Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Lena Stahls Juli-Zeh-Verfilmung „Corpus Delicti“

Oktober 1, 2026

„Corpus Delicti“ ist Abiturlektüre, aber all die faulen Schüler, die jetzt denken, das unkonzentrierte Ansehen des Films erspare ihnen das mühame Lesen des Buches, muss ich aus- und nachdrücklich warnen. Denn Lena Stahl, Drehbuchautorin und Regisseurin des Films, hat mit dem Einverständnis von Juli Zeh den Roman sehr frei bearbeitet. Eigentlich haben Roman und Film bis auf einige Details, Namen und die Idee einer Gesundheitsdiktatur (die für die Geschichte eher unwichtig ist) nichts miteinander zu tun.

Im Buch geht es vor allem um den Prozess gegen die Biologin Mia Holl wegen methodenfeindlichen Umtrieben und anderen Delikten.

Im Film geht es vor allem um den Prozess gegen Mias Bruder. Er soll einen Mord begangen haben. Der Beweis des Staates sind DNA-Spuren am Tatort. Sie beweisen eindeutig seine Schuld. Aber Mia glaubt nicht, dass ihr Bruder der Mörder ist.

Der Film ist, von der Struktur, ein Science-Fiction-Kriminalfilm. Die Vorlage eher ein sehr lose an der Struktur eines Gerichtsverfahrens orientiertes Gedankenspiel, das sich nicht um Spannungsaufbau kümmert. Das Buch beginnt mit dem Urteil gegen Mia Holl. Kurz vor der Buchmitte enthüllt Mia in einem Gespräch mit ihrem Anwalt Rosentreter und dem Journalisten Kramer, die Sache, die die Unschuld ihres Bruders beweisen kann und die im Film die große Enthüllung gegen Ende des Films ist.

Insgesamt ist die Filmgeschichte besser konstruiert und stringenter erzählt als die Romangeschichte. Aber besser ist noch lange nicht gut.

Beide Male spielt die Geschichte in der Mitte des Jahrhunderts in Deutschland in einer Gesundheitsdiktatur. „Gesundheit ist ein Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens – und nicht die bloß Abwesenheit von Krankheit. (…) Gesundheit führt über die Vollendung des Einzelnen zur Vollkommenheit des gesellschaftlichen Zusammenseins. Gesundheit ist das Ziel des natürlichen Lebenswillens und deshalb natürliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik. Ein Mensch, der nicht nach Gesundheit strebt, wird nicht krank, sondern er ist es schon.“ (Zeh: Corpus Delicti, Seite 7/8)

Die Regierung überwacht jede Körperfunktion. Nachbarn und Kollegen helfen dabei. Es ist allerdings auch eine seltsam unterentwickelte Welt. Im Film fliegen immer wieder Drohnen durch das Bild. Es gibt eine in die Straße eingebaute Sperre, die Mias Auto beim Verlassen der Hygienezone automatisch abschaltet. Danach kann sie immer noch zu Fuß weitergehen. Irgendwelche direkten Folgen, wie eine Strafe oder ein Gespräch in der nächsten Polizeistation, scheint der Grenzübertritt nicht zu haben. Den Menschen wurden Chips implantiert, die alle ihre Körperfunktionen überwachen.

Aber gleichzeitig scheint es keine Überwachungskameras zu geben. Eine Drohne verfolgt Mia mit Scheinwerfern durch den Wald. Über irgendeine Art von Wärmebildkameras scheinen die Drohnen nicht zu verfügen.

Und was die Frage der Gesund mit dem Mord zu tun hat, bleibt unklar. Eine profane Datenbank mit der DNA von jedem Bürger hätte es auch getan; – aber dann hätte es die Anklage wahrscheinlich nie gegeben.

Damit kämen wir zum nächsten großen Problem des Film: der Kriminalfall ist hahnebüchen. Moritz soll eine Frau vergewaltigt und erwürgt haben. Sie haben sich über ein Datingportal kennen gelernt. Auf ihrer Leiche wurde seine DNA gefunden. Dieser DNA-Beweis genügt, um ihn zu verhaften und später anzuklagen.

Jeder Anwalt hätte diese Klage in der Luft zerfetzt. Es gibt kein Motiv. Nur die DNA-Spur platziert Moritz am Tatort. Es gibt keine Videoaufnahmen, in denen Moritz auf dem Weg vom und zum Tatort zu sehen ist. Ebenso fehlen Telefondaten oder Bewegungsdaten des Smartphones. Oder des Autos. Oder Zeugen, die Moritz am Tatabend in der Nähe des Tatortes sahen. Auch ein Moritz implantierter Chip war abgeschaltet. Nichts von der ganz normalen Ermittlungsarbeit, die wir aus unzähligen Krimis kennen, wurde gemacht.

Im Film tut der Anwalt Rosentreter es nicht, weil das Anzweifeln des Ergebnis der „Methode“ ein Verstoß gegen die allen ein gesundes Leben garantierende, absolut fehlerfreie „Methode“ wäre.

Stattdessen ermittelt die an die Unschuld ihres Bruders glaubende Mia etwas und trifft den Journalisten Kramer, der im Film als eine Person gezeichnet wird, die gleichzeitig ein systemkritischer und ein konformistischer Journalist und, später, so etwas wie ein Kriminalbeamter ist. Jedenfalls folgt die Polizei seinen Befehlen.

Weil der Staat alles tut, um den wahren Täter zu schützen, glaubt der Verschwörungsthriller-geschulte Zuschauer sofort, dass Moritz ein Bauernopfer ist, dass der wahre Täter eine wichtige Persönlichkeit ist und dass die Enttarnung des wahren Täters eine Staatskrise auslösen könnte.

Das ist im Buch und Film nicht der Fall. Entsprechend enttäuschend gestaltet sich die Auflösung. Regisseurin Lena Stahl behauptet zwar im Film, dass die Enttarnung des Täters die „Methode“ widerlegen würde. Aber das ist Quatsch. Es handelt sich, erstens, um normales wissenschaftliches Arbeiten, das die „Methode“ nicht tangiert. Und zweitens zeigen Mias Enthüllungen, dass die „Methode“ fehlerfrei funktioniert. Der Mensch ist für den Fehler verantwortlich, weil Menschen der „Methode“ (die wir uns wohl als einen riesigen Computer vorstellen müssen) nicht alle Informationen gaben.

Das gesagt sind die „Methode“ und die Gesundheitsdiktatur, der Mordfall und die damit verbundene Verfahren ein riesiger Bohei. Der Mord hat nichts mit der Gesundheit in der Gesundheitsdiktatur zu tun, weil es nur um den Totalitätsanspruch einer Diktatur geht. Wobei die von Juli Zeh im Buch und von Lena Stahl im Film skizzierte Welt sich anscheinend eher an Aldous Huxleys „Brave New World“ und weniger an George Orwells „1984“ orientiert. Das spezifische der Gesundheitsdiktatur beschränkt sich auf ein höflich gesagtes „Santé“ zur Begrüßung, während gut aussehende Menschen bedächtig durch fotogene Räume gehen und, solange sie gesund leben, frei in ihrer Lebensgestaltung sind.

Im Roman gestaltet sich die Geschichte zwischen nebensächlichem Gerichtsverfahren, pointilistisch eingestreuten Erinnerungen, Mias Gesprächen mit ihrer „idealen Geliebten“ in ihrer Wohnung (heute würde sie wohl Alexa heißen) und philosophischen Betrachtungen noch kryptischer.

Corpus Delicti (Deutschland 2026)

Regie: Lena Stahl

Drehbuch: Lena Stahl

LV: Juli Zeh: Corpus Delicti, 2009

mit Hannah Herzsprung, Damian Hardung, Alexander Fehling, Christian Friedel, Haley Louise Jones, Imogen Kogge, Leopold Hornung, Agnes Decker

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Die Vorlage

(in der aktuellen Ausgabe)

Juli Zeh: Corpus Delicti – Ein Prozess

btb, 2025

272 Seiten

11 Euro

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Originalausgabe

Schöffling & Co., 2009

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Seitdem zahlreiche weitere Auflagen.

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Corpus Delicti“

Moviepilot über „Corpus Delicti“

Wikipedia über „Corpus Delicti“ (Buch: deutsch, englisch, Film)

Perlentaucher über den Roman „Corpus Delicti“

Homepage von Juli Zeh


Neu im Kino/Filmkritik: Was ist los im „Auerhaus“?

Dezember 5, 2019

Die achtziger Jahre in der westdeutschen Provinz: „Formel Eins“ (die Musiksendung) im Fernsehen, zum Vorbild taugliche Terroristen auf Fahndungsplakaten, die neben Che-Guevara-Plakaten in WG- und Studentenwohnungen hängen, das Waldsterben vor der Haustür und die Gefahr des ersten und zugleich letzten Atomkrieg im Bewusstsein. Denn wenn Ost- und Westblock demnächst ihre Waffen ausprobieren, hat Deutschland nur als atomar verseuchte Wüste eine Zukunft.

In diesem Deutschland entschließen sich die Jugendlichen Frieder, Höppner, Vera und Cäcilia in ihrem Dorf in das verlassene Haus von Frieders Großvater einzuziehen. Später ziehen als Mitbewohner die Pyromanin Pauline und der Freigeist Harry in die WG ein. Er ist mehr ein Drogen liefernder ständiger Gast als ein richtiger Mitbewohner. Bov Bjerg erzählt in seinem erfolgreichen, jetzt verfilmten Roman „Auerhaus“ von den Erlebnissen der Schüler-WG.

Die Vier sind im letzten Jahr vor dem Abitur und ziemlich normal. Nur Frieder war wegen eines Suizidversuchs in der Psychiatrie. Jetzt wollen sie auf ihren Mitschüler aufpassen und schon einmal die kleine Freiheit genießen. Ohne Eltern, die ständig ihre Schlaf- und Trinkgewohnheiten überwachen, aber noch mit der elterlichen Vollversorgung bei den unangenehmen Dingen. Anscheinend sind alle Eltern sofort mit der Idee der Wohngemeinschaft damit einverstanden. „Auerhaus“-Regisseurin Neele Leana Vollmar zeigt jedenfalls keine Szene, in der die künftigen WG-Bewohner mit ihren Eltern über ihren Plan streiten müssen.

Aus dieser Idee einer Schüler-WG auf dem Dorf hätte ein vielschichtiges Sittengemälde der Bundesrepublik in den frühen achtziger Jahren und wie es war, in dieser bleiernen, vom Weltuntergang bedrohten Zeit am Arsch der Welt aufzuwachsen, entstehen können.

Es entstand allerdings ein in einer von der Welt abgewandten Blase spielendes Drama. Das beginnt schon mit der Ortlosigkeit der Geschichte. Alle Figuren sprechen Hochdeutsch. Eine regionale Verankerung gibt es nicht. Das Dorf scheint nur aus der Wohngemeinschaft, einem netten Polizisten und Höppners Mutter zu bestehen. Ihr neuer Freund, der ein cholerischer Idiot ist und vom Erzähler Höppner nur F2M2 genannt wird, tritt auch kurz auf. Diese wenigen Figuren können nie die Vielfalt eines ganzen Dorfes ersetzen. Es kann nichts über das Verhältnis der Dorfbewohner zur Wohngemeinschaft erzählt werden. Im Film scheint der einzige Konflikt zu sein, dass sie vielleicht mal etwas zu laut sind und dann Wachtmeister Bogatzki vorbeikommen muss. Wenn Frieder im Lebensmittelladen des Dorfes das Essen für eine Woche zusammenklaut, scheint das niemand zu stören. Wahrscheinlich weil seine Einkäufe anschließend bezahlt werden.

Die politischen Bezüge erschöpfen sich in einem in der WG-Küche aufgehängtem Terroristen-Fahndungsplakat. Ohne das Plakat könnte der Film auch zu irgendeiner anderen Zeit spielen.

Die episodenhafte Story kann mit viel Wohlwollen als Coming-of-Age-Geschichte gesehen werden, weil die sechs WG-Bewohner halt in dem Alter sind, in dem sie erwachsen werden und nach der Schule einige Entscheidungen anstehen. Für mich gehört zu einer Geschichte auch dazu, dass die Figuren etwas gelernt haben und dass sie am Ende des Films eine Entwicklung durchgemacht haben. Das kann über die Bewohner des Auerhauses nicht gesagt werden. Außerdem ist eine Ortsveränderung keine Erkenntnis, sondern in erster Linie eine Ortsveränderung.

Auerhaus (Deutschland 2019)

Regie: Neele Leana Vollmar

Drehbuch: Neele Leana Vollmar, Lars Hubrich

LV: Bov Bjerg: Auerhaus, 2015

mit Damian Hardung, Max von der Groeben, Luna Wedler, Devrim Lingnau, Ada Philine Stappenbeck, Sven Schelker, Hans Löw, Milan Peschel

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Filmportal über „Auerhaus“

Moviepilot über „Auerhaus“