Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Bong Joon Hos Edward-Ashton-Verfilmung „Mickey 17“

März 7, 2025

2022 veröffentlichte Edward Ashton „Mickey 7“. In ihm erzählt er die Geschichte von Mickey Barnes, der als Expendable auf der Kolonie Niflheim, einem Eisplaneten, lebt. Er führt gefährliche Missionen aus und wird als Versuchskaninchen eingesetzt. Wenn er dabei stirbt – und das ist eine beabsichtigte Nebenwirkung seiner Einsätze – wird wenige Minuten später eine neue Version von ihm ausgedruckt.

Schon vor der Veröffentlichung des Romans erhielt Bong Joon Ho eine frühere Fassung des Romans. Er fand die Prämisse interessant und schrieb „Mickey 17“. Die Änderung der Nummer von 7 auf 17 erklärt Joon Ho so: er wollte zeigen, was Mickey durchleidet und dafür müsse er öfter als im Roman sterben. Und so wurde aus dem siebten Klon der siebzehnte Klon. Gedreht wurde an 87 Tagen von August bis Dezember 2022 in London und vor Ort. Ihre Premiere hatte die SF-Satire auf der Berlinale und jetzt kommt sie in die Kinos.

Weil Mickey Barnes (Robert Pattinson) auf seinem Heimatplaneten Ärger hat, ergreift er die einzige Chance zur Flucht, die er hat: er verpflichtet sich als Expendable. Dieser Job ist auf Expeditionen und Kolonisierungen unbekannter Planeten wichtig, weil es bestimmte Dinge gibt, die nur Menschen tun können und sein wiederholter Tod wertvolle Erkenntnisse über den Planeten bringen kann. Mickey bekommt den Job, den niemand machen will, und er darf mit nach Niflheim fliegen.

Auf der Reise verliebt er sich in Nasha Barridge (Naomi Ackie). Auf dem Planeten trifft er im Eis auf die Creepers. Das sind wurmähnliche Wesen unterschiedlicher Größe. Ob sie den Menschen gegenüber feindlich gesinnt sind, ist unklar. Aber Kenneth Marshall (Mark Ruffalo), der missionarisch beseelte, rechtskonservative Leiter der Expedition, und seine im Hintergrund intrigierende Frau Ylfa (Toni Collette) gehen davon aus.

Als Mickey 17 in ein Eisloch stürzt, erklärt ihm sein Freund Timo (Steven Yeun), dass er ihn leider nicht retten könne. Aber in einigen Stunden werde eh ein neuer Klon von ihm aus dem Menschendrucker gedruckt werden. Mickey 17 beschließt allerdings, nicht auf dem Felsvorsprung zu sterben. Er geht in ein verzweigtes unterirdisches Höhlensystem, trifft auf die Creepers und wird von ihnen bis kurz vor die Station der Kolonisatoren gebracht.

Dummerweise hat Timo ihn bereits als verstorben gemeldet. In seinem Bett trifft Mickey 17 auf Mickey 18. Sie sind Multiple. Und Multiple sind in diesem Universum noch unbeliebter als Expendables. Wenn Marshall das erfährt, wird er mindestens einen von ihnen töten.

Während Mickey 17 und Mickey 18 versuchen, mit der Situation zurecht zu kommen, versammeln sich die Creepers vor der Station.

Bong Joon Ho übernahm in seinem von ihm verfilmten Drehbuch die Grundidee des Romans und auch weitgehend die Geschichte. Aber er veränderte etliche Details, die die Geschichte durchaus verbessern und er veränderte den Humor. Edward Ashton erzählt in seinem Roman Mickeys Geschichte aus Mickeys Sicht mehr witzig sarkastisch mit vielen Rückblenden zu Mickeys vorherigen Leben, einigen Überlegungen zum Klonen von Wegwerfmenschen und, immerhin ist der Buch-Mickey ein Historiker, Informationen zu anderen, meist fehlgeschlagenen Kolonisierungsprojekten. Das Ende ist bei ihm weniger bombig als im Film.

Bong erzählt Mickeys Geschichte mit viel Schwarzem Humor, viel kapitalismuskritischer und eindeutig satirisch. Vor allem das Politikerpaar Marshall, grandios übertrieben gespielt von Mark Ruffalo und Toni Collette, sorgen in ihrer allumfassenden Doppelzüngigkeit und Gemeinheit für etliche Lacher. Im Roman ist der Expeditionsleiter Commander Marshall letztendlich nur ein gewöhnlicher Arschloch-Vorgesetzter.

Mit deutlich über zwei Stunden – „Mickey 17“ dauert insgesamt 137 Minuten – ist der Science-Fiction-Film für eine Satire auch arg lang geraten. Er ist tonal uneinheitlich, zerfasert immer wieder und ist immer wieder zu lang. Das macht „Mickey 17“ noch nicht zu einem schlechten Film, – wahrscheinlich werde ich ihn mir sogar noch einmal ansehen -, aber zu einem enttäuschenden Werk. Dass Bong nicht an die Qualität von seinem mit zahlreichen Preisen ausgezeichnetem und überall abgefeierten vorherigem Film „Parasite“ herankommt, war zu erwarten. Meisterwerke fallen nicht von Himmel. „Mickey 17“ erreicht allerdings auch nicht die Qualität von „Snowpiercer“ und „Okja“. Beide Satiren erzählen ihre Geschichte deutlich fokussierter.

Mickey 17 (Mickey 17, USA 2025)

Regie: Bong Joon Ho

Drehbuch: Bong Joon Ho

LV: Edward Ashton: Mickey 7, 2022 (Mickey 7 – Der letzte Klon)

mit Robert Pattinson, Naomi Ackie, Toni Collette, Mark Ruffalo, Steven Yeun, Holliday Grainger, Anamaria Vartolomei, Cameron Britton

Länge: 137 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Edward Ashton: Mickey 7 – Der letzte Klon

(übersetzt von Felix Mayer)

Heyne, 2022

368 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

Mickey 7

St. Martin’s Press, 2022

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mickey 17“

Metacritic über „Mickey 17“

Rotten Tomatoes über „Mickey 17“

Wikipedia über „Mickey 17“ (Roman, Film: deutsch, englisch)

Berlinale über „Mickey 17“

Meine Besprechung von Bong Joon Hos „Snowpiercer (Snowpiercer, Südkorea/USA/Frankreich 2013)

Meine Besprechung von Bong Joon Hos „Okja“ (Okja, USA/Südkorea 2017)

Meine Besprechung von Bong Joon Hos „Parasite“ (Gisaengchung, Südkorea 2019)

Homepage von Edward Ashton

Heyne über Edward Ashton

Meine Besprechung von Edward Ashtons „Mal goes to War“ (Mal goes to War, 2024)


„Mal goes to War“, der neue Roman von „Mickey 7“/„Mickey 17“-Autor Edward Ashton

März 5, 2025

Bevor in wenigen Stunden die Verfilmung von Edward Ashtons bekanntestem Roman „Mickey 7“ ins Kino kommt – und allein schon, dass „Parasite“ Bong Joon-ho die Regie und Robert Pattinson die Hauptrolle übernommen haben, weckt das Interesse des Filmfans an „Mickey 17“ – werfen wir einen Blick auf seinen neuen Roman. „Mal goes to War“, sein fünfter Science-Fiction-Roman, erschien vor wenigen Tagen in der deutschen Übersetzung bei Heyne.

Der titelgebende Mal ist eine künstliche Intelligenz, die problemlos von Wirt zu Wirt springt und ihn mehr oder weniger umfassend kapert. Als seine Verbindung zum Infospace, seiner Heimat, abgeschnitten wird, muss er sich überlegen, wie er zu einem Ort gelangen kann, an dem er wieder eine Verbindung zum Infospace aufbauen und dorthin zurückkehren kann. Bis dahin flüchtet er sich zuerst in die Hightech-Implantate der toten Söldnerin Mika. Mika soll auf die wie ein Teenager aussehende Kayleigh aufpassen. Sie ist in Wirklichkeit schon viel älter und genetisch verändert. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg durch ein zukünftiges Amerika, in dem zwischen Federales, die ihre Körper durch Implantate und Genmanipulationen veränderten, und Humanisten, die solche Veränderungen ablehnen, Bürgerkrieg herrscht.

Auf ihrem gemeinsamen Weg erleben sie viele Abenteuer, ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten (und dass Mals Wissen über die Menschen vor allem aus alten Hollywood-Filmen kommt [die für ihre präzise Darstellung des Lebens von Liebespaaren und Soldaten bekannt sind]) sorgen für amüsante Wortgefechte. Ihr Umgang mit Gefahren sorgt für überraschende Kampfverläufe. So kann Mal schwuppdiwupp von einem Körper zum nächsten wechseln. Und Kayleigh verhält sich nicht wie ein kleines Mädchen.

Kurz nach dem Beginn ihrer Reise nehmen sie Asher gefangen. Der Soldat wird ihr widerspenstiger Kriegsgefangener.

Die Idee ist eigentlich gar nicht so schlecht: einen witzigen Science-Fiction-Roman über ein Amerika im Krieg mit sich selbst und über Künstliche Intelligenz und was sie in Zukunft tun kann, zu schreiben. Die Idee, die Geschichte aus der Sicht einer KI zu erzählen, verspricht eine neue Perspektive. Die Geschichte entwickelt sich nach dem alten Groschenheft-Prinzip „wenn ich nicht weiter weiß, taucht einfach ein Mann mit einer Pistole auf“. Es passiert ständig etwas, aber nichts davon bleibt im Gedächtnis. Das liegt daran – und das wird bei dem konfusen Ende überdeutlich -, dass Ashton keine Idee davon hat, was Mal will, welches Ziel er erreichen will und was passiert, wenn er es nicht erreicht. Mal entwickelt auch keine eigene Persönlichkeit.

Das gleiche gilt für die anderen Figuren. Sie bleiben austauschbare Schießbudenfiguren.

Über den Krieg zwischen den einzelnen Fraktionen und was sie in diesem Krieg erreichen wollen, erfahren wir auch nichts. Und natürlich ist KI in diesem Fall nur ein Gimmick. Mal und die anderen KIs, die er trifft, sind einfach nur dumme Computerprogramme.

Der Humor ist von der nett-harmlosen, sich weitgehend in Blödeleien erschöpfenden Art. Das kann man erkältet auf der Couch oder, in einigen Monaten, schwitzend am Strand weglesen, während man darüber spekuliert, was John Scalzi aus dieser Idee gemacht hätte.

Meine Besprechung der Edward-Ashton-Verfilmung „Mickey 17“ gibt es zum Filmstart. Hier gibt es schon einmal den vielversprechenden Trailer:

Edward Ashton: Mal goes to War – Ein KI-Thriller

(übersetzt von Felix Mayer)

Heyne, 2025

400 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Mal goes to War

St. Martin’s Press, 2024

Hinweise

Homepage von Edward Ashton

Heyne über Edward Ashton