Neu im Kino/Filmkritik: „Babystar“ – aus dem Leben einer Influencer-Familie

April 23, 2026

Stella (Bea Brocks) und Chris Sommer (Liliom Lewald) breiten ihr gesamtes Leben in den sozialen Medien aus. Mit dieser radikalen Offenheit haben sie sich einen großen Bungalow im Grünen erarbeitet. Ihre sechzehnjährige Tochter Luca (Maja Bons) ist von Anfang an ein Teil des Family-Influencer-Geschäfts our_bright_life. Eine normale Kindheit und Jugend hatte sie nicht. Auch keine Freundinnen. Stattdessen hat sie Follower. Jetzt soll ein KI-Avatar von ihr erstellt werden, der einfühlsame Gespräche mit ihren Followern anbietet – und, wie ein fallen gelassenes Projekt, der nach einer pompösen Einführung im Film im digitalen Nirwana verschwindet.

Als ihre Mutter überlegt, ob sie ein weiteres Kind bekommen soll, ist Luca dagegen.

Das Thema und die Idee von „Babystar“, nämlich das Leben einer Influencer-Familie zu zeigen und sich zu fragen, wie eine Pubertierende damit umgeht, dass sich mit einem Baby die gesamte Dynamik innerhalb der Familie ändert, sind vielversprechend. Schließlich ist über das wahre Leben von Influencern wenig bekannt.

Allerdings sind ein Thema und eine Idee keine Geschichte. Und genau diese fehlt in Joscha Bongards Diplomfilm und Spielfilmdebüt „Babystar“. Anstatt die Konflikte konsequent auszubuchstabieren, gibt es viele Szenen, in denen nichts geschieht, was die Hauptgeschichte irgendwie voranbringt oder wenigstens unterhält. Es wird viel geschwiegen und nachdenklich in die Landschaft gestarrt. Es wird ein hölzernes Gemisch aus Denglisch, Schrifthochdeutsch und Pseudo-Plattdeutsch gesprochen. Das sind Sätze, die so niemand sagen würde. Kein Mensch verhält sich normal. Sie tun, was ihnen das Drehbuch vorschreibt. Während der Bungalow der Familie noch halbwegs real wirkt, ist das Hotelzimmer, in das Luca einmal vor ihren Eltern flüchtet, ein reines Fantasie-Hotelzimmer, das es so nur in einem Filmstudio gibt. Das gleiche gilt für ein von der Familie besuchtes Nobelrestaurant. Das ist eine der vielen Filmszene, in denen, egal wie man sie betrachtet, nichts stimmt.

Für Kurzweil sorgen die Schnipsel aus den Social-Media-Beiträgen der Familie Sommer. Sie zeigen, was möglich gewesen wäre.

Babystar (Deutschland 2024)

Regie: Joscha Bongard

Drehbuch: Nicole Rüthers, Joscha Bongard

mit Maja Bons, Bea Brocks, Liliom Lewald

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Babystar“

Moviepilot über „Babystar“

Wikipedia über „Babystar“

Meine Besprechung von Joscha Bongards „Pornfluencer“ (2022)


Neu im Kino/Filmkritik: „Pornfluencer“ – sie sind jung und wollen das Geld

Juli 14, 2022

Neben den professionelle Pornodarstellern gibt es, wie ein Blick auf die einschlägigen Pornoportale verrät, ‚Amateur Porn‘. Das sind dann Filme von nicht-professionellen Darstellern (was andeutet, dass sie damit kein oder eher wenig Geld verdienen) und Paaren, die Sex vor der Kamera haben.

Eines dieser Paare porträtiert Joscha Bongard in seinem Dokumentarfilm „Pornfluencer“.

Andreea und Nico leben mit ihren Katzen auf Zypern. In ihren Pornos treten sie als Jamie Young und Nico Nice bzw. Youngcouple9598 auf und sie verdienen mit ihren ungefähr zweihundert Filmen und damit zusammenhängenden Aktivitäten viel Geld. Im ersten Monat waren es, wie Nico erzählt, über zehntausend Euro. Während der Dreharbeiten für „Pornfluencer“ launchen sie ihre eigene Homepage und sie wollen nach Prag expandieren. Damit stellt sich dann auch irgendwann die Frage, wie sehr Andreea und Nico noch Amateure oder nicht inzwischen schon professionelle Darsteller sind, die eine Firma aufgebaut haben, auf der auch Filme mit anderen Frauen präsentiert werden.

Diese, zugegeben eher unwichtige Frage nach der Trennung zwischen Amateur- und professioneller Pornographie, interessiert Joscha Bongard nicht weiter. Das globale Geschäft mit Internet-Pornos wird in einem kurzen, animierten Erklärclip behandelt. Im Mittelpunkt von Bongards Dokumentarfilm stehen Andreea und Nico. Er zeigt, wie die beiden auf Zypern leben. Sie erzählen von ihrem Leben. Seit 2018 drehen sie Pornos. Für Andreea ist es die erste Beziehung. Nico kaum auf die Idee mit den Pornos, nachdem er im Internet nach Möglichkeiten suchte, schnell viel Geld zu verdienen.

Anfangs erscheinen sie – Andreea ist 22 Jahre, Nico 25 Jahre alt – als sympathisches junges Paar, das sich liebt, neckt, miteinander lacht, zusammen arbeitet und jetzt erst einmal viel Geld verdienen will. In dem Rahmen kann die Zustimmung zu dem Porträt als Imagepflege und Erschließen neuer Kundenkreise gesehen werden.

Bongard konzentriert sich in seinem Dokumentarfilm auf Andreea und Nico. Familienmitglieder und Freunde kommen nicht vor. Ob das daran liegt, dass Bongard sich nur auf das Paar konzentrieren wollte oder ob sie gegen Interviews mit Familienmitglieder und Freund waren oder ob Familienmitglieder und Freunde Interviews ablehnten, ist unklar. Jedenfalls, auch weil sie sich auf Zypern mit niemandem unterhalten, entsteht mit der Zeit das Bild eines vollständig isoliert lebenden Paares.

Später wird die traditionelle Rollenverteilung zwischen ihnen immer deutlicher. Nico war früher in der Pick-Up-Szene aktiv. Er will täglich Sex haben. Mit Andreea oder einer anderen Frau. Die Idee eines Dreiers findet er charmant. Andreea wäre damit einverstanden, wenn Nico es unbedingt will. Ansonsten will sie treu sein. Wenn sie ihre Filme drehen oder Fotos machen, schlägt er ihr immer wieder vor, was sie zu tun habe. Nicht immer ist sie einverstanden. Meistens schon.

Interessant und gelungen umgesetzt ist Bongards Idee, den Film so zu präsentieren, als betrachte man einen Computerbildschirm und bewege sich zwischen verschiedenen Tabs. Die beiden für den Film befragten Experten Sylvia Sadzinski und Andreas Baranowski werden wie ein YouTube-Clip, mit zusätzlichen Informationen unter dem Bild, in den Film eingefügt. Und der Abspann ist dem Impressumsteil mit den dortigen rechtlichen Erklärungen nachempfunden. Das ist eine schöne, im Rahmen dieses Films sehr gut funktionierende Idee.

Pornfluencer (Deutschland 2022)

Regie: Joscha Bongard

Drehbuch: Joscha Bongard, Wolfgang Purkhauser

mit Andreea (aka Jamie Young), Nico (aka Nico Nice), Sylvia Sadzinski, Andreas Baranowski

Länge: 73 Minuten

FSK: ab 18 Jahre (naja, halt Pornographie)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Pornfluencer“

Moviepilot über „Pornfluencer“