Neu im Kino (und eine Woche später digital)/Filmkritik: „JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy“ endlich! Oder doch nicht?

November 20, 2021

Dreißig Jahre nach „JFK John F. Kennedy – Tatort Dallas“ (JFK, USA 1991), Oliver Stones Drei-Stunden-Verschwörungsthriller über die Ermordung von John F. Kennedy und einem tapferem Bezirsstaatsanwalt, der alles aufklärt, beschäftigt er sich wieder mit der Ermordung von John F. Kennedy. Dieses Mal heißt das Werk „JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy“. Es ist ein Dokumentarfilm, in dem Oliver Stone ein-, zweimal durchs Bild läuft, die alten Dreh- und Tatorte zeigt und uns jetzt beweisen will, wer am 22. November 1963 für die Ermordung des beliebten US-Präsidenten in Dallas verantwortlich war.

Als Basis dient ihm dabei neu freigegebenes Material, das aufgrund des „President John F. Kennedy Assassination Records Collection Act“ im Nationalarchiv gesammelt wurde. Daneben prüft das „Assasination Records Review Board“ (ARRB) die Freigabe von Akten im Zusammenhang mit der Ermordung von Kennedy. Interessierte können das Material studieren. Das taten sie auch. Einiges davon stellen sie auf einer jährlichen Konferenz zum Attentat vor. 2017 wurden weitere Akten freigegeben und Oliver Stone entschloss sich, einen Dokumentarfilm über das Attentat und die darüber verbreiteten Lügen zu drehen.

Nach einer furiosen Eröffnung, in der innerhalb weniger Minuten die Ermordung des Präsidenten rekapituliert wird, präsentiert Stone in den ersten neunzig Minuten verschiedene Fragen zu der offiziellen Version des Attentats und der damit verbundenen Einzeltäterthese. In diesem Teil geht es, unter anderem, um Lee Harvey Oswalds Leben, die Single-Bullet-Theorie (dass eine Kugel für alles verantwortlich war), die Autopsie von John F. Kennedy, um Zeuginnen, die Oswald nicht sahen, obwohl sie ihn hätten sehen müssen, und, im Allgemeinen und Besonderen, um Lücken und Fehler in der Beweismittelkette.

Stone hält sämtliche originalen Beweise für zweifelhaft. Er weist in seinem formal konventionell, aber vorzüglich gemachtem Dokumentarfilm auf Lücken und Widersprüche in der offiziellen Erklärung hin. Er stellt Fragen und zieht sich so immer wieder auf die Rolle des unschuldig Fragenden zurück. Diese Fragen und Fakten werden in ein Verschwörungsnarrativ eingeordnet, das vor allem deshalb überzeugend klingt und schnell ein Gefühl des Unwohlseins hinterlässt, weil man als Nicht-Fachmann nicht über die nötigen Informationen verfügt, um sofort etwaige Fehler, Auslassungen, Fehlinterpretationen und Verzerrungen zu bemerken. Für den Nicht-Fachmann ist auch unklar, wie vertrauenswürdig die befragten Experten sind. Erklärt werden die Widersprüche im Film dann damit, dass es eine riesige Verschwörung gab.

Alternative Erklärungen, Zufälle, Verkettungen unglücklicher Umstände und Schusseligkeiten, werden in diesem Plädoyer gegen die offizielle Version nicht beachtet. So konstruiert Stone einmal aus nicht zusammenpassenden Uhrzeiten eine Verschwörung. Dabei könnten die Uhren einfach auf verschiedene Zeitzonen eingestellt gewesen sein oder, – wir reden von 1963! – eine Uhr nach- oder vorgegangen sein.

Interessanter wird es in der letzten halben Stunde, die durch einen Ausschnitt aus Stones „JFK“ eingeleitet wird. Donald Sutherland (als Mr. X) sagt, auf einer Parkbank sitzend, dass diese Suche nach Widersprüchen nur von der Suche nach dem Motiv und den wahren Verantwortlichen ablenke. Stone präsentiert dann einige Institutionen, die aufgurnd von Kennedys Entscheidungen und Plänen ein Motiv gehabt hätten. „Es war eine sauber ausgeführte verdeckte Exekution, inklusive Vertuschung – alles direkt aus dem CIA-Handbuch für Geheimoperationen. Amerika war danach nicht mehr dasselbe Land,

denn hinter den Kulissen übernahmen die Geheimdienste und das Militär die Kontrolle über die Ausrichtung der US-Regierung in den Bereichen, in denen das große Geld involviert ist, wie nationale Sicherheit und Strategie. Und seit damals war kein Präsident in der Lage, diesen Kurs zu ändern. Jeder Präsident war eingeschränkt, was seine Möglichkeiten betraf, grundlegende Veränderungen in unseren militärischen Sektoren vorzunehmen“, so Stone im Presseheft. Denn es könne nicht sein, dass ein einzelner Mann am helllichten Tag auf offener Straße den Präsidenten der USA erschießt. Vor allem wenn dieser Mann eine Lichtgestalt, ein Hoffnungsträger und Idol für die Jugend war, der wirkliche Veränderungen durchsetzen wollte.

Fans von Verschwörungstheorien und Menschen, die sich schon seit längerem mit der Ermordung von John F. Kennedy beschäftigten, werden an dem Film ihre Freude haben und sich stundenlang über die verschiedenen präsentierten Widersprüche zur offiziellen Version austauschen können. Für alle anderen ist „JFK Revisited“ ein enttäuschendes Pamphlet, das nur „JFK“ aufwärmt.

JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy (JFK Revisited: Through the Looking Glass, USA 2021)

Regie: Oliver Stone

Drehbuch: James DiEugenio

mit Donald Sutherland (Erzähler im Original), Whoopi Goldberg (Erzählerin im Original), Oliver Stone

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy“

Metacritic über „JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy“

Rotten Tomatoes über „JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy“

Wikipedia über „JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Meine Besprechung von Oliver Stones „Snowden“ (Snowden, USA/Deutschland 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Jackie: Die First Lady“ und die Tage nach dem Tod ihres Mannes John F. Kennedy

Januar 30, 2017

Jacqueline ‚Jackie‘ Kennedy (Natalie Portman) lädt kurz nach dem Tod ihres Gemahls einen Journalisten (Billy Crudup) auf ihr Anwesen in Hyannisport, Massachusetts, ein. Die 34-jährige Witwe will ihm für eine Reportage ihre Sicht des Attentats auf John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas, Texas, und der Ereignisse bis zu seiner Beerdigung erzählen. Sie sagt dem Journalisten auch, dass sie vor einer Veröffentlichung den Bericht durchlesen und entsprechend ihren Wünschen korrigieren will. Sie will also eine Hofberichterstattung. Aber weil wir im Kino die unzensierte Version sehen, kann aus der Ausgangslage ein ungeschönter Einblick in die chaotischen Tage nach dem Attentat werden, die sich vor allem hinter verschlossenen Türen abspielten.

In seinem vorherigen Film „Neruda“ (ab 23. Februar in unseren Kinos) benutze Pablo Larrain eine ähnlich Konstruktion, indem er seine Geschichte auf mehreren Ebenen und verschiedenen Perspektiven erzählt. Allerdings mit einem ungleich befriedigenderem Ergebnis als in seinem fragmentarischen, bewusst immer wieder Erzählerwartungen und -konventionen brechendem US-Debüt „Jackie: Die First Lady“.

Dabei hätte man aus der Prämisse viel machen können: die auf wenige Tage und ein Ereignis kondensierte Geschichte einer Frau, die mit dem Tod ihres Mannes zurecht kommen muss und die Geschichte einer Frau, die versucht, das Erbe ihres Mannes zu bewahren. Dafür muss sie zuerst erklären, was sein Vermächtnis sein wird. Natürlich gegen Widerstände. Je mehr, desto besser.

In „Jackie“ wird allerdings genau diese Geschichte nicht erzählt. Schon die Konstruktion mit ihrer Erzählung gegenüber dem Reporter, der einfach nur ihre Worte niederschreibt und der daneben nur als schulbubenhafter Stichwortgeber fungiert, muss Jackie Kennedy (später Onassis, aber das ist ein anderer Film) gegen keine Widerstände kämpfen.

Das gleiche gilt für ihre Erzählung der Tage nach dem Tod ihres Mannes. Alle sind furchtbar besorgt. Alle versuchen, ihr zu helfen. Einige Staatsgeschäfte gehen weiter, weil sie weitergehen müssen. Wie, kurz nach dem Attentat, im Präsidentenflugzeug, die Vereidigung von Lyndon B. Johnson (John Carroll Lynch) als Kennedys Nachfolger. Johnson zieht sich dann, mit zerknautschem Gesicht zurück, während Jackie die Trauerfeierlichkeiten ihres Mannes organisiert. Dabei wird sie von einer Entourage umlagert, die sie von der Öffentlichkeit abschirmt und ihr jeden Wunsch erfüllt. Ohne Widerworte. Sie sind letztendlich Dienstboten und Butler, die, wie in einem Nobelhotel, dem Gast jeden auch noch so absurden Wunsch erfüllen und sich auch durch Stimmungsschwankungen (und Jackie hat viele, sehr viele Stimmungsschwankungen) und Meinungsänderungen (dito) nicht irritieren lassen, sondern mit einem nonchalanten „Kein Problem, Madam.“ quittieren. Auch Johnson und Kennedys Familie lassen sie gewähren, wenn sie das Weiße Haus zum neuen Camelot verklärt.

Drama oder Interesse an den Zielen von Jackie Kennedy entsteht so nicht.

Und so erschöpft sich das Interesse an „Jackie“ schnell an einem Studium der Kleider (sie war für ihren Stil bekannt), der Innenausstattung und der bekannten Schauspieler. So ist der am 25. Januar 2017 verstorbene John Hurt als Priester und Vertrauter von Jackie Kennedy in einem seiner letzten Leinwandauftritte zu sehen.

Natalie Portman, die für ihre Interpretation von Jackie Kennedy viel Lob, Preise und Nominierungen (zuletzt für den Oscar) erhielt, überzeugt mich dagegen absolut nicht. Viel zu sprunghaft und erratisch ist ihr Verhalten zwischen verwöhnter Prinzessin auf der Erbse, von Trauer geschüttelter Witwe und eiskalter Nachlassverwalterin des Erbes ihres Mannes, wie sie es gerne hätte. Das scheint dann nicht eine, sondern drei vollkommen verschiedene Personen zu sein. Insofern ist Portmans Jackie Kennedy eine bewusst auf Distanz angelegte Interpretation der realen Person, die sich in den essayistisch-fragmentarischen Stil des Films einfügt.

Nach dem grandiosen „Neruda“ ist „Jackie“ eine ziemliche Enttäuschung.

jackie-plakat

Jackie: Die First Lady (Jackie, USA 2016)

Regie: Pablo Larrain

Drehbuch: Noah Oppenheim

mit Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Greta Gerwig, Billy Crudup, John Hurt, John Carroll Lynch, Beth Grant, Richard E. Grant, Max Casaella, Caspar Phillipson

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Jackie“

Metacritic über „Jackie“

Rotten Tomatoes über „Jackie“

Wikipedia über „Jackie“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „El Club“ (El Club, Chile 2015)


%d Bloggern gefällt das: