Spoilerwarnung? Ich meine, hey, es ist ein RomCom!
In den USA hat die Regierung ein Gesetz verabschiedet, das Singles nur an einem Tag im Jahr den Geschlechtsverkehr erlaubt. Mit Kondom.
Diese Prämisse ist natürlich schamlos von den „The Purge“-Filmen abgekupfert – dort dürften die Menschen an einem Tag im Jahr straflos alle Verbrechen begehen – und war die Grundlage für eine ätzende Kritik an reaktionären US-amerikanischen Politikvorstellungen. „Wo die Lüge hinfällt“-Regisseur Will Gluck beschreitet in seiner RomCom „One Night Only“ einen anderen Weg.
Die Idee, dass man nur einmal im Jahr Sex haben dürfte, ist auf den ersten Blick ziemlich gaga und taugt bestenfalls für einen SNL-Sketch. Wenn in „One Night Only“ die Menschen plötzlich und ohne Hemmungen an allen möglichen und unmöglichen Orten hemmungslosen Geschlechtsverkehr haben (natürlich immer züchtig bekleidet), während der Held und die Heldin davon ungerührt durch New York gehen, dann hat das für zwei Minuten oder weniger etwas absurdes. Erinnert sei an den SNL-Sketch in dem ein Junge seiner Freundin in einem billigem Motelzimmer einen Antrag machen will, während im Hintergrund das Spring-Break-Partyleben mit all seinen alkohol- und drogenbedingten Ausfällen tobt. Für fünf Minuten ist das unglaublich komisch. Aber auf Spielfilmlänge? Und wie will man die absurde Sexbann-Prämisse als wenn vielleicht nicht glaubwürdige, dann wenigstens akzeptable Prämisse für einen Spielfilm verkaufen? Die Skepsis ist groß.
Aber vielleicht findet Will Gluck einen interessanten Umgang mit dieser Prämisse.
Vor dem Hintergrund der Nacht der freien Liebe (mit Kondom) erzählt er, wie der supernette Pizzabäcker Owen (Callum Turner) und die supersympathische, zu Tagträumen neigende Sängerin Allie (Monica Barbaro) sich in New York in der Nacht immer wieder begegnen, während ihre Versuche, mit jemand anderem Sex zu haben, scheitern. Während wir Zuschauer schon vor ihrer ersten Begegnung wissen, dass sie zusammen gehören, brauchen Allie und Owen den gesamten Film, bis sie zu dieser Erkenntnis kommen.
Auf der reinen RomCom-Ebene funktioniert „One Night Only“ leidlich. Es ist halt eine weitere RomCom über zwei junge Menschen, die sich in einer Nacht in New York immer wieder treffen, während sie in der Stadt, die niemals schläft, die wahre Liebe suchen. Das haben wir schon tausendmal gesehen. Mal besser, mal schlechter. „One Night Only“ ist nicht die schlechteste RomCom, aber absolut verzichtbar.
Aber es gibt da immer noch die Prämisse, die im Film lieblos mitgeschleppt wird, meistens vergessen wird und fast immer vollkommen überflüssig ist. Sie ist auch vollkommen unglaubwürdig. Es ist nie auch nur im Ansatz nachvollziehbar, weshalb alle US-Amerikaner das Enthaltsamkeitsgesetz klaglos akzeptieren. Auch die, die das Gesetz ablehnen, akzeptieren es. Niemand verstößt dagegen. Es ist einfach eine weitere Regel, die befolgt wird.
Man hätte aus dieser Prämisse, wie in den „The Purge“-Filmen, eine hemmungslose Anklage gegen religiöse Fundamentalisten machen können. In den siebziger Jahren hätte man in Italien aus dieser Gaga-Idee eine Sexklamotte mit Kalauern und viel nackter Haut gemacht. Regisseur Gluck macht in seinem Film aus der Idee ein Pamphlet für konservative religiöse Werte, das am Ende nicht reaktionärer hätte ausfallen können. Natürlich kriegen sich Allie und Owen. Wenige Minuten vor dem Ende der Nacht fallen sie sich in die Arme, gestehen sich ihre Liebe – und beschließen, jetzt keinen Sex zu haben. Das wollen sie nach der Hochzeit machen.
Das ist der feuchte Traum konservativer Christen und Reaktionäre, die Enthaltsamkeit vor der Ehe verfechten, und der so offen in keinem Mainstream-Film, in keiner RomCom, an die ich mich erinnere, propagiert wird.
Bis es zu dieser Verkündung der frohen Botschaft kommt, zeigt Will Gluck der in seinem letzten Film „Wo die Lüge hinfällt“ für eine US-RomCom erstaunlich viel nackte Haut zeigte, nichts, was nicht auch an einem Nachmittag im Fernsehen gezeigt werden könnte.
„One Night Only“ ist ein ärgerlicher erzkonservativer Propagandafilm, verkleidet als RomCom.

One Night Only (One Night Only, USA 2026)
Regie: Will Gluck
Drehbuch: Travis Braun
mit Monica Barbaro, Callum Turner, Maya Hawke, Molly Ringwald, LeVar Burton, Julia Fox, Charlie Gillespie, Michelle Hurd
Länge: 103 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Moviepilot über „One Night Only“
Metacritic über „One Night Only“
Rotten Tomatoes über „One Night Only“
Wikipedia über „One Night Only“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Will Glucks „Annie“ (Annie, 2014)
Meine Besprechung von Will Glucks „Wo die Lüge hinfällt“ (Anyone but You, USA 2023)