Neu im Kino/Filmkritik (kurz): „Riff Raff“, Gauner im Labermodus

März 27, 2025

An Silvester versammeln sich in dem einsam im Wald gelegenem aus von Vincent seine halbe biologische und verbrecherische Familie – und bevor uns langsam die Verwandschaftsverhältnisse erklärt werden und Anwesenden sich erklären, warum sie sich umbringen wollen, wird endlos über Gott und die Welt geredet und tiefsinnig gemeinte Lebensweisheiten geteilt.

Das gelungene Retro-Plakat, die Besetzung und der Trailer wecken Erwartungen, die Dito Montiels umständlich erzählte Gangsterkomödie „Riff Raff – Verbrechen ist Familiensache“ nie auch nur im Ansatz einlöst. Die wenigen Gewaltspitzen reißen einem mit den lauten Pistolenschüssen aus dem Schlaf. Der schwarze Humor ist altbacken. Die Dummheit der Verbrecher ist atemberaubend.

Das Ergebnis ist Pseudo-Tarantino mit minimalstem Krimi-Anteil und maximalst langweiligem Familien-Gedöns-Anteil.

Riff Raff – Verbrechen ist Familiensache (Riff Raff, USA 2025)

Regie: Dito Montiel

Drehbuch: John Pollono

mit Jennifer Coolidge, Ed Harris, Gabrielle Union, Lewis Pullman, Emanuela Postacchini, Miles J. Harvey, Bill Murray, Pete Davidson

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Riff Raff“

Metacritic über „Riff Raff“

Rotten Tomatoes über „Riff Raff“

Wikipedia über „Riff Raff“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Dito Montiels „The Son of No One“ (The Son of No One, USA 2011)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Inspection“: Hast du das Zeug zum US-Marine?

August 24, 2023

Für Ellis French ist es die letzte Chance. Seine Mutter hat ihn rausgeworfen. Sie kann und will nicht akzeptieren, dass er schwul ist. Seitdem lebt er auf der Straße. Seine Zukunftsaussichten sind düster. Letztendlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis er stirbt. Das hat er in den vergangenen Jahren bei vielen seiner ebenfalls obachlosen Freunde gesehen. Um diesem Schicksal zu entgehen, bewirbt er sich bei den US-Marines. Die erste Station ist ein Bootcamp, in dem gnadenlos ausgesiebt wird.

In seinem Spielfilmdebüt „The Inspection“ erzählt Elegance Bratton letztendlich seine Geschichte und damit auch, wie es ist, in einer Institution, die Homosexualität ablehnt, als schwuler schwarzer Mann zu bestehen. Denn schnell bemerkt French, dass er nicht der einzige Schwule in dem Bootcamp ist. Aber – der Film spielt 2003 – niemand redet darüber.

Bratton schildert das Leben im Bootcamp akribisch, fast schon dokumentarisch, ohne irgendeine kritische Distanz und ohne konkrete Zeitbezüge. Wenn es im Film nicht den Hinweis gäbe, dass er vor zwanzig Jahren spielt, könnte er genausogut vor vierzig Jahren oder heute spielen. Durch den Hinweis auf das Handlungsjahr wird „The Inspection“ zu einem historischen Film, bei dem das Militär sich auf die Schulter klopfen kann. Die „Don’t ask. Don’t tell.“-Zeit im Umgang mit der Homosexualität ist vorbei. Heute loben hochrangige Offiziere in öffentlichen Anhörungen gegenüber konservativen Politikern überschwänglich die Leistungen queerer Soldaten. Aber die Ausbildung dürfte heute noch genauso wie damals ablaufen. Gleiches gilt für das Verhalten der Rekruten untereinander.

Für den historischen Hintergrund interessiert Elegance Bratton sich nicht weiter. 9/11 und der darauf folgende ‚war on terror‘ werden nicht angesprochen. Dabei meldeten sich nach dem Anschlag auf das World Trade Center zahlreiche junge Männer freiwillig beim US-Militär. Sie wollten ihr Land gegen islamistische Terroristen verteidigen.

French ist das egal. Er hat sich beim Militär nur gemeldet, um nicht auf der Straße zu sterben.

Das Bootcamp schildert Bratton dann, bis auf wenige Momente, in denen wir in Frenchs Kopf sind, quasi-dokumentarisch, beobachtend und ohne Wertungen. Eigentlich schildert er diese Ausbildung, die darauf angelegt ist, Menschen zu brechen, sie zu Mördern und Befehlsempfängern zu machen, als eine gute Schule der Mannwerdung. Im Gegensatz zu Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“, der die Ausbildung und das Sterben auf dem Schlachtfeld zeigt, zeigt Bratton nur das Bootcamp, das aus einem schwulem Obdachlosen einen Befehle empfangenden Uniformträger macht; – jedenfalls wenn er das Bootcamp erfolgreich abschließt. Danach ist er „Ein Offizier und Gentleman“.

Letztendlich ist „The Inspection“ gut gemachte Militärpropaganda für das Arthaus-Kino.

The Inspection (The Inspection, USA 2022)

Regie: Elegance Bratton

Drehbuch: Elegance Bratton

mit Jeremy Pope, Bokeem Woodbine, Gabrielle Union, Raúl Castillo, McCaul Lombardi, Aaron Dominguez, Nicholas Logan, Eman Esfandi, Andrew Kai, Aubrey Joseph

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Neu im Kino/Filmkritik: Der Disney-Trickfilm „Strange World“ für Kinder und Eltern

November 25, 2022

Avalonia ist ein von unglaublich hohen Bergen umgebenes Fantasieland, das es so nur in alten Hollywood- und Disney-Filmen gibt. Der allgemeine Wohlstand basiert auf einer Entdeckung, die Searcher Clade vor 25 Jahren bei einer Expedition durch den Berg machte.

Damals leitete sein Vater Jaeger Clade, ein wilder Haudegen, ein bärtiger, fröhlicher, trinkfreudiger Entdecker der alten Schule, eine Expedition durch den Berg. Sie wollten wissen, was auf der anderen Seite des Gebirges ist und sie wollten etwas entdecken, das Avalonia Wohlstand verschaffen würde. Searcher entdeckte bei dieser Expedition eine im Eis blühende Pflanze.

Diese Pflanzen, Pando genannt, wurden für das Land eine niemals versiegende Energiequelle, die ihm einen entscheidenden Entwicklungsschub verpasste. Während sie vorher im Mittelalter lebten, leben sie jetzt in einer friedlichen Zukunft, die die Natur nicht ausbeutet.

Aber jetzt verfaulen die Pandos in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Wenn sie den Grund dafür nicht herausfinden, hat Avalonia in wenigen Wochen keine Energie mehr und fällt wieder zurück ins Mittelalter. Um das zu verhindern, wird eine Expedition losgeschickt. Angeführt wird sie von Callisto Mal, der Präsidentin von Avalonia. Dabei ist Searcher, der im Gegensatz zu seinem Vater kein die Welt bereisender Entdecker, sondern ein biederer Familienvater, Farmer und Forscher ist. Aber er hat damals die Quelle des Wohlstands für das Land gefunden und etwas ähnliches könnte ihm jetzt wieder gelingen.

Als blinde Passagiere haben sich sein Sohn, der sechzehnjährige Ethan, seine Frau Meridian, eine begnadete Pilotin, und ihr dreibeiniger Haushund Legend in das Luftschiff eingeschlichen.

Gemeinsam fliegen sie in den Berg und in ein in Richtung Erdmitte führendes Loch, das sie zu dem Ursprung des Pando führen soll.

In dem Loch entdecken sie eine ebenso wunderbare wie gefährliche Welt. Und sie treffen auf Jaeger Clade.

Strange World“ ist ein Disney-Trickfilm, der an klassische Abenteuergeschichten, wie Sir Arthur Conan Doyles „Die vergessene Welt“ (The Lost World), später entstandene Pulp-Abenteuergeschichten, Hollywood-Abenteuerfilme und Serials, die davon inspirierten Indiana-Jones-Geschichten und, zuletzt, die beiden „Jumanji“-Filme, anknüpft. Auch Don Hall und Qui Nguyen schicken eine Gruppe Menschen auf eine gefährliche Reise. Sie erzählen ihre Geschichte vor allem für ein kindliches Publikum. Für die Eltern, die ihre Kinder begleiten müssen, gibt es auch einiges zu entdecken. Das liegt an der Aufsplittung der Geschichte auf mehrere Hauptpersonen. Denn jedes Mitglied der Familie Clade hat viel Screentime, in der es seine eigenen Abenteuer erlebt. Es wird auch ausführlich auf ihre Problemen und ihren Beziehungen zueinander eingegangen.

Die zentrale Rolle hat Searcher Clade. Er ist nicht nur der Held wider Willen, sondern er muss sich auch um seine Beziehung zu seinem Sohn und zu seinem wieder aufgetauchtem Vater kümmern.

Sein Sohn Ethan fragt sich noch, welchen Lebensweg er gehen soll, also ob er sich eher an seinem Vater oder seinem Großvater orientieren soll, und wie er seiner großen Liebe seine Gefühle gestehen soll.

Und dann kommen noch Jaeger Clade, der die Beziehung zu seinem Sohn überdenken muss, und Meridian hinzu.

Insgesamt ist der Film äußerst divers besetzt und Ethan ist in einen anderen Jungen verliebt. So bietet der Film für jede Gruppe mindestens eine Identifikationsfigur an. Das befriedigt dann die Ansprüche von verschiedenen Gruppen auf eine Repräsentation. Als Film funktoniert dieses Prinzip hier nur eingeschränkt. Denn die Macher schicken jetzt nicht mehr eine Person auf eine abenteuerliche Reise, sondern ein ganzes Ensemble, das gleichzeitig an verschiedenen Orten Abenteuer erlebt. Das führt dazu, dass jede Figur immer wieder lange aus der Geschichte verschwindet und dass es unklar ist, wer die Hauptperson des Films ist.

Ein großes Problem ist die unvermittelte und nicht überzeugende Überraschung im dritten Akt, die, nun, soviel kann gesagt werden, etwas mit Pandos Krankheit zu tun hat. In diesem Moment zeigt sich wieder, dass „Strange World“ kein Pixar-, sondern ein Disney-Film ist, der viel von seinem Potential zugunsten einer episodischen Abenteuergeschichte verschenkt.

Als Kind hätte mich das wahrscheinlich nicht gestört. Schließlich erleben die sympathischen Clades viele gefährliche Abenteuer, es gibt kindgerechten Humor, seltsame Pflanzen und Tiere und eine insgesamt seltsame Welt. Die Familienprobleme und Searcher Clades Selbstzweifel hätte ich dann als Pausen zwischen den Abenteuern ertragen.

Strange World (Strange World, USA 2022)

Regie: Don Hall, Qui Nguyen

Drehbuch: Qui Nguyen

mit (im Original den Stimmen von) Jake Gyllenhaal, Dennis Quaid, Jaboukie Young-White, Gabrielle Union, Lucy Liu, Alan Tudyk

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

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TV-Tipp für den 13. September: The Birt of a Nation – Aufstand zur Freiheit

September 12, 2019

Pro7, 23.30

The Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit (The Birth of a Nation, USA 2016)

Regie: Nate Parker

Drehbuch: Nate Parker (nach einer Geschichte Nate Parker und Jean McGianni Celestin)

Nachdem Quentin Tarantino „Django Unchained“ hat, präsentiert Pro 7 zu fast mitternächtlicher Stunde die TV-Premiere eines Historiendramas, das die Geschichte der USA nicht aus der Geschichte des weißen Mannes, sondern aus der Sicht der Sklaven erzählt. Im Mittelpunkt steht Nat Turner, der 1831 in Virginia einen Sklavenaufstand initiierte.

Nate Parkers von der US-Kritik auch und gerade wegen seiner politischen Botschaft abgefeiertes Drama ist trotz gewisser Schwächen sehenswert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Nate Parker, Armie Hammer, Mark Boone jr., Colman Domingo, Aunjanue Ellis, Dwight Henry, Aja Naomi King, Esther Scott, Roger Guenveur Smith, Gabrielle Union, Penelope Ann Miller, Jackie Earle Haley

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Moviepilot über „The Birth of a Nation“

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Wikipedia über „The Birth of a Nation“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Nate Parkers „The Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit“ (The Birth of a Nation, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Was eine Mutter für ihre Kinder tut: „Breaking in“

August 16, 2018

Shaun Russell will das malerisch gelegene, riesige Anwesen ihres Vaters verkaufen. Er starb bei einem Unfall, der in Wirklichkeit ein Mord war. Und die Mörder sind gerade in dem Russell-Anwesen. Irgendwo in dem Haus ist ein randvoll mit Geld gefüllter Safe, den sie schnell finden und öffnen müssen. Denn neunzig Minuten nachdem sie die Telefonleitung gekappt haben, wird die Polizei informiert.

Das ahnt Shaun nicht, als sie mit ihren beiden Kindern, Jasmine und Glover, vorfährt und durch das Haus streift, das sie seit Ewigkeiten nicht mehr betreten hat. Sie will sich einmal umsehen und alles für den Verkauf herrichten. Dabei bemerkt sie, dass ihr Vater das Haus zu einem Hochsicherheitsgebäude umfunktioniert hat. Kurz gesagt: das Haus kann mühelos als einziger riesiger Safe Room funktionieren.

Als sie die Eindringlinge entdeckt, kommt es zu einigem Hin und Her. Am Ende steht sie vor dem einbruchsicheren Haus und im Haus sind die vier Einbrecher und ihre beiden Kinder. Shaun versucht jetzt, sie zu befreien.

Einen Innovationspokal wird „Breaking in“ nicht erhalten. Dafür ist die Geschichte zu vorhersehbar und auch mit zu vielen offenen Fragen und zu großen Logiklücken versehen. So beschäftigen die Verbrecher sich lieber damit, Shaun durch den anliegenden Wald zu verfolgen und mit ihr um und im Haus Katz und Maus zu spielen, anstatt den Safe zu suchen, auszuräumen und schnell zu verschwinden.

Interessant ist allerdings die Besetzung der Hauptrolle. Gabrielle Union spielt eine Action-Rolle, die früher von Männern gespielt wurde. Außerdem ist sie eine Afroamerikanerin. Und gerade das ist heutzutage immer noch ungewöhnlich.

Das ändert aber nichts daran, dass alle Charaktere, vor allem die Gangster, reinste Reißbrettcharaktere sind (der pseudokluge Anführer mit dem Plan, der blutrünstig-psychopathische Killer, die beiden austauschbaren Gehilfen), und die Story sich schnell zwischen Straight-to-DVD und „TV-Film der Woche“ einpendelt. Dazu trägt auch die kurze Laufzeit von knapp neunzig Minuten bei.

Immerhin versucht Shaun lange Zeit die Bösewichter auszutricksen und weckt damit die wahnwitzige Hoffnung auf eine kluge Heldin, die ihr Ziel auch ohne Gewaltanwendung erreicht. Am Ende wird der Konflikt zwischen den Einbrechern und der Hausbesitzerin nach dem vertrauten Muster gelöst, das der Justiz viel Arbeit erspart (Hm, man sollte mal einen Film darüber machen, wie eine solche Heldin sich vor Gericht gegen die Mordanklage von den Angehörigen der toten Verbrecher und dem Staatsanwalt verteidigt.).

Inszeniert wurde „Breaking in“ ohne eine spürbare eigene Handschrift von James McTeigue, der seit seinem Debüt „V wie Vendetta“ bei jedem Film über ein kleineres Budget verfügt. Das Drehbuch ist von Ryan Engle, der auch die Drehbücher für die Liam-Neeson-Actionfilme „Non-Stop“ und „The Commuter“ und für den Dwayne-Johnson-Aktionkracher „Rampage“ mit schrieb.

Am Ende ist bei „Breaking in“ das einzig ungewöhnliche die Hautfarbe der Hauptdarstellerin. Damit reiht sich der Thriller in die Reihe der Filme ein, die einfach noch einmal eine sattsam bekannte Geschichte erzählen. Nur dieses Mal nicht mit Weißen, sondern mit Afroamerikanern als Protagonisten. Spannender oder besser wird der Film dadurch nicht.

Breaking in (Breaking in, USA 2018

Regie: James McTeigue

Drehbuch: Ryan Engle (nach einer Geschichte von Jaime Primak Sullivan)

mit Gabrielle Union, Billy Burke, Richard Cabral, Ajiona Alexus, Levi Meaden, Jason George, Seth Karr, Christa Miller

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Neu im Kino/Filmkritik: „The Birth of a Nation“, die afroamerikanische Version

April 17, 2017

In den USA wird seit seiner Premiere auf dem Sundance Filmfestival am 25. Januar 2016 über Nate Parkers Regiedebüt „The Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit“ diskutiert. Das Drama wurde schon damals, lange vor dem US-Kinostart und über ein Jahr vor der nächsten Oscar-Verleihung als heißer Oscar-Kandidat gehandelt. Für eine Oscar-Nominierung ist ein Kinostart notwendig. Nate Parker, der neben der Regie auch das Drehbuch schrieb, produzierte und die Hauptrolle spielt, wurde als aufstrebender Star gehandelt. Bis er Probleme wegen eines alten, lange bekannten Vergewaltigungsvorwurfes bekam (er wurde freigesprochen), die uns hier nicht interessieren sollen.

Parker spielt Nat Turner (2. Oktober 1800 – 11. November 1831), einen Sklaven in Virginia, der auf der Farm von Samuel Turner (Armie Hammer) gegenüber den anderen, ihm andächtig lauschenden Sklaven das Wort Gottes verkündet. Er kann, damals selten, lesen. Die Bibel ist das einzige Buch, das er besitzt. Sie ist seine Bibel. Seine Dienste werden auch von anderen Sklavenhaltern angefordert. Er soll mit seinen Predigten für ein friedliches Verhalten der Sklaven sorgen.

Samuel Turner lässt sich die Dienstleistungen von Nat Turner gut bezahlen. So kann er den drohenden Bankrott abwenden. Er ist auch ein eher liberaler Sklavenhalter. Im Gegensatz zu den anderen Sklavenhaltern, die ihre Sklaven schlechter als ihr Vieh behandeln, lässt er ihnen gewisse Freiheiten und er hört auch auf die Ratschläge und Wünsche von Nat Turner.

Langsam erwacht bei Nat Turner ein Bewusstsein für die Unterdrückung und das Gefühl, etwas dagegen tun zu müssen. Es mündet in dem historisch verbürgten und in der Werbung für den Film breit angekündigtem „Aufstand zur Freiheit“.

Der war im August 1831 und endete in einem Blutbad. Sechzig Weiße und Hunderte von Sklaven sterben. Die meisten Sklaven wurden dabei von Weißen bei Vergeltungsmaßnahmen getötet. Die genaue Zahl der ermordeten Afroamerikaner ist unbekannt.

Schon im Titel postuliert Nate Parker einen hohen Anspruch. Auch wenn heute fast niemand D. W. Griffiths rassistisches Stummfilmepos „The Birth of a Nation“ (Die Geburt einer Nation, USA 1915) kennt, ist der Titel bekannt und dass Griffith die Geburt der USA aus der Perspektive des weißen Mannes, mit dem Ku-Klux-Klan als Macht des Guten, erzählte. Da kann, soll und ist ein Film mit dem gleichen Titel, aber einer hundertprozentig konträren Geschichte und Weltsicht, nur als Gegenentwurf und als Überschreibung des älteren Films verstanden werden. Es ist eine Kampfansage, die schon im Titel formuliert wird.

Denn Parker erzählt in seinem Film die Geschichte vom Geburt der Nation aus der afroamerikanischen Perspektive. Und, betrachtet aus der distanzierten europäischen Perspektive, ist Parkers Film nicht so gelungen, wie man es nach dem selbstgesteckten Anspruch und dem US-Kritikerlob erhofft.

Schließlich gab es in den vergangenen Jahren mehrere Filme, die dieses und ähnliche Themen besser behandelten. Zu nennen sind hier fast alle Filme von Spike Lee, Mario Van Peebles Western „Posse“ (USA 1993), Steve McQueens „12 Years a Slave“ (USA 2013) (allerdings ist McQueen Engländer), Ava DuVernays „Selma“ (USA 2014) oder Theodore Melfis „Hidden Figures“ (USA 2016). Um nur einige Beispiele zu nennen.

Dagegen ist Parkers „The Birth of a Nation“ nur ein konventionelles Agitprop-Biopic, das bis zu dem blutigen Aufstand, vor sich hin plätschert. Er reiht Episoden aus dem Leben von Nat Turner aneinander, die im Rückblick ein Entwicklungsroman sind, der in der von Nat Turner angeführten Revolte mündet. Beim Ansehen ist das allerdings nicht erkennbar. Nat Turner sieht und erlebt schlimme Dinge. Aber sie scheinen keine unmittelbare Wirkung auf ihn zu haben. Deshalb erscheint Turners Aufstand dann auch weniger als Konsequenz aus dem vorher erlebten, sondern mehr als Konsequenz aus der Laufzeit des Films.

Wenn man „The Birth of a Nation“ nur als weiteren Teil aktueller afroamerikanischer Geschichtsschreibung betrachtet, der die Lücken der traditionellen Geschichtsschreibung in der Wissenschaft, der Literatur und in Hollywood bewusst macht, und die historisch sehr einseitige Geschichtsschreibung des Weißen Mannes (vulgo der Trump-Wähler) angreift, dann hat Nate Parkers „The Birth of a Nation“ seine unbestreitbaren Verdienste. Er stieß in den USA auch Diskussionen an.

Für uns Europäer dürfte vor allem das von Parker vielschichtig gezeichnete Bild der Sklavenhaltergesellschaft in den Südstaaten interessant sein. Er zeigt die Unterdrückung und die Mechanismen der Unterdrückung. Aber auch, dass die Verhältnisse zwischen Sklaven und Sklavenhaltern teilweise komplizierter waren, als es den äußeren Anschein hatte. Er wirft auch ein Bild auf die damit zusammenhängenden ökonomischen Strukturen.

Auf dem Sundance Filmfestival erhielt der Film den Audience Award und den Grand Jury Price. Letzteren mit folgender, die Botschaft des Films ansprechenden Begründung: „In the words of the recently and dearly departed Alan Rickman, ‚The more we’re governed by idiots and have no control over our destinies, the more we need to tell stories to each other about who we are, why we are, where we come from, and what might be possible.‘ This year the winner embodies this notion singularly and accomplishes it with grand cinematic vision. Most of all, it challenges each of us to carry a riotous disposition for injustice and the system that preserve it everywhere and in doing so, it is both timeless and right on time.“

The Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit (The Birth of a Nation, USA 2016)

Regie: Nate Parker

Drehbuch: Nate Parker (nach einer Geschichte Nate Parker und Jean McGianni Celestin)

mit Nate Parker, Armie Hammer, Mark Boone jr., Colman Domingo, Aunjanue Ellis, Dwight Henry, Aja Naomi King, Esther Scott, Roger Guenveur Smith, Gabrielle Union, Penelope Ann Miller, Jackie Earle Haley

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Wikipedia über „The Birth of a Nation“ (deutsch, englisch)