Neu im Kino/Filmkritik: „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, bieder verfilmt

September 2, 2021

Was haben wir? Einen Klassiker der deutschen Literatur, der schon einmal fürs Kino verfilmt verfilmt. Aber das war vor fast 65 Jahren und in Schwarzweiß. Daniel Kehlmann als Drehbuchautor. Detlev Buck als Regisseur. Sie arbeiteten schon bei „Die Vermessung der Welt“ (Deutschland/Österreich 2012) zusammen. Eine prominente Besetzung, bestehend aus Jannis Niewöhner als Felix Krull, David Kross als Marquis Louis de Venosta, Liv Lisa Fries als ihre Freundin Zaza und, in Nebenrollen, Maria Furtwängler, Joachim Król, Nicholas Ofczarek, Annette Frier, Dominique Horwitz, Martin Wuttke und Desirée Nosbusch.

Das klingt nach einer Klassikerverfilmung, die interessant sein könnte.

Felix Krull ist ein Hochstapler, der in Paris zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in einem noblen Straßencafé an einem Abend Marquis Louis de Venosta die Geschichte seines Lebens erzählt. Er erzählt von seiner Kindheit im Rheingau als Sohn eines auf großem Fuß lebenden Inhabers einer Sektfirma. Als die Firma bankrott geht, begeht Krulls Vater Suizid. Danach eröffnet seine Mutter in Frankfurt eine kleine Pension. Aus diesem Leben flüchtet Krull nach Paris, dem Land seiner Träume. In Paris heuert er im Grandhotel als Page an. Schnell steigt der allseits beliebte Schlawiner und anpassungsfähige Charmeur auf.

In Paris trifft er auch wieder Zaza. Mit ihr verbrachte er in Frankfurt glückliche Stunden. Sie ist, wie er, eine Hochstaplerin.

Zaza ist auch die große Liebe des Marquis. Er weiß allerdings nicht, dass Krulls große Liebe auch seine große Liebe ist. Allerdings kann er Zaza wegen ihres Standes nicht heiraten. Außerdem will sein Vater ihn auf eine Weltreise schicken. Der Marquis möchte nicht. Aber der Erhalt seines Erbes ist an diese Reise geknüpft.

Diese väterliche Erpressung, von der wir erst ziemlich spät im Film erfahren, ist dann auch der Grund für Krulls Redseligkeit. Denn Krull würde sehr gerne eine Weltreise unternehmen. Sehr gerne auch unter falschem Namen und mit einer gut gefüllten Reisekasse.

Nach den grandiosen, wagemutigen, sehr eigenständigen neuen Literaturverfilmungen „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ und „Martin Eden“ ist Detlev Bucks „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ mehr als fünf Schritte zurück zu den sattsam bekannten Literaturverfilmungen, die brav die Vorlage bebildern und jegliche eigene Handschrift vermissen lassen. Wenn Detlev Buck nicht als Regisseur genannt würde, würde man es nicht einmal erahnen, dass hier der Regisseur von „Wir können auch anders…“ am Werk war.

Felix Krull“ ist selbstverständlich kein grottenschlechter Film. Dafür sind die Schauspieler zu gut. Die Kostüme und die Ausstattung ebenfalls. Und natürlich ist alles gut aufgenommen. Auch wenn das im Film gezeigte Paris der Jahrhundertwende verdächtig nach einer missglückten Mischung aus Kulisse und CGI aussieht.

Das Drehbuch krankt an seiner Rückblenden-Struktur, die keine Spannung aufkommen lässt. Schließlich ist Krull jeder gefährlichen Situation entkommen. Sonst könnte er dem Marquis jetzt nicht seine Lebensgeschichte erzählen. Warum er das tut, wird erst viel zu spät im Film deutlich und das Erzählen der eigenen Untaten ist sicher nicht die geeignetste Methode, um einen anderen Menschen zu einem Identitästausch anzustiften.

Krulls in Rückblenden erzählte Lebensgeschcihte wird so präsentiert, als gäbe es nur eine Wahrheit und als ob der passionierte Schwindler sie genau jetzt erzählt. Mit dieser Erzählhaltung fällt Bucks „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ erzählerisch hinter Alfred Hitchcocks „Die rote Lola“ (1950) zurück. In dem Film zeigte Hitchcock eine Rückblende, die eine Lüge war. Dabei galt bis dahin die Regel, dass in Rückblenden, weil sie bebildert sind, die Wahrheit erzählt wird. Heute, auch nach Filmen wie „Rashomon“ (ebenfalls 1950), betrachten wir eine Rückblende als die subjektive Sicht des Erzählenden auf die Ereignisse.

Auch Krull könnte uns belügen. Es gibt im Film allerdings keinen entsprechenden Hinweis. Außer vielleicht, dass Krull nur von schönen Frauen und honorigen Männern begehrt wird.

Und so ist „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ als langweiliges, niemals herausforderndes oder irritierendes Bildungsbürgertumskino nur die nächste Klassikerverfilmung für den Deutschunterricht.

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (Deutschland 2021)

Regie: Detlev Buck

Drehbuch: Daniel Kehlmann, Detlev Buck

LV: Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, 1954

mit Jannis Niewöhner, Liv Lisa Fries, David Kross, Maria Furtwängler, Nicholas Ofczarek, Joachim Król, Christian Friedel, Harriet Herbig-Matten, Dominique Horwitz, Annette Frier, Martin Wuttke, Anian Zollner, Désirée Nosbusch, Detlev Buck, Heinrich Schafmeister

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“

Moviepilot über „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“

Wikipedia über „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“

Meine Besprechung von Daniel Kehlmann/Detlev Bucks „Die Vermessung der Welt – Das Buch zum Film“ (2012)


TV-Tipp für den 9. Juli: Die Sieger – Director’s Cut

Juli 8, 2019

BR, 22.00

Die Sieger – Director’s Cut (Deutschland 1994/2019)

Regie: Dominik Graf

Drehbuch: Günter Schütter (nach einer Idee und Vorlage von Peter Hollweg und Klaus Maas)

Bei einem Einsatz, der schief geht, glaubt SEK-Mann Karl Simon einen toten Kollegen gesehen zu haben. Er beginnt ihn zu suchen.

Toller harter Polizeithriller, der sich vor der internationalen Konkurrenz nicht verstecken muss. Damals floppte der actionhaltige Film an der Kinokasse.

Auf der diesjährigen Berlinale wurde eine digital restaurierte, um einige verschollen geglaubte Szenen (die nur in schlechterer Bildqualität auf der Rohschnitt-VHS vorhanden waren) ergänzte Fassung gezeigt. Insgesamt ist diese Fassung ungefähr fünfzehn Minuten länger.

Dominik Graf zu dieser Fassung (in epd film): „Im Prinzip ist das Vorliegende nun als die Endfassung zu sehen, ja. Mehr gab es beim Drehen 1993 nicht. Günter Schütter hatte ursprünglich ein längeres Drehbuch geschrieben, ein Jahr vor den Dreharbeiten, das bis auf den jetzigen Schluss – der war anders – noch epischer, inhaltlich gewaltiger war und mit mehr verblüffenden Details aufwartete. »Szenen aus dem SEK-Leben« zu erzählen lag aber nicht in der Absicht des Produzenten Günter Rohrbach, und nachdem sich auch Bernd Eichingers Verleihinteresse verflüchtigt hatte, weil es sich hier – Zitat – ja mehr um »Verlierer als Sieger« handele, wurden die Drehbuchfassungen, auch wegen finanziellen Defiziten, allmählich immer weiter eingedampft. Das finale Skript war dann zweifellos ein Kompromiss. Aber alte Filme verändern sich auch im Lauf der Jahre, sie bleiben immer wie in einem flüsternden Dialog mit der laufenden Jetzt-Zeit, sie verlieren oder gewinnen mal an Attraktivität, weil sie dem filmischen Zeitgeschehen einen Spiegel vorhalten. In diesem Fall auch dem politischen Geschehen. Einen Korruptions- und Entführungs-Fall wie den hier beschriebenen, der mit Hilfe von kriminellen Elitepolizisten in Zusammenarbeit mit gierigen Politikern abläuft – das wollte sich 1993 in der Jubel-BRD niemand vorstellen. Obwohl wirtschaftlicher Betrug und politische Champagnerparties auf Kosten der gewendeten Menschen im Osten ja ungeheure Ausmaße annahmen. Das könnte heute anders sein, wir trauen, glaube ich, den Volks-Vertretern heute fast alle Betrügereien zu ihrem eigenen Vorteil zu.“

mit Herbert Knaup, Hansa Czypionka, Heinz Hoenig, Katja Flint, Hannes Jaenicke, Heinrich Schafmeister, Michael Breitsprecher, Meret Becker, Natalia Wörner

Hinweise

Filmportal über „Die Sieger“

Moviepilot über „Die Sieger“

Wikipedia über „Die Sieger“

Berlinale über „Die Sieger – Director’s Cut“

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf”

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Dominik Graf in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 19. November: Der bewegte Mann

November 19, 2015

Eins Festival, 20.15/23.35
Der bewegte Mann (Deutschland 1994, Regie: Sönke Wortmann)
Drehbuch: Sönke Wortmann
LV: Ralf König: Der bewegte Mann, 1987; Pretty Baby, 1988
Nachdem Doro ihren Freund Axel wieder einmal mit einer anderen Frau erwischt, wirft sie den ständig untreuen Frauenhelden aus der gemeinsamen Wohnung. Notgedrungen zieht er in eine schwule Wohngemeinschaft ein.
Komödienkinohit, der Ralf Königs grandiose Bildergeschichten mainstreamtauglich verflachte.
Mit Til Schweiger, Katja Riemann, Joachim Król, Rufus Beck, Armin Rohde, Martina Gedeck, Kai Wiesinger, Christof Wackernagel, Heinrich Schafmeister, Leonard Lansink (ach, waren die damals alle noch jung)
Hinweise
Filmportal über „Der bewegte Mann“
Wikipedia über „Der bewegte Mann“ und Ralf König
Homepage von Ralf König
Meine Besprechung von Sönke Wortmanns „Frau Müller muss weg“ (Deutschland 2014)


TV-Tipp für den 18. Mai: Solo für Klarinette

Mai 18, 2014

BR, 22.55
Solo für Klarinette (Deutschland 1998, Regie: Nico Hofmann)
Drehbuch: Susanne Schneider
LV: Elsa Lewin: I Anna, 1984 (Solo für Klarinette)
Ein Kommissar mit desaströsem Familienleben verknallt sich bei den Ermittlungen in die Tatverdächtige.
Die bislang letzte Regiearbeit von Nico Hofmann ist ein beeindruckendes Krimidrama, das Berlin zu Klein-New-York stilisiert. Beim Kinoeinsatz gab es einen kleinen Skandal wegen der Sexszenen (Bild fungierte mal wieder eifrig als Lautsprecher der Werbekampagne) und einige Kritiker verrissen den Film über Gebühr (z. B. „Einer der ärgerlichsten Versuche, das deutsche Serienkrimiformat auf die Leinwand zu übertragen. Ein an Banalität kaum überbietbares Drehbuch, schematische Charaktere und der peinlich anbiedernde Versuch, über die engsten Genregrenzen hinaus etwas zu sagen, stellen eine gewaltige Herausforderung an den Langmut der Zuschauer dar.“ Multimedia). Insgesamt muss sich die intensiv-düstere Charakterstudie „Solo für Klarinette“ nicht vor us-amerikanischer Ware verstecken.
Weil der Film, der aus meiner Erinnerung vor allem in den problematischen Teilen ziemlich nah am Buch ist, seit fast zehn Jahren nicht mehr im TV lief, ist es auch fast eine Wiederentdeckung.
Eine zweite Verfilmung von Lewins Roman entstand 2012. Unter der Regie von Barnaby Southcombe spielten Gabriel Byrne und Charlotte Rampling in „I, Anna“ das Liebespaar.
Mit Götz George, Corinna Harfouch, Tim Bergmann, Barbara Auer, Barbara Rudnik, Christian Redl, Tobias Schenke, Katharina Thalbach, Rita Russek, Heinrich Schafmeister

Hinweise

Filmportal über „Solo für Klarinette“

Wikipedia über „Solo für Klarinette“