuch: Olaf Olszewski, Patryk Vega

mit Antoni Królikowski, Maciej Stuhr, Andrzej Grabowski, Piotr Stramowski, Małgorzata Kożuchowska, Katarzyna Zawadzka, Zbigniew Zamachowski, Kamil Grosicki

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Bad Boy“

Wikipedia über Patryk Vega


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