Neu im Kino/Filmkritik: Über den gar nicht so skandalösen US-Kinohit „Sound of Freedom“

November 3, 2023

In den USA war Alejandro Monteverdes Thriller „Sound of Freedom“ im Sommer der umstrittene Blockbuster. Dort spielte er über 180 Millionen US-Dollar ein. Aktuell ist er der zehnterfolgreichste Film des Jahres. „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ steht auf dem elften Platz.

Umstritten ist der Film über den Kampf eines tapferen Polizsten gegen schmierige Pädophile weniger wegen seines Inhalts, sondern vielmehr wegen allem anderen. Also wegen den Machern, dem Verleih und seinen Fans. QAnon-Anhänger und die Faith-based-Zuschauergemeinschaft feierten den Film in höchsten Tönen ab und wiesen jede Kritik an dem Film mit dem Hinweis auf den wichtigen Inhalt ab.

Jetzt läuft der Film in unseren Kinos und wir können prüfen, ob der desaströse Ruf des Films als Fan-Fiction für verschwörungstheoretische und religiöse Spinner gerechtfertigt ist. Dabei muss zwischen dem Film und seinem Umfeld unterschieden werden; – soweit das möglich ist.

Beginnen wir mit dem Film. Er erzählt die mehr oder weniger wahre Geschichte von Tim Ballard (Jim Caviezel), einem Spezialagent der Homeland Security. Seit Jahren jagt er Pädophile. Er hat schon viele Täter geschnappt. Aber noch keine Opfer gerettet. Sie sind nicht in den USA und damit außerhalb von seinem Zuständigkeitsbereich. Das will der mehrfache Familienvater jetzt ändern. Er kündigt und beginnt in Südamerika von Kinderhändlern entführte Kinder zu suchen.

Alejandro Monteverde erzählt das als TV-Film mit Kinoambitionen und, angesichts des geringen Budgets von 14,5 Millionen US-Dollar, erstaunlich vielen Vor-Ort-Drehs und einem großen Ensemble. Während die Bilder eindeutig für eine große Kinoleinwand komponiert wurden, sind die Story und die Dialoge durchgehend auf TV-Niveau. Die Story ist eine klassische White-Savior-Geschichte, in der ein weißer Held (mit einigen Helfern) gegen meist weiße Bösewichter vorgeht. Dabei rettet er Kinder vor ihren schändlichen Treiben. Die Bösen sind böse, die Guten gut; – auch wenn einige der Guten eine durchaus verbrecherische oder sündige Vergangenheit haben. Jetzt helfen sie dem Helden und büßen so für ihre Sünden und ihren liederlichen Lebenswandel.

Angenehm ist bei dieser Jagd auf Kinderhändler und -schänder, dass Ballard fast immer auf Gewalt verzichtet. Er stellt den Übeltätern Fallen, überführt und verhaftet sie. Oder lässt sie verhaften.

Gedreht wurde der Thriller bereits im Sommer 2018. Und wäre er danach veröffentlicht worden, wäre er im Kino ziemlich sang- und klanglos untergegangen. Bei uns wäre er, immerhin ist Caviezel ein bekannter Schauspieler und das Thema ist wichtig, sicher irgendwann auf DVD veröffentlicht worden. Es hätte einige Besprechungen gegeben und am Ende hätte der Film einen kleinen Gewinn abgeworfen.

Aber es kam anders. Der Start wurde verschoben. Während der Coronavirus-Pandemie waren die Kinos monatelang geschlossen. Alle Kinostarts wurden verschoben. Viele Filme, die im Kino einen satten Gewinn erzielt hätten, wurden ohne eine Kinoauswertung gestreamt. Die Verleihrechte für „Sound of Freedom“ wanderten von Studio zu Studio. Die Produzenten waren nicht immer mit den ihnen gewährten Konditionen einverstanden. Das ist in der Häufung sicher eine seltene Verkettung unglücklicher Umstände, aber es passiert auch in normalen Zeiten immer wieder. Letztendlich erwarb Angel Studios die weltweiten Vertriebsrechte. Am 4. Juli 2023 lief der Film in den USA an und wurde, dank der Werbekampagne des Vertriebs, ein Erfolg.

Und damit kämen wir zum Umfeld. In fünf Jahren kann einiges passieren. Hauptdarsteller Jim Caviezel ist schon seit Jahren für seine, höflich formuliert, grenzwertigen religiösen und politischen Ansichten bekannt. Er unterstützte mehrfach Kandidaten der Republikaner, wie den christlich-fundamentalistischen Rick Santorum. Und er fiel, auch während der Dreharbeiten für „Sound of Freedom“, mit bizarren Äußerungen auf. Inzwischen ist er Mitglied von QAnon – und damit weitab von jedem vernünftigem Diskurs.

Auch Regisseur Alejandro Monteverde ist gläubig. Und, wenn man genau guckt, findet man einige religiöse Referenzen im Film. Diese unterscheiden sich allerdings kaum von der Verwendung christlicher Symbole und Musik in anderen Filmen. Einiges ist genre-immanent. Und einiges, wie der Satz, dass Gottes Kinder nicht verkäuflich seien, einfach nur peinlich. Aber ein Faith-based-Movie ist „Sound of Freedom“ nicht.

Als der Film gedreht wurde, war Tim Ballard CEO der von ihm 2013 gegründeten Organisation „Operation Underground Railroad“ (OUR). Nach mehreren Vorwürfen wegen sexuellem Fehlverhalten verließ er sie 2023. Bis zu seiner danach erfolgten Exkommunikation war er über Jahrzehnte ein aktives Mitglied der zu den Mormonen gehörenden The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints. Ihm wurde die Verbreitung von QAnon-Verschwörungstheorien vorgeworfen.

Bei seinen OUR-Rettungsmissionen verschwimmt die Grenze zwischen Fakten und Fiktion. So behauptete er 2023 in einem Interview, er habe in Westafrika Kinder aus einer Babyfabrik befreit. Dort seien sie als Organspender und Opfergaben satanischer Rituale gefangen gehalten worden. Das klingt nach dem perfekten Stoff für die nächste Strandkorblektüre.

Außerdem war er CEO der von dem ultrarechten Moderator Glenn Beck gegründeten christliche Organisation The Nazarne Fund. Dieser Glenn Beck war auch der Hauptgeldgeber für Ballards im Film gezeigte Missionen und er gab den Anstoss für Filme mit und über Ballard.

Produziert wurde „Sound of Freedom“ von Eduardo Verástegui. Der rechtsextreme Mexikaner und Abtreibungsgegner bewirbt sich als unabhäniger Kandidat für die nächsten mexikanischen Präsidentschaftswahlen.

Der Verleih Angel Studios ist ein 2021 von den Mormonen Neal und Jeff Harmon gegründetes Medienunternehmen, das mittels Crowdfunding religiöse Filme und TV-Serien produziert. Für „Sound of Freedom“ setzten sie die bei ihren Faith-based-Filmen erprobten Mittel ein. Dazu gehört auch ein bedenklich verschwörungstheoretisch schwurbelnder Aufruf von Jim Caviezel am Filmende, Karten für Menschen zu kaufen, die sich das Eintrittsgeld für den Film nicht leisten können.

Verschwörungstheoretiker, Ultrakonservative, Mormonen und Trump-Anhänger waren an zentralen Stellen in die Herstellung involviert und Anhänger dieser Gemeinschaften zählten dann in den USA zu den größten Fans des Films. Sie kaperten den Film und sahen ihn, auch wenn die Zusammenhänge sehr weit hergeholt sind, als eine Bestätigung ihrer Weltsicht. Daran ändern auch Distanzierungsbemühungen von Alejandro Monteverde nichts.

Der Film selbst ist, wie gesagt, ein banaler Thriller.

Sound of Freedom (Sound of Freedom, USA 2023)

Regie: Alejandro Monteverde

Drehbuch: Rod Barr, Alejandro Monteverde

mit Jim Caviezel, Mira Sorvino, Bill Camp, Kurt Fuller, Gary Basaraba, José Zúñiga, Gerardo Taracena, Scott Haze, Eduardo Verástegui

Länge: 135 Minuten

FSK: –

Kinostart: 8. November 2023 (Ich glaube, da hat Gott mich in die falsche Woche geschickt.)

Hinweise

Moviepilot über „Sound of Freedom“

Metacritic über „Sound of Freedom“

Rotten Tomatoes über „Sound of Freedom“

Wikipedia über „Sound of Freedom“ (deutsch, englisch)

History vs Hollywood prüft den Wahrheitsgehalt


TV-Tipp für den 16. März: Suburbicon – Willkommen in der Nachbarschaft

März 15, 2023

Servus TV, 22.10

Suburbicon (Suburbicon, USA 2017)

Regie: George Clooney

Drehbuch: George Clooney, Grant Heslov, Joel Coen, Ethan Coen

Ein Blick hinter die Kulissen des anständigen und harmonischen Vorstadtlebens in den USA in den Fünfzigern. Weil das Drehbuch von den Coen-Brüdern ist, ist das ziemlich vergnüglich und, nun, überhaupt nicht anständig, weil in den Kellern doch einige Leichen herumliegen.

George Clooney machte daraus eine an ihren Ambitionen leidende Noir-Komödie mit satirischen Untertönen. Das ist nie so gut, wie es hätte sein können, aber immer noch gut genug für einen unterhaltsamen Abend.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Matt Damon, Julianne Moore, Oscar Isaac, Noah Jupe, Glenn Fleshler, Alex Hassell, Gary Basaraba, Karimah Westbrook, Tony Espinosa, Leith Brooks, Jack Conley, Tony Espinosa

Wiederholung: Freitag, 17. März, 02.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Suburbicon“

Metacritic über „Suburbicon“

Rotten Tomatoes über „Suburbicon“

Wikipedia über „Suburbicon“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von George Clooneys “Monuments Men – Ungewöhnliche Helden” (Monuments Men, USA/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von George Clooneys „Suburbicon“ (Suburbicon, USA 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: Über George Clooneys Komödie „Suburbicon“

November 9, 2017

Die ersten Minuten sind wundervoll. Zuerst wird uns wunderschön animiert die Stadt Suburbicon vorgestellt. Es ist eine dieser typischen, aus dem Nichts entstandener Suburbs, in denen alles Fünfziger-Jahre-perfekt ist. Hier leben nette Menschen in einer blütenweißen Gegend zusammen und Verbrechen gibt es nicht. Suburbicon ist der wahrgewordene amerikanische Traum.

Dann sehen wir den Postboten bei seinem täglichen Rundgang, bei dem die Bewohner ihn freundlich grüßen und schon über die neuen Nachbarn tuscheln. Als er um die Ecke biegt und sie sieht, entgleiten ihm langsam die Gesichtszüge. Die neuen Nachbarn sind Afroamerikaner, wie man heute sagt. Damals waren sie „Schwarze“, „Negroes“ oder sie wurden einfach mit einigen Schimpfworten belegt.

Für die Bewohner von Suburbicon ist klar: hier ist jeder willkommen, aber nicht die neuen Nachbarn. Eine lautstarke Bürgerwehr gründet sich.

In diesem Moment wird diese Geschichte in George Clooneys neuem Film „Suburbicon“, nach einem Drehbuch von Clooney, Grant Heslov, Joel und Ethan Coen, zu einer Nebengeschichte, die man, wie ein Halloween-Kostüm im Schrank versteckt und nur alle zwölf Monate herausholt.

Stattdessen beginnt der Hauptplot, der nichts, aber auch wirklich nichts mit den neuen Nachbarn zu tun hat. Er trägt auch unübersehbar die Handschrift der Coen-Brüder. Sie schrieben schon vor Jahren das Drehbuch, das Clooney jetzt verfilmte. Clooney verlegte die von den Coens Mitte der achtziger Jahre geschriebene und spielende Geschichte in die fünfziger Jahre. Mit Grant Heslov schrieb er den Subplot über die Familie Meyers, die in der Hoffnung auf das versprochene Paradies nach Suburbicon zieht. Das reale Vorbild für sie war die Familie Myers, die 1957 als erste afroamerikanische Familie nach Levittown zog. Schnell schlossen sich die anderen Bewohner des weißen Vorortes zusammen, um die neuen Nachbarn zu vertreiben. Clooney und Heslov erfuhren von dieser Geschichte aus der zeitgenössischen Dokumentation „Crisis in Levittown“.

Während sich die Bürgerwehr vor dem Haus der Meyers versammelt, beginnt im Nachbarhaus der von den Coen-Brüdern geschriebene Hauptplot, der auf dem Papier allerbeste Coen-Schule ist. Es ist eine herrlich-groteske Noir-Geschichte, in der einige Trottel perfekte Pläne entwerfen und an der Tücke des Objekts scheitern. Am Ende stehen sie vor einem Berg von Problemen.

Es beginnt, fast harmlos, mit einem Einbruch mit Geiselnahme. Die Einbrecher töten dabei die durch einen Autounfall querschnittgelähmte Rose Lodge (Julianne Moore). Ihr Ehemann Gardner (Matt Damon), sein Sohn Nicky (Noah Jupe) und Roses Zwillingsschwester, Tante Margaret, müssen den Mord mitansehen.

Die Polizei geht von einem bedauerlichem Unfall aus. Aber spätestens als die Verbrecher Gardner in seinem Büro besuchen und er und Tante Margaret bei einer polizeilichen Gegenüberstellung behaupten, die Verbrecher nicht zu erkennen, ist klar, dass der Einbruch kein Zufall, sondern Teil eines perfekten Plans war. Ein Plan, der sich jetzt in Luft auflöst. Das ist zwar etwas vorhersehbar, aber vergnüglich, wenn der biedere Familienvater Gardner plötzlich mit Problemen kämpfen muss, von denen er noch nie gehört hat, zum Verbrecher wird und gleichzeitig ein Vorbild für seinen Sohn sein möchte. Falls er ihn nicht doch als unliebsamen Zeugen umbringen muss.

Und hätte Clooney es, wie in „Monuments Men – Ungewöhnliche Helden“, dabei belassen, wäre „Suburbicon“ eine schöne kleine Noir-Komödie mit satirischen Untertönen geworden. So ist sein neuer Film allerdings ein Werk, das über seine eigenen Ambitionen stolpert. Auch weil Haupt- und Nebengeschichte, bis auf einen schalen Witz am Ende, niemals miteinander verknüpft werden. Herrje, man hört im Haus der Lodges sogar niemals den Lärm des vor dem Nachbarhaus lärmenden Mobs.

Suburbicon (Suburbicon, USA 2017)

Regie: George Clooney

Drehbuch: George Clooney, Grant Heslov, Joel Coen, Ethan Coen

mit Matt Damon, Julianne Moore, Oscar Isaac, Noah Jupe, Glenn Fleshler, Alex Hassell, Gary Basaraba, Karimah Westbrook, Tony Espinosa, Leith Brooks, Jack Conley, Tony Espinosa

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Suburbicon“

Metacritic über „Suburbicon“

Rotten Tomatoes über „Suburbicon“

Wikipedia über „Suburbicon“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von George Clooneys “Monuments Men – Ungewöhnliche Helden” (Monuments Men, USA/Deutschland 2013)