LV: Victor Hugo: Les Misérables, 1862 (Die Elenden)
Genaugenommen handelt es sich nicht um eine TV-Premiere, weil der fast dreistündige Film bereits schon mindestens einmal im deutschen Fernsehen lief (laut OFDb am 9. Oktober 1999 um 06.05 Uhr auf RTL II [kein Kommentar]). Aber er ist hier vollkommen unbekannt, obwohl Claude Lelouch („Ein Mann und eine Frau“) die Regie führte und das Drehbuch schrieb, Jean-Paul Belmondo die Hauptrolle spielt (und er dabei in drei Rollen brilliert), die Vorlage Victor Hugos „Les Misérables“, ein vielfach verfilmter Nationalklassiker, ist, der Film in Frankreich in der Startwoche auf dem ersten Platz stand, er von Kritikern gelobt wurde und den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film erhielt.
Bemerkenswert bei Lelouchs Adaption von Hugos Roman, der die Geschichte des ehemaligen Sträflings Jean Valjean erzählt, der nach seiner Haft in der Gesellschaft aufsteigt, aber immer Angst davor hat, dass jemand von seiner Haft erfährt, sind die Freiheiten, die Lelouch sich nimmt. Er verlegt die Geschichte in die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und er lässt die Geschichte auf mehreren Zeitebenen spielen, unter anderem während der Nazi-Zeit.
mit Jean-Paul Belmondo, Michel Boujenah, Alessandra Martines, Salomé Lelouch, Annie Girardot, Philippe Léotard, Robert Hossein
auch ‚bekannt‘ als „Les Misérables“
Wiederholung: Sonntag, 9. Juni, 11.25 Uhr
Hinweise
Arte über den Film (nach der Ausstrahlung in der Mediathek neben anderen Filmen von Claude Lelouch)
Ein glückliches Jahr (La bonne année, Frankreich/Italien 1973)
Regie: Claude Lelouch
Drehbuch: Claude Lelouch
Am Silvesterabend wird Juwelendieb Simon vorzeitig aus der Haft entlassen. Im neuen Jahr will er mit seiner früheren Geliebten Françoise wieder an alte Zeiten anknüpfen. Aber sie will nicht.
Wunderschöne Krimiromanze, die mehr Romanze als Krimi ist.
Mit Lino Ventura, Françoise Fabian, Charles Gérard, André Falcon
Vor über fünfzig Jahren begegneten sich ein Mann und eine Frau. Heute sind sie älter und Claude Lelouch erzählt, wie Jean-Louis Duroc und Anne Gauthier jetzt leben, was sie in den vergangenen Jahrzehnten taten und wie sie sich an diese Begegnung, die Lelouch 1966 in seinem Film „Ein Mann und eine Frau“ erzählte, erinnern. Der Liebesfilm, mit Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée in den Hauptrollen, war damals ein Kassenerfolg. Die ins Ohr gehenden Chansons von Francis Lai halfen. Die Story ist reinster Kitsch. Aber die Idee, dass der Mann und die Frau verwitwet sind und alleine ihr Kind, ein Junge und ein Mädchen, groß ziehen müssen, verlieh der Geschichte einen neuen und sehr zeitgemäßen Touch. Die Machart, es wurde schnell und mit einem geringen Budget gedreht, sorgte für Authentizität. Heute gilt das Liebesdrama als Nouvelle-Vague-Klassiker; – wobei bei dieser Labelung ein sehr weiter Begriff von Nouvelle Vague benutzt wird.
Vor über dreißig Jahren drehte Lelouch, wieder mit Trintignant und Aimée, die Fortsetzung „Ein Mann und eine Frau: Zwanzig Jahre später“ (Un homme et une femme, Frankreich/USA 1986), die den Erfolg des ersten Films nicht wiederholen konnte und die, soweit ich es überblicke, für den dritten Film mit dem Traumpaar Aimée/Trintignant ignoriert wurde.
Der frühere Rennfahrer Jean-Louis Duroc lebt inzwischen in einem Altersheim und ist mit den normalen Gebrechen des Alters geschlagen. Die Beine machen nicht mehr mit. Das Gedächtnis ebenso. Dafür erinnert er sich umso lieber an seine Vergangenheit, vor allem an die Begegnung mit dem Skriptgirl Anne Gauthier und ihre kurze, aber unglückliche Beziehung.
Deshalb besucht sein Sohn Antoine die immer noch überaus agile Anne. Sie lebt in der Normandie, führt einen kleinen Laden und ist Großmutter. Antoine hofft, dass eine neuerliche Begegnung mit Anne eine positive Auswirkung auf den Zustand seines Vaters hat.
Anne besucht Jean-Louis in der mondänen Seniorenresidenz. Beim Anblick seiner verflossenen großen Liebe beginnt er aufzublühen. Er erzählt dieser Frau, die ihn an Anne erinnert, von Anne.
Wie schon in „Ein Mann und eine Frau“ bestand das Drehbuch für „Die schönsten Jahre eines Lebens“ nur aus wenigen Seiten. Wieder wurde sehr schnell gedreht (laut Lelouch dauerten die Dreharbeiten 13 Tagen) und beim Dreh wurde viel improvisiert. Im Schneideraum destillierte Lelouch dann aus dem Material den Film, der vor allem von seiner Stimmung lebt.
Denn „Die schönsten Jahre eines Lebens“ ist ein Erinnerungsfilm. Anne und Jean-Louis sind von ihrer Vergangenheit, den wenigen Tagen, die sie damals zusammen verbrachten, umstellt. Sie reden darüber. Langsam, tastend, immer in Andeutungen, die es ihnen ermöglichen, sich zurückzuziehen. Das ist, vor allem in der ersten, 19 Minuten dauernden Begegnung zwischen Jean-Louis und Anne im Park des Seniorenheims, große Schauspielkunst. Trintignant und Aimée führen ein spontan klingendes, aber in diesem Fall aufgeschriebenes und von Lelouch während des Drehs gesteuertes Gespräch, das präzise die Struktur von Erinnerungen erfasst.
Später besuchen Anne und Jean-Louis wieder die Orte, an denen sie vor über fünfzig Jahren waren. Die Vergangenheit durchdringt dabei immer wieder die Gegenwart. Mal subtil, mal eindeutig, wenn Jean-Louis vor einem Hotel sein damaliges Auto sieht.
Dazu zeigt Lelouch minutenlang Bilder aus „Ein Mann und eine Frau“ und aus seinem neunminütigem Kurzfilm „C’était un rendez-vous“ (1976). Die Bilder des Kurzfilms zeigen jetzt, wie Jean-Louis (in Wirklichkeit war Lelouch der Fahrer) durch das frühmorgendliche Paris rast und alle roten Ampeln ignoriert, um rechtzeitig am Bahnhof anzukommen, um Anne seine Liebe zu gestehen. Auch über diese teils farbentsättigten, teils schwarzweißen Bilder reden sie. Oder es ertönen Chansons, die bis zur letzten Minute ausgespielt werden und teilweise schon aus „Ein Mann und eine Frau“ bekannt sind.
Lelouch verwebt diese Erinnerungen mit zwei Interviews mit Anne und Fantasien von Jean-Louis, der sie als Bonnie und Clyde Polizisten töten und Tankstellen überfallen sieht. Ihr Fluchtfahrzeug ist dabei eine Ente, die aber, wenn Jean-Louis sie fährt, mindestens hundert Stundenkilometer fährt.
Lelouch zeichnet sehr genau die Struktur von Erinnerungen, das Irrlichtern zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Tagträumen nach. Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée spielen sich wie ein altes Ehepaar die Bälle zu. Die Chansons und die Bilder aus „Ein Mann und eine Frau“ (den man nicht gesehen haben muss, um „Die schönsten Jahre eines Lebens“ zu genießen, ich würde sogar behaupten, nicht gesehen haben sollte, weil „Die schönsten Jahre eines Lebens“ nicht wie eine Fortsetzung von „Ein Mann und eine Frau“, sondern wie ein Palimpset funktioniert.) wecken wohlige Erinnerungen an die Vergangenheit. Es geht um Stimmungen, Bilder, Gedanken und das endlose Umkreisen und Verweilen in einem Moment.
Die schönsten Jahre eines Lebens (Les plus belles années d’une vie, Frankreich 2019)
Regie: Claude Lelouch
Drehbuch: Claude Lelouch, Valérie Perrin, Pierre Uytterhoeven
mit Anouk Aimée, Jean-Lous Trintignant, Souad Amidou, Antoine Sire, Marianne Denicourt, Monica Belluci, Tess Lauvergne, Vincent Vinel
Länge: 90 Minuten
FSK: ab 6 Jahre (empfohlen allerdings eher ab 60 Jahre, denn mit 66 fängt das Leben an und, wie Victor Hugo sagte: „Die besten Jahre eines Lebens sind all jene, die man noch nicht gelegt hat.“)
Der Clou von Paris (Le Voyou, Frankreich/Italien 1970)
Regie: Claude Lelouch
Drehbuch: Claude Lelouch, Claude Pinoteau, Pierre Uytterhoeven
Ein sympathischer Berufsverbrecher entführt einen fünfjährigen Jungen. Während der Lösegeldverhandlungen bemerkt er, dass er sich sehr gut mit dem Jungen versteht. Und danach beginnen seine wirklichen Probleme.
Eine seit Ewigkeiten nicht mehr, falls überhaupt jemals im TV gezeigte Gaunerkomödie.
„Erfrischend gespielte Krimi-Komödie mit einem hervorragenden Hauptdarsteller. Die eleganten formalen Spielereien können auf Dauer aber nicht die Banalität der Handlungs- und Typenklischees verdecken.“ (Lexikon des internationalen Films)
Lelouch ist vor allem für seine Liebesfilme bekannt. Er inszenierte u. a. „Ein Mann und eine Frau“, „Ein glückliches Jahr“, „Ein Hauch von Zärtlichkeit“, „Der Mann, der mir gefällt“ und „Die Entführer lassen grüßen“.
Die Entführer lassen grüßen (Frankreich/Italien 1971, Regie: Claude Lelouch)
Drehbuch: Claude Lelouch, Pierre Uytterhoeven
Fünf Gauner entdecken Entführungen als Geschäftsmodell. Ihre Geisel werden immer höhere Repräsentanten der Gesellschaft.
Laue, extrem selten gezeigt Komödie, die sich – weil viel zu undifferenziert – erfolglos in Gesellschaftskritik versucht. „Die Entführer lassen grüßen“ ist, trotz einiger gelungener Szene, wirklich kein wichtiger Lelouch- oder Ventura-Film.
„Mäßig unterhaltsame Burleske mit oberflächlicher Kritik an Ideologien; stellenweise amüsant, doch überwiegend auf billige Gags und mäßige Späße ausgerichtet.“, schrieb der Katholische Film-Dienst zutreffend zum deutschen Kinostart.
Meinolf Zurhorst und Lothar Just urteilten in ihrem „Lino Ventura“-Buch ähnlich: „Lelouch, gerühmt von den Schauspielern für seine Improvisationsfreude und die Freiheit, die er seinen Darstellern lässt, trat mit ‚Die Entführer lassen grüßen’ in viele Fettnäpfchen. Sein Film ist nicht nur Gaunerkomödie, sondern auch eine deftige, nicht immer geschmacksichere Politiksatire, die alles über einen Kamm schert, seien es lateinamerikanische Freiheitsbewegungen oder die Aktivitäten der CIA…Lelouchs eigenwilliger Stil, immer auf knallige Effekte bedacht und konsumfreundlich, eingängig unterstützt durch die Musik von Francis Lai, lässt dabei manch gelungene Szene zu, etwa jene, in der die Ganoven am strand verschiedene Annäherungstaktiken für die da liegenden Schönheiten einüben. Man spürt förmlich den Spaß, den die Hauptdarsteller bei der Arbeit gehabt haben.“ Nur überträgt sich dieser Spaß nicht ins Wohnzimmer.
Mit Lino Ventura, Jacques Brel, Charles Denner, Yves Robert, Johnny Hallyday (als er selbst), Juan Luis Buñuel, André Falcon
Ein glückliches Jahr (Frankreich/Italien 1973, Regie: Claude Lelouch)
Drehbuch: Claude Lelouch
Am Silvesterabend wird Juwelendieb Simon vorzeitig aus der Haft entlassen. Im neuen Jahr will er mit seiner früheren Geliebten Françoise wieder an alte Zeiten anknüpfen. Aber sie will nicht.
Wunderschöne Krimiromanze, die mehr Romanze als Krimi ist.
Der gelungene Auftakt einer kleinen Claude-Lelouch-Reihe, in der Arte vier seiner Filme in restaurierten Fassungen zeigt. Weitere Informationen hier.
Anschließend, um 22.10 Uhr, läuft Lelouchs damals unglaublich erfolgreiche Edelschnulze „Ein Mann und eine Frau“ (Frankreich 1966), die auch am Anfang von „Ein glückliches Jahr“ zitiert wird.
Mit Lino Ventura, Françoise Fabian, Charles Gérard, André Falcon