Neu im Kino/Filmkritik: „One Night Only“ – wären sie doch nur bei der RomCom geblieben

August 31, 2026

Spoilerwarnung? Ich meine, hey, es ist ein RomCom!

In den USA hat die Regierung ein Gesetz verabschiedet, das Singles nur an einem Tag im Jahr den Geschlechtsverkehr erlaubt. Mit Kondom.

Diese Prämisse ist natürlich schamlos von den „The Purge“-Filmen abgekupfert – dort dürften die Menschen an einem Tag im Jahr straflos alle Verbrechen begehen – und war die Grundlage für eine ätzende Kritik an reaktionären US-amerikanischen Politikvorstellungen. „Wo die Lüge hinfällt“-Regisseur Will Gluck beschreitet in seiner RomCom „One Night Only“ einen anderen Weg.

Die Idee, dass man nur einmal im Jahr Sex haben dürfte, ist auf den ersten Blick ziemlich gaga und taugt bestenfalls für einen SNL-Sketch. Wenn in „One Night Only“ die Menschen plötzlich und ohne Hemmungen an allen möglichen und unmöglichen Orten hemmungslosen Geschlechtsverkehr haben (natürlich immer züchtig bekleidet), während der Held und die Heldin davon ungerührt durch New York gehen, dann hat das für zwei Minuten oder weniger etwas absurdes. Erinnert sei an den SNL-Sketch in dem ein Junge seiner Freundin in einem billigem Motelzimmer einen Antrag machen will, während im Hintergrund das Spring-Break-Partyleben mit all seinen alkohol- und drogenbedingten Ausfällen tobt. Für fünf Minuten ist das unglaublich komisch. Aber auf Spielfilmlänge? Und wie will man die absurde Sexbann-Prämisse als wenn vielleicht nicht glaubwürdige, dann wenigstens akzeptable Prämisse für einen Spielfilm verkaufen? Die Skepsis ist groß.

Aber vielleicht findet Will Gluck einen interessanten Umgang mit dieser Prämisse.

Vor dem Hintergrund der Nacht der freien Liebe (mit Kondom) erzählt er, wie der supernette Pizzabäcker Owen (Callum Turner) und die supersympathische, zu Tagträumen neigende Sängerin Allie (Monica Barbaro) sich in New York in der Nacht immer wieder begegnen, während ihre Versuche, mit jemand anderem Sex zu haben, scheitern. Während wir Zuschauer schon vor ihrer ersten Begegnung wissen, dass sie zusammen gehören, brauchen Allie und Owen den gesamten Film, bis sie zu dieser Erkenntnis kommen.

Auf der reinen RomCom-Ebene funktioniert „One Night Only“ leidlich. Es ist halt eine weitere RomCom über zwei junge Menschen, die sich in einer Nacht in New York immer wieder treffen, während sie in der Stadt, die niemals schläft, die wahre Liebe suchen. Das haben wir schon tausendmal gesehen. Mal besser, mal schlechter. „One Night Only“ ist nicht die schlechteste RomCom, aber absolut verzichtbar.

Aber es gibt da immer noch die Prämisse, die im Film lieblos mitgeschleppt wird, meistens vergessen wird und fast immer vollkommen überflüssig ist. Sie ist auch vollkommen unglaubwürdig. Es ist nie auch nur im Ansatz nachvollziehbar, weshalb alle US-Amerikaner das Enthaltsamkeitsgesetz klaglos akzeptieren. Auch die, die das Gesetz ablehnen, akzeptieren es. Niemand verstößt dagegen. Es ist einfach eine weitere Regel, die befolgt wird.

Man hätte aus dieser Prämisse, wie in den „The Purge“-Filmen, eine hemmungslose Anklage gegen religiöse Fundamentalisten machen können. In den siebziger Jahren hätte man in Italien aus dieser Gaga-Idee eine Sexklamotte mit Kalauern und viel nackter Haut gemacht. Regisseur Gluck macht in seinem Film aus der Idee ein Pamphlet für konservative religiöse Werte, das am Ende nicht reaktionärer hätte ausfallen können. Natürlich kriegen sich Allie und Owen. Wenige Minuten vor dem Ende der Nacht fallen sie sich in die Arme, gestehen sich ihre Liebe – und beschließen, jetzt keinen Sex zu haben. Das wollen sie nach der Hochzeit machen.

Das ist der feuchte Traum konservativer Christen und Reaktionäre, die Enthaltsamkeit vor der Ehe verfechten, und der so offen in keinem Mainstream-Film, in keiner RomCom, an die ich mich erinnere, propagiert wird.

Bis es zu dieser Verkündung der frohen Botschaft kommt, zeigt Will Gluck der in seinem letzten Film „Wo die Lüge hinfällt“ für eine US-RomCom erstaunlich viel nackte Haut zeigte, nichts, was nicht auch an einem Nachmittag im Fernsehen gezeigt werden könnte.

One Night Only“ ist ein ärgerlicher erzkonservativer Propagandafilm, verkleidet als RomCom.

One Night Only (One Night Only, USA 2026)

Regie: Will Gluck

Drehbuch: Travis Braun

mit Monica Barbaro, Callum Turner, Maya Hawke, Molly Ringwald, LeVar Burton, Julia Fox, Charlie Gillespie, Michelle Hurd

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „One Night Only“

Metacritic über „One Night Only“

Rotten Tomatoes über „One Night Only“

Wikipedia über „One Night Only“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Will Glucks „Annie“ (Annie, 2014)

Meine Besprechung von Will Glucks „Wo die Lüge hinfällt“ (Anyone but You, USA 2023)


Neu im Kino/Filmkritik: „Wo die Lüge hinfällt“ gibt es Liebe

Januar 19, 2024

Die erste Begegnung ist fantastisch. Der berühmte Funke springt sofort über zwischen Bea (Sydney Sweeney) und Ben (Glen Powell). Der Morgen danach ist ein Desaster. Zuerst schleicht Bea sich aus Bens Wohnung. Dann muss sie hören, wie Ben vor seinem besten Freund Pete (GaTa) über sie herzieht. Danach will Bea, die nur einen kleinen Teil des Gesprächs belauschte, nichts mehr von Ben wissen. Währenddessen fragt Ben sich, warum er nichts mehr von Bea hört.

Ein halbes Jahr später treffen sie sich wieder. In Sydney soll die Hochzeit von Beas Schwester und Petes Schwester stattfinden. In den Monaten seit ihrer ersten Begegnung ist aus dem frühmorgendlichem Missverständnis abgrundtiefer Hass geworden. Ihre gegenseitige Abneigung ist so groß, dass sie die Hochzeitsfeierlichkeiten gefährden könnten. Deshalb und weil sie offensichtlich füreinander bestimmt sind, versuchen das Brautpaar, deren Eltern und Beas und Bens Freunde sie zusammenzubringen.

Das führt zu einigen peinlichen Situationen. Und etwas Spaß. Denn Bea und Ben haben die Absichten der anderen schnell durchschaut. Trotzdem spielen sie für die anderen ein heftig verliebtes, hemmungslos turtelndes Paar. Am Anfang ist das für sie der einfachste Weg, unbeschadet durch das Wochenende und die Anforderungen und Wünsche der anderen, wozu auch frühere Liebschaften von Bea und Ben gehören, zu kommen. Gleichzeitig ahnen alle anderen, dass Bea und Ben das Liebespaar nur spielen. Aber sie sind überzeugt, dass Bea und Ben ein Liebespaar werden. Denn was sich liebt das neckt sich.

Dieser von William Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ (Much Ado About Nothing) inspirierte Liebesreigen schöner Menschen ohne finanzielle Probleme findet vor sonniger Postkartenkulisse statt. Es gibt etwas Herzschmerz, etwas Comedy, gut aufgelegte Schauspieler und für US-amerikanische RomCom-Verhältnisse erstaunlich viel nackte Haut. In den notorisch prüden USA gab es für diese jugendgefährdenden Momente ein R-Rating. Bei uns ist der Liebesfilm ab 0 Jahre freigegeben. Und das ist eine überraschend niedrige, aber vollkommen okaye Freigabe.

Regisseur Will Gluck, der vorher die beiden „Peter Hase“-Filme inszenierte, inszenierte seinen neuen Film ziemlich straff entlang des von ihm und Ilana Wolpert geschriebenen Drehbuchs. Das verschont uns vor länglichen Improvisationen des Ensembles, die die Geschichte für nichts und wieder nichts verlangsamen.

In der mild selbstironischen RomCom „Wo die Lüge hinfällt“ vergeht die Zeit ziemlich schnell und angenehm. Das liegt vor allem an den beiden gut aussehenden, überaus sympathischen Hauptdarsteller, die prächtig miteinander harmonisieren. Die Konventionen des Genres werden erfüllt und es gibt ein, zwei kleine Neuerungen, wie dass hier zwei Frauen heiraten oder die Eltern Joints rauchen.

RomCom-Fans sollte „Wo die Lüge hinfällt“ gefallen. Und wer danach in Sydney Sweeney verknallt ist, kann sie in den kommenden Wochen in zwei gänzlich anderen Filmen bewundern.

Am 8. Februar startet das sehenswerte, auf einem wahren Fall basierende, minimalistische Drama „Reality“. Sidney Sweeney spielt überzeugend die titelgebende Whistleblowerin Reality Winner.

Eine Woche später, am 14. Februar, startet „Madame Web“, ein Marvel-Film und der vierte Film in Sony’s Spider-Man Universe. In dem Superheldenfilm spielt Sweeney Spider-Woman Julia Carpenter.

Wo die Lüge hinfällt (Anyone but You, USA 2023)

Regie: Will Gluck

Drehbuch: Will Gluck, Ilana Wolpert

mit Sydney Sweeney, Glen Powell, Alexandra Shipp, GaTa, Hadley Robinson, Michelle Hurd, Dermot Mulroney, Darren Barnet, Rachel Griffiths, Bryan Brown, Charlee Fraser, Joe Davidson

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Wo die Lüge hinfällt“

Metacritic über „Wo die Lüge hinfällt“

Rotten Tomatoes über „Wo die Lüge hinfällt“

Wikipedia über „Wo die Lüge hinfällt“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Will Glucks „Annie“ (Annie, 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Annie“ – altes Broadway-Musical, neue Bearbeitung

Januar 15, 2015

Bei uns ist „Annie“ vor allem als der John-Huston-Film bekannt, den John-Huston-Fans nicht sehen wollen und galant ignorieren. Immerhin hat er davor, beginnend mit „Die Spur des Falken“ (The Maltese Falcon), einige Klassiker gedreht und auch sein Werk nach der Auftragsarbeit „Annie“ ist nicht schlecht. Denn „Annie“ ist ein Musical über ein Waisenkind, das von einem stinkreichen Frühkapitalisten aufgenommen wird. Das passt nicht in Hustons sonstiges Werk.
In das Werk von Will Gluck („Einfach zu haben“, „Freunde mit gewissen Vorzügen“), der jetzt ein zeitgemäßes Update von „Annie“ vorlegte, schon eher. Er hat allerdings in den USA, wo das Musical „Annie“ wohl so etwas wie ein heiliges Kulturgut und für Viele eine wunderschöne Kindheitserinnerung ist, mit anderen Problemen zu kämpfen. So spielt sein „Annie“-Film in der Gegenwart. Das Musical und Hustons Film spielen in den Dreißigern. Die ersten „Little Orphan Annie“-Comics, auf denen das Musical basiert, schrieb Harold Gray bereits 1924 für die „New York Daily News“.
Glucks Annie ist eine Afroamerikanerin. Die Musical- und Comic-Annie ist ein Rotschopf. Die Songs, Gassenhauer wie „It’s the hard-knock life“, „Maybe“ und „Tomorrow“, wurden modernisiert vom Broadway-Bigband-Schmalz zu eher banalen, aber immer eingängigen Pop-Songs. Alle diese Veränderungen wurden in den USA heftig kritisiert. Immerhin trampelt Gluck auf ihren Kindheitserinnerungen herum.
Dieses Problem hat „Annie“ für uns nicht. Denn wer kennt hier schon „Annie“? Die Comics, das Broadway-Musical, die Verfilmungen? Herrje, sogar die John-Huston-Verfilmung läuft bei uns nie im TV.
Für eine vorurteilsfreie Betrachtung ist das natürlich gut. Die Story selbst ist, typisch für ein Musical, absolut vorhersehbar und vernachlässigbar. Annie (Quvenzhané Wallis, „Beasts of the Southern Wild“) ist ein quietschfideles, immer gut gelauntes zehnjähriges Pflegekind, das einmal pro Woche zu dem Restaurant geht, in dem ihre Eltern sie aussetzten. Vielleicht kommen sie ja wieder zurück. Ihre Pflegemutter Miss Hannigan (Cameron Diaz im grotesken Overacting-Modus) ist eine ihrer halben Minute hinterhertrauernde Schnapsdrossel und ein wahrer Hausdrache, der sich bemüht, die Kinder, die sie in ihrer Obhut hat, möglichst schlecht zu behandeln. Zufällig läuft Annie in New York Will Stacks (Jamie Foxx) über den Weg und diese Begegnung, als er sie vor einem fahrenden Laster rettet, wird ein YouTube-Hit.
Der allein lebende Mogul ist so von seiner Arbeit besessen, dass er keine Augen für seine linke Hand Grace (Rose Byrne) hat. Außerdem kandidiert er für das Bürgermeisteramt. Aber der Snob, der keinen Kontakt zum Leben und den Sorgen seiner Wähler hat, ist nicht besonders populär. Sein Wahlkampfmanager Guy (Bobby Cannavale) empfiehlt ihm, ein Treffen mit Annie vor laufender Kamera – und schon steigen seine Popularitätswerte. Sie würden noch weiter steigen, wenn er sich öfter mit Annie sehen lassen würde.
Also nimmt der Mann, der nichts mit Kindern anfangen kann, Annie bis zum Wahlsonntag bei sich auf und was dann passiert, kann man sich denken.
Das hat so viel Zuckerguss und Ignoranz gegenüber der Realität in jeder Form, dass man schon nicht mehr von einer rosaroten Version der Wirklichkeit reden kann. „Annie“ spielt in einem Paralleluniversum, das zufällig aussieht wie New York. Ohne den Schmutz und den Lärm. Ohne die Probleme des Kapitalismus.
Und, wie es sich für ein Musical gehört, wird in den unpassendsten Momenten, also ungefähr immer, gesungen und getanzt. Im Original singen die Schauspieler selbst. In der deutschen Fassung, die erstaunlich schlecht synchronisiert ist, werden die Lieder von Sängern gesungen, während Synchronsprecher die restlichen Dialoge übernahmen.
Das liest sich jetzt, als ob „Annie“ eine filmische Vollkatastrophe ist.
Aber dennoch hat mir „Annie“ – sogar in der deutschen Fassung (das war einer der wenigen Filme, bei dem ich während der Vorführung die Dialoge immer wieder ins Original zurückübersetzte) – gefallen. Es ist ein quietschbuntes Musical, bei dem alle hyperaktiv und übertrieben fröhlich agieren. Annie ist immer liebenswert. Die Schauspieler hatten ihren Spaß, der sich auch in den Saal überträgt und ich verließ den Kinosaal mit einem Lächeln, weil – well – „You’re never fully dressed without a smile“.

Annie - Plakat

Annie (Annie, USA 2014)
Regie: Will Gluck
Drehbuch: Will Gluck, Aline Brosh McKenna
LV: Thomas Meehan: Annie, 1977 (Musical), Harold Gray: Little Orphan Annie (Comic Strip)
mit Quvenzhané Wallis, Jamie Foxx, Rose Bynre, Cameron Diaz, Bobby Cannavale, David Zayas, Stephanie Kurtzuba, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Tracie Thoms, Dorian Missick, Michael J. Fox, Sia, Mila Kunis, Ashton Kutcher, Rihanna
Länge: 119 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Der Soundtrack

Im Film werden auch die Songs auf Deutsch gesungen; was aber ziemlich gruselig ist, weil die deutschen Texte nicht gut und noch nicht einmal annäherungsweise lippensynchron sind. Aber, und das ist die gute Nachricht, auch bei uns wurde der Originalsoundtrack veröffentlicht. Zusätzlich gibt es bei der deutschen Veröffentlichung des Soundtracks den von Chelsea Fontenel gesungenen Bonussong „Schon morgen“ und allein dieses eine Lied zeigt, dass es eine kluge Entscheidung war, die deutschen Versionen der Songs von Komponist Charles Strouse und Texter Martin Charnin nicht zu veröffentlichen.
So können wir hören, wie Quvenzhané Wallis, Jamie Foxx, Rose Bynre, Cameron Diaz, Bobby Cannavale und einige weitere Schauspieler die bekannten und drei brandneue Lieder („Who am I?“, „Opportunity“ und „The City’s yours“) singen.
Außerdem gibt es „Moonquake Lake“, ein fröhlicher Singalong-Song von Sia und Beck, der gut zwischen die modernisierten Songs von Strouse/Charnin passt.

V. A.: Annie – Original Motion Picture Soundtrack
Rocnation/Overbrook/Madison Gate/RCA/Sony Music/Columbia Pictures

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Annie“
Moviepilot über „Annie“
Metacritic über „Annie“
Rotten Tomatoes über „Annie“
Wikipedia über „Annie“