Neu im Kino/Filmkritik: „Retribution“ – über das neueste Remake eines spanischen Thrillers

September 16, 2023

Zum ersten Mal wurde die Geschichte vor acht Jahren in dem spanischen Thriller „Anrufer unbekannt“ (El Desconocido, 2015) erzählt. Ein deutsches und ein südkoreanisches Remake folgten. Und jetzt gibt es ein weiteres Remake. Wieder spielt die Geschichte, wie vor fünf Jahren in „Steig. Nicht. Aus!“ in Berlin. Wieder jagt ein unbekannter Bösewicht Menschen mit Autobomben in die Luft. Sein jüngstes Opfer ist Matt Turner (Liam Neeson). Als der Investmentbanker seine beiden Kinder zur Schule fährt, wird er angerufen. Der Anrufer sagt ihm, dass sich eine Bombe in seinem Auto befindet und sie explodieren werde, wenn er sich nicht an seine Anweisungen hält.

Und los geht die bombige Fahrt durch Berlin; – also ein Film-Berlin, das mit dem echten Berlin nichts zu tun hat. Regisseur Nimród Antal viel im Regierungsviertel und fügte die Locations so zusammen, dass das Bild einer sauberen, modernen, westlichen Großstadt entsteht. Aber niemand, der die Drehorte erkennt, wird länger als eine halbe Minute versuchen, die Locations zu einer real gefahrenen Strecke zusammenzufügen. Ich gab auf, nachdem Turner sein morgendliches Boxtraining mit Blick auf den Tiergarten beendete und sich in sein Auto setzte.

Die Story ist weitgehend bekannt und taugt eigentlich für einen spannenden Thriller. Nur dass hier, im Gegensatz zu „Steig. Nicht. Aus!“ alles schlechter erzählt wird. Spannungsmomente werden konsequent verschenkt. Anstatt Suspense gibt es Langeweile. Das gilt für etwaige Konflikte in Turners Auto zwischen ihm und seinen Kindern. Das gilt für seine Verhandlungen mit dem Erpresser und mit der Polizei. Die glaubt, dass er seine Kinder entführt hat und für die Bombenanschläge verantwortlich ist. Nur eine Polizistin glaubt ihm. Die Figuren sind austauschbar. Und deren Ableben ist uns egal. Das war in „Steig. Nicht. Aus!“ anders.

Während des Films wird uns der Erpresser als Genie, das immer alles bedacht hat und das die Fäden in der Hand hat, verkauft. Am Ende, wenn der Täter dann alles erklärt, müssen wir erkennen, dass sein unglaublich umständlicher Plan aus einer Abfolge von Hoffnungen über das Verhalten seiner Opfer und wilden Improvisationen besteht.

Die Lösung, also wer der Täter ist und warum er all die Menschen umbrachte, ist anders als in „Steig. Nicht. Aus!“. Leider. Denn das Motiv des Täters in „Steig. Nicht. Aus!“ knüpft an großstädtische Probleme an und thematisiert ein gesellschafltich wichtiges Thema. Darüber konnte nach dem Abspann noch diskutiert werden. Über das Motiv des Täters in „Retribution“ muss nicht weiter diskutiert werden.

Obwohl Nimród Antals Remake kürzer als Christian Alvarts Remake ist, fühlt sich die neueste Auflage von „Anrufer unbekannt“ (El Desconocido, 2015) eindeutig länger an.

Immerhin gibt es für das deutsche Publikum einen garantierten Lacher, über den ich jetzt nichts sagen kann, weil ich dann, egal wie ich es formulieren würde, den Täter verraten würde.

Retribution“ ist der nächste Generic-Liam-Neeson-Thriller, den man sich irgendwann aus Langeweile ansehen kann.

Unbedingt ansehen sollte man sich Christian Alvarts viel gelungenere Version der Geschichte anzusehen. Sein „Steig. Nicht. Aus!“ ist, trotz kleiner Schwächen, ein spannender Berlin-Thriller.

Retribution (Retribution, Großbritannien 2023)

Regie: Nimród Antal

Drehbuch: Chris Salmanpour (basierend auf „El Desconocido“ von Alberto Marini)

mit Liam Neeson, Noma Dumezweni, Lilly Aspell, Jack Champion, Arian Moayed, Embeth Davidtz, Matthew Modine, Emily Kusche

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Retribution“

Moviepilot über „Retribution“

Metacritic über „Retribution“

Rotten Tomatoes über „Retribution“

Wikipedia über „Retribution“

Meine Besprechung von Nimród Antals „Metallica: Through the Never“ (Metallica Through the Never, USA 2013)

Meine Besprechung von Christian Alvarts „Steig. Nicht. Aus!“ (Deutschland 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: „Rock the Kasbah“ – ein Rockmanager in Afghanistan

März 24, 2016

Bill Murray als abgehalfterter Rockmanager Richie Lanz, der das Angebot erhält, mit einem seiner Talente eine gut bezahlte Tour in Afghanistan vor kulturhungrigen US-Soldaten zu machen – das klingt nach dem Auftakt für eine gelungene Satire über das Musikgeschäft, US-Kriegseinsätze und die US-Außenpolitik.

Vor allem, weil Barry Levinson die Regie übernahm.

Genau, der Levinson, der mit „Wag the Dog“ eine der besten (vielleicht sogar die beste) Satire über das politische Geschäft in Washington und wie Außenpolitik für innenpolitische Ziele benutzt wird, erzählte.

Und dann ist „Rock the Kasbah“ ein durchaus prominent besetztes Desaster, das niemals auch nur im Ansatz die satirische Schärfe von „Wag the Dog“ erreicht. Dort wurde ein Krieg in Albanien inszeniert, um im Wahlkampf dem US-Präsidenten eine weitere Amtszeit zu sichern. In „Rock the Kasbah“ geht es jetzt nach Afghanistan und die geplante Satire erstickt in Klischees und gut gemeinten Absichten, die nichts über den Handlungsort und die dortige politische Gemengelage verraten.

Kurz nachdem Lanz mit seiner Sängerin Ronnie (Zooey Deschanel) in Kabul angekommen ist, verschwindet sie mit der Hilfe von Bombay Brian (Bruce Willis in einer weiteren Minirolle, die er ohne spürbares Engagement erledigt), einem Söldner, der gerade seine Biographie schreibt, aus der Stadt und aus dem Film.

Lanz, der jetzt vollkommen pleite ist, lässt sich überzeugen, bei einem von zwei bestenfalls halbseidenen amerikanischen Geschäftemachern eingefädeltem Waffengeschäft mit Paschtunen mitzumachen. Er soll einige Waffen in deren Dorf abliefern.

Dort entdeckt er in einer Höhle Salima (Leem Lubany), die ihn mit ihrem Gesang verzaubert. Er will ihre Stimme der Welt schenken. Der erste Schritt ist ein Auftritt in der enorm beliebten Pop-Show „Afghan Star“ (so etwas wie „Deutschland sucht den Superstar“), wo noch niemals eine Frau auftrat.

Ab diesem Moment wird Satire endgültig gegen Schmalz und Sentiment ausgetauscht. Afghanistan bleibt weiterhin die beliebig austauschbare Kulisse für die Abenteuer eines US-Amerikaners, der orientierungslos durch die Welt stolpert.

Genau wie die Macher von „Rock the Kasbah“, die letztendlich nicht wissen, welche Geschichte sie erzählen wollen. Das zeigt sich auch an der Widmung. „Rock the Kasbah“ ist Setara Hussainzada gewidmet, der ersten Frau, die in „Afghan Star“ unverschleiert auftrat und, auch ohne ihre Geschichte zu kennen (sie wird in der 2009er Doku „Afghan Star“, neben einer Mitbewerberin und zwei Mitbewerbern, porträtiert), wäre eben diese Emanzipationsgeschichte einer Frau, die sich von den Fesseln ihrer Gemeinde löst, ein besserer Film geworden als diese bestenfalls halbgare und nicht besonders witzige Mischung aus mindestens zwei Musikkomödien, gewollt herzigem Feelgood-Movie und oberflächlicher Satire, die vor allem Klischees und Vorurteile bestätigt.

Denn „Rock the Kasbah“ wird durchgehend aus einem imperialistischen Blickwinkel erzählt, in dem die Amerikaner den rückständigen Einheimischen die Werte der Moderne beibringen müssen. Insofern ist es auch egal, dass Kasbah ein vor allem in den Maghreb-Staaten gebräuchliches Wort für Festung ist und der Punkrockklassiker „Rock the Casbah“ von The Clash nicht im Film ist. Dafür gibt es mehrere, gut abgehangene Songs von Cat Stevens.

Und wenn man die grandiose Komödie „Tere bin Laden“ (Indien 2010) kennt, die sich schon vor Jahren mit fast den gleichen Fragen beschäftigte, ist die Möchtegern-Satire „Rock the Kasbah“ noch enttäuschender.

Rock The Kasbah - Plakat

Rock the Kasbah (Rock the Kasbah, USA 2015)

Regie: Barry Levinson

Drehbuch: Mitch Glazer

mit Bill Murray, Bruce Willis, Kate Hudson, Zooey Deschanel, Scott Caan, Danny McBride, Taylor Kinney, Leem Lubany, Arian Moayed, Beejan Land

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Rock the Kasbah“

Metacritic über „Rock the Kasbah“

Rotten Tomatoes über „Rock the Kasbah“

Wikipedia über „Rock the Kasbah“

Meine Besprechung von Barry Levinsons „The Bay“ (The Bay, USA 2012)

Westliche Kulturarbeit