Neu im Kino/Filmkritik: Über „The History of Sound“

April 10, 2026

Sprechen wir zuerst den Elefant im Raum an: „The History of Sound“ ist nicht „Brokeback Mountain“ in einem anderen Milieu. Auch wenn das beim Lesen der offiziellen Synopse die erste Assoziation ist.

1917 treffen sich die jungen Musikstudenten Lionel (Paul Mescal) und David (Josh O’Connor) in einem Pub. Beide studieren am Boston Conservatory. Beide lieben die traditionelle Folk-Musik. Lionel, der aus dem ländlichen Kentucky aus ärmlichen Verhältnissen kommt, kennt sie aus seiner Kindheit. David muss ein Lied nur einmal hören und kann es nachspielen. Er kennt bereits Hunderte, aber als richtige Sammler will er noch mehr Volkslieder kennen lernen. Schnell bemerken die beiden jungen Männer, dass sie nicht nur die Liebe zur Musik teilen, sondern dass sie auch ineinander verliebt sind. Dann wird David eingezogen.

Nach dem Krieg bereisen sie, auf Davids Initiative, die abgelegenen Ecken von Maine und nehmen mit einem Wachswalzen-Phonographen Lieder auf, die ihnen von den Einheimischen vorgesungen werden. Sie verbringen kalte Nächte im Zelt, erzählen sich am Lagerfeuer Geschichten und sie haben eine gute Zeit. Danach trennen sich ihre Wege. Die zweite Hälfte des Films bleibt dann ausschließlich bei Lionel, der in Italien und England als Musiker arbeitet, heiratet und später in die USA zurückkehrt.

Olliver Hermanus‘ neuer Film „The History of Sound“ basiert auf der gleichnamigen und einer weiteren Kurzgeschichte von Ben Shattuck. Shattuck schrieb auch das Drehbuch. Hermanus erzählt die Geschichte von Lionel betont undramatisch und langsam. In der ersten Hälfte, wenn die beiden Männer zusammen sind, stört das kaum. Schließlich entwickelt sich ihre Beziehung und bei jeder Begegnung mit einem Einheimischen gibt es ein weiteres Lied für die Sammlung.

In der zweiten Hälfte reiht Hermanus dann nur noch, sich über Jahrzehnte erstreckende Episoden aus Lionels Leben aneinander. Er scheint mit seinem Leben, der Heirat und den Erfolgen als Musiker, insgesamt zufrieden zu sein. Er schreibt Bücher über die von ihm geliebte Folk-Musik. David und seine Zeit mit David sind nur noch eine Erinnerung. Was mit David geschah, erfahren wir ziemlich spät im Film. Was mit den kostbaren Aufnahmen geschah, noch später. Beide Erklärungen entschädigen nicht für die davor vergangene Zeit. Dafür kommen sie zu sehr aus dem Nichts.

Hier ging Ang Lee in seinem Drama „Brokeback Mountain“ über zwei ineinander verliebte Cowboys geschickter vor, indem er in der zweiten Filmhälfte immer wieder, teils sehr schnell, zwischen den beiden Hauptfiguren hin und her sprang und aus ihrem Leben erzählte. Dazwischen trafen sie sich, immer wieder, zu Angelausflügen. Bei Lee ist immer spürbar, wie sehr sie sich lieben und wie sehr sie darunter leiden, dass sie nicht zusammen leben können.

The History of Sound (The History of Sound, USA 2025)

Regie: Oliver Hermanus

Drehbuch: Ben Shattuck

LV: Ben Shattuck: The History of Sound, 2018; Origin Stories (Kurzgeschichten)

mit Paul Mescal, Josh O’Connor, Chris Cooper, Molly Price, Tom Nelis, Dion Graham, Emma Canning, Peter Mark Kendall, Sam Breslin Wright, Hadley Robinson, Michael Schantz

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The History of Sound“

Metacritic über „The History of Sound“

Rotten Tomatoes über „The History of Sound“

Wikipedia über „The History of Sound“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Oliver Hermanus‘ „Living – Einmal wirklich leben“ (Living, Großbritannien 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: „Wo die Lüge hinfällt“ gibt es Liebe

Januar 19, 2024

Die erste Begegnung ist fantastisch. Der berühmte Funke springt sofort über zwischen Bea (Sydney Sweeney) und Ben (Glen Powell). Der Morgen danach ist ein Desaster. Zuerst schleicht Bea sich aus Bens Wohnung. Dann muss sie hören, wie Ben vor seinem besten Freund Pete (GaTa) über sie herzieht. Danach will Bea, die nur einen kleinen Teil des Gesprächs belauschte, nichts mehr von Ben wissen. Währenddessen fragt Ben sich, warum er nichts mehr von Bea hört.

Ein halbes Jahr später treffen sie sich wieder. In Sydney soll die Hochzeit von Beas Schwester und Petes Schwester stattfinden. In den Monaten seit ihrer ersten Begegnung ist aus dem frühmorgendlichem Missverständnis abgrundtiefer Hass geworden. Ihre gegenseitige Abneigung ist so groß, dass sie die Hochzeitsfeierlichkeiten gefährden könnten. Deshalb und weil sie offensichtlich füreinander bestimmt sind, versuchen das Brautpaar, deren Eltern und Beas und Bens Freunde sie zusammenzubringen.

Das führt zu einigen peinlichen Situationen. Und etwas Spaß. Denn Bea und Ben haben die Absichten der anderen schnell durchschaut. Trotzdem spielen sie für die anderen ein heftig verliebtes, hemmungslos turtelndes Paar. Am Anfang ist das für sie der einfachste Weg, unbeschadet durch das Wochenende und die Anforderungen und Wünsche der anderen, wozu auch frühere Liebschaften von Bea und Ben gehören, zu kommen. Gleichzeitig ahnen alle anderen, dass Bea und Ben das Liebespaar nur spielen. Aber sie sind überzeugt, dass Bea und Ben ein Liebespaar werden. Denn was sich liebt das neckt sich.

Dieser von William Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ (Much Ado About Nothing) inspirierte Liebesreigen schöner Menschen ohne finanzielle Probleme findet vor sonniger Postkartenkulisse statt. Es gibt etwas Herzschmerz, etwas Comedy, gut aufgelegte Schauspieler und für US-amerikanische RomCom-Verhältnisse erstaunlich viel nackte Haut. In den notorisch prüden USA gab es für diese jugendgefährdenden Momente ein R-Rating. Bei uns ist der Liebesfilm ab 0 Jahre freigegeben. Und das ist eine überraschend niedrige, aber vollkommen okaye Freigabe.

Regisseur Will Gluck, der vorher die beiden „Peter Hase“-Filme inszenierte, inszenierte seinen neuen Film ziemlich straff entlang des von ihm und Ilana Wolpert geschriebenen Drehbuchs. Das verschont uns vor länglichen Improvisationen des Ensembles, die die Geschichte für nichts und wieder nichts verlangsamen.

In der mild selbstironischen RomCom „Wo die Lüge hinfällt“ vergeht die Zeit ziemlich schnell und angenehm. Das liegt vor allem an den beiden gut aussehenden, überaus sympathischen Hauptdarsteller, die prächtig miteinander harmonisieren. Die Konventionen des Genres werden erfüllt und es gibt ein, zwei kleine Neuerungen, wie dass hier zwei Frauen heiraten oder die Eltern Joints rauchen.

RomCom-Fans sollte „Wo die Lüge hinfällt“ gefallen. Und wer danach in Sydney Sweeney verknallt ist, kann sie in den kommenden Wochen in zwei gänzlich anderen Filmen bewundern.

Am 8. Februar startet das sehenswerte, auf einem wahren Fall basierende, minimalistische Drama „Reality“. Sidney Sweeney spielt überzeugend die titelgebende Whistleblowerin Reality Winner.

Eine Woche später, am 14. Februar, startet „Madame Web“, ein Marvel-Film und der vierte Film in Sony’s Spider-Man Universe. In dem Superheldenfilm spielt Sweeney Spider-Woman Julia Carpenter.

Wo die Lüge hinfällt (Anyone but You, USA 2023)

Regie: Will Gluck

Drehbuch: Will Gluck, Ilana Wolpert

mit Sydney Sweeney, Glen Powell, Alexandra Shipp, GaTa, Hadley Robinson, Michelle Hurd, Dermot Mulroney, Darren Barnet, Rachel Griffiths, Bryan Brown, Charlee Fraser, Joe Davidson

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Wo die Lüge hinfällt“

Metacritic über „Wo die Lüge hinfällt“

Rotten Tomatoes über „Wo die Lüge hinfällt“

Wikipedia über „Wo die Lüge hinfällt“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Will Glucks „Annie“ (Annie, 2014)